Wie man sich die Welt schönredet: Ein Beispiel

Ich erwähnte ja bereits, dass ich ein Talent dazu habe, mir die Welt schön zu reden. Wer sich aber darunter nichts konkret vorstellen kann, für den hätte ich hier ein Beispiel.

Gestern morgen musste ich zum Bahnhof, wie immer eigentlich. Aber nicht wie immer stand auf der Anzeigetafel an der Straßenhaltestelle nicht die Minutenangabe für die Ankunft der nächsten Bahnen, sondern irgendwas von man solle bitte auf die Lautsprecherdurchsagen achten.

So etwas finde ich ja gleich verdächtig, und da das Wetter schön war, dachte ich, dann nehm ich mir eben ein Leihrad und fahr damit zum Bahnhof. Auf dem Weg zum Leihradständer fiel mir dann auch spontan ein, dass ich das Leihrad von gestern gar nicht abgemeldet hatte.

Ups.

Immerhin, wenn man ein Rad nicht abmeldet, dann gehört es einem ja offiziell noch und dann steht es auch noch da, wo man es gestern abgestellt hat und man kann es auch einfach wieder nehmen. 24 Stunden kosten bei nextbike 8 Euro, 3 Euro (so vermutete ich jedenfalls) hätte ich für die sonntägliche Ausleihe schon bezahlen müssen, jetzt noch 1 Euro für die Fahrt zum Bahnhof. Na ja, vier Euro in den Sand gesetzt. Gibt Schlimmeres.

Außerdem – und hier fängt das Schönreden an – wenn die Bahn ordentlich gefahren wäre und ich nicht auf die Idee gekommen wäre, dass ich das Leihrad ja gar nicht abgemeldet hatte, wer weiß, wann ich das sonst gemerkt hätte. Wahrscheinlich erst bei der nächsten Rechnung oder so. Oder nie. Und das wären dann mehr als vier Euro gewesen.

Merke also: Ein bisschen Bahnchaos plus akute Verpeiltheit am Vortag (die Hitze, ne?) ergibt ein glückliches Ich, dass sich freut, weil man jetzt doch nicht Unmengen an Geld für nix bezahlen muss.

Also mit dem Rad zum Bahnhof gefahren und dort natürlich viel zu früh angekommen. Dafür war der Himmel so schön, und der Ausblick auf die große A40-Baustelle so großartig, dass ich gleich das Handy und die Kamera zücken musste und wild rumfotografiert habe.

Merke also: Ein bisschen Bahnchaos plus akute Verpeiltheit am Vortag plus zu früh am Bahnhof ankommen ergibt ein glückliches Ich, dass sich freut, weil man jetzt noch wunderschöne Bilder von einer A40-Baustelle bei Sonnenaufgang machen kann.

Und so funktioniert Schönreden. Man ignoriert die doofen Dinge und konzentriert sich ganz auf die tollen Dinge, die gar nicht passiert wären, wenn die doofen Dinge nicht zuerst passiert wären.

Dieses Bild gäbe es nicht, wären die Bahnen ordentlich gefahren. Welch ein Glück.

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