Category: Familie

Über Kinderkrankheiten und Baguette

Die Impfdebatte ist ja in vollem Gange. Ich habe keine Kinder und war unter anderem fahrlässig ungeimpft mal in Vietnam, aber das hatte andere Gründe, die mit einer gewissen Planlosigkeit zu tun hatten. Ich war nämlich nicht nur fahrlässig ungeimpft sondern auch mit dem falschen Visum in Vietnam. Hat aber keiner gemerkt. Als Biologentochter und Alumni einer Schule, auf dem einem noch was beigebracht wurde, bin ich sehr auf der Seite der Wissenschaft und dementsprechend sehr pro Impfung. Darum geht es hier aber nicht, das dürfen andere Leute mit mehr Energie bitte an anderen Stellen diskutieren.

Ich hatte Masern, Windpocken und Mumps. Ich weiß nicht mehr, wann und wogegen ich geimpft wurde. Ich erinnere mich an exakt zwei Impfungen, nämlich eine Schluckimpfung vermutlich gegen Keuchhusten und an die Impfung gegen Röteln in der Unterstufe, wo andere Mädchen weinend in der Ecke saßen, während ich vergnügt dabei zusah, wie mir die Ärztin die Spritze so in den Arm rammte, dass es blutete.

An Masern erinnere ich mich nicht, da war ich sehr jung. Ich meine mich daran zu erinnern, wie meine Oma panisch bei meiner Mutter anrief, weil die Enkelin krank sein, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil irgendwer mal irgendwie sowas erzählt hat. An Windpocken erinnere ich mich etwas besser. Ich kann das nicht empfehlen, das ist unangenehm. Das einzig positive war, dass ich, meine Cousine und mein Cousin gleichzeitig Windpocken hatten, also nicht ganz allein in Quarantäne mussten. Das ist übrigens kein Argument für Masernpartys, besser wäre gewesen, wir hätten uns gar nicht erst tagelang die Pocken vom Körper kratzen wollen.

Mumps aber, das weiß ich noch genau, weil die Geschichte darum einigermaßen originell ist. Als ich Mumps hatte waren Sommerferien und wir in Frankreich. Meine Mutter, meine Tante, mein Cousin und ich waren Campen (das letzte Jahr, danach war Schluss mit dem Unsinn, Campen, lasst das, da hat man noch nicht mal richtige Betten). Ein anderer Teil der Familie war klüger und hatte sich ein Haus im Ort gemietet.

Irgendwann fing ich an über Schmerzen in den Backen zu klagen. Beim Kauen tat es weh und sonst auch. Meine Mutter diagnostizierte einwandfrei und knallhart: Baguette! Ich hatte sicherlich die bekannte Baguettekrankheit. Wer dauernd intensiv mit den Zähnen am Brot zieht, der kriegt Baguetteweh in den Backen. Fall gelöst. Millionen Franzosen wissen, wovon ich rede.

Mit Baguette ließen sich dann leider weder die dicken Backen noch das Fieber erklären. Mein Onkel, der hilfreicherweise Arzt war, wagte eine Zweitdiagnose und tippte auf: Mumps. Das klang dann nach ein bisschen Nachdenken doch wahrscheinlicher als Baguette. Dann durfte ich ein paar Tage im Haus rumfiebern und musste nicht campen, dann war der Mumps vorbei.

Sollte das Kind also im nächsten Urlaub über Backenweh klagen, muss es nicht zwingend das lokale Backwerk sein. Außer, wenn es vernünftigerweise geimpft ist, dann ist es vielleicht doch Baguette.

Tausend Tode schreiben: Bonustrack

Letzten Freitag erschien Version 2 von “Tausend Tode schreiben”, dem wunderbaren Projekt von Christiane Frohmann, über das ich auch schon hier schrieb. Man kann es hier auf minimore kaufen oder bestimmt auch bald auf Amazon (da gibt es bisher nur Version 1, man bekommt dann aber die weiteren Versionen kostenlos).

In der neuen Version gibt es auch einen Text von mir, das freut mich natürlich sehr. Wer es noch nicht getan hat, sollte Tausend Tode schreiben also spätestens jetzt kaufen. Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

Mittlerweile gibt es schon viele Berichte und Interviews mit Christiane Frohmann über ihr Projekt. Dieses Interview hier in den Wired ist zum Beispiel sehr schön.

Und für alle, die meine Geschichte schon gelesen haben, habe ich hier einen Bonustrack. Ein Bonusfoto vielmehr, aber wer wird hier schon kleinlich sein?

Taschenlampe

Bei Oma

Wir sitzen bei Oma und essen Rinderrouladen aus der Dose. Die Caritas hat den Seniorenheimbewohnern lustige Carepakete zu Weihnachten gepackt, worauf meine Mutter kurz wieder in einen Rant verfällt, wie bescheuert das sei, es ist ja nicht so, als ob die Leute im Seniorenheim notleidend wäre und dann wären fast nur Sachen drin, die man zubereiten muss, Puddingpulver und Kartoffelpüreepulver und eben Dosenessen. Oma verschenkt alles und behält nur die Fertiggerichte, die man nur noch in die Mikrowelle packen soll.

Aber dafür essen wir jetzt Rinderrouladen aus der Dose mit Erbsen und Möhren aus der Dose und es ist kein gastronomisches Highlight aber ausreichend okay.

Wie’s denn beim Adventskonzert war, will Mama wissen. “Blöd”, sagt Oma. “Die haben nur so ganz klassische Weihnachtslieder gespielt.” Letztens war’s schön, sagt sie, da haben noch Jugendliche Klavier gespielt und es wurden Gedichte vorgelesen und das war schön.

Gedichte können wir selber aufsagen, zum Beispiel “Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen“. Wir können es aber nur in dem kölschen Singsang, in dem mein Onkel es 1964 bei der Produktion der ultimativen Weihnachtskassette als Zehnjähriger aufsagte. Die ultimative Weihnachtskassette haben meine Großeltern aufgenommen, ein Potpourri aus Gedichten, Liedern (mit und ohne Gesang) und einem Krippenspiel, bei dem auch die Nachbarskinder mitwirkten. Mama war da drei, fast vier und durfte als ersten Beitrag “Advent, Advent” aufsagen. Wir überlegen uns Vermarktungsstrategien für die Weihnachtskassette, die mein Onkel vor Jahren auf CD brannte und an alle Geschwister verteilte. Da muss doch was gehen. “Kölner Großfamilie Weihnachten 1964 – unplugged und ungekürzt”.

Dann überlegen wir, wie das wohl wird, wenn die Nachkriegsgenerationen ins Seniorenheim kommen. Die, die wirklich gar nicht mehr zum Adventskonzert wollen, noch nicht mal, wenn ihnen sehr langweilig ist. Oder nachher, die Generation wie mein Vater. Der nicht zum Adventskonzert ginge und auch nicht zum Gottesdienst, dafür aber auf seinem Zimmer laut Neil Young hören will. Da müssen sich die Organisationsleute sämtlicher Seniorenheime ganz schön umstellen in ihrer Programmgestaltung. Ganz, ganz später, aber das fällt mir erst jetzt ein, wird das Hauptkriterium bei der Seniorenheimwahl sein, ob es da WLAN gibt. In ein Seniorenheim ohne WLAN geh ich nicht.

Wir essen Kekse und Omas Weihnachtszeug. Dominosteine mag ich nicht, dem Gelee stehe ich neutral gegenüber, aber ich habe eine Schwäche für dieses komische Fondantzeug. Jedesmal, wenn es sowas gibt, muss ich das essen und bin zwischen Abscheu und Genuss hin- und hergerissen. Viel zu süß und so pampig und irgendwie schmeckt es nach Rum, warum ess ich das eigentlich, hmmmm, lecker, ich nehm noch eins.

Wenigstens kann Oma meine Vanillekipferl essen, die sind mürbe genug, zerbröseln ja schon so ein bisschen, wenn man sie zu streng anguckt. “Und?” fragen wir. “Lecker”, sagt Oma.

Na, dann ist ja gut.

Einmal um die ganze Welt

Weltreisen sind ja spätestens in seit Meike Winnemuth 2011 zwölf Monate in zwölf Städten verbrachte und erst darüber bloggte, um dann später ein sehr schönes Buch [Werbelink] darüber zu schreiben.

Seitdem wissen wir: Weltreisen sind machbar, man muss sich nur aufraffen.

Genau das hat meine Cousine jetzt gemacht und ist seit drei Monaten unterwegs. Einen Endtermin gibt es nicht, irgendwann geht die Lust oder das Geld aus oder das Heimweh wird zu groß, was davon zuerst eintritt, wird sich zeigen. Von Köln aus ging es zuerst nach Namibia zur Safari, dann nach Südafrika und von da aus zum aktuellen Aufenthalt nach Sri Lanka. Danach geht es weiter nach Thailand. Es ist alles so furchtbar aufregend!

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Damit wir uns zu Hause keine Sorgen machen müssen, sondern nur neidisch Geschichten lesen und Bilder und Videos gucken können, versorgt sie uns auf ihrem Blog Travel Makes You Richer mit dem dazu geeigneten Material. So saß ich dann auch gestern frisch geschminkt und fertig für die Einladung zum Adventsbrunch noch kurz vor dem Rechner, guckte das Südafrika-Video (BERGSTEIGEN! SEILBAHN! LÖWENBABYS! KAPSTADT VON OBEN!) und fing dann bei der Szene mit der Fahrradtour durchs Township an zu weinen. Warum das so schön ist, findet man am besten selber raus, ich spoile ja hier nicht unnötig rum.

Jedenfalls finde ich, es sollten viel mehr Leute Monas Blog lesen – und das nicht nur, weil ich das natürlich familiär bedingt ganz furchtbar spannend finde. Endlich wieder live bei einer Weltreise dabei sein! Das Internet macht’s möglich.

Und weil, eben… genau, das Internet alles möglich macht kann man auch über Facebook, Instagram und Twitter voller Neid beispielsweise auf Eiskaffee am Strand von Sri Lanka starren, während bei uns jetzt endgültig die Winterjacken rausgeholt werden.

Hach.

Sonntags auf dem Fehrbi

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Wenn man am Wochenende auf dem Flohmarkt auf dem Fehrbelliner Platz in Charlottenburg hinter einem Stand steht (nur als Besuch), dann will man eigentlich gar nicht mehr weg. Dauernd kommen Leute und verhalten sich irgendwie oder sagen Sachen. Zwischendurch kann man sogar ein bisschen Prominenz gucken, das ist aber natürlich reiner Zufall.

Da kommt dann zum Beispiel jemand und will eine Taschenuhr kaufen, die kostet aber 40 Euro. 30, sagt er. Nee… 35, sagt Mutter, absoluter Endpreis. Er geht jetzt noch mal rum, sagt er, dann kann sie ja noch mal überlegen und er kann noch mal überlegen. Sie müsse da nichts überlegen, sagt Mutter leise zu mir. Der Mann läuft eine Runde, dann kommt er wieder und will immer noch 30 zahlen, Mutter will aber immer noch 35 haben.

“Sie handeln hier für fünf Euro!” sagt er etwas empört.

“Ja, SIE DOCH AUCH!” rufen Vater, Mutter und Tochter (also ich).

Außerdem wäre da keine Kette dran, da müsse doch eine Kette dran, eine Taschenuhr ohne Kette, was solle man denn damit? Mutter meint, er hätte doch bestimmt eine Kette und wenn nicht, könnte er ja eine kaufen.

32 Euro 50, meint er.

35, meint Mutter.

Es endet dann doch damit, dass er die Taschenuhr ohne Kette kauft. Für 35. War ja klar.

Schöner war aber die Frau, die sich eine Kette anguckte, dann fragte, was die kosten würde bzw. ob die so viel kosten, wie dran stünde, worauf Vater sagte, wenn da ein Preis dran stünde, dann würde das wohl auch so viel kosten, wie dran stünde.

Worauf die Frau einen seltsamen angeekelt-empörten Gesichtsausdruck bekam, und die Kette schnell wieder hinlegte, fast so, als ob wir oder gar die Kette selber sie mit dem Preisschildchen persönlich beleidigt hätten.

Ich wäre gerne noch länger geblieben, aber es war heute doch etwas kalt in Berlin, und darum fuhr ich nach zwei Stunden noch schnell zur Oranienburger Straße, aß ein gigantisches Pastramisandwich bei Mogg & Melzer und machte mich dann auf zum Hauptbahnhof und auf den Weg zurück ins Ruhrgebiet.

Mal abgesehen davon, dass ich öfter in Berlin sein sollte, sollte ich auch öfter auf dem Fehrbelliner Platz auf dem Flohmarkt stehen und Leute gucken.

Wie meine Großeltern mal ein gefälschtes Bayer-Weihnachtspaket bekamen

Mein Opa war bei Bayer, so wie sich das gehörte. Was er da gemacht hat, weiß ich gar nicht so genau, irgendwas mit Buchhaltung, wo er ganz sauber und ordentlich in kleiner Schrift viele Zahlen in langen Reihen untereinander schreiben konnte. Damals war es ja auch noch so, dass man, wenn man einer Firma war, auch treu da blieb. In Leverkusen und Köln gibt es ganze Siedlungen, wo nur Bayermitarbeiter in hübschen Bayerhäuschen wohnten, die dann mit ihrem roten Bayerrad morgens ins Bayerwerk fuhren. Da, wo meine Großeltern wohnten, gab es auch lauter ehemalige Bayermitarbeiter. Auch ansonsten war man seiner Firma treu, deswegen reden wir auch an Opas Grab nie schlecht über Bayer, und fallende Bayeraktien sind sowieso ein Tabuthema. Wenn jemand in Köln-Mülheim auf dem Friedhof eine abfällige Bemerkungen über Bayer machen sollte und irgendwo ein Erdhaufen bebt, dann ist das mein Opa, der sich gerade im Grabe umdreht.

Das allerallerbeste im Leben eines Bayerpensionärs war aber das Bayer-Weihnachtspaket. Das kam einmal im Jahr, kurz vor Weihnachten und war prallgefüllt mit ein paar tollen Sachen, ein paar nützlichen Sachen, und ein paar Sachen, die man nicht mochte und seinen Kindern mitgeben konnte. Jedes Jahr war mehr oder weniger das gleiche drin, Kaffee, Tee, Dauerwurst, Bonbons, Schokolade, Lebkuchen und was man sonst noch so verschicken kann. Außerdem gab es eine Liste, auf der der Inhalt verzeichnet war und die man abhaken konnte, um zu prüfen, dass man auch wirklich alles gekriegt hatte.

Dann trug man die Kiste ins Nebenzimmer und wenn dann zu Weihnachten die Familie da war, wurde die Kiste noch mal sehr ausführlich begutachtet und das, was man sowieso nicht brauchte (Tee, wer braucht schon Tee?) an die jeweiligen Interessenten verteilt. Das Bayer-Weihnachtspaket, ich scherze hier nicht, war das Highlight des Weihnachtsfestes, wenn nicht des ganzen Jahres. Welch besseren Beweis konnte man denn haben, dass sich die Firma immer noch um einen sorgte, als so ein prallgefülltes, ordentlich verpacktes, mit einer Liste versehenes Paket? Keinen, eben.

Und irgendwann ging es Bayer dann nicht mehr so gut und dann gab es keine Weihnachtspakete mehr. Dürre Jahre. Hungerjahre. Im Stich gelassen von der Firma, Weihnachten quasi kaputt. Ein Drama.

Das ging ein paar Jahre so, bis meine Eltern und meine Tante* auf eine Idee kamen. Da sie der Bayer-Weihnachtspaketzeremonie jahrelang beigewohnt hatten und den Inhalt so mehr oder weniger auswendig kannten, würden sie einfach selber ein Bayer-Weihnachtspaket bauen und verschicken. In mühevoller Arbeit wurden die einzelnen Komponenten zusammengesucht und in einen Karton gepackt. Von einem Freund lieh man sich ein Schreiben mit einem Bayer-Briefkopf und bastelte sich so ein 1A-Bayer-Anschreiben. Die Sachbearbeiterin hieß passenderweise “Frau Gönner” und im Kleingedruckten stand zur Abwechslung nicht die Liste des Vorstands, sondern ein Weihnachtsgruß, aber das war ja im Kleingedruckten und wer liest schon das Kleingedruckte?

Das Paket wurde verschickt und dann abgewartet. Die Überraschung und die Freude war erwartet groß. Endlich wieder ein Bayer-Weihnachtspaket! Und zwar – so hieß es auch im Anschreiben – nur für “besonders verdiente Mitarbeiter”! Was niemand ahnen konnte war, dass sich Opa selbstverständlich mit stolzgeschwellter Brust in der Nachbarschaft erkundigte, wer denn noch als besonders verdienter Mitarbeiter ein Weihnachtspaket erhalten hätte. Keiner nämlich! Alles keine besonders verdienten Mitarbeiter, nur er! Da kann man mal sehen! (Hatte er übrigens schon immer geahnt.)

Außerdem hatte er natürlich bemerkt, dass der Inhalt leicht vom üblichen Inhalt abwich und vor allem nicht so ordentlich verpackt war wie er es sonst von Bayer gewöhnt war. Das, so schlussfolgerte er knallhart, läge aber daran, dass das jetzt “irgendwelche Mädchen” bei Bayer machen würden, und die wären bekanntlich ja nicht so ordentlich und sorgsam.

Eigentlich sollte das Geheimnis um das Weihnachtspaket am Weihnachtsabend aufgelöst werden, aber dann traute sich auf einmal niemand mehr, Opa reinen Wein einzuschenken und wir mussten alle nur sehr doll aufpassen, nicht hemmungslos loszukichern. Statt dessen nahmen meine Eltern dann halt wieder den Tee mit, den sie selbst mit in das Paket gepackt hatten. Glaubwürdigkeit muss eben sein.

Im nächsten Jahr gab es dann wieder kein Weihnachtspaket mehr. Und Oma weiß bis heute nichts und das muss auch so bleiben.

 

*Meine Tante hat schon angemeldet, dass sie gerne mal in diesem Blog erwähnt werden möchte. Hiermit erledigt. Huhu, Judith!

Wie ich einmal daran scheiterte, eine Bravo Girl ins Haus zu bekommen

Bis ich 13 war, lebten wir ja bei meinen Großeltern im Haus. Unten die Großeltern, oben wir, aber es gab nur eine Klingel und nur einen Postkasten, wenn man zu meinen Großeltern wollte, musste man einmal klingeln, wenn man zu uns wollte, musste man zweimal klingeln, das stand auch dran auf einem kleinen Zettel, der mit Tesa neben der Klingel klebte.

Ich kam also eines Tages mit einer im Zeitschriftenladen Slatinschek brandneu käuflich erworbenen Bravo Girl nach Hause, als mir siedend heiß einfiel, dass meine Eltern nicht da waren und mich dementsprechend meine Großeltern reinlassen mussten. Einen Schlüssel habe ich nie besessen, es war vermutlich auch gar nicht nötig, es war ja immer jemand zu Hause.

Jetzt war es noch nicht mal so, dass es mit meinen Großeltern im Allgemeinen oder mit meiner Oma im Besonderen jemals Diskussionen darüber gegeben hätte, wie sie zur Bravo standen. Meinen Eltern, das wusste ich, war es egal, oder sie waren zumindest klug genug, zu wissen, dass Verbote eher albern gewesen wären. Bei meiner Oma sah das anders aus, das wusste ich instinktiv, ohne, dass wir jemals konkret darüber gesprochen hätten. Weder eine Bravo noch eine Bravo Girl würde den “Oma Approved”-Stempel bekommen, und selbst, wenn sie wohl nicht die Macht gehabt hätte, es mir zu verbieten, so wusste ich ja: Traurige, enttäuschte Omablicke ob meines sittlichen und intellektuellen Verfalls sind viel schlimmer als jedes Verbot.

Also entsann ich einen Plan. Ich würde einfach die Bravo Girl in diesen Zeitungskasten unter dem Briefkasten legen, zusammengerollt und schön weit hinten und dann später schnell nach draußen schleichen und sie holen. Da es schon Nachmittag war, war auch die Gefahr, dass jemand in den Zeitungskasten gucken würde, gering. Die Zeitung kam ja immer morgens.

Ich rollte also die ungelesene Bravo Girl mit dem Rubbeltattoo-Gimmick zusammen, schob sie tief, tief in den Zeitungskasten und klingelte. Oma öffnete und ich konnte rein und nach oben in unsere Wohnung.

Ich wartete geduldig ein bisschen ab, bis die Luft frei war und dann schlich ich mich nach unten, öffnete behutsam und leise die Tür und griff in den Zeitungskasten. Nichts. Die Bravo Girl war weg. In den wenigen Minuten, diesen vollkommen ungefährlichen Nachmittagsminuten, in denen es wirklich keinerlei Veranlassung gab, in unseren Zeitungskasten zu gucken, war es dennoch passiert. Nachfragen konnte ich natürlich nicht, da wäre ja alles aufgeflogen, also konnte ich mich nur ein bisschen verstohlen umgucken, in der Hoffnung, irgendwo meine Bravo Girl zu finden, und musste dann unverrichteter Dinge und ohne wertvolle Tipps zu Mode, Makeup und Stars wieder abziehen.

Tatsächlich fand sich ein winziger Teil meiner Bravo Girl wieder. Das Rubbeltattoo-Gimmick lag auf einmal auf der Küchenfensterbank bei Oma und von meiner Mutter erfuhr ich, dass es tatsächlich Oma selbst war, die, anscheinend vom sechsten Sinn für mangelhafte Jugendlektüre getrieben, die Bravo Girl im Zeitungskasten gefunden und zeitnah entsorgt hatte.

“So ein Schund”, hatte sie gesagt. “Was die Jugendlichen da lesen. Das hat uns einfach jemand in den Briefkasten gelegt.” Aber das Rubbeltattoo, das hatte sie behalten, das könnte man ja noch mal einem Enkel schenken.

Wie wegen uns mal alle Hotelgäste kein Frühstück bekamen

Es war vor anderthalb Jahren, in einem Dorf irgendwo südlich von Kassel mitten im Knüllgebirge. Natürlich gab es einen Grund, weswegen wir hier waren, man ist ja eher selten im Herbst in einem Hotel in einem Dorf südlich von Kassel mitten im Knüllgebirge. Aber die Schwiegereltern feierten Goldene Hochzeit und dafür hatte man sich dieses kleine Dorf ausgesucht. Nur die nächsten Verwandten, dafür aber mehrere Tage lang mit Rahmenprogramm. Das Rahmenprogramm bestand aus einer Planwagenfahrt, die erstaunlich schön war und einem Besuch der örtlichen Kegelbahn.

Die Schwiegermutter hatte sich ein Klavier gewünscht, also nicht als Geschenk, sondern für die Feierlichkeiten. Klar, hatten die Hotelbesitzer gesagt, stellen wir Ihnen hin. Das Klavier, so stellte sich raus, war das Klavier vom Hotelbesitzersohn. Die Hotelbesitzer wohnten direkt angrenzend und irgendwann ging eine Tür auf und der Hotelbesitzersohn rollte das Klavier aus der Hotelbesitzerwohnung ins Hotel.

Da stand es nun und wurde regelmäßig bemüht, meistens vom Mann, manchmal von mir, selten von anderen. Für den Abend der offiziellen Feierlichkeiten hatte sich Schwiegermutter musikalische Begleitung gewünscht und wir hatten sogar noch schnell ein lustiges Lied geschrieben, das dann mit Klavier, Ukulele und Gesang vorgetragen wurde. Der Abend wurde später und später, so langsam gingen alle ins Bett, nur der Mann und ich waren noch da. Der Mann und ich, der Hotelbesitzersohn, der Hotelkoch und ein Freund des Hotelbesitzersohns, die alle vorne an der Theke standen. Der Hotelbesitzersohn war für zwei Wochen fürs Hotel zuständig, erzählte er. Die Eltern, wie passend, hätten silberne Hochzeit und seien von den Kindern in den Urlaub geschickt worden. Eigentlich würde er studieren, aber was und wo habe ich vergessen.

Ob er denn auch Klavier spielen würde, fragte der Mann. Ja ja, schon, aber eher so Sonatinen und sowas, nichts Aufregendes, sagte der Hotelbesitzersohn. Sonatinen!, sagten wir. Ja, wenn wir das gewusst hätten, da hätten wir ihn ans Klavier gesetzt, denn die Schwiegermutter liebt Sonatinen über alles. Wir schickten den Hotelbesitzersohn Noten holen, dann ging es ans Klavier, immer abwechselnd, manchmal mit Ukulele, manchmal mit Gesang, manchmal nur Klavier.

“Kommt, wir mixen Drinks”, hieß es irgendwann, und dann saßen wir nicht nur abwechselnd am Klavier, sondern liefen auch abwechselnd zu zweit an die Hotelbar, um Drinks zu mixen. Wobei das im weitesten Sinne des Wortes zu verstehen ist. Den Drink, den der Mann zusammen mit dem Hotelbesitzersohn nach ausführlicher Begutachtung des Sortiments “mixte”, hieß Single Malt, war aber auch gut.

So ging das weiter. Der Mann, der Hotelbesitzersohn und ich spielten Klavier oder Ukulele, der Koch und der Hotelbesitzersohnfreund lauschten und äußerten Publikumswünsche. Es wurde ein Uhr, zwei Uhr, drei Uhr. Der Koch gähnte und verabschiedete sich. Es wurde vier Uhr. “Verdammt, das wird hart morgen”, sagte der Hotelbesitzersohn. Wir brummelten mitleidsvoll Zustimmung. Um halb fünf wurde entschieden, dass man jetzt vielleicht doch mal ins Bett gehen könnte. Gute Nacht, bis morgen, war sehr schön.

Wann der Wecker am nächsten Morgen klingelte, weiß ich nicht mehr. Ich nörgelte brummelnd vor mich hin, der Mann saß halbwegs aufrecht im Bett. “Kommste mit?” fragte er mich. Ich stellte mir kurz vor, am Frühstückstisch zu sitzen, wusste aber, dass ich keinen Bissen runter bekommen würde und entschied mich spontan dagegen. “Neeee”, brummelte ich, zog die Decke noch mal energisch über beide Ohren, ließ den Mann alleine zum Frühstücken gehen und schlummerte selig wieder ein.

“Es gibt kein Frühstück”, hörte ich als nächstes, als der Mann wieder ins Bett kroch.

“Hm?”

“Gibt kein Frühstück”, wiederholte er.

“Was?”

“Wir haben da unten jetzt gewartet, aber es kam keiner. Und es war auch nichts aufgedeckt.”

Ich stellte mir das mal vor, die Schwiegereltern, die Kinder, die Enkelkinder, alle erwartungsfroh um halb zehn im Frühstücksraum versammelt, in Erwartung von Brot und Brötchen, Schinken, Käse, Marmelade und Ei und da ist nichts. Noch nicht mal Kaffee. Ausgerechnet die Schwiegereltern, die wir am Abend vorher noch in zähen Verhandlungen dazu überreden konnten, das Frühstück von neun Uhr auf halb zehn zu verschieben. Die Schwiegereltern, die bei jedem Besuch jeden Abend nachfragen, wann wir denn am nächsten Tag frühstücken wollten, worauf wir jedes Mal “Na, dann, wenn wir wach sind” antworten. Bei der Frühstücksplanung offenbaren sich die wahren Generationskonflikte. Und jetzt gab es gar kein Frühstück und keiner wusste, warum.

Also, keiner außer uns.

“Ernsthaft jetzt?” fragte ich.

“Ja, ernsthaft.”

Und dann schliefen wir noch ein bisschen.

Der Hotelbesitzersohn hatte verschlafen. Und weil er verschlafen hatte, konnte die Frühstücksaufdeckdame nicht ins Hotel. Und weil die Frühstücksaufdeckdame nicht ins Hotel konnte, gab es kein Frühstück fürs ganze Hotel.

Alles nur, weil da ein Klavier stand, und der Hotelbesitzersohn Sonatinen vorspielen musste und das dann wieder so furchtbar in eine Musik- und Trinkorgie ausartete. So ist das eben manchmal.

Acht Jahre

Am Donnerstag war Hochzeitstag. Abendessen mit dem dicksten Rinderfilet überhaupt, den leckersten Armen Rittern aller Zeiten und viel Wein. (An dieser Stelle noch mal Danke an Jeannette und Peter Schnitzler für einen wunderbaren Abend.)

Vor acht Jahren habe ich den besten Mann der Welt geheiratet, auf die unspektakulärste Art und Weise, die man sich vorstellen kann. An einem Montag. Der offizielle Teil beim Standesamt in Leverkusen und der feierliche Teil bei meinen Eltern zu Hause. Ganz viel Familie, ein paar Freunde, fertig. Zwei Tage vorher hatte der Mann seinen zur Hochzeit angereisten Berliner Freund gefragt, ob er nicht Trauzeuge sein wollte, er hätte noch keinen. Am Dienstag musste ich arbeiten.

Großeltern

Am gleichen Tag vor 72 Jahren verlobten sich meine Großeltern, am 11.4.1941, mitten im Krieg. Meines Wissens ist dieses Bild in Köln entstanden, aber beschwören möchte ich es nicht.

Am gleichen Tag vor 98 Jahren, am 11.4.1915, wurde meine Großmutter geboren.

Falls sich also jemand gefragt hat, warum um alles in der Welt man auf die Idee kommt, an einem Montag zu heiraten: Es gab gute Gründe, dieses Datum zu wählen.

Über Gedichte

Bei Herrn Buddenbohm geht es heute um Gedichte und die Faszination, die so ein Gedicht, frei vorgetragen von den Eltern, bei Kindern auslösen kann.

Ich kenne mich da sehr gut aus, denn meine Mutter liebt Gedichte und kann sich sowas auch irre gut merken. Nach eigenen Angaben gehörte “Gedichte-auswendig-lernen” zu ihren Lieblingsübungen während der Schulzeit und während andere sich abmühten, hat sie dann eben mal so lockerflockig Schillers “Die Bürgschaft” gelernt und kommt da auch heute noch ziemlich weit. (Ich komme deswegen auch immer bis zur ersten Strophe, ohne das Gedicht einmal selbst gelesen zu haben.)

Am liebsten hab ich aber “Das alizarinblaue Zwergenkind” gehört, das konnte sie auch besonders gut, mit diesem fulminanten Einstieg, dem enthusiastischen “Ui, fein!”, und dann zum Schluss der großen traurigen Enttäuschung. Kann ich nur empfehlen, lernt sich auch schön und hat so hübsche, geheimnisvolle Wörter. Auch ich krieg das so einigermaßen aus dem Kopf hin, bin aber besser bei Heinz Erhardts “Die Made”, das endet ja auch ganz furchtbar und traurig.

Gedichte sind eigentlich toll, man sollte mehr davon lesen und auch ein paar davon lernen, dann kann man bei langweiligen Partys auch unangenehmes Schweigen überbrücken oder so. Es findet sich bestimmt ein sinnvoller Anlass zu einer schwungvollen Rezitation. Am einfachsten ist das natürlich tatsächlich, wenn man Kinder hat, die bekanntlich von solchen Wundern nie genug kriegen können. Und ich sage das aus eigener Erfahrung, also Erfahrung als Kind, nicht als Eltern.

Dabei kenne ich gar nicht so viele Dichter und die, die ich kenne, passen gar nicht so recht zusammen. Max Goldt für das Absurdschönbekloppte, Robert Gernhardt für die überraschende Pointen und schönen Wortspielen, A.A. Milne für die Nostalgie und W.H. Auden fürs Romantischtragische. Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr glaube ich, ich brauch dringend noch ein bisschen mehr Lyrikzeug im Bücherschrank. Erich Kästner, hat der nicht auch? Und Morgenstern und natürlich Heinz Erhardt? Und… ach, da gibt’s bestimmt noch viele tolle Menschen, deren Gereimtes man entdecken kann.

Meine Mutter kannte auch noch ein Gedicht. Eigentlich ist es gar kein Gedicht, sondern so eine Art Schüttelreim als Geschichte. Der Humor dabei ist sehr simpel, für Kinder aber äußerst faszinierend. Ich habe versucht, herauszufinden, woher diese kleine Geschichte überhaupt kommt und ob es jemanden gibt, dem man die folgenden Sätze originär zuordnen kann, die Suche verlief aber fruchtlos. Es scheint auch mehrerer Versionen zu geben, ich zitiere jetzt einfach die Version, die ich bestimmt hundert Mal gehört habe und wünsche viel Vergnügen beim Auswendiglernen.

(Anleitung: Den ersten Teil mit normalem, leicht beschwingten Tonfall vortragen, den zweiten Teil dann mit zusammengezogenen Stirnfalten und bösem, gruseligem Tonfall. So wird das was.)

Hinter einer Pappelgruppe saß der Zeichlehrer einer Kinderschule
und malte die Schattenrisse seiner seeligen Frau,
die Filetschürzchen in den Koffer packte.
Da kam der Schulmeister, sein Freund,

und begrüßte ihn mit einem warmen Händedruck.

Hinter einer Rappelpuppe saß der Leichenzehrer einer Schinderkuhle
und malte die Rattenschisse seiner freligen Sau,
die Geleepfürzchen in den Poffer kackte.
Da kam der Muhlscheißer, sein Freund,
und begrüßte ihn mit einem warmen Hundedreck.