Die Hundeflüsterin

Ich bin keine Hundeflüsterin, aber ich kann gut mit Hunden. Also, den meisten Hunden. Sogar Emil, der introvertierte Dackel der Architektin in unserem Haus kam letztens kurz an, um an meiner Hand zu schnüffeln, dampfte dann aber schnell wieder ab.

Gestern stand ich in der S-Bahn im Türbereich, gegenüber ein wirklich extrem niedlicher, offensichtlich noch recht junger Hund, der etwas schüchtern, aber doch neugierig ankam, und meine Hose intensiv beschnupperte.

„Haben Sie auch einen Hund?“ fragte die Hundebesitzerin.

„Nein.“

„Katzen?“

„Nö.“

„Hm.“ Sie guckte noch mal auf den Hund. „Eigentlich ist sie sonst sehr schüchtern und macht sowas nicht.“

„Die merken halt, wenn man sie mag“, sagte ich.

Dann kam meine Haltestelle und ich musste aussteigen.


Das erinnerte mich an eines meiner größten Hundekomplimente, das ich je bekommen habe, nämlich in einer Agentur in Wien, in der es mindestens vier Bürohunde gab. Zwei liefen durch die Gegend, einen sah ich gerade auf dem Weg zur Mittagsgassirunde und dann lag da noch einer unter dem Schreibtisch einer Mitarbeiterin.

Der Hund guckte mich an, ich guckte den Hund an, der Hund legte den Kopf schief, stand auf und trottete zu mir herüber.

Etwas irritiert stand die Hundebesitzerin auf und kam hinterher.

„Das… äh… der geht sonst nicht zu Fremden“, sagte sie verwundert, während ich den Hund kraulte.

Das wird schon irgendeinen Grund haben, dass ich einen Hund will, seit ich denken kann.

(Mit Katzen kann ich aber übrigens auch.)

Wie ich lernte, nicht mehr immer selber einzukaufen

Ein Thema, das das Internet (oder zumindest mein Internet) aktuell beschäftigt, ist der Spülsexismus. Ausgehend von dem Comic „You Should’ve Asked“ von Emma, die auch den schönen Begriff mental load erklärt, habe ich mehrere Artikel gelesen, die das Problem der Arbeitsteilung im Haushalt angingen. Es geht hier im Wesentlichen um die Frage, wie selbstverständlich wer in welchem Maße was tut und eben auch darum, ob klassische Hausarbeit immer noch hauptsächlich von Frauen erledigt wird.

Ich finde dieses Thema sehr spannend. Grundsätzlich habe ich mit meinem Mann Glück gehabt und würde behaupten, dass bei uns die Arbeit prinzipiell gerecht aufgeteilt ist. Wir haben auch keine Kinder, was vieles vereinfacht. Aber ich habe auch in den letzten Jahren gelernt, bei bestimmten Sachen loszulassen und Aufgaben abzugeben und dafür andere Dinge öfter zu übernehmen. Dieser Prozess ist überraschend schwierig, denn man muss auf einmal damit klarkommen, dass nicht alles genauso gemacht wird, wie man es selber machen würde. Hat man diesen Schock aber einmal überwunden, setzt die Phase der Erleichterung ein, aber dazu kommen wir später noch.

Was mich an vielen Beiträgen zu diesem Thema stört ist, dass sich alle einig sind, dass es so nicht gut ist und dass man auch relativ sicher ist, dass es nicht reicht zu diskutieren, allerdings konkrete Lösungsansätze fehlen. So dreht man sich dann im Kreis der Problembestätigung und kann so sicherlich auch ein paar Jahre weitermachen, nur ist damit natürlich auch niemandem geholfen. Deshalb an dieser Stelle ein paar Erfahrungen und Hinweise, wie man vielleicht doch ein paar Schritte vorwärts kommt.

 

Das Wort „Helfen“ verbannen

Der erste Schritt besteht darin, dass Wort helfen in Bezug auf Alltagsaufgaben aus dem Wortschatz zu verbannen. Nein, der Partner „hilft“ einem nicht, er erledigt seinen Teil der Aufgaben.

Natürlich gibt es durchaus auch Situationen, wo das Wort angebracht ist, aber eben für sehr konkrete Bitten, vor allem, wenn es um Dinge geht, die man wirklich nicht alleine erledigen kann, das schwere Paket die Treppe hochtragen zum Beispiel oder das Brett festhalten, während der andere eine Schraube reindreht.

Ansonsten wird ab sofort nicht mehr geholfen, nicht mehr beim Spülen, nicht beim Putzen, nicht beim Aufräumen, nicht bei der Wäsche, nicht beim Kinder-ins-Bett-bringen und auch sonst bei keiner Alltagsaufgabe.

Vor kurzem geisterte ein englischer Facebookbeitrag eines Mannes durch meine Timeline, der sinngemäß (ich finde den Beitrag leider nicht mehr, für Hinweise bin ich dankbar) sagte: Ich helfe meiner Frau nicht. Das ist zu fünfzig Prozent meine Wohnung und mein Haushalt, also ist es auch zu fünfzig Prozent meine Verantwortung.

 

Menschen sind unterschiedlich

Ich putze nicht. So. Jetzt ist es raus.

Ich putze nicht, weil ich einen Partner habe, der ein anderes Sauberkeitsbedürfnis hat und in der Zeit, die ich brauche, um etwas als dreckig wahrzunehmen, schon drei Mal drüber gewischt hat. Das war lange Zeit ein großes Konfliktthema, denn für ihn existierte ein Problem, das in meiner Welt nicht existierte. Für ihn existierten sogar zwei Probleme, nämlich erstens, dass es dauernd dreckig war und zweitens, dass ich mich irgendwie nicht dafür interessierte. Es hat überraschend lange gedauert, bis wir verstanden habe, warum wir uns nicht verstanden haben.

Für ihn war es vollkommen unverständlich, dass ich den Dreck nicht wahrnehmen würde und für mich war es unverständlich, dass er dauernd unzufrieden war, obwohl die Wohnung doch sauber war. Es hilft dann tatsächlich, darüber zu sprechen, allerdings am besten in einer Situation, wo nicht eine Person gerade wieder genervt ist, weil sie etwas tun musste, was der andere doch auch hätte machen können. Das Geheimnis ist: Der andere hat es einfach nicht als zu behebenden Missstand wahrgenommen. Nicht aus Bosheit, noch nicht mal aus Faulheit oder in der Gewissheit, dass der andere es schon erledigen würde, sondern einfach, weil er oder sie es nicht wahrgenommen hat.

Beziehungsarbeit ist eben auch, die Bedürfnisse des Partners kennenzulernen und zu respektieren. Was einen selber stört, empfinden andere nicht als störend, dafür sind sie furchtbar von Dingen genervt, die einem selber komplett egal sind. Es ist dann auch vollkommen unerheblich, ob man die Bedürfnisse des anderen nachvollziehen kann, man muss sie nur verstehen und respektieren und in seinen eigenen alltäglichen Handlungen berücksichtigen.

Ich weiß jetzt, dass meinen Mann die Krümel auf dem Tisch nerven, deswegen wische ich einmal drüber, obwohl ich selber auch mit einem ungewischten Tisch prima klarkommen würde. Dafür achtet er darauf, dass das Besteck zusammenpasst, wenn er den Tisch deckt, weil ich sonst noch mal in die Küche laufen und neues Besteck holen muss.

 

Einfach mal nicht machen

Eine einfache Lösung, die aber oft nicht gesehen wird ist, Dinge einfach nicht mehr zu tun. Das ist auch zugegebenermaßen nicht so einfach, wie es am Anfang klingt, denn je nach charakterlicher Disposition muss man so ein Nichtstun auch aushalten können. Man kann zum Beispiel im Kleinen anfangen und einfach mal nicht die leere Toilettenpapierrolle wegschmeißen und eine neue dranhängen. Das ist eine einfache Übung, um erst mal zu gucken, was passiert, wenn man etwas nicht tut. Im nächsten Schritt räumt man halt nicht die liegengebliebenen Klamotten vom Boden auf und schmeißt sie in den Wäschekorb. Oder – wenn man noch ausreichend saubere Kleidung hat – man wäscht halt mal einfach nicht. Oder eben: Man kauft halt mal nicht ein.

Was man nicht tun kann und was sich für diese Übung doch nicht so gut eignet, ist individuell und hängt auch von den Lebensumständen ab. Man kann die Konsequenzen vorher Gott sei Dank grob abschätzen. Wenn man nicht einkauft, muss man sich an den Vorräten bedienen, hungern, Pizza bestellen oder auswärts essen. Das klappt deutlich besser, wenn man keine Kinder hat (wobei die das mit der Pizza vielleicht gar nicht so schlimm fänden). Wenn man die Wäsche nicht wäscht, sind irgendwann keine sauberen Unterhosen mehr da. Im besten Fall ist der eigene Unterhosenvorrat größer, so dass der Partner schneller den Leidensdruck der nicht gewaschenen Wäsche zu spüren bekommt. Auch in dem Fall funktioniert es vermutlich besser, wenn man keine Kinder hat und es nur darum geht, ob der Partner mit einem hässlichen Hemd und Koalabärsocken ins Büro muss.

Dinge nicht zu tun ist anstrengend, gerade, wenn man sie vielleicht gar nicht so ungern macht, es wenig Aufwand wäre oder man eben selber unter den Konsequenzen leidet. Gerade deswegen ist diese Lösung so unbeliebt. Im schlimmsten Fall hat man einen Partner, den die Unordnung tatsächlich nicht stört und genug Geld, um jeden Abend Pizza zu bestellen, dann setzt auch der erwünschte Lerneffekt nicht ein und man muss sich etwas anderes überlegen. Im Normalfall stört es den anderen aber schon, lediglich die Leidensdruckschwelle ist etwas anders justiert.

Es hilft übrigens, wenn man selber ausreichend faul ist und einem das Nichtstun nur in seiner Konsequenz, aber nicht so sehr als Handlung per se stört. Man darf sogar schummeln und die eigenen Unterhosen waschen oder nur genau die Sachen einkaufen, die man selber mag. Das eigentliche Ziel der Übung ist, dass der andere selber auf die Idee kommt, etwas zu erledigen und es eben genau nicht gesagt bekommen muss.

In dem Artikel „Spülsexismus oder: Der sieht das einfach nicht“ von Mareike Döring heißt es:

Letztlich entsteht hierdurch aber auch ein Machtungleichgewicht. Wenn man sich mit Frauen* über das Zusammenleben mit Männern* unterhält, hört man nicht selten einen bestimmten Satz: «Der sieht das einfach nicht». Das ist nicht unbedingt als Anschuldigung gemeint, sondern eher der Ausdruck von Frust, der entsteht wenn jemand eine Woche lang über einen vollen Müllsack im Flur steigen kann. Im Grunde gibt es dann nur zwei Wege: 1. Man macht es eben doch selbst (auch wenn man sich vorgenommen hat es diesmal nicht zu tun) oder 2. Man weist darauf hin. Aber in beiden Fällen liegt die Verantwortung bei der aktiven und die Macht bei der passiven Partei.

Ich möchte hier noch einen dritten Weg vorschlagen: Den Müllsack stehen lassen, bis sich die Nachbarn beschweren. Das klappt auch nicht immer und kommt ein bisschen auf die eigene Geruchsempfindlichkeit und die Nachbarn an, aber der Weg existiert. Bei welchen konkreten Anlässen man ihn beschreitet und ob er immer zum Ziel führt, ist eine andere Frage.

 

Nicht verbessern

Hier kommt die zweite Durchhalteprüfung: Wenn der Partner tatsächlich Aufgaben erledigt, die vorher in den eigenen Zuständigkeitsbereich fielen, darf man nicht als großer Experte auftreten und zeigen, wie es richtig geht. Ich kann es nur aus eigener Erfahrung sagen. Da steht man nämlich gerade tapfer und eifrig dabei und tut etwas, was man vorher noch nie oder nur sehr selten gemacht, versucht ernsthaft sein Bestes und bekommt erstmal ein „Du machst es ja ganz falsch. Guck mal, wenn du es so machst wie ich, dann…“ zu hören.

Ich bin eine erwachsene, insgesamt sehr ausgeglichene Frau mit durchschnittlichem Geduldsfaden, aber auch bei mir dauert es dann ein niedrige Sekundenzahl, bis ich „Dann mach die Scheiße doch selber, wenn du es eh besser kannst!“ rufe und erbost Dinge auf den Boden werfe. Für die meisten Haushaltsaufgaben gilt sowieso: Es gibt meistens gar kein richtig und falsch, es gibt nur ein anders. Weil man aber etwas jahrelang alleine auf eine bestimmte Art erledigt hat, unterliegt man dem Irrglauben, das wäre die einzig richtige Art es zu tun.

Man kann die Wäsche anders aufhängen, die Spülmaschine anders einräumen und im Supermarkt andere Dinge kaufen. Man kann das Wohnzimmer von links nach rechts oder von vorne nach hinten saugen und die Papierstapel im Arbeitszimmer nach unterschiedlichen Kriterien sortieren. Natürlich gibt es auch richtig und falsch, aber darum geht es beim Korrigieren meistens nicht. So gerne wir möchten, dass der andere dies oder das auch mal erledigt, so schwer fällt es uns, zuzusehen, wie er oder sie die Arbeit völlig anders angeht. Auch hier kann man erstmal nur aushalten, etwas verzweifelt die Hände wringen, aber um Gottes Willen nichts sagen, es sei denn, man sieht, dass der Wollpullover in der 60-Grad-Wäsche landet oder das nicht spülmaschinenfeste Geschirr von Oma in die Spülmaschine geräumt wird. Dann, und nur dann, darf man etwas sagen.

Sobald sich die neue, schönere, bessere und gerechtere Aufteilung etwas gefestigt hat, darf man übrigens auch was sagen. Sollte die eigene Arbeitsweise nämlich tatsächlich besser sein, wird der Partner die guten Hinweise auch als solche einschätzen können und wenn nicht, ist es sein eigenes Problem.

Bei mir war es vor allem das Einkaufen, das ich schlecht abgeben konnte. Als auszuführende Aufgabe schon, aber am liebsten mit dem exakt gleichen Ergebnis, dass auch bei mir rausgekommen wäre. Ich habe gelernt: Mein Mann kauft andere Dinge ein als ich, aber man kann sie genauso gut essen und verbrauchen. Wenn man das einmal verstanden hat, ist man sogar doppelt erleichtert. Man hat nämlich nicht nur das Einkaufen abgeben, sondern auch die Entscheidung, was gegessen wird. Natürlich sprechen wir uns auch ab, ob es konkrete Wünsche gibt, was fehlt und was noch besorgt werden muss, aber ich habe gelernt, dass ich auch „Kauf einfach, was du meinst“ sagen kann und mein Leben dadurch nicht schlechter wird.

Warum gut gemeinte Ratschläge auch in anderen Bereichen kontraproduktiv sein können, darüber haben Kathrin Passig und ich auch schon in der Wired geschrieben.

 

Automatismen und Pläne

Menschen und ihre Bedürfnisse können sich ändern, aber man kann nicht jede erwünschte Veränderung erzwingen. Ich nehme zum Beispiel Schmutz immer noch nicht so wahr, wie mein Mann es tut. Aber ich wische jetzt einfach grundsätzlich Tische und Oberflächen nach dem Kochen und Essen ab. Ich habe Automatismen entwickelt und mache jetzt Dinge, die ich vorher nicht gemacht habe, einfach in bestimmten Situationen.

Wenn Sensibilisierung nicht klappt, dann tun es auch Automatismen und Pläne, an die man sich halten kann. Dann wird eben nach dem Essen der Tisch abgewischt, am Samstag wird gewaschen und am Abend wird alles, was im Schlafzimmer auf dem Boden rumliegt in den Schrank oder den Wäschekorb gepackt. Dann ist eben der eine am Mittwoch mit Einkaufen dran und der andere am Freitag. Zack, aus. Auch hier gilt wieder: Reden hilft. Und wenn sich irgendeine Regel als unpraktikabel oder anderweitig unbefriedigend erweist, muss man sie eben neu machen. Patricia Cammarata hat sehr ausführlich in ihrem Blog darüber geschrieben, wie sie in ihrer Beziehung Aufgaben und Verantwortlichkeiten permanent neu aushandelt und wie auch hier der Einsatz von geteilten Kalendern und Zeitplanungsapps helfen, den Alltag gerechter zu organisieren.

 

Grundsätzlich ist das Zusammenleben mit einem (oder mehreren) anderen Menschen immer ein Rezept für Konflikte. Ich glaube auch daran, dass wir hier nach wie vor ein gesellschaftliches Problem haben, dass man nicht mit ein paar guten Worten und einem Standardrezept gelöst bekommt.

Es ist aber auch so, dass es nicht nur immer die andere Seite ist, die etwas tun muss, damit es besser wird. Ganz selten nur treten Veränderungen ein, weil man mal darüber geredet hat. Menschen lernen besser, wenn sie etwas konkret erfahren. Während man intellektuell schon längst kapiert hat, dass man auch mal die Wäsche machen, die Spülmaschine einräumen oder fürs Abendessen einkaufen könnte, tritt der richtige Verstehensprozess dann ein, wenn man nur noch die löchrigen Strümpfe im Schrank hat, kein sauberes Glas mehr im Schrank steht und man den dritten Tag hintereinander Nudeln mit Ketchup essen muss.

Will man Verantwortung abgeben oder zumindest besser aufteilen, dann bedeutet das auch erstmal Arbeit. Vieles davon ist mentale Arbeit. Man muss mit dem Partner reden und zwar so, dass es über „Du musst auch mal helfen!“ hinausgeht. Man muss sich zurückhalten, Dinge nicht tun, den eigenen Leidensdruck aushalten und dabei zusehen, wie Dinge anders getan werden und nichts sagen dürfen. Das ist schwieriger als es klingt, es ist viel einfacher „Na, dann mach ich es halt schnell selbst“ zu murmeln und in alte Verhaltensmuster zu fallen. Aber die Mühe lohnt sich. Ich wage sogar zu behaupten: Für alle Beteiligten.

Was schön war

Gestern:

  • Nach der Arbeit zu Fuß erst am Rhein entlang über die Hohenzollernbrücke.
  • Über Liebesschlösser gefreut.
  • Im Dom gewesen.
  • Richterfenster angeguckt.
  • Ein bisschen aus der Ferne dem Gottesdienst gelauscht und Kerze angezündet.
  • Richtung Neumarkt gelaufen.
  • Acrylfarben, Pinsel, Anspitzer und einen Radiergummi gekauft, weil mein Mann letztens einen Radiergummi brauchte und ich keinen gefunden habe.
  • Quer über den Neumarkt gelaufen, mich geweigert, noch mal nach dem Weg zu gucken, weil ich seit der Lektüre von „Verirren“ (siehe hier) dann immer „Nach dem Weg gucken ist was für Luschen“ denke.
  • Mit Angela im Café 1980 getroffen.
  • Draußen gesessen.
  • Eistee getrunken.
  • Bahn Mi gegessen.
  • Cà phê sữa đá getrunken.
  • Törtchen gegessen.
  • Viel geredet.
  • Zum Neumarkt gelaufen und zum Bahnhof gefahren.
  • Sonnenblume gekauft.
  • In Essen Bahn verpasst und zu Fuß nach Hause gelaufen.
  • Dabei Musicalsongs gehört und lautlos mitgesungen inklusive dramatischer Gesten. Ja, das sieht bescheuert aus, aber es war ja außer mir kaum jemand da unterwegs.
  • Zu Hause angekommen.
  • Ins Bett gegangen.
  • Noch ein Kreuzworträtsel der NY Times zu Ende gelöst und Drei Fragezeichen gehört.
  • Eingeschlafen.

Das war alles schön.

Nachbarschaft

Ich habe üblicherweise Seifenblasen im Haus. Wenn mir gerade danach ist, stelle ich mich auf den Balkon, puste ein paar Seifenblasen in die Welt, freue mich daran und hoffe, dass es vielleicht irgendwo in den Nachbarhäusern oder auf der Straße Menschen gibt, die zufällig gerade aus dem Fenster gucken oder in den Himmel gucken und sich auch über unerwartete Seifenblasen freuen.

Heute stand ich wieder auf dem Balkon und pustete Seifenblasen. Dann füllte ich die Gießkanne in der Badewanne und goß die Pflanzen, als mir jemand von der anderen Straßenseite etwas zurief: „Da haben Sie meinen Sohn eben sehr glücklich gemacht!“

Was ich geantwortet habe, weiß ich nicht mehr und dass ich ohne Hose auf dem Balkon stand, na ja, geschenkt. So jedenfalls stelle ich mir Stadtnachbarschaft vor.

Oben auf dem Turm über Blankenstein

Der letzte Teil des Aufstiegs ist etwas ungewöhnlich. Mein Mann holt sein Handy raus und leuchtet uns auf im dunklen Turm die Treppe nach oben aus. Noch nicht mal kleine funzelige Lampen gibt es hier, wie haben das die Leute gemacht, als man gar nicht dauernd ein Smartphone mit Taschenlampenfunktion mit sich rumtrug?

Dann geht es noch eine Holztreppe hoch, am Ende wartet eine schwere Metalltür und dann stehen wir oben auf dem Turm von Burg Blankenstein, irgendwo vor, hinter oder neben Hattingen und gucken runter auf die Ruhr und Blankenstein und die Rehe und eben das Ruhrgebiet.

„Hier ungefähr haben wir mal das Riverrafting gemacht“, hatte mein Mann vorher schon gesagt. Wir gucken auf die langsam vor sich hindümpelnde Ruhr. „Ja“, bestätige ich. „Das sind schon krass Stromschnellen.“

Weil ich leider süchtig nach „[Hier beliebigen Teil der Welt einfügen] von oben“-Formaten bin, haben wir uns neulich im WDR das Ruhrgebiet von oben angeguckt und gelernt, dass hier einfach so Burgen rumstehen. Ganz in der Nähe, wer hätte das gedacht, und weil das Wetter schön war, sind wir jetzt eben spontan nach Blankenstein gefahren und stehen jetzt auf einem Turm und gucken nach unten.

Später laufen wir noch eine Runde durchs Dorf und durch den Gethmannschen Garten und dann setzen wir uns auf die Terrasse eines Tapas-Restaurants und essen so lange Tapas, bis wir nicht mehr können. Und dann fahren wir nach Hause, aber nicht so wie das Navi möchte, sondern einmal an Hattingen vorbei, quer über Land, an der Ruhr vorbei, wo gerade Rinder grasen und staunen mal wieder, was es hier alles gibt und was wir alles nicht kennen. Zum Beispiel eine Burg, aber na ja, die kennen wir ja jetzt.

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Sechs Wochen fast vegetarisch

Dieses Jahr kam ich relativ spontan auf die Idee, ich könnte ja in der Fastenzeit mal auf Fleisch verzichten, einfach nur um zu gucken, ob ich das kann und wie das dann so ist. Die Fastenzeit habe ich mir ausgesucht, weil sie halt da ist und weil ich mir nicht extra Regeln ausdenken musste, das hatten andere Leute schon für mich gemacht.

Folgende Regeln habe ich von den klassischen katholischen Fastenregeln übernommen:

  • Von Aschermittwoch bis Ostersamstag wird gefastet.
  • Kein Fleisch.
  • Sonntags darf man aber.

Eigentlich habe ich auch noch die Regel „Auf Reisen muss auch nicht gefastet werden“ übernommen, allerdings gab es dazu Diskussionsbedarf in der Techniktagebuchredaktion, da man sich nicht ganz einig war, ob das eine Regel ist, die historisch betrachtet zwar mal irgendwann Sinn ergab, heute aber eigentlich unnötig ist. Generell sind die katholischen Fastenregeln und vor allem die vielen Ausnahmen ein (Achtung! Schlimmes Wortspiel!) Heidenspaß, ich kann nur empfehlen, sich damit zu beschäftigen.

Was ich damit eigentlich sagen wollte, folgende Regeln habe ich nicht beachtet bzw. zusätzlich auferlegt:

  • Eier, Milch, Zucker und generell alles andere darf.
  • Fisch und Meerestiere dafür aber auch nicht. Auch keine Biber und keine Maultaschen
  • Beim schon länger geplanten Straßburgausflug durfte auch alles.

Gleich vorweg: Ich habe es nicht ganz geschafft. Gleich am zweiten Tag wurde ich in der Kantine schwach und griff zum Cordon Bleu, dafür habe ich dann immerhin an dem folgenden Sonntag nur vegetarisch gegessen. Außerdem habe ich einmal aus Versehen Kartoffelpüree mit Soßenresten vom Sonntag verputzt und eventuell einmal in der Kantine Hühnerbrühe gegessen, vielleicht war es aber auch Gemüsebrühe, das ist unklar.

Ansonsten bin ich mit der Sonntagsausnahmeregel gut gefahren, hätte ich das nicht gehabt, wäre es mir deutlich schwerer gefallen. So wurde das erste Spargel-mit-Kartoffeln-und Schinken-Massaker dann halt für Sonntag statt Samstag geplant. Während Freunde vermuteten, dass genau diese Ausnahmeregel es schwerer machen würde („Wenn, dann schon richtig durchziehen!“), wurde es für mich leichter, denn wenn ich wirklich, wirklich Bock auf etwas hatte, dann musste ich halt nur warten. Dafür habe ich mich umso mehr darauf gefreut. Das war eigentlich auch eine schöne Erfahrung, sich mal wieder richtig auf ein Essen freuen, weil man es halt – selbst so gewählt natürlich – nicht einfach so sofort haben kann.

Gekocht habe ich an Wochentagen komplett vegetarisch, wenn mein Mann selber Lust auf Fleisch hatte, konnte er sich halt etwas dazu braten, es war ja meine Fastenidee, nicht seine. Gelernt habe ich dabei folgende Dinge:

  • Es ist zwar sehr einfach, lecker vegetarisch zu kochen, aber erstaunlich viele Gerichte fallen auch weg. Beim Durchblättern meiner Kochzeitschriften und -bücher konnte ich es mantraartig runterbeten: „Geht nicht, geht nicht, geht nicht, geht nicht.“ Und dann ging aber doch immer irgendwas.
  • When in doubt make Bratreis. Bratreis mit schön angebranntem Gemüse, Ei und Sojasoße geht eigentlich immer. Ich kann dieses Rezept für den Einstieg empfehlen.
  • Eier. Ohne Eier wäre ich durchgedreht. Gott sei Dank gibt es Eier, die man auf alle möglichen denkbaren Weisen zubereiten kann.
  • Auch neu entdeckt: Nudeln mit scharfer Tomatensahnesoße, Paprika und Champignons. Direkt zwei Mal hintereinander gemacht.

Kochen zu Hause war also manchmal etwas mehr Aufwand, weil ich nicht auf altbewährte Rezepte (Spätzle mit Speck und Ei! Spaghetti Bolognese! Asiatische Nudelpfanne mit Gemüse und Hühnchen! CHILI!) zurückgreifen konnte, aber wenn man erstmal etwas gefunden hatte, gab es keine Beschwerden. Im Gegenteil. Als sich mein Mann einmal ein Steak zum Bratreis briet, gab er nachher zu: „Das Fleisch hätt’s eigentlich nicht gebraucht.“

Auswärts essen hingegen war eine größere Herausforderung. Gelegentlich schob ich einen Restaurantplan auf Sonntag, ansonsten galt es eben, die Speisekarte genauer zu studieren. Manchmal blieben nur noch ein paar Gerichte übrig. Das hat allerdings auch Vorteile, vor allem, wenn man wie ich sowieso mittlerweile schon genervt ist, dass man selber(!) etwas aussuchen muss und bei der Abendplanung im Urlaub grundsätzlich nur noch Restaurants aussucht, bei denen es ein festes Soundsoviel-Gänge-Menü gibt und man einfach gar nicht mehr selbst entscheiden muss. Wenn beim hiesigen Asiaten dann eben nur noch sechs Gerichte übrig bleiben und davon auch noch zwei uninteressant ist, geht es jedenfalls leichter mit dem Auswählen. Aber auch sonst habe ich Erkenntnisse gewonnen.

  • Man ahnt nie, wo es gutes vegetarisches Essen gibt und wo man innerlich augenrollend das kleinste Übel auswählen muss.
  • Unser Thai um die Ecke bietet sowieso fast alles ohne Fleisch oder mit Tofu an, das war also überhaupt kein Problem.
  • Auch die hiesigen Burgerbuden stellten kein Problem dar. In Köln nahm ich einfach einen Burger mit vegetarischem Patty, in Essen bestellte ich Falafel- und Rote-Linsen-Spießchen mit Grillgemüse.
  • Generell: Falafel statt Döner und alles ist gut.
  • Bei einem Türken in der Essener Innenstadt hingegen musste ich auf Vorspeisen zurückgreifen. Nun ist die türkische Küche zwar auf der einen Seite fleischlastig, auf der anderen Seite gibt es aber ja auch viel Gemüsezeug und ich hatte es mir eigentlich einfacher vorgestellt. Das einzige vegetarische Hauptgericht war aber ein obskures Nudelgericht mit Gemüse, das mir zu verdächtig nach „Jetzt noch eins für Vegetarier“ klang, also bestellte ich den Vorspeisenteller und gefüllte Weinblätter. Immerhin musste ich nirgendwo auf Pommes mit Ketchup oder Ofenblumenkohl zurückgreifen.

Und dann gibt es natürlich noch die Kantine. Herrje. Fairerweise muss man sagen, dass die hiesige Kantine immer mindestens ein vegetarisches Gericht zur Auswahl hat, allerdings ist das oft etwas, was ich nicht essen will. Dann gibt es noch die Salatbar und ein Beilagenbuffet mit zwei Soßen, außerdem kann man sich meistens auch nur Teile eines Gerichts geben lassen. Man muss also lernen, die Kantine zu hacken.

  • Neben der Salatbar bewährte sich eine einfache Form von mexikanischen Nudeln. Dazu holt man sich Nudeln und Tomatensoße von der Beilagentheke und dann Mais, rote Bohnen, Jalapenos, Zwiebeln und was es sonst noch gibt von der Salattheke.
  • Dienstag und Donnerstag ist Pizzatag und von den drei Sorten, die angeboten werden, ist eine immer vegetarisch.
  • Nie den vegetarischen Burger mit dem Kichererbsenpatty nehmen! Niemals!
  • Falafel hingegen sind kein Problem. Das macht das desaströse geschmacksneutrale Kichererbsenpattyerlebnis noch mysteriöser.

Ich habe mir aber jetzt trotzdem wieder eine Bentobox bestellt (nach Beratung von Sandra wurde es diese hier [Amazon-Werbelink]), weil mein eigenes Essen doch fast immer geiler ist als das in der Kantine. Mal gucken, was ich davon in Zukunft berichten kann.

Was ich jetzt mit all meinen Erkenntnissen mache, weiß ich noch nicht. Erstmal auflisten vielleicht:

  • Auf Fleisch und Fisch zu verzichten ist gar nicht so schwer.
  • Vor allem, wenn man es sich an einem Tag in der Woche erlaubt.
  • Eier! Mit Eiern wird alles besser.
  • Man findet auf fast jeder Restaurant- oder Cafékarte etwas vegetarisches. Im besten Fall sogar etwas, das man mag.
  • Es ist trotzdem überraschend, in wie vielen Gerichten irgendwas mit Fleisch oder Fisch verarbeitet wird.
  • Abnehmen tut man davon übrigens nicht. Und man isst auch nicht zwangsläufig gesünder.
  • Ich habe vielleicht weniger Geld für Lebensmittel ausgegeben, das mag aber auch Einbildung sein und/oder andere Gründe gehabt haben.

Ich bin nach Ostern viel zu schnell wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen und dachte direkt nach dem ersten Kantinenmittag: „Eigentlich hätte es das Fleisch jetzt nicht gebraucht!“ Aber vielleicht war das auch nicht verwunderlich, erst mal wieder voll reinschlagen, um dann zu merken, dass es gar nicht besser ist. Inwiefern ich in Zukunft weniger Fleisch essen werden, wage ich nicht zu prophezeien. Ich hoffe weniger, aber ich kenne mich auch gut genug, um zu wissen, dass es sehr einfach ist, alte Gewohnheiten wieder aufzunehmen.

Die wichtigste Erkenntnis war für mich, dass es mir weniger schwer fällt als gedacht, im Alltag auf Fleisch und Fisch zu verzichten. Ich habe auch gemerkt, dass eine Umkehr der Sichtweise gar nicht so schwer ist: Wenn man eben im Restaurant nicht negativ darauf guckt, was man alles nicht essen kann, sondern eben darauf, was man leckeres zur Auswahl hat, kommt es einem gar nicht wie Verzicht vor.

Aber auch: Vegetarierin werde ich erstmal nicht, dafür war mir der Ausnahmesonntag zu wichtig, dafür finde ich eben auch Essen viel zu interessant, ich möchte ja immer alles (aus-)probieren, wie schmeckt das, wie schmeckt das, wie kann man das zubereiten, wo kommt das her? Trotzdem bin ich optimistisch, dass irgendwas hängenbleiben wird. Und nächstes Jahr, hat mein Mann gesagt, da macht er vielleicht mit.

Blau, blau, blau sind alle meine Kleider

Ich habe gestern bei meiner Tante die digitalisierten Kinder- und Urlaubsbilder auf einen USB-Stick gezogen, um sie auch selber in Ruhe angucken zu können. Bei der Sichtung bemerkte ich vor allem folgendes: Ich bin auf fast jedem Bild aus den achtziger Jahren komplett blau gekleidet. Ich habe mir also nicht nur eingebildet, dass damals der Rosaanteil an der Mädchenkleidung deutlich geringer war. Mein Lieblingskleid war schwarz und hatte weiße Blümchen, gehörte aber einer Freundin. Gelegentlich durfte ich es mir ausleihen und anziehen, das hat man damals wohl so gemacht, davon finde ich aber gerade kein Bild.

Dabei war ich sogar ein richtiges Mädchen. Ich wollte immer Kleider anziehen, am besten welche mit Spitzenkram und in denen man sich drehen konnte. Ich hatte sogar zwei Dirndl, von denen zugegebenermaßen eines auch pink war, aber es muss ja immer Ausnahmen geben.

Es fällt mir jedenfalls heute noch schwerer an so was wie „Na ja, rosa ist halt genetisch bedingt“ zu glauben als vor zwei Tagen, als ich das auch schon für eine alberne Aussage hielt.

(Das sind nicht die digitalisierten Bilder, sondern eine Seite aus Omas Fotoalbum. Gelegentlich trug ich auch Hosen. Also vor allem blaue Hosen.)

Kann man nicht kochen können?

Ich stellte gestern auf Twitter und auf Facebook die wirklich ernst gemeinte Frage, ob Menschen, die von sich behaupten, nicht kochen zu können, es auch mehr als drei Mal versucht haben?

Die Frage stieß auf erstaunliche Resonanz und die Antworten zeigten eine große Bandbreite sowohl in Hinblick darauf, wie man die Frage verstehen konnte, als auch in Hinblick darauf, vor welchen Probleme Kochneulinge stehen. Probleme, die mir so gar nicht klar waren.

Eines gleich vorweg: Mir ging es nicht um den Spaß am Kochen. Mir ging es auch nicht darum, ob man ein Drei-Gänge-Menü für Gäste kochen kann oder darum, Menschen, die nicht gerne kochen, irgendwie zu beschämen. Ja, ich koche gerne, aber ich mache andere Sachen auch nicht gerne, die anderen Leuten großen Spaß bereiten und ich habe da auch keine Lust, Rede und Antwort zu stehen, warum ich diese Dinge nicht tun möchte.

Es ging mir aber tatsächlich nicht ums Mögen oder um ein bestimmtes Niveau, sondern um das wirklich ganz basale Können.

Hier lauerte direkt die nächste Falle: Menschen definieren Können unterschiedlich. Deswegen hier auch direkt meine Definition von „Kochen können“: Kochen können bedeutet, dass ich in der Lage bin, aus Lebensmitteln etwas herzustellen, dass man nachher auch essen möchte und das jetzt über das Belegen eines Brotes mit einer Käsescheibe hinausgeht. Wer ein Rührei braten, Nudeln oder Kartoffeln kochen und den Teig für einen Pfannkuchen (für die Leser aus dem Osten: Eierkuchen) zusammenquirlen kann, qualifiziert sich schon für das Prädikat „Kann kochen“. Es darf auch mit Fertigmitteln geholfen werden und die Tomatensoße aus dem Glas genommen werden. Hätten wir das auch geklärt.

Kurz nachdem ich die Frage gestellt hatte, schrieb Kathrin Passig:

Programmieren übrigens genauso. Ich vermute, auch die Hindernisse sind ähnliche: mit jemandem im selben Haushalt leben, der es halt schon kann, zum Beispiel.

Und Kerstin Hoffmann fügte hinzu:

„Können Sie Klavier spielen?“
„Keine Ahnung, noch nie ausprobiert.“

Wir sind also immer noch nicht beim eigentlichen Kochen angekommen, sondern klären weiter Grundsätzlichkeiten: Natürlich kann man die Frage für ungefähr alles, was man irgendwie Lernen muss, stellen, denn etwas Neues zu lernen beinhaltet erstens immer, dass man es öfter als drei Mal versucht und zweitens, dass man es überhaupt ausprobiert.

Auf letzteres kam es mir eben genau auch bei meiner Frage an, bezieht sich die Aussage „Ich kann nicht kochen“ üblicherweise darauf, dass man es einfach noch nie gemacht hat, oder bezieht sie sich auf zahlreiche erfolglose Versuche, es zu versuchen. Beide Varianten öffnen sofort die Tür für weitere interessante Fragen: „Wenn man es noch nie versucht hat, warum?“ und „Besteht die Annahme, dass man Kochen einfach kann oder nicht kann?“ und „Wenn man es schon oft versucht hat, woran ist es gescheitert?“ und natürlich die Frage: „Gibt es Menschen, die einfach nicht kochen können?“

Jetzt gibt es natürlich berechtigte Gegenfragen: „Warum geht es dir ausgerechnet ums Kochen?“ „Muss man Kochen können?“ und „Wie kommst du drauf, dass es dich was angeht, ob ich Kochen kann oder will?“

Auf letztere Frage habe ich die einfache Antwort: Es geht mich gar nichts an, aber es interessiert mich, weil es für mich so selbstverständlich ist, dass man kocht oder zumindest kochen kann, dass ich in der Tat verstehen will, was andere Menschen daran hindern könnte. Es geht mir ums Kochen, weil das ein Bereich ist, der immer präsent ist, weil wir alle essen. Man kann es wie Frank Lachmann machen und auf Soylent umsteigen, dann ist man dieses Problem natürlich auch los, aber selbst Soylent muss man zusammenrühren. Und nein, man muss nicht Kochen können.

Kochen kann man nicht, Kochen lernt man

Und jetzt kommen wir zu dem, worauf ich eigentlich hinauswollte: Fast niemand kann einfach so kochen. Ich habe das auch in vielen Jahren gelernt, Stück für Stück und ich habe erst vor kurzem begriffen, wie man Kartoffeln richtig kocht und kämpfe immer noch mit Hefeteig. Mit sechs Jahren notierte ich das Rezept für Bobos. In der Grundschule konnte ich Spiegeleier braten. Als Teenager verfeinerte ich Dosenbohnen in Chilisauce mit Zwiebeln, Paprika und Dosenmais oder strich Fertigsalsasauce auf TK-Blätterteig, streute Käse drüber und überbuk es im Ofen. Mein Lieblingssalat bestand aus Mais, roten Bohnen, Zwiebeln und unglaublich viel Essig. Auch alles Sachen, die ich als „Ich kann kochen“ durchgehen lassen würde, übrigens.

Mich interessiert, ob es ein Missverständnis gibt, nach dem Leute, die kochen können das selbstverständlich in die Wiege gelegt bekommen haben oder von ihren Eltern oder Großeltern von Kindesbeinen an in die große Kochkunst eingewiesen wurden. Ich bin zwischen Tütensuppe und ausgenommener Forelle großgeworden. Tatsächlich habe ich bei meiner Oma in der Küche zugeguckt und mit meiner Mutter Kekse gebacken, aber ich erinnere mich nicht daran, dass es jemals größere Kochlehrstunden gab. Was es immer gab, unbestritten, ist ein Interesse an Essen und das, obwohl ich als Kind ein ganz schlimmes Mäkelkind war und quasi kein Gemüse gegessen habe.

In der neunten und zehnten Klasse hatte ich Hauswirtschaft als Wahlpflichtfach und habe auch da ein bisschen Kochen gelernt. Das klingt übrigens nur so lange lustig und antiquiert, bis man weiß, dass die Hauswirtschaftslehrerin auch Chemielehrerin war und man zwar alle paar Wochen mal in der Schulküche kocht, aber den Rest der Zeit etwas über Nährstoffe, die unterschiedlichen Garmethoden und was da so mit dem Essen passiert und Essstörungen lernte. Dann klingt es auf einmal wie etwas, das man wie Informatik und Wirtschaftswesen sinnvollerweise direkt als Pflichtfach einführen sollte, aber das ist eine andere Diskussion.

Trotzdem sind mir im Laufe der Jahre auch viele Gerichte missglückt, ich habe das Salz an den Nudeln vergessen und dafür die Soße versalzen, Kuchen sind im Ofen verkokelt oder waren trocken und verklumpte Vanillesoße wurde in den Ausguss geschüttet. Von Hefeteig will ich gar nicht anfangen, der hat mir erst vor wenigen Tagen wieder die Mitarbeit verweigert.

Dementsprechend frage ich mich eben, ob es ein Missverständnis gibt, dass bei Leuten, die wie ich gerne und viel kochen, nie irgendwas schief geht oder einfach nicht schmeckt. Doch, doch, tut es. Wie bei allen anderen Dingen auch, hat Können etwas mit Lernen zu tun und Lernen etwas mit Fehler machen. Auch, wie man lernt, ist vollkommen unterschiedlich. Ich habe mich über Fertigprodukte und einfache Rezepte an die Sache rangetastet. Andere Leute halfen als Kind in der Küche mit. Wieder andere schnappten sich irgendwann ein Schulkochbuch und haben erstmal gelernt, wie man Salzkartoffeln kocht.

Glasig dünsten, hä?

Das Problem ist eben auch, dass man irgendwann den Blick dafür verliert, was alles überhaupt nicht selbstverständlich ist, eben weil man es so verinnerlicht hat, dass man gar nicht mehr drüber nachdenkt. Wenn in Rezepten „Zwiebeln glasig dünsten“ steht, dann weiß ich, was damit gemeint ist, aber warum ich das weiß, kann ich noch nicht mal mehr sagen.

Auf Facebook schrieb Max von Webel:

Das ist definitiv eines der Hauptprobleme mit Rezepten, dass sie zum einen hyper-exakt sind: 200g Butter! Nicht 201g, nicht 199g sondern exakt! 200g! Andererseits dann aber in die totale Beliebigkeit abrutschen „nach Geschmack würzen“ (wtf?). Meine Lieblingsformulierung ist „goldbraun anbraten“. Ich hab noch nie irgendwas gesehen, was „goldbraun“ war, das ist einfach keine Farbe.

Meine spontane Reaktion war: Natürlich müssen es nicht genau 200 Gramm Butter sein, es dürfen in fast allen Fällen sogar 190 Gramm sein oder 205 Gramm. Selbst beim Backen, wo es ja durchaus exakter zugeht als beim Kochen, muss man nicht grammgenau abmessen. Und: Ich weiß vermutlich auch, was „goldbraun anbraten“ bedeutet, auch wenn mir diese Formulierung gar nicht so geläufig vorkommt. Butter lässt man goldbraun werden, aber nicht das, was man darin anbrät. Es ist genauso wie „Zwiebeln glasig dünsten“, ich weiß, was gemeint ist und wie es aussehen soll und darüber, dass man es nicht wissen könnte, muss ich mir erst bewusst klar werden.

Darauf aufbauend ergab sich die Frage, warum es denn nicht einfach ganz genaue Rezepte gibt, so dass es wirklich keinerlei Raum für Abweichungen gibt. Die Antwort darauf hat Franziska Robertz gegeben:

Zum einen ist z.B. jeder Ofen anders, was das gleichmäßige Backen betrifft. Auch sollte man seine technischen Küchengeräte schon gut kennen und wirklich die Gebrauchsanweisung zumindest überfliegen. Ich erlebe es in einigen Backgruppen immer wieder, dass Leute z.B. ihre KitchenAid töten, weil sie den Hefeteig darin auf höchster Stufe vermengen (geringste Stufe wird empfohlen).
Zum anderen sind besonders fleischige Zutaten nicht immer gleich. Nur weil heute das eine Steak perfekt gelingt, muss es das morgen unter gleichen Bedingungen keineswegs. Gerade Naturprodukte wie Fleisch sind extrem individuell. Das gleiche Stück Fleisch kann nächstes Mal total zäh sein, obwohl man es genauso gebraten hat wie das davor. Eben weil es von einem anderen Tier stammt, das völlig andere Eigenschaften hat. […] Geht auch mit Zitronen: Der Saft einer Zitrone kann unter Umständen nur 15 ml sein oder eben 115 ml. Wenn in Rezepten solche ungenauen Angaben stehen wie 1 Zitrone oder so und man noch kein Gefühl für das Kochen bzw. für Rezepte entwickelt hat, kann einem das Ergebnis ganz schön sauer aufstoßen.

Auf einmal diskutierten wir Dinge, die ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, weil sie für mich Selbstverständlichkeiten sind. Dass sich nicht jede Zutat immer gleich verhält, dass Rezepte immer Raum für Interpretationen lassen und an vielen Stellen nur Vorschläge sind und man die Paprika statt in Würfel auch in kleine Rauten schneiden kann, weil „in Würfel schneiden“ in Rezeptlingo einfach ein gängiger Begriff ist. Dass wir es generell bei Rezepten mit Grundannahmen und Begriffen zu tun haben, die sich für komplette Anfänger gar nicht wie selbstverständlich erschließen.

Nicht können oder nicht wollen?

Nach wie vor suche ich noch auf Antworten auf meine Frage, es haben sich eher noch mehr Fragen aufgetan und spannende Diskussionen ergeben, mit denen ich nicht gerechnet habe.

Oft wurde meine Frage mit „Warum willst du nicht Kochen lernen?“ verwechselt und entsprechende Gründe angegeben: Keine Lust, kein Interesse, keine Zeit, der Partner kocht gut, es gibt Lieferdienste und Fertiggerichte und ich esse sowieso lieber kalt (wobei ich einen selbst zusammengeschnibbelten Salat auch schon als Kochen gelten lassen würde). Es besteht keine Notwendigkeit, es zu lernen, also tut man es nicht.

Wenn man jetzt aber zu meiner Basisvorstellung von „Kochen können“ zurückkommt, also Rührei und Nudeln mit Soße, gibt es dann immer noch Leute, die von sich sagen, sie könnten das nicht und vor allem: Mit welchen Vorstellungen geht man an die Sache heran?

Ich habe mich letztes Jahr sehr über einen Artikel bei Vice.com geärgert, in dem eine Kochanfängerin darüber schrieb, wie sie versuchte, Rezepte von Tasty nachzukochen und kläglich scheiterte. (Zur Erklärung, bei Tasty handelt es sich um die gerade auf Facebook veröffentlichten Kochanleitungen, wo man alles nur von oben sieht und es jenseits des Visuellen keine begleitende Erklärung gibt.) Die Autorin machte aus meiner Sicht einen entscheidenden Fehler, den sie sogar kokett ankündigte: Sie erklärte, dass sie zwar keine Ahnung vom Kochen hätte, wenn ihr aber etwas nicht klar wäre, dann würde sie das einfach frei Schnauze und nach Gefühl machen.

Hier ein kleines Geheimnis: Wenn man sich beim Kochen nicht sicher ist und keine große Kocherfahrung hat, dann hat man auch ziemlich sicher kein Gefühl dafür, wie etwas zu tun ist. Das gilt vermutlich nicht nur fürs Kochen.

Wie erwartet ging ungefähr alles schief, teils, weil die Rezepte zu kompliziert waren, teils, weil die Mengenangaben in amerikanischen cups angegeben waren und die Autorin ja eben nicht nachgucken wollte, wie viel das ist (Spoiler: eine amerikanische cup sind ungefähr 235 ml) und dementsprechend einfach irgendwas gemacht hat und teils, weil es halt einfach nicht geklappt hat.

Meine Quintessenz war: Wenn man sich selbst als Kochanfänger bezeichnet, dann ist die Chance, dass man erfolgreich ist, wenn man nach Rezepten kocht, die man nicht komplett versteht, erstaunlich gering. Es ist ein bisschen so, als würde man nach drei Wochen Klavierunterricht versuchen, eine Sonate von Beethoven zu spielen und dann erbost das Notenheft gegen die Wand werfen, wenn es nicht klappt.

Was heißt überhaupt (nicht) kochen können?

Bevor dieser Beitrag jetzt aber endlos umhermäandert und nicht zum Punkt kommt, versuche ich noch mal auf die Ursprungsfrage zurückzukommen und darauf, wie ich überhaupt darauf kam:

Haben Menschen, die von sich behaupten, nicht kochen zu können, es mehr als drei Mal versucht?

Die Frage beschäftigte mich, weil ich dahinter eben ein Missverständnis des Kochenkönnens und -lernens vermutete. Wahrscheinlich gibt es tatsächlich Menschen, die gerne kochen könnten, die es auch schon oft versucht haben, aber bei denen es einfach nicht klappt. Da interessiert mich, was da nicht klappt, wie an die Sache herangegangen wird und wo die Frustrationsgrenze ist. Aber ich glaube auch, dass es Menschen gibt, die einerseits kein Interesse daran haben, es zu lernen und es deswegen auch noch nie versucht haben, die aber vielleicht auch irgendein Grundtalent bei ihren kochenden Mitmenschen vermuten, das so meiner Erfahrung nach in den allerwenigstens Fällen tatsächlich da ist. Wir haben das eben auch alles gelernt und auf dem Weg ist uns ziemlich viel verbrannt, verkocht oder ungewollt halb roh auf den Teller gekommen.

Es geht nicht um Freude, Spaß oder Interesse, sondern die einfache Frage, ob man in der Lage wäre, ein akzeptables Rührei mit Speck hinzukriegen, wenn es halt sei müsste.

Wenn mir ein Knopf an der Jacke abfällt, dann bringe ich das auch meistens zu meinem spanischen Schneider und zahle ihm zwei Euro fürs Wiederannähen. Ich könnte den Knopf im Ernstfall aber auch selber annähen, ich besitze Nadel und Faden und kann einen Knoten machen. Der Knopf sitzt dann ein bisschen wackliger, auf der Rückseite sieht es scheiße aus und ich habe zehn Mal geflucht, aber es geht irgendwie. Und wenn ich es schöner machen wollte und der spanische Schneider in Urlaub ist, dann google ich, wie man Knöpfe annäht und dabei weniger fluchen muss.

Wenn ich von „Kochen können“ schreibe, dann meine ich also in Schneideranalogie nicht „Ein Abendkleid entwerfen und nähen“, noch nicht mal „einen Kissenbezug nähen“, sondern „einen Knopf wieder annähen“ oder vielleicht noch „einen Rocksaum wieder so zusammennähen, dass man sich damit in die Öffentlichkeit trauen kann“.

Die nächste Fragerunde

Es bleiben also für mich folgende Fragen:

  1. Was meinen die Leute, die „Ich kann nicht kochen“ sagen, damit? Haben sie es schon versucht und wenn ja, wann und warum haben sie aufgegeben?
  2. Gibt es Leute, die wirklich nicht kochen können? Was geht schief? Auf welchem Weg gehen sie an die Sache ran?
  3. Mit welchen Selbstverständlichkeiten, die für Kocherfahrene vollkommen klar sind, werden Kochanfänger konfrontiert, und welche Missverständnisse be- und entstehen auf diesem Weg?

Auf der anderen Seite sollte ich mich vielleicht nicht so anstellen. Wenn wirklich ausreichend viele Leute nicht kochen können und das auch nicht lernen wollen, sehen meine Chancen nach der Zombiekalypse doch gar nicht so schlecht aus. Bisher hatte ich mich als fahrende Musikerin gesehen, weil mir alles das, was ich für meinen Job können muss, noch weniger hilfreich fürs Überleben vorkam, ich kann ja nur Programmieren und Erklären und noch nicht mal einen Notstromgenerator in Gang bringen. Aber wenn alle Konservendosen geplündert sind, kann ich immerhin aus Mehl, Salz und Wasser einen Teig zusammenrühren und daraus irgendeine Art Fladenbrot backen. Das ist doch auch was.

Zwei Mal Alltag bitte

Im Schwimmbad in der Dusche, ich bin gerade mit dem Schwimmen fertig, als nächstes steht wohl Babyschwimmen auf dem Plan, jedenfalls brachte eine Frau Poolnudeln und eine nackte Babypuppe mit ans warme Planschbecken, wo wir uns nach dem Bahnenziehen immer zum Plauschen treffen. Eine Mutter kommt in die Dusche mit ihre Baby im Tragesitz. Bei der Suche nach einer passenden Dusche findet sie keine mit der geeigneten Temperatur und das Baby fängt an zu weinen, weil es ein bisschen zu kaltes Wasser abbekommen hat.

Am schönsten ist aber das Bild zwei Minuten später, das Baby hat aufgehört zu weinen und eine Gruppe nackter und halbnackter Frauen stehen verzückt im Kreis herum und freuen sich über das Kind. Davon hätte ich gerne ein Bild, am besten gemalt, Hopper könnte das gut oder Katia, ein trister Schwimmbadduschraum, auf dem Boden das Baby im Sitz und drumherum lauter Frauen unterschiedlichsten Alters mit unterschiedlichen Körpern von durchtrainiert bis dick, aber alle gänzlich uneitel und vor allem uninteressiert am eigenen Körper und an den Körpern anderer erst recht, weil da ein Baby auf dem Boden steht und zum Lachen gebracht werden soll.

Später im Feinkosthandel an der Fischtheke, ich will eigentlich nur Jakobsmuscheln kaufen, ich habe mir da etwas überlegt, ein Risotto mit Chorizo und Jakobsmuscheln, eine Art spanischer Paella nur mit Risotto, nur ohne Hühnchen oder na ja, vielleicht ist die Paella-Analogie etwas weit hergeholt, es ist auch egal, ich stelle es mir lecker vor. Dazu brauche jedenfalls Jakobsmuscheln und deswegen stehe ich an der Fischtheke. Vor mir ein älterer Herr, graue Haare, Brille, Schnurrbart, er erkundigt sich erst nach den kleinen Seeschnecken, wie man die zubereite. Einfach in kochendes Salzwasser, sagt der Fischmann, und dann mit dem Zahnstocher raus. Ja, wie man sie isst, weiß er, sagt der Mann, nur wie man sie kocht nicht. Dann nimmt er noch ein paar große Schnecken, die sind schon gekocht, dann noch sieben Garnelen, sieben Austern von den günstigen und acht Meeresmandeln, das sind auch Muscheln, die könnte man auch einfach kochen, sagt der Fischmann. Nicht auch roh essen, fragt der Mann. Roh geht auch, sagt der Fischmann, die Franzosen essen das auch roh. Acht Meeresmandeln kauft der Mann und dann noch Fisch.

Ich könnte schon längst drankommen, dafür müsste ich mich nur in eine andere Schlange stellen, aber ich möchte jetzt wissen, was der Mann noch so alles kauft und außerdem finde ich interessant, was der Fischmann sagt, also warte ich einfach da, wo ich stehe.

Hier, die Schwertmuscheln, sagt der Fischmann, die könnte er doch auch noch nehmen und hält ein Säckchen Schwertmuscheln hoch. Aber nicht so viele, sagt der Mann. Die könne er auch einzeln, sagt der Fischmann und schneidet das Netz auf. Der Mann nimmt die Hälfte des Schwertmuschelsäckchens und dann ist der Einkauf fertig.

Sechs Jakobsmuscheln, sage ich. Und dann noch acht Schwertmuscheln. Wenn das Säckchen jetzt eh schon auf ist. Mein Einkauf ist schnell fertig, aber auch für Zugucker nicht so interessant.

Demokratiestöckchen

Frau Donnerhall hat mir vor einigen Monaten ein Demokratiefragestöckchen zugeworfen und auch wenn ich mich ein bisschen vor meinen eigenen Antworten fürchte, sehe ich es als meine Bloggerpflicht, es nach bestem Wissen und Gewissen auszufüllen und weiterzugeben.

Was bedeutet der Begriff Demokratie für dich – unabhängig von seiner Definition?

Boah, ey! Gleich mal mit der schwierigsten Frage anfangen oder wie? Demokratie bedeutet, dass prinzipiell das Volk darüber entscheidet, was im Land passiert, in den meisten Fällen implizit durch gewählte Vertreter, die dann im besten Fall das machen, was sie vorher auch angekündigt haben und im schlimmsten Fall etwas ganz anderes. Vielleicht muss man Demokratie aber auch besser mit dem erklären, was sie nicht ist, nämlich eine Staatsform, in der irgendjemand da ganz oben auf unbestimmte Zeit einfach mehr oder weniger tun kann, was er oder sie am besten findet und alle müssen sich damit abfinden. Oder umgekehrt als das Gegenteil zu einer Gesellschaft, wo es überhaupt keine Absprachen gibt und alle nur machen, was sie gut finden, das nennt man glaube ich Anarchie und eventuell ist Anarchie aber auch nur eine sehr extreme Form von Demokratie, was weiß denn ich? Es ist, wie immer, kompliziert.

 

In welcher Form bzw. unter welchen Umständen könntest du dir vorstellen dich außerhalb der Stimmabgabe politisch zu engagieren? Anders gefragt – was hält dich ab?

Wir leben leider in Zeiten der Unverbindlichkeit und ich bin auch eines ihrer Opfer. Das, was mich an politischem Engagement am meisten abhält ist der zu erwartende Zeitaufwand bzw. die Freizeiteinbußen und das Zu-einem-bestimmten-Zeitpunkt-irgendwo-sein-Müssen. Ich habe so schon das Gefühl für alles zu wenig Zeit zu haben. Außerdem schrecken mich Partei- bzw. Vereinsstrukturen ab, ich will mich nicht vom Kassenwart zum Irgendwas hocharbeiten müssen, um irgendwann mal bei irgendwas wirklich aktiv mitmachen zu können. Das ist aber auch eine Schreckensvorstellung des Parteitums, das jeder praktischen Erfahrung entbehrt, in Wirklichkeit ist es wahrscheinlich gar nicht so schlimm. Abgesehen davon gibt es auch keine Partei, die mich so anspricht, dass ich mich ihr voll und ganz verschreiben wollen würde. Für Demonstrationen bin ich zu bequem und mag außerdem keine Menschenmassen und goutiere dementsprechend, dass es genug Menschen sind, die offensichtlich motivierter sind als ich und sich lieber als ich zusammentummeln und in meinem Sinne ihre Meinung kundtun.

Vielleicht zählt es, dass ich im Alltag versuche, mich möglichst anständig zu verhalten und meine politischen, moralischen und gesellschaftlichen Vorstellungen immer irgendwie im Alltag rumschleppe. Aber das machen vermutlich alle Leute irgendwie.

 

Kannst du dir vorstellen freiwillig in einer anderen Regierungsform als der Demokratie zu leben? Falls ja, in welcher?

Nicht wirklich, nein. Vielleicht in einer Monarchie mit einem sehr gütigen König, aber wer weiß, wie dann die Königskinder drauf sind und dann hat man den Salat.

 

Hast du schon einmal „aus Protest“ gewählt? Wenn nein, kannst du es dir vorstellen? Oder wäre Nichtwählen deine Form des Protests?

Nein. Ich bin großer Fan davon, das kleinste Übel zu wählen. Wenn mir schon alles nicht gefällt, dann wähle ich eben das, was mir irgendwie noch am ehesten zusagt. Meistens sind das die Grünen, weil ich mich da mit den Grundwerten noch ganz gut identifizieren kann. Wenn ich Protestwählen würde, dann würde ich irgendeine kleine Partei oder eben die PARTEI wählen. Eine Satirepartei als Protestwahlpartei scheint mir ganz gut zu passen, zumal ich ja da in dem irren Glauben lebe, wer gute Satire macht, muss zumindest einigermaßen intelligent sein. Nichtwählen kommt eher nicht in Frage, wobei ich nicht ausschließen möchte, dass ich bei der ein oder anderen lokal begrenzteren Wahl auch mal aus Desinteresse nicht hingegangen bin.

 

Zusammenarbeit und Kommunikation mit dem politischen Gegner – unter allen Umständen? Gibt es eine Alternative zur Diplomatie?

Es gibt immer Alternativen, nur muss man halt abwägen, was die Konsequenzen sind und ob man diese verantworten kann.

 

Wer möchte, darf sich das Stöckchen nun gerne nehmen und weiter in die Welt tragen. Eventuell ist es dieses Jahr noch wichtiger als es letztes Jahr ohnehin schon war.