Bücher 2016 – Plätze 5 bis 1

Weiter geht’s mit der ultimativen und höchst subjektiven Bücherhitliste. Zu den Plätzen 10 bis 6 geht es hier.

5. The Fifth Season von N.K. Jemisin

Schon etwas länger her, dass ich das gelesen habe, deswegen erinnere ich mich auf eher abstrakte Art und Weise an den Inhalt und eben daran, wie gut mir das alles gefallen hat. Ich zitiere mal der Einfachheit halber aus meiner damaligen Kurzrezension:

Die Erde in The Fifth Season ist zerbrochen, ein riesiges Erdbeben ist der Auslöser, man richtet sich auf Jahre oder gar Jahrzehnte harten Lebens ein. Diese fünfte Jahreszeit gibt es immer wieder, Auslöser sind tektonische Ereignisse, die das Gesamtgefüge so durcheinander bringen, dass es in dieser Jahreszeit immer ums nackte Überleben geht.

In diesem Zusammenhang lernen wir Damaya, Syenite und Essun kennen, drei Frauen, orogenes, also Menschen, die die Bewegungen der Erde nicht nur spüren, sondern auch kontrollieren können und von den anderen gefürchtet sind, weil ihre Fähigkeiten unkontrolliert eine Gefahr darstellen. Irgendwo gefangen zwischen Macht und Unterdrückung werden orogenes respektiert und gleichermaßen gehasst.

Ich habe das jedenfalls sehr gemocht und hatte hier mal wieder ein Buch, bei dem ich nach einem etwas sperrigen Anfang relativ schnell nicht mehr aufhören wollte zu lesen.

The Fifth Season von N.K. Jemisin [Amazon-Werbelink]

4. Das fremde Meer von Katharina Hartwell

Katharina Hartwell erzählt die Liebesgeschichte von Marie und Jan in zehn unterschiedlichen Kapiteln, jedes in einem anderen Stil geschrieben. Die Geschichte aus der Wechselstadt, in der Häuser einfach verschwinden und an anderer Stelle auftauchen, die Geschichte aus einer Pariser Psychiatrie, ein Märchen, eine Zirkusgeschichte, die Geschichte von den zwei Kindern, die auf zwei einsamen Inseln aufwachsen. Alles Geschichten, die irgendwie mit der Geschichte von Marie und Jan zu tun haben und wenn sich am Ende dann alles zusammenfügt, zieht es einem ein bisschen den Boden unter den Füßen weg. Sehr groß, sehr gut, sehr empfehlenswert.

Das fremde Meer von Katharina Hartwell [Amazon-Werbelink]

 

3. Minigolf Paradiso von Alexandra Tobor

Malina ist 16 und ihr einziger richtiger Freund ist ein toter Punk, dem sie Briefe schreibt und Vogelschädel ans Grab bringt. Sie fühlt sich unsichtbar und unverstanden und wurzellos, denn ihre polnischen Eltern haben den Kontakt zur Oma abgebrochen und Opa ist ertrunken. Als ihre Eltern dann in Urlaub fahren, findet sie heraus, dass Opa vielleicht doch nicht tot ist und macht sich auf die Suche nach ihm. Sie findet ihn auf einem heruntergekommenen Minigolfplatz im Ruhrgebiet, und plötzlich steckt sie mitten in einem Roadmovie auf dem Weg nach Polen.

Minigolf Paradiso steckt voller Neunziger-Nostalgie und hat bei mir viele Jugenderinnerungen wachgerufen. Darüberhinaus ist aber vor allem herzenswarm und geht mit seinen Figuren und Geschichten sehr liebevoll um. Und große Teddybären kommen auch vor.

Minigolf Paradiso von Alexandra Tobor [Amazon-Werbelink]

 

2. Alles außer irdisch von Horst Evers

Von Horst Evers kannte ich bisher nur die Kurzgeschichten, die ich aber auch alle sehr empfehlen kann, vor allem, wenn Horst Evers sie selber vorliest.

Alles außer irdisch ist jetzt eine Science-Fiction-Komödie im Douglas-Adams-Stil, nur, dass Protagonist Goiko Schulz erst gar nicht ins Weltall kommt, weil die Tür des Raumschiffs klemmt. Aber das nur nebenbei, da greift man ja in der Geschichte schon sehr vor. Goiko jedenfalls wird beim Jungfernflug vom Berliner Flughafen von ein paar außerirdischen Artenrettern entführt (aber im Guten), damit er bei einem interplanetaren Gerichtshof für seinen Planeten sprechen kann, ansonsten ist dieser nämlich in großer Gefahr. Na ja, und dann passiert das mit der klemmenden Tür und es wird alles noch komplizierter als es sowieso schon war.

Ich hatte sehr, sehr viel Spaß beim Hören des Hörbuchs. Natürlich erinnert vieles an Adams Anhalter-Trilogie, aber Evers erfindet seine ganz eigenen bekloppten Außerirdischen und ebenso bekloppten Irdischen. Dazu noch etwas Zeitreise und viel Humor und man kann sich eigentlich nicht beschweren.

Alles außer irdisch von Horst Evers [Amazon-Werbelink]

 

1. Radiance von Catherynne M. Valente

Radiance war das erste Buch, das ich dieses Jahr las, dementsprechend bin ich auch hier mit dem genauen Inhalt nicht mehr so super vertraut, ich weiß aber noch, dass ich während des Lesens dauernd „Toll! Toll! Toll! Toll!“ dachte und das Buch als einziges dieses Jahr bei Goodreads mit fünf Sternen bedachte. Es wird also was dran gewesen sein, denn ich gehe sehr vorsichtig mit Fünf-Sterne-Bewertungen um.

Dementsprechend auch hier mal einfach meine damalige Kurzrezension, die mit weniger zeitlichem Abstand nach dem Lesen geschrieben wurde:

Radiance spielt in einer Alternativwelt, in der alle Planeten besiedelt (und besiedelbar) sind und in der auf der anderen Seite Filme eine große Rolle spielen (Stummfilme allerdings, denn der Tonfilm konnte sich aus Patentgründen nicht durchsetzen). Einer der bedeutendsten Regisseure ist Percival Unck, Vater von Severin Unck, die in seine Fußstapfen tritt und beim Drehen einer Dokumentation in einer verlassenen Stadt auf der Venus einfach verschwindet. Um diesen Vorfall dreht sich das Buch. Catherynne M. Valente hat aber nicht einfach eine normal von Anfang bis Ende erzählte Geschichte daraus gemacht, sondern präsentiert Versatzstücke, die als Puzzle die gesamte Geschichte ergeben. Interviews, persönliche Berichte der Menschen, die mit Severin zu tun hatten oder sogar bei ihrem Verschwinden dabei waren, Drehbücher und transkribierte Filmaufnahmen. Man reist einmal von Planet zu Planet und darf sich das Leben von Severin zusammenreimen.

Auch dieses Buch war nicht einfach zu lesen, man muss sich ein bisschen durchkämpfen und sich die Geschichte zusammensetzen. Wer ein etwas fordernderes Buch braucht und wen das Genre „Science-Fiction-Film-Noir mit Puzzlespielelementen“ nicht abschreckt, der greife hier zu.

Radiance von Catherynne M. Valente [Amazon-Werbelink]

Bücher 2016 – Plätze 10 bis 6

Meine Lieblingsbücher des Jahres setzen sich schön zusammen aus deutscher Gegenwartsliteratur mit ein bisschen Nostalgie und moderner englischsprachiger Genreliteratur. Das ist doch ein guter Mix, damit kann man arbeiten. Hier nun die Plätze 10 bis 6 meiner liebsten Bücher, die ich 2016 gelesen habe.

10. Slade House von David Mitchell

Eine kleine Gruselgeschichte von David Mitchell, der auch auf kleinerem Format wieder das macht, was er am besten macht, nämlich für jeden seiner Erzähler eine ganz eigene Stimme zu finden. In diesem Fall teilen die Erzähler das gleiche Schicksal: Sie alle werden in ein geheimnisvolles Haus gelockt, in dem ein Geschwisterpaar es auf nichts anderes als auf die Seelen der armen Unwissenden abgesehen hat. Es hat viel Spaß gemacht, das zu lesen, gerade weil es so schön kurz und auf den Punkt war.

Slade House von David Mitchell [Amazon-Werbelink]

 

9. Sommernovelle von Christiane Neudecker

Ein schöner nostalgischer Sommerroman, der in den Achtzigern spielt und von zwei Freundinnen erzählt, die in den Ferien und voll mit jugendlichen Idealen auf einer Vogelstation auf einer Nordseeinsel helfen wollen. Doch auf der Vogelstation werden die beiden von der Realität des Erwachsenseins eingeholt. Erste Liebesenttäuschungen warten auf sie ebenso wie das dumpfe Gefühl, von den vermeintlichen Vorbildern bitter verraten worden zu sein. Vor allem aber überzeugt Sommernovelle mit den detaillierten Beschreibungen der Sommertage auf der Insel. Es ist wohl egal, wann man dieses Buch liest, man wird immer den Sommerwind spüren, wenn Panda und Lotte mit den Fahrrädern über die Inselstraßen rauschen.

Sommernovelle von Christiane Neudecker [Amazon-Werbelink]

 

8. Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann

Es klingelt an der Tür des Ich-Erzählers und der Tod steht vor der Tür. Es würde ihn jetzt leider abholen müssen, sagt er, so leid es ihm tue. Dann aber klingelt es schon wieder an der Tür und Sophia, die Ex-Freundin des zu Versterbenden bringt alles durcheinander. Denn auf einmal geht es nicht mehr so einfach mit dem Sterben und nach einer durchzechten Nacht gehen Sophia, der Tod und der immer noch nicht Verstorbene zusammen mit seiner Mutter auf eine Reise, um sich wenigstens noch den wichtigsten Leuten zu verabschieden. Das alles ist gleichermaßen witzig wie einfühlsam erzählt, ich empfehle auch das Hörbuch, denn das liest Thees Uhlmann selber und von jemand anderem will man das vermutlich gar nicht vorgelesen bekommen.

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann [Amazon-Werbelink]

 

7. Mädchenmeute von Kirsten Fuchs

Charlotte soll in den Sommerferien in eine Mädchenabenteuercamp und findet das so mittelgut, aber was will man schon machen, wenn man erst 13 ist und die Eltern noch alles bestimmen dürfen. Schon in der ersten Nacht geht alles schief, was nur schiefgehen könnte und als sich die Ereignisse am Tag darauf hochschaukeln, hauen die Mädchen kurzerhand ab, und beschließen, den Rest der Zeit in einem Stollen irgendwo in Thüringen ihr eigenes Abenteuer zu suchen. Auf dem Weg retten sie noch ein Rudel Hunde und so leben Mädchen und Hunde im Wald und lernen viel über die Natur, übers Überleben und sich selber. Ein wunderschöner Jugendroman von Kirsten Fuchs, den ich in einem Rutsch am Strand gelesen habe, und dem ich auch die etwas überzeichneten Nebenfiguren schnell verziehen habe, weil ansonsten einfach alles passte.

Mädchenmeute von Kirsten Fuchs [Amazon-Werbelink]

 

6. The Last Days of New Paris von China Miéville

Endlich wieder Miéville gelesen. The Last Days of New Paris ist eine Novelle, für die man aber genauso lange wie für einen Roman braucht, weil man dauernd Kunstwerke und Künstler googeln muss. Während des Zweiten Weltkrieges wurde in Paris eine surrealistische Bombe gezündet und seitdem geistern die Ideen der Surrealisten durch die abgeschottete Stadt. Hier kämpfen nun Widerständler gegen Nazis gegen die manifs, wie die manifestierten Kunstwerke genannt werden gegen Dämonen. Das ist ungefähr genauso absurd, wie es sich anhört und ergibt gleichzeitig Sinn, wenn man sich erstmal eingelesen hat. Außerdem lernt man noch was, vorausgesetzt natürlich, man liest die Fußnoten und googelt dauernd rum.

The Last Days of New Paris von China Miéville [Amazon-Werbelink]

Gelesen im Oktober 2016

Dark Made Dawn von James P. Smythe

Dritter Teil der Australia-Trilogie, lest am besten einfach, was ich zu Teil 1 und Teil 2 geschrieben habe, man kann ja kaum etwas über das Buch sagen, ohne etwas aus den anderen Teilen zu verraten. Gelungener Abschluss mit zufriedenstellendem Ende und überhaupt. Wer schnelle YA-SF-Dystopien mag, wird hier gut bedient, ich mochte das sehr.

Dark Made Dawn von James P. Smythe [Amazon-Werbelink]

 

Binti von Nnedi Okorafor

Eine SF-Novelle, über die ich schon viel gehört hatte, allerdings war mir nicht klar, dass es eine Novelle war und so war ich erstmal irritiert. Binti gehört zum Stamm der Himba und hat als mathematisches Wunderkind einen Platz an der Ooomza-Universität bekommen. Eigentlich gehört sich so etwas für die Himba nicht, und so bricht Binti mit ihrer Familie und steigt in das Raumschiff, das sie zur fernen Universität bringen soll. So ist sie allein auf einem Schiff voller Leute, die sie ob ihrer Traditionen nur langsam akzeptieren. Dann greifen die Medusen an und Binti ist auf einmal noch viel alleiner.

Vielleicht sollte der Vorsatz fürs nächste Jahr sein, mehr Novellen zu lesen, das ist eigentlich ein ganz angenehmes Format. Binti jedenfalls überzeugt mit einer sehr durchdachten Geschichte und einer komplexen Heldin. Darf gerne weitergehen.

Binti von Nnedi Okorafor [Amazon-Werbelink]

 

1Q84 (#1 – 2) von Haruki Murakami

Nope. Nope nope nope. Es fing so vielversprechend an, ich mag Murakami, die Figuren waren interessant, das Setting gut, die Story ließ sich gut an und ich war sehr bereit, das Buch zu lieben.

Dann wurde aber alles nervig und schlimm und noch nerviger und schlimmer, und irgendwann hatte ich einfach kein Interesse mehr, alle paar Seiten irgendetwas über irgendwelche Brüste zu lesen. Da konnte auch die Geschichte nicht helfen und das meiste habe ich auch mittlerweile wieder verdrängt, es geht um eine Parallelwelt, in die sich eine Auftragskillerin verirrt und ein junges Mädchen, das eine Geschichte über die „Little People“ geschrieben hat und einen Ghostwriter, der aus dieser Geschichte einen Bestseller macht und das wäre vermutlich, jetzt wo ich wieder drüber nachdenke, auch alles eigentlich ganz brauchbar gewesen, wenn nicht dauernd irgendwer über irgendjemandes Brüste reden oder nachdenken würde. Mannmannmann.

Ich habe kurz überlegt, ob ich noch den dritten Band lesen bzw. hören soll, mich dann aber dafür entschieden, lieber die Zusammenfassung in der Wikipedia zu lesen.

1Q84 (#1 – 2) von Haruki Murakami [Amazon-Werbelink]

 

Tigerman von Nick Harkaway

Endlich mal wieder ein Buch von Nick Harkaway, dessen Debüt The Gone-Away World ich so verehre. Das Schöne an Harkaway ist, dass man nie weiß, was einen als nächstes erwartet.

In Tigerman geht es auf die Insel Mancreu, eine Insel irgendwo weit ab vom Schuss, britische Kolonie, aber vor allem durch diverse Schlampereien verseucht und dem Untergang geweiht. Jeden Moment könnte der Vulkan ausbrechen und eine neue Wolke toxischer Rätsel ausspeien. Die Evakuierung ist schon geplant, nur wann, weiß niemand so genau und während die einen nach und nach die Insel für immer verlassen, bleiben die anderen hartnäckig, bis man sie aufs Schiff trägt.

Mittendrin Lester Ferris, Veteran der britischen Armee, der irgendwie auf die Insel aufpassen soll, dessen Autorität aber von den Inselbewohnern mindestens angezweifelt wird. Zwischen Drogengeschäften, dem drohenden Untergang, Bandenkriegen und dem gewaltsamen Mord eines seiner wenigen Freunde versucht Lester irgendwie Sinn in die Sache zu bringen und gleichzeitig noch eine Art Vater eines geheimnisvollen Jungen zu sein, der Comicbücher liest und plant, aus Lester einen ganz eigenen Superhelden zu machen.

Man muss ein wenig in Tigerman reinkommen, dann ist aber alles super. Harkaway eben, ich sag’s ja. Lest mehr Harkaway.

Tigerman von Nick Harkaway [Amazon-Werbelink]

 

Everything I Never Told You von Celeste Ng

Lydia wird tot im See gefunden und das Leben ihrer Familie wird durcheinandergeworfen. Da ist Marilyn Lee, die ihren Traum, Ärztin zu werden, aufgegeben hat und sich statt dessen um Mann und Kinder kümmert. James Lee ist der Sohn chinesischer Einwanderer und will eigentlich nur kein Außenseiter mehr im Amerika der 1970er sein. Der älteste Sohn sucht nach der Aufmerksamkeit, die seine Eltern ihm nie geben konnten und die jüngere Schwester läuft als Anhängsel irgendwie mit und wird oft genug vergessen.

Für Lydia jedoch hatten beide Eltern Träume, eben genau die Träume, die ihnen selber verwehrt blieben. Und Lydia will ihre Eltern glücklich machen und wird hin- und hergerissen zwischen zwei Leben, die sie beide gar nicht haben will.

Everything I Never Told You entfaltet seine Kraft sehr leise und behutsam, man merkt fast nicht, was für ein großartiges Buch man da liest. Ich habe es glaube ich, in seiner Wirkung unterschätzt, weil es so harmlos und leicht daherkommt, obwohl so viele tragische Geschichten drinstecken.

Everything I Never Told You von Celeste Ng [Amazon-Werbelink]

Gelesen im September 2016 (Teil 2)

Das kalte Jahr von Roman Ehrlich

Ein junger Mann läuft in einem immerwährenden Winter zu Fuß nach Hause zu seinen Eltern. Doch seine Eltern sind fort, statt dessen öffnet ihm ein Junge, der sich dort eingerichtet hat und lässt den Mann etwas widerwillig, aber doch ohne Protest in dessen Elternhaus wohnen.

Das kalte Jahr von Roman Ehrlich ist deutsche Apokalypsen-Literatur und genauso muss man sie vermutlich auch lesen. Nichts wird erklärt, statt dessen findet Alltag statt in einer Welt, die irgendwie stirbt, aber irgendwie auch nicht. Die Personen agieren bisweilen etwas lethargisch, es wird mir insgesamt zu viel hingenommen. Abgesehen davon ist es aber eine stimmungsvolle Geschichte mit sympathischem Personal und schönen Einfällen. Und wenn man wie ich von etwas plotlastigerer SciFi-Apokalypsen-Literatur kommt, dann muss man sich vermutlich auch neu auf Bücher wie Das kalte Jahr einlassen.

Das kalte Jahr von Roman Ehrlich [Amazon-Werbelink]

 

Winters Garten von Valerie Fritsch

Für Winters Garten gilt grob das Gleiche, was ich oben schon über Das kalte Jahr geschrieben habe. Deutscher Weltuntergang, wieder poetisch, wieder mit etwas sperrigem Personal und mit ohne Erklärung, warum jetzt genau die Welt untergeht und woher alle das wissen. Die gesellschaftlichen Entwicklungen sind schwammig vernebelt, im Wesentlichen gibt es viel Tod und Verzweiflung und zwischendrin Liebe und Menschlichkeit.

Was Winters Garten aber vor allem lesenswert macht, sind die poetischen Beschreibungen von Natur, Familie und Kindheit. Es ist eben auch hier Literatur-Literatur und hat mit dem Genre, in dem Weltuntergänge sonst eher beheimatet sind, nicht viel zu tun. Muss es aber auch nicht, die Apokalypse mal behutsam zwischen Bäumen und alten Küchenbänken einbetten, das hat auch was.

Winters Garten von Valerie Fritsch [Amazon-Werbelink]

 

Mädchenmeute von Kirsten Fuchs

Mädchenmeute habe ich von vorne bis hinten geliebt. Ich muss dringend mehr von Kirsten Fuchs lesen, denn ihre Bücher machen mich glücklich. In Mädchenmeute geht es um Charlotte aus Berlin, die in den Ferien in eine Art Mädchen-Survival-Lager geschickt wird. Mitten im Nichts irgendwo im Wald sollen die Mädchen Spaß haben und lernen, mit der Natur zu leben und so weiter. Aber dann geht alles schief, was schief gehen kann und auf einmal sind die Mädchen mit einem Rudel Hunden, die sie gerettet haben auf dem Weg zu einem Stollen in Thüringen, um dort mal wirklich mit der Natur zu leben.

Mädchenmeute ist ein Jugendbuch, dementsprechend sind manche der Charaktere etwas überspitzt gezeichnet und manche Handlungsstränge etwas zu offensichtlich storygetrieben. Dafür wird ein wundervolles Bild der Teenagermädchen gezeichnet und eine durch und durch stimmige Atmosphäre erzeugt. Das ist alles sehr liebevoll gemacht und hat außerdem den schönsten letzten Satz, den ich dieses Jahr gelesen habe.

Mädchenmeute von Kirsten Fuchs [Amazon-Werbelink]

 

Memoiren, gefunden in der Badewanne von Stanislaw Lem

Gnagnagna. Es gab gute Gründe, warum Memoiren, gefunden in der Badewanne mein erstes Buch von Stanislaw Lem war und wenn mir nicht versichert worden wäre, dass das wirklich nicht sein bestes Buch und auch nicht das beste Beispiel für seinen Stil ist, dann wäre es vielleicht mein letztes gewesen. Ganz grob geht es um einen kafkaesken bürokratischen Albtraum eines Mannes, der einen Auftrag hat, der so geheim ist, dass ihm niemand sagen kann, was der Auftrag ist.

Memoiren, gefunden in der Badewanne funktioniert eher als Konzept als als Buch. Mir ist – das glaube ich zumindest – recht klar, was der Autor bezwecken wollte, aber es ist äußerst mühselig, sich durch das Buch zu arbeiten und viele Dinge funktionieren auch nur so bedingt (es fängt damit an, dass die Geschichte in den USA spielt, aber wirklich alles an dem Buch so unverkennbar russisch ist, dass es von mir permanente Denkleistung erforderte, das hinzunehmen). Da kann man vielleicht lieber noch mal Brazil gucken, das kommt inhaltlich ungefähr aufs selbe raus, macht aber mehr Spaß und ist schneller vorbei.

Memoiren, gefunden in der Badewanne von Stanislaw Lem [Amazon-Werbelink]

 

The Forgetting Time von Sharon Gusky

The Forgetting Time ist ein hübsches Buch zum Weglesen und danach Weglegen, und das meine ich im besten aller Sinne. Ich habe es sehr gerne und sehr schnell gelesen, ich wollte wissen, was passiert, wie es ausgeht, ich habe mit den Charakteren gehofft und gelitten, alles prima. Und dann ist es vorbei und es ist auch gut.

Es geht um Noah und seine alleinerziehende Mutter. Etwas stimmt nicht mit Noah, er redet von Dingen, die er nicht wissen kann, hat schreckliche Angst vor Wasser und fragt regelmäßig, wann er nach Hause zu seiner anderen Mutter darf. Man kann jetzt nicht groß weitererzählen, ohne direkt zu verraten, um was es geht, ich empfehle in diesem Fall eine Leseprobe, dann merkt man schon ganz gut, ob es etwas für einen ist oder eher nicht.

Ein bisschen habe ich mich nachher gefragt, ob ich zu irgendwas bekehrt werden sollte, ob die Autorin wirklich an ihre Geschichte bzw. die Möglichkeit ihrer Geschichte glaubt und ob ich hier emotional etwas ausgetrickst wurde. Und ja, ich habe rumgegoogelt. Wer eine hübsche Familiengeschichte mit leicht esoterischem Überbau sucht, wird hier glücklich. Andere vielleicht auch, ich war ja auch zufrieden.

The Forgetting Time von Sharon Gusky [Amazon-Werbelink]

Warum ich Science-Fiction lese – Vortrag in Warschau

Vortrag

Vorletztes Wochenende war ich in Warschau und habe für das Goethe-Institut Warschau einen Vortrag gehalten und danach über Science-Fiction geredet. Mit dabei waren Karolina Kuszyk, die die Moderation übernommen hat und Paweł Dunin-Wąsowicz, ein polnischer Science-Fiction-Experte, der unter anderem einen fantastischen Atlas von Polen („Fantastyczny Atlas Polski“) geschrieben hat, ein wirklich wunderschönes Buch mit etlichen Karten über die Schauplätze von SF/F-Geschichten in und über Polen. Es ist schon fast tragisch, dass ich so enorm wenig Polnisch verstehe, ansonsten hätte ich das Buch gleich mitgenommen. Aber über die Höflichkeitsformeln bin ich bislang leider nicht hinausgekommen.

Warschau

Meinen Vortrag mit dem Titel „Warum ich Science-Fiction lese“ habe ich jetzt mal hier hochgeladen, damit es auch andere lesen können. Einen Mitschnitt der Diskussionsrunde gibt es meines Wissens nicht.

Auf jeden Fall hat es sehr viel Spaß gemacht, ich habe Warschau kennengelernt, Piroggen gegessen und heiße Schokolade von Wedel getrunken und mir im Chopin-Museum sehr viel Zeug angesehen. Vielen Dank an das Goethe-Institut für die Einladung!

Gelesen im September 2016 (Teil 1)

Weil September der Urlaubsmonat war, wurde auch mehr gelesen und deswegen gibt es den Rückblick für diesen Monat in zwei Teilen.

 

Himmelstrand von John Ajvide Lindqvist

Zehn Menschen wachen eines Morgens in ihren Campingwagen auf und befinden sich im Nichts. Die Campingwagen, die gestern noch auf einem Campingplatz standen, stehen auf einer endlosen Wiese, am Himmel fehlt die Sonne und im Radio kommen nur Lieder, die der Schlagerkomponist Peter Himmelstrand geschrieben hat. So beginnt das Buch des schwedischen Autors John Ajvide Lindqvist und ich ich hatte mir nach „So finster die Nacht“ viel versprochen und wurde auch fast nicht enttäuscht. Die 500 Seiten lassen sich in einem Rutsch weglesen, spannend ist es auf jeden Fall, das Kammerspiel in der endlosen Weite, bei dem natürlich auch viel durchgedreht wird, ist dicht erzählt und erinnert an vielen Stellen tatsächlich an Stephen King. Das Ende hat mich jedoch ein bisschen rätselnd zurückgelassen, vielleicht sollte das so, für mich war es aber ein kleiner Wermutstropfen eines ansonsten sehr schönen Horrothrillers.

Himmelstrand von John Ajvide Lindqvist [Amazon-Werbelink]

 

Schloss Gripsholm von Kurt Tucholsky

Nach Jahren wieder gelesen und wieder begeistert. Tucholsky erzählt die Geschichte eines Sommers in Schweden mit wunderbarer Leichtigkeit, man kann sich in diesem Buch verlieren und möchte auch nach Schweden, sofort, obwohl man gerade in Frankreich am Strand liegt, wo es ja auch schön ist. Tatsächlich ist Schloss Gripsholm auch sehr zeitlos, das einzige Problem mit dem Buch ist, dass es so furchtbar kurz ist. Aber dafür kann man es dann doch vielleicht einfach öfter mal lesen.

Schloss Gripsholm von Kurt Tucholsky [Amazon-Werbelink]

 

Rheinsberg: ein Bilderbuch für Verliebte von Kurt Tucholsky

Direkt nach Schloss Gripsholm habe ich mit Rheinsberg weiter gemacht, ebenfalls einer kleinen Urlaubsgeschichte, allerdings nicht so weit weg und nur ein Wochenende. Auch das ist sehr hübsch und noch ein bisschen kürzer. Mir fehlten allerdings die Bilder, weil ich einen Tucholsky-Sammelband fürs Kindle gekauft hatte. Man könnte sich die Tucholskybücher aber auch schön ins Regal stellen, denke ich, das hätten sie verdient.

Rheinsberg: ein Bilderbuch für Verliebte von Kurt Tucholsky [Amazon-Werbelink]

 

Das fremde Meer von Katharina Hartwell

Katharina Hartwell erzählt die Liebesgeschichte von Marie und Jan in zehn verschiedenen Geschichten und Genres. Sie erzählt Märchen, macht einen historischen Besuch in einer Psychiatrie, fährt auf einsame Inseln und erzählt von verschwindenden Städten. In der elften Geschichte erfährt man von Marie, was wirklich geschah und warum sie diese Geschichten geschrieben hat. Das wird an keiner Stelle langweilig, und tatsächlich wurde ich vom Ende sowohl überrascht als auch ausreichend erschüttert, das ist alles sehr filigran und sorgfältig gearbeitet und unbedingt empfehlenswert.

Das fremde Meer von Katharina Hartwell [Amazon-Werbelink]

 

Slade House von David Mitchell

David Mitchell macht wieder das, was er am besten kann, und erzählt in Slade House eine Gruselgeschichte von einem seltsamen Haus, in dem alle neun Jahre Menschen verschwinden, aus der Perspektive der Verschwundenen. Fünf Stimmen, fünf Geschichten, fünf Mal wirklich gruselige Stimmung. Ich wusste ungefähr nichts über das Buch, als großer Mitchell-Fan war mir das aber egal und ich wurde nicht enttäuscht. Vorteil für Mitchell-Einsteiger: Das Buch ist recht kurz, bietet aber trotzdem all das, was den Autor so besonders macht.

Slade House von David Mitchell [Amazon-Werbelink]

Der Deutsche Buchpreis hat ein Männerproblem

Gestern wurde die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2016 bekanntgegeben und – großes Wunder – von sechs Büchern wurde exakt eines von einer Frau geschrieben. Während die Longlist immerhin noch eine Frauenquote von 30 Prozent hatte, liegt diese bei der Shortlist nun bei 17 Prozent. Erwartungsgemäß wurde dies sofort in den sozialen Netzwerken thematisiert und diskutiert und wie jedes Jahr wurden die gleichen Argumente ausgepackt, um dem Vorwurf einer möglichen Ungleichberechtigung entgegenzutreten. Es ginge halt um Qualität, in der Jury säßen genug Frauen, und außerdem hätten bisher mehr Frauen als Männer den Buchpreis dann tatsächlich gewonnen.

Jedes dieser Argumente ist für sich zunächst nachvollziehbar und faktisch richtig. Trotzdem bringen sie uns nicht weiter und lenken vor allem vom Offensichtlichen ab: Der Deutsche Buchpreis hat ein Frauenproblem. Vielmehr müsste man sogar sagen: Der Deutsche Buchpreis hat ein Männerproblem.

Wenn mir etwas komisch vorkommt, mache ich als erstes das, was am einfachsten ist: Ich gucke es mir genauer an. Das habe ich beim Deutschen Buchpreis schon vor ein paar Jahren gemacht, da kam mir nämlich auch schon was komisch vor. Also erstellte ich eine Exceltabelle und trug für jedes Jahr (den Preis gibt es seit 2005) die Anzahl der von Frauen geschriebenen Büchern für Longlist, Shortlist und Hauptpreis ein, außerdem die Anzahl der Frauen in der Jury. Wer sich jetzt fragt, warum man mit sowas seine Zeit verplempert, für den habe ich die Antwort hier schon mal aufgeschrieben.  Das Ergebnis war wenig überraschend und doch ernüchternd:

Statistik Deutscher Buchpreis

Auf die Longlist kommen insgesamt zwanzig Bücher. Die schlechteste Quote hatte der Buchpreis hier in den Jahren 2006 und 2008 mit jeweils nur vier von Frauen geschriebenen Bücher, die Quote lag also bei satten 20 Prozent. Tatsächlich wird es mit der Zeit besser und wir hatten in den Jahren 2011 und 2015 die jeweils beste Quote von 40 Prozent mit jeweils acht von Frauen geschriebenen Büchern. In keinem Jahr waren zumindest die Hälfte der Bücher von Frauen verfasst, von einer Quote über 50 Prozent ganz zu schweigen. Auch noch im Jahr 2014 blieb es bei nur fünf Büchern, also 25 Prozent.

Auf der Shortlist sieht es insofern besser aus, als dass in den letzten zwölf Jahren immerhin drei Mal die Hälfte der Bücher von Frauen geschrieben war, nämlich 2011, 2013 und 2015. Dieses Jahr landete aber wieder nur ein einziges Buch auf der Shortlist, was einer Quote von 17 Prozent entspricht und schon in den Jahren 2006, 2008 und 2012 der Fall war. Immerhin: In keinem einzigen Jahr landeten nur von Männern verfasste Bücher auf der Shortlist. Der Vollständigkeit halber angemerkt sei auch noch, dass in keinem Jahr mehr als die Hälfte der Bücher von Frauen geschrieben wurde.

Bei den Preisträgern sieht es tatsächlich gut aus. Von bisher elf Preisträgern waren sechs Frauen, hier liegen wir also bei über 50 Prozent (Hurra! Jubel!). Bei allem, was man an Spekulationen über die diesjährigen Shortlistkandidaten hört, ist es wahrscheinlich, dass der Preis dieses Jahr an einen Mann geht, dann wären wir im zwölften Jahr des Buchpreises bei einer Frauengewinnquote von 50 Prozent. Das ist schön.

Zuletzt noch zur Jury: Diese besteht aus sieben Personen, eine 50-Prozent-Quote ist also mathematisch nicht möglich. Seit 2010 wird die Jury, in der vorher auch schon einmal nur eine oder zwei Frauen saßen, gleichberechtigt besetzt, die Zahlen sehen verdächtig danach aus, als wäre dies auch eine bewusste Entscheidung. Das bedeutet, dass seitdem immer entweder drei oder vier Frauen in der Jury saßen. Auch hier kann man nicht meckern.

Soweit also zu den Zahlen. Schön ist: Die stehen fest und sind objektiv. Es kann also niemand sagen, dass aber im Jahr Wann-auch-immer ja wohl mehr Bücher von Frauen auf der Liste stehen, denn das stimmt schlichtweg nicht.

Zusammengefasst lässt sich sagen:

  • In keinem einzigen Jahr waren weder auf der Longlist als auch auf der Shortlist mehr von Frauen als von Männern verfasste Bücher vertreten.
  • Das beste Verhältnis auf der Longlist war 8:12 in zwei Jahren.
  • In allen anderen Jahren waren weniger als acht der für die Longlist nominierten Bücher von Frauen geschrieben.
  • In drei (von zwölf) Jahren und ausschließlich auf der Shortlist betrug die Quote exakt 50 Prozent.
  • Frauen gewinnen den Buchpreis genauso häufig (wenn nicht öfter, nach der Frankfurter Buchmesse wissen wir mehr) wie Männer.
  • Die Jury ist seit 2010 gleichberechtigt besetzt, mit entweder drei oder vier Frauen von insgesamt sieben Mitgliedern.

Kommen wir also zu den Gegenargumenten, die diese Beobachtungen entweder ignorieren oder deren Aussagekraft in Frage stellen.

 

Argument 1: Es geht um Qualität.

Natürlich geht es um die Qualität. Anders ausgedrückt sagt dieses Argument aber immer irgendwie: Frauen können wohl nicht so gut schreiben wie Männer. Denn wie anders lässt sich zwischen der Beobachtung, dass Männer den Deutschen Buchpreis dominieren und der Aussage, es ginge halt um Qualität eine Verbindung schaffen.

Wenn Frauen bessere Bücher schreiben würden, dann würden sie schon häufiger auf der Longlist landen? Seriously? Wir haben nicht genug gute von Frauen geschriebenen Bücher in Deutschland, als dass wir jedes Jahr zehn finden würden, die für einen Preis in Frage kämen?

Wir reden hier ja nicht von einem, oder zwei Jahren, sondern von allen. Von allen Jahren. In jedem verdammten Jahr scheint es unmöglich, zehn Bücher zu finden, die des deutschen Buchpreises würdig wären und die von Frauen geschrieben wurden. Ich habe keine Liste aller in diesem Jahr erschienenen Bücher vorliegen, behaupte aber ganz frech, dass das wohl kaum sein kann.

 

Argument 2: Es gewinnen aber mehr Frauen als Männer den Buchpreis.

Das ist, mit Verlaub, ja nicht der Punkt. Es ist hoch erfreulich, dass sich in der letzten Instanz eine gute 50-Prozent-Quote zeigt. Umso verblüffender, dass es vorher so gar nicht klappen wird.

Zumal ich die Tatsache, dass Frauen im gesamten Entscheidungsprozess unterrepräsentiert sind, und dann doch mit erstaunlicher Regelmäßigkeit gewinnen, erst recht irritierend finde. Das heißt doch auf der anderen Seite, dass Frauen eben doch genauso gut schreiben können wie Männer (falls das ernsthaft angezweifelt wurde), gerade dann ist es doch verwunderlich, warum es so schwer scheint, auch für die Longlist ausreichend viele von Frauen geschriebener Bücher zu finden.

 

Argument 3: Es sitzen teilweise mehr Frauen als Männer in der Jury.

Die Fehlannahme hier ist, dass man unterstellt, Männer würden halt Männer gut finden und Frauen ignorieren. Statt dessen scheint das Problem ja genderübergreifend zu sein.

Es ist vielmehr anzunehmen, dass die Vorstellung, von Männern geschriebene Bücher wären besser oder zumindest Buchpreiskompatibler so in den Köpfen festsitzt, dass sich auch die weiblichen Jurymitglieder davon nicht lösen können. Es ist eben ein Kultur- oder ein Branchenproblem und keines, dass sich so einfach über eine gleichberechtigte Juryzusammensetzung lösen lässt.

 

Nun fehlen mir doch die ein oder andere Information, die sicherlich zur Einschätzung oder zur weiteren Analyse hilfreich wäre. Beispielsweise weiß ich nicht, welche Bücher von den Verlagen überhaupt als Buchpreiskandidaten eingereicht wurden. Möglicherweise ist die Quote hier noch viel, viel schlimmer und die Jury macht jedes Jahr schon das beste daraus.

Wenn das der Fall wäre, stellten sich wieder zwei anschließende Fragen:

  • Wie ist das Verhältnis der eingereichten Bücher?
  • Warum glauben Verlage, dass von Männern geschriebene Bücher besser für den Buchpreis geeignet seien?

(Ich wäre durchaus interessiert an einer Liste aller eingereichten Bücher, um sie auf das Geschlechterverhältnis durchzuzählen.)

Vielleicht haben wir ein ganz anderes Problem und Männer werden in der Literaturbranche als die für die ernste, wichtige Literatur wahrgenommen, während Frauen eher so für die Unterhaltung gut sind. Die Autorin Catherine Nichols hat das Experiment gewagt und nach den recht erfolglosen Versuchen, unter ihrem richtigen Namen einen Agenten für ihr Manuskript zu gewinnen, die gleichen Anfragen unter einem männlichen Pseudonym rausgeschickt. Auf einmal kamen Antworten und Manuskriptanfragen. Auf Jezebel hat sie darüber geschrieben.

 

Auch zu beachten ist, dass es hier nicht um Einzelfälle geht. Es geht nicht um das eine Jahr, in dem mal nur fünf Frauen auf die Longlist kamen. Es geht um jedes fucking Jahr, in dem die beste Quote bei 40 Prozent lag. Wir haben hier kein Problem, dass sich mit „Na ja, in dem Jahr gab es halt nicht so viele gute Bücher von Frauen“ beantworten ließe. Es fordert ja auch niemand eine alljährliche 50-Prozent-Quote. Nur am Ende, wenn wir alle Jahr betrachten, sollte eben etwas in der Art dabei herauskommen. Wenn sich jedes Jahr das gleiche Bild zeigt, dann ist es ein Strukturproblem und vor allem: Dann ist es auch ein Problem.

Das einfachste Argument ist dann immer: „So ist es eben.“

Wenn eben nur soundsoviele von Frauen geschriebener Bücher eingereicht wurden und wenn sich davon nur soundsoviele für die Longlist eigneten: Da kann man dann halt nix machen! Die Jury kann ja schlecht weniger nominieren oder selber schnell noch Bücher schreiben lassen. Dann muss sich eben erst was in der Welt ändern, dann ändert sich auch was am Preis.

Tatsächlich aber hat ein öffentlich wirksamer Buchpreis immer auch eine Verantwortung und diese Verantwortung kann auch beinhalten, Realitäten herzustellen. Man kann Realitäten herstellen, indem man ganz einfach durch eine gleichberechtigte Besetzung der Longlist vermittelt, dass es keinen qualitativen Unterschied zwischen von Männern und von Frauen geschriebenen Büchern gibt. Man kann auf diesem Wege einfach behaupten, dass das so ist. Und wenn man das lang genug macht, dann setzt es sich auch in den Köpfen fest, dann wird es normal, dann wird es Realität. Man muss es sich nur trauen.

Dass es auch anders geht, beweist unter anderem der Bachmannpreis jedes Jahr. Hier lesen in manchen Jahren sogar mehr Frauen als Männer ihre Texte vor. Ob das daran liegt, dass die Autoren und Autorinnen die Texte selber einreichen, ob die Kurzform Frauen irgendwie angenehmer ist als Männern oder ob intern darauf geachtet wird, das Verhältnis ausgeglichen zu halten, all das kann ich nicht sagen. Ich beobachte nur, was am Ende rauskommt und kann nur mutmaßen, warum das so ist.

Am Ende ist es auch immer eine Kulturfrage. In einem Wettbewerb, bei dem die Mechanismen, die eine geringe Frauenquote begünstigen, nie analysiert und hinterfragt werden, wird sich auch nichts ändern. Und offensichtlich ist das auch nicht gewollt. Unklar bleibt, was dabei schaden könnte. Am Ende kommt noch raus, dass nichts dagegen spräche, auf eine gerechtere Verteilung zu achten. Wenn man da ein paar Jahre eine strenge Quote einführen muss, damit es in vermutlich recht kurzer Zeit zur Selbstverständlichkeit wird und die Regeln dann wieder gelockert werden können, ich denke, das würde der Deutsche Buchpreis auch gut überleben.

Gelesen im August 2016

Ich und die Menschen von Matt Haig

Kein gutes Buch, sogar ein ziemlich schlechtes, das einen die ganze Zeit mit kitschigen, sinnlosen Sätzen plagt und dem Leser mit Holzhammermethode einbläuen will, dass erst die Fehler der Menschen sie so liebenswert machen. Es geht um einen namenlosen Außerirdischen, der auf die Erde kommt und in die Haut eines Mathematikers schlüpft, um jegliche Hinweise auf den von ihm erbrachten Erweis einer Vermutung zu vernichten, weil diese den Menschen mehr Fortschritt bringen würde als sie verantworten können. Ich habe schon in diesem Video darüber geredet. Immerhin sind die Szenen mit dem Hund nett.

Ich und die Menschen von Matt Haig [Amazon-Werbelink]

 

Auerhaus von Bov Bjerg

Danach zum Glück direkt ein sehr erfreuliches Buch gelesen (bzw. gehört). Auerhaus ist eine Jugendgeschichte aus den Achtzigern. Kurz vor dem Abitur versucht Frieder sich das Leben zu nehmen. Er überlebt und zieht nach dem Aufenthalt in der Therapie mit drei Freunden in ein Haus. Hier kann jeder ein bisschen auf jeden aufpassen, es wird am Esstisch diskutiert, Partys gefeiert und der Dorfweihnachtsbaum gefällt. Das ist alles sehr wunderbar erzählt und vollkommen zu Recht von allen gelobt.

Auerhaus von Bov Bjerg [Amazon-Werbelink]

 

Dornenmädchen von Karen Rose

Auch wieder unerfreulich, auf Spotify als Hörbuch gehört. Ich hatte mir irgendwas in Richtung Gillian Flynn oder Paula Hawkins vorgestellt, bekam aber einen albernen romantischen Krimithriller. Hätte ich mich vorher über die Autorin und ihre Bücher informiert, hätte ich etwas ahnen können, aber nun, so hab ich jetzt aus Versehen mal ins Genre reingeschnuppert und weiß Bescheid, dass es nichts für mich ist. Die Story selber ist okay, irgendwas mit Serienmördern, jungen Mädchen, einer Protagonistin, die vor einem Stalker fliehen und einem Detective mit seltsamen Augen und puh… aus Teilen hätte man was machen können, aber sexy times hin und her, so schnell wie da Leute scharf aufeinander sind, während irgendwo anders gerade Mädchen gefoltert werden, das ist schon arg gewollt. Nein nein nein, das war ein Versehen. Nix mehr von Karen Rose für mich.

Dornenmädchen von Karen Rose [Amazon-Werbelink]

 

The Last Days of New Paris von China Miéville

Der neue Miéville, eher eine Novelle als ein Roman, aber so voll mit Inhalt, dass man doch sehr lange damit beschäftigt ist. Es geht um den Widerstandskämpfer Thibaut, der in einem abgeriegelten Paris gegen Nazis, Dämonen und manifs kämpft. Manifs sind Manifestationen surrealistischer Künstler, die sich nach dem sogenannten S-Blast, einer geheimnisvollen Explosion in einem Pariser Café, materialisierten. So bevölkern die Ideen der Surrealisten die Straßen von Paris, Frauen-Fahrrad-Hybriden, Tische mit Fuchsköpfen und -schwänzen, ein riesiger Elefant, wild zusammengesetzte vorzügliche Leichen. Dabei trifft Thibaut auf eine amerikanische Fotografin, die die Geschehnisse dokumentieren und wieder nach draußen bringen will. Das ganze ist abgedreht wie bei einem Miéville-Buch zu erwarten ist, aber so atmosphärisch, das es mir noch immer im Kopf nachhallt. In Fußnoten erfährt man glücklicherweise auch etwas über die seltsamen manifs und kann während des Lesens die Google Bildersuche anschmeißen. Große Empfehlung, wenn man kein Problem mit sehr seltsamen Geschichten hat.

The Last Days of New Paris von China Miéville [Amazon-Werbelink]

 

Planet Magnon von Leif Randt

Leif Randt erzählt eine Science-Fiction-Geschichte, die in einem anderen Sonnensystem spielt. Alle Planeten sind bevölkert, inklusive des Müllplaneten Toadstools, der zur Lagerung alles anfallenden Mülls genutzt wird. Die Gesellschaft organisiert sich in Kollektiven, die um Mitglieder werben. Regiert wird alles von einer künstlichen Intelligenz, die stets die für die Gemeinschaft besten Entscheidungen trifft. Erschüttert wird diese Welt von dem Kollektiv der gebrochenen Herzen, das sich der Vorstellung eines perfekten Lebens verweigert und statt dessen Emotionalität zelebriert und gewissermaßen auf ein Recht auf das Unglücklichsein pocht. Insgesamt eine schicke Geschichte, bei der mir irgendwas gefehlt hat, ohne dass ich es näher benennen könnte. Leif Randt erzählt flott und detailliert, die Figuren machen Spaß und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte entweder etwas zu sehr an der Oberfläche blieb oder ich vielleicht irgendwas nicht kapiert hatte. Trotzdem eine Empfehlung, schon wegen der vielen schönen Ideen und gut beschriebenen Welten, die in diesem Buch stecken.

Planet Magnon von Leif Randt [Amazon-Werbelink]

 

Minigolf Paradiso von Alexandra Tobor

Minigolf Paradiso habe ich mir extra für den Urlaub aufgehoben, und es dann an einem Tag weggelesen. Alexandra Tobor hat wieder die Zeitmaschine angeworfen und ist in die Neunziger zurückgereist. Sie erzählt die Geschichte von Malina, einer Migrantin, die mit ihren Eltern als Kind aus Polen nach Deutschland gekommen ist. Malina ist jetzt 16, fühlt sich wie unsichtbar und ihr einziger Freund ist ein toter Punk, dem sie Vogelschädel ans Grab bringt und Briefe schreibt. Der Großvater ist tot, zur Oma in Polen besteht kein Kontakt mehr, Malina fühlt sich allein und ohne Wurzeln. Dann fahren ihre Eltern ohne sie in Urlaub und auf einmal kommt alles ganz anders: Malina findet heraus, dass ihr Opa noch lebt, findet ihn auf einem heruntergekommenen Minigolfplatz und steckt auf einmal mitten drin in einem Road Movie, das sie bis nach Polen führt.

Minigolf Paradiso ist wunderschön erzählt, mit zahlreichen Anspielungen auf die neunziger Jahre, bei denen mein Herz aufging. Die Story bleibt trotz ihrer Skurrilität immer glaubwürdig und berührend. Große Empfehlung, und das sage ich nicht nur, weil die Autorin meinem Exemplar eine Tüte Knisterkaugummi beigelegt hatte.

Auf ihrem Blog bietet Alexandra Tobor ein betreutes Lesen an. Mehr Hintergrundwissen zu den schönen Neunzigern kann nämlich nie schaden.

Minigolf Paradiso von Alexandra Tobor [Amazon-Werbelink]

Bücher in Kameras halten

Mein Hauptproblem ist ja, dass ich bei vielen Dingen immer sehr schnell „Das kann ich auch!“ denke und das anschließende Problem ist dann, dass ich das auch ausprobieren möchte. Das Internet ist dabei nicht hilfreich, denn erstens findet man da viele Dinge, bei denen man „Das kann ich auch!“ denkt und zweitens hilft es einem dann noch dabei, das selber auszuprobieren.

Nach eingehender Beschäftigung mit dem Phänomen Booktuber inklusive tiefgehender Rercherche bin ich jetzt also irgendwie selbst eine, zumindest ein bisschen. Im ersten Versuch halte ich nur Bücher in die Kamera, die ich für den anstehenden Urlaub bestellt habe. Der Nachteil dieser Unboxing-Videos ist, dass man die Bücher ja noch nicht gelesen hat und dementsprechend wenig darüber zu sagen weiß. Der Vorteil ist, dass man quasi nix dafür machen muss, aber von diesem Vorteil hat nur der Booktuber selber etwas.

Nachdem das erste Video dann schon mal gemacht und hochgeladen war, habe ich ein wirklich schlimmes Buch gelesen und das dann gleich zum Anlass genommen, noch mal ein Video zu drehen. Der Vorteil: Immerhin wusste ich diesmal, worüber ich rede. Der Nachteil: Im Prinzip rege ich mich eine Viertelstunde nur auf, aber zwischendurch gibt es immerhin eine lobende Erwähnung von Bov Bjergs Auerhaus.

Dafür lerne ich bei jedem Mal ein bisschen mehr: Wie man die Kamera ordentlich positioniert, wie man das ganze zusammenschneidet, wie man andere Bilder einbindet, wie man Sound einbettet, wie man Standbilder erstellt und und und… Zu irgendwas wird es also bestimmt gut sein und sei es nur, dass ich noch mal beweise, dass man wirklich ganz dringend die Hände zum Reden braucht und auf jeden Fall seine beiden Freunde Gin und Tonic mit zur Rezensionsparty mitbringen sollte.

Gelesen im Juli 2016

Erst dachte ich, ich hätte wenig gelesen, es stellt sich aber raus, dass ich immerhin ganz knapp vier Bücher geschafft habe, davon allerdings drei als Hörbuch. Das fünfte Buch habe ich abgebrochen, weil es mir zu doof war und das will nun wirklich was heißen.

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann

Schon überall sonst gefühlt hochgelobt, auf Spotify gab es das Hörbuch und ich war sehr angetan, eventuell sollte man das auch unbedingt als Hörbuch hören, denn Thees Uhlmann liest selbst und einige sprachliche Eigenheiten, die etwas eigenwillig wirken, funktionieren enorm gut, wenn man weiß, wie Thees Uhlmann liest.

Als es eines Morgens klingelt, öffnet der Protagonist die Tür und vor ihm steht der Tod, der ihm eröffnet, dass er jetzt leider mitkommen muss, ein paar Minuten hätte er noch, dann wäre aber Schluss. Dann klingelt aber auch Sophia, die Ex-Freundin des Erzählers und auf einmal kommt alles durcheinander, das Sterben wird verstorben, statt dessen ziehen Sophia, der Tod und der Erzähler durch die Straßen, trinken Bier in einer Kneipe und brechen am nächsten Tag zusammen zur Mutter des Protagonisten auf.

Das ganze ist so unglaublich liebevoll und witzig erzählt, dass man gar nicht möchte, dass das Buch endet. Die Freude des Todes, einmal auch am Leben teilzuhaben und etwas zu unternehmen, die Frotzeligkeit von Sophia und natürlich der Erzähler, der es sich während seiner letzten Tage nicht nehmen lässt, die Welt insgesamt doch ganz gut zu finden und noch einmal ganz besonders zu lieben. Das Buch hat jede Lobhudelei aber sowas von verdient.

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann [Amazon-Werbelink]

 

Broken House von Gillian Flynn

Kurzgeschichte von Gillan Flynn, die ja vor allem mit Gone Girl bekannt wurde. Auch hier spielt sie mit Psychothriller- und Horrorelementen, die Story ist schön doppelbödig und liest bzw. hört sich schnell runter. Die Protagonistin ist Nerdy und arbeitet in einem Salon für Wahrsagerei und sexuelle Dienstleistungen. Ihre Chance sieht sie gekommen, als sie Susan Burke trifft, die davon überzeugt ist, dass es in ihrem Haus spukt. Auf knapp 60 Seiten bringt Flynn ausreichend viele überraschende Wendungen unter und auch sonst kann man das schön zwischendurch lesen oder wie ich auf Spotify als Hörbuch hören.

Wenn der Verlag endlich mal aufhören würde, die Originaltitel von Gillian Flynn mit anderen englischen Titeln zu ersetzen (Broken House heißt im Original The Grownup), wäre ich noch einen Ticken glücklicher, denn so weiß man nie, welches Buch man schon kennt und ob die vorliegende Version das Original oder die deutsche Übersetzung ist.

Broken House von Gillian Flynn [Amazon-Werbelink]

 

Time Traders von Andre Norton

Für den Onlinebuchclub gelesen und eher so hm gefunden. Man kann auch leider nicht sagen „Nicht vom komischen Cover irritieren lassen!“, denn das wäre irreführend, das Cover passt leider hervorragend zum Buch. Aber gut, dann habe ich jetzt mal Pulp Science-Fiction aus den fünfziger Jahren gelesen, das kann man ja mal machen.

Der Name sagt es schon, es geht um Zeitreisen, wobei die Mechanismen eher dürftig erklärt werden, die Amerikaner sind hinter irgendwelchen Artefakten her, die sie in der Vergangenheit vermuten, die Russen sind die Gegenspieler und irgendwo dazwischen ein Antiheld-Held, der die ganzen sehr sehr langen und sehr sehr weiligen 150 Seiten des Buches nur rumreagiert. Wenn man weiß, worauf man sich einlässt, ist es vielleicht ganz okay, Stimmen im Onlinebuchclubforum freuten sich über die anscheinend ganz gut gelungene Darstellung der Glockenbecherkultur. Manche lasen aus Versehen den zweiten Band der Reihe, weil es die englische Ausgabe fürs Kindle umsonst mit beiden Büchern gibt, das vorne aber nicht drauf steht. Das zweite Buch scheint besser zu sein. Ich war nach 150 Seiten froh, dass es vorbei war und habe aber immerhin gelernt, dass es die Glockenbecherkultur gab.

Time Traders von Andre Norton [Amazon-Werbelink]

 

The Last Wish von Andrzej Sapkowski

Auch für den Onlinebuchclub gelesen bzw. gehört. Ebenfalls nicht meins, aber sehr viel besser als Time Traders, so dass ich heilfroh war. The Last Wish ist das erste Buch der Witcher-Reihe (auf der auch die gleichnamige Computerspielreihe basiert) von Andrzej Sapkowski, polnische Fantasy also, kann man ja auch mal machen.

The Last Wish ist eigentlich eine Reihe von Kurzgeschichte, sieben insgesamt, die von einer groben Rahmenhandlung umfasst werden. Ich habe etwas gebraucht, um reinzukommen, dann war das aber alles sehr unterhaltsam und sogar mit einem angenehm trockenen Humor versehen. Geralt ist der Witcher, der hier von Abenteuer zu Abenteuer wandert, immer wieder sind Märchenthemen mit eingebaut, so dass man schon ein lustiges Suchspiel aus den Geschichten basteln kann, das fand ich recht amüsant. Und auch sonst wird hier eine schöne komplexe Fantasywelt gebaut, mit bekannten und neuen Elementen, da kann man nicht meckern. Falls ich nicht 500 Bücher als Leseproben auf dem Kindle und um die 20 Bücher auf dem Stapel neben dem Bett liegen hätte, ich würde durchaus in Betracht ziehen, die Reihe weiterzulesen. Die Hauptfiguren schön komplex, der Unterhaltungsgrad hoch, die Geschichten ausreichend spannend und fantasievoll, da kann man nicht klagen.

The Last Wish von Andrzej Sapkowski [Amazon-Werbelink]

 

Abgebrochen:

Macht von Karen Duve

Auf Vorschlag probiert, gab es Gott sei Dank als Hörbuch bei Spotify, so dass ich wenigstens kein Geld dafür ausgegeben habe, denn Herrgott, was hätte ich mich geärgert, hätte ich dafür bezahlt. Karen Duves Macht wurde ja schon in zahlreichen anderen Medien zerrissen und ich kann hier nichts zur Ehrenrettung des Buches schreiben.

Ungefähr bis zur Stelle der ersten Vergewaltigung gehört, dann entschieden, dass ich sowas nicht unbedingt mehrere Stunden lang ertragen muss, also das letzte Kapitel gehört, um wenigstens zu wissen, wie es ausgeht, so neugierig war ich immerhin. Dann damit weitergemacht, das Buch rückwärts zu hören, was erstaunlicherweise total gut ging, anscheinend verpasst man nicht so viel, wenn man die Mitte einfach weglässt, alles, was man zum Verständnis braucht, kann man sich ganz gut zusammenreimen und eigentlich ist es auch egal.

Und mit egal hätten wir auch eine ganz gute Zusammenfassung zu diesem Buch. Die Intention ist spannend genug, die Zukunftsvision tatsächlich ganz interessant und zumindest scheinbar detailliert, letztlich bleibt aber alles egal. Es geht um den 70-jährigen Sebastian, der dank der Verjüngungspillen Ephebos (leider krebserregend, but so what?) wie Ende 30 aussieht, und der schönen neuen Welt, in der Staatsfeminismus herrscht und es Fleisch und Benzin nur gegen CO2-Gutscheine gibt und blablabla, jedenfalls steht Sebastian dieser untergehenden Welt sehr verbittert gegenüber und hat seine Frau kurzerhand im Keller angekettet, um sie zu demütigen und irgendwie seine Machtposition als Mann zumindest zwischendurch genießen zu können. Macht ist dann auch zu allem Überfluss noch aus der Sicht von Sebastian geschrieben, so dass man auch noch dauernd Rechtfertigungslitaneien lesen muss. Im Prinzip ist es ein langer, sehr langer, extrem langer Facebookkommentarthread zu einem Feminismusthema mit besonders kruden Ansichten, nur in besser geschrieben. Aber ich lese keine Facebookkommentarthreads mit kruden Ansichten, schon rein aus Mentalhygienegründen und Karen Duve schreibt zwar gut und gelegentlich sogar ganz witzig, aber nicht gut genug, als dass es den Rest wieder wettmachen dürfte.

Man muss diese Bewertung natürlich mit Vorsicht genießen, ich habe vielleicht ein grobes Viertel des Buches gelesen bzw. gehört, eventuell sogar ein Drittel und kenne den ganzen Mittelteil nicht, vielleicht steckt ja da irgendwas Sinnstiftendes drin, am Anfang und am Ende habe ich jedenfalls nichts gefunden und nach einer kurzen Hörpause beschlossen, dass ich mir das nicht weiter antun muss. Um 400 Seiten zu lesen brauche ich bessere Argumente als kalkulierte Provokation.

Macht von Karen Duve [Amazon-Werbelink]