Kategorie: Ich so

Linguistische Gewürzverwirrung

Da ich unangemessen viele Kochzeitschriften besitze und zwar nicht nur deutsche, sondern auch französische und englisch und ja, tatsächlich auch niederländische, habe ich erstaunliche Kenntnisse, was die französischen, englischen (und niederländischen) Wörter für gastronomische Begriffe, allen voran eben Zutaten sind.

Neulich saßen wir in einem Restaurant in Bayonne und der Fisch des Tages wurde als „espadon“ angekündigt, woraufhin mein Mann sein wandelndes Lexikon fragte, was das denn sein könnte.

„Ich möchte Schwertfisch sagen“, antwortete ich. „Aber ich habe wirklich keine Ahnung, wo dieses Wissen herkommt.“

(Es ist übrigens wirklich Schwertfisch und ich weiß immer noch nicht, warum ich das weiß.)

Jedenfalls saßen wir in Bayonne und ich hatte als Beilage zu den Jakobsmuscheln mit eingelegten Zitronen ein Püree (puree) aus Kartoffeln (pommes de terre) und Kürbis (potimarron), auf dem Schnittlauch obendrauf lag.

Bayonne 02/09/2015

Ciboulette, sprang es in mein Hirn, und ich weiß nicht, warum ich an das französische Wort für Schnittlauch denken musste, aber da war es eben. Ciboulette, ein sehr schönes Wort eigentlich.

Daraufhin teilte ich meinem Mann nicht nur mit, dass Schnittlauch ciboulette heißen würde und ich auch nicht wüsste, warum ich gerade jetzt daran denken müsste, außer eben, weil da ciboulette auf meinem Püree wäre und dass ich außerdem lange von dem Wort aneth  verwirrt gewesen wäre, weil ich natürlich immer gedacht hätte, das würde Anis bedeuten, in Wahrheit ist der französische aneth aber der deutsche Dill und das wäre so dermaßen überhaupt nicht naheliegend, dass ich auch jetzt immer wieder irritiert wäre.

Noch viel irritierender fand ich aber, dass mir das englische Wort für Dill nicht einfallen wollte. Schnittlauch, klar, ist chives, aber was ist nur Dill? Ich habe diesen Gedankenfaden irgendwann verloren, aber heute morgen ist er wieder in mein Hirn geploppt und seitdem weiß ich es auch wieder.

Dill, meine Damen und Herren, heißt auf Englisch natürlich dill. Da hätte man auch gleich drauf kommen können.

Einkaufen III

Wo hier gerade die großen Konsumwochen im Blog sind, hätte ich da noch eine Geschichte. So haben wir ja beim letzten Umzug vor viereinhalb Jahren unsere Waschmaschine geringstbietend verkauft. Wo genau die Waschmaschine herkam, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, irgendwie wurde sie zum Einzug in Leverkusen von meinen Eltern gestiftet und begleitete uns bis nach Düsseldorf. In Essen hatten wir dann keinen Platz für eine Waschmaschine in der Wohnung und das Konstrukt im Keller war zwar clever ausgedacht, führte aber dazu, dass wir da auch keine Waschmaschine hinstellen konnten.

Im Keller sind nämlich mehrere Wasseranschlüsse, aber nur ein Stromanschluss, der mit einem Münzgerät verbunden ist. Für 50 Cent kann man da 45 Minuten Strom zum Waschen kaufen. Aus historischen Gründen stand dort die Waschmaschine von Herrn H., seines Zeichens Student und Mieter im zweiten Stock. Ein neuer Plan hätte so ausgesehen, dass sich alle interessierten Eigentümer zusammen eine Waschmaschine kaufen und Herrn H. sein Waschmaschinengewohnheitsrecht entziehen. Dazu kam es aber aus Prokrastinationstechnischen Gründen und allgemeinem mangelnden Interesse der betroffenen Parteien nie.

Fast vier Jahre lief ich deswegen mindestens alle zwei Wochen zum 500 Meter entfernten Waschsalon und erlebte dort erstmals den Charme eines mittelgroßen Waschsalons. Tatsächlich finde ich die Alternative Waschsalon gar nicht so schlecht, sie geht nur ins Geld und kostet Zeit und Aufmerksamkeit, weil man ja, selbst wenn man wie ich, zwischendurch nach Hause laufen konnte, immer aufpassen muss, rechtzeitig wieder da zu sein, um die Wäsche rauszuholen, damit es kein anderer für einen macht. Andererseits hat es etwas sehr verbindendes, man sieht sehr viele Menschen aus dem Stadtteil. Der Waschsalon als moderner Brunnen, wo man sich trifft, um zu waschen und zu tratschen. Das könnte man auch mal erforschen.

Bei der letzten Eigentümerversammlung sprach ich aus anderen Gründen die Waschmaschinensituation an und erfuhr, dass Herr H. die Benutzung seiner Waschmaschine freigegeben hatte, zumindest solange die Waschmaschine noch funktionierte und er dort wohnte. Seit knapp einem Jahr wasche ich nun also im Keller mit der Waschmaschine von Herrn H. und sammle 50-Cent-Stücke, um Strom zu kaufen. Nun zieht Herr H. aus. Und da wir ja mittlerweile auch in einer größeren Wohnung wohnen und dort Platz für eine Waschmaschine haben, war das nun der letzte Grund, den wir brauchten, um eine Waschmaschine zu kaufen.

Genau genommen waren wir schon anderthalb mal eine Waschmaschine kaufen, leider erfolglos. Beim ersten Mal fiel uns auf, dass man ja schon mal genau die Lücke ausmessen müsste, in die die Waschmaschine später sollte, vor allem in der Höhe. Das hatten wir aber nicht und zogen erfolglos ab. Beim zweiten Mal saßen wir schon im Auto mit dem festen Willen, jetzt noch schnell eine Waschmaschine kaufen, bis uns auffiel, dass wir immer noch nichts ausgemessen hatten. Dementsprechend brachen wir das Vorhaben ab, bevor wir einen Schritt in den Elektrohandel gesetzt hatten.

Vorletzten Samstag aber waren wir vorbereitet. Die Lücke war ausgemessen, ich hatte mich schon vor Monaten auf Twitter informiert und daraus zwei wesentliche Informationen gezogen: KAUFT EINE MIELE! und NEHMT EINE MIT TIMER! Es gab auch Miele-Gegenstimmen, es gab aber auch andere Gründe, die mich von einer Miele überzeugten, unter anderem meine Aversion gegen Auswahl. Ich möchte bei solchen Dingen so wenig Auswahl wie möglich haben, das verwirrt mich nur. Wenn man sich schon mal auf eine Marke festlegt, wird die Auswahl gleich sehr viel geringer und mein Gehirn muss dann doch nicht explodieren. Das ist positiv.

Das Verkaufsgespräch ist hier so minder interessant. Am Ende kauften wir die teuerste. Das kommt davon, wenn man seinen Mann mitnimmt. Oder zumindest, wenn man meinen Mann mitnimmt. Er entwickelte ein ungeahntes Interesse für den ganzen Funktionsscheiß und war dann überraschend von einem Feature überzeugt, das mir eher so mittelwichtig bis verzichtbar vorkam, während ich von einem anderern Feature überzeugt war und die einzige Maschine, die beides hatte, war dann selbstverständlich die teuerste. Außerdem lebe ich ja mit einem audiophilen Menschen zusammen, der nicht nur den Energieverbrauch sorgfältig prüft, sondern eben auch die Lautstärke. Sagen wir mal so: Dass der Verkäufer im Sonderprogramm noch die Option „Extra leise“ zeigte, hat nicht geholfen.

Ich bin ja sehr gegen Genderklischees. Der Satz „Männer/Frauen sind halt so!“ zaubert mir jedes Mal eine Schaudergänsehaut. Ich möchte das nicht hören. Ich habe aber nun beobachtet, dass man, wenn man mit meinem Mann irgendwelche Geräte kaufen geht, immer automatisch bei dem teuersten landet, das dafür aber immerhin ALLES KANN!

Auf der anderen Seite musste ich in Düsseldorf immer den Müll runterbringen, weil mein Mann den Keller fies fand. Irgendwann musste ich auch mal nachts im strömendem Regen eine über den Tag komplett zerfledderte tote Taube von der Dachterrasse klauben. Man muss sich das so vorstellen: Ich hocke von Flutlicht umleuchtet mit einem Regenschirm auf einer Dachterrasse und sammele kleine Vogelstücke von der Terrasse. Es war ein bisschen wie in einem Fernsehkrimi. Mein Mann putzt zum Ausgleich und hat drei mal so viele Parfums wie ich. Wir bemühen uns also, nicht in irgendeine Genderstereotypfalle zu tappen und es klappt ganz hervorragend. Nur beim Elektrogerätekauf nicht.

Das Positive ist aber natürlich jetzt: Wir kriegen die allerbeste Waschmaschine. Heute nach Hause geliefert und angeschlossen. Ab heute Abend wird gewaschen. DIE GANZE NACHT! Die Nachbarn werden staunen. Wer weiß, eventuell sagen wir den Urlaub ab, weil wir lieber zu Hause sitzen und Dinge waschen. Alles ist möglich!

Einkaufen II

Nach dem „Shoppen“, von dem ich ja bereits berichtete, war ich dann aber tatsächlich auch Einkaufen. Also das mit dem Waschmittel und den Nudeln und den Tomaten. Der Plan für Samstag war Paella zu machen, dazu braucht man zum Beispiel Paprika und laut dem Rezept, das ich hatte auch Orangensaft. Ich habe keine Ahnung, ob wirklich Orangensaft in eine richtige Paella kommt, aber da das Endergebnis sehr befriedigend war, kann ich im Nachhinein zumindest sagen, dass es nicht schadet.

Ich stand also vor dem Direktsaftregal, weil ich ja immer nur mit den allerallerbesten Zutaten koche, das behaupte ich jetzt jedenfalls, die Wahrheit kann hier sowieso kaum jemand überprüfen. Im Direktsaftregal standen auch Smoothies. Gelbe Smoothies, rote Smoothies, pinke Smoothies und natürlich auch: GRÜNE SMOOTHIES!

Ich stehe ja dem ganzen Clean-Eating-Hype eher skeptisch gegenüber. Seit ich in einer Dokumentation gelernt habe, dass glutenfreies Brot oft weniger gesund ist, weil so viele Ersatzstoffe da rein müssen, damit es überhaupt irgendwie brauchbar schmeckt, und das Chia-Samen abführend wirken und man auf gar keinen Fall mehr als eine ziemlich geringe Menge pro Tag davon zu sich nehmen sollte, muss ich eigentlich permanent grinsen. Zumindest finde ich es höchst amüsierend, wie mittlerweile auf Lebensmitteln, in denen wirklich noch nie Laktose drin war, „laktosefrei“ steht, und sich der Hersteller diesen zusätzlichen Aufdruck teuer bezahlen muss.

Noch schöner finde ich da eigentlich nur, dass allgemein vermutet wird, dass die wirklich am allerverbreitetste Intoleranz die Fructoseintoleranz ist.* Wir haben ja Fructoseintoleranz im Haus, das ist mal gar nicht so lustig, weil mein Mann jetzt wissenschaftlich belegt einfordern kann, dass ich für ihn nicht mit Knoblauch kochen darf. In Knoblauch ist nämlich quasi ausschließlich Fructose. Außerdem in Äpfeln und Aprikosen und Birnen, in Zwiebeln und generell in ziemlich viel Obst und Gemüse. Außerdem in vielen Mehlsorten. Fructoseintolerante Menschen können Körnerbrot nicht so gut, Weizen hingegen ist top.

Jedenfalls scheint die Fructoseintoleranz deutlich verbreiteter zu sein als Laktoseintoleranz und Glutenunverträglichkeit, trotzdem hört man quasi nichts davon, während gefühlt jeder zweite Mensch, dem man begegnet irgendwas von „laktosefrei für mich, danke“ murmelt. Meine Theorie ist ja, dass es einfach eher uncool ist, Fructoseintoleranz zu haben. Fructose nicht zu vertragen geht ganz schlecht mit allen Grundsätzen dieser seltsamen clean and healthy living Bewegung zusammen. Das meiste darf man dann nämlich gar nicht oder nur in Maßen essen. Wie soll man sich bitte das Powerfrühstück basteln, wenn man keine Äpfel, keine Rosinen, keine Datteln und auch kein Körnermüsli verwenden darf? Da bleibt ja nur der Magerquark übrig und das sieht auf Instagram scheiße aus.

Darüber denke ich jedenfalls regelmäßig nach, aber wir waren ja mit mir beim Direktsaftregal stehengeblieben. Da stand ich also und fixierte die grünen Smoothies. Nun mag ich ja schon mal generell viel Gemüse nicht. Praktischerweise mag ich vor allem das Gemüse nicht, das üblicherweise in diese grünen Smoothies kommt. Spinat und Grünkohl (KALE!) und Mangold und was weiß ich. Aber dauernd höre ich jetzt von grünen Smoothies und letztlich bin ich ja doch sehr neugierig. Vielleicht schmeckt es ja gar nicht so eklig, wie es aussieht und klingt. Vielleicht schmeckt es großartig! Wie werde ich das aber je rausfinden, wenn ich es nicht probiere? Mal abgesehen davon, dass eigentlich nichts schlimmer sein kann als die Andouillette damals in Lüttich. Oder Bionade-Cola. Wer zwei Schlücke Bionade-Cola geschafft hat, wird wohl auch einen Schluck grünen Smoothie schaffen.

Ich stellte also den weniger eklig klingenden grünen Smoothie in den Einkaufswagen, mäanderte dann noch recht lange im Laden rum und bezahlte schließlich. Zu Hause wartete ein möglicherweise lebensveränderndes Smoothie-Erlebnis auf mich.

Zu Hause stellte sich heraus, dass ich den Smoothie im Supermarkt vergessen hatte. Jedenfalls war er weder im Körbchen noch in der Getränketasche. Ich vermute, mein Unterbewusstsein hat beschlossen, dass ich noch nicht so weit bin. Das ist auch okay, das Unterbewusstsein wird schon wissen, was es tut. Ich warte also ab und versuche es demnächst irgendwann noch mal.

 

*Ich habe aktuell keine verlinkbaren Quellen für diese Behauptung parat, aber ich habe in der letzten Zeit mindestens drei verschiedene Lebensmittelunverträglichkeitsdokumentationen gesehen und in ALLEN wurde gesagt, dass es noch keine belastbaren Zahlen gibt, aber dass alles darauf hindeutet, dass Fructoseintoleranz die häufigste Unverträglichkeit ist.

 

UPDATE

Weil es Nachfragen gab. Die Dokus waren „Der Feind in meinem Bauch“ auf 3sat (hier zu finden) und eine Folge über Unverträglichkeiten bei „Quarks & Co“ (hier zu finden).

Einkaufen

Gestern war ich Einkaufen. Eigentlich nennt man das glaube ich „Shoppen“, es handelte sich nämlich um die Art einkaufen, wo es nicht um Waschmittel oder Tomaten und Nudeln geht, sondern um die Art, wo man durch die Innenstadt läuft und mehr oder weniger wahllos Geschäfte ansteuert in der Hoffnung, durch Konsum glücklich zu werden. Was nicht heißen soll, dass der Konsum von Tomaten und Nudeln nicht glücklich machen kann.

Jedenfalls war ich Shoppen. Erst im Bücherladen, der in letzter Zeit dauernd umräumt ohne vorher mit mir Rücksprache zu halten und außerdem zumindest gefühlt die Kochbuchabteilung seltsam reduziert, so dass ich kaum noch was interessantes da finde und außerdem dauernd über Bücher von Attila Hildman stolpere und dann kurz Aggressionen kriege. Das war also kein großer Erfolg.

Danach war ich, und jetzt geht die eigentlich Shoppinggeschichte los, in einem Laden für Sportbekleidung und Zubehör. Einem Laden also, in dem ich eigentlich nichts verloren habe und von dem man auch denken könnte, es würde mich dort furchtbar langweilen. Allerdings mache ich ja in letzter Zeit wieder Sport und laufe gelegentlich durch die Gegend und weil ich anders als im letzten Jahr noch keinen Aua-Fuß dank Bänderdehnung habe, dachte ich, ich mache mal etwas Sinnvolles und kaufe mir einen Sport-BH. Frauen mit einer gewissen Körbchengröße, zu denen ich halt gehöre, brauchen sowas nämlich tatsächlich. Erstens zwickt so ein normaler BH beim Laufen gelegentlich ungünstig und außerdem schwitzt man ja beim Sport. Ich kaufte also da den ersten Sport-BH meines Lebens, direkt einen für EXTREME ACTIVITY, allerdings nur, weil ich mich an den Piktogrammen auf der Schachtel orientierte und bei HIGH ACTIVITY war nur eine Tennisspielerin und eine Gewichtheberin und noch irgendwas drauf, das ich vergessen habe und das wollte ich ja alles nicht machen. Bei EXTREME ACTIVITY war allerdings ein Piktogramm einer Läuferin drauf und das schien mir dann das richtige zu sein.

Ich probierte mehrere Varianten und Größen aus und lief dann doch noch mal durch den Laden, weil, und jetzt kommt das Erstaunliche: Weil das alles so interessant war. Für jede Sportart andere Bekleidung in unterschiedlichsten Farben und Formen. In der Surfabteilung zwar leider keine Surfbretter aber immerhin lustige Skate- und Longboards. Auf eines stellte ich mich testweise mal drauf, drohte aber schon nach zwanzig Zentimetern auf besonders peinliche Art runterzufallen und ließ es dann lieber. Kurz juckte es mich in den Fingern, vielleicht doch etwas Yoga-Equipment zu kaufen. Allerdings mache ich ja gar kein Yoga und selbst, wenn ich es vorhätte, sind wir immerhin im Besitz einer Unterlage, die man sicherlich für den Anfang auch als Yogamatte missbrauchen könnte und lustige Leggings und Hemdchen besitze ich auch. Es blieb also bei dem Sport-BH.

In der untersten Etage bewunderte ich noch ein bisschen die Kletterseile und das Wanderzubehör, befingerte kurz ein paar Rucksäcke und Taschen und verließ dann das Geschäft. Das ist alles ganz furchtbar faszinierend, was man für unterschiedliche Sportarten alles kaufen kann. Sicherlich ist das meiste davon sehr praktisch, sofern man eben vorhat, die dazugehörige Sportart zu machen. In Köln gibt es zum Beispiel einen sehr großen Sport- und Outdoorladen. Dort kann man sogar Tauchzeug und Boote ausprobieren, weil es im untersten Geschoss einen Pool gibt. Außerdem gibt es dort kleine Parcours, um zu testen, wie sich ein Wanderschuh auf verschiedenen Untergründen anfühlt und noch ganz viel anderes total faszinierendes Zeug. Tatsächlich könnte ich sehr lange in diesem Geschäft verbringen und der Fantasie freien Lauf lassen. Was, wenn ich tatsächlich Wandern gehen würde? Oder Campen? Was davon würde ich alles dringend benötigen? Und warum? Auf welche Neuentwicklung hätte ich immer schon gewartet, weil sie mein Wanderer- oder Camper- oder Taucher- oder Yogaleben um mindestens 200% verbesserte? Ich brauche natürlich nichts davon, ich will auch nichts davon, ich will ja gar nicht Wandern oder Tauchen und erst recht nicht Campen, geh mir weg mit Campen, aber ich stehe trotzdem mit großen Augen vor den Auslagen und bewundere das Zubehör. Alles so unglaublich praktisch und funktionell. So sinnvoll! Es ist großartig.

Nach soviel Sinnvolligkeit musste ich danach schnell in so ein Home-Dekor-Geschäft, wo es ausschließlich Sachen gibt, die man nicht braucht. Manche davon sind auch sinnvoll, man kann da Gläser und Teller kaufen und die braucht man ja tatsächlich gelegentlich mal. Meistens kauft man dort aber Dinge, die zu 99% hübsch sind und zu 1% irgendwie sinnvoll. Ich erstand ein Frühstücksbrettchen aus der schon ausgelaufenen Muppets-Kollektion mit dem Swedish Chef.

Um das Universum dann endgültig in Balance zu bringen guckte ich dann noch mal bei Zara vorbei, um rauszufinden, ob es da mittlerweile wieder Kleidung gibt, die man als normaler Mensch sowohl versteht als auch anziehen kann. Ich fand ein hübsches Kleid mit einem Siebziger-Jahre-Tapetenmuster-Stoff, ein etwas weniger hübsches, aber ganz niedliches Kleid, das im Schlussverkauf aber auch nur 9 Euro kosten sollte und eine Bluse mit lustigen Meerjungfraruen drauf. Das niedliche Sommerschlussverkaufskleid war leider doch sehr kurz. Ich tendiere ja zu zu kurzen Kleidern, aus keiner besonderen Absicht, es passiert einfach so. Wenn ich also bei einem Kleid denke: „Huch, ganz hübsch, aber doch sehr kurz!“, dann ist es definitiv zu kurz, da brauche ich weder meine Mama noch meine Oma, um das festzustellen. Das Tapetenmusterkleid war komplett untragbar. Es hatte, was man im Hängezustand nicht so sehen konnte, Trompetenärmel, also Ärmel, die nach vorne hin weiter werden. Wie Schlaghosen quasi, nur eben an den Armen. Das sah schon mal sehr albern aus. Außerdem war es noch kürzer als das andere Kleid, jedenfalls glaube ich das, ich bekam es nämlich noch nicht mal richtig angezogen und gab auf halber Strecke den Versuch auf. Die Bluse hätte sogar fast gepasst, zwickte aber ungünstig an den Schultern und auf einmal fiel mir auf, dass ich gar nicht unbedingt eine Bluse mit Meerjungfrauen brauche.

Wichtig aber vor allem: Nein, bei Zara kann man immer noch keine Kleidung kaufe, die man versteht und die man auch anziehen kann. Mit der Produktion tragbarer Kleidung hat Zara irgendwann zwischen 2002 und 2005 aufgehört. Davor habe ich dort mal zwei sehr schöne Kleider gekauft, danach immerhin noch mal einen Rock und dann war es vorbei. Eigentlich scheint mir das ja auch nicht so schwer zu sein. Üblicherweise ist Kleidung ja genormt. Hosen zum Beispiel haben oben ein großes Loch und unten zwei kleinere. Pullover und andere Oberbekleidung haben oben und unten jeweils etwas größere Löcher und dann an den Seiten noch zwei Schläuche, an deren Ende jeweils ein Loch ist. Röcke sind noch einfacher. Oben und unten ein Loch, fertig! Üblicherweise weiß man, für welchen Körperteil welches Loch gedacht ist, das ist alles gar nicht so schwierig. Bei Zara stand ich allerdings schon in der Umkleide und scheiterte schon in der Theorie, weil mir völlig unklar war, welches Loch jetzt für welches Körperteil da war. Manchmal hingen auch noch so Bänder an der Kleidung, die auch irgendeinen Zweck erfüllen sollten, der sich mir aber nicht erschloss und fragen war mir dann doch zu peinlich. Wer gibt schon gerne zu, dass er zu dumm zum Anziehen ist.

Vielleicht überprüfe ich in ein paar Jahren noch mal, ob es dort wieder Kleidung gibt, mit der ich umgehen kann. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich mir in der Zeit irgendwas funktionelles in einem Sportgeschäft kaufen werde. Da weiß ich wenigstens, wozu es da ist und wie man es anzieht.

Lob ohne Tadel

Ich bin diese Woche schon zwei Mal gelobt worden, aber beide Male auf etwas verwunderliche Weise.

Montag rief jemand mit einer mir unbekannten Nummer an. Ich rief also zurück (was ich nicht immer tue, wer etwas von mir will, kann mir auch Mails schicken oder auf die Mailbox sprechen) und hatte eine Frau vom DRK-Blutspendedienst am Telefon, die sich erst für meinen Einsatz (11 Mal spenden!) bedankte und dann anfragte, ob ich nicht mal wieder vorbeikommen möchte. Anscheinend sind die Spenderzahlen im DRK-Blutspendezentrum in Essen etwas rückläufig und dagegen wird jetzt knallharte Kundenakquise betrieben.

„Und Sie haben doch so eine schöne Blutgruppe!“ rief sie freudig. „Null positiv!“

Ja-ha! Da hören Sie’s! Ich habe eine formidable Blutgruppe. Das kann immerhin nicht jeder. Außer natürlich man hat Eltern, die auch beide Blutgruppe Null haben, dann ist das sehr einfach und selbst wenn nicht, dann werde ich zwar gerne gelobt, meine Blutgruppe habe ich mir aber tatsächlich gar nicht selbst ausgesucht oder anderweitig dazu beigetragen. Aber andererseits, warum nicht auch mal für seine schöne Blutgruppe gelobt werden? Man nimmt, was man kriegt.

Gestern war ich dann beim Arzt, um ein Rezept abzuholen. Einen Termin für eine Vorsorgeuntersuchung hatte ich ein paar Tage vorher schon provisorisch gemacht, das Rezept brauchte ich aber etwas früher.

Der Doktor unterschrieb also das Rezept, schüttelte mir die Hand und sagte: „Hier das Rezept für Produkt XY, einen Termin haben Sie ja schon gemacht, alles vorbildlich!“

Auch das ließ mich etwas verwundert zurück. Ein Rezept abholen und einen Termin für eine Untersuchung zu machen gehören für mich doch eher zu den, nun ja, Alltagserledigungen, über die ich nicht all zu viel nachdenke. Würde ich mehr darüber nachdenken, würde ich zum Beispiel so rechtzeitig einen Termin vereinbaren, dass ich das Rezept einfach dann mitnehmen könnte und nicht vorher noch mal vorbeischauen müsste.

Aber vielleicht ist das auch alles nicht so selbstverständlich, wie ich immer denke. Vor Jahren bedankte sich mal eine Personalerin sehr explizit bei mir dafür, dass ich ein Vorstellungsgespräch absagte, weil ich schon einen neuen Job gefunden hatte. Auch das hielt ich für eine ganz normale und selbstverständliche Handlung, möglicherweise liege ich da aber falsch.

Ich möchte mich hier aber nicht beschweren, ich werde ja gerne gelobt. Am liebsten aber doch für Dinge, die ich nicht selbstverständlich finde. Obwohl nein, vielleicht sollte ich da nicht so wählerisch sein. Wie gesagt: Man nimmt, was man kriegt.

Frag nicht nach Sonnenschein!

Ich hatte auf Facebook schon angekündigt, dass ich darüber schreiben würde und jetzt mache ich das auch wirklich. Es ist nämlich so: Ich habe keine Meinung zum Wetter.

Ich beobachte mit einer gewissen Befremdlichkeit, wie Menschen sich über das Wetter unterhalten, wie sie zum Beispiel am Donnerstag erzählen, wie das Wetter am Wochenende werden soll und was sie daran gut oder schlecht finden. Ich hingegen weiß noch nicht mal, wie das Wetter werden soll, weil ich keine Wettervorhersagen gucke, höre oder irgendwo lese und wenn doch, dann vergesse ich anscheinend im gleichen Moment wieder, was ich gerade erfahren habe. Ich weiß eigentlich nie, wie das Wetter irgendwann werden soll, es sei denn, es ist so sensationell interessant, dass auch in anderen Medien mehrfach darüber berichtet wird. Darüber hinaus glaube ich ja nicht daran, dass man ernsthaft länger als zwei Tage (maximal!) im Voraus irgendwelche belastbaren Aussagen über das Wetter treffen kann. Zuletzt ist es mir auch im Wesentlichen egal, wie das Wetter wird, weil ich ja eh nichts dran ändern kann.

Es ist jetzt nicht so, dass ich keine konkrete Meinung über ein konkretes Wetter in einem konkreten Situationskontext hätte. Wenn ich zum Beispiel gerade Dinge quer durch die Stadt transportieren muss, dann finde ich es eher ärgerlich, wenn es gerade 39 Grad und schwül ist oder es in Strömen regnet. Ich finde aber weder 39 Grad und schwül noch strömenden Regen für sich allein irgendwie schlechtes Wetter. Wenn es 39 Grad und schwül ist kann man sich zum Beispiel prima Seesterngleich auf dem Sofa ausstrecken und ein Getränk mit Eiswürfeln neben sich haben. Bei strömendem Regen kann man gleichsam irgendwo drinnen sitzen, aus dem Fenster gucken, sich freuen, dass man es so gemütlich hat und die Pflanzen heute nicht gießen muss.

Wetter ist mir egal. Ich habe dazu keine Meinung. Ich weiß auch nicht, was ich sagen soll, wenn man mir verkündet, dass es am Wochenende wieder abkühlen soll, außer vielleicht einem Loriot’schen „Ach!“ Es berührt mich emotional einfach nicht, ich kann dazu nichts sagen. Ich finde es nicht schade, dass es abkühlt, und ich finde es auch nicht gut. Ich finde es noch nicht mal eine wertvolle Information, weil es ja meistens dann doch nicht abkühlt, oder nur woanders und nicht da, wo ich gerade bin.

Vielleicht freut mich am Wetter so, dass es eine der letzten Bastionen der Natur ist, gegen die wir Menschen so überhaupt nichts ausrichten können. In dieser Hinsicht ist es fast niedlich, wie das Wetter es schafft, im Prinzip doch recht vernünftige Menschen immer wieder aus der Bahn zu werfen, weil es das macht, was es eigentlich seit ein paar Jahrtausenden macht, nämlich immer mal was anderes. Vielleicht reden die Menschen deshalb auch so viel und so andauernd übers Wetter, weil sie es immer noch nicht fassen können, DASS DA NIEMAND MAL WAS GEGEN MACHT! Da kann man aber nun als moderner Mensch eben tatsächlich gar nichts ausrichten, außer halt irgendwelche Dinge zu erfinden, die den Umgang mit unterschiedlichen Wetterarten erträglicher machen. Und da finde ich, könnten wir uns doch freuen, dass wir all diese Dinge haben. Regenschirme und Häuser, damit man nicht so nass wird, wenn’s regnet. Kleine Ventilatoren und kurze Hosen für wenn es zu warm ist. Ohrenschützerchen und Handschuhe für wenn’s kalt ist. Toll!

Ich möchte hier nicht den abgenutzten Satz „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung!“ angewendet wissen. Es ist nämlich so, dass ich gefühlt 50 Prozent des Jahres falsch gekleidet bin, weil ich mich ja zum Beispiel nicht für den Wetterbericht interessiere. Ich ziehe morgens irgendwas an, was zu dem passt, was ich mir so aus den vergangenen Tagen plus dem aktuellen Wetter herausvorhersagen kann und liege die Hälfte der Zeit damit falsch. Aber auch damit kann ich gut leben, es wäre ja auch sehr albern, wenn ich meine Unfähigkeit, mich richtig anzuziehen aufs Wetter schieben würde. Da kann das Wetter ja gar nichts für.

Niemand sollte also von mir erwarten, dass ich wüsste, wie das Wetter wird. Ich weiß das nicht. Es interessiert mich auch nicht. Ich muss auch gar nicht darüber reden. Und Taschentücher habe ich übrigens auch nie dabei. Wo wir schon bei Dingen sind, die man mich nicht fragen braucht.

Neue Erkenntnisse zum Laufen

Unsere Wohnung hat ja das Special Feature, dass man durch Wohnzimmer, Küche und Flur im Kreis laufen kann. Also vom Wohnzimmer in die Küche, von der Küche in den Flur, vom Flur ins Wohnzimmer und so weiter.

Für eine Laufrunde braucht man ungefähr 12 bis 15 Sekunden, es kommt darauf an, ob man um den Wohnzimmertisch läuft oder nur dran vorbei. In einer Minute kann man also ungefähr fünf Runden durch die Wohnung laufen.

Ein Werbeblock dauert ziemlich genau sechs Minuten, jedenfalls in der Primetime, wenn auch schön alles ausgebucht ist. Da verrate ich auch kein Betriebsgeheimnis, das kann ja jeder selber mit der Stoppuhr messen, außerdem ist das allermeiste, was Werbung betrifft, in irgendwelchen Rundfunkstaatsverträgen geregelt.

Man könnte jetzt also während die Werbung läuft, ungefähr dreißig Runden durch die Wohnung laufen. Also rein theoretisch. Nicht, dass ich das heute getestet hätte. Wer ist schon so bekloppt und läuft in der Werbepause dreißig Runden durch die Wohnung?

Unsere Nachbarn von unten haben uns jedenfalls bestimmt besonders lieb.

Nostalgiefernsehen

Ich durfte ja als Kind so viel fernsehen, wie ich wollte und bin deshalb auch sehr gut gebildet, was Werbung angeht. Mein Lieblingswerbungs-Fun-Fact ist, dass der Melitta-Mann der Opa vom Fruchtalarm-Kind ist, aber das wussten hier natürlich alle längst. Früher spielte ich mit meinen Eltern sogar ein Spiel. Es hieß „Reklameraten“, und wer als erster bei einem Werbespot sagen konnte, um welches Produkt es ging, hatte gewonnen. So ging Medienbildung in den Achtzigern.

Vorgestern guckte dann mein Mann Fernsehen, oder vielmehr, wir guckten Fernsehen, aber es lief gerade Werbung und ich machte irgendwas in der Küche, als auf einmal ein wohlbekanntes Lied lief, und ich eiligst ins Wohnzimmer hastete, um noch rechtzeitig die letzten zehn Sekunden inbrünstig mitzusingen:

Denn wer sich Allianz versichert
Der ist voll und ganz versichert
Der schließt vom ersten Augenblick
Ein festes Bündnis mit dem Glück
Eine Allianz fürs Leben

Sagen wir mal so, es fehlte nicht viel, und ich hätte mir die Hand aufs Herz gelegt und ein bisschen vor Freude geweint.

Wenn man sich jetzt diese Szene vor Augen hält, dann ist es vielleicht gar nicht so verwunderlich, dass ich mittlerweile mein Geld damit verdiene, dafür zu sorgen, dass es Software gibt, mit der Werbung gebucht werden kann. Möglicherweise hat es das Schicksal so gewollt und es war ein mir vorbestimmter Weg, für den ich nur ein paar Umwege brauchte.

Laufen im Ruhrgebiet

Im Moment laufe ich ja wieder. Das bedeutet jetzt ganz konkret, dass ich in den letzten Wochen vier Mal die Laufschuhe geschnürt habe, was aber immerhin vier Mal mehr ist als in den Monaten davor, also kann man schon von einer gewissen Regelmäßigkeit sprechen.

Das Problem beim Laufen, wenn man in Essen-Holsterhausen wohnt ist, dass hier wirklich nichts Grünes in der Nähe ist. Essen-Holsterhausen liegt sehr günstig und ist zum Wohnen sehr angenehm, aber es ist auch wirklich nur zum Wohnen gut. Alle Parks oder Wäldchen liegen in anderen Stadtteilen. Man muss also erstmal irgendwo hinlaufen, um irgendwo laufen zu können. Alternativ kann man natürlich auch einfach an der A40 langlaufen. Das hat auch was, aber halt keine Bäume und Vogelgezwitscher, sondern Graffitis und vorbeirauschende Autos. Einmal bin ich an einem Sonntag durch ein Gewerbegebiet gelaufen, das war eigentlich auch sehr entspannend, denn am Sonntag sind da noch weniger Menschen als im Wald. Nur schön ist es halt nicht, aber man zieht ja auch üblicherweise nicht ins Ruhrgebiet, weil es da so schön ist. Hier ist ja nicht Heidelberg.

Ich kann also entweder einen Kilometer zum Stadtpark laufen und da dann mehrere Runden drehen oder, wie ich letztens entdeckt habe, zwei Kilometer bis zur Margarethenhöhe und dann runter in ein Wäldchen. Das Wäldchen hat den Vorteil, dass im Sommer da nicht alle fünf Meter jemand steht und Würstchen grillt und einem so dezent an der Laufmotivation kratzt.

Heute habe ich dann noch etwas viel abgefahreneres gemacht und bin bis zum Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim an der Ruhr gelaufen. Das geht erstens deswegen, weil wir eben im Ruhrgebiet wohnen und es da ohnehin schwierig ist, eine längere Strecke zurückzulegen ohne dabei aus Versehen oder absichtlich in einer anderen Stadt zu landen. Zweitens geht es noch einfacher, weil Holsterhausen direkt an Mülheim dranhängt, und man von uns aus nur ein bisschen zu weit nach Westen laufen muss und ZACK!, Mülheim an der Ruhr. Tatsächlich hatte ich noch nicht mal fünf Kilometer voll, als mir ein Schild auf dem Laufweg Mülheim an der Ruhr als fahrradfreundliche Stadt vorstellte.

Im Rhein-Ruhr-Zentrum war Antik- und Flohmarkt, das weiß ich auch noch von früher, als meine Mutter dort regelmäßig war, bis ihr der Markt zu doof wurde. Mit hochrotem Kopf manövrierte ich also durch die Flohmarktbesucher. Das ist eine meiner besonders gut ausgeprägten Fähigkeiten. Ich kann mich sehr gut und sehr schnell durch mäandernde Menschenmassen vorwärts bewegen. Das habe ich in vielen Jahren auf Flohmärkten perfektioniert, weil ich ja nie zum Gucken da war, sondern irgendwie zum Stand meiner Mutter wollte, um da lässig hinterm Stand abzuhängen und von Leuten Sachen gefragt zu werden, die ich nicht beantworten konnte.

Ich drängelte mich also durch die ganzen Menschen bis auf die andere Seite des Flohmarktes und fuhr dann zwei Stationen mit der Straßenbahn Richtung Essen. Dann lief ich noch ein bisschen gemütlich an der A40 lang und schleppte mich nach insgesamt knapp sechs Kilometern noch drei Stockwerke hoch, um mich direkt unter eine kalte Dusche zu schmeißen.

Insgesamt ist dieses Laufen ja ganz nett. Die Kondition aus dem letzten Jahr habe ich wie durch ein Wunder behalten. Ich merke nur immer wieder, wie schwierig es ist, in einer dicht bebauten Stadt vernünftige Laufrouten zu finden. Ich möchte nicht erst irgendwo hinfahren, um da dann zu laufen, das finde ich albern und dem Sinn und Zweck der ganzen Aktion höchst unangemessen. Zudem sind fünf Kilometer doch deutlich länger als man denkt und ich muss dauernd Umwege laufen, hier noch eine Schlaufe länger, da noch ein bisschen weiter geradeaus, um auf irgendwelche sinnvollen Strecken zu kommen.

Wenn ich mir jetzt also nicht wie letztes Jahr wieder eine doofe Bänderdehnung hole, dann laufe ich jetzt vielleicht wieder öfter. Zum Stadtpark, an der A40 entlang oder durch den Wald in andere Städte. Das geht ja alles, wenn man in Holsterhausen wohnt.

Gegensätze sind überschätzt

Es gibt ja so Leute, die behaupten, Gegensätze würden sich anziehen. Das mag für so einen initialen Begegnungsmoment stimmen, was längerfristige Beziehungen angeht, glaube ich ja fest daran, dass Gegensätze hier überhaupt nicht helfen. Bei meinem Mann und mir ist das insgesamt ganz passend, wir interessieren uns für ähnliche Dinge, mögen so ganz generell ähnliche Dinge und finden dann wiederum andere Dinge beide eher irrelevant. Das erleichtert den Alltag ungemein, ich schätze das wirklich sehr.

Es gibt aber im Detail ein paar, nun ja, Probleme sind es eigentlich nicht, eher Problemchen, die den Alltag unnötig verkomplizieren. So können wir uns zum Beispiel seit Jahren nicht auf ein Brot einigen, weil mein Mann immer exakt die Sorte Brot gerne mag, die ich nicht mag und umgekehrt. Letztens brachte er ein Brot vom Jugoslawen mit, also aus einem jugoslawischen Restaurant, wo er wohl manchmal zu Mittag isst und die sehr gutes Brot haben. Da hat er dann mal nachgefragt und durfte am nächsten Tag kommen und ein Brot kaufen. Dieses Brot ist anscheinend das perfekte Brot für uns, es ist quasi das erste Brot seit Jahren, das wir beide uneingeschränkt lecker finden. Allerdings gibt es das Brot jetzt gar nicht bei einer Bäckerei, sondern eben nur auf Anfrage im jugoslawischen Restaurant, wo man uns nicht verraten will, wo es herkommt und statt dessen behauptet, sie würden das selbst backen. (Wir zweifeln das ja an, aber vielleicht stimmt es ja auch.) Wir hätten jetzt also eigentlich theoretisch die Brotfrage geklärt, in der Praxis wissen wir nicht, wie bereitwillig sich der Jugoslawe als Bäckerei missbrauchen lässt.

Das gleiche gilt für Schokolade, nur ist das hier ein bisschen anders gelagert. Ich mag ja alles, was süß ist, mein Mann eher so das herbere Zeug. Er kauft also auch sowas wie Bitterschokolade, was ich ja für Kakaoverschwendung halte, es sei denn, man backt vielleicht gerade Kuchen oder so. Mein Mann kauft also gerne Schokolade, die ich nicht essen möchte. Manchmal kaufe ich dann zum Ausgleich Schokolade, die ich gerne essen möchte. Leider stellt sich dann raus, dass das zwar nicht die Schokolade ist, die er gekauft hätte, aber durchaus welche, die er jetzt, also quasi in der Not, wo doch nichts anderes da ist und weil sie nun mal so günstig auf dem Sofatisch liegt, durchaus auch probieren würde. Ausnahmsweise. Seine Marzipanschokolade hingegen darf er alleine essen, denn die möchte ich nicht.

Allerdings darf man hier auch die Vorteile nicht verschweigen. Bei gemischter Schokolade, wie man sie ja zum Beispiel in Pralinenpackungen vorfindet, ist es durchaus hilfreich, wenn man jemanden zur Verfügung hat, der den ganzen dunklen Kram wegfuttert, während man sich selber auf die Pralinen mit Nougatfüllung konzentrieren kann. Denn beide Alternativen, also Pralinen essen, die man eigentlich nicht mag oder Pralinen wegschmeißen, sind ja abzulehnen.

Bei Chips das gleiche Spiel, nur dass ich da nicht so empfindlich bin und ja fast alles außer Erdnussflips esse. Aber während ich ja eher die etwas würzigeren Varianten präferiere, möchte mein Mann lieber die möglichst ungewürzten, am besten nur gesalzen. Wir haben uns jetzt auf diese geriffelten Chips mit Salz geeinigt, die kommen mir immerhin von der Struktur her entgegen, weil man daran so schön rumknabbern kann. In Wahrheit möchte ich aber lieber Essigchips oder irgendwas mit Chili, aber da wird dann etwas enttäuscht geguckt, wenn ich die zu Hause anschleppe. Diese kleinen Frit-Sticks muss ich sowieso immer heimlich essen, was aber vor allem an der Verzehrgeschwindigkeit liegt. Ich esse die ja einzeln, während mein Mann sich mehrere gleichzeitig in den Mund schiebt, wie es, das sei fairerweise gesagt, vermutlich 95 Prozent aller Menschen tun würden. Da kann ich dann nicht hingucken, weil mich das nervös macht und ich mich gerade beim Chipsessen, einer ausgewiesenen Freizeitaktivität, nun wirklich nicht unter Druck setzen lassen möchte.

Wenn ich das aber so recht bedenke, scheinen sich unsere Gegensätze doch auf ein sehr überschaubares Feld zu beschränken. Es ist natürlich nicht das einzige Feld. Sagen wir so, es gibt in diesem Haushalt Menschen, die grundsätzlich überpünktlich sind und andere, die glauben, man könnte sich in fünf Minuten duschen, abtrocknen, anziehen und dann auch noch Schlüssel, Handy und Portemonnaie innerhalb von dreißig Sekunden finden, obwohl in Langzeitstudien eindrücklich bewiesen wurde, dass dem nicht so ist. Aber das ist eine andere Geschichte und wird vielleicht, möglicherweise, aber eventuell auch nicht, ein andermal erzählt werden.