Kategorie: Ich so

Gegensätze sind überschätzt

Es gibt ja so Leute, die behaupten, Gegensätze würden sich anziehen. Das mag für so einen initialen Begegnungsmoment stimmen, was längerfristige Beziehungen angeht, glaube ich ja fest daran, dass Gegensätze hier überhaupt nicht helfen. Bei meinem Mann und mir ist das insgesamt ganz passend, wir interessieren uns für ähnliche Dinge, mögen so ganz generell ähnliche Dinge und finden dann wiederum andere Dinge beide eher irrelevant. Das erleichtert den Alltag ungemein, ich schätze das wirklich sehr.

Es gibt aber im Detail ein paar, nun ja, Probleme sind es eigentlich nicht, eher Problemchen, die den Alltag unnötig verkomplizieren. So können wir uns zum Beispiel seit Jahren nicht auf ein Brot einigen, weil mein Mann immer exakt die Sorte Brot gerne mag, die ich nicht mag und umgekehrt. Letztens brachte er ein Brot vom Jugoslawen mit, also aus einem jugoslawischen Restaurant, wo er wohl manchmal zu Mittag isst und die sehr gutes Brot haben. Da hat er dann mal nachgefragt und durfte am nächsten Tag kommen und ein Brot kaufen. Dieses Brot ist anscheinend das perfekte Brot für uns, es ist quasi das erste Brot seit Jahren, das wir beide uneingeschränkt lecker finden. Allerdings gibt es das Brot jetzt gar nicht bei einer Bäckerei, sondern eben nur auf Anfrage im jugoslawischen Restaurant, wo man uns nicht verraten will, wo es herkommt und statt dessen behauptet, sie würden das selbst backen. (Wir zweifeln das ja an, aber vielleicht stimmt es ja auch.) Wir hätten jetzt also eigentlich theoretisch die Brotfrage geklärt, in der Praxis wissen wir nicht, wie bereitwillig sich der Jugoslawe als Bäckerei missbrauchen lässt.

Das gleiche gilt für Schokolade, nur ist das hier ein bisschen anders gelagert. Ich mag ja alles, was süß ist, mein Mann eher so das herbere Zeug. Er kauft also auch sowas wie Bitterschokolade, was ich ja für Kakaoverschwendung halte, es sei denn, man backt vielleicht gerade Kuchen oder so. Mein Mann kauft also gerne Schokolade, die ich nicht essen möchte. Manchmal kaufe ich dann zum Ausgleich Schokolade, die ich gerne essen möchte. Leider stellt sich dann raus, dass das zwar nicht die Schokolade ist, die er gekauft hätte, aber durchaus welche, die er jetzt, also quasi in der Not, wo doch nichts anderes da ist und weil sie nun mal so günstig auf dem Sofatisch liegt, durchaus auch probieren würde. Ausnahmsweise. Seine Marzipanschokolade hingegen darf er alleine essen, denn die möchte ich nicht.

Allerdings darf man hier auch die Vorteile nicht verschweigen. Bei gemischter Schokolade, wie man sie ja zum Beispiel in Pralinenpackungen vorfindet, ist es durchaus hilfreich, wenn man jemanden zur Verfügung hat, der den ganzen dunklen Kram wegfuttert, während man sich selber auf die Pralinen mit Nougatfüllung konzentrieren kann. Denn beide Alternativen, also Pralinen essen, die man eigentlich nicht mag oder Pralinen wegschmeißen, sind ja abzulehnen.

Bei Chips das gleiche Spiel, nur dass ich da nicht so empfindlich bin und ja fast alles außer Erdnussflips esse. Aber während ich ja eher die etwas würzigeren Varianten präferiere, möchte mein Mann lieber die möglichst ungewürzten, am besten nur gesalzen. Wir haben uns jetzt auf diese geriffelten Chips mit Salz geeinigt, die kommen mir immerhin von der Struktur her entgegen, weil man daran so schön rumknabbern kann. In Wahrheit möchte ich aber lieber Essigchips oder irgendwas mit Chili, aber da wird dann etwas enttäuscht geguckt, wenn ich die zu Hause anschleppe. Diese kleinen Frit-Sticks muss ich sowieso immer heimlich essen, was aber vor allem an der Verzehrgeschwindigkeit liegt. Ich esse die ja einzeln, während mein Mann sich mehrere gleichzeitig in den Mund schiebt, wie es, das sei fairerweise gesagt, vermutlich 95 Prozent aller Menschen tun würden. Da kann ich dann nicht hingucken, weil mich das nervös macht und ich mich gerade beim Chipsessen, einer ausgewiesenen Freizeitaktivität, nun wirklich nicht unter Druck setzen lassen möchte.

Wenn ich das aber so recht bedenke, scheinen sich unsere Gegensätze doch auf ein sehr überschaubares Feld zu beschränken. Es ist natürlich nicht das einzige Feld. Sagen wir so, es gibt in diesem Haushalt Menschen, die grundsätzlich überpünktlich sind und andere, die glauben, man könnte sich in fünf Minuten duschen, abtrocknen, anziehen und dann auch noch Schlüssel, Handy und Portemonnaie innerhalb von dreißig Sekunden finden, obwohl in Langzeitstudien eindrücklich bewiesen wurde, dass dem nicht so ist. Aber das ist eine andere Geschichte und wird vielleicht, möglicherweise, aber eventuell auch nicht, ein andermal erzählt werden.

Über die Angst

Ich habe heute aus Gründen über Angst nachgedacht. Einer der Gründe war ein Kommentar auf einem Blog, der zusammengefasst und damit vielleicht auch etwas aus dem Kontext genommen, aussagte, dass Angst ein wertvolles gesellschaftliches Gut sei, das weniger geächtet werden sollte.

Obwohl ich im konkreten Kontext des Kommentars sogar eher auf der Seite des Verfassers stand, würde ich dieser Aussage sehr vehement widersprechen. Ich würde sogar im weiteren Verlauf einen Blogeintrag über die Angst schreiben, was ich also ja gerade jetzt tue.

Mit der Angst verhält es sich meiner Ansicht nach so: Angst per se ist weder gut noch schlecht. Man sollte sie weder preisen noch ächten. Wie so oft kann man sagen: Es kommt halt drauf.

Das Thema Angst kommt in zwei wesentlichen Variationen daher. Es gibt das Angsthaben und das Angstmachen. Es gibt die individuelle Angst, die man hat und die gesellschaftliche Angst, die Menschen verkauft werden soll.

Die erste Variante ist durchaus zu achten und zu beachten. Angst zu haben ist menschlich und normal, im besten Fall bewahrt sie uns, dumme Sachen zu tun. Angst vor tiefen Abgründen zu haben, ist zum Beispiel eine ganz gute Sache, denn so fällt man nicht runter und stirbt. Angst vor großen Tieren mit scharfen Krallen und ebenso scharfen Zähnen zu haben, ist auch nicht grundsätzlich verkehrt, und bringt uns dazu, uns zu verstecken oder schnell wegzulaufen, damit wir nicht gefressen haben. Auch andere Ängste helfen uns dabei, weniger dumme und gefährliche Dinge zu tun.

Angst erfüllt auch einen anderen Nutzen, sie gibt uns die Chance, mutig zu sein. Wer keine Angst hat, muss sich auch nicht selbst überwinden, kann die Angst nicht besiegen und mit dieser Erfahrung eventuell zu einem weiseren Menschen werden. Ein prominentes Beispiel ist Peter von den drei Fragezeichen, der ja bekanntlich ein Angsthase ist, sich dann aber Mal um Mal zusammenreißt und Dinge tut, vor denen er sich fürchtet. Nur, wo Angst ist, ist auch Mut, denn etwas zu tun, das einen emotional kalt lässt, erfordert keine besondere Leistung. Der junge Mann aus dem Märchen, der auszieht, um das Fürchten zu lernen, ist auf der Suche nach einem Gefühl, das ihm fehlt.

Angst zu haben, zu äußern, zuzugeben, zu überwinden oder auch ihr klein beizugeben, ist also keineswegs schlecht oder verwerflich. Wir haben alle Dinge, vor denen wir Angst haben, und solange diese Angst uns in unserem Bewegungs- und Handlungsraum nicht übermäßig einschränkt, ist das auch kein Problem.

Dann gibt es aber noch die zweite Variante und die ist gefährlich. Es ist das Angstmachen, besonders das systematische Angstmachen, das eine Gesellschaft im schlimmsten Fall handlungsunfähig macht. Mit Angst hält man Menschen klein, damit sie exakt das tun, was man von ihnen möchte oder eben einfach gar nichts. Angstmacherei hat immer etwas mit der Einschränkung von Freiheit zu tun, mit der Furcht vor den Konsequenzen. Im besten Fall ist sie abstrakt und nicht fassbar, denn dann kann ich mich noch weniger dagegen wehren.

Am Flughafen lassen wir unsere Koffer durchleuchten, schütten Flüssigkeiten weg, laufen durch Ganzkörperscanner und ziehen Gürtel und Schuhe aus, weil irgendjemand der Meinung ist, das würde uns vor Terroranschlägen bewahren. Und jedes Mal, wenn dann doch etwas passiert, wird nicht überlegt, ob die bisherigen Methoden vielleicht einfach unsinnig sind und man nie alles überprüfen und absichern kann, sondern wir bauen noch eine weitere Sicherheitsstufe ein. Mit jeder Sicherheitsstufe sollen wir uns sicherer fühlen. Gleichzeitig geben wir unsere Freiheit ab. Ein fairer Tausch, eventuell. Ich weiß es nicht, ich kann es noch nicht mal beurteilen.

Über systematische von oben gesteuerte Angstmacherei kann man seit einigen Jahren besonders gut in der Science-Fiction-Literatur nachlesen und Science-Fiction gehört ja bekanntlich zu meinen präferierten Genres. Das bekannteste Beispiel sind wohl „The Hunger Games“ (bzw. auf Deutsch „Die Tribute von Panem“, wo die Menschen mit Restriktionen und der ständigen Bedrohung von Hunger und Tod kleingehalten werden, während die Elite in Saus und Braus lebt. Auch die „Divergent“-Reihe von Veronica Roth spielt in einer abgeschotteten Welt, in der die Menschen unwissend gehalten werden und sich möglichst nur damit beschäftigen sollen, nicht aus der Rolle zu fallen, denn wer aus der Rolle fällt, wird ausgestoßen.

In „Matched“ von Ally Condie bestimmt einfach die Gesellschaft, was man zu tun, wen man zu lieben, und was man zu lesen und zu hören hat. Schreiben ist verpönt und wird nicht gelehrt. Wer einen Brief schreiben will, darf sich diesen aus vorgefertigten Textbausteinen zusammenklicken, und dann abends in einen der 100 Filme im Kino ansehen, der nach einer sorgfältigen Auswahl nicht vernichtet wurde. Das Thema ist auch hier das gleiche, wer sich nicht anpasst, fliegt raus, wird verstoßen oder in schlimmeren Dystopie eben einfach getötet. In anderen Zukunfstvisionen wie die in „Super Sad True Love Story“ von Gary Shteyngart funktioniert das ganze etwas subtiler, aber nicht weniger effektiv. In einer Welt, wo alles transparent ist, wo ich jederzeit den „Fuckable“-Score meiner Mitmenschen erfahren und über ihre finanzielle Situation Bescheid weiß, sind die Ängste eben anders gelagert, aber nicht weniger schlimm. Auch hier gilt: Was, wenn ich aus der Reihe tanze? Nicht sexy genug bin? Nicht reich genug?

Natürlich reden wir hier von Fiktion. Doch über die Jahre habe ich gemerkt, wie weit und wie nah wir doch gleichzeitig von diesen Zukünften entfernt sind. Immer wieder passieren Dinge, werden Gesetze beraten oder gesellschaftliche Diskussionen geführt, die mir viel zu nah an irgendwas ist, was ich schon einmal gelesen und beim Lesen für nicht erstrebenswert empfunden habe. Wo ich eine Gänsehaut bekomme oder zumindest im Kopf die Alarmglocken angehen, weil irgendwas in mir sagt, dass das ein falscher Weg ist, der bei allen guten Intentionen, mit denen er gepflastert sein mag, eher wie der Weg in die Hölle aussieht

Angst, auch die individuelle Angst, die ich ja für nichts falsches halte, hemmt. Sie lähmt. Sie macht uns handlungsunfähig und sprachlos. Angst macht uns zu Egoisten, denn wo ich um mein eigenes Leben oder zumindest meine eigene Lebensgestaltung fürchten muss, da habe ich keine Zeit, mich um andere zu kümmern.

Angst ist dazu da, nicht in die Schlucht zu fallen und nicht mit dem Tiger spielen zu wollen. Angst ist aber auch dazu, sie zu überwinden und vor allem, sie überwinden zu können. Angst ist nicht dazu da, Individualität und Freiheit zu beschneiden. Mit meinen eigenen Ängsten muss ich lernen, umzugehen, ich muss lernen, welche ich besiegen kann und mit welchen ich mich arrangieren muss. Aber das sind meine eigenen Ängste, die ich selbst gemacht habe und die ich nach meinen Möglichkeiten hegen, pflegen und ablegen kann. Dazu brauche ich niemanden, der mir zusätzliche Ängsten aufdrückt, damit ich nicht auf dumme Ideen komme und nachher auch noch verlange, selber denken zu dürfen. In diesem Zusammenhang ist Angst immer schlecht, denn sie führt zu nichts außer Unsinn. Und deswegen sollte Angstmacherei immer, wirklich immer geächtet werden.

(In Wahrheit ist natürlich wieder alles komplizierter, aber so ist sie nun mal, die Welt. Immer ist alles kompliziert.)

[Werbelinks]
Suzanne Collins: The Hunger Games
Veronica Roth: Divergent
Ally Condie: Matched
Gary Shteyngart: Super Sad True Love Story

Podcasteigenwerbungsdingsi

Da ich mir ja altes neues (oder neues altes) Hobby aufgehalst habe und wieder podcaste, geht da natürlich auch Zeit drauf, die man anderweitig zum Beispiel ins Bloggen investieren könnte. Jetzt rede ich halt manchmal in meinem Arbeitszimmer anstatt brav einfach stumm zu schreiben. Manchmal rede ich sogar MIT anderen Leuten.

In der letzten Zeit habe ich zum Beispiel wieder mit Charlotte über die aktuelle BRAVO und die BRAVO GiRL! (Ja, so schreibt man das!) geredet. Den Podcast mit dem schönen Titel „Schokolade in der Kopfhörerbuchse“ kann man sich hier anhören.

Gestern habe ich wieder alleine über interessante neu gelernte Dinge erzählt, und was man über Bücher, Chips, Bienen und Sprachlerndingsis noch so wissen kann, kann man hier nachhören.

Außerdem war Stefan vom Homestorys-Podcast wieder zu Gast bei mir und musste sich eine knappe Dreiviertelstunde lang eine Schwärmereitirade über unsere neue Wohnung anhören. Aber es ging zwischenzeitlich auch um introvertierte Dackel.

Aber demnächst schreib ich auch wieder. Versprochen.

Die Sache mit der Kolumne und der Wired

Ich schreibe ja seit letzten Jahr zusammen mit Kathrin Passig eine Kolumne für die deutsche Wired. Tatsächlich kam das so überraschend und hat mich gleichermaßen erfreut wie emotional überfordert, so dass ich ganz vergaß, die ganze Zeit ununterbrochen darüber zu reden. Andere Leute nennen das vermutlich Professionalität oder so.

Die Kolumnen erscheinen jeden Monat in der Wired. Auf einer Seite erklären wir irgendwas mit Programmierung und Softwareentwicklung, das uns selber so sehr interessiert, dass wir es auch gerne anderen Menschen mitteilen wollen.

Zwei Eine dieser Kolumnen haben hat sich durch die Wired-Paywall geknabbert und sind ist auch für Nicht-Abonnenten frei verfügbar. In der ersten haben wir darüber geschrieben, warum man sich als Programmierneuling bloß keine Profiprogrammierer als Berater anlachen sollte. In einer der neueren Kolumnen ging es dann um Gummienten und was das mit Problemlösungen zu tun hat.

Ich wünsche viel Vergnügen und vielleicht sogar ein bisschen Erkenntnisgewinn.

(Update: In einem kurzen Zeitfenster waren mal zwei Kolumnen frei verfügbar. Das scheint jetzt nicht mehr der Fall zu sein und man kann eben doch nur noch die erste Kolumne lesen. Ich hab mir das nicht so ausgedacht.)

Hurra! Hurra! Der BRAVO-Podcast ist da!

Endlich ist er da! Ich habe mir meinen lang gehegten Traum erfüllt und den ersten BRAVO-Podcast zusammen mit Charlotte aufgenommen. Wir haben die aktuelle BRAVO gelesen und knapp anderthalb Stunden darüber geredet. Es hat sehr viel Spaß gemacht, eine Fortsetzung ist quasi garantiert. Zusammenfassend lässt sich sagen: Früher waren mehr Buchstaben. Und weniger YouTuber.

Aber hört selber, hier geht’s entlang zur aktuellen Folge des Abendbrot-Podcasts.

Jetzt redet sie auch noch!

Weil ich ja nicht genug Projekte habe, bei denen ich allesamt regelmäßig „Ich müsste mal wieder…“ denke, habe ich jetzt eben wieder mit dem Podcasten angefangen.

Das Ergebnis der ersten Versuche meines Podcastes mit dem wunderschönen Namen „Abendbrot Podcast“ kann man auf dem gleichnamigen Blog bewundern. Mittlerweile gibt es auch Feeds und irgendwann demnächst findet man dieses neue Produkt aus dem Hause Schüßler dann auch bei iTunes.

In den ersten Folgen erzähle ich immer drei Dinge, die ich in den letzten Tagen gelernt habe, es gibt aber noch weitere Ideen, bei denen ich dann auch mit anderen Menschen reden möchte. Aber davon erzähle ich dann, wenn es auch irgendwas vorzuweisen gibt.

Ich hab euch etwas von der re:publica mitgebracht

Letzte Woche war ja re:publica. Ich war auch da und wenn ich nicht gerade mit Menschen geredet oder rumgesessen habe, habe ich mir andere Menschen angehört oder stand selbst auf irgendeiner Bühne.

Meine eigener Vortrag „Ceci n’est pas un tweet“ wurde leider nicht per Video aufgezeichnet. Es gibt aber eine Audioaufzeichnung und ich habe die Präsentation auf Slideshare hochgeladen. Man könnte sicher mit viel Mühe versuchen, beides zu synchronisieren, leider merkt man vermutlich aber nicht immer, wann ich zur nächsten Folie weiterklicke. Alternativ kann man warten, bis ich rausgefunden habe, wie man eine Tonspur mit einer Präsentation zu einem Video zusammenbastelt, aber das könnte dauern.

Besser wurde das beim Gemeinschaftsvortrag vom Techniktagebuch, der nicht nur unglaublich toll war, was die Beteiligten vermutlich am meisten begeistert hat, weil wir ja außer „Wer bringt was mit?“ und „Wer erzählt wann?“ eigentlich gar nichts großartig abgesprochen hatten. Oder, wie Kathrin Passig später sagte: „Ich hatte ja keine Ahnung, dass ihr alle solche Rampensäue seid.“

„Wir hatten ja nix – und das haben wir mitgebracht. Das kleine Technikmuseum“ gibt es also auf YouTube, wo man es sich in seiner ganzen Schönheit angucken kann.

Und dann habe ich noch Bilder gemacht, die auf Flickr rumliegen. Auch die kann man sich angucken.

Mehr gibt’s nicht. Das muss aber auch reichen.

Über mäßig ungewöhnliche Leseorte und falsche Geschlechterklischees

Vorsicht: Dieser Artikel fällt für ganz empfindliche Leute möglicherweise in die Kategorie TMI (too much information). Es passiert aber de facto nichts Schlimmes und auch nichts Ekliges.

Gestern Abend hörte ich mal wieder mit großer Freude den Lila Podcast von Katrin Rönicke und Susanne Klingner und wurde bei einer Äußerung in großes Erstaunen versetzt.

Katrin berichtete von einer Diskussionsrunde auf dem taz.lab, bei der die sagenhafte These in den Raum gestellt wurde, dass es bei Frauen und Männern ja nun schon prinzipiell Unterschiede gebe, weil zum Beispiel nun Männer sich etwas zu Lesen mit aufs Klo nähmen und Frauen nicht. (Hier zu finden ab Minute 7 ungefähr.)

Vor Schreck über so diese Behauptung fiel ich fast aus dem Bett.

Ich lese auf dem Klo, seit ich noch gar nicht lesen konnte. Auf unserer Toilette lag stets griffbereit eine Auswahl sinnvoller Lektüre, die regelmäßig ausgetauscht wurde, damit es auch nicht langweilig wurde. Vermutlich habe ich so jedes Asterixheft mindestens einmal komplett auf dem Klo gelesen. Später kamen Lustige Taschenbücher dazu und auch sonst alles, was man halt lesen konnte. Die Calvin-und-Hobbes-Hefte, die ich im Teenageralter zur allgemeinen Freude aller im Haushalt lebenden Personen, anschaffte, haben es entsprechend nie aus der Wohnung meiner Eltern geschafft. Wobei, ein Heft hat es tatsächlich aus der Wohnung meiner Eltern geschafft und liegt jetzt griffbereit im Flurschränkchen ihrer Zweitwohnung in Berlin, direkt neben der Badezimmertür.

Es ist mir unverständlich, wie man auf Toilette gehen kann, ohne sich vorher um Lesestoff bemüht zu haben. Was macht man dann da, auf die Kacheln starren? Ein Liedchen summen? Oder lesen die Menschen, die behaupten, sie würden auf Toilette nicht lesen eben doch, nur eben dann die Rückseiten von Tamponpackungen oder Shampoos? Ich hingegen renne regelmäßig panisch durch die Wohnung, weil ich zwar dringend mal muss, aber erstmal etwas zu lesen suchen muss. Etwas grotesk erscheint mir immer die Situation, wenn ich auf der Toilette sitzend Kochzeitschriften lese, aber dann denke ich über die Schönheit des ewigen Verdauungskreislaufes nach und finde es dann fast wieder passend.

Als ich heute auf Twitter kurz von dieser Behauptung schrieb, gab es natürlich auch direkt Nachfragen, die ich auch gerne noch aufgreife. Ja, Handy und Tablets zählen auch als Lesestoff. Erweitert man das ganze, akzeptiere ich selbstverständlich auch jegliche Art tragbarer Spielekonsolen, Hauptsache, man hat etwas, mit dem man sich beschäftigt und das einen vom Kachelzählen abhält. Auch das Hören von Podcasts, Hörbüchern und Hörspielen ist eine schöne Beschäftigung, während man erledigt, was halt gerade erledigt werden muss. Ich bin da nicht kleinlich, mir wird nur sehr schnell langweilig und weil ich erkannt habe, dass meine Zeit begrenzt und die Auswahl an interessanten Sachen unendlich ist, sehe ich gar keine andere Möglichkeit, auch die Zeit auf Toilette irgendwie sinnvoll zu nutzen.

Tatsächlich habe ich keine Zahlen über das Auf-Klo-Leseverhalten von Männlein und Weiblein. Bei uns zu Hause lag die Quote der lesenden Personen bei hundert Prozent, zwei von drei Leuten,  die ich in dieser Langzeitstudie (1980 bis 2000) beobachtet habe, waren weiblich. In einer weiteren Langzeitstudie (2002 bis 2015 und andauernd) habe ich das Klolektüreverhalten dieses Haushalts beobachtet und konnte feststellen, dass auch hier hundert Prozent der hier lebenden Personen auf Toilette lesen. Es sind allerdings nur zwei, eine davon weiblich (ich) und eine männlich.

In meinem Leben gab es bislang noch keine brauchbare Alternative zur Klolektüre. Lesen auf Toilette scheint mir der einzig gangbare Weg. Allerdings weiß ich tatsächlich nichts über das Verhalten anderer Menschen, also solcher, mit denen ich weder verwandt noch verheiratet bin. Das kann man aber natürlich ändern. Ich rufe also dazu auf, sich als Kloleser zu outen oder natürlich nicht, je nachdem, was man halt da so macht. Und alle Nicht-auf-dem-Klo-Leser dürfen auch gleich die Frage beantworten, was man denn ansonsten bitte schön da tut. Das würde mich nämlich auch sehr interessieren. Bitte sehr, die Kommentare sind eröffnet, nur zu!

Wider den Minimalismus

Minimalismus ist ja voll im Trend. Möglichst wenig, möglichst spartanisch, kein Besitz mehr, nur das Nötigste, schon wegen des nächsten Umzugs irgendwann oder weil Kapitalismus out ist, die Wohnung zu klein. Bücher liest man nur einmal, DVDs guckt man nur einmal, im Kleiderschrank hängt alles mögliche, was man eh nicht anzieht, keine Rumstehchen auf der Kommode, am besten gar keine Kommode, wozu auch, man hat ja kein Zeugs mehr, nur ein Sofa und einen Fernsehen. Nein, auch keinen Fernsehen, das geht auch mit dem Laptop.

Leute packen ihr gesamtes Hab und Gut in ein Lager, ziehen sich nackt aus und holen sich täglich eine Sache heraus, bis sie die wichtigsten Dinge wieder zu Hause haben. Alles andere ist unwichtig, braucht man nicht. Andere führen ein Wegschmeiß-und-Verschenk-Tagebuch im Netz, bei dem man täglich lesen kann, was sie heute endgültig und für immer und ewig aus dem Haushalt verbannt haben. Nicht an dem alten Kram hängen, sagen sie. Wozu die Muschel vom Strand von Sylt, ich kann mich auch ohne Muschel daran erinnern. Überall kann man die ultimativen Tipps und Tricks für den Weg zum Minimalisten lesen: Alles in eine Kiste packen und wenn man es nicht innerhalb eines Jahres herausgeholt hat, braucht man es wohl nicht. In der Küche muss eine gute Pfanne reichen und im Arbeitszimmer stehen die fünf wichtigsten Bücher, na gut, lass es zehn Bücher sein. Mehr braucht kein Mensch.

Pfannen

 

Ich aber sage: Doch. Der Mensch braucht mehr. Zumindest dieser Mensch hier braucht mehr. Ich habe lang genug bewundernd auf diese Menschen geschaut und beeindruckt von ihren Minimalismusabenteuern gelesen, habe das Thema in meinem Kopf hin und her gedreht und bin zu dem überraschenden Schluss gekommen: Ich möchte das nicht.

Ich möchte euren Minimalismus nicht. Ich mag mein Zeug, ich mag meine angesammelten Besitztümern, ich mag sie um mich herum haben, ich gucke sie gerne an, ich freue mich darüber. Nicht, weil ich so stolz bin, dass mir so viel gehört, sondern, weil sie Teil meiner Geschichte sind. Die Bücher um mich herum habe ich – na ja, zum größten Teil – gelesen. Sie waren mit mir in Urlaub, sind mit mir Bahn gefahren, lagen mit mir im Bett und auf dem Sofa. Meine Bilder sind teilweise schon mehrfach mit uns umgezogen. Der Reiskocher hat schon alle möglichen Phasen von Sushi bis Germknödel mitgemacht. Meine ersten CDs habe ich als Teenager gekauft und in meinem Kinderzimmer rauf- und runtergehört, während ich die Texte aus dem Booklet auswendig lernte. Die Tasse auf meinem Schreibtisch, in dem meine Stifte stehen, hat mein bester Freund aus New York mitgebracht.

Ich bin kein Messi. Unsere Wohnung ist üblicherweise halbwegs aufgeräumt und nicht vollgerümpelt. Wir werden sie auch nicht vollrümpeln. Ich will auch nicht, dass Leute mir was zum Hinstellen schenken oder nur dann, wenn ich auch sagen darf: „Danke, voll nett von dir, finde ich aber nicht so schön, dass ich es mir in die Wohnung stellen will, nimmst du das wieder mit?“  Ich habe einen Amazon-Wunschzettel und man kann mir jederzeit Dinge schenken, die man essen oder trinken kann, da muss man nicht noch übermäßig kreativ werden. Der größte Teil unserer Bücher, Klaviernoten, DVDs und Gesellschaftsspiele ist nach wie vor in 40 Kisten gepackt in einem Lagerraum, weil wir gar nicht wüssten, wohin damit. Aber wegschmeißen? Dazu steckt zu viel Liebe zu den Dingen in den Kisten, zu viel Interesse an diversen Themen, zu viel Zeit, die wir uns mit Sachen beschäftigt haben. Aussortieren ja, müsste man mal machen, sicher brauchen wir nicht alles davon, aber das meisten eben, das meiste brauchen wir doch. Nicht zum Überleben, aber zum Leben.

Brautstrauß

 

Dazu kommt: Ich mag das Zeug anderer Leute. Ich mag sehen, womit sie sich umgeben, was sie interessiert und interessiert hat, was ihnen wichtig ist und was sie in ihrem Leben angesammelt haben. Nichts ist langweiliger als ein Zimmer, in dem nur Möbel stehen, was soll das? Wer will denn so leben? Natürlich, das hat Vorteile: Man muss weniger putzen, weniger aufräumen, beim nächsten Umzug weniger schleppen, es ist immer automatisch ordentlich, man braucht kein zweites Regal, wenn das erste doch überraschend voll ist.

Nicht falsch verstehen, auch ich schmeiße Dinge weg, und spüre dabei eine gewisse Befriedigung. Bei dem letzten Umzug von Düsseldorf nach Essen haben wir mehrere Fuhren mit Müll zur Müllkippe gebracht und mit Freuden in Container geworfen. Ich überlege nur genauer, was ich wegwerfe. Im Zweifel fürs Behalten. Auf einer gewissen Ebene kann ich die Faszination des Wegwerfens nachvollziehen, aber es lässt sich eben nicht mit dem Glücksgefühl vergleichen, das sich einstellt, wenn ich in mein Bücherregal gucke. Das Bilderbuch von Dr. Seuss, das ich 1999 in New York gekauft habe oder das Buch über Seeotter, das ich 2009 in Monterey im Aquarium gekauft habe, oder die Lustigen Taschenbücher, die stellvertretend für die riesige Sammlung von Lustigen Taschenbüchern im Regal stehen, die Sammlung, die ich in einem Dingeloswerdwahn mit 16 oder 17 Jahren an den Sohn unseres Nachbarn verkaufte, viel zu billig und vor allem viel zu leichtsinnig. Was würde ich dafür geben, diese Sammlung wiederzuhaben. Ebenso wie meine Tagebücher (verbrannt, Teenager machen sowas), meine alten BRAVOs und die Briefe meiner Brieffreundinnen aus aller Welt (weggeschmissen, als Teenager denkt man, das würde einen nie wieder interessieren). Meinen Game Boy, WARUM ZUR HÖLLE HABE ICH MEINEN GAME BOY NICHT MEHR UND WAS HABE ICH DAMIT GEMACHT!?

Seuss

 

Überhaupt Nostalgie. Ja klar, wir alle werden im Netz eine Millionmilliarde Spuren hinterlassen. Wir sind ein Traum für die zukünftigen Generationen von Volkskundlern, es wird nie wieder Klagen darüber geben, dass es keine Primärquellen über das Leben der Menschen Anfang des Jahrtausends gibt. Wir hingegen saßen als Kinder bei den Großeltern, hielten vorsichtig die alten Schulbücher (Wie sonst habt ihr denn geglaubt lernte ich Sütterlin lesen?) in der Hand, blätterten immer und immer wieder durch die alten Fotoalben und standen ehrfürchtig vor dem Klappaltar, der kurz vor Weihnachten für ein paar Wochen zugeklappt wurde. Das alles wollen wir unseren Kinden und Enkeln vorenthalten. Sollen die doch unsere Facebookhistorie durchscrollen, wenn sie mehr über uns wissen wollen, zum Anfassen und Begucken gibt’s nichts mehr!

Dazu kommt, dass ich bereits zwei Behauptungen der Minimalismusbefürworter als für mich nicht tauglich enttarnt habe. Die meisten Dinge, so wird gesagt, würde man nie mehr vermissen. Ha! Unfug, sage ich. Ich vermisse regelmäßig Dinge, die ich weggeworfen oder nur sehr ungünstig verlegt habe, ich vermisse sogar die Dinge, die im Lager ihr Dasein fristen, ich hätte sie lieber bei mir. Ich würde sie gerne angucken, aus dem Regal holen, anfassen. Auch die Behauptung, was man ein Jahr nicht gebraucht hätte, würde man nie wieder brauchen, habe ich bereits als Humbug entlarvt. Ich finde zum Beispiel regelmäßig Kleider in meinem Kleiderschrank, die ich schon fast vergessen hatte und die ich dann mit Begeisterung wieder trage. Manchmal gehen Dinge kaputt, dann muss man sie wegschmeißen. Manchmal weiß man mit großer Sicherheit, dass man ein Ding nie wieder brauchen wird, dann kann man es auch wegschmeißen, verkaufen oder verschenken. Manchmal muss das Regal etwas leerer werden, manchmal werden alte Dinge durch neue Dinge ersetzt.

Aber dieser Hundert-Dinge-Minimalismus, das Reduzieren aufs Nötigste, der Wunsch nach Klarheit und das Streben nach Nichtbesitz, das ist nichts für mich. So bin ich nicht gemacht. Aber alle anderen dürfen natürlich weiter wegschmeißen und reduzieren, da stehe ich nicht im Weg. Irgendwann stehen dann alle in meiner Wohnung, mit großen Augen, wie in einem Museum und befingern vorsichtig Dinge.

Humidor

 

„Und was ist das?“ werdet ihr fragen.

„Ein Humidor“, werde ich antworten. „Für Zigarren. Haben wir geschenkt bekommen.“

„Darf ich mal aufmachen?“ werdet ihr fragen.

„Ist nix drin“, werde ich lächelnd sagen. „Aber so schön, guck mal, streichel mal drüber. Haben wir schon seit zwanzig Jahren.“

Und dann werdet ihr zum nächsten Ausstellungsstück gehen und ehrfürchtig meine Asterixsammlung begutachten.

„Fast komplett“, werde ich sagen. „Bis Band 26. Danach wurd’s doof. Und wenn ihr Band 10 sucht, der liegt gerade auf der Toilette. Damit man was zum Lesen hat.“

Das wird toll.