Kategorie: Ich so

#rpTEN-Nachlese, Teil 1

Mittlerweile im vierten Jahr habe ich mich auf der re:public rumgetrieben und mittlerweile im dritten Jahr mit eigenen Vorträgen. Der erste davon war direkt am Montag, weswegen ich auch am Montag nicht viel anderes gemacht habe, als mit Leuten zu reden, eine Präsentation zu Ende vorzubereiten, dann immerhin noch einen Vortrag angeguckt habe und dann weiter mit Leuten geredet habe, bis ich dachte, ich treffe vielleicht doch kurz vorher noch mal den anderen Menschen, mit dem ich zusammen auf der Bühne stehen sollte (das ist eine längere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden kann).

Es hat dann aber alles doch überraschend gut geklappt, fast so, als hätten wir uns vorher lange und detailliert abgesprochen und nicht einfach glücklicherweise zum gleichen Thema unterschiedliche Sichtweisen angestrebt.

Angucken kann man das ganze hier, ich rede im zweiten Teil (ab ungefähr Minute 15) darüber, warum Science Fiction gut für uns ist. Man kann sich das aber schön alles angucken, denn auch Uri erzählt ja interessante Dinge über Science Fiction und was wir von ihr lernen können.

Und was ich sonst noch in Berlin so allgemein und auf der re:publica so im Besonderen erlebt habe, das erzähle ich dann alles in den nächsten Tagen.

Bahnhofsszenen

Ich muss eine Stunde früher zur Arbeit, schon in der U-Bahn habe ich das Gefühl, dass die Leute in der 6:38-Uhr-Bahn noch schlechter gelaunt aussehen als die in der 7:38-Uhr-Bahn. Wundern würde es einen ja nicht.

Auf dem Bahnsteig, rechts Gleis 2, auf dem mein ICE schon steht, links Gleis 1, auf dem… wait! WHAT?

Wagen um Wagen reiht sich der Roncalli-Zug auf dem Gleis, kleine bunte Wohnwagen, Trecker und andere Fahrzeuge, die ich nicht genau zuordnen kann. Auf dem Bahnsteig Menschen, die ihre Handys zücken und Bilder machen. EIN ZIRKUSZUG! EIN ECHTER ZIRKUSZUG!

Der Circus Roncalli, so las ich neulich, ist der letzte Zirkus Deutschlands, der noch auf Schienen transportiert wird. In der Wikipedia liest man dazu folgendes:

Bernhard Paul bevorzugt Bahntransporte und setzt daher als letzter Zirkus in Deutschland auf schienengebundene Zirkuszüge. Der Transport des gesamten Roncalli-Wagenmaterials mit über 80 historischen Zirkuswagen erfordert einen Güterzug mit einem Gesamtgewicht von 1.175 Tonnen und einer Zuglänge von rund 700 Metern; diesen zu entladen, dauert mehr als einen Tag. Bahntransporte erweisen sich aber zusehends als schwieriger, da beispielsweise die Deutsche Bahn geeignete Laderampen kaum noch in Betrieb hat.

Auch ich laufe natürlich am Bahngleis entlang und mache knips, knips, knips mit dem Handy.

Circus Roncalli

Zwei Zugbegleiter stehen im gelben Raucherrechteck.

„Da!“ sagt der eine. „Schon wieder eine!“

„Aber das ist so schön!“ sage ich, denn er hat ja mich gemeint.

„Versteh ich nicht“, sagt er. „Das ist doch nur ein Zirkus.“

„Aber das ist der letzte Zirkus, der noch mit dem Zug transportiert wird“, erkläre ich.

„Wenn man jetzt Bilder von mir machen würde, das würd ich ja verstehen, aber so…“, sagt er und ich überlege kurz, ob ich anbieten soll, noch ein Bild von ihm zu machen, entscheide mich dann aber dagegen und steige in meinen Zug.

Bei der Abfahrt gucke ich noch dem Roncalli-Zug hinterher. „Büffett“ steht auf einem Wagen. „Schneiderei“ auf einem anderen. Ich glaube nicht, dass so ein Zirkusleben was für mich wäre, aber für so einen kurzen Moment kann man sich fast einbilden, dass man gerne in einem Wohnwagen leben und auf Schienen durchs Land transportiert werden möchte.

Supermarktszenen

Im Supermarkt. Eine Frau schiebt ihren Einkaufswagen am Milchprodukteregal entlang, ihr Mann hält ihr einen Brombeerjoghurt hin, sie schüttelt nur den Kopf, sagt „Nein“ und schiebt den Wagen ungerührt weiter.

Der Mann möchte aber zumindest eine Erklärung für die Brombeerjoghurtablehnung. „Aber ich habe doch frische Brombeeren gekauft“, sagt sie.

Ich stupse meinen Mann an. „Ich habe gerade unsere Zukunft gesehen“, sage ich. Aber davon will er irgendwie nichts wissen.

Empörungs(un)wille

Es passieren Unglücke. Jetzt also wieder, in Brüssel. Es gibt Explosionen, Menschen sterben, die Nachrichtenticker laufen heiß und man kann sich nicht entscheiden zwischen abschalten und dranbleiben. Es ist alles schrecklich, alles so unbegreiflich, wer soll schon sagen, was man sagen könnte. Ich weiß das nicht.

Statt dessen beobachte ich mit zunehmendem Unmut bestimmte Standardreaktionen, die sich grob als moralische Medienschelte zusammenfassen lassen könnten. Zwei davon sind mir in der letzten Zeit wieder aufgefallen, sie sind aber beide nur ein Puzzleteil eines größeren Bildes des vermeintlich aufgeklärten Filterbubbleinternetmenschen. Der vermeintlich aufgeklärte Filterbubblemensch hat die nächste Erkenntnisstufe erreicht und stellt seit neuestem die Medien, die anderen Menschen und generell alles in Frage, was den hochgesteckten Ansprüchen nicht gerecht werden zu scheint. Dabei ist es nicht die einzelne Bemerkung, die das Problem ausmacht, nicht der einzelne Mensch, den ich oft kenne und mag und dem ich auch nichts Böses unterstellen würde, sondern die allgemeine Selbstverständlichkeit, mit dem diese Kommentare nicht nur geschrieben, sondern auch vielfach zustimmend abgenickt werden.

 

„Warum ist es eigentlich wichtig, zu wissen, ob unter den Toten Deutsche sind?“

Ich habe diese Frage nicht zum ersten Mal gehört und auch nicht zum ersten Mal beantwortet. Die latente Unterstellung bei dieser langjährigen journalistischen Praxis ist, so bilde ich mir jedenfalls ein, immer die Annahme, ein toter Deutscher wäre schlimmer als ein toter Belgier oder Franzose oder Türke oder Inder. Das sind doch alles Menschen! Wie kann man da einen Unterschied machen! Wem bringt das was?

Die Antwort ist einfach: Es bringt den Menschen etwas, die zu Hause sitzen, wohlwissend, dass ihre Tochter, ihr Enkelsohn, ihre Partnerin oder ihr Vater gerade irgendwo dort sind, wo das Unglück passiert sind. Natürlich kann man einfach anrufen. Was aber, wenn gerade niemand dran geht oder das Netz überlastet ist? Die Information, dass keine Deutschen unter den Opfern sind, bringt da vielleicht schon die nötige Erleichterung, man kann zwei bis zehn Gänge runterschalten und kann vielleicht mit weniger Sorge auf eine Meldung des anderen warten. Sollte sich hinter dieser Information doch noch etwas anderes verbergen, so lerne ich gerne dazu und bitte um Aufklärung.

Genauso könnte man bei einem Flugzeugabsturz auch fragen: „Warum ist es eigentlich wichtig, zu wissen, welches Flugzeug abgestürzt ist?“ Da sitzen doch immer Menschen drin, es ist doch egal, welcher Flug es war. Nur, dass die Nennung der Flugnummer weniger verwerflich ist, vielleicht weil sie einen Grad weiter von den Menschen selber entfernt ist. Weil wir eine Flugnummer eher als reine Information sehen, während wir der Nennung der Nationalität der Opfer eine andere Bedeutung unterstellen. Dabei ist eine Flugnummer für die Bewertung von Leben genauso irrelevant wie die Nationalität.

 

„Eine Todesnachricht als ‚BREAKING‘! Ist das nicht pietätlos?“

Nein. Nein, ist es nicht. Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber aus einer Eilmeldung über den Tod eines Menschen, der in der Öffentlichkeit stand, wird einfach keine Pietätlosigkeit, es sei denn, man bastelt sich selber eine zusammen. Eine breaking news ist erstmal eine Eilmeldung und eine Eilmeldung sagt zunächst nichts anderes als „Das ist gerade reingekommen und wir waren der Meinung, es ist so wichtig, dass die Menschen es sofort erfahren sollten, ohne dass wir erst einen langen Text dazu schreiben!“

Stünden Paparazzi vor der Tür, gäbe es Bilder von weinenden Angehörigen, stünden Journalisten mit gezückten Notizblöcken vor Krankenzimmern und würden alle paar Minuten klopfen und sich nach dem aktuellen Stand erkundigen, das wäre pietätlos. Doch ich gehe davon aus, dass das nicht der Fall ist, dass im Gegenteil die Angehörigen genau diejenigen sind, die den Zeitpunkt bestimmen, zu dem die Nachricht publik gemacht wird. Nicht zuletzt erfährt man von dem Tod vieler Berühmtheiten erst ein oder zwei Tage später.

Was übrig bleibt, ist die Eilmeldung und die Unterstellung, dass es den Medien nur darauf ankommen würde, immer der jeweils erste und schnellste zu sein. Statt dessen wünschen wir uns eine… was eigentlich? Eine zweistündige Karenzzeit, in der in den Redaktionen traurig die Köpfe gesenkt und mühsam die Tippfinger stillgehalten werden?

Vielleicht gibt es sogar nichts eiligeres als die Nachricht, dass ein Mensch nicht mehr ist. Nicht zuletzt ist es eine der wenigen Nachrichten, die ohne viele Erklärungen funktioniert. Ein Mensch ist gestorben, was gibt es da noch mehr zu zu sagen, kaum eine Nachricht ist wohl leichter verständlich und trifft gleichermaßen ins Herz. Die Geschwindigkeit, in der sich gerade Todesmeldungen auf Twitter und Facebook verteilen, die Anteilnahme, die R.I.P.-Tweets und die kurzen Erinnerungen, die nach so einer Meldung geteilt werden, sind vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass die Eile vielleicht nicht beim Tod, aber doch beim Öffentlichmachen desselben gar nicht zu verurteilen, sondern höchst menschlich ist.

 

Doch auch jenseits von Katastrophen und Todesmeldungen beobachte ich immer wieder, wie sich über die Empathielosigkeit der Mitmenschen beklagt wird. Tatsächlich kann ich mir kaum etwas Empathieloseres vorstellen als einem fremden Mensch das Fehlen einer der wesentlichen menschlichen Fähigkeiten abzusprechen. Diese Paradoxie wird leider nicht thematisiert. Statt dessen hagelt es auch hier Zuspruch, alle sind sich einig, dass alle anderen da draußen irgendwie doof sind.

„Empören zieht nichts nach sich. Es ist nur fürs Empören gut. Also lehne ich es ab. Ich bin also nur noch privat empört“, sagt Pia Ziefle. Empören ist menschlich, kaum einer von uns kann ohne, aber wir sollten immer überlegen, welche Empörung dafür geeignet ist, öffentlich ins Internet geschrieben zu werden und welche wir lieber abends auf dem Sofa unseren Partnern oder Freunden vortragen.

Natürlich rege ich mich auch über andere Menschen auf. Die, die sich vordrängeln, die, die über den Zebrastreifen fahren ohne zu gucken, die, die in der Bahn einsteigen, bevor alle ausgestiegen sind. Aber das Erkennen von Scheißverhalten macht mich nicht zu einem besseren Menschen genauso wenig wie das Scheißverhalten selber den anderen zwangsweise zu einem schlechten Menschen macht. Die Selbstverständlichkeit, mit der anderen Empathielosigkeit unterstellt wird, erschreckt mich jedes Mal. Dahinter steckt auch immer die Weigerung, anderen Menschen die Komplexität zuzugestehen, die wir für uns selber jederzeit in Anspruch nehmen.

 

Metaempörung ist auch Empörung

Es ist die ewige Suche nach dem Geschmäckle. Ein bisschen wie ein Wettbewerb, wer das Herz am rechteren Fleck hat. Die gute Nachricht ist aber: Das Herz sitzt bei uns allen am gleichen Fleck. Es ist auch gut, die Medien (was auch immer man darunter versteht) zu kritisieren, genauso, wie man auch langjährige Praktiken in Frage stellen kann. Möglicherweise sind sie ja tatsächlich überholt. Und doch beschleicht mich immer wieder diese leise Verdacht, es würde sich auch immer öfter aus Prinzip empört. Empören um des Empörens willen. Da hab ich gar keine Zeit zu, das ist mir viel zu anstrengend, raubt und saugt Energie, die man viel besser für schönere Dinge gebrauchen könnte. Als Hobby finde ich das nicht empfehlenswert, weder für mich noch für andere.

Eventuell haben wir aber bei der dauernden Suche nach Weltverbesserungspotential auch ein bisschen die Orientierung verloren und stürzen uns lieber auf Nichtigkeiten anstatt uns gelegentlich zurückzulehnen und „Ach, eigentlich ist auch nicht immer alles schlimm!“ zu seufzen. Vielleicht haben wir zwar immer noch viele Baustellen, aber auch schon einiges geschafft.

„Aber mit jedem Beitrag, den man über die falsche Empörung anderer schreibt, macht man sich zu einem Teil der Empörungsmaschine“, warnt Kathrin Passig mich, als ich mich über die Empörung der anderen empöre. „Metaempörung ist auch Empörung.“

Natürlich hat sie Recht. Eigentlich will ich mich gar nicht empören. Wenn mir das Internet eines gezeigt hat, dann, dass wir alle ohne Ausnahme im Laufe unseres Internetlebens dumme Dinge schreiben ohne dass es uns gleich zu schlechten Menschen machen würde. Da draußen ist es auch nicht anders. Wer weiß schon, wie oft wir uns aus Versehen rücksichtslos verhalten ohne es zu merken, weil wir gerade in Gedanken sind, mit uns selbst beschäftigt, in Eile. Etwas mehr Gelassenheit mit der Fehlbarkeit unserer Mitmenschen und unserer eigenen Fehlbarkeit tut nicht nur gut, es schafft auch Raum und Zeit, um uns über die wirklich wichtigen Dinge empören zu können. Das wäre doch auch schön.

Die anderen Leute

Wenn man in der Stadt lebt, dann lebt man mit anderen Leuten zusammen. Je nachdem, wo man wohnt und wer man ist und wer die anderen Leute sind, kennt man die Nachbarn im eigenen Haus oder eben nicht. Beides ist in Ordnung. Wenn ich in Essen im Sommer durch den Stadtpark gehe, dann ist dieser voll mit kleinen Gruppen von Mensche, die auf Einweggrills Würstchen grillen, in der Sonne liegen oder Federball spielen. Das Aalto-Theater liegt auch im Stadtpark und ich finde kaum etwas schöner als de Kontrast der Leute, die in der Pause mit Sektgläsern auf der Opernterrasse stehen, während weniger Meter weiter Studenten im Gras sitzen und es ist völlig egal, auf welcher Seite man ist. Alles passiert nebeneinander und durcheinander und es sind solche Momenten, bei denen ich denke, dass das Leben in der Stadt in viel höherem Maße sozial ist als das auf dem Dorf, denn hier muss ich mich dauernd mit neuen Leuten auseinandersetzen, Leuten, die ich nicht kenne und deren Lebenswelt vielleicht eine ganz andere ist als meine, aber wir teilen uns einen Park und wir sind beide gerade hier, auch wenn wir uns wahrscheinlich danach nie wieder sehen. Das ist so eine schöne Semianonymität, mit der ich gut leben kann.

Die Leute in unserem Haus kenne ich zum Beispiel, aber das Haus ist auch nicht groß und wir wohnen immerhin schon fünf Jahre da. Und dann gibt es noch die anderen Leute, die man fast jeden Tag sieht, die bekannten Gesichter in der Straßenbahn, die genauso jeden Tag um 7:30 Uhr morgens an der Haltestelle stehen und auf die U17 warten. Die zwei Kinder mit ihrer Mutter, die offensichtlich Britin oder Amerikanerin ist, denn sie spricht Englisch mit ihren Kindern. Der Teenager, der sich im Tunnel in der Fensterscheibe spiegelt und die Frisur prüft. Am Hauptbahnhof steigen die meisten aus, drängen sich durch die Wartenden und da verlieren sich dann unsere Wege wieder.

Wir reden nicht. Immer wieder sitzen wir uns gegenüber, lernen ein bisschen mehr über den anderen oder auch nicht. Immer wieder frage ich mich, ob die anderen Leute über mich auch denken „Ach, die schon wieder. Wo die wohl hinfährt? Wie die wohl heißt? Was die wohl so macht?“, aber sie fragen mich ja nicht, genauso wenig, wie ich es fragen würde, obwohl ich es ja auch immer wieder denke.

Und dann reden wir doch. Letztens zum Beispiel, als die Bahn etwas später kam, so dass ich zur nächsten Haltestelle weiter lief, aus Ungeduld und für den Schrittzähler. An der nächsten Ecke kam mir eine Frau entgegen, die mit den schulterlangen grauen Haaren und der Mütze. Etwas verwundert guckte sie mich an, ob denn etwas wäre. Nein nein, sagte ich, die Bahn komme nur etwas später, und dann würde ich immer zur nächsten Haltestelle gehen, aber sie kommt, die Bahn.

Oder letzte Woche in der Bahn, ich saß neben dem Mann mit Bart und der coolen Schiebermütze und der Aktentaschen, auf die ich ein bisschen neidisch bin. Der Mann, von dem ich weiß, dass er nicht nur mit mir in der U17 fährt, sondern danach auch in den gleichen Zug nach Köln steigen wird. Erst in Deutz laufen wir in andere Richtungen. „Nächste Woche fahren die Bahnen wieder“, jubelt er. „Juchu!“ jubele ich zurück. Wir fachsimpeln ein bisschen über die seltsame Streckenführung, fragen uns, wo der Zug wohl langfährt, wenn der Halt in Düsseldorf entfällt, sind aber vor allem froh, dass das Elend der letzten drei Monate, in denen das abgebrannte Stellwerk repariert und unser Arbeitsweg erheblich beeinträchtigt war, vorbei sind.

Wir reden nicht dauernd, die anderen Menschen und ich. Wir möchten auch unsere Ruhe haben, morgens in der Bahn, die heilige Zeit, die man sich in den Sitz lehnen kann und mit niemandem plaudern muss. Aber wir wissen, wer da noch an der Haltestelle steht und manchmal gibt es ein weiteres Puzzlestück dazu und manchmal auch nicht, es ist auch völlig egal. Manche Menschen kommen dazu, andere sind auf einmal nicht mehr da. Umgezogen, Job gewechselt, andere Arbeitszeiten. Wir leben in der Stadt und kennen auch nur ein paar Leute, aber so viel mehr, die wir grüßen, wenn man sich auf der Straße begegnet, der Typ vom Büdchen, die Frau vom Edeka, die von der Currywurstbude, die von gegenüber und der nebenan. Aber wir kennen uns irgendwie.

Vielleicht muss es gar nicht immer ein Miteinander sein. Für den Alltag ist so ein durcheinanderes Nebeneinander völlig ausreichend und das Miteinander heben wir uns für die besonderen Tage auf.

Die traurigen Paare im Restaurant

Es gibt dieses Bild von dem alten Ehepaar, das sich im Restaurant gegenübersitzt und die ganze Zeit nicht miteinander redet. Das arme Ehepaar denkt man, die armen Menschen, so traurig, sie haben sich nichts mehr zu sagen. Sitzen nur da, essen und trinken wortlos und wechseln nur gelegentlich einen Blick. So will man nicht werden, immer will man mit seinem Partner reden können, nie alles gesagt haben, nie so langweilig werden, so eingefahren, schrecklich ist das, schrecklich.

Mein Mann und ich sind seit über 16 Jahren zusammen, in einem Monat feiern wir unseren elften Hochzeitstag. Wir sehen vielleicht nicht so aus, aber wir sind dieses alte Ehepaar. Wir wachen jeden Tag gemeinsam auf, liegen jeden Abend zusammen auf dem Sofa, gehen jeden Tag zusammen ins Bett, vielleicht nicht immer zeitgleich. Wir telefonieren zwischendurch, gehen zusammen einkaufen, in letzter Zeit kochen wir sogar ab und zu gemeinsam, es ist ein Wunder!

Wenn wir auf dem Sofa liegen und mein Mann sagt „Ich habe eine Idee, was wir machen!“, dann kommt es vor, dass ich ihm die Idee in Einzelteilen aufsagen kann. Wir haben über 5.000 Tage miteinander verbracht und unsere Kreativität hat auch ihre Grenzen, das ist keine Kunst. Wir können Sachen sagen wie „Hier, der sieht aus wie der Dings!“ und der andere weiß, wen wir mit Dings meinen. Es ist alles nicht mehr so wahnsinnig aufregend und neu, aber man muss auch nicht dauernd irgendwas erklären, das ist auch schön.

Wir sind also das alte Ehepaar, das im Restaurant sitzt und die ganze Zeit nicht miteinander redet. Schrecklich ist das, schrecklich. Man schämt sich schon fast ein wenig, welchen Eindruck macht man da eigentlich? Was sollen denn die Leute am Nebentisch denken? Die denken bestimmt „Ach, schlimm, so ein trauriges Paar hat sich nichts mehr zu sagen.“

Das stimmt allerdings alles gar nicht, die Wahrheit ist nämlich ganz anders. Wir sind das glückliche alte Ehepaar, das nicht dauern reden muss. So schön. Statt dessen können wir uns ganz den Gesprächen am Nebentisch widmen, wo irgendwelche Businesshansel irgendwelchen anderen Businesshanseln vermeintlich wichtige Dinge erklären oder wo Abiturientinnen sich über ihre Mitschüler aufregen. Wir lauschen und lauschen, innerlich können wir uns kaum halten vor lauter Kichern und auf dem Nachhauseweg unterhalten wir uns über die Gespräche am Nachbartisch. Man glaubt ja gar nicht, was die Leute alles für Geschichten erzählen.

Wenn Sie also das nächste Mal Mitleid mit dem traurigen Paar am Nebentisch haben, weil die sich nichts mehr zu sagen haben, das müssen Sie nicht. Es ist nicht so, dass wir uns nichts mehr zu sagen hätten, vielleicht sind wir nur so still, weil wir Ihnen gerade so gespannt zuhören.

Eine Tüte Gemischtes

Ich habe letztens in irgendeinem Zusammenhang darüber nachgedacht, wie selten ich zum Frisör gehe. Erst wollte ich behaupten, ich könnte es nach an beiden Händen abzählen, dann war ich mir aber nicht mehr so sicher, ob ich damit nicht ein kleines bisschen über- bzw. untertreiben würde. Tatsächlich habe ich aber in der Zwischenzeit noch mal etwas mehr darüber nachgedacht und ich war in 35 Jahren ziemlich wahrscheinlich exakt neun Mal beim Frisör. Tatsächlich war ich mit 18 Jahren zum ersten Mal beim Frisör, kurz vorm Abitur kamen die sehr, sehr langen Haare ab und ich hatte vielleicht zum einzigen Mal im Leben eine Haarlänge, die man nicht zu einem Zopf binden könnte.

Im Wesentlichen ist mir so ein Frisör einfach zu teuer. Damit meine ich nicht, dass Frisöre zu teuer sind, sondern, dass mir ein Frisörbesuch und das Ergebnis irgendwie nicht so viel Glückseligkeit gibt wie andere Dinge, die ich für das gleiche Geld erhalten könnte. Außerdem sind mir Frisöre immer zu zögerlich, wenn es ums Abschneiden geht. Wenn ich 40 bis 60 Euro bezahle, möchte ich nachher bitteschön anders aussehen als vorher und nicht jedes Mal, wenn ich „Och, Sie können ruhig noch ein bisschen…“ ein kritisches „Aber dann ist es wirklich ein ganz schönes Stück kürzer!“ hören. DESHALB BIN ICH DA, VERDAMMT! NATÜRLICH IST ES NACHHER KÜRZER, DAS IST DOCH SINN UND ZWECK DER ÜBUNG! Es ist mir also schon sozial oft zu anstrengend.

Die letzten Male habe ich mir einfach wieder von meiner Mutter die Haare schneiden lassen wie die ersten 18 Jahre meines Lebens auch. Das ist günstiger und auch auf der sozialen Ebene deutlich relaxter.

Ich war nach meiner Rekonstruktion neun Mal beim Frisör, zwei Mal in Leverkusen, zwei Mal in Bonn, zwei Mal in Düsseldorf und drei Mal in Essen. (Falls es irgendwer genau wissen wollte.)

Oder, um es mit Funny van Dannen zu sagen: Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet.

And now for something completely different. Hier frisst ein sehr, sehr kleines Ding ein anderes noch kleineres Ding oder wie in der Videobeschreibung steht: Trachelius ciliate feeding on a Campanella ciliate. Es ist sehr faszinierend.

Traumzitate

Im Moment träume ich wieder sehr wirres und interessantes Zeug und weiß davon auch am Morgen immer noch sehr viel, bevor ich es dann über den Tag doch meistens leider wieder vergesse. Es wird wirklich Zeit für ein Traumtagebuch.

Auch von der heutigen Nacht weiß ich nicht mehr all zu viel, nur eine Sache ist hängengeblieben, diese bereitet mir jedoch größtes Grübeln, denn es ist alles wirklich sehr rätselhaft.

Zum vielleicht ersten Mal hatte ich einen Traum im Traum (Inception lässt grüßen), ich wachte also im Traum aus einem Traum aus, der irgendwas mit Roger Willemsens Tod zu tun hatten und in diesem Zusammenhang ging es irgendwie um einen Satz, den ich sehr schön fand und den ich mir (im Traum) unbedingt merken wollte, so wie ich mir dann als ich dann auch aus diesem äußeren Traum aufwachte unbedingt zumindest diesen einen Satz merken wollte.

Der Satz lautet – Obacht bitte! – wie folgt und alle Traumdeuter und anderweitig an meinem Unterbewussten Interessierten dürfen sich nun darauf stürzen:

Auch auf Gräbern wachsen Klaviere.

Zumindest glaube ich, dass der Satz so ging. Ich werde nicht mehr schlau draus, aber vielleicht ist das ja auch einfach so bei Träumen.

YNAB oder wie ich zumindest halbwegs meine Finanzen überblicke

tl;dr Ich benutze seit einem Dreivierteljahr eine Budgetierungssoftware namens YNAB und habe nur gute Erfahrungen gemacht, weil ich direkter merke, wann das Geld wohin geht und besser planen kann. Wer es selber ausprobieren will, kann diesen Referallink nehmen.

Von YNAB habe ich das erste Mal in einer Folge von Wrint gehört, in der Holgi dieses wunderbare Finanzverwaltungs- bzw. Budgetierungstool vorstellte. YNAB steht für You Need a Budget und soll dabei helfen, seine privaten Finanzen in den Griff zu kriegen. Das klang wie etwas, das für mich interessant sein könnte, also lud ich mir die 34-Tage-Testversion runter und fing an. (Die Testversion ist etwas länger als ein Monat, damit man auf jeden Fall in die Verlegenheit, einen Monatsübergang mitzumachen.)

Dazu muss man folgendes wissen: Ich kann gleichzeitig ganz gut und überhaupt nicht mit Geld umgehen. Ganz gut, weil ich im Leben bislang noch nicht in ernsthaft prekäre Situationen gekommen bin, schon allein, weil ich immer festangestellt war und rechtzeitig große Panik bekomme, wenn es doch mal etwas enger wird. Überhaupt nicht, weil ich abgesehen davon ungefähr keinen Überblick darüber hatte, wo mein Geld hingeht. Dabei geht es weniger um größere Ausgaben, ich gehe eher selten in die Stadt und haue da größere Summen auf den Kopf, das ist mir schon mental viel zu anstrengend. Es sind eher die kleinen Sachen, die sich zusammenläppern. Wenn dann noch Mitte des Monats die Kreditkartenabrechnung kommt mit all dem anderen Kleinkram, den ich bis dahin wieder verdrängt habe, dann sieht’s halt manchmal überraschend nicht so gut aus.

Vor YNAB hatte ich immerhin eine ganz gute Methode, die ich schon zu Ausbildungszeiten angefangen hatte: Jeden Monat überweise ich per Dauerauftrag einen festen Betrag auf ein Sparkonto. Das Geld geht üblicherweise kurz nach Gehaltseingang auf das Konto, so dass es quasi nie da war. Vom Sparkonto abheben kann ich nur, wenn ich persönlich bei der Bank vorbeikomme und denen den letzten Kontoauszug mitbringe. Es erfordert also einen Organisierungs- und Zeitaufwand, den ich tatsächlich nur dann bereit bin zu bringen, wenn ich wirklich etwas brauche. Dafür kann ich die monatliche Überweisung natürlich ändern, wenn ich will, aber auch das muss bei einem Prokrastinierprofi wie mir ja erst mal einen wirklich triftigen Grund haben. Ich habe mir da also ein paar Hürden gebaut, die es wahrscheinlicher machen, dass ich auf dem Sparkonto tatsächlich größere Summen ansparen kann.

Damit bin ich eigentlich die letzten fünfzehn Jahre ganz gut gefahren, war aber nicht immer ganz zufrieden. Ich würde gerne zu den Menschen gehören, die Ende des Monats immerhin nur bei null rauskommen und nicht bei irgendeiner Minuszahl. Am allerschönsten wäre natürlich eine positive Zahl. Und ich würde vor allem einfach gerne wissen, wie viel ich eigentlich tatsächlich für was ausgebe.

Wie funktioniert YNAB?

YNAB ist eine Budgetverwaltung. Das bedeutet, dass man sich am Monatsanfang überlegt, wie viel Geld man voraussichtlich zur Verfügung hat und dann für unterschiedliche Kategorien überlegt, wie viel man ausgeben will, bis man entweder alles Geld verplant hat oder alles Budget verteilt hat und vielleicht noch was übrig ist. Beides ist legitim.

Dann gibt man im Verlauf des Monats jede Ausgabe an und sieht, wie das ursprünglich so schön große Budget schrumpft und schrumpft. Tatsächlich scheint das die für mich am besten funktionierende Methode zu sein. Zu sehen, wie etwas weniger wird scheint mir intuitiver als Belege zu addieren und etwas mehr werden zu lassen, was ja im Gegensatz eigentlich nicht mehr da ist. Dass eine Ausgabe ein Minus von etwas und nicht ein Plus auf etwas ist, geht besser in meinen Kopf und ich reagiere gut auf Farbcodierungen mit rot und grün.

Tatsächlich ist weder das monatliche Budgetieren noch das tägliche Verwalten viel Arbeit, es macht im Gegensatz sogar irgendwie Spaß, jedenfalls, wenn man ich ist. Wenn man einmal ein paar Erfahrungswerte hat, geht das monatliche Eintragen der Budgets auch sehr flott von der Hand. Dann setze ich mich im Verlauf des Monats noch mal gelegentlich dran und schiebe ein bisschen Geld rum, weil sich unerwartete Ausgaben in einer Kategorie ergeben haben und das Geld dann halt bei anderen Posten abgezwackt werden muss. Im Zweifelsfall kann man Ausgaben auch auf den nächsten Monat schieben und so langsam abstottern, man merkt es dann eben eventuell daran, dass man in den nächsten ein oder zwei Monaten auf dem Konto etwas klammer ist. Wenn man dann aber weiß, woran es liegt, ist es auch gleich weniger schlimm.

Für den Einstieg schnappt man sich am besten die Kontoauszüge der letzten zwei bis drei Monate und macht sich einen Überblick über monatliche Kosten und eventuell auch schon darüber, wofür man allgemein so Geld ausgibt. Das funktioniert natürlich besser, wenn man eher mit Karte als bar bezahlt. Das bedeutet auch, dass die initiale Anlage etwas länger dauert, danach geht aber fast alles immer sehr fix und ohne großen Aufwand.

Ich runde üblicherweise kaufmännisch, ein Supermarkteinkauf von 34,82 Euro wird eben mit 35 Euro verbucht. Außerdem nehme ich es mit den Kategorien nicht so genau. Ob ein Döner zu „Snacks“ oder „Restaurant“ kommt, ist nicht so wichtig. Man kann sich seine Kategorien selbst zusammenbasteln, da muss jeder selbst entscheiden, wie feingranular man werden will. Ich habe eine Strategie gefunden, nach der ich jede Ausgabe schon irgendwo hinsortieren kann, ohne dass ich mir gedanklich zu viel Stress machen muss. Im schlimmsten Fall macht man eben eine Kategorie „Diverses“ und gut ist, so weit ist es bei mir aber noch gar nicht gekommen.

Das ist im Prinzip auch schon die ganze Magie. Ich hätte gerne einen Screenshot präsentiert, musste dann aber einsehen, dass dieser nach Ausblenden sämtlicher Daten erschreckend aussagelos ist, deswegen lasse ich das einfach. Auf der Homepage von YNAB gibt es Bilder.

Zur technischen Seite ist noch zu sagen, dass YNAB als Desktop-Applikation läuft und dort auch den kompletten Funktionsumfang bietet. Es gibt über Dropbox die Möglichkeit, eine mobile App zu verbinden, die sich dann über Dateien, die in der Dropbox abgelegt werden, mit der Desktop-App synchronisiert.

Zu meinem allgemeinen Unbehagen hat YNAB sein Geschäftsmodell jetzt umgestellt. Ich konnte YNAB noch als Standalone-Desktop-Software für einen einmaligen Betrag kaufen, das neue Geschäftsmodell sieht ein Abo vor ($5 im Monat oder $50 im Jahr) und läuft in der Cloud. Aus unternehmerischer Sicht sicher eine gute Idee, aus Nutzersicht eher so na ja. Ob und wann ich umsteige, weiß ich nicht, erstmal bleibe ich bei meiner Desktopversion und warte ab. Nicht zuletzt weiß ich ja dank YNAB wie auch kleine Beträge den Braten fett machen. So oder so: Ohne möchte ich aber nicht mehr.

Was habe ich gelernt?

Die wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus etwa neun Monaten mit YNAB gewonnen habe und die zwar als abstrakte Vermutung schon vorher in meinem Kopf waren, die ich aber erst im praktischen Umgang wirklich begriffen habe:

1. Es läppert sich tatsächlich zusammen. Hier hilft das Denken in Budgets und Kategorien, das war für mich auch die entscheidende Umstellung, die in meinem Kopf stattgefunden hat. Ein Kaffee bei Starbucks kostet sagenwirmal vier Euro. Wenn man jetzt den kompletten Topf an Geld nimmt, den ich nach Abzug von laufenden Kosten monatlich zur Verfügung habe, sind vier Euro nicht viel, komplett vernachlässigbar. Denke ich aber in Kategorien, dann möchte ich vielleicht im Monat für Snacks und Kaffee nicht mehr als 40 Euro ausgeben. Dann sind vier Euro schon viel mehr, nämlich immerhin ein Zehntel. Wenn ich mir dann zehn Kaffees leiste, ist das Budget weg. Dann darf ich entweder keinen elften Kaffee oder ich muss von einem anderen Budget etwas abzwacken. Da ich aber das Geld, das ich für andere Posten veranschlagt habe, ja eigentlich auch dafür ausgeben möchte, ist das auch doof. Man teilt den größeren Haufen Geld also in viele kleine Haufen ab, denen man konkrete Namen gibt. So wird der Verwendungszweck klarer und gleichzeitig merkt man, dass man für jeden einzelnen Posten eben doch gar nicht so viel zur Verfgüung hat.

2. Jeder Euro zählt, auch oder erst recht auf der Einnahmenseite. Das Budget aufzuteilen und sich zu beherrschen ist die eine Sache, man kann aber eben auch zusehen, ob man nicht auch etwas Geld zusammenbekommt. Ich fülle jetzt zum Beispiel wirklich immer die doofen Fahrgastrechteformulare aus, wenn die Bahn wieder mehr als 60 Minuten Verspätung hat. Früher war mir das oft zu lästig. Mittlerweile weiß ich: Die zehn Euro, die ich da kriege, kann ich für irgendeine Budgetkategorie bestimmt gut brauchen.

Weitere Erkenntnisse:

  • Ich habe zunächst mal alle möglichen Abos gekündigt, die ich nicht brauchte. Es waren leider/zum Glück nicht so viele wie befürchtet, so dass sich das Einsparpotential in Grenzen hielt.
  • Das meiste gebe ich tatsächlich für Essen und Restaurantbesuche aus.
  • Für Bücher musste ich zunächst deutlich mehr einplanen. Ich hatte zunächst mit 20 bis 30 Euro kalkuliert, was sich schon im ersten Monat als wilder Irrglaube herausstellte, danach plante ich eher so 50 bis 60 Euro ein.
  • Dafür hat sich mein Buchkaufverhalten geändert. Vorher habe ich eBooks, die mich halbwegs interessierten und weniger als fünf Euro kosteten oft einfach so gekauft. Jetzt kaufe ich Bücher wirklich nur, wenn ich sie haben will. Außerdem gucke ich auch öfter, ob ich ein Buch nicht als Rezensionsexemplar bekomme. Das bedeutet natürlich auch, dass ich dann nachher Zeit investieren muss, um darüber zu schreiben.
  • Ich achte vermehrt darauf, Dinge, die ich im Blog vorstelle mit einem Amazon-Affiliate-Link zu versehen. So läppert sich alle paar Monate ein Gutschein zusammen und ich kann das Buchbudget für diesen Monat verringern (oder ein bis zwei Bücher mehr kaufen).
  • Gut verzichten kann ich auf: Snacks und Kleidung. Die Ausgaben für Kleidung belaufen sich eher auf höhere einzelne Posten und dann in den nächsten zwei Monaten wieder gar nichts.
  • Budget für Snacks brauche ich fast nur im Sommer, wenn wir nach der Mittagspause zum Eismann laufen. Das ist auch gefühlt das erste, was ich mir sehr gut abgewöhnen konnte: Ich kaufe so gut wie nie mehr mal eben irgendwo ein Teilchen oder ein Getränk, es sei denn, es sieht besonders verführerisch aus oder ich haben extremen Hunger.
  • Weiter zurückgefahren habe ich den Zeitschriftenkonsum, ich kaufe fast ausschließlich nur noch die Zeitschriften, die ich wirklich haben will. Einmal im Quartal werde ich schwach und kaufe noch irgendwas anderes, das reicht dann aber auch.
  • Zusätzlich war ich motivierter, endlich das Abo für eine Zeitschrift über meine Firma abzuschließen, da ich so in den Genuss von 40% Rabatt komme. Für eine andere Zeitschrift habe ich ein Halbjahresabo mit meinen Bahn.Bonus-Punkten gekauft.

Und sonst so?

Was wichtig für mich ist: YNAB hält mich nicht davon ab, mir geiles Zeug zu kaufen. Es hält mich auch nicht davon ab, mal unvernünftig zu sein. Kurz: Ich fühle mich nicht eingeengt. Das finde ich wichtig, da ich sonst vermutlich keinen Spaß dabei hätte und es auf Dauer aufgeben würde. Ich kann immer noch so viel (oder wenig) Geld ausgeben, wie ich will, ich sehe nur die Konsequenzen schneller und direkter und weiß daher, wann ich mich auch mal zurückhalten muss. Da man jederzeit Budgets umschieben oder auch mal ein Minus mit in den nächsten Monat nehmen kann, ist es eher die Transparenz, die mir hilft, quasi von alleine vernünftiger mit meinem Geld umzugehen und nicht, weil ich irgendeinen äußeren Druck verspüre. Man kann natürlich schummeln, aber dann bescheißt man sich im Endeffekt eben nur selber, dann kann man es auch gleich lassen.

Inwiefern ich mit YNAB bares Geld gespart habe, kann ich kaum beurteilen. Es ist bei mir eher so, dass Kaufentscheidungen etwas bewusster getroffen werden. Außerdem weiß ich mittlerweile, wo das Geld hingeht und wo ich im Zweifelsfall auch sparen kann. Die abstrakte Vermutung „Es läppert sich halt so zusammen“ hat sich bestätigt, aber ich habe so auch gelernt, wie ich auf der Einnahmenseite noch ein bisschen läppern kann. Zudem musste ich im letzten Jahr exakt einmal ans Sparkonto, sonst kam das auch häufiger vor. Ich konnte zum Beispiel die zusätzlichen Ausgaben für den Sommerurlaub schon im Voraus mit einplanen.

YNAB ist super für Menschen wie mich, denen das Sparen nicht mit in die DNS gegeben wurde und die einfach mal einen Überblick brauchen. Es ist sicherlich auch super für Menschen, die aus anderen Gründen eine bessere Übersicht brauchen, weil sie eben vielleicht immer eher knapp über die Runden kommen oder als Freiberufler unregelmäßige Einnahmen haben und anders planen müssen.

Wer jetzt selber ausprobieren will und eventuell das Ding nachher kaufen will, ich habe hier noch einen Urzeit-Referrallink, bei dem ich angeblich Geld bekomme, wenn jemand darüber die Software kauft. Ob sich das auch mit dem neuen Modell verträgt, weiß ich nicht, aber da ich ja jetzt gelernt habe, dass sich auch kleine Beträge lohnen, weise ich darauf hin. Dafür bitte folgenden Link benutzern: http://ynab.refr.cc/T2PM7NT

Wer mir keinen Cent gönnt, der kann natürlich auch einfach so auf der YNAB-Homepage gucken. Ich habe keine Vertrag oder eine anderweitige Verabredung mit YNAB, ich bin nur sehr glücklich mit der Software und finde das Thema ausreichend spannend, dass ich denke, dass es auch für andere interessant sein könnte.

Rolltreppenproblematiken

Ich bin ja der festen Überzeugung, dass eine Menschheit, die mit der sach- und fachgerechten Benutzung von Rolltreppen überfordert ist, nicht mit komplexeren Problemen wie „Weltfrieden“ konfrontiert werden sollte. Wie soll das gehen?

Aber ich möchte das erklären. Ich bin großer Anhänger des Prinzips „rechts stehen, links gehen“. Dieses Prinzip ist leider nirgendwo im Grundgesetz verankert, es ist eher eine lose Vereinbarung, die sich leider noch nicht komplett rumgesprochen hat und gelegentlich absichtlich ignoriert wird. Das Prinzip erschloss sich mir sofort, weshalb es mir umso schwerer fällt, zu verstehen, warum nicht längst flächendeckend so verfahren wird.

Meinetwegen darf es ja in Kaufhäusern, Kinos und anderen eher dem Freizeitvergnügen zugeordneten Orten ein bisschen lockerer zugehen. In Bahnhöfen jedoch, an Flughäfen oder U-Bahnhaltestellen ist häufig zu beobachten, dass Menschen es eilig haben, weil sie zum Beispiel fremd- oder selbstverschuldet ein bisschen spät dran sind und noch irgendeine Bahn oder ein Flugzeug erwischen wollen. In diesen Fällen hilft es ungemein, wenn die Rolltreppe nicht über die gesamte Breite blockiert ist.

Nun gibt es natürlich immer wieder Schlaumeier, die einem „Wennse’s eilig haben, nehmense halt die Treppe!“ zublöken, wenn man sich einen Weg an ihnen vorbei bahnt. Das ist natürlich Unfug, denn wenn ich es eilig habe, nehme ich den schnellsten Weg. Aus meiner persönlichen Erfahrung behaupte ich: Mit dem Aufzug (sofern vorhanden) dauert es am längsten, dann stehend auf der Rolltreppe, dann laufend auf der normalen Treppe. Am allerallerschnellsten geht es aber natürlich laufend auf der Rolltreppe, weil ich zwei Geschwindigkeiten, nämlich das Rollen der Treppe und mein eigenes Laufen, zusammenaddieren kann und dann noch schneller bin. Wenn halt nicht dauernd Leute im Weg stünden. Es ist also meiner Ansicht nach total nachvollziehbar, dass man als Mensch in Eile am liebsten die Rolltreppe nimmt, dann aber eben laufend.

(Notiz am Rande: Ich verhalte mich sogar wie im Straßenverkehr und laufe links an Menschen vorbei, ordne mich dann aber bei freier rechter Seite wieder ein, falls doch noch jemand schneller ist als ich und mich links überholen möchte.)

So weit, so gut. Ich habe mich mittlerweile damit abgefunden, dass es Menschen gibt, die mit dieser Regel nicht vertraut sind, oder sie absichtlich ignorieren, weil sie böse und rücksichtslos sind. Na gut, ich habe mich eigentlich nicht damit abgefunden, ich ärgere und wundere mich quasi täglich, sonst würde ich ja auch nicht drüber schreiben.

Es gibt allerdings einen bestimmten Typ Mensch, den ich am allerwenigsten verstehe und über den ich mich am allermeisten wundere. Ich wundere mich sogar so sehr, dass ich vergesse mich zu ärgern, so sehr erstaunt mich das folgende Phänomen wieder und wieder. Ich begreife es schlicht nicht.

Stellen Sie sich also eine Rolltreppe vor, zum Beispiel am Essener Hauptbahnhof, denn da muss ich täglich aus der U-Bahn an die Oberfläche. Stellen Sie sich nun vor, Sie haben es überraschend mit einer Gruppe verständiger informierter Rolltreppenfahrer zu tun, die alle, und zwar wirklich alle rechts stehen. Niemand steht links. Die Rolltreppe ist quasi zur Hälfte frei, von unten bis oben. Nun kommt ein neuer Mensch und stellt sich als einziger links hin.

Und steht.

Links.

Jetzt zu meiner Frage: Wundern sich diese Leute nicht, warum vor ihnen niemand steht während die gesamte rechte Seite voll mit Menschen ist? Sehen die das nicht? Denken sie nicht kurz darüber nach, ob dieses Verhalten einen Grund haben könnte und versuchen, ihr Verhalten ob dieser neuen Beobachtung in einen Zusammenhang zu ordnen?

Denn, dass es sich Menschen auf einer ohnehin schon beidseitig vollen Rolltreppe auch mal links hinstellen, das verstehe ich. Es würde das Problem zwar viel schneller lösen, täten sie es nicht, meine Verwunderung hält sich aber in Grenzen. Die komplett allein auf der linken Seite stehenden Leute jedoch haben jedes Mal wieder meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Ich werde es vermutlich nie begreifen, aber vielleicht braucht man im Leben ja auch solche Mysteriösitäten, die nie zu klären sind.