Neue Momentaufnahmen, Herbst 2015 in Deutschland

1

Ich fahre mit der Straßenbahn von Köln-Deutz zum Heumarkt. Neben mir sitzen zwei Männer, dunklere Haut, schwarze Haare, woher sie kommen vermag ich nicht zu sagen. Warum sie mir auffallen, weiß ich gar nicht, aber irgendwas am Blick des einen ist anders, ein bisschen unfokussierter vielleicht, die Augen etwas glasiger, ich bin nicht gut im Lesen von Gesichtern.

Ich erhasche einen Blick auf die Zettel, die der andere Mann in der Hand hält. Behördenschreiben, irgendwas mit Asyl und dass mich das jetzt gar nicht wundert, ist vielleicht am erschreckendsten. Ansonsten sehen die Männer nicht anders aus als jeder andere Mensch, der hier irgendwann mal von woanders hergekommen ist. Oder dessen Eltern von woanders hergekommen sind. Oder dessen Großeltern. Aber diese Männer sind selber gerade erst hergekommen und wissen noch nicht mal ob sie bleiben dürfen. Und jetzt fahren sie Straßenbahn in Köln, genau wie ich und alle anderen um uns herum.

 

2

Im Supermarkt sehe ich einen jungen Mann zwischen den Konserven stehen und Geld abzählen. In der Hand, immer und immer wieder. In der anderen Hand hält er etwas, was, habe ich schon vergessen. Ob das Geld noch für etwas anderes reicht? Er zählt und wendet Münzen.

Ich weiß nicht, ob ich hingehen soll und sagen: „Komm, was brauchst du, ich nehm das und bezahl es.“ Aber wie bescheuert wäre das, wenn das gar kein Flüchtling ist, sondern einfach nur jemand, der gerade mal zu wenig Geld dabei hat, so wie ich manchmal auch, nicht, weil ich kein Geld habe, sondern weil ich manchmal verpeilt bin oder eben keine Zeit hatte, zum Geldautomaten zu gehen. Nur dass ich eben vom Typ her nicht die Assoziation „Flüchtling“ hervorrufe. Wie unangenehm wäre das, jemandem zu unterstellen, er könne nicht für sich selbst sorgen und bräuchte meine Hilfe, wie anmassend von mir, irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen, nur weil Menschen irgendwie aussehen und Geld zählen.

Und gleichzeitig wie furchtbar, dass ich mich nicht traue, hinzugehen und zu fragen, weil mir zehn Euro auf dem Konto nichts ausmachen, anderen Menschen aber sehr dringend fehlen. Wie doof, dass ich zu feige bin, es wenigstens zu versuchen.

Der Mann zahlt an der Kasse vor mir, als ich hinter ihm rausgehe, sehe ich, wie er an der Bäckerei abbiegt, vielleicht der Weg zum Flüchtlingsheim, vielleicht einfach der Weg nach Hause. Vielleicht ist das hier eine Flüchtlingsgeschichte, vielleicht aber auch nur die Geschichte von jemandem, der zufällig zu wenig Geld in der Hosentasche hatte. In jedem Fall ist es die Geschichte von einer jungen Frau, die immer noch nicht weiß, wie man sich am besten verhält.

 

3

In Köln-Deutz warte ich darauf, dass die Leute aus dem ICE aussteigen. Ein Mann steigt heraus, auf dem Arm ein Junge, vielleicht acht Jahre oder zehn, eigentlich zu groß, um getragen zu werden, die Füße sind verbunden, beide Füße, vorne schauen die nackten Zehen hervor. Es ist November, und obwohl es für Novemberverhältnisse sehr warm ist, ist es doch ein bisschen zu kalt für halb nackte, halb verbundene Füße.

Der Mann greift hinter sich, und ich denke, aha, jetzt reicht ihm jemand den Rollstuhl nach draußen, aber es wird nur ein Trolley herausgereicht, ein kleiner Trolley, man würde eine Woche damit in Urlaub fahren, allein, vielleicht zwei, wenn man nur T-Shirts und kurze Hosen einpacken muss.

Mit der einen Hand zieht der Mann den Trolley, auf dem Arm hat er immer noch den Jungen mit den verbundenen Füßen und so geht er den Bahnsteig hinunter zum Ausgang. Und auch das ist vielleicht keine Flüchtlingsgeschichte, wer weiß das schon, aber es ist eine Geschichte aus Deutschland im Herbst 2015, als es auf einmal Flüchtlingsgeschichten gab. Überall und immer wieder und vor allem immer wieder ohne Vorwarnung.

5 Antworten auf „Neue Momentaufnahmen, Herbst 2015 in Deutschland“

  1. Hach, ich finde die zweite Geschichte etwas schwierig. Ich weiß nicht wirklich warum ich sie für schwierig halte, aber es gibt viele Menschen, die durchaus Unterstützung gebrauchen könnten. Ich sehe da nicht nur geflüchtete Menschen, ich sehe da auch Rentner, die an der Armutsgrenze leben und verzichten müssen, ich sehe da Kinder aus finanzschwachen Familien, junge Mütter, die nicht wissen, wie sie eine vernünftige Nahrung auf den Tisch bringen sollen, Väter, denen es genauso geht.

    Geflüchteten Menschen helfen ist sehr wichtig. Wir dürfen dabei nur nicht die anderen aus den Augen verlieren, die durchaus auch Hilfe brauchen könnten. Und ich weiß, das hat nichts mit deiner Angst zu tun, den Menschen anzusprechen. Aber wie viel schöner könnte die Welt sein, wenn wir anderen eine Freude machen könnten, ohne Angst davor zu haben, etwas falsch zu machen.

  2. Die drei Geschichten haben mich sehr berührt, weil ich sie genauso oder ähnlich auch schon erlebt habe und mir dabei die gleichen Fragen gestellt habe wie du: helfe ich jetzt oder wird mein Hilfsangebot eher wie ein Eingriff in die Privatsphäre der angesprochenen Person verstanden (wie du schon in Geschichte 2 sagst: ist das ein Flüchtling oder ein anderweitig Hilfsbedürftiger oder einfach jemand, der nicht genug Geld dabei hat), sind plötzlich alle irgendwie ausländisch aussehende Menschen Flüchtlinge? Gestern bin ich an einer Gruppe Flüchtlinge vorbeigegangen, die vor einer Turnhalle die Sonnenstrahlen genossen und sich dabei unterhielten, und ich hätte ihnen so gerne ein paar freundliche Worte gesagt, aber ich wusste nicht was und wie (ich kann nun mal kein Arabisch) und hab mich irgendwie hilflos gefühlt.

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