Gelesen im September 2017 ( Teil 2)

Und der zweite Teil der Septemberlektüre folgt sofort. Auffällig ist vor allem, dass in der zweiten Septemberhälfte überhaupt keine Bücher aus dem englischsprachigen Raum dabei sind, dafür aber drei von italienischen Autoren und Autorinnen. Es ist tatsächlich reiner Zufall, aber dennoch bemerkenswert.

Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino

Mit diesem Buch hätte ich dann auch alle Urlaubskandidaten 2016 durch, endlich! Wenn ein Reisender in einer Winternacht ist ein bisschen ein literarisches Experiment des Autors Italo Calvino. Der Leser wird durch zehn Romananfänge gejagt, dabei stets unterbrochen, mal, weil ein Fehler im Druck vorliegt, mal, weil die restlichen Seiten des Manuskripts fehlen oder die Übersetzung nicht vollständig ist. Auf der Jagd nach dem Buch, mit dem alles begann, eben dem ominösen Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Calvino, begibt sich der Leser gleichzeitig auf eine Schnitzeljagd, verliebt sich, gerät in eine seltsame Lesegruppe und schließlich auf andere Kontinente, das erwünschte Buch immer karottengleich vor der Nase hängend und doch unerreichbar.

Das ist gelegentlich verwirrend, man muss sich bei diesem Buch darauf einstellen, dass man am laufenden Band getäuscht wird, dass Setting und Personal ein Neues sind, dass die Erzählperspektive wechselt und einem bei der Lektüre ständig neue Überraschungen auflauern. Insofern vielleicht kein Buch für eine schnelle Zwischendurchlektüre, aber abgesehen davon auch humorvoll und originell. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine literarische Weltreise mit viel Witz.

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Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

Muss man zu Ferrantes Meine geniale Freundin überhaupt noch etwas sagen. Ich war von der Berichterstattung gleichermaßen fasziniert wir irritiert, bis zu dem Punkt, dass ich dem Hype nicht erliegen wollte. Dann fand ich das Buch im Bücherschrank und ergriff die Gelegenheit – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ferrante erzählt die Geschichte von Elena und Raffaela, die irgendwo kurz vor Kriegsende am Rand von Neapel geboren werden. Die Familien in diesem Viertel sind Arbeiterfamilien, Geld ist knapp, Bildung wird kein hoher Wert beigemessen. Schnell stellt sich heraus, dass die freche Raffaela – oder Lila, wie Elena sie nennt – hochbegabt ist. Doch während die Einmischung der Lehrerin bei Elenas Eltern fruchtet und die strebsame Schülerin das Gymnasium besuchen darf, muss Lila die Schule früh verlassen.

Im ersten Band der Neapolitanischen Saga begleitet man als Leser die beiden Freundinnen durch Kinder- und Jugendtage, von ersten Ausflügen aus dem Viertel über die erste Verliebtheit bis hin zu den ersten Schritten ins Erwachsensein.

Meine geniale Freundin ist ohne Zweifel sehr gut, fast makellos geschrieben. Von den Figuren über die Stimmung fühlt man sich mitten hineinversetzt ins italienische Treiben mit all seinen Höhenflügen und Tiefpunkten. Klug gemacht ist hier auch der kleine Cliffhanger am Schluss, der noch mal sicherstellt, dass man kaum anders kann, als zum nächsten Band zu greifen, um zu erfahren, wie es mit Lila und Lenù weitergeht.

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QualityLand von Marc-Uwe Kling

Was machte ich mir Sorgen, dass mir das Buch nicht gefallen könnte. Schließlich gehören die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling zu meinen Lieblingsbüchern, und ich habe die Hörbücher schon so oft gehört, dass ich sie teilweise mitsprechen kann. Aber Kling ohne Känguru? Geht das?

Es stellt sich raus: Es geht. Zwar habe ich etwas gebraucht, um in die Geschichte reinzukommen, dann fühlte ich mich aber wieder mittendrin in einer typischen Kling-Welt voller Absurditäten, pop- und hochkultureller Anspielungen und natürlich mit viel Witz.

In Klings neuem Buch geht es um Peter Arbeitsloser, der in QualityLand lebt, denn so hat man das Deutschland der Zukunft kurzerhand umbenannt. In QualityLand erkennt man am Nachnamen der Kinder den Beruf der Eltern, werden die Kaufwünsche der Leute von TheShop per Drohne geliefert, bevor man überhaupt wusste, was man sich wünscht, wird der Partner von QualityPartner ausgesucht und entscheidet das persönliche Level, wie gut (oder eben nicht) man behandelt wird.

In dieser Welt bekommt Peter Arbeitsloser ein Paket geliefert, in dem sich ein Produkt befindet, dass er weder will noch gebrauchen kann. So ein Fehler kommt aber nicht vor, schon weil er nicht vorkommen darf. Bei dem Versuch, das Produkt umzutauschen, gerät Peter immer tiefer rein in eine Welt der Androiden, Geheimnisse und Algorithmen. Unterstützt wird er dabei von der Revolutionärin Kiki, einem seltsamen Guru und einer Horde kaputter Roboter.

QualityLand macht einen irren Spaß und ich wurde – puh, Gott sei Dank – nicht enttäuscht. Als Bonusfeature gibt es zahlreiche Anspielungen auf die Känguruchroniken, und auch dieses Buch, da bin ich sicher, werde ich mehr als einmal lesen und hören.
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Als der Teufel aus dem Badezimmer kam von Sophie Divry

Sophie ist arbeitslos. Während ihre Brüder ihr Leben alle irgendwie im Griff haben, fristet sie in Lyon ihr Leben als arbeitslose Journalistin. Die Jobsuche dümpelt vor sich hin, nur die Konversation mit ihrem Leidensgenossen Hector, der ihr von seinen aktuellen amourösen Eroberungen berichtet, heitert sie auf. Doch sonst sieht es eher trist aus, eine einfacher Nachzahlungsforderung der Stadtwerke bringt ihre fragile Finanzplanung durcheinander, ein Espresso im Café wird zum Luxusgut und das Loch im Bauch lässt sie von ihrer kümmerigen Nachbarin stillen.

Das klingt alles nicht nach vergnüglicher Lesekost, ist es aber eben doch. Denn Sophie Divry, die Autorin, lässt ihre Hauptdarstellerin Sophie nie den Kopf in den Sand stecken. Mit Lust am Leben und Schreiben versuchen die beiden, ihre verzweifelte Situation irgendwie in den Griff zu kriegen, auch dann, wenn ihnen eigentlich zum Heulen zumute ist oder gar ein Teufel aus dem Badezimmer kommt, um sie auf seine Seite zu ziehen.

„Als der Teufel aus dem Badezimmer kam“ ist keine 08/15-Geschichte, wer einen Spannungsbogen mit Auflösung sucht, wird enttäuscht. Statt dessen experimentiert Divry in ihrem Buch, da fallen Buchstaben von den Seiten oder werden zwei parallele Handlungsstränge in zwei Spalten nebeneinander gesetzt. Auch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen immer wieder. Wer aber ein ungewöhnliches, kraftvolles Buch sucht mit einer unperfekten Heldin und viel Sprachwitz, dem sei dieses Buch dringend ans Herz gelegt.
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Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano

Auch das war ein Bücherschrankfund, der Titel des Buches war mir bekannt, den Inhalt hatte ich weitgehend vergessen und fing einfach an zu lesen.

Es geht um Alice und Matti, die beide seit ihrer Kindheit mit einem Trauma belastet sind. Alice hatte einen Skiunfall, für den sie ihren Vater verantwortlich macht und der sie mit einem lahmen Bein zurückließ. Matti ließ seine behinderte Zwillingsschwester allein in einem Park, Michela verschwand und Matti macht sich seither Vorwürfe. Während Alice sich in eine Magersucht flüchtet, verletzt Matti sich selbst und flüchtet in die Welt der Mathematik. Dann treffen sie sich in der Schule und eine zarte Freundschaft zwischen den beiden Außenseitern.

Auch diesem Buch kann man wenig vorwerfen, es liest sich flüssig, so dass man in kurzer Zeit damit durch ist. Aber: Sowohl Alice als auch Matti bleiben als Hauptpersonen und anvisierte Sympathieträger in ihrem Selbstmitleid unangenehm nervig. Man möchte sie immer und immer wieder ein bisschen schütteln und daran erinnern, dass sie nicht allein auf der Welt sind und sich – verdammt noch mal! – ein bisschen zusammenreißen. Gerade Alices Magersucht wird auf eine Art thematisiert, die mir doch etwas problematisch vorkam.

Auf der anderen Seite: Möglicherweise ist genau das vom Autor intendiert, wer weiß das schon. Man bleibt zurück mit dem unbefriedigten Gefühl, zwei Personen zurückzulassen, die dringend Hilfe bräuchten, sich aber stets weigern werden, welche anzunehmen. Wenigstens sind es da nur erfundene Personen.

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