Kategorie: Ich so

YNAB oder wie ich zumindest halbwegs meine Finanzen überblicke

tl;dr Ich benutze seit einem Dreivierteljahr eine Budgetierungssoftware namens YNAB und habe nur gute Erfahrungen gemacht, weil ich direkter merke, wann das Geld wohin geht und besser planen kann. Wer es selber ausprobieren will, kann diesen Referallink nehmen.

Von YNAB habe ich das erste Mal in einer Folge von Wrint gehört, in der Holgi dieses wunderbare Finanzverwaltungs- bzw. Budgetierungstool vorstellte. YNAB steht für You Need a Budget und soll dabei helfen, seine privaten Finanzen in den Griff zu kriegen. Das klang wie etwas, das für mich interessant sein könnte, also lud ich mir die 34-Tage-Testversion runter und fing an. (Die Testversion ist etwas länger als ein Monat, damit man auf jeden Fall in die Verlegenheit, einen Monatsübergang mitzumachen.)

Dazu muss man folgendes wissen: Ich kann gleichzeitig ganz gut und überhaupt nicht mit Geld umgehen. Ganz gut, weil ich im Leben bislang noch nicht in ernsthaft prekäre Situationen gekommen bin, schon allein, weil ich immer festangestellt war und rechtzeitig große Panik bekomme, wenn es doch mal etwas enger wird. Überhaupt nicht, weil ich abgesehen davon ungefähr keinen Überblick darüber hatte, wo mein Geld hingeht. Dabei geht es weniger um größere Ausgaben, ich gehe eher selten in die Stadt und haue da größere Summen auf den Kopf, das ist mir schon mental viel zu anstrengend. Es sind eher die kleinen Sachen, die sich zusammenläppern. Wenn dann noch Mitte des Monats die Kreditkartenabrechnung kommt mit all dem anderen Kleinkram, den ich bis dahin wieder verdrängt habe, dann sieht’s halt manchmal überraschend nicht so gut aus.

Vor YNAB hatte ich immerhin eine ganz gute Methode, die ich schon zu Ausbildungszeiten angefangen hatte: Jeden Monat überweise ich per Dauerauftrag einen festen Betrag auf ein Sparkonto. Das Geld geht üblicherweise kurz nach Gehaltseingang auf das Konto, so dass es quasi nie da war. Vom Sparkonto abheben kann ich nur, wenn ich persönlich bei der Bank vorbeikomme und denen den letzten Kontoauszug mitbringe. Es erfordert also einen Organisierungs- und Zeitaufwand, den ich tatsächlich nur dann bereit bin zu bringen, wenn ich wirklich etwas brauche. Dafür kann ich die monatliche Überweisung natürlich ändern, wenn ich will, aber auch das muss bei einem Prokrastinierprofi wie mir ja erst mal einen wirklich triftigen Grund haben. Ich habe mir da also ein paar Hürden gebaut, die es wahrscheinlicher machen, dass ich auf dem Sparkonto tatsächlich größere Summen ansparen kann.

Damit bin ich eigentlich die letzten fünfzehn Jahre ganz gut gefahren, war aber nicht immer ganz zufrieden. Ich würde gerne zu den Menschen gehören, die Ende des Monats immerhin nur bei null rauskommen und nicht bei irgendeiner Minuszahl. Am allerschönsten wäre natürlich eine positive Zahl. Und ich würde vor allem einfach gerne wissen, wie viel ich eigentlich tatsächlich für was ausgebe.

Wie funktioniert YNAB?

YNAB ist eine Budgetverwaltung. Das bedeutet, dass man sich am Monatsanfang überlegt, wie viel Geld man voraussichtlich zur Verfügung hat und dann für unterschiedliche Kategorien überlegt, wie viel man ausgeben will, bis man entweder alles Geld verplant hat oder alles Budget verteilt hat und vielleicht noch was übrig ist. Beides ist legitim.

Dann gibt man im Verlauf des Monats jede Ausgabe an und sieht, wie das ursprünglich so schön große Budget schrumpft und schrumpft. Tatsächlich scheint das die für mich am besten funktionierende Methode zu sein. Zu sehen, wie etwas weniger wird scheint mir intuitiver als Belege zu addieren und etwas mehr werden zu lassen, was ja im Gegensatz eigentlich nicht mehr da ist. Dass eine Ausgabe ein Minus von etwas und nicht ein Plus auf etwas ist, geht besser in meinen Kopf und ich reagiere gut auf Farbcodierungen mit rot und grün.

Tatsächlich ist weder das monatliche Budgetieren noch das tägliche Verwalten viel Arbeit, es macht im Gegensatz sogar irgendwie Spaß, jedenfalls, wenn man ich ist. Wenn man einmal ein paar Erfahrungswerte hat, geht das monatliche Eintragen der Budgets auch sehr flott von der Hand. Dann setze ich mich im Verlauf des Monats noch mal gelegentlich dran und schiebe ein bisschen Geld rum, weil sich unerwartete Ausgaben in einer Kategorie ergeben haben und das Geld dann halt bei anderen Posten abgezwackt werden muss. Im Zweifelsfall kann man Ausgaben auch auf den nächsten Monat schieben und so langsam abstottern, man merkt es dann eben eventuell daran, dass man in den nächsten ein oder zwei Monaten auf dem Konto etwas klammer ist. Wenn man dann aber weiß, woran es liegt, ist es auch gleich weniger schlimm.

Für den Einstieg schnappt man sich am besten die Kontoauszüge der letzten zwei bis drei Monate und macht sich einen Überblick über monatliche Kosten und eventuell auch schon darüber, wofür man allgemein so Geld ausgibt. Das funktioniert natürlich besser, wenn man eher mit Karte als bar bezahlt. Das bedeutet auch, dass die initiale Anlage etwas länger dauert, danach geht aber fast alles immer sehr fix und ohne großen Aufwand.

Ich runde üblicherweise kaufmännisch, ein Supermarkteinkauf von 34,82 Euro wird eben mit 35 Euro verbucht. Außerdem nehme ich es mit den Kategorien nicht so genau. Ob ein Döner zu „Snacks“ oder „Restaurant“ kommt, ist nicht so wichtig. Man kann sich seine Kategorien selbst zusammenbasteln, da muss jeder selbst entscheiden, wie feingranular man werden will. Ich habe eine Strategie gefunden, nach der ich jede Ausgabe schon irgendwo hinsortieren kann, ohne dass ich mir gedanklich zu viel Stress machen muss. Im schlimmsten Fall macht man eben eine Kategorie „Diverses“ und gut ist, so weit ist es bei mir aber noch gar nicht gekommen.

Das ist im Prinzip auch schon die ganze Magie. Ich hätte gerne einen Screenshot präsentiert, musste dann aber einsehen, dass dieser nach Ausblenden sämtlicher Daten erschreckend aussagelos ist, deswegen lasse ich das einfach. Auf der Homepage von YNAB gibt es Bilder.

Zur technischen Seite ist noch zu sagen, dass YNAB als Desktop-Applikation läuft und dort auch den kompletten Funktionsumfang bietet. Es gibt über Dropbox die Möglichkeit, eine mobile App zu verbinden, die sich dann über Dateien, die in der Dropbox abgelegt werden, mit der Desktop-App synchronisiert.

Zu meinem allgemeinen Unbehagen hat YNAB sein Geschäftsmodell jetzt umgestellt. Ich konnte YNAB noch als Standalone-Desktop-Software für einen einmaligen Betrag kaufen, das neue Geschäftsmodell sieht ein Abo vor ($5 im Monat oder $50 im Jahr) und läuft in der Cloud. Aus unternehmerischer Sicht sicher eine gute Idee, aus Nutzersicht eher so na ja. Ob und wann ich umsteige, weiß ich nicht, erstmal bleibe ich bei meiner Desktopversion und warte ab. Nicht zuletzt weiß ich ja dank YNAB wie auch kleine Beträge den Braten fett machen. So oder so: Ohne möchte ich aber nicht mehr.

Was habe ich gelernt?

Die wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus etwa neun Monaten mit YNAB gewonnen habe und die zwar als abstrakte Vermutung schon vorher in meinem Kopf waren, die ich aber erst im praktischen Umgang wirklich begriffen habe:

1. Es läppert sich tatsächlich zusammen. Hier hilft das Denken in Budgets und Kategorien, das war für mich auch die entscheidende Umstellung, die in meinem Kopf stattgefunden hat. Ein Kaffee bei Starbucks kostet sagenwirmal vier Euro. Wenn man jetzt den kompletten Topf an Geld nimmt, den ich nach Abzug von laufenden Kosten monatlich zur Verfügung habe, sind vier Euro nicht viel, komplett vernachlässigbar. Denke ich aber in Kategorien, dann möchte ich vielleicht im Monat für Snacks und Kaffee nicht mehr als 40 Euro ausgeben. Dann sind vier Euro schon viel mehr, nämlich immerhin ein Zehntel. Wenn ich mir dann zehn Kaffees leiste, ist das Budget weg. Dann darf ich entweder keinen elften Kaffee oder ich muss von einem anderen Budget etwas abzwacken. Da ich aber das Geld, das ich für andere Posten veranschlagt habe, ja eigentlich auch dafür ausgeben möchte, ist das auch doof. Man teilt den größeren Haufen Geld also in viele kleine Haufen ab, denen man konkrete Namen gibt. So wird der Verwendungszweck klarer und gleichzeitig merkt man, dass man für jeden einzelnen Posten eben doch gar nicht so viel zur Verfgüung hat.

2. Jeder Euro zählt, auch oder erst recht auf der Einnahmenseite. Das Budget aufzuteilen und sich zu beherrschen ist die eine Sache, man kann aber eben auch zusehen, ob man nicht auch etwas Geld zusammenbekommt. Ich fülle jetzt zum Beispiel wirklich immer die doofen Fahrgastrechteformulare aus, wenn die Bahn wieder mehr als 60 Minuten Verspätung hat. Früher war mir das oft zu lästig. Mittlerweile weiß ich: Die zehn Euro, die ich da kriege, kann ich für irgendeine Budgetkategorie bestimmt gut brauchen.

Weitere Erkenntnisse:

  • Ich habe zunächst mal alle möglichen Abos gekündigt, die ich nicht brauchte. Es waren leider/zum Glück nicht so viele wie befürchtet, so dass sich das Einsparpotential in Grenzen hielt.
  • Das meiste gebe ich tatsächlich für Essen und Restaurantbesuche aus.
  • Für Bücher musste ich zunächst deutlich mehr einplanen. Ich hatte zunächst mit 20 bis 30 Euro kalkuliert, was sich schon im ersten Monat als wilder Irrglaube herausstellte, danach plante ich eher so 50 bis 60 Euro ein.
  • Dafür hat sich mein Buchkaufverhalten geändert. Vorher habe ich eBooks, die mich halbwegs interessierten und weniger als fünf Euro kosteten oft einfach so gekauft. Jetzt kaufe ich Bücher wirklich nur, wenn ich sie haben will. Außerdem gucke ich auch öfter, ob ich ein Buch nicht als Rezensionsexemplar bekomme. Das bedeutet natürlich auch, dass ich dann nachher Zeit investieren muss, um darüber zu schreiben.
  • Ich achte vermehrt darauf, Dinge, die ich im Blog vorstelle mit einem Amazon-Affiliate-Link zu versehen. So läppert sich alle paar Monate ein Gutschein zusammen und ich kann das Buchbudget für diesen Monat verringern (oder ein bis zwei Bücher mehr kaufen).
  • Gut verzichten kann ich auf: Snacks und Kleidung. Die Ausgaben für Kleidung belaufen sich eher auf höhere einzelne Posten und dann in den nächsten zwei Monaten wieder gar nichts.
  • Budget für Snacks brauche ich fast nur im Sommer, wenn wir nach der Mittagspause zum Eismann laufen. Das ist auch gefühlt das erste, was ich mir sehr gut abgewöhnen konnte: Ich kaufe so gut wie nie mehr mal eben irgendwo ein Teilchen oder ein Getränk, es sei denn, es sieht besonders verführerisch aus oder ich haben extremen Hunger.
  • Weiter zurückgefahren habe ich den Zeitschriftenkonsum, ich kaufe fast ausschließlich nur noch die Zeitschriften, die ich wirklich haben will. Einmal im Quartal werde ich schwach und kaufe noch irgendwas anderes, das reicht dann aber auch.
  • Zusätzlich war ich motivierter, endlich das Abo für eine Zeitschrift über meine Firma abzuschließen, da ich so in den Genuss von 40% Rabatt komme. Für eine andere Zeitschrift habe ich ein Halbjahresabo mit meinen Bahn.Bonus-Punkten gekauft.

Und sonst so?

Was wichtig für mich ist: YNAB hält mich nicht davon ab, mir geiles Zeug zu kaufen. Es hält mich auch nicht davon ab, mal unvernünftig zu sein. Kurz: Ich fühle mich nicht eingeengt. Das finde ich wichtig, da ich sonst vermutlich keinen Spaß dabei hätte und es auf Dauer aufgeben würde. Ich kann immer noch so viel (oder wenig) Geld ausgeben, wie ich will, ich sehe nur die Konsequenzen schneller und direkter und weiß daher, wann ich mich auch mal zurückhalten muss. Da man jederzeit Budgets umschieben oder auch mal ein Minus mit in den nächsten Monat nehmen kann, ist es eher die Transparenz, die mir hilft, quasi von alleine vernünftiger mit meinem Geld umzugehen und nicht, weil ich irgendeinen äußeren Druck verspüre. Man kann natürlich schummeln, aber dann bescheißt man sich im Endeffekt eben nur selber, dann kann man es auch gleich lassen.

Inwiefern ich mit YNAB bares Geld gespart habe, kann ich kaum beurteilen. Es ist bei mir eher so, dass Kaufentscheidungen etwas bewusster getroffen werden. Außerdem weiß ich mittlerweile, wo das Geld hingeht und wo ich im Zweifelsfall auch sparen kann. Die abstrakte Vermutung „Es läppert sich halt so zusammen“ hat sich bestätigt, aber ich habe so auch gelernt, wie ich auf der Einnahmenseite noch ein bisschen läppern kann. Zudem musste ich im letzten Jahr exakt einmal ans Sparkonto, sonst kam das auch häufiger vor. Ich konnte zum Beispiel die zusätzlichen Ausgaben für den Sommerurlaub schon im Voraus mit einplanen.

YNAB ist super für Menschen wie mich, denen das Sparen nicht mit in die DNS gegeben wurde und die einfach mal einen Überblick brauchen. Es ist sicherlich auch super für Menschen, die aus anderen Gründen eine bessere Übersicht brauchen, weil sie eben vielleicht immer eher knapp über die Runden kommen oder als Freiberufler unregelmäßige Einnahmen haben und anders planen müssen.

Wer jetzt selber ausprobieren will und eventuell das Ding nachher kaufen will, ich habe hier noch einen Urzeit-Referrallink, bei dem ich angeblich Geld bekomme, wenn jemand darüber die Software kauft. Ob sich das auch mit dem neuen Modell verträgt, weiß ich nicht, aber da ich ja jetzt gelernt habe, dass sich auch kleine Beträge lohnen, weise ich darauf hin. Dafür bitte folgenden Link benutzern: http://ynab.refr.cc/T2PM7NT

Wer mir keinen Cent gönnt, der kann natürlich auch einfach so auf der YNAB-Homepage gucken. Ich habe keine Vertrag oder eine anderweitige Verabredung mit YNAB, ich bin nur sehr glücklich mit der Software und finde das Thema ausreichend spannend, dass ich denke, dass es auch für andere interessant sein könnte.

Rolltreppenproblematiken

Ich bin ja der festen Überzeugung, dass eine Menschheit, die mit der sach- und fachgerechten Benutzung von Rolltreppen überfordert ist, nicht mit komplexeren Problemen wie „Weltfrieden“ konfrontiert werden sollte. Wie soll das gehen?

Aber ich möchte das erklären. Ich bin großer Anhänger des Prinzips „rechts stehen, links gehen“. Dieses Prinzip ist leider nirgendwo im Grundgesetz verankert, es ist eher eine lose Vereinbarung, die sich leider noch nicht komplett rumgesprochen hat und gelegentlich absichtlich ignoriert wird. Das Prinzip erschloss sich mir sofort, weshalb es mir umso schwerer fällt, zu verstehen, warum nicht längst flächendeckend so verfahren wird.

Meinetwegen darf es ja in Kaufhäusern, Kinos und anderen eher dem Freizeitvergnügen zugeordneten Orten ein bisschen lockerer zugehen. In Bahnhöfen jedoch, an Flughäfen oder U-Bahnhaltestellen ist häufig zu beobachten, dass Menschen es eilig haben, weil sie zum Beispiel fremd- oder selbstverschuldet ein bisschen spät dran sind und noch irgendeine Bahn oder ein Flugzeug erwischen wollen. In diesen Fällen hilft es ungemein, wenn die Rolltreppe nicht über die gesamte Breite blockiert ist.

Nun gibt es natürlich immer wieder Schlaumeier, die einem „Wennse’s eilig haben, nehmense halt die Treppe!“ zublöken, wenn man sich einen Weg an ihnen vorbei bahnt. Das ist natürlich Unfug, denn wenn ich es eilig habe, nehme ich den schnellsten Weg. Aus meiner persönlichen Erfahrung behaupte ich: Mit dem Aufzug (sofern vorhanden) dauert es am längsten, dann stehend auf der Rolltreppe, dann laufend auf der normalen Treppe. Am allerallerschnellsten geht es aber natürlich laufend auf der Rolltreppe, weil ich zwei Geschwindigkeiten, nämlich das Rollen der Treppe und mein eigenes Laufen, zusammenaddieren kann und dann noch schneller bin. Wenn halt nicht dauernd Leute im Weg stünden. Es ist also meiner Ansicht nach total nachvollziehbar, dass man als Mensch in Eile am liebsten die Rolltreppe nimmt, dann aber eben laufend.

(Notiz am Rande: Ich verhalte mich sogar wie im Straßenverkehr und laufe links an Menschen vorbei, ordne mich dann aber bei freier rechter Seite wieder ein, falls doch noch jemand schneller ist als ich und mich links überholen möchte.)

So weit, so gut. Ich habe mich mittlerweile damit abgefunden, dass es Menschen gibt, die mit dieser Regel nicht vertraut sind, oder sie absichtlich ignorieren, weil sie böse und rücksichtslos sind. Na gut, ich habe mich eigentlich nicht damit abgefunden, ich ärgere und wundere mich quasi täglich, sonst würde ich ja auch nicht drüber schreiben.

Es gibt allerdings einen bestimmten Typ Mensch, den ich am allerwenigsten verstehe und über den ich mich am allermeisten wundere. Ich wundere mich sogar so sehr, dass ich vergesse mich zu ärgern, so sehr erstaunt mich das folgende Phänomen wieder und wieder. Ich begreife es schlicht nicht.

Stellen Sie sich also eine Rolltreppe vor, zum Beispiel am Essener Hauptbahnhof, denn da muss ich täglich aus der U-Bahn an die Oberfläche. Stellen Sie sich nun vor, Sie haben es überraschend mit einer Gruppe verständiger informierter Rolltreppenfahrer zu tun, die alle, und zwar wirklich alle rechts stehen. Niemand steht links. Die Rolltreppe ist quasi zur Hälfte frei, von unten bis oben. Nun kommt ein neuer Mensch und stellt sich als einziger links hin.

Und steht.

Links.

Jetzt zu meiner Frage: Wundern sich diese Leute nicht, warum vor ihnen niemand steht während die gesamte rechte Seite voll mit Menschen ist? Sehen die das nicht? Denken sie nicht kurz darüber nach, ob dieses Verhalten einen Grund haben könnte und versuchen, ihr Verhalten ob dieser neuen Beobachtung in einen Zusammenhang zu ordnen?

Denn, dass es sich Menschen auf einer ohnehin schon beidseitig vollen Rolltreppe auch mal links hinstellen, das verstehe ich. Es würde das Problem zwar viel schneller lösen, täten sie es nicht, meine Verwunderung hält sich aber in Grenzen. Die komplett allein auf der linken Seite stehenden Leute jedoch haben jedes Mal wieder meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Ich werde es vermutlich nie begreifen, aber vielleicht braucht man im Leben ja auch solche Mysteriösitäten, die nie zu klären sind.

Einkaufen 5

Ich habe ein Problem. Genau genommen habe ich eventuell zwei Probleme, wobei das eine Problem aber ohne das andere nicht existieren würde.

Das erste Problem ist, dass ich leider an Chipssucht leide. Schon als Kind fand ich Knabberkram deutlich anziehender als Schokolade und das ist bis heute so geblieben. Dazu kommt allerdings, dass ich sehr sehr wählerisch bin, was Knabberkram im Allgemeinen und Chips im Besonderen angeht. Man kann mir zum Beispiel prima eine Schüssel mit Erdnussflips hinstellen, die ich nicht einmal eines Blickes würdigen würde. Anders sieht es aus, stellte man mir eine Schüssel Essigchips vor die Nase, dann kommt es aber auch wieder auf die Sorte an. Die von Chio sind gut, aber sehr intensiv, die Kesselchips von Funny Frisch ziemlich gut, aber etwas teuer, die von Lorenz kann man knicken (Balsamico, pah!) und die Eigenmarke von Edeka ist gehtso, aber ganz okay.

Und so geht das übrigens bei allen Variationen, es ist kaum vorhersehbar, was ich mag und was nicht, aber ich habe sehr genaue Vorstellungen, und selbst wenn ich gerne Junkfood esse, heißt das ja nicht, dass ich jedes Junkfood esse. Da gibt es sehr große Unterschiede.

Bei meinem Mann ist es ähnlich, leider gibt es aber sehr geringe Überschneidungspunkte, so dass wir gelegentlich zwei unterschiedliche Sorten Chips im Haus haben, die, die ich mag und die, die er mag. Ansonsten konnte wir uns auf die Riffels Naturell von Funny Frisch als kleinstem gemeinsamen Nenner einigen.

Soweit zum ersten Problem. Kommen wir zum zweiten Problem: Unser Haus-Edeka hat das Sortiment umgestellt. Genauer genommen wurden exakt alle Sorten Chips aus dem Sortiment genommen, die ich am liebsten mag. Wie genau die das herausgefunden haben und was ich wem bei Edeka Henrichs getan habe, dass sie mich auf so gemeine Weise bestrafen mussten, weiß ich nicht.

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Es fehlen, um genau zu sein: Funny Frisch Frit-Sticks, Funny Frisch Kesselchips Essig, Funny Frisch Riffels Naturell (und alle anderen Riffels-Sorten), Chio Chips mit Essig, sowie Chio Tacos in sämtlichen Sorten. Es fehlen auch noch viele andere Sorten, aber die waren für mein Seelenheil nicht so essentiell.

Ich bin ob dieses Dramas auf die Urmutter aller Chipssorten, also Funny Frisch Ungarisch, umgestiegen, verzweifle aber zunehmend. Das ist doch wirklich kein Zustand! Der Alternativ-Edeka in Rüttenscheid gehört ebenfalls zu Edeka Henrichs, man hat hier offensichtlich sehr sauber und flächendeckend gearbeitet, auch hier werde ich nicht fündig. Aus Verzweiflung haben wir schon alles mögliche probiert, seltsame italienische Flips, Lays Chips (ganz okay, aber überarbeitungswürdige Oberflächenstruktur) oder ganz aparte Reispopper, die ich aber auf Dauer doch zu langweilig fand. Crunchips und Pringles empfinde ich als Chipsgourmet als Affront, Tyrells sind mir zu hipster und gäbe es Kettle Chips, so bin ich da sehr desillusioniert, seit ich mal die amerikanische Produktlinie (Maple! Jalapeno! Sriracha!) gesehen habe und bittere Tränen weinte über die Einfallslosigkeit der europäischen Sorten.

Man sieht: Es ist kompliziert. Regelmäßig überlege ich, bei einem Ausflug zu einem REWE mal ein Dutzend Tüten Frit-Sticks als Vorrat mitzunehmen, aber dann hätte ich ein Dutzend Tüten Chips zu Hause und da befürchte ich, dass das kein gutes Ende nehmen würde. Ich habe noch keine Lösung für mein Problem gefunden. So sehr ich die Bemühungen, ein bisschen Abwechslung ins Chipsregal zu bringen, befürworte, so bin ich doch der Ansicht, als Stammkunden am Chipsregal hätte es nichts gekostet, mich kurz um meine Meinung zu bitten. Ich habe immer jahrzentelange Erfahrung auf diesem Gebiet.

2015 als Fragebogen

The year in review. Und los:

Zugenommen oder abgenommen?

Wenn dann zu. Auf jeden Fall nicht ab.

Haare länger oder kürzer?

Länger glaub ich, aber vermutlich wieder einigermaßen gleich. Mama durfte mir mal die Haare schneiden und dann wuchsen sie halt wieder.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Ich vermute gleich. Allerdings bräuchte ich mal eine neue Brille oder zumindest neue Gläser, denn die alten sind doch langsam etwas zerkratzt. Und ich ertappe mich häufiger dabei, wie ich länger ohne Brille rumlaufe. Ich brauche sie aber schon.

Mehr Kohle oder weniger?

Ungefähr gleich.

Mehr ausgegeben oder weniger?

Weniger, schon allein dank YNAB, das ich nach wie vor für Menschen wie mich empfehle, die ihre Finanzen nur so bedingt im Griff haben. Darüber muss ich aber auch noch mal gesondert berichten.

Mehr bewegt oder weniger?

Irgendwann wieder mit dem Laufen angefangen, dann wegen weiß-ich-nicht wieder aufgehört und keine Motivation gehabt, wieder anzufangen. Im Urlaub aber wieder zwei Wochen lang fast täglich auf dem Surfbrett unterwegs gewesen.

Der hirnrissigste Plan?

Mit Mitte Dreißig auf einer Party mit lauter Mittzwanzigern Looping Louie zu spielen.

Die gefährlichste Unternehmung?

Mit dem Finger was aus dem Stabmixer pulen und währenddessen auf den Einschaltknopf drücken. Ich berichtete.

Der beste Sex?

Die Frage lass ich nächstes Mal weg. Geht niemanden was an, deswegen die Antwort für dieses Jahr: Na klar!

Die teuerste Anschaffung?

Vom Urlaub abgesehen: Ein Tasche. Ach so, und eine Waschmaschine. Aber die hat mein Mann bezahlt.

Das leckerste Essen?

Sechs-Gänge-Überraschungsmenü bei „Dan“ in Bordeaux. So unglaublich lecker. Gleichzeitig auch das teuerste bisher (wir haben so 220 Euro da gelassen, glaub ich). Nächstes Jahr wieder.

Das beeindruckendste Buch?

Ich habe gerade angefangen, Radiance von Catherynne M. Valente [Amazon-Werbelink] zu lesen, was sich bisher als heißer Anwärter für das beste Buch 2015 erweist. Ich bin aber erst bei einer einstelligen Prozentzahl, was den Lesefortschritt angeht, also Gemach! Wenn ich die gelesenen Bücher dieses Jahr durchgehe, dann waren erfreulich viele Bücher dabei, die ich sehr mochte. Am liebsten mochte ich vielleicht Uprooted  von Naomi Novik [Amazon-Werbelink]. Außerdem war ich sehr angetan von der Astrid-Lindgren-Biografie von Jens Andersen [Amazon-Werbelink].

Der ergreifendste Film?

Viel genetflixt, vor allem aber Serien. Trotzdem, sehr gemocht: Her von Spike Jonze [Amazon-Werbelink]. Beeindruckend, aber zum Schluss zu aufgesetzt: Interstellar von Christopher Nolan [Amazon-Werbelink]. Endlich gefunden und ebenfalls nicht enttäuschend: Make My Heart Fly (Originaltitel Sunshine on Leith) von Dexter Fletcher [Amazon-Werbelink].

Das beste Lied?

Das überraschendste Lied war für mich It Is You von Natalie Prass.

Zum Ende des Jahres habe ich außerdem sehr oft 25 ans von Ben Mazué gehört. Kann man hier gucken, allerdings nur mit Werbung vorher.

Das schönste Konzert?

Ich glaube, ich war nur auf zwei Konzerten, im März bei Paul Simon & Sting und im Mai bei Gisbert zu Knyphausen. Paul Simon & Sting war natürlich super, aber die Akustik in der Lanxess-Arena ist leider beschissen und man sitzt bei solchen Sachen doch immer recht weit von der Bühne weg. Gisbert zu Knyphausen war großartig, das kann ich nur uneingeschränkt weiterempfehlen.

Die meiste Zeit verbracht mit…?

Meinem Mann und vermutlich den Kollegen im Büro. Wie es vermutlich vielen Menschen so geht.

Die schönste Zeit verbracht mit…?

Meinem Mann und meiner Familie. Wie immer also.

Vorherrschendes Gefühl 2015?

„Was, schon Mitternacht?“

2015 zum ersten Mal getan?

In Bordeaux gewesen, ganz viele kulinarische Klassiker gekocht und gemacht (Boeuf Bourgignon, Panna Cotta), meine eigenen Himbeeren geerntet, alleine auf der re:publica einen Vortrag gehalten, Poutine gegessen, zehnten Hochzeitstag gefeiert.

2015 nach langer Zeit wieder getan?

Gepodcastet. Mit dem Auto gefahren. Also selber.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?

Zu wenig Zeit. Notaufnahme an Heiligabend. Eine Welt, die 2015 besonders verrückt spielte (wovon ich aber bislang nie persönlich betroffen war).

Die wichtigste Sache, von der ich jemand überzeugen wollte?

Mal abgesehen davon, dass ein befristeter Vertrag bei einer Arbeitsüberlassung in einem unbefristeten Vertrag direkt bei der Firma, bei der ich eh schon arbeitete, mündete, musste ich wenig Überzeugungsarbeit leisten. Dass ich meinen Mann dazu überreden konnte, dass wir uns doch mal Bordeaux angucken, war da vielleicht das wichtigste.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

Das muss irgendein privater romantischer Kram gewesen sein.

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

Siehe oben.

2015 war mit einem Wort…?

Kurz.

Zum Fragebogen für 2014 geht es hier.

Zum Fragebogen für 2013 geht es hier.

Weihnachten 2015

Weihnachten dieses Jahr sollte eigentlich mehr oder weniger so werden wie sonst auch. Heiligabend zu zweit rumgammeln, leckeres Essen kochen, Geschenke auspacken, sich freuen und dann auf dem Sofa fernsehen gucken und irgendwann ins Bett fallen.

Letztes Jahr zum Beispiel fiel die Geschichte mit den Geschenke etwas schwierig aus, weil ich mich hartnäckig weigerte, das Geschenk meines Mannes, eine knapp 2,50 m hohe Staffelei zu finden. Darüber schrieb ich aber ja bereits vor einem Jahr.

Dieses Jahr habe ich statt dessen ein paar Schwierigkeitshürden ins Kochen eingebaut, so dass ich diesen Text auch gerade mit neun Fingern tippe oder vielmehr einem Finger weniger als sonst üblich. Aber keine Sorge, der Finger ist noch da, er ist nur verbunden und kann gerade nicht tippen.

Es fing eigentlich ganz harmlos an. Die Vorspeise (Maronensuppe mit Parmaschinken-Wan-Tans) wurde unfallfrei hergestellt und die Nachspeise (Panna Cotta) stockte auf dem Balkon so rum. Allerdings gab es dann beim Rühren des Kartoffelgratins einen kleinen Unfall. Der genau Hergang ließ sich nicht rekonstruieren, aber irgendwie muss es wohl einen ungünstigen Hebeleffekt gegeben haben und auf einmal hatte ich die linke Hand und den halben Herd voll mit gerade noch kochender Sahne. Daraufhin ließ ich erst mal einige Minuten lang die Hand unter kaltes Wasser, knetete ein paar Eiswürfel und kam dann auf die blendende Idee, man könnte ja auch einfach so ein Kühltaschenkühldings in der Hand halten. Das funktionierte dann auch ganz gut.

Dann sollte noch Estragon-Cognac-Sahne hergestellt werden, ein Rezept, das aus ungefähr sechs Schritten besteht. Viel Zeug mit Butter pürieren, kalt stellen, Sahne schlagen, einen Großteil der Sahne Aufkochen, Butter unterrühren und Rest Sahne unterheben. Leider kam es beim ersten Schritt zu einem kleinen Unfall, dessen Hergang etwas klarer ist, den ich mir aber trotzdem nicht so ganz erklären kann. Ich sag mal so: Man kann Panik am Weihnachtsabend sehr gut vermeidet, indem man die Finger schön von dem Einschaltknopf des Zauberstabes lässt, während man gerade mit der anderen Hand, Butter aus dem Schneideteil des Gerätes pult. Am besten steckt man das Gerät einfach aus, bevor man irgendwelche Körperteile in die Nähe der Messer lässt. Sicher ist sicher.

So ein Unfall läuft ja so ab. Es passiert irgendwas und der Körper merkt sehr schnell, dass etwas nicht in Ordnung ist. Dann macht man erstmal das Naheliegendste und hält den nun schon deutlich schmerzenden Körperteil unter Wasser oder was auch immer einem das Panikhirn gerade ohne Nachzudenken empfiehlt. Dann, erst dann, hat man Zeit zu überlegen, was gerade passiert ist und wenn man alle Puzzleteile zusammen hat, bricht die richtige Panik aus, dann weiß man nämlich, dass man gerade seinen Finger in einem laufenden Stabmixer hatte und beginnt, seinem Mann zusammenhanglose Befehle zu erteilen.

Der Mann bekommt dann übrigens auch Panik, so dass man sich wieder zusammenreißen muss. Nach einigem Nachdenken und Betrachten der Schnittwunde, überlegt man, dass man jetzt lieber keine Experimente mit dem eigenen Körper anstellt, sondern einfach mal das Angebot der örtlichen Krankenhäuser in Anspruch nimmt, wickelt den Finger ordentlich in Klopapier und fährt zum Universitätsklinikum in die chirurgische Notaufnahme.

Tatsächlich ging dann alles sehr schnell und problemlos. Die nette Ärztin desinfizierte die Wunde, klebte ein paar Strips drüber und legte einen hübschen Verband an. Letzteren vor allem, damit man dran erinnert wird, dass man da was hat. Dann bekam ich noch eine Tetanusimpfung und wir durften wieder nach Hause.

Ausflug zur chirurgischen Notaufnahme. Ist aber noch alles dran. Pro-Tipp: Nicht den Zauberstab anmachen, wenn Finger drin. #twitter

Ein von Anne Schuessler (@anneschuessler) gepostetes Foto am

Der Rest des Abends verlief dann einigermaßen wie geplant.Vor der Inbetriebnahme des geschenkten Crêpeeisens, das in etwas so viel wiegt wie ein kleiner Elefant, ging ich zwar im Kopf noch mal alle potentiellen Unfalloptionen durch (Gerät fällt runter, Fuß gebrochen; Anne fasst aus Versehen auf die Platte, Hand verbrannt; Kabel schmort durch, Wohnungsbrand), wir beschlossen dann aber, das Risiko einzugehen und dann gab es als zweiten Nachtisch noch unfallfrei hergestellte Crêpes. Bevor das so lässig und ordentlich läuft wie bei den Crêperien, müssen wir aber wohl noch was üben.

Ich will nicht sagen, dass ich nicht auf das ein oder andere hätte verzichten können, aber immerhin haben wir jetzt auch für Weihnachten 2015 eine spannende Geschichte zu erzählen.

Mehr Geschenke an Weihnachten!

Jedes Jahr vor Weihnachten das gleiche Spiel. Menschen erzählen davon, wie sie sich glücklicherweise schon seit Jahren in der Familie verständigt haben, dass man sich nichts schenke. Andere Menschen weisen darauf hin, dass man doch dieses Jahr sein Weihnachtsbudget lieber spenden solle. Egal wie, egal wo, allgemein scheint es zum guten Ton zu gehören, sich als erwachsener Mensch zum weihnachtlichen Geschenkewahnsinn zu erziehen.

Wir haben doch alles! Und außerdem ist das doch nur Konsum! Pfui! In die Stadt will man auch nicht, da ist es so voll, da sind all die Menschen, die nicht so vernünftig waren, sich zum Nichtschenken zu verabreden! Und online ist böse, da geht der Einzelhandel kaputt! Genau genommen kann man Weihnachten gar nichts schenken, es sei denn, man hat an einem ruhigen Tag im Juni bereits alles erledigt. Beschenkt werden kann man erst recht nicht, es sei denn man ist höchstens, aber allerhöchstens 15 Jahre alt. Wer älter ist, hat Vernunft angenommen, wünscht sich nichts, will nichts, erst recht nicht als Geschenk, erst recht nicht zu Weihnachten!

Ich aber werde gerne beschenkt. Ich esse allerdings zum Frühstück auch ungetoastetes Weißbrot mit Nusspli, trinke dazu einen Becher kalte Milch und bin nachweislich eigentlich nur eine Achtjährige mit Führerschein und festem Job. Ich möchte einen Haufen Geschenke unterm Weihnachtsbaum haben, am besten alle in buntes Papier eingepackt mit Schleifchen und Glitzer. Ich möchte auch nicht wissen, was drin ist, ich bin ein Mensch, der Überraschungen liebt. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, vor Weihnachten das Geschenkeversteck meiner Eltern zu finden und schon mal zu gucken, wo ist denn da der Sinn, wenn man schon weiß, was man bekommt? An Ostern habe ich meine Oma gerne mehrfach genötigt, alle Ostersüßigkeiten noch mal zu verstecken. Das Interesse an den Süßigkeiten war eher so mäßig, das Suchen im Garten hingegen konnte mich stundenlang beschäftigen.

Allerdings verschenke ich auch gerne. Ich verschenke sogar noch lieber als ich beschenkt werde. Geburtstage und Weihnachten bietet sich da natürlich an, aber man kann natürlich das ganze Jahr durch Menschen beschenken, mit oder ohne Anlass. Man kann ihnen etwas mitbringen oder ein Überraschungspäckchen schicken, und dann tagelang rumhibbeln, weil man natürlich nicht allzu offensichtlich nachfragen kann, ob es angekommen ist, man will ja die Überraschung nicht kaputt machen.

Das beste aber ist: Man muss ja gar nicht immer viel Geld ausgeben, um andere zu beschenken. Ein Buch tut es auch, oder eine Flasche Wein, ein niedliches Stofftier gibt es bei IKEA für wenige Euro, selbstgebackene Plätzchen, selbstgemachtes Pesto, eine kleine Flasche aufgesetzten Likör. Generell geht: Wer seine Freunde und Angehörige nicht mit nutzlosem Tand belästigen will, schenkt Verbrauchbares. Ich habe aber auch schon Zeitschriften und hübsche Geschirrtücher verschenkt, habe beim Bastelladen Glanzbilder aufgetrieben und in Weihnachtskarten gesteckt und die Leute haben sich gefreut oder zumindest sehr überzeugend so getan als würden sie sich freuen. Wer Weihnachten zum Konsumfest verkommen lässt, ist selber schuld. Wer sich ein bisschen Mühe gibt, kann fast alles haben: Weihnachten, Geschenke, Konsumeingrenzung und gar nicht mal so viel Stress.

Die Geschenkeverweigerung an Weihnachten ist vielleicht oft nur ein Versuch, unserer Überforderung im vorweihnachtlichen Stress Herr zu werden und es klingt natürlich so schön vernünftig, abgeklärt und erwachsen. Wer aber gar nicht immer vernünftig, abgeklärt und erwachsen sein will, der braucht andere Mechanismen, um auch ohne Geschenkeverbot nicht durchzudrehen. Es muss ja nichts Großes sein.

Letztes Jahr konnte ich alle Geschenke für Eltern, Tanten und Cousins in exakt zwei Läden abhandeln. Einem mit nutzlosem Tand (ein Windlicht mit Insekt für Papa, ein Tyrannenquartett für den Cousin und Schlagzeugschlägerbleistifte für einen anderen Cousin) und einem mit Gewürzen, Schokolade und anderem kulinarischen Schnickschnack. Läden mit kulinarischem Schnickschnack kann ich nur empfehlen, man hat da im Nu ein kleines Paket zusammen, dass hoffentlich innerhalb eines Jahres aufgebraucht ist. Ich war geschätzt eine Dreiviertelstunde im Stress, weil beide Läden leider voll mit Leuten waren, die offensichtlich eine ähnliche Idee hatten wie ich, dann war gut.

Vielleicht hilft es ja auch, das Weihnachtsgeschenke nicht mehr als Pflicht zu sehen, sondern als Kür, nicht als notwendiges Übel, sondern als Herausforderung. Man lernt auch kein Klavierspielen ohne regelmäßig zu üben, aber mit der richtigen Einstellung kann auch das Üben Spaß machen. Fragen Sie da mal meinen Klavierlehrer, der hält Ihnen einen halbstündigen Vortrag darüber. Sehen wir es doch so: Man muss zu Weihnachten gar nichts schenken, nein nein, man darf und man kann und man sollte die Gelegenheit nutzen, zu schenken. Auch „Bei Tante Lisa weiß ich nie, was ich ihr schenken soll“, ist ja nur eine Ausrede. Statt dessen ruft man lieber „Challenge accepted!“ und findet raus, worüber sich Tante Lisa so richtig freuen würde. Im Zweifel kann man immer noch in einen Laden mit kulinarischem Schnickschnack gehen.

Irgendwann in den Siebziger Jahren hatten meine Mutter und ihre Geschwister die Idee, dass an jenem Weihnachten jeder jedem etwas schenken sollte. Dazu muss man vielleicht erklärend hinzufügen, dass meine Mutter acht Geschwister hatte. Neun mal acht, da ist man schon mal bei 72 Geschenken ohne dass Eltern und die Großmutter berücksichtigt sind. Natürlich waren die einzelnen Geschenke klein, aber der Geschenkeberg muss beachtlich gewesen sein, so beachtlich, dass auch die Kinder der nächsten Generation, ich und alle meine Cousinen und Cousins die Geschichte kennen. Ein Weihnachten, das in die Legendensammlung der Familie eingegangen ist als das Weihnachten mit den vielen Geschenken. Und ob man es jetzt wirklich mit oder ohne Geschenke feiern will oder vielleicht auch gar nicht, es ist vielleicht nicht das schlechteste Weihnachten, von dem man sich auch nach dreißig Jahren noch erzählt.

Deswegen bleibt vielleicht nur: Schenkt und lasst euch beschenken! Zu jedem Anlass und zu keinem. Oder lasst es bleiben, schenkt nichts, spendet und helft an anderer Stelle, macht das, was euch glücklich macht. Nur die Klage, Weihnachten würde zum Konsumfest verkommen, entlockt mir schon seit längerem nur ein müdes Gähnen. Die Klage ist alt und abgestanden, sie mag nicht immer von der Hand zu weisen sein. Aber ich möchte ein Weihnachten mit Geschenken, kleine, große, selbstgemachte, gekaufte, gut überlegte und spontane. Geschenke machen Freude, dem Schenker und dem Beschenkten und wir sollten diese Freude nicht jedes Jahr wieder verachten, weil es die einfachste Lösung ist.

12 von 12 im Dezember

Ja ja, dann halt noch mal. Aber wirklich nur, weil dieses Mal ein Samstag war und deshalb grundsätzlich andere Dinge passieren als wochentags.

Nämlich zum Beispiel folgendes:

Um 7:20 Uhr wache ich auf, warum auch immer. Vielleicht, weil mich immer noch der tödliche Männerschnupfen plagt, vielleicht einfach so. Das ist die Aussicht auf den Nachttisch mit Leuchteelefant, Grünzeug, dem etwas lädierten Häschen, Kindle, Brille und Kram. Normalerweise ist es ordentlicher. Behaupte ich jetzt einfach mal.

Es gibt Frühstück im Bett, was übersetzt bedeutet, dass ich Frühstück mache und dann zurück ins Bett trage. (Getoasteter) Toast mit Marmelade und Kaffee für meinen Mann, (ungetoasteten) Toast mit Nusspli und Milch für mich. Meine Essgewohnheiten sind manchmal nicht so sehr erwachsen.

Altglas wegbringen! \o/ #twitter #3von12 #12von12

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Nachdem wir ausreichend lange in der Wohnung rumgepuschelt sind, mache ich mich auf in die Stadt, ich muss nämlich Dinge besorgen. Vorher Flaschen wegbringen, das Flaschentrageding brauche ich später noch für den Einkauf, das weiß ich jetzt schon.

Mangels zeitnaher Straßenbahn Spaziergang in die Stadt. (Ja, es ist sehr pittoresk hier.) #twitter #4von12 #12von12

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Weil die Straßenbahn erst in zehn Minuten kommt, laufe ich zu Fuß in die Stadt. Das sind knapp zwei Kilometer, also machbar und das Wetter ist ja auch brauchbar. Schön ist die Strecke übrigens nicht und es gibt auch keinen Umweg, den mal laufen könnte, der so viel schöner wäre, dass man dafür einen Umweg laufen würde. Aber das hat man halt davon, wenn man mitten im Ruhrgebiet wohnt.

Spontanblutspenden. #5von12 #12von12 #twitter

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Spontan gehe ich Blut spenden. Darüber habe ich hier schon mal geschrieben, in Essen wird es einem sehr einfach gemacht. Im Bild meine wunderwunderschöne Blutgruppe, die von der Dame am Empfang mit einem „Rhesus negativ wäre aber noch schöner!“ etwas herabgestuft wurde.

Fragt nicht. Ich weiß es doch auch nicht. #twitter #6von12 #12von12

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Warum ich im Bastelladen bin, kann ich nicht verraten, denn es handelt sich um eine Weihnachtsüberraschung. Von den vielen Rollen brauche ich auch gar nichts, ich finde Bastelzeug in diesen Massen nur so faszinierend, jeden Unsinn gibt es da, Papier und Karton ins allen Formen und Farben. Ich fasse aber einmal Krepppapier an und werde schon von der Haptik in die Kindheit zurücktransportiert. Damals bastelten wir aus Krepppapier lange Schleifen, die wir am Fahrrad befestigten, damit sie bei voller Fahrt bunt hinter uns her wehen konnten.

Dings… äh… shoppen? #twitter #7von12 #12von12

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Dann zu Banneke. Alkohol shoppen. Erstens was fürs Pegelwichteln, was ich hier natürlich nicht verraten kann. Außerdem Bulleit 95 Rye Frontier Whiskey [Amazon-Werbelink] und Maraschino-Likör, um einen Rock and Rye anzusetzen. Der war Bestandteil des ersten Cocktails vom Drink-Syndikat und der war so lecker, dass wir uns durchaus vorstellen könnten, das nochmal zu machen. Außerdem ist einer unserer Lieblings-Rosé-Crémants (ich vergesse den Namen leider immer und erkenne ihn nur sofort wieder, wenn ich ihn vor mir sehe) im Angebot, da geht direkt auch eine Flasche mit.

Rock and Rye angesetzt. Das @drinksyndikat ist schuld. #twitter #8von12 #12von12

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Der angesetzte Rock and Rye. Eine Flasche Rye Whiskey, 80 ml Maraschino, 125 g Kandiszucker, 2 Zimtstangen, 3 Anissterne, 10 oder 12 Nelken, eine Orange, eine Zitrone. Mein Mann hält alles als Fotograf fest. Sobald wir ein Ergebnis haben, wird berichtet.

Die KitchenAid will auch beschäftigt werden. #twitter #9von12 #12von12

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Weil zwei Kollegen sich gegenseitig das Schwarz-Weiß-Gebäck wegfuttern, mach ich wohl besser noch mal welches. Die KitchenAid ist vor Weihnachten immer gut beschäftigt. Was man im Bild nicht sieht ist, dass ich den falschen Aufsatz genommen habe und mich sehr lange wunderte, warum die Maschine keinen schönen Teigklumpen produziert, sondern alles nur klein bröselt.

Cocktail Hour at the Schüßler residence. #twitter #drinksyndikat #10von12 #12von12

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Der zweite Cocktail aus der Box vom Drink-Syndikat: Bratapfellikör, Williams-Christ-Brand, Green Chartreuse und Zitronensaft. Nicht so überzeugend wie der erste, was aber vor allem Geschmackssache ist. Wir probieren von jedem Bestandteil auch einen kleinen Schluck, um zu wissen, was das überhaupt ist. Green Chartreuse ist definitiv Teufelszeuch, der Bratapfellikör von O’Donnell allerdings sehr lecker.

Abendessen. Nicht im Bild: Tomatensalat. #twitter #11von12 #12von12

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Zum Abendessen gibt es deutsches Rumpsteak (das erstaunlich gut ist) mit ein paar übrig gebliebenen TK-Kartoffelecken und Tomatensalat. Dazu gibt es Warehouse 13 in der irren Hoffnung, mein Mann möge sich dafür auch erwärmen können.

Nachtlektüre. Schlaft gut! #twitter #12von12

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Die aktuelle Lektüre, die neue Astrid-Lindgren-Biographie von Jens Andersen [Amazon-Werbelink]. Sehr zu empfehlen übrigens, ich habe jetzt ungefähr die Hälfte und bin sehr angetan. Ich schlafe allerdings mittlerweile immer sehr schnell ein, wenn ich im Bett lese und mache schon vor 23 Uhr das Licht aus.

Paris. Paris.

Ich habe gestern nirgendwo mein Beileid bekundet.

Ich habe keine Kerze ans Fenster gestellt, ich habe kein Bild eines Peace-Symbols mit Eiffeltum geteilt oder mein Profilbild in die französichen Nationalfarben getaucht.

Ich habe erst am Nachmittag zögerlich zwei oder drei Tweets, die mir besonders auffielen retweetet. Ich habe keine Nachrichten geguckt und kein Radio gehört. Gelegentlich habe ich auf Twitter, Facebook oder der SpiegelOnline-Seite vorbeigeschaut.

Statt dessen bin ich aufgestanden und habe gelesen, dann war ich einkaufen, habe zum Mittagessen eine Frikadelle mit Kartoffelsalat gegessen und dann Gulasch gekocht. Ich habe ein bisschen Hörbuch gehört und bei Wordfeud Wörter gelegt. Ich habe den Facebookbeitrag eines Menschen aus Biscarrosse geteilt, der seinen Hund verloren hat. (Warum ich das Tierheim von Biscarrosse in meiner Timeline habe, ist eine andere Geschichte.) Dann haben wir in einem Marathon „Person of Interest“ geguckt, Gulasch mit Nudeln gegessen (der Trick scheint wirklich zu sein, es einfach unendlich lange schmoren zu lassen) und Cola getrunken.

Geredet habe ich über die Anschläge mit meinem Mann und den Menschen im Techniktagebuchredaktionschat, denn irgendwo musste es hin, aber es wollte dieses Mal nicht in die Öffentlichkeit. Die schnelle Berichterstattung voller Gerüchte und Annahmen, die ich schon am Abend vorher auf Twitter mitbekam und die mich zwei Stunden nicht losließ, war mir zu viel.

„Ich will eigentlich überhaupt gar nichts wissen“, schrieb ich im Chat. „Ich will eigentlich alles sofort wissen“, schrieb jemand anderes.

Ich kann jede Reaktion verstehen. Also. Fast jede. Die Dauerbeschallung ist für den einen das richtige, andere schrieben Tweets, dass sie nichts zu sagen hatte, was ich in diesem Moment als sehr befremdlich fand, denn genau dieses Gefühl bewog mich dazu, wirklich auch mal gar nichts zu sagen. Aber ich mag auch nicht ausschließen, dass ich genau das bei einem anderen schrecklichen Ereignis nicht auch schon mal gemacht habe. Es gab viele tolle Kommentare, Bilder und Geschichten, die in meine Timeline gespült wurden, doch mein sonst sonst sehr lockerer Teilezeigefinger war still und ausnahmsweise mal gar nicht locker. Ich sah die vielen Leute, die diese Dinge teilten und dachte: „Das machen die doch schon sehr gut. Ich muss jetzt nicht auch noch.“

So dankbar ich für die vielen Leute war, die sich zu Wort gemeldet habe und Informationen oder einfach nur Emotionen geteilt haben, so froh war ich auch, genau das nicht zu tun und nicht tun zu müssen. Jedem hilft etwas anderes und alles was hilft, ist legitim.

Der Sinn von Terroranschlägen ist ja nicht, Menschen umzubringen. Die Toten sind Mittel zum Zweck und das Ziel ist Angstverbreitung. Weil es jeden zu jeder Zeit an jedem Ort treffen könnte. Das Ziel ist Einschüchterung. Die Menschen sollen Angst haben, immer und überall, bis ein ganz normaler Alltag unmöglich wird und sich alle nur noch verängstigt in ihre Häuser verkriechen und klein beigeben.

Es gibt genug Menschen, die jetzt trauern. Ich kenne niemanden, der bei den Anschlägen ums Leben gekommen ist oder weiß es noch nicht. Ich kann nur abstrakt trauern, nicht konkret. Es gibt genug Menschen, die sich jetzt Gedanken darüber machen müssen, wie man damit umgeht. Politisch. Gesellschaftlich. Was auch immer. Es gibt genug Menschen, die herausfinden müssen, wie es dazu kommen konnte und wer die Täter waren.

Ich gehöre zu keiner dieser Gruppen. Das beste, was ich als ganz normaler Mensch jetzt tun kann, ist mit meinen Alltag genauso weiterzumachen wie vorher. Mir meinen Alltag und mein Leben nicht nehmen zu lassen von Menschen, die glauben, sie hätten die Macht dazu.

Und deswegen wird es auch heute Lieblingstweets geben, denn es ist Mitte des Monats und da gibt es nun mal Lieblingstweets. Nicht weil mir Paris, Beirut oder Syrien egal wäre, sondern, weil ich mich nicht erschüttern lassen will. Keine Einschüchterung. Kein Verkriechen.

Weitermachen. Gulaschkochen gegen den Terror. Seriengucken gegen den Terror. Lieblingstweets gegen den Terror.

12 von 12 im November 2015

Ich war sehr lange wehrhaft und wollte nichts mit diesem 12-von-12-Zeug zu tun haben, aber gestern muss ich einen schwachen Augenblick gehabt haben, das ist ja auch verständlich, ich war müde, eigentlich schon bereit fürs Wochenende und wenn dann auf einmal ganz Instagram voll ist mit Bildern mit dem Hashtag #12von12, dann denkt man sich auf einmal „Ach, was soll’s?“ und macht ein Bild vom Deutzer Bahnhof. Ob ich das noch mal mache, weiß ich nicht, zumindest an einem Arbeitstag würde sich die Bilderreihe an fast jedem beliebigen Tag nicht großartig voneinander unterscheiden. Aber wer weiß, wenn man mich schon so weit bekommen hat, dann sehen wir uns vielleicht auch nächsten Monat wieder auf diesem Kanal.

Da es durchaus üblich ist, die gemachten Bilder im Nachhinein noch mal aufzuarbeiten, mache ich das selbstverständlich jetzt auch. Wenn schon, denn schon.

8:45 Uhr, Ankunft in Köln-Deutz.

Guck an! Die Oper ist jetzt rechtsrheinisch. (Im Hintergrund: links Dom, rechts Bürogebäude.) #2von12 #12von12 #twitter

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Als ich damals mit dem Jobvermittler in Mailkontakt trat, erzählte er mir etwas von einem Job in Köln und ich antwortete in Selbstschutzmanier, dass Köln wirklich nur dann ginge, wenn das Büro wirklich direkt am Bahnhof wäre. „Das Büro befindet sich direkt am Bahnhof!“ teilte mir der Jobvermittler daraufhin mit und da hatte ich den Salat. Um das ganze mal zu veranschaulichen. Dieses Bild wurde von dem Bahnsteig gemacht, an dem ich aus dem Zug stieg. Hinten rechts in dem alten rotbraunen Messegebäude befindet sich mein Büro. Der Jobvermittler hat nicht gelogen.

Büroaussicht, die Hortensien haben noch nicht mitgekriegt, dass November ist. #3von12 #12von12 #twitter

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Aussicht aus dem Büro. Wir haben einen Innenhof, der mit Hortensien bepflanzt ist, was sehr hübsch ist, auch noch im November, weil die Hortensien noch nicht begriffen haben, dass November ist. (Meine Himbeeren ja allerdings auch nicht.) Auch schön: Man kann kleine Vögelchen beobachten, die auf der Vogelbeere rumhüpfen und die Versicherungsmenschen in den Büros gegenüber. Überhaupt fühle ich mich bei der Aussicht immer an dieses eine Wimmelbild von Ali Mitgutsch erinnert, wo man so ein Haus im Querschnitt hat und in jedem Fenster etwas anderes passiert.

Arbeit. #4von12 #12von12 #twitter

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Arbeit, unspektakuläres Bild, weil ich ja erstens einen unspektakulären Bürojob habe und ja zweitens nichts fotografieren kann, wo man besonders viel erkennen könnte. Hier kann man eigentlich fast gar nichts erkennen. Manchmal mache ich was in Excel. Spoiler: Die Daten in diesem Excelsheet befanden sich bei Abschluss der Aufgabe auch in der Datenbank. Hurra!

Mittach! Halbe Pizza und Milchreis. #5von12 #12von12 #twitter

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Mittags gab’s eine halbe Pizza (mit Sardellen, Kapern und Artischocken) und Milchreis mit Zimtzucker. Seit es regelmäßig Milchreis am Dessertbuffet gibt, bin ich ein entspannterer Mensch. Glaube ich jedenfalls. Und dass man in der Kantine von einigen Gerichten einfach eine halbe Portion nehmen kann, finde ich auch sehr gut.

Mittachsaussicht mit Blick auf den Rhein. #6von12 #12von12 #twitter

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Aussicht beim Mittagessen. Vorne Firmenparkplatz (für Gäste), dahinter Tanzbrunnen und Rhein. Außerdem kann man gucken, ob das Eisbüdchen auf hat. (Hat’s nicht.)

Papierloses Büro. Symbolbild. #7von12 #12von12 #twitter

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Ein schönes Symbolbild für das viel beschworene papierlose Büro. Ich kritzele immer noch Zettel voll oder drucke mir Sachen aus, wenn ich sie genauer angucken will oder als Referenz brauche. So wird das jedenfalls nix.

FEIERAHHHMD! #8von12 #12von12 #twitter

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18:15 Uhr: Feierabend! Der große Innenbereich heißt bei uns „die Mall“, weiß der Teufel, wer sich das ausgedacht hat. Ist aber immerhin hübsch begrünt, da kann man nicht klagen.

Wieder in Essen. Guten Abend Essen! #9von12 #12von12 #twitter

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19:15 Uhr: Zurück in Essen. Eigentlich komme ich eine Viertelstunde früher an, jedenfalls, wenn es nach dem Fahrplan geht und nicht gerade ein Stellwerk kaputt ist. Aber mein eigentlicher Zug hatte Verspätung, so dass ich den anderen nahm, der weiter nach Berlin fährt. Deswegen war übrigens auch erst um 18:15 Uhr Feierabend, ansonsten ist das eher so um 18:00 Uhr der Fall.

Abendbrot. Das Essen, nicht der Podcast. #10von12 #12von12 #twitter

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19:45 Uhr oder so: Abendbrot. Heute mit: Brot! Und Gürkchen. Weil wir unzivilisierte Menschen ohne Kinder sind, essen wir vor dem Fernseher. Der Esstisch ist eher so für Gäste und wenn ich mal wieder ein Puzzle machen möchte.

"Person of Interest" weitergucken. #11von12 #12von12 #twitter

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Mein Mann hat sich „Person of Interest“ als nächste Serie ausgesucht und wir sind jetzt mitten in der zweiten Staffel. Allerdings hat er schon vorgeguckt, weil ich ihm beigebracht habe, wie man Netflix bedient. Das war anders geplant. Aber jetzt muss er halt alles zwei Mal gucken. Selbst schuld.

Mit Buch ins Bett. #12von12 #twitter

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22:30 Uhr: Mit Buch im Bett. Aktuell lese ich parallel „Time and Again“ von Jack Finney [Amazon-Werbelink], ein Zeitreiseromanklassiker aus den Siebzigern und eine Wagnerbiographie, die ein bisschen wenig biographisch und ein bisschen viel musikwissenschaftlich ist, von Martin Geck [Amazon-Werbelink]. Bei ersterem bin ich aber erst bei knapp 20 Prozent und habe noch keine richtige Meinung vom Buch. Es ist aber zumindest sehr angenehm geschrieben, das kann man schon gut lesen. Dann um 23:00 Uhr Licht aus, Leuchteelefant an und Augen zu. Tag vorbei!

Neue Momentaufnahmen, Herbst 2015 in Deutschland

1

Ich fahre mit der Straßenbahn von Köln-Deutz zum Heumarkt. Neben mir sitzen zwei Männer, dunklere Haut, schwarze Haare, woher sie kommen vermag ich nicht zu sagen. Warum sie mir auffallen, weiß ich gar nicht, aber irgendwas am Blick des einen ist anders, ein bisschen unfokussierter vielleicht, die Augen etwas glasiger, ich bin nicht gut im Lesen von Gesichtern.

Ich erhasche einen Blick auf die Zettel, die der andere Mann in der Hand hält. Behördenschreiben, irgendwas mit Asyl und dass mich das jetzt gar nicht wundert, ist vielleicht am erschreckendsten. Ansonsten sehen die Männer nicht anders aus als jeder andere Mensch, der hier irgendwann mal von woanders hergekommen ist. Oder dessen Eltern von woanders hergekommen sind. Oder dessen Großeltern. Aber diese Männer sind selber gerade erst hergekommen und wissen noch nicht mal ob sie bleiben dürfen. Und jetzt fahren sie Straßenbahn in Köln, genau wie ich und alle anderen um uns herum.

 

2

Im Supermarkt sehe ich einen jungen Mann zwischen den Konserven stehen und Geld abzählen. In der Hand, immer und immer wieder. In der anderen Hand hält er etwas, was, habe ich schon vergessen. Ob das Geld noch für etwas anderes reicht? Er zählt und wendet Münzen.

Ich weiß nicht, ob ich hingehen soll und sagen: „Komm, was brauchst du, ich nehm das und bezahl es.“ Aber wie bescheuert wäre das, wenn das gar kein Flüchtling ist, sondern einfach nur jemand, der gerade mal zu wenig Geld dabei hat, so wie ich manchmal auch, nicht, weil ich kein Geld habe, sondern weil ich manchmal verpeilt bin oder eben keine Zeit hatte, zum Geldautomaten zu gehen. Nur dass ich eben vom Typ her nicht die Assoziation „Flüchtling“ hervorrufe. Wie unangenehm wäre das, jemandem zu unterstellen, er könne nicht für sich selbst sorgen und bräuchte meine Hilfe, wie anmassend von mir, irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen, nur weil Menschen irgendwie aussehen und Geld zählen.

Und gleichzeitig wie furchtbar, dass ich mich nicht traue, hinzugehen und zu fragen, weil mir zehn Euro auf dem Konto nichts ausmachen, anderen Menschen aber sehr dringend fehlen. Wie doof, dass ich zu feige bin, es wenigstens zu versuchen.

Der Mann zahlt an der Kasse vor mir, als ich hinter ihm rausgehe, sehe ich, wie er an der Bäckerei abbiegt, vielleicht der Weg zum Flüchtlingsheim, vielleicht einfach der Weg nach Hause. Vielleicht ist das hier eine Flüchtlingsgeschichte, vielleicht aber auch nur die Geschichte von jemandem, der zufällig zu wenig Geld in der Hosentasche hatte. In jedem Fall ist es die Geschichte von einer jungen Frau, die immer noch nicht weiß, wie man sich am besten verhält.

 

3

In Köln-Deutz warte ich darauf, dass die Leute aus dem ICE aussteigen. Ein Mann steigt heraus, auf dem Arm ein Junge, vielleicht acht Jahre oder zehn, eigentlich zu groß, um getragen zu werden, die Füße sind verbunden, beide Füße, vorne schauen die nackten Zehen hervor. Es ist November, und obwohl es für Novemberverhältnisse sehr warm ist, ist es doch ein bisschen zu kalt für halb nackte, halb verbundene Füße.

Der Mann greift hinter sich, und ich denke, aha, jetzt reicht ihm jemand den Rollstuhl nach draußen, aber es wird nur ein Trolley herausgereicht, ein kleiner Trolley, man würde eine Woche damit in Urlaub fahren, allein, vielleicht zwei, wenn man nur T-Shirts und kurze Hosen einpacken muss.

Mit der einen Hand zieht der Mann den Trolley, auf dem Arm hat er immer noch den Jungen mit den verbundenen Füßen und so geht er den Bahnsteig hinunter zum Ausgang. Und auch das ist vielleicht keine Flüchtlingsgeschichte, wer weiß das schon, aber es ist eine Geschichte aus Deutschland im Herbst 2015, als es auf einmal Flüchtlingsgeschichten gab. Überall und immer wieder und vor allem immer wieder ohne Vorwarnung.