Kategorie: Ich so

Meine kleine Filterblase

Meine Kindheit verbrachte ich am Rand von Köln in der Bruder-Klaus-Siedlung, wo die Straßen nach Schweizer Städten heißen, so dass ich zumindest nie verlegen bin, wenn ich mal Städte in der Schweiz nennen soll, ich muss dafür einfach nur einmal gedanklich durch die Siedlung laufen.

In der Mitte der Bruder-Klaus-Siedlung stand die Kirche, wir lebten zwar theoretisch in einer Großstadt, aber auch hier hatte man die Kirche sprichwörtlich im Dorf gelassen. Der Kindergarten war ein katholischer Kindergarten, die Grundschule eine katholische Grundschule. Es waren die achtziger Jahre und alles war schön und ordentlich und hatte seinen Platz.

In meiner Grundschulklasse waren wir um die 20 Kinder, vielleicht 25, ich weiß das nicht mehr genau. Sechs davon waren türkische Kinder, so hieß das damals, heute würde man „mit Migrationshintergrund“ sagen. Gar nicht mal so wenige, das lag vermutlich am Einzugsgebiet der Grundschule, ich weiß aber gar nicht, wo diese Kinder wohnten, aber dazu kommen wir später noch.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es Konflikte gab zwischen den türkischen und den deutschen Kindern, wir waren alle Schüler einer Klasse, manche hatten bessere Noten, manche schlechtere, manche fanden wir netter, manche fanden wir blöder. Meistens fanden wir sogar die blöd, die wir vor zwei Wochen noch supernett gefunden hatten und weitere zwei Wochen später waren wir wieder eng befreundet.

Wenn wir Religion hatten, dann waren die türkischen Kinder nicht dabei. Die türkischen Kinder hatten ihren eigenen Unterricht mit einem türkischen Lehrer, dessen Namen ich vergessen habe, irgendwas mit D, Dogcan vielleicht, gibt es so einen Nachnamen? Ich weiß noch nicht mal, was das für ein Unterricht war, auch Religionsunterricht oder Türkisch? Wir waren nie dabei, wir kannten nur den Lehrer, einen großen freundlichen Mann, der einzige Lehrer an der kleinen Grundschule und wir wussten, dass diese sechs Kinder einmal die Woche etwas anderes machten als wir, das war okay.

Aber.

Ich war kein einziges Mal bei einem meiner türkischen Mitschüler zu Hause. Ich weiß nicht, wo sie wohnten, ich weiß nicht, wo sie nach der Schule hingingen, was sie machten, was sie spielten, was sie lasen. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist und ich kann mich nicht daran erinnern, mich jemals ausgiebig mit einem von ihnen unterhalten zu haben, ich habe von zweien den Vor- und von allen den Nachnamen vergessen. Das gilt natürlich auch für einige andere Mitschüler, mit denen ich außerhalb der Schule nur selten oder gar nicht zu tun hatte, aber in der Eindeutigkeit, wie genau diese sechs Kinder außerhalb der Schule keine Rolle für mich spielten, irritiert es mich im Nachhinein schon.

Meine Cousine, die ein paar Jahre in der gleichen Siedlung lebte, hatte eine Nachbarin, ein Mädchen namens Elmas. Elmas wohnte mit ihren Eltern und ihrem Bruder im Haus gegenüber im zweiten oder dritten Stock. Ein paar Mal war ich tatsächlich bei Elmas zu Hause, ihre Mutter hatte eine Strickmaschine, was mich sehr beeindruckte, dieses große Ding, das einfach so Pullover stricken konnte, mit Motiv. Elmas und meine Cousine hatten den gleichen Pullover, rot mit einer weißen Katze darauf. Ich war sehr neidisch und hätte gerne auch einen Katzenpullover gehabt. Aber viel mehr weiß ich auch nicht über Elmas und ihrer Familie. Das mag auf der einen Seite daran gelegen haben, dass wir eben Kinder waren und uns viele Fragen gar nicht gestellt haben, nicht so mit dem Andersartigen gefremdelt haben oder eben das Andersartige gar nicht gesucht haben, weil wir nicht wussten, dass es da sein sollte.

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass ich auch damals in meiner kleinen Filterblase lebte, in der man eben aus diversen Gründen viel mehr mit den deutschen Mitschülern zu tun hatte. Ein Grund war sicherlich pragmatisch-geographischer Natur. Die deutschen Mitschüler lebten zu fast 100 Prozent in dem für uns Kinder damals allein navigierbaren Bereich der Siedlung. Die türkischen Mitschüler wohnten woanders. Man hätte gar nicht gewusst, wie man da hätte hinkommen sollen, selbst wenn man gewusst hätte, wo dieses da überhaupt war.

Dazu kam, dass die Eltern der deutschen Kinder sich oft schon kannten, weil die Siedlung ein bisschen wie das Dorf war, in dem die eigenen Eltern die der anderen Kinder schon von früher kannten. Unsere Nachbarn waren die Großeltern von Christine aus der Parallelklasse und ein Haus weiter wohnten die Großeltern von meinem Mitschüler Thomas. Im ersten Haus unserer Sackgasse wohnte mein Mitschüler Sebastian und seine zwei Brüder. Viele der deutschen Kinder kannte man schon aus dem Kindergarten und hatte da schon Freundschaft geschlossen.

Addiert man dazu noch alle anderen Gemeinsamkeiten, war es einfach naheliegender, dass ich mit Sandra und Simone befreundet war und nicht mit Serra und Serap.

Ich möchte eigentlich nur auf eines hinaus: Man hört immer so viel von der Filterblase, in der wir stecken, weil wir uns im Internet immer nur mit den Leuten umgeben, die mit uns auf einer Wellenlänge sind, die die gleiche Meinung haben und den gleichen Hintergrund, mit denen wir uns nicht streiten müssen oder zumindest nicht über Grundsätzlichkeiten, weil man ja prinzipiell auf der gleichen Seite ist.

Die Filterblase ist aber keine Erfindung des Internets. Die war schon immer da, sie hatte nur damals keinen fancy Namen. So war einfach das Leben. Das macht es nicht weniger wichtig, gelegentlich aus ihr herauszutreten*, aber wir können zumindest aufhören, so zu tun, als wäre das Internet hier das Problem** und nicht die Menschen, wie sie schon immer waren. Und da schließe ich mich ausdrücklich mit ein.

* Aus Gründen der emotionalen Stabilität halte ich es übrigens für genauso wichtig, sich gelegentlich in die Filterblase verkriechen zu können, es sollte nur kein Dauerzustand sein.

** Das Internet hat andere Probleme, die sicherlich auch wichtig zu diskutieren sind, aber das ist Stoff für andere Blogeinträge.

Sackgassenkommunikation mit Tellonym

Ich habe es einen ganzen Tag ausgehalten und dann habe ich mir doch ein Konto by Tellonym zugelegt, einfach, um zu gucken, wie das ist und ob das zu irgendwas taugt. Eigentlich schule ich ja um zum Late Adopter und habe vor, Dienste von jetzt an immer erst dann zu nutzen, wenn alle anderen schon da sind. Möglicherweise hat es sich bei Tellonym ja so angefühlt, als wären schon alle da, vermutlich war ich einfach nur scharf darauf, von anderen Menschen nette Sachen geschrieben zu bekommen.

Das hat tatsächlich auch ganz gut funktioniert und es kamen kleine Grüße rein, die mir vor Freude die Wangen röteten, auch Dinge, mit denen ich gar nicht rechnete, Komplimente für Äußerlichkeiten, die man ja schnell als oberflächlich abtun kann, die sich aber – let’s face it – doch sehr schmeichelnd lesen und das Ego zusätzlich etwas streicheln.

Ich habe aber auch gemerkt, dass ich anderen Menschen sehr gerne nette Sachen schreibe. Ich habe die Tellonym-Konten meiner Internetmenschen abgegrast und Leuten gesagt, wie toll sie sind und was ich an ihnen mag.

Die berechtigte Frage ist natürlich, warum man das anonym tun muss. Kann man nicht einfach auf Twitter rumlobhudeln, ganz unanonym, damit der andere das auch weiß? Traut man sich nur, Komplimente zu machen, wenn man es im Geheimen machen kann?

Die Antwort ist ein eindeutiges Jein. Ich habe kein Problem damit, auch unanonym Komplimente zu machen und ich glaube, zumindest hoffe ich das, dass ich das auch regelmäßig tue.

Trotzdem empfinde ich Tellonym als eigenartig und unerwartet befreiend, denn es ist eine Kommunikationssackgasse. Ich kann niemandem dafür danken, wenn er mir etwas nettes geschrieben hat und genauso muss ich nicht auf eine Reaktion warten, wenn ich jemandem gerade ein Kompliment gemacht habe. Eine Reaktion ist systemisch nicht vorgesehen. (Das stimmt nicht ganz, man kann auch ganz unanonym schreiben, BUT WHERE’S THE FUN IN THAT?)

In einer Welt, in der alles auf Austausch und Kommunikation ausgelegt wird, ist es eine schöne Abwechslung, wenn man mal einfach gar nicht reagieren kann, wenn Dinge einfach so stehengelassen werden (müssen), wie sie sind. Wenn man sich nicht bedanken kann, kein Gegenkompliment gemacht werden kann, einfach, weil man nicht weiß, wer’s war. Und vor allem, wenn man sicher sein kann, dass der andere auch gar nicht erwartet, dass man reagiert. Gerade Menschen wie mir, die mit Komplimenten nicht immer gut umgehen können („Das hast du total gut gemacht.“ „Ich weiß.“) wird eine Riesenlast von den Schultern genommen, wenn hinter der Komplimentmacherei kein sozialer Druck, jetzt irgendwie adäquat zu reagieren, mehr steht.

Ich habe 2009 einen Artikel über Twitter geschrieben, der schon alleine deshalb lustig zu lesen ist, weil darin so Dinge stehen wie „Could I live without it? Sure.“ Darüber kann ich heute natürlich nur noch herzlich lachen. (Die heutige Variante wäre wohl: „Could I live without it? WHY WOULD YOU SAY SOMETHING SCARY LIKE THAT?!?“)

Damals mochte ich an Twitter unter anderem, dass man bei Konservationen nicht die ganzen Höflichkeitsrituale durchmachen musste, die bei Skype so üblich waren (das steht im vorletzten Abschnitt). Heute mag ich an Tellonym (nach zwei Tagen in Gebrauch zugegebenermaßen), dass ich nicht die ganzen Höflichkeitsrituale durchmachen muss, die bei Twitter oder eben jedem anderen dialogisch angelegten Dienst üblich sind. Ich sehe da Parallelen, die natürlich auch damit zusammenhängen, dass ich Twitter mittlerweile vollkommen anders nutze als im Mai 2009 und dass sich die Welt in den letzten sieben Jahren generell etwas geändert hat (und ich auch).

Bislang gab es eine Beleidigung auf Tellonym. Das ist zunächst etwas erschreckend, zumal ich den Link zu meinem Konto nur auf Twitter bekannt gab und deswegen zunächst davon ausging, dass diesen also vermutlich nur Leute sahen, die mir aus welchen Gründen auch immer, dort folgen. Warum folgt einem dort jemand, der einen offensichtlich nicht mag?

Als wir Tellonym im Allgemeinen und die darüber verschickten Beleidigungen im Speziellen im Techniktagebuchredaktionschat durchdiskutierten, wurde auch die Vermutung geäußert, dass es sich um Beleidiungstrolle handelt, die eher Twitter auf Tellonym-Links filtern und dann (eventuell geschlechtsspezifisch) Beleidigungen im größeren Umfang streuen. Diese Erklärung schien mir noch wahrscheinlicher, als dass mich ein Follower so doof findet, dass er das Bedürfnis verspürt, mir das anonym mitzuteilen und ich kann ziemlich gut damit leben, zumal die anderen Nachrichten diesen einen Satz mehr als wettmachen. Warum es solche Leute gibt und was deren Motivation ist, ist wohl eine ganz andere (spannende, aber auch nicht neue) Diskussion.

Ich werde also Tellonym erst mal weiter nutzen, einfach um zu sehen, (ob noch) was passiert. Und wer mir immer schon was sagen wollten oder drängende Fragen hat, die er oder sie sich sonst nicht zu stellen trauen würde, man kann das hier tun: www.tellonym.de/u/anneschuessler

11 Fragen von Frau Novemberregen

Frau Novemberregen hat sich elf Fragen ausgedacht und ich dachte, ich beantworte ihr sie mal.

1. Wie geht es Ihnen heute?

Gut, bin allerdings auch im Vor-Urlaubsstress. Was da alles noch erledigt werden muss oder zumindest erledigt sein sollte. Ach ach…

2. Wie finden Sie die Sache mit Pokémon-Go?

Gut. Erstens bin ich anfällig für sowas, zweitens finde ich die Überlappung von virtueller und physischer Welt sehr spannend und drittens halte ich viel davon, sich als Mensch den öffentlichen Raum wieder zu erobern, vor allem als Fußgänger. Vor allem aber ist es lustig.

3. Haben Sie Pläne für das kommende Wochenende?

Dinge erledigen (siehe Antwort auf Frage 1). Das ist nämlich das letzte Wochenende vor dem Urlaub. Vielleicht mache ich auch noch ein drittes Booktuber-Video, mal gucken.

4. Was machen Sie, wenn Sie nicht schlafen können?

Rumwälzen, Licht an und lesen oder Hörbuch/Hörspiel hören. Letzteres funktioniert am besten, aber auch nicht immer.

5. Haben Sie schon mal die ISS vorbeifliegen sehen?

Möglicherweise, dann habe ich es aber nicht gemerkt. Das ist wie die Geschichte mit dem Delfin, den ich im Kalifornienurlaub aus Versehen gefilmt habe, was mir dann aber erst bei der Durchsicht der Fotos und Videos aufgefallen ist. Das Video kann man hier gucken, am fehlenden Gequietsche erkennt man, dass ich den Delfin einfach nicht sehe, sondern nur so das Meer filme.

6. Wie ist das bei Ihnen mit Vertrauen: Vorauskasse oder auf Rechnung?

Ich selber bezahle lieber auf Rechnung, am allerliebsten aber einfach per Bankeinzug, Kreditkarte oder PayPal, also irgendwas, wo ich nicht selber mehr als nötig tun muss. Da ich selten Dinge verkaufe, stellt sich die Frage von der anderen Seite nicht so häufig. Bei Ebay immer Vorauskasse, Selbstabholung oder Nachnahme, aber da kenne ich die Leute auch nicht. Bei bekannten Leuten würde ich vermutlich auch „Kannste mir später noch geben“ sagen.

7. Also wenn wir jetzt zum Karaoke gehen, welches Lied singen Sie dann auf jeden Fall?

Stay von Lisa Loeb und New York State of Mind von Billy Joel.

8. Worüber machen Sie sich gerade Sorgen?

Über die ganzen Dinge, die ich vor dem Urlaub noch erledigen muss.

9. Welche Chipssorte finden Sie am besten?

Frit-Sticks von Funny Frisch, die gibt es aber aktuell wieder nicht beim Edeka um die Ecke (und auch bei dem anderen Edeka nicht). Ansonsten Essig-Chips, am besten die von Chio, weil die so richtig reinknallen. Oder die Jalapeno-Chips von Kettle Chips, die gibt es aber in Deutschland nicht, die verzehrte ich in einem Hotelzimmer in Kalifornien. Ich habe aber hier auch schon mal ausführlich darüber geschrieben.

10. Wahlrecht ab 16, ja oder nein?

Why not?

11. Welchen Luxus leisten Sie sich?

Eine BahnCard 100, obwohl ich die Pendelstrecke vielleicht auch günstiger haben könnte. Und ein Cocktail-Abo vom Drink-Syndikat.

 

Elf neue Fragen gibt es nicht, aber man kann ja die von Frau Novemberregen wiederverwenden, die sind noch gut.

Bücher in Kameras halten

Mein Hauptproblem ist ja, dass ich bei vielen Dingen immer sehr schnell „Das kann ich auch!“ denke und das anschließende Problem ist dann, dass ich das auch ausprobieren möchte. Das Internet ist dabei nicht hilfreich, denn erstens findet man da viele Dinge, bei denen man „Das kann ich auch!“ denkt und zweitens hilft es einem dann noch dabei, das selber auszuprobieren.

Nach eingehender Beschäftigung mit dem Phänomen Booktuber inklusive tiefgehender Rercherche bin ich jetzt also irgendwie selbst eine, zumindest ein bisschen. Im ersten Versuch halte ich nur Bücher in die Kamera, die ich für den anstehenden Urlaub bestellt habe. Der Nachteil dieser Unboxing-Videos ist, dass man die Bücher ja noch nicht gelesen hat und dementsprechend wenig darüber zu sagen weiß. Der Vorteil ist, dass man quasi nix dafür machen muss, aber von diesem Vorteil hat nur der Booktuber selber etwas.

Nachdem das erste Video dann schon mal gemacht und hochgeladen war, habe ich ein wirklich schlimmes Buch gelesen und das dann gleich zum Anlass genommen, noch mal ein Video zu drehen. Der Vorteil: Immerhin wusste ich diesmal, worüber ich rede. Der Nachteil: Im Prinzip rege ich mich eine Viertelstunde nur auf, aber zwischendurch gibt es immerhin eine lobende Erwähnung von Bov Bjergs Auerhaus.

Dafür lerne ich bei jedem Mal ein bisschen mehr: Wie man die Kamera ordentlich positioniert, wie man das ganze zusammenschneidet, wie man andere Bilder einbindet, wie man Sound einbettet, wie man Standbilder erstellt und und und… Zu irgendwas wird es also bestimmt gut sein und sei es nur, dass ich noch mal beweise, dass man wirklich ganz dringend die Hände zum Reden braucht und auf jeden Fall seine beiden Freunde Gin und Tonic mit zur Rezensionsparty mitbringen sollte.

Au revoir, Monsieur E.

Herr E. übernahm in 1996 den Grundkurs Französisch der elften Klasse, der im nächsten Halbjahr zum Leistungskurs wurde. Acht Mädchen und ein Lehrer, ein Zwei-Meter-Mann (jedenfalls gefühlt) mit Vollbart und Schalk in den Augen.

Einer der Lehrer, die ihre Fächer liebten und für die der Beruf Berufung war. Vielleicht habe ich selten so viel gelernt wie in den nächsten zweieinhalb Jahre bis zum Abitur, in unserem kleinen kuscheligen Französisch-LK und dem fast ebenso kleinen Geschichtsgrundkurs, den wir heimlich auch LK nannten, weil wir von Textbergen überhäuft wurden, damit wir ja so viel wie möglich über die Vergangenheit lernen konnten. Herr E. brachte uns bei, dass wildes Textmarkern doof war, man solle sich möglichst nur ein Wort anstreichen, mit dessen Hilfe man sich den Inhalt des ganzen Absatzes merken könnte.

Herr E. sorgte sich um uns, seine Schüler waren ihm wichtig, die Beziehung war von beiden Seiten von Respekt und Sympathie geprägt. Er erzählte von seinem Hörsturz und seinen Rücken- und Hüftproblemen. Er lud uns zum Kurstreffen zu sich nach Hause ein, wo wir seine zwei Kinder kennenlernten, wir trafen uns bei einem anderen Treffen bei uns zu Hause. Er war einer der freundlichsten und nettesten Lehrer, und vermutlich einer der freundlichsten und nettesten Menschen, die ich kennenlernen durfte.

Als wir einige Jahre nach unserem Abitur bei einem Schulfest waren, klopften wir ans Lehrerzimmer und erkundigten uns, aber Herr E. war nicht da, gesundheitliche Probleme, eine OP, ich weiß es nicht mehr genau.

Knapp zehn Jahre nach unserem Abitur hat sich Herr E. umgebracht. Ich erfuhr es bei unserer zehnjährigen Abifeier, eher zufällig, bei einer Führung durch die Schule, ein Bild von Herrn E. auf einem Regal im Lehrerzimmer. Der Tinnitus war zurückgekommen, die anderen Leiden wurden nicht besser, irgendwann war es zu viel.

Man findet die Rede zweier Lehrer zu seinem Tod im Schuljahrbuch, ich habe beide mehrfach gelesen. Jedes Mal, wenn ich in Frankreich bin und mich auf Französisch unterhalte, möchte ich ihm sagen: „Hier, guck! Ich kann’s noch! Das hab ich alles bei dir gelernt!“ und dann fällt mir ein, dass ich ihm das nie persönlich werde sagen können und dann bin ich kurz sehr, sehr traurig.

Ich war nicht auf der Beerdigung, ich habe es ja nur zufällig erfahren. Wir hatten schon jahrelang keinen Kontakt mehr, es ergab sich nicht, ich habe mein Leben weitergelebt und er seines und dann hat er seines nicht mehr weitergelebt. Es fühlt sich nicht abgeschlossen an, als ob ich noch irgendwas tun müsste, als ob er noch irgendwie da sein müsste, weil es ja keinen Abschied gab. Und es fühlt sich nicht richtig an, dass da einer nicht mehr da ist, obwohl er da sein könnte.

Letztens habe ich Briefe gesucht im Keller und mir fielen Briefe mit einer kantigen Handschrift in die Hand. Adressiert an eine Adresse in Hoboken, wo ich kurz nach dem Abitur als Au-Pair war. Und so stand ich da im Keller und hielt längst vergessene Briefe von Herrn E. in der Hand und fing an zu weinen.

Au revoir, Monsieur E. Vous avez fait une furieuse dépense en esprit.

Momentaufnahme

Ich sitze auf dem Balkon, auf dem Tisch ein Negroni aus der Cocktailbox und eine Kochzeitschrift mit leckeren Rezepten, die Sonne scheint, draußen fahren Autos die Querstraße entlang, gelegentlich kommt die Straßenbahn vorbei, dann bimmelt es.

Im Wohnzimmer sitzt mein Mann und schreibt, aus meinem iPhone tönen die Känguru-Trilogien, bei einer lustigen Stelle gucke ich ins Wohnzimmer, mein Mann und ich grinsen beide und kichern.

Später werden wir den Grill anschmeißen, ein Steak grillen, dazu Tomatensalat und Weißwein, als Nachtisch gibt es Marillenknödel, wie Oma sie früher gemacht hat. Noch später gucken wir dann Fußball, liegen angetüddelt auf der Couch und dann irgendwann gehen wir ins frischbezogene Bett, die Laken trocknen gerade noch. Und dann schlafen wir.

Aber es reicht eigentlich auch dieser eine Moment, ich auf dem Balkon, mein Mann im Wohnzimmer, wir beide, die wir zusammen kichern und in dem Moment weiß man, wie verdammt gut es uns geht mit diesem Leben.

Anne erklärt die Neunziger: Freundebücher

Ich habe beim letzten Elternbesuch ein paar Kisten mit alten Schulkram mit nach Hause geschleppt. Dieser Schulkram erweist sich jetzt als faszinierender Fundus voll mit Relikten einer deutschen Jugend in den Neunzigern. Unmengen bekritzeltes Papier, vieles davon natürlich reiner Schulkram, aber auch der erweist sich (aber dazu kommen wir ein ander Mal) als erstaunlich interessant. Es ist ein bisschen wie beim Techniktagebuch: Damals war das langweilig, aber jetzt, nach zwanzig Jahren!

Ein besonders schönes Relikt ist das Freundebuch. In der Grundschule waren die noch gekauft, später aber dann entdeckte man seine eigene Individualität, die sich natürlich in vorgedruckten Freundebüchern nicht mehr ausdrücken ließ und man dachte sich die Fragen selber aus. Dadurch wurde das Freundebuch zwar nicht spannender, aber immerhin schlechter zu handhaben. Man musste nämlich entweder alle Fragen mit Nummer auswendig lernen oder ständig hin- und herblättern.

Die erste Version des Fragenkatalogs war mit knapp 60 Fragen noch recht harmlos und las sich so.

Freundbuch 1993 - 1994Freundbuch 1993 - 1994Freundbuch 1993 - 1994

Typische Mädchenfragen sind die Fragen 37 bis 40, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und/oder Namen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich Jungen so viel Gedanken darüber gemacht haben, wie sie lieber heißen würden, ich dagegen hatte in fast jeder Lebensphase bis knapp vor der Volljährigkeit einen Namen, den ich lieber gehabt hätte. Meistens waren diese Namen länger, exotischer und irgendwie geheimnisvoller als, nun ja, Anne. Heute bin ich meinen Eltern sehr dankbar für ihre gute Wahl. Hätte ich auch gemacht.

Bemerkenswert ist auch Frage 42 in ihrer Spezifität. Was ist eigentlich so Ihr Lieblingsbezirk?

Teilweise zeigten sich allerdings die Ausfüller und Ausfüllerinnen etwas stur an und verweigerten die Aussage.

Freundbuch 1993 - 1994

Wir befinden uns also in den Neunzigern, gestartet wurde das Freundebuch, das in Fachkreise auch Krümelbuch genannt wurde, im Frühjahr 1993, als ich in der siebten Klasse war.

Die Neunziger merkt man den Einträgen vor allem bei dem Teil an, bei dem Kreativität gefragt war und sich die Befragten austoben konnten.

Freundbuch 1993 - 1994

Zu dieser Zeit angesagt waren: Sticker, Pferde, Smilys, Smily-Schriftzüge, lustige Sprüche und Stabilostifte. Wer die meisten Stabilostifte in den absurdesten Farben im Mäppchen hatte, der war schon mal nicht komplett uncool. So konnte selbst ansonsten sehr uncoole Menschen wie ich wenigstens irgendwie punkten.

Freundbuch 1993 - 1994

Außerdem voll im Trend: Beverly Hills 90210 und äh… irgendeine Boyband vermutlich. Den neuen fünfstelligen Postleitzahlen sei Dank konnte man sich auch sein eigenes 90210-Logo basteln, dann eben mit dem eigenen Stadtteil. Wir teilten sogar den eigenen Klassenkameraden Rollen zu, die sich irgendwie an den Figuren des Originals orientierten.

Freundbuch 1993 - 1994

Hier ein Beispiel dafür, wie man die Trendthemen 90210 und Sticker miteinander verknüpfen konnten. Von den Aufklebern finden sich noch andere in meinem Freundebuch, sie müssen in den Verpackungen irgendwelcher Schokoriegel gesteckt haben.

(Oben rechts steht übrigens: „Du bist ein Highlander“. Ich habe das mal für alle verwirrten Leser entziffert. Highlander war auch gerade hip.)

Beim Eintritt in die achte Klasse habe ich dem Freundebuch neue Fragen spendiert. Der Katalog wurde auf vier Seiten ausgeweitet, ab jetzt sind 77 Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten.

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Die Fragen wurden insgesamt etwas aggressiver. „Wen möchtest du am liebsten killen?“ ersetzte „Mein ärgster Feind“. Dazu kommt „Diese Songs kommen mir aus den Ohren raus!“, „Hassmoderator“ (wir fanden alle Ulla Kock am Brink doof) und Hassgameshow. Punkt 75, „Lieblingsvideoclip“, muss eine Verzweiflungstat gewesen sein. Wir hatten zu Hause weder VIVA noch MTV, YouTube gab es noch nicht, so dass ich auf eine halbe Stunde „Hit Clip“ im WDR (moderiert von Thomas Germann) angewiesen war, um irgendwie halbwegs up to date zu sein. Ich war jetzt wohl in der Pubertät.

Bezeichnend für die Neunziger waren auch schlimme Poster mit Farbverlaufshintergrund und Delfinen, Pferden, Palmenstränden, küssenden Pärchen oder (offensichtlich) Hundewelpen.

Freundbuch 1993 - 1994

Dafür war der Musikgeschmack jetzt noch wichtiger geworden, so dass besonders fleißige Ausfüller mit dem Aufzählen der Lieblingssongs mehr als eine Seite füllen konnten.

Freundbuch 1993 - 1994

Zum zweiten Halbjahr des achten Schuljahrs wechselte ich die Schule und das Krümelbuch bekam noch mal neue Fragen spendiert (4 1/4 Seiten, 80 Fragen). Meines Wissens gibt es auch noch ein zweites Buch, in dem die Fragen altersgemäß noch individueller wurden. Das war aber in den mitgebrachten Kisten nicht zu finden.

Von außen sah es übrigens so aus. Was in den Neunziger Jahren sonst noch angesagt war: Diddl-Mäuse, Umweltpapier und Marmormuster. Wie die Irren marmorierten wir alles, was uns in die Finger kam. Die Papierindustrie erkannte den Trend und lieferte entsprechend ab.

Freundebuch von außen

Die Nostalgiereihe geht natürlich weiter. Wer sofort mehr haben will, der guckt bei Alexandra Tobor vorbei, die für ihren neuen Roman Minigolf Paradiso [Amazon-Werbelink] wieder Betreutes Lesen anbietet und dabei bis zu den Hüften in den Neunzigern watet.

12 von 12 im Juni 2016

Weil Sonntag war, habe ich mal wieder 12 Bilder von meinem Tag gemacht. Allerdings ist ein Sonntag, der zu Hause verbracht wird, nur mäßig spannender als ein Werktag, der größtenteils im Büro verbracht wird, insofern sollte man jetzt hier keine großen Aktivitäten erwarten, ich habe den ganzen Tag lang noch nicht mal eine ordentliche Hose angezogen.

Aufwachen um 11 Uhr und erstmal bekloppte Träume aufschreiben. (WTF, Unterbewusstsein!?) #1von12 #12von12 #twitter

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Aufgewacht um 11 Uhr. Mein Mann ist schon längst oben in seinem kleinen Studio und ich schreibe erstmal meine Träume auf. Irgendwas mit meiner Abschlussprüfung für die Ausbildung, die ich wiederholen musste und später etwas in einer neuen Firma, bei der wir erstmal Hautcreme testeten. Neues Traumfeature: Gerüche. Eine der Hautcremes roch nämlich nach Paprika.

Erstmal Wäsche machen aka erstmal Waschmittel aus dem Keller schleppen. #12von12 #2von12 #twitter

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Wer waschen will muss erstmal das neue Waschmittel aus dem Keller schleppen, wo ich es gelagert hatte, als ich einmal keinen Bock hatte, mit dem Paket noch schnell drei Etagen hochzulaufen. Dabei noch ein paar CDs aus den Kellerkisten mit nach oben genommen, um sie in iTunes einzuspielen (nicht im Bild).

Zur Abwechslung mal wieder ein Chai Iced Latte. #12von12 #3von12 #twitter

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Zum Frühstück ein Chai Iced Latte. Oder Iced Chai Latte. Oder… ach, egal. Kann ich auch mal wieder öfter machen.

Den Mann im Studio besuchen. #12von12 #4von12 #twitter

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Dann besuche ich meinen Mann in seinem Studio. Das Studio ist unser ehemaliges Wohnzimmer, aber jetzt hier kein Sofa und kein Fernseher mehr, ondern ein Schreibtisch mit viel Elektronikzeugs und Instrumente. Instrumente stehen bei uns aber sowieso überall rum, da ist das Studio keine Besonderheit.

Dinge in ein Mikro singen. #12von12 #5von12 #twitter

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Dann singe ich Dinge in ein Mikro. Allerdings zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend ohne Text, denn den gibt es noch nicht. Es gibt die ersten vier Zeilen, dann noch zwei zwischendrin und den Refrain. Der Song ist aber leider sehr textlastig angelegt. Fragen Sie nicht, wieso das so ist, Songs entscheiden selber, ob sie textlastig sind oder nicht, der hier ist textlastig, nur dass ich bisher zu faul war, einen zu schreiben.

Songtexte ausdenken. The hardest part. #12von12 #6von12 #twitter

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Das ist der Refrain übrigens, den gab es ja schon. Tatsächlich wurde der ganze Song nur geschrieben, weil mir die erste Zeile des Refrains in den Kopf war und ich den Rest drumherum gebastelt habe. Es hätte auch eine Kurzgeschichte werden können, wenn ich Kurzgeschichten schreiben würde.

Songtexte schreiben ist das größte Problem beim Songschreiben, außer manchmal, da fluppt es, das passiert dann einfach so, aber leider viel zu selten. Tatsächlich muss ich mich nur mal zwei, drei Stunden hinsetzen und rumgrübeln, dann habe ich meistens etwas, aber wann hat man schon mal zwei, drei Stunden, die man sich hinsetzen und rumgrübeln kann. Dazu kommt noch, dass irgendwo im Hinterkopf eine ziemliche genaue Vorstellung sitzt, was textlich passt und was nicht und ich zumindest sehr genau weiß, was ich nicht will. In diesem Fall habe ich aber tatsächlich zwei, drei Stunden auf dem Teppich gelegen und Dinge aufgeschrieben und wieder durchgestrichen und nachher hatte ich einen Text. Ein Wunder!

CDs in iTunes importieren. Es hört einfach nicht auf. #12von12 #7von12 #twitter

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Zwischendurch CDs in iTunes importieren. Ich trage ja den alten Rechner meines Mannes auf und habe zur Abwechslung beschlossen, nicht einfach meine alte Bibliothek rüberzukopieren, sondern alles schön neu einzuspielen. Dabei stolpert man nämlich über CDs, die man längst vergessen hat, das ist ein schöner Effekt. Dafür muss man allerdings auch ausreichend CDs haben, um welche zu vergessen, was bei mir glücklicherweise der Fall ist.

Abendessen machen. #8von12 #12von12 #twitter

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Zum Abendessen gibt es Hähnchensticks aus dem Ofen à la Stevan Paul, das Rezept war in der neuen Lecker. Ich hab mich aber wie ein chefkoch.de-Nutzer aufgeführt und Cranberrysaft statt Ananassaft genommen und Panko war auch nicht da, also habe ich Semmelbrösel genommen, letzteres stand immerhin als Alternative im Rezept. Und weil es beim Stadtteil-Edeka keinen Estragon mehr gab, gab es auch keine Estragonerbsen, sondern zwei Sorten Salat. Wenn es nicht so lecker gewesen wäre, würde ich ein bisschen verschämt gucken, aber es war wirklich sehr lecker und ich bereue nichts.

Freundschaftsbändchen fertig geknüpft. (File under: Dinge, die man nicht verlernt.) #twitter #12von12 #9von12

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Bei dem alten Schul- und Bücherkram, den ich letztens bei meinen Eltern aus dem Keller und mit nach Essen geschleppt habe, war auch mein Freundschaftsbändchenkörbchen. Neben ungefähr zwanzig fertigen Freundschaftsbändchen im Körbchen hing ein angefangenes am Körbchen und am Wochenende habe ich testweise ausprobiert, ob meine Freundschaftsbändchenknüpfskills noch on par sind. Jetzt kann ich sagen: Freundschaftsbändchen knüpfen ist wie Fahrrad fahren. Man verlernt es einfach nicht.

Na gut. #12von12 #10von12

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Fußball gucken. Sie kennen das.

Tatsächlich bin ich exakt alle zwei Jahre Fußballinteressiert, außerhalb von EM und WM sinkt mein Interesse auf der Stelle auf Null. Ich habe schon versucht, andere Fußballspiele zu gucken, sterbe dann aber leider vor Langeweile. Warum das so ist, weiß ich nicht.

Joghurtmousse nach @nutriculinary und Pfirsichlavendelsorbet mit Beerenzeugs. #11von12 #12von12 #twitter

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Zum Nachtisch gibt es Joguhrtmousse mit Pfirsichlavendelsorbet. Das Rezept für die Joghurtmousse ist ebenfalls von Stevan Paul, ich habe allerdings keine Zeit gehabt, die Mousse über Nacht abtropfen zu lassen. Ein paar Stunden im Kühlschrank haben aber offensichtlich auch gereicht, das nur als Hinweis für alle Nachahmer. Das Pfirsichlavendelsorbet ist weniger spektakulär als erhofft.

Nachtschrankchaos. #12von12

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Viel zu spät ins Bett. Auf dem Nachttisch ist Chaos, aber wenn man das Licht ausmacht, sieht man’s ja nicht.

#rpTEN-Nachlese, Teil 1

Mittlerweile im vierten Jahr habe ich mich auf der re:public rumgetrieben und mittlerweile im dritten Jahr mit eigenen Vorträgen. Der erste davon war direkt am Montag, weswegen ich auch am Montag nicht viel anderes gemacht habe, als mit Leuten zu reden, eine Präsentation zu Ende vorzubereiten, dann immerhin noch einen Vortrag angeguckt habe und dann weiter mit Leuten geredet habe, bis ich dachte, ich treffe vielleicht doch kurz vorher noch mal den anderen Menschen, mit dem ich zusammen auf der Bühne stehen sollte (das ist eine längere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden kann).

Es hat dann aber alles doch überraschend gut geklappt, fast so, als hätten wir uns vorher lange und detailliert abgesprochen und nicht einfach glücklicherweise zum gleichen Thema unterschiedliche Sichtweisen angestrebt.

Angucken kann man das ganze hier, ich rede im zweiten Teil (ab ungefähr Minute 15) darüber, warum Science Fiction gut für uns ist. Man kann sich das aber schön alles angucken, denn auch Uri erzählt ja interessante Dinge über Science Fiction und was wir von ihr lernen können.

Und was ich sonst noch in Berlin so allgemein und auf der re:publica so im Besonderen erlebt habe, das erzähle ich dann alles in den nächsten Tagen.

Bahnhofsszenen

Ich muss eine Stunde früher zur Arbeit, schon in der U-Bahn habe ich das Gefühl, dass die Leute in der 6:38-Uhr-Bahn noch schlechter gelaunt aussehen als die in der 7:38-Uhr-Bahn. Wundern würde es einen ja nicht.

Auf dem Bahnsteig, rechts Gleis 2, auf dem mein ICE schon steht, links Gleis 1, auf dem… wait! WHAT?

Wagen um Wagen reiht sich der Roncalli-Zug auf dem Gleis, kleine bunte Wohnwagen, Trecker und andere Fahrzeuge, die ich nicht genau zuordnen kann. Auf dem Bahnsteig Menschen, die ihre Handys zücken und Bilder machen. EIN ZIRKUSZUG! EIN ECHTER ZIRKUSZUG!

Der Circus Roncalli, so las ich neulich, ist der letzte Zirkus Deutschlands, der noch auf Schienen transportiert wird. In der Wikipedia liest man dazu folgendes:

Bernhard Paul bevorzugt Bahntransporte und setzt daher als letzter Zirkus in Deutschland auf schienengebundene Zirkuszüge. Der Transport des gesamten Roncalli-Wagenmaterials mit über 80 historischen Zirkuswagen erfordert einen Güterzug mit einem Gesamtgewicht von 1.175 Tonnen und einer Zuglänge von rund 700 Metern; diesen zu entladen, dauert mehr als einen Tag. Bahntransporte erweisen sich aber zusehends als schwieriger, da beispielsweise die Deutsche Bahn geeignete Laderampen kaum noch in Betrieb hat.

Auch ich laufe natürlich am Bahngleis entlang und mache knips, knips, knips mit dem Handy.

Circus Roncalli

Zwei Zugbegleiter stehen im gelben Raucherrechteck.

„Da!“ sagt der eine. „Schon wieder eine!“

„Aber das ist so schön!“ sage ich, denn er hat ja mich gemeint.

„Versteh ich nicht“, sagt er. „Das ist doch nur ein Zirkus.“

„Aber das ist der letzte Zirkus, der noch mit dem Zug transportiert wird“, erkläre ich.

„Wenn man jetzt Bilder von mir machen würde, das würd ich ja verstehen, aber so…“, sagt er und ich überlege kurz, ob ich anbieten soll, noch ein Bild von ihm zu machen, entscheide mich dann aber dagegen und steige in meinen Zug.

Bei der Abfahrt gucke ich noch dem Roncalli-Zug hinterher. „Büffett“ steht auf einem Wagen. „Schneiderei“ auf einem anderen. Ich glaube nicht, dass so ein Zirkusleben was für mich wäre, aber für so einen kurzen Moment kann man sich fast einbilden, dass man gerne in einem Wohnwagen leben und auf Schienen durchs Land transportiert werden möchte.