Gelesen: Der kleinste Kuss der Welt von Mathias Malzieu

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„Der kleinste je verzeichnete Kuss. Ein grelles Licht, und dann nichts.

Sie war fort.

So plötzlich, wie sie aufgetaucht war, war sie auch wieder verschwunden. Als wäre ihr Mund ein magischer Schalter – wenn man ihn umlegt, löst sie sich in Luft auf. Zurück blieb nur die asthmatische Melodie ihrer Lungen in d-Moll.“

Der Protagonist des Buches, ein deprimierter Erfinder, küsst eine Frau, die daraufhin unsichtbar wird und verschwindet. Betört von dem kleinsten je verzeichneten Kuss macht sich der Mann auf die Suche nach der unsichtbaren Frau, trifft auf die Apothekerin Louisa, der er sein Leid klagt und die ihn an den Privatdetektiv Gaspard Neige vermittelt, der ihm seinen abgerichteten Papagei Elvis leiht, der ihm bei der Suche helfen soll.

So einfach, so gut. Malzieus Märchen zeichnen sich eben auch weniger durch eine komplexe Handlung aus, sondern durch die wirklich wunderbare Sprache, die einem immer wieder ein verträumtes „Hach!“ entfahren lässt. Das war schon bei Die Mechanik des Herzens und Metamorphose am Rande des Himmels so, zumindest gefühlt ist es bei Der kleinste Kuss der Welt noch eine Spur besser, schöner, perfekter. Kleine Sätze wie Schokoladenküsse, und zwar nicht die, die man bei uns kaufen kann, sondern die von dem Protagonisten fabrizierten Schokoladenküsse, die nicht nur so heißen, sondern auch genauso schmecken: Wie ein Kuss eben.

Während mich Die Mechanik des Himmels noch etwas unterwältigt zurückgelassen hatte, läuft Malzieu bei Der kleinste Kuss der Welt zu seiner Hochform auf. Hier passt alles, nichts wirkt fehl am Platz, man wird von der Geschichte mitgenommen, vor allem aber von den wunderbaren Ideen und den schönen Sätzen, in die diese Ideen gepackt wurden. Deswegen eignen sich möglicherweise auch ein paar Zitate am besten dazu, herauszufinden, ob Der kleinste Kuss der Welt ein Buch ist, das einem gefallen könnte.

„Als erstes pflanzte ich einen Mundharmonikabaum auf die Dielen. Mittlerweile erntete ich ungefähr ein Instrument pro Woche. Später kamen Ukulelen dazu, eine alte Gitarre aus Mississippi und schließlich eine ganze Skateboardfamilie. Ich begann sogar, Kampfeichhörnchen zu züchten, die sich im Dachboden einnisteten. Sie wärmten mir das Herz und machten mir Mut.“

„Ich hatte vor, mich als Vertreter für magische Krawatten auszugeben. Ich verstand etwas vom Fach, weil ich ein paar Jahre zuvor am Strand von Palavas-les-Flots lebendige Hotdogs verkauft hatte: warme Welpen zwischen zwei riesigen Brotscheiben.“

„Sie weckten das Werwolfeichhörnchen, das in meinem roten Blutkörperchen schlummerte. Normalerweise erwacht es nur, wenn mein Melancholiewert 80 % überschreitet und ich es großzügig mit Whisky-Cola begieße, aber jetzt lief es zu Hochtouren auf und schoss in meinem Körper Feuerwerksraketen ab.“

Wer bei diesen Sätzen eher „Hach!“ als „Hä?“ sagt, dem sei diese ungewöhnliche, aber nie alberne Liebesgeschichte wärmstens an sein Kampfeichhörnchenherz gelegt.

Der kleinste Kuss der Welt von Mathias Malzieu, deutsch von Sonja Finck, erschienen 2015 bei carl’s books, 144 Seiten, 12,99 Euro (Broschiert). Erhältlich bei Amazon [Werbelink], bei der Halder-Buchhandlung in Winnenden und in jedem anderen Buchladen.

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