Gelesen: Die Nacht des Kranichs von Patrick Ness

Cover Die Nacht des Kranichs

Mitten in der Nacht wird George von einem Geräusch wach und findet einen verletzten Kranich in seinem Garten. Ein Pfeil steckt im Flügel. George kümmert sich um das verletzte Tier und befreit es von dem Pfeil. Der befreite Kranich fliegt davon und George bleibt allein und verwirrt zurück.

Am nächsten Tag tritt Kumiko in sein Leben. Die geheimnisvolle Frau erschafft faszinierende filigrane Bilder aus Federn. So schaffen Kumiko und George, der aus alten Büchern kleine Scherenschnitte erstellt, Kunstwerke, die jeden, der sie sieht, sofort in ihren Bann ziehen. Und es bleibt natürlich nicht bei der rein künstlerischen Beziehung. Aber Kumiko bleibt geheimnisvoll. George weiß nichts von ihrer Vergangenheit, wo sie herkommt, was sie tut, wenn sie nicht zusammen sind.

Doch es geht nicht nur um George und Kumiko. Es geht auch um Amanda, seine Tochter, alleinerziehende Mutter von JP und dauerwütend, ohne dauerwütend sein zu wollen. Amanda eckt an, passt nirgendwo rein und weiß nicht, was sie tun soll. Genauso wie ihre Kollegin Rachel, die auch nicht weiß, wohin mit ihrer Unzufriedenheit. Dann ist da Mehmet, Georges Angestellter, der eigentlich Schauspieler sein möchte, Amandas Mutter und Georges Ex-Frau und ihr neuer Mann.

In diesem Geflecht von Beziehungen, von Wünschen und Hoffnungen spielt die Geschichte von George und Kranich, die Patrick Ness inspiriert von der Geschichte der Kranichfrau, einem alten japanischen Märchen geschrieben hat. Ness ist nicht der erste, der dieses Märchen auf moderne Weise interpretiert. Auch die Band The Decemberists  widmeten dem Märchen ein ganzes Album und besangen es in drei zusammenhängenden Songs.

Am ehesten ist die Geschichte wohl im Genre des magischen Realismus anzusiedeln, ein modernes Märchen eben, ausgebreitet auf 300 Seiten. Als Leser schwankt man zwischen Mitgefühl und dem Wunsch, die Personen mögen sich doch mal zusammenreißen. Eine Identifikation mit den Protagonisten fällt schwer, letztlich bleiben die Figuren eigentümlich unnahbar, und das gilt nicht nur für Kumiko, die ja immerhin unnahbar sein soll. Die fantastischen Elemente sind rar gesät, doch anders als bei Ness‘ Kinderbuch Sieben Minuten nach Mitternacht [Werbelink], bei dem ich beim Hören des Hörbuchs im Bus anfing, recht bitterlich zu weinen, springt der Funke nicht wie erhofft über.

Vielleicht ist das aber auch Absicht. Genau wie die Kunst von George und Kumiko bleiben die Menschen in dieser Geschichte ein bisschen wie Scherenschnitte. Klar umrissen und doch nicht ganz zu fassen. Trotz dieser Kritik habe ich Die Nacht des Kranichs  gerne gelesen. Patrick Ness packt das ganz normale Alltagsleid ganz normaler Menschen in eine im positiven Sinne glatte und geradlinige Sprache. Dabei ist er gleichermaßen schonungslos und mitfühlend. Niemand kann sich rausreden, aber weil alle Fehler haben, ist das auch gar nicht so schlimm.

Die Nacht des Kranichs ist ein schönes Märchen, dass vielleicht einfach gelegentlich daran scheitert, dass in der Wirklichkeit so wenig Platz für echte Märchen ist. Aber immerhin, das lehrt uns dieses Buch, ist in der Wirklichkeit Platz für Versöhnung. Und das ist doch eine gute Nachricht, sowohl für George, Amanda, Kumiko und all die anderen als auch für uns.

Patrick Ness: Die Nacht des Kranichs (übersetzt von Sibylle Schmidt), erschienen 2014 im Hanser Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro. Erhältlich bei Amazon [Werbelink] und in jedem anderen Buchhandel.

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