Gelesen im Juli 2017

Cold Comfort Farm von Stella Gibbons

Ein Klassiker, der genremäßig sehr schwer zu packen ist. Gesellschaftssatire mit ein bisschen Science-Fiction vielleicht, aber letztlich ist es ja auch egal.

Flora Poste, Anfang 20 und gerade Waise geworden muss ihr Leben planen. Arbeiten kommt nicht in Frage, denn, so denkt sie, sie hat ausreichend viele Verwandte, die sie sicherlich bei sich unterbringen können. Ihre Wahl fällt auf Cold Comfort Farm, einer düsteren Farm mit seltsamen Bewohnern irgendwo in Sussex. Obwohl Flora dort nicht gerade herzlich empfangen wird, lässt sie sich nicht beirren. Schnell ist sie sich sicher, dass ihre Aufgabe hier sein wird, der Farm und ihren Bewohnern zu helfen, ob sie das wollen oder nicht, da sie alleine offensichtlich nicht dazu in der Lage sind. Es ist ein bisschen wie Austens Emma, nur sympathischer.

Das Buch wurde 1932 veröffentlicht, spielt aber 1946. Das ist für Leser aus dem Jahr 2017 etwas verwirrend, tut dem Spaß aber keinen Abbruch. Große Empfehlung, als nächstes wird die Verfilmung geguckt.

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Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt von Jaroslav Kalfar

Jakub Procházka ist der einzige Passagier an Bord der JanHus1, dem ersten Raumschiff der tschechischen Geschichte, auf dem Weg zur mysteriösen Choprawolke. Vier Monate hin, Daten und Wolkenstaub sammeln, und dann wieder vier Monate zurück. Jakub ist ein Held, aber gleichzeitig der einsamste Mensch der Welt. Dann verlässt ihn seine Frau Lenka und gleichzeitig entdeckt er ein seltsames spinnenartiges Wesen mit menschlichen Lippen, dass in seinen Erinnerungen wühlt und seinen Nutellavorrat vertilgt.

Das ist die eine Seite der Geschichte von „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“, die andere Seite ist Jakubs Vergangenheit, seine Kindheit in der sozialistischen Tschechoslowakei, die mit dem Fall des eisernen Vorhangs und gleichzeitig mit dem Tod seiner Eltern endet. Sein Vater, so stellt sich heraus, war ein hoher Regierungsbeamte, der auch vor Folter nicht zurückschrak und schnell holt die Vergangenheit den Jungen ein und wirft sein Leben durcheinander.

Alles das und noch viel mehr findet sich in diesem Buch und auch, wenn mir die Science-Fiction-Anteile ein bisschen zu kurz kamen, war es gerade der Einblick in das Tschechien der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, der mich begeistert hat. Vielleicht, weil auch meine Familie dort Wurzeln hat, auch wenn das sehr lange her ist, vielleicht auch, weil es so nah und doch so weit weg ist.

Das alles ist angenehm ruhig, beinahe schon anachronistisch, zumindest aber mit viel Nostalgie erzählt, die Figuren sind gut entwickelt und so fügt sich nachher alles zusammen, und mal wieder könnte man die Rolling Stones bemühen, denn auch Jakub bekommt nicht unbedingt das, was er wollte, aber vielleicht genau das, was er brauchte.

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Die Unglückseligen von Thea Dorn

Ich weiß ja nie, was ich von Thea Dorn halten soll. Einerseits finde ich gut, wie sie sich im literarischen Betrieb durchsetzt, andererseits ist sie mir schon unangenehm durch Subkulturschelte aufgefallen.

In Die Unglückseligen erzählt sie die Geschichte des unsterblichen Johann Wilhelm Ritter und der Molekularbiologin Johanna Mawet. Während Ritter mit seinem Schicksal hadert, forscht Mawet an der Unsterblichkeit. Als sich die Wege der beiden zufällig in den USA kreuzen, glaubt Johanna diesem runtergekommenen seltsamen Mann kein Wort und hält ihn für einen Verrückten. Doch nach und nach kann er sie davon überzeugen, dass er tatsächlich über 200 Jahre alt ist und wird zu Johannas Versuchsobjekt.

Die Unglückseligen ist ein Buch über Wahnsinn und Obsession, über Verfall und Unsterblichkeit. Es ist zweifellos gut geschrieben, wenn auch an der ein oder anderen Ecke vielleicht doch etwas zu aufgesetzt, und sicherlich keine leichte Lektüre, liest sich aber insgesamt recht flüssig weg. Ich bin noch unschlüssig, was ich vom Ende halten soll, das dann doch so ganz anders war, als ich es mir vorgestellt habe. Immerhin wundert man sich auf den letzten 150 Seiten nicht mehr so arg über den Titel des Buches. Die Unglückseligen ist irgendwie eine Art Wissenschafts-Science-Fiction mit historischem Zeug für Intellektuelle. Wenn man jetzt „Genau mein Ding!“ denkt, ist man gut aufgehoben.

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Nahe Jedenew von Kevin Vennemann

Ein Bücherschrankfund. Ich arbeite ja nebenberuflich an meinem Kunstprojekt „Die gesamte Suhrkamp-Bibliothek aus Bücherschränken zusammenklauben“. Es zieht sich etwas, aber mit viel Geduld denke ich, dass ich schon in ein- oder zweihundert Jahren einen schönen Regenbogen im Schrank stehen habe.

So landete jedenfalls auch Vennemanns Nahe Jedenew bei mir und weil es so schön dünn ist und gerade Wochenende war, habe ich direkt angefangen, reinzulesen. Worum es geht, muss man sich auch als Leser erst erschließen. Ich habe noch während der Lektüre angefangen, dem Buch hinterher zu googeln, um mehr über den Autor und den Hintergrund der Geschichte zu erfahren. Dann aber weiß man: Es geht um zwei Mädchen, Zwillinge, irgendwo in einem polnischen Dorf, in dem die katholische Bevölkerung in einer Nacht ihre jüdischen Nachbarn umbringen, die Höfe plündern und anzünden. Die beiden Mädchen fliehen in ihr Baumhaus und beobachten von da aus, wie die Idylle ihrer Kindheit ein jähes Ende findet. Sprachlich vermischen sich ihre Erinnerungen und die Erzählungen der Erwachsenen mit dem Grauen der Gegenwart. Das ist erst anstrengend, wenn man sich dann aber reingelesen hat, sehr wirkungsvoll. Ungefähr so stelle ich mir einen modernen Klassiker vor, im besten aller Sinne.

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Die Chaos-Walking-Trilogie von Patrick Ness

Der erste Teil war ein Bücherschrankfund, mitgenommen, weil ich das Buch sowieso auf der Wunschliste hatte. Und weil es dann eben tatsächlich sehr gut und spannend war, habe ich die beiden anderen Teile als e-Books dann direkt auch gelesen.

Ganz vorneweg: Wer die Panem-Bücher mochte und etwas ähnliches sucht, der kann exakt hier aufhören zu lesen und sich zum Buchhandel seiner Wahl begeben.

Für alle die, die etwas mehr wissen wollen: Todd lebt in Prentisstown, einer Siedlung auf einem fremden Planeten, in der es nur Männer gibt, seit die Frauen durch einen Virus alle getötet wurden. Dieser Virus wurde von den Spackle freigesetzt, die auf diesem Planeten leben und gegen die Menschen Krieg führten. Ein unangenehmer Nebeneffekt des Virus: Die Gedanken aller Menschen werden hörbar und Tiere können sprechen. Todd ist mit fast dreizehn der jüngste Einwohner von Prentisstown. Mit dreizehn wird er zum Mann erklärt werden, aber vorher kommt alles anders. Todd entdeckt bei einem seiner Streifzüge durch den Sumpf ein Loch in dem allgegenwärtigen Gedankenlärm und ehe er es sich versieht, wird er von seinen Zieheltern weggeschickt. Nur mit einer Karte und einer Ahnung, warum und wohin er gehen soll, ist Todd auf einmal ganz allein auf der Flucht.

Damit habe ich zwar wirklich nur die allerersten Kapitel der Buchreihe angerissen, aber alles andere wäre in der Tat zu viel verraten. Die Geschichte ist spannend, voller Wendungen und Überraschungen, es geht um Freundschaft und Menschlichkeit und die Frage, wie viel wir bereit sind, von uns selbst zu opfern, um zu überleben.

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AchtNacht von Sebastian Fitzek

Mein erster Fitzek und ich war etwas unterwältigt. Die Geschichte ist verhältnismäßig einfach erzählt: Benjamin Rühmann will im Leben einfach nichts gelingen. Die Tochter liegt nach einem Selbstmordversuch im künstlichen Koma, von seiner Frau ist er getrennt und jetzt ist er auch noch aus seiner Coverband geflogen. Zu allem Überfluss ist auf ihn aber auch noch ein Kopfgeld von 10 Millionen Euro ausgesetzt. Er ist Kandidat der AchtNacht, einer Jagd, bei der dem, der ihn tötet eben genau dieser Gewinn zusteht. Zwölf Stunden lang ist er vogelfrei und das ganze Land ist hinter ihm her.

Das klingt spannend und – hier das Positive – ist es auch. Nicht ohne Grund habe ich das Buch an einem Tag weggelesen, flott geschrieben, mit guten bis durchschnittlichen Wendungen (die finale Wendung war mir allerdings etwas zu simpel) und interessanten Ideen. Die Hauptfiguren sind ausreichend gut gearbeitet, während der ein oder andere Nebencharakter allerdings schon etwas zu überspitzt gezeichnet ist.

Aber. Die ganze Szenerie war mir nicht konkret und glaubwürdig genug. Spielt die Geschichte in der Gegenwart, so ist mir die krasse Zeichnung der Gewalt zu unglaubwürdig. Spielt die Geschichte in der Zukunft, so gibt es hierfür keinerlei Anzeichen, dafür hätte es zumindest das ein oder andere Detail gebraucht. Es gibt keine richtige Verortung und so fühlt sich das Setting insgesamt zu wischiwaschi an, als hätte der Autor es sich an entscheidenden Stellen zu einfach gemacht, was zu Gunsten der Spannung, aber eben zu Lasten des Gesamtgefühls geht.

Man kann das gut als Zwischendurchlektüre lesen, dem Hype wird es nicht gerecht.

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2 Antworten auf „Gelesen im Juli 2017“

  1. Sebastian Fitzen hat mich leider auch sehr enttäuscht. Hab sein erstes Buch gelesen, weil alle davon so schwärmten. Ich bin jedenfalls auch nicht warm geworden damit.

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