Gelesen im September 2016 (Teil 2)

Das kalte Jahr von Roman Ehrlich

Ein junger Mann läuft in einem immerwährenden Winter zu Fuß nach Hause zu seinen Eltern. Doch seine Eltern sind fort, statt dessen öffnet ihm ein Junge, der sich dort eingerichtet hat und lässt den Mann etwas widerwillig, aber doch ohne Protest in dessen Elternhaus wohnen.

Das kalte Jahr von Roman Ehrlich ist deutsche Apokalypsen-Literatur und genauso muss man sie vermutlich auch lesen. Nichts wird erklärt, statt dessen findet Alltag statt in einer Welt, die irgendwie stirbt, aber irgendwie auch nicht. Die Personen agieren bisweilen etwas lethargisch, es wird mir insgesamt zu viel hingenommen. Abgesehen davon ist es aber eine stimmungsvolle Geschichte mit sympathischem Personal und schönen Einfällen. Und wenn man wie ich von etwas plotlastigerer SciFi-Apokalypsen-Literatur kommt, dann muss man sich vermutlich auch neu auf Bücher wie Das kalte Jahr einlassen.

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Winters Garten von Valerie Fritsch

Für Winters Garten gilt grob das Gleiche, was ich oben schon über Das kalte Jahr geschrieben habe. Deutscher Weltuntergang, wieder poetisch, wieder mit etwas sperrigem Personal und mit ohne Erklärung, warum jetzt genau die Welt untergeht und woher alle das wissen. Die gesellschaftlichen Entwicklungen sind schwammig vernebelt, im Wesentlichen gibt es viel Tod und Verzweiflung und zwischendrin Liebe und Menschlichkeit.

Was Winters Garten aber vor allem lesenswert macht, sind die poetischen Beschreibungen von Natur, Familie und Kindheit. Es ist eben auch hier Literatur-Literatur und hat mit dem Genre, in dem Weltuntergänge sonst eher beheimatet sind, nicht viel zu tun. Muss es aber auch nicht, die Apokalypse mal behutsam zwischen Bäumen und alten Küchenbänken einbetten, das hat auch was.

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Mädchenmeute von Kirsten Fuchs

Mädchenmeute habe ich von vorne bis hinten geliebt. Ich muss dringend mehr von Kirsten Fuchs lesen, denn ihre Bücher machen mich glücklich. In Mädchenmeute geht es um Charlotte aus Berlin, die in den Ferien in eine Art Mädchen-Survival-Lager geschickt wird. Mitten im Nichts irgendwo im Wald sollen die Mädchen Spaß haben und lernen, mit der Natur zu leben und so weiter. Aber dann geht alles schief, was schief gehen kann und auf einmal sind die Mädchen mit einem Rudel Hunden, die sie gerettet haben auf dem Weg zu einem Stollen in Thüringen, um dort mal wirklich mit der Natur zu leben.

Mädchenmeute ist ein Jugendbuch, dementsprechend sind manche der Charaktere etwas überspitzt gezeichnet und manche Handlungsstränge etwas zu offensichtlich storygetrieben. Dafür wird ein wundervolles Bild der Teenagermädchen gezeichnet und eine durch und durch stimmige Atmosphäre erzeugt. Das ist alles sehr liebevoll gemacht und hat außerdem den schönsten letzten Satz, den ich dieses Jahr gelesen habe.

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Memoiren, gefunden in der Badewanne von Stanislaw Lem

Gnagnagna. Es gab gute Gründe, warum Memoiren, gefunden in der Badewanne mein erstes Buch von Stanislaw Lem war und wenn mir nicht versichert worden wäre, dass das wirklich nicht sein bestes Buch und auch nicht das beste Beispiel für seinen Stil ist, dann wäre es vielleicht mein letztes gewesen. Ganz grob geht es um einen kafkaesken bürokratischen Albtraum eines Mannes, der einen Auftrag hat, der so geheim ist, dass ihm niemand sagen kann, was der Auftrag ist.

Memoiren, gefunden in der Badewanne funktioniert eher als Konzept als als Buch. Mir ist – das glaube ich zumindest – recht klar, was der Autor bezwecken wollte, aber es ist äußerst mühselig, sich durch das Buch zu arbeiten und viele Dinge funktionieren auch nur so bedingt (es fängt damit an, dass die Geschichte in den USA spielt, aber wirklich alles an dem Buch so unverkennbar russisch ist, dass es von mir permanente Denkleistung erforderte, das hinzunehmen). Da kann man vielleicht lieber noch mal Brazil gucken, das kommt inhaltlich ungefähr aufs selbe raus, macht aber mehr Spaß und ist schneller vorbei.

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The Forgetting Time von Sharon Gusky

The Forgetting Time ist ein hübsches Buch zum Weglesen und danach Weglegen, und das meine ich im besten aller Sinne. Ich habe es sehr gerne und sehr schnell gelesen, ich wollte wissen, was passiert, wie es ausgeht, ich habe mit den Charakteren gehofft und gelitten, alles prima. Und dann ist es vorbei und es ist auch gut.

Es geht um Noah und seine alleinerziehende Mutter. Etwas stimmt nicht mit Noah, er redet von Dingen, die er nicht wissen kann, hat schreckliche Angst vor Wasser und fragt regelmäßig, wann er nach Hause zu seiner anderen Mutter darf. Man kann jetzt nicht groß weitererzählen, ohne direkt zu verraten, um was es geht, ich empfehle in diesem Fall eine Leseprobe, dann merkt man schon ganz gut, ob es etwas für einen ist oder eher nicht.

Ein bisschen habe ich mich nachher gefragt, ob ich zu irgendwas bekehrt werden sollte, ob die Autorin wirklich an ihre Geschichte bzw. die Möglichkeit ihrer Geschichte glaubt und ob ich hier emotional etwas ausgetrickst wurde. Und ja, ich habe rumgegoogelt. Wer eine hübsche Familiengeschichte mit leicht esoterischem Überbau sucht, wird hier glücklich. Andere vielleicht auch, ich war ja auch zufrieden.

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