Wie ich einmal daran scheiterte, eine Bravo Girl ins Haus zu bekommen

Bis ich 13 war, lebten wir ja bei meinen Großeltern im Haus. Unten die Großeltern, oben wir, aber es gab nur eine Klingel und nur einen Postkasten, wenn man zu meinen Großeltern wollte, musste man einmal klingeln, wenn man zu uns wollte, musste man zweimal klingeln, das stand auch dran auf einem kleinen Zettel, der mit Tesa neben der Klingel klebte.

Ich kam also eines Tages mit einer im Zeitschriftenladen Slatinschek brandneu käuflich erworbenen Bravo Girl nach Hause, als mir siedend heiß einfiel, dass meine Eltern nicht da waren und mich dementsprechend meine Großeltern reinlassen mussten. Einen Schlüssel habe ich nie besessen, es war vermutlich auch gar nicht nötig, es war ja immer jemand zu Hause.

Jetzt war es noch nicht mal so, dass es mit meinen Großeltern im Allgemeinen oder mit meiner Oma im Besonderen jemals Diskussionen darüber gegeben hätte, wie sie zur Bravo standen. Meinen Eltern, das wusste ich, war es egal, oder sie waren zumindest klug genug, zu wissen, dass Verbote eher albern gewesen wären. Bei meiner Oma sah das anders aus, das wusste ich instinktiv, ohne, dass wir jemals konkret darüber gesprochen hätten. Weder eine Bravo noch eine Bravo Girl würde den „Oma Approved“-Stempel bekommen, und selbst, wenn sie wohl nicht die Macht gehabt hätte, es mir zu verbieten, so wusste ich ja: Traurige, enttäuschte Omablicke ob meines sittlichen und intellektuellen Verfalls sind viel schlimmer als jedes Verbot.

Also entsann ich einen Plan. Ich würde einfach die Bravo Girl in diesen Zeitungskasten unter dem Briefkasten legen, zusammengerollt und schön weit hinten und dann später schnell nach draußen schleichen und sie holen. Da es schon Nachmittag war, war auch die Gefahr, dass jemand in den Zeitungskasten gucken würde, gering. Die Zeitung kam ja immer morgens.

Ich rollte also die ungelesene Bravo Girl mit dem Rubbeltattoo-Gimmick zusammen, schob sie tief, tief in den Zeitungskasten und klingelte. Oma öffnete und ich konnte rein und nach oben in unsere Wohnung.

Ich wartete geduldig ein bisschen ab, bis die Luft frei war und dann schlich ich mich nach unten, öffnete behutsam und leise die Tür und griff in den Zeitungskasten. Nichts. Die Bravo Girl war weg. In den wenigen Minuten, diesen vollkommen ungefährlichen Nachmittagsminuten, in denen es wirklich keinerlei Veranlassung gab, in unseren Zeitungskasten zu gucken, war es dennoch passiert. Nachfragen konnte ich natürlich nicht, da wäre ja alles aufgeflogen, also konnte ich mich nur ein bisschen verstohlen umgucken, in der Hoffnung, irgendwo meine Bravo Girl zu finden, und musste dann unverrichteter Dinge und ohne wertvolle Tipps zu Mode, Makeup und Stars wieder abziehen.

Tatsächlich fand sich ein winziger Teil meiner Bravo Girl wieder. Das Rubbeltattoo-Gimmick lag auf einmal auf der Küchenfensterbank bei Oma und von meiner Mutter erfuhr ich, dass es tatsächlich Oma selbst war, die, anscheinend vom sechsten Sinn für mangelhafte Jugendlektüre getrieben, die Bravo Girl im Zeitungskasten gefunden und zeitnah entsorgt hatte.

„So ein Schund“, hatte sie gesagt. „Was die Jugendlichen da lesen. Das hat uns einfach jemand in den Briefkasten gelegt.“ Aber das Rubbeltattoo, das hatte sie behalten, das könnte man ja noch mal einem Enkel schenken.

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