Tagebuchbloggen, 20.10.2018

Auf einem kleinen Familientreffen erfahre ich, dass mein Opa und sein Bruder sich heftigst stritten, als bekannt wurde, dass meine Mutter mit 18 schwanger war.

„Dass du sowas zulässt unter deinem eigenen Dach!“ war der Vorwurf meines Großonkels.

„War doch gar nicht klar, ob das unter seinem Dach war“, sagt meine Tante zweiten Grades dazu gestern im Garten.

Mein Vater steht in der Tür, als die Geschichte erzählt wird.

„Ich weiß gar nicht, wo das war“, sagt er nüchtern.

„Aber ich!“ sagt meine Tante.

Ja, okay, na dann. So genau wollte ich die Geschichte um den Beginn meiner Existenz ja vielleicht auch gar nicht wissen.

(Augustastraße in Köln, Silvester 79/80, nur der Vollständigkeit halber. Hätten wir das auch geklärt.)

Tagebuchbloggen 14. bis 19.8.

Freitagabend bei einem neuen Vietnamesen auf der Rüttenscheider Straße gegessen, sehr angenehm, wir konnten draußen sitzen, das Essen war wirklich gut und es gab cà phê sữa đá, den vietnamesischen Eiskaffee mit gesüßter Kondensmilch, den ich damals in Ho-Chi-Minh-Stadt so liebte.

Unangenehm immer wieder, sobald man man im Restaurant draußen sitzt, steigt die Chance, dass sich jemand in der Umgebung eine Zigarette ansteckt. Wir haben uns dann einen Tisch weiter gesetzt, da ging es dann. Dazu muss man wissen, dass ich Zigarettenrauch auf Entfernungen wahrnehme, die eventuell schon nicht mehr ganz normal sind.

Das war aber nur ein kleiner Wermutstropfen, ansonsten ein sehr schöner Abend, guter Moscow Mule auch, das My Dad Made in Essen-Rüttenscheid kann ich also auch empfehlen.

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Samstag war Familientag. Also zunächst nach Opladen zu Oma, bei der das Gespräch eher zufällig auf ihre Ostpreußenerinnerungen kam, sie lebte damals mit ihrer Mutter in Memel. Nachdem der alte Diercke-Atlas keine ordentliche Karte des Baltikums aufweisen konnte, musste das Smartphone her und wie das so ist, erzählte sie, ich suchte auf dem Smartphone, fand Bilder oder guckte auf Google Maps, darüber stolperten wir über das GenWiki, auf dem man sogar die Einwohner einzelner Häuser einsehen konnte.

„Der Schulz war der Nachbar, mit dem sich meine Oma die Zeitung teilte. Da musste ich immer hin und nach der Zeitung fragen und abends musste ich dann die Zeitung zurückbringen. Und in der Villa Lieselotte in Schwarzort habe ich mein Pflichtjahr gemacht. Ja, genau, das war das Haus, da unten haben wir gearbeitet, wieso hast du denn jetzt ein Bild davon?“

„Aus dem Internet, Oma, das ist alles im Internet.“

Als meine Eltern dann dazukamen, strahlte Oma: „Das war das schönste Gespräch meines Lebens!“

Es ist also ganz einfach, ich kann dieses Internet nur empfehlen, auch für Anverwandte, die vielleicht sonst nicht so viel damit anfangen können, mit denen man aber beim betreuten Internetstöbern der ein oder anderen Erinnerung nachstöbern kann.

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Weiter ging es ins Bergische Land, wo der dritte Geburtstag des Großcousinenkindes anstand. Das Großcousinenkind wohnt eigentlich bei Stuttgart, war aber mit Familie auf Großelternbesuch.

Es gab Kuchen und Schnittchen, Pflaumen frisch vom Baum und selbstgemachten Feigenwein und es war ungefähr genauso idyllisch, wie es sich anhört. Insgesamt sehr glückliche Kinder, es wurde nur einmal geweint, während die dreijährige Großcousine einem schon seit knapp einem Jahr sehr souverän eine Frikadelle an die Backe plappert, hat der zweijährige Großcousin noch eine eigene Sprache, sagt sehr souverän „Ja“ und „Nein“, kann aber mit beeindruckender Genauigkeit mit der Wasserpistole zielen. Beide sind leider außerdem verboten niedlich. Da Bilder aus offensichtlichen Gründen nicht möglich sind, hier als Ersatz meine bescheidenen Kneterfolge, im Hintergrund ein Hase.

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Sonntag dann eine Mischung aus Arbeiten und Schlafen. Da der Familientag aus mehreren Stationen bestand, und sowohl An- als auch Abfahrt mindestens anderthalb Stunden in Anspruch nehmen, musste halt alles andere irgendwie in den Sonntag rein, inklusive Erholung. Diese Wochenenden sind eben grundsätzlich zu kurz, all das nachzuholen, zu dem ich unter der Woche nicht komme.

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Außerdem war Sonntag großer Skandinavien-Doku-Tag auf 3Sat. Ich habe nur zwei verfolgt, einmal ging es um Island, da musste ich natürlich an Frau Drehumdiebolzen denken, die erst gerade mit Mann und zwei Kindern einmal komplett mit einem Geländewagenoldtimer rund um die Insel gefahren ist. Ja, das ist schon richtig, das Auto hat auch einen Twitteraccount.

Darauf folgte eine Doku über Tiere in Dänemark und ich war besonders verzückt von dem Eulenpapa, der seinen Jungeulen Futter brachte und sehr genervt in die Kamera guckte, als die Jungeule das Stück Fleisch fallenließ und ohne Pause einfach weiter krakelte. Natürlich guckte die Eule vermutlich gar nicht gernervt, sondern eben so, wie Eulen gucken, aber schauen Sie selbst.


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Familie: The Next Generation

Ich bin bekanntlich Einzelkind und nach langjährigen Beobachtungen sowohl meine charakterliche Disposition betreffend als auch der komplizierten Familienverhältnisse von Nicht-Einzelkindern finde ich das auch ganz okay so. Auf der anderen Seite gibt es eine weiter gefasste Familie, die sämtliche Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen umfasst und mir nicht sehr fremd ist. Zum einen haben sich die Geschwister meiner Mutter sehr viel Mühe gegeben und alle elf Cousins und Cousinen in einer Zeitspanne von 1980 bis 1989 geboren, so dass es nie zu absurden Altersabständen kam. Außerdem lässt sich eine gewisse Heimatliebe feststellen, so dass ich jetzt mit knapp 70 km Entfernung am zweitweitesten von allen vom Mutterschiff weg wohne. Auch, wenn es andere Cousins und Cousinen mal weiter weg verschlagen hat, kommen sie jetzt alle zurück wie die Lachse zum Laichort. Als letztes muss man vielleicht wissen, dass wir die ersten dreizehn Jahre meines Lebens im Haus meiner Großeltern wohnten, und somit eben am Zentralumschlagplatz für Familienbesuche. Mit nuklearer Familie haben wir also nicht so viel am Hut, es gehören sehr viel mehr Personen dazu.

Nun fangen die Cousinen und Cousins an, selber Kinder zu bekommen. Mittlerweile gibt es vier davon, das fünfte ist unterwegs, alle innerhalb von zwei Jahren, auch hier also kann man einen gewissen Hang zur zeitlichen Nähe feststellen, allerdings weiß natürlich noch keiner, wie das in der Zukunft weitergeht.

Ich bekomme jetzt also eine komplett neue Art von Verwandten, die es vorher nicht gab, und die so furchbar niedlich ist, dass man auch davon erzählen möchte und dafür braucht man Wörter.

Weil ich nun auch gerne richtig rede und korrekte Begriffe verwenden möchte, begann ich mich damit zu beschäftigen, wie das denn mit diesen Verwandtschaftsverhältnissen so aussieht. Ich empfehle dazu den Artikel in der Wikipedia zu „Verwandtschaftsbeziehung“, denn da gibt es neben viel hilfreichem Text auch eine hübsche Grafik, durch die man sich durchhangeln kann.

Ich fand heraus: Die Kinder meiner Cousinen und Cousins sind meine „Nichten und Neffen zweiten Grades“. Das ist jetzt zwar offenbar richtig, aber ein sehr sperriger Begriff, der sich für den täglichen Gebrauch und ob seiner Verbosität auch gerade für Twitter nicht wirklich eignet. Ich war also auf der Suche nach einem besseren und trotzdem zumindest nicht falschem Wort.

Instinktiv hatte ich immer von Großcousinen und Großcousins gesprochen, war dann aber unsicher geworden. Ich fragte auf Twitter nach, und einige Leute mit den gleichen Verwandtschaftserfahrungen wiesen ebenfalls auf die Option Großcousine und Großcousin hin. Ich guckte also noch mal genau hin und wurde fündig (Hervorhebung von mir):

Großcousin und Großcousine sind keine offiziellen Verwandtschaftsbezeichnungen, sie werden nicht einheitlich benutzt; vom normalen Muster abweichend, werden damit umgangssprachlich ganz allgemein Verwandte aus der nächst älteren Generation, aus derselben, oder aus der nächst jüngeren Generation bezeichnet: […]

  • Cousin, Cousine 2. Grades
  • Cousin, Cousine eines Elternteils = Onkel, Tante 2. Grades
  • Sohn, Tochter einer Cousine oder eines Cousins 1. Grades = Neffe, Nichte 2. Grades
  • allgemein: Cousins und deren Kinder, wenn ihr Grad nicht bekannt ist

Anders formuliert ist Großcousin und Großcousine im großen Verwandtschaftsbingo einfach kein geschützter Begriff. Es ist zwar jetzt nicht die hyperkorrekte Bezeichnung für die Kinder meiner Cousinen und Cousins, aber es kommt einem fluffiger über die Lippen, verbraucht nicht so viele Zeichen und ist vor allem nicht falsch.

Wer also in nächster Zeit neue Verwandtschaft in Form von Cousin(en)kindern bekommt, der muss nicht länger suchen und zweifeln: Wir dürfen Großcousine und Großcousin sagen! Hurra!

Dialog am Abend

„Passt du auf mich auf?“

„Ja“

„Soll ich auch auf dich aufpassen?“

„Ja.“

„Also passen wir aufeinander auf?“

„Ja.“

„Gut.“

Über mäßig ungewöhnliche Leseorte und falsche Geschlechterklischees

Vorsicht: Dieser Artikel fällt für ganz empfindliche Leute möglicherweise in die Kategorie TMI (too much information). Es passiert aber de facto nichts Schlimmes und auch nichts Ekliges.

Gestern Abend hörte ich mal wieder mit großer Freude den Lila Podcast von Katrin Rönicke und Susanne Klingner und wurde bei einer Äußerung in großes Erstaunen versetzt.

Katrin berichtete von einer Diskussionsrunde auf dem taz.lab, bei der die sagenhafte These in den Raum gestellt wurde, dass es bei Frauen und Männern ja nun schon prinzipiell Unterschiede gebe, weil zum Beispiel nun Männer sich etwas zu Lesen mit aufs Klo nähmen und Frauen nicht. (Hier zu finden ab Minute 7 ungefähr.)

Vor Schreck über so diese Behauptung fiel ich fast aus dem Bett.

Ich lese auf dem Klo, seit ich noch gar nicht lesen konnte. Auf unserer Toilette lag stets griffbereit eine Auswahl sinnvoller Lektüre, die regelmäßig ausgetauscht wurde, damit es auch nicht langweilig wurde. Vermutlich habe ich so jedes Asterixheft mindestens einmal komplett auf dem Klo gelesen. Später kamen Lustige Taschenbücher dazu und auch sonst alles, was man halt lesen konnte. Die Calvin-und-Hobbes-Hefte, die ich im Teenageralter zur allgemeinen Freude aller im Haushalt lebenden Personen, anschaffte, haben es entsprechend nie aus der Wohnung meiner Eltern geschafft. Wobei, ein Heft hat es tatsächlich aus der Wohnung meiner Eltern geschafft und liegt jetzt griffbereit im Flurschränkchen ihrer Zweitwohnung in Berlin, direkt neben der Badezimmertür.

Es ist mir unverständlich, wie man auf Toilette gehen kann, ohne sich vorher um Lesestoff bemüht zu haben. Was macht man dann da, auf die Kacheln starren? Ein Liedchen summen? Oder lesen die Menschen, die behaupten, sie würden auf Toilette nicht lesen eben doch, nur eben dann die Rückseiten von Tamponpackungen oder Shampoos? Ich hingegen renne regelmäßig panisch durch die Wohnung, weil ich zwar dringend mal muss, aber erstmal etwas zu lesen suchen muss. Etwas grotesk erscheint mir immer die Situation, wenn ich auf der Toilette sitzend Kochzeitschriften lese, aber dann denke ich über die Schönheit des ewigen Verdauungskreislaufes nach und finde es dann fast wieder passend.

Als ich heute auf Twitter kurz von dieser Behauptung schrieb, gab es natürlich auch direkt Nachfragen, die ich auch gerne noch aufgreife. Ja, Handy und Tablets zählen auch als Lesestoff. Erweitert man das ganze, akzeptiere ich selbstverständlich auch jegliche Art tragbarer Spielekonsolen, Hauptsache, man hat etwas, mit dem man sich beschäftigt und das einen vom Kachelzählen abhält. Auch das Hören von Podcasts, Hörbüchern und Hörspielen ist eine schöne Beschäftigung, während man erledigt, was halt gerade erledigt werden muss. Ich bin da nicht kleinlich, mir wird nur sehr schnell langweilig und weil ich erkannt habe, dass meine Zeit begrenzt und die Auswahl an interessanten Sachen unendlich ist, sehe ich gar keine andere Möglichkeit, auch die Zeit auf Toilette irgendwie sinnvoll zu nutzen.

Tatsächlich habe ich keine Zahlen über das Auf-Klo-Leseverhalten von Männlein und Weiblein. Bei uns zu Hause lag die Quote der lesenden Personen bei hundert Prozent, zwei von drei Leuten,  die ich in dieser Langzeitstudie (1980 bis 2000) beobachtet habe, waren weiblich. In einer weiteren Langzeitstudie (2002 bis 2015 und andauernd) habe ich das Klolektüreverhalten dieses Haushalts beobachtet und konnte feststellen, dass auch hier hundert Prozent der hier lebenden Personen auf Toilette lesen. Es sind allerdings nur zwei, eine davon weiblich (ich) und eine männlich.

In meinem Leben gab es bislang noch keine brauchbare Alternative zur Klolektüre. Lesen auf Toilette scheint mir der einzig gangbare Weg. Allerdings weiß ich tatsächlich nichts über das Verhalten anderer Menschen, also solcher, mit denen ich weder verwandt noch verheiratet bin. Das kann man aber natürlich ändern. Ich rufe also dazu auf, sich als Kloleser zu outen oder natürlich nicht, je nachdem, was man halt da so macht. Und alle Nicht-auf-dem-Klo-Leser dürfen auch gleich die Frage beantworten, was man denn ansonsten bitte schön da tut. Das würde mich nämlich auch sehr interessieren. Bitte sehr, die Kommentare sind eröffnet, nur zu!

1945 – „Hello Soldscher!“

Als wir 2005 in Pennsylvania bei den Großeltern einer Bekannten waren, nahmen diese uns zum Sonntagsgottesdienst mit. „This is Peter and Anne“, stellten sie uns ihren Bekannten vor. „They are friends of Caitlin’s from Germany.“ „Oh“, sagte eine ältere Frau lachend. „You were our enemies in the war.“

Der Bruder meiner Oma kam bei einem Bombenangriff auf Köln ums Leben.

Mein Opa flüchtete aus dem Sudetenland, meine Oma aus Ostpreußen. Sie trafen sich in Köln. Ohne den zweiten Weltkrieg würde meine Familie nicht existieren.

Jedes Jahr zu Weihnachten nahmen mich meine Großeltern mit zur Ostpreußen-Weihnachtsfeier im Kolpinghaus in Köln.

Meine Schwiegereltern sind Halbwaisen. Beide Väter „blieben im Krieg“, wie man sagte. Als ob sie irgendwo geblieben wären.

Der zweite Weltkrieg ist gleichzeitig so weit weg und doch so eng mit uns verbunden.

VOX zeigt heute von 12 Uhr bis 24 Uhr Originalaufnahmen und Zeitzeugeninterviews vom und über zweiten Weltkrieg. Jede Stunde ist einer anderen Stadt und einem anderen Thema gewidmet. Um 12 Uhr starteten wir mit Köln und nach fünfzehn Minuten kamen wir bei den Aufnahmen des zerstörten Kölns zum ersten (aber nicht zum letzten) Mal die Tränen.

Es regnet heute doch eh. Guckt das. Ich kann es nicht aus historischem Blickwinkel beurteilen, nur aus einem laienhaften, menschlichen, emotionalen. Aber aus diesem Blickwinkel ist das gut. Verstörend. Bewegend. Traurig. Tragisch. So weit weg und doch irgendwie so nah dran.

Über Kinderkrankheiten und Baguette

Die Impfdebatte ist ja in vollem Gange. Ich habe keine Kinder und war unter anderem fahrlässig ungeimpft mal in Vietnam, aber das hatte andere Gründe, die mit einer gewissen Planlosigkeit zu tun hatten. Ich war nämlich nicht nur fahrlässig ungeimpft sondern auch mit dem falschen Visum in Vietnam. Hat aber keiner gemerkt. Als Biologentochter und Alumni einer Schule, auf dem einem noch was beigebracht wurde, bin ich sehr auf der Seite der Wissenschaft und dementsprechend sehr pro Impfung. Darum geht es hier aber nicht, das dürfen andere Leute mit mehr Energie bitte an anderen Stellen diskutieren.

Ich hatte Masern, Windpocken und Mumps. Ich weiß nicht mehr, wann und wogegen ich geimpft wurde. Ich erinnere mich an exakt zwei Impfungen, nämlich eine Schluckimpfung vermutlich gegen Keuchhusten und an die Impfung gegen Röteln in der Unterstufe, wo andere Mädchen weinend in der Ecke saßen, während ich vergnügt dabei zusah, wie mir die Ärztin die Spritze so in den Arm rammte, dass es blutete.

An Masern erinnere ich mich nicht, da war ich sehr jung. Ich meine mich daran zu erinnern, wie meine Oma panisch bei meiner Mutter anrief, weil die Enkelin krank sein, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil irgendwer mal irgendwie sowas erzählt hat. An Windpocken erinnere ich mich etwas besser. Ich kann das nicht empfehlen, das ist unangenehm. Das einzig positive war, dass ich, meine Cousine und mein Cousin gleichzeitig Windpocken hatten, also nicht ganz allein in Quarantäne mussten. Das ist übrigens kein Argument für Masernpartys, besser wäre gewesen, wir hätten uns gar nicht erst tagelang die Pocken vom Körper kratzen wollen.

Mumps aber, das weiß ich noch genau, weil die Geschichte darum einigermaßen originell ist. Als ich Mumps hatte waren Sommerferien und wir in Frankreich. Meine Mutter, meine Tante, mein Cousin und ich waren Campen (das letzte Jahr, danach war Schluss mit dem Unsinn, Campen, lasst das, da hat man noch nicht mal richtige Betten). Ein anderer Teil der Familie war klüger und hatte sich ein Haus im Ort gemietet.

Irgendwann fing ich an über Schmerzen in den Backen zu klagen. Beim Kauen tat es weh und sonst auch. Meine Mutter diagnostizierte einwandfrei und knallhart: Baguette! Ich hatte sicherlich die bekannte Baguettekrankheit. Wer dauernd intensiv mit den Zähnen am Brot zieht, der kriegt Baguetteweh in den Backen. Fall gelöst. Millionen Franzosen wissen, wovon ich rede.

Mit Baguette ließen sich dann leider weder die dicken Backen noch das Fieber erklären. Mein Onkel, der hilfreicherweise Arzt war, wagte eine Zweitdiagnose und tippte auf: Mumps. Das klang dann nach ein bisschen Nachdenken doch wahrscheinlicher als Baguette. Dann durfte ich ein paar Tage im Haus rumfiebern und musste nicht campen, dann war der Mumps vorbei.

Sollte das Kind also im nächsten Urlaub über Backenweh klagen, muss es nicht zwingend das lokale Backwerk sein. Außer, wenn es vernünftigerweise geimpft ist, dann ist es vielleicht doch Baguette.

Tausend Tode schreiben: Bonustrack

Letzten Freitag erschien Version 2 von „Tausend Tode schreiben“, dem wunderbaren Projekt von Christiane Frohmann, über das ich auch schon hier schrieb. Man kann es hier auf minimore kaufen oder bestimmt auch bald auf Amazon (da gibt es bisher nur Version 1, man bekommt dann aber die weiteren Versionen kostenlos).

In der neuen Version gibt es auch einen Text von mir, das freut mich natürlich sehr. Wer es noch nicht getan hat, sollte Tausend Tode schreiben also spätestens jetzt kaufen. Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

Mittlerweile gibt es schon viele Berichte und Interviews mit Christiane Frohmann über ihr Projekt. Dieses Interview hier in den Wired ist zum Beispiel sehr schön.

Und für alle, die meine Geschichte schon gelesen haben, habe ich hier einen Bonustrack. Ein Bonusfoto vielmehr, aber wer wird hier schon kleinlich sein?

Taschenlampe

Bei Oma

Wir sitzen bei Oma und essen Rinderrouladen aus der Dose. Die Caritas hat den Seniorenheimbewohnern lustige Carepakete zu Weihnachten gepackt, worauf meine Mutter kurz wieder in einen Rant verfällt, wie bescheuert das sei, es ist ja nicht so, als ob die Leute im Seniorenheim notleidend wäre und dann wären fast nur Sachen drin, die man zubereiten muss, Puddingpulver und Kartoffelpüreepulver und eben Dosenessen. Oma verschenkt alles und behält nur die Fertiggerichte, die man nur noch in die Mikrowelle packen soll.

Aber dafür essen wir jetzt Rinderrouladen aus der Dose mit Erbsen und Möhren aus der Dose und es ist kein gastronomisches Highlight aber ausreichend okay.

Wie’s denn beim Adventskonzert war, will Mama wissen. „Blöd“, sagt Oma. „Die haben nur so ganz klassische Weihnachtslieder gespielt.“ Letztens war’s schön, sagt sie, da haben noch Jugendliche Klavier gespielt und es wurden Gedichte vorgelesen und das war schön.

Gedichte können wir selber aufsagen, zum Beispiel „Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen„. Wir können es aber nur in dem kölschen Singsang, in dem mein Onkel es 1964 bei der Produktion der ultimativen Weihnachtskassette als Zehnjähriger aufsagte. Die ultimative Weihnachtskassette haben meine Großeltern aufgenommen, ein Potpourri aus Gedichten, Liedern (mit und ohne Gesang) und einem Krippenspiel, bei dem auch die Nachbarskinder mitwirkten. Mama war da drei, fast vier und durfte als ersten Beitrag „Advent, Advent“ aufsagen. Wir überlegen uns Vermarktungsstrategien für die Weihnachtskassette, die mein Onkel vor Jahren auf CD brannte und an alle Geschwister verteilte. Da muss doch was gehen. „Kölner Großfamilie Weihnachten 1964 – unplugged und ungekürzt“.

Dann überlegen wir, wie das wohl wird, wenn die Nachkriegsgenerationen ins Seniorenheim kommen. Die, die wirklich gar nicht mehr zum Adventskonzert wollen, noch nicht mal, wenn ihnen sehr langweilig ist. Oder nachher, die Generation wie mein Vater. Der nicht zum Adventskonzert ginge und auch nicht zum Gottesdienst, dafür aber auf seinem Zimmer laut Neil Young hören will. Da müssen sich die Organisationsleute sämtlicher Seniorenheime ganz schön umstellen in ihrer Programmgestaltung. Ganz, ganz später, aber das fällt mir erst jetzt ein, wird das Hauptkriterium bei der Seniorenheimwahl sein, ob es da WLAN gibt. In ein Seniorenheim ohne WLAN geh ich nicht.

Wir essen Kekse und Omas Weihnachtszeug. Dominosteine mag ich nicht, dem Gelee stehe ich neutral gegenüber, aber ich habe eine Schwäche für dieses komische Fondantzeug. Jedesmal, wenn es sowas gibt, muss ich das essen und bin zwischen Abscheu und Genuss hin- und hergerissen. Viel zu süß und so pampig und irgendwie schmeckt es nach Rum, warum ess ich das eigentlich, hmmmm, lecker, ich nehm noch eins.

Wenigstens kann Oma meine Vanillekipferl essen, die sind mürbe genug, zerbröseln ja schon so ein bisschen, wenn man sie zu streng anguckt. „Und?“ fragen wir. „Lecker“, sagt Oma.

Na, dann ist ja gut.