Lieblingstweets im Februar (Teil 2)

WINTERBEENDUNG! MOTTOPARTYS! QUADRATMETER-PIZZA! SPARKASSENBERATER! UND DIE REGENBOGENSTRECKE BEI MARIO KART! SCHON WIEDER!

Über Verantwortung, Selbstständigkeit und Arbeit

Ausgehend von einer Diskussion auf Twitter und dem daraufhin veröffentlichten Blogpost über Ferienjobs von Patricia habe ich mir auch noch mal länger Gedanken über das Arbeiten und insbesondere das Arbeiten in den Sommerferien gemacht. Es geht also explizit um Schüler und Studenten, die neben Schule und Studium noch Geld verdienen. Ich habe dazu eine einerseits sehr klare Meinung, allerdings ist diese auch stark persönlich gefärbt und somit sicherlich nicht universell als Handlungsanweisung anwendbar.

Meine Meinung ist: Wenn das Kind selber arbeiten möchte, dann bitte gerne. Ich halte aber nichts davon, Kindern (oder Jugendlichen) einen Ferienjob aufzudrängen oder sogar verpflichtend vorzuschreiben. Ich sage das aus der relativ komfortablen Situation eines Einzelkinds und eines (väterlicherseits) Einzelenkelkinds, das nie von seinen Eltern zum Arbeiten gedrängt wurde. Als ich im Ferienjobkompatiblen Alter war, war die Ferienzeit die, in der ich machen konnte, was ich wollte, also hauptsächlich nichts oder zumindest nichts konkretes. Von dieser Zeit zehre ich heute noch. Ich hänge der Zeit hinterher, als ich noch so viel Zeit hatte zum Vertrödeln, zum Im-Garten-Rumliegen und Wirklich-den-ganzen Tag-keine-Verpflichtung-haben.

Ich habe mit 24 angefangen, Vollzeit zu arbeiten und kann mich nicht an den letzten Tag erinnern, an dem ich ernsthaft das Gefühl hatte, gar nichts tun zu müssen. Immer sitzt einem irgendein Ding im Nacken, die Steuererklärung, die gemacht werden müsste, die Wohnung, die aufgeräumt werden müsste, die Einkäufe, die erledigt werden müssten, die Rechnungen, die bezahlt werden müssten, die Mails, die geschrieben werden müssten. Selbst, wenn ich dann einen Tag nichts oder zumindest nichts Sinnvolles mache, habe ich am Abend ein schlechtes Gewissen. Die Leichtigkeit ist weg und es ist unklar, ob sie je wiederkommt.

Es gibt – aufs Leben betrachtet – ein relativ kleines Zeitfenster von maximal 18 Jahren (15, wenn man die ersten drei Jahre, an die man sich meistens ja sowieso nicht erinnert, nicht mitzählt), in denen wir von den Lasten des Erwachsenenseins qua unserem Alter befreit sind. Warum versucht man jetzt trotzdem, diese Zeit mit Last zu füllen?

In den Kommentaren zu Patricias Artikel und in der Twitterdiskussion fielen unterschiedliche Gründe, warum man das tun wollen könnte. Respekt war ein Grund. Disziplin ein anderer. Lernen, was Geld wert ist. Verantwortung lernen. Lernen fürs Leben.

Aber, seriously? Das sind alles Dinge, die ich von meinen Eltern gelernt habe, ohne, dass sie mich dafür zur Fließbandarbeit um 7 Uhr morgens schicken mussten. Wenn beklagt wird, dass heutzutage viele jungen Leute nicht mehr wissen, dass man pünktlich zu sein hat, dann liegt das nicht daran, dass hier ein Ferienjob gefehlt hat, sondern, dass es offensichtlich viele Jahre lang nicht geklappt hat, jemanden zu sozial akzeptablem Verhalten zu erziehen. Dass Dinge teuer sind und manchmal zu teuer, dass Geld nicht vom Himmel fällt, und man nicht immer alles haben kann, konnten mir meine Eltern auch so vermitteln, weil wir ein vertrauensvolles Verhältnis hatten. Ich zweifle bei all diesen Aspekten nicht an, dass man sie sicher lernt, wenn man als Jugendlicher mit der erwachsenen Arbeitswelt konfrontiert wird. Ich glaube aber auch fest daran, dass das alles Dinge sind, die einem auch so beigebracht werden sollten. Wenn es also daran mangelt, dann ist das Problem nicht ein fehlender Ferienjob.

Tatsächlich hatte ich auch kleine Jobs, bei denen ich etwas Geld verdient habe, Nachhilfe und Babysitting und in einem Jahr in der Vorweihnachtszeit Geschenke einpacken im Buchladen. Ich habe auch da gelernt, was man macht und was nicht, was Verantwortung bedeutet und dass man das halb gegessene Brötchen außer Sichtweite der Kunden aufbewahrt.

Aber.

Ich bin kein Maßstab. Ich bin kein Maßstab, weil ich trotz aller Wünsche in vielen Bereichen ein genügsames Kind war. Die Phasen, in denen ich dringend irgendein Kleidungsstück haben wollte, kann ich an einer Hand abzählen. Das teuerste, was ich mir dringend gewünscht habe, war der Amiga 500, und ja, den habe ich dann auch zu Weihnachten bekommen (gebraucht). Ein Großteil meiner Kleidung waren Sachen, die meine Mutter auf Flohmärkten und in Second-Hand-Läden kaufte. Ich wollte nicht allein in Urlaub und ging nicht in die Disco. Als ich später eine HiFi-Anlage hatte, war es die ausrangierte meiner Eltern, den Fernseher bekam ich, als mein Opa ins Altersheim kam und sich einen kleineren kaufte. Die Gelegenheit, mich zu einem Ferienjob zu überreden, indem man mir Wünsche vorenthielt, ergab sich kaum. Vermutlich hätte ich dann „na ja, dann eben nicht“ gesagt und wäre in die Bücherei gefahren, womit wir beim zweiten Aber wären.

Ich habe immer Dinge getan. Wenn mir als Teenager langweilig war, saß ich nicht rauchend im Park, sondern lieh mir Noten für Altflöte aus der Bücherei aus, weil man ja auch mal Altflöte lernen könnte. Ich war das Kind, das nicht oder nur unter Protest ohne die Schulbücher fürs nächste Schuljahr in den Sommerurlaub fuhr, das Kind, das in dem Jahr, in dem wir nicht in Urlaub fuhren, eben einfach jeden Tag in die Bücherei fuhr, da irgendwann wie selbstverständlich anfing, Bücher einzusortieren, und als quasi inoffizielle und heimliche Hilfsmitarbeiterin einen Großteil der Sommerferien verbrachte.

Langeweile wurde bei mir immer in Kreativität umgewandelt. Das heißt nicht, dass ich nicht auch sinnlos Zeit verbummelt hätte, dass ich nicht mit Freundinnen in der Fußgängerzone abhing, oder nicht stundenlang am Computer gesessen hätte, um den Solitär-Highscore meiner Mutter zu knacken. Ich weiß aber auch, wie wichtig eben genau Nichtstun ist, um sich Dinge auszudenken, wie die trägen Sommertage am Ende Ideen in Gang setzten oder wie die doch überbordende Langeweile mich zu absurden Projekten trieb. Der Versuch, ein Schneider-Buch auf der Blindenschreibmaschinen komplett zu übersetzen, schlug zwar fehl, aber immerhin war ich diszipliniert und eifrig bei der Sache.

Diese zwei Abers sind wichtig, denn ich glaube auch fest daran, dass nicht jede Eltern und jedes Kind mit der gleichen Betriebsanleitung glücklich werden. Ich weiß, dass die Marke der Hose den meisten Teenagern wichtiger ist, als sie es mir damals war. Ich weiß, dass andere Kinder weniger gut mit Langeweile umgehen können. Ich weiß, dass alles das, was bei mir gut funktioniert hat, bei anderen Menschen auch nach hinten losgehen kann.

Was ich ziemlich sicher weiß, ist aber, dass auch die endlos langen Ferientage wichtig für mich waren. Dass sie so wichtig waren, dass sie heute zu meinen liebsten Erinnerungen zählen, die ich nicht missen möchte. Selbstverständlich hätte ich auch bei einem Ferienjob wichtige Erfahrungen gesammelt, das Gegenteil zu behaupten wäre absurd. Ich glaube aber auch, dass ich alles, was ich da mit 15 gelernt hätte, eben einfach drei Jahre später gelernt habe und dass mir alles, was neben der konkreten Erfahrung an Werten vermittelt worden wäre, ohnehin nicht fremd war. Der Unterschied ist eben nur, dass es heute hundertmal schwieriger ist, unbeschwerte, freie Zeit zu organisieren und auch genießen zu können als es das damals war. Deshalb plädiere ich sehr dafür, genau diese kurze Zeit, in der wir uns diese Zeit, das Rumlungern, das Nichtstun und das Langweilen leisten können, auch zu bewahren.

Wir neigen dazu, Dinge, die wir selbst so erlebt haben, als Maßstab für unsere Vorstellungen von der Welt zu nehmen. Wer selber gearbeitet hat (ob freiwillig oder nicht), der kennt die Vorzüge und Nachteile, glaubt entweder an die Potentiale und wird diesen Weg auch für seine Kinder wählen oder erinnert sich an die schlechten Aspekte und versucht, seine Kinder davor zu bewahren. Genauso kann ich nur die Vorzüge und Nachteile eines Teenagerlebens ohne Ferienjob bewerten, schlicht, weil mir diese Erfahrung fehlt. Wir handeln immer aufgrund der Erfahrungen, die wir gemacht haben, es gibt keine Parallelwelt, aus der ich die Erkenntnis ziehen könnte, was gewesen wäre, wenn ich früher mein eigenes Geld verdient hätte.

Das einzige, was ich bei einer solchen Diskussion nicht akzeptiere, ist der Satz „Es hat mir nicht geschadet.“ Zum einen ist das ein Null-Argument. Es trägt nichts bei, denn nicht zu schaden ist nicht von sich aus positiv, es ist nur nicht negativ. Wenn ich jeden Morgen ein Glas Milch in den Abfluss gieße, schadet das auch nicht (abgesehen davon, dass ich unnötig Geld für Milch ausgebe), es hilft aber auch erstaunlich wenig. Zum anderen ist das auch das gleiche Argument, mit dem andere Generation Ohrfeigen rechtfertigen und damit, das wissen wir mittlerweile, sogar sehr falsch liegen. Es gibt genug gute Gründe, warum man einem Teenager einen Nebenjob nahelegt, „Ich hab es auch gemacht und es hat mir nicht geschadet“ ist kein guter Grund.

Wenn es unbedingt einen Nebenjob braucht, um Respekt, Demut, Disziplin und Selbstständigkeit zu lernen und zu erfahren, dann frage ich mich schon ein bisschen, was so alles schief gelaufen ist, dass man diese Teile der Persönlichkeitsentwicklung in die freie Wirtschaft auslagern muss. Und nicht jede Erfahrung, die man macht, ist notwendig. Vielleicht macht mich alles, was mich nicht umbringt, stärker, aber vielleicht rechtfertigen wir damit auch Erfahrungen, auf die wir eigentlich gut hätten verzichten können.

Lieblingstweets im Februar (Teil 1)

KNÄCKEBROT! VOLLKORN-PFANNKUCHEN! SCHOKOLADENTORTE UND PIZZA! FEUCHTTÜCHER! BULETTEN, ROSENKOHL UND PUDDINGHAUT! UND ZAUBERSCHOWS! HÄ?

Bücher 2017 – Plätze 5 bis 1

Weiter geht’s mit der ultimativen und höchst subjektiven Bücherhitliste 2017. Zu den Plätzen 10 bis 6 geht es hier.

 

5. Die Stadt der Tausend Treppen von Robert Jackson Bennett

Endlich wieder etwas, dass man dem schönen Genre „politische Fantasy“ zuordnen kann. Als in der Stadt Bulikov, die (eher widerwillig) eine Kolonie des Inselreiches Saypur ist, wird ein saypurischer Wissenschaftler ermordet. Dieser Mord und seine Aufklärung ist vor dem Hintergrund des ohnehin gereizten politischen Klimas eine höchst brisante Geschichte und so wird die junge Diplomatin Shara in die Stadt geschickt, um das ganze genauer unter die Lupe zu nehmen. Allerdings ist Shara gar keine Diplomatin, sondern eine Agentin und man kann sich jetzt vielleicht schon ungefähr vorstellen, dass es sich bei Die Stadt der Tausend Treppen um eine etwas komplexere Geschichte handelt, die eben neben den typischen Fantasyelementen auch reichlich Agentenverschwörungsthrillerkrimizeug enthält. Die Charaktere sind gut gezeichnet und originell. Gerne gelesen und gerade den zweiten Teil als Hörbuch runtergeladen.

Die Stadt der Tausend Treppen von Robert Jackson Bennett [Amazon-Werbelink]

 

4. Die Gestirne von Eleanor Cotton

Ein Buch, an das ich mich lange nicht herangetraut habe, es hat so furchtbar viele Seiten. Tatsächlich geht es auch eher langsam los, was auch daran liegt, dass auf den ersten vierhundert Seiten die Grundlage geschaffen wird für die sich immer dichter zusammenstrickende Geschichte, die sich dem Leser dann auf den folgenden sechshundert Seiten präsentiert.

Hat man sich aber durchgebissen, wird man reichlich belohnt. Es geht um den jungen Walter Moody, der gerade von einem Schiff aus Europa kommt und in der kleinen neuseeländischen Goldgräberstadt Hokitika in einem Hotel in eine Versammlung von zwölf Männern platzt, die das Rätsel, um einen Todesfall, einen vermeintlichen Selbstmord, einen verschwundenen Goldgräber, einen verdächtigen Schiffskapitän und einen Goldschatz lösen wollen. Aus den Geschichten, die jeder der zwölf Männer erzählen kann, ergibt sich nach und nach ein Gesamtbild, aus dem sich die wahre Geschichte herausschält.

Das ist von der Autorin einfach und einfach gesagt irre gut gemacht. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich vermutlich auch eher an den dicken Wälzer getraut.

Die Gestirne von Eleanor Cotton [Amazon-Werbelink]

 

3. Rotherweird von Andrew Caldecott

Auch an diesem Buch habe ich etwas länger rumgekaut, während ich bei Die Gestirne aber einfach lange gebraucht habe, um damit anzufangen, habe ich bei Rotherweird  sehr lange gebraucht, um es zu Ende zu lesen.

Das Dorf Rotherweird liegt irgendwo in England und genießt einen Unabhängigkeitsstatus, der aber nur mit der Einschränkung gilt, dass keine lokale Geschichte vor 1800 studiert werden darf. Dafür wird besonderen Wert auf die wissenschaftliche Ausbildung gelegt, das Dorfvolk bleibt unter sich, nur selten dürfen sich Außenseiter niederlassen. Jonah Oblong ist so ein Außenseiter, ein Lehrer, der die kurzfristig freigewordene Stelle des alten Geschichtslehrers übernehmen soll. Zeitgleich macht der geheimnisvolle Sir Veronal Slickstone Furore, der in das lange leerstehende Manor House zieht, zusammen mit seiner Frau (die gar nicht seine ist) und seinem Sohn (der gar nicht seiner ist).

Damit hätten wir nur einen kleinen Teil dieser komplexen Fantasygeschichte angerissen, womit wir auch bei dem kleinen Wermutstropfen werden. Es dauert etwas, bis man sich in Rotherweird eingelesen hat, zu oft wechseln die Figuren und Schauplätze, zu lange weiß man nicht, ob und wie das alles zusammengehört. Steckt man dann aber einmal drin, so entwirren sich die Fäden und fügen sich tatsächlich ziemlich geschickt zu einer wunderbar ausgestalteten und detailreich erzählten Geschichte zusammen. Das Durchhalten hat sich also gelohnt.

Rotherweird von Andrew Caldecott [Amazon-Werbelink]

 

2. Wir Strebermigranten von Emilia Smechowski

Vielleicht das traurigschönste Buch des Jahres. Nicht, weil die Lebensgeschichte von Emilia Smechowski, die mit fünf Jahren von Polen nach Deutschland kommt, im Auto über zwei Grenzen geflohen, von jetzt auf gleich aus dem alten Leben gerissen und in ein neues geworfen. Die Eltern sind fleißig und setzen alles daran, möglichst nicht aufzufallen, sich anzupassen, sie arbeiten sich hoch von der Flüchtlingswohnung zum Eigenheim, die Töchter sollen genauso gut funktionieren.

Aber Emilia funktioniert nicht so, wie ihre Eltern sich das wünschen, sie will Sängerin werden, keine Ärztin, will sich nicht anpassen bis zur Unsichtbarkeit. Dass sie nicht allein ist, merkt Emilia erst später, als sie Menschen trifft, die ihre Geschichte teilen, die ebenso wie sie auf der Suche nach ihrer Identität sind, irgendwo zwischen den polnischen Wurzeln und dem deutschen Alltag. Erst als Emilia sich selber erlaubt, sie selbst zu sein, kann das Verhältnis zu den Eltern wieder gekittet werden.

Emilia Smechowski hat hier ihre eigene Migrantengeschichte aufgeschrieben, so nah und ehrlich, dass man zwischendurch mitverzweifelt und ihr gerne dauernd sagen möchte, dass schon alles irgendwie gut werden wird. Aber Gott sei Dank ist Wir Strebermigranten eben auch ein hoffnungsvolles Buch, dass zwar hauptsächlich von der Vergangenheit erzählt, aber am Ende auch die Zukunft im Blick hat.

Wir Strebermigranten von Emilia Smechowski [Amazon-Werbelink]

 

1. Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky

Im Jahr 2011 stand hier Mariana Lekys Die Herrenausstatterin auf Platz 1. Sechs Jahre später hat sie es wieder geschafft. Dieses Mal mit Was man von hier aus sehen kann. Das Buch punktet nicht nur mit einem Okapi auf dem Cover, sondern auch mit einer Leky-typischen Geschichte.

In einem Dorf mitten im Westerwald lebt Selma, die aussieht wie Rudi Carrell. Immer, wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf und diese Nacht hat Selma von einem Okapi geträumt. So fängt alles an, und Selmas Enkelin Luise erzählt, wie es dann weitergeht. Mit dem Optiker, der in Selma verliebt ist und ihr jahrelang Briefanfänge schreibt. Mit Elsbeth, die für alles ein Wundermittel hat. Mit der traurigen Marlies, die ganz allein in dem Haus wohnt, in dem sich ihre Tante erhängt hat. Mit Luises Vater, der einen Hund anschafft, um seinen Schmerz zu externalisieren. Mit Luises Mutter, die nicht weiß, ob sie ihren Mann verlassen soll. Mit Martin, Luises bestem Freund und seinem Vater, der Jäger und Alkoholiker ist und vor dem Selma die Rehe schützen muss.

Genau wie bei Die Herrenausstatterin lag ich irgendwann Rotz und Wasser heulend im Bett, denn alles an diesem Buch ist schön. Wenn man sich in einem Buch und seinen Figuren verlieren möchte, dann doch bitte in diesem hier.

Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky [Amazon-Werbelink]

Lieblingstweets im Januar (Teil 2)

ERDMÄNNCHEN! ENTTÄUSCHENDE GEHEIMDIENSTE! GEILERE FORDERUNGEN! PORNO-HANDWERKER! WACHSMALSTIFTE! HEUTE MAL MIT FRECHEN ILLUS!

Die letzte Fernsehzuschauerin

Gestern befand ich mich wieder in einer unmöglichen Situation. Zum 461. Mal John Grishams „Die Akte“ mit einer sehr jungen Julia Roberts, einem lebenden Sam Shepard und einem sehr, sehr jungen Denzel Washington oder doch eine Dokumentation über eine Zugfahrt durch Skandinavien gucken?

Schwierig.

Die Menschen im Internet verstehen meine Sorgen nicht. Ob ich denn kein Internet hätte, fragen sie. Ja, natürlich habe ich Internet, aber was hilft es mir, wenn ich abends entscheidungsschwach auf dem Sofa liege und eigentlich nur möglichst energiesparsam unterhalten werden möchte. Wenn ich mich jetzt noch bei Netflix zwischen 26 Serien und 17 Filmen entscheiden müsste, das würde mich nur heillos überfordern.

Ich bin ein großer Freund des linearen Fernsehens. Also eigentlich: Ich bin ein großer Freund des Fernsehens. Ich finde Fernsehen super, schon immer, das Fernsehen begleitete mich treu durch Kindheit und Jugend bis heute. In den Achtzigern saßen wir bei Joana im Keller und guckten schlimme Spielshows auf Tele 5 und das grandiose Full House, das später von einem schlechteren, aber deutlich beliebteren Full House abgelöst wurde, und, wie ich nach langer Internetrecherche herausgefunden habe, im Original Rags to Riches hieß. Die Kurzfassung: Ein Millionär nimmt einen Haufen Mädchen aus einem Waisenhaus bei sich auf, es wird viel rumpubertiert, jede Folge ein Drama, das sich natürlich zum Ende der Folge wieder auflöst und vor allem wurde in jeder Folge in Sechziger-Jahre-Outfits gesungen! Ein Traum unserer jungen Mädchenjahre, aber leider von der deutschen Fernsehlandschaft vergessen und auf YouTube nicht in zufriedenstellender Quantität und Qualität im Angebot. (Ich hab geguckt.) Die Folge, in der der drohende Atomkrieg mit der Sowjetunion thematisiert wurde, kam in ihrer traumatisierenden Wirkung fast an die Wattenmeer-Szene aus der letzten Folge von Nesthäkchen heran. Noch heute fürchte ich Atomkriege und würde mich nie im Leben auch nur einen Zentimeter zu weit ins Wattenmeer wagen.

Unser erster Fernseher war noch schwarz-weiß und hatte Knöpfe am Gerät, so dass man zum Ein- und Ausschalten aufstehen und hingehen musste. Das war allerdings auch kein großes Problem, denn der Fernseher war sehr klein, so dass man ohnehin fast in Reichweite auf dem Boden davor saß. Er stand außerdem bei meinen Eltern im Schlafzimmer, allerdings eher aus wohnungslogistischen Gründen und nicht wegen irgendwelcher potentiellen erzieherischen Restriktionsmaßnahmen. Im Gegenteil, man musste erfinderisch werden, wenn man vor dem Fernseher essen wollte und deswegen weiß ich jetzt: Ein Bügelbrett ist ein guter Tischersatz, bietet den Vorteil, dass man ihn höhenverstellbar auch auf Betthöhe bringen kann, allerdings auch den Nachteil, dass verschlabberte Tütensuppe direkt einzieht.

Der Übergang von Kindheit zur Präpubertät fiel bei mir praktischerweise zeitgleich auf den Einzug des Privatfernsehens, so dass sich im Nachhinein nicht mehr auseinanderhalten lässt, ob wir die schlimmen Sachen (Talk Shows! Beverly Hills 90210!) guckten, weil wir gerade dumme Teenager waren oder weil es halt gerade im Trend war (vermutlich beides). Später im Studium konnte man die ersten zwei bis drei Staffeln Big Brother immerhin auch noch mit der Ausrede einschalten, man würde das allein aus medientheoretischem Interesse gucken. Das war zu 90 Prozent gelogen und zu zehn Prozent besitze ich tatsächlich die Essaysammlung „Big Brother: Inszenierte Banalität zur Primetime“ (Herausgeber Frank Weber, erschienen 2000 im LIT Verlag, nur noch antiquarisch erhältlich).

Heute ist mir alles egal. Weil wir alle auch ein bisschen unsere Eltern sind, gucke ich jede Vogelzugs-, Tiefsee- und Seeotterdokumentation, die mir unterkommt, genauso wie gute und weniger gute Filme und schlimme und weniger schlimme Sendungen in denen Leute kochen, Trödel verkaufen, schlechte und weniger schlechte Start-Up-Ideen präsentieren und mit Restaurants pleite gehen. Mit Hingabe sehe ich fernsehgeschichtliche Kleinode wie „Guter Rat am Zuschneidetisch“ und verpasse keine Gelegenheit, mich zwei Stunden lang mit Musikvideos der Neuen Deutschen Welle sanft berieseln zu lassen. Dazwischen mogelt sich die Serienversorgung über Netflix und schlimmes Trashfernsehen.

Und dann sind da eben die Tage, an denen man abends auf dem Sofa liegt und nichts kommt außer zum 461. Mal „Die Akte“ und eine Dokumentation über Zugfahren in Skandinavien. Mein Mann schlug vor, man könnte ja auch abschalten und sich unterhalten, wir haben also folgerichtig zum 462. Mal „Die Akte“ geguckt.

Ich stelle mir vor, wie das lineare Fernsehen irgendwann doch zu Grunde geht und die letzten Stationen abgeschaltet werden und dann sitzen da nur ich und ein paar verwandte Seelen, schalten mit Tränen in den Augen den Fernseher aus, verbrennen unsere letzte Fernsehzeitung im Kamin und seufzen einmal laut und tief. Aber bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit.

Bücher 2017 – Plätze 10 bis 6

10. Jürgen von Heinz Strunk

Vielleicht ist Jürgen nicht das beste Buch, das Heinz Strunk bisher geschrieben hat, aber es könnte das schönste sein. Strunk kehrt zu seinem Lieblingsthema zurück, er erzählt von Verlierertypen, die auch nur irgendwie glücklich sein wollen.  In diesem Fall ist es Jürgen, der als Parkhauswächter arbeitet, sich um seine kranke Mutter kümmert. Während er in seinen Tagträumen zum Parkhauswächter in glänzender Rüstung wird und so die Frau seiner Träume kennenlernt, sieht die Realität etwas düsterer aus. Keine Frau weit und breit, nicht beim Speed Dating und auch sonst nirgendwo. Dann lässt er sich von seinem Kumpel Bernd breitschlagen und fährt mit einer dubiosen Firma nach Polen, um dort seine potentielle Frau fürs Leben zu finden.

Das ist alles gleichermaßen rührend wie tieftraurig und genau das hat es mir beim Lesen auch angetan. Besser übrigens noch: Das ganze als Hörbuch, gelesen von Heinz Strunk selber.

Jürgen von Heinz Strunk [Amazon-Werbelink]

 


9. Saturday Night Biber von Anja Rützel

Alles an diesem Buch ist schön. Anja Rützel, eigentlich eher dafür bekannt, schlimmes Fernsehen zu gucken, um dann grandiose Kolumnen darüber zu schreiben, ist ein großer Tierfan. Dabei muss das Tier noch nicht mal besonders niedlich sein, gerade die Außenseiter des Tierreichs haben es ihr angetan. Und so verfällt sie Fauchschaben gleichermaßen wie Turnierkaninchen, Kühe und dem Ameisenbären Ernst-Einar. Sie kuschelt mit Kühen, wird zur Biberberaterin und besucht einen Tierpräparatorenkurs.

Das alles erzählt sie mit so viel Liebe für die Absurditäten und Obskuritäten des Tierfreundlebens, dass man das alles eigentlich auch mal machen möchte. Am Ende klingen sogar Fauchschaben wie eine ganz attraktive Haustieroption, und das muss man erst mal schaffen. Ein Buch, bei dem jeder Satz eine Freude ist und das viel zu schnell vorbei ist.

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8. The Bone Clocks von David Mitchell

Ein typischer Mitchell eben. Man springt durch die Zeit, sieht die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven und immer ist da ein roter Faden, diese eine Figur, um die sich alles dreht, mit der alles beginnt und alles endet. In diesem Fall ist es Holly Sykes, die im Jahr 1984 als Teenager von zu Hause abhaut und ein paar sonderbare Charaktere trifft. Von dort aus entspinnt sich eine Geschichte um die unsterblichen Horologists und die von ihnen bekämpften Anchorites, die uns bis ins Jahr 2043 führt.

Klingt komisch? Ist es auch. Aber das ist eben David Mitchell, der auch bei diesem Buch keine Gefangenen macht und in einem Rundumschlag ein Kaleidoskop von Schauplätzen, Personen und Geschichten präsentiert, aber eben nie das große Ganze aus den Augen verliert.

The Bone Clocks von David Mitchell [Amazon-Werbelink]

 

7. Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre

Über Panikherz kann ich eigentlich nur lobhudeln. Vollkommen überraschend habe ich dieses Buch von von Stuckrad-Barre von vorne bis hinten geliebt. Er erzählt hier seine eigene Geschichte, von der Kindheit als Pfarrerssohn in der Provinz über die Selbstfindungszeit bis zum Literatur-Pop-Wunderkind und darüber hinaus. Von Stuckrad-Barre lässt nicht viel aus, berichtet von Drogen, Magersucht und Therapien, von seiner Liebe zum Musiker Udo Lindenberg und seiner Freundschaft mit dem Mensch Udo.

Das ganze ist wunderbar ehrlich und wirkt an keiner Stelle aufgesetzt und macht am Ende den Menschen von Stuckrad-Barre mit all seinen Fehlern und nervigen Eigenheiten ganz nahbar. Nachdem ich damals eher verwirrt vor dem großen Popliteraten-Hype stand und nicht verstand, warum das jetzt alle gut fanden, war ich hier sehr begeistert.

Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre [Amazon-Werbelink]

 

6. Der neue Chef von Niklas Luhmann

Tatsächlich habe ich einen nicht unerheblichen Teil dieses kleinen Büchleins auf Autofahrten vorgelesen. Sehr langsam und deutlich und manche Sätze auf Nachfragen meines Mannes noch einmal (und manchmal noch einmal). Auf Zugfahrten fotografierte ich bei der Lektüre die schönsten Sätze, um sie mit der Welt zu teilen.

Luhmann schreibt in diesem Essay über die Probleme, die sich im System eines Betriebs ergeben, wenn ein neuer Chef eingesetzt wird und ist dabei so zeitlos, dass man kaum glauben kann, dass dieser Text aus den 1960er Jahren stammt. Tatsächlich ist Der neue Chef keine einfache Kost, hier ist kein Wort zu viel, jeder Satz sitzt und genau diese Kompaktheit macht es dann auch so herausfordernd, immer muss man mitdenken, weiterdenken, noch-mal-drüber-nachdenken: „Kannst du den Satz bitte noch mal lesen?“

Trotz allem schimmert immer wieder ein feiner subtiler Humor heraus, bei aller Abstraktion ist das Thema so alltäglich, zumindest, wenn man als Angestellter in einer Firma arbeitet oder schon mal gearbeitet hat. Eine große Empfehlung, um sich dem Sozialsystem im Job mal auf eine andere Art zu nähern.

Der neue Chef von Niklas Luhmann [Amazon-Werbelink]

Lieblingstweets im Januar (Teil 1)

WEIN, KÄSE UND ZWIEBELN! BADEZIMMERLAMPEN! WURSTTOASTER! PINK MARTINI MIT HEISSER MILCH! STERNSINGER! UND ENTWENDETE KEKSE!