Kategorie: Ich so

Au revoir, Monsieur E.

Herr E. übernahm in 1996 den Grundkurs Französisch der elften Klasse, der im nächsten Halbjahr zum Leistungskurs wurde. Acht Mädchen und ein Lehrer, ein Zwei-Meter-Mann (jedenfalls gefühlt) mit Vollbart und Schalk in den Augen.

Einer der Lehrer, die ihre Fächer liebten und für die der Beruf Berufung war. Vielleicht habe ich selten so viel gelernt wie in den nächsten zweieinhalb Jahre bis zum Abitur, in unserem kleinen kuscheligen Französisch-LK und dem fast ebenso kleinen Geschichtsgrundkurs, den wir heimlich auch LK nannten, weil wir von Textbergen überhäuft wurden, damit wir ja so viel wie möglich über die Vergangenheit lernen konnten. Herr E. brachte uns bei, dass wildes Textmarkern doof war, man solle sich möglichst nur ein Wort anstreichen, mit dessen Hilfe man sich den Inhalt des ganzen Absatzes merken könnte.

Herr E. sorgte sich um uns, seine Schüler waren ihm wichtig, die Beziehung war von beiden Seiten von Respekt und Sympathie geprägt. Er erzählte von seinem Hörsturz und seinen Rücken- und Hüftproblemen. Er lud uns zum Kurstreffen zu sich nach Hause ein, wo wir seine zwei Kinder kennenlernten, wir trafen uns bei einem anderen Treffen bei uns zu Hause. Er war einer der freundlichsten und nettesten Lehrer, und vermutlich einer der freundlichsten und nettesten Menschen, die ich kennenlernen durfte.

Als wir einige Jahre nach unserem Abitur bei einem Schulfest waren, klopften wir ans Lehrerzimmer und erkundigten uns, aber Herr E. war nicht da, gesundheitliche Probleme, eine OP, ich weiß es nicht mehr genau.

Knapp zehn Jahre nach unserem Abitur hat sich Herr E. umgebracht. Ich erfuhr es bei unserer zehnjährigen Abifeier, eher zufällig, bei einer Führung durch die Schule, ein Bild von Herrn E. auf einem Regal im Lehrerzimmer. Der Tinnitus war zurückgekommen, die anderen Leiden wurden nicht besser, irgendwann war es zu viel.

Man findet die Rede zweier Lehrer zu seinem Tod im Schuljahrbuch, ich habe beide mehrfach gelesen. Jedes Mal, wenn ich in Frankreich bin und mich auf Französisch unterhalte, möchte ich ihm sagen: „Hier, guck! Ich kann’s noch! Das hab ich alles bei dir gelernt!“ und dann fällt mir ein, dass ich ihm das nie persönlich werde sagen können und dann bin ich kurz sehr, sehr traurig.

Ich war nicht auf der Beerdigung, ich habe es ja nur zufällig erfahren. Wir hatten schon jahrelang keinen Kontakt mehr, es ergab sich nicht, ich habe mein Leben weitergelebt und er seines und dann hat er seines nicht mehr weitergelebt. Es fühlt sich nicht abgeschlossen an, als ob ich noch irgendwas tun müsste, als ob er noch irgendwie da sein müsste, weil es ja keinen Abschied gab. Und es fühlt sich nicht richtig an, dass da einer nicht mehr da ist, obwohl er da sein könnte.

Letztens habe ich Briefe gesucht im Keller und mir fielen Briefe mit einer kantigen Handschrift in die Hand. Adressiert an eine Adresse in Hoboken, wo ich kurz nach dem Abitur als Au-Pair war. Und so stand ich da im Keller und hielt längst vergessene Briefe von Herrn E. in der Hand und fing an zu weinen.

Au revoir, Monsieur E. Vous avez fait une furieuse dépense en esprit.

Momentaufnahme

Ich sitze auf dem Balkon, auf dem Tisch ein Negroni aus der Cocktailbox und eine Kochzeitschrift mit leckeren Rezepten, die Sonne scheint, draußen fahren Autos die Querstraße entlang, gelegentlich kommt die Straßenbahn vorbei, dann bimmelt es.

Im Wohnzimmer sitzt mein Mann und schreibt, aus meinem iPhone tönen die Känguru-Trilogien, bei einer lustigen Stelle gucke ich ins Wohnzimmer, mein Mann und ich grinsen beide und kichern.

Später werden wir den Grill anschmeißen, ein Steak grillen, dazu Tomatensalat und Weißwein, als Nachtisch gibt es Marillenknödel, wie Oma sie früher gemacht hat. Noch später gucken wir dann Fußball, liegen angetüddelt auf der Couch und dann irgendwann gehen wir ins frischbezogene Bett, die Laken trocknen gerade noch. Und dann schlafen wir.

Aber es reicht eigentlich auch dieser eine Moment, ich auf dem Balkon, mein Mann im Wohnzimmer, wir beide, die wir zusammen kichern und in dem Moment weiß man, wie verdammt gut es uns geht mit diesem Leben.

Anne erklärt die Neunziger: Freundebücher

Ich habe beim letzten Elternbesuch ein paar Kisten mit alten Schulkram mit nach Hause geschleppt. Dieser Schulkram erweist sich jetzt als faszinierender Fundus voll mit Relikten einer deutschen Jugend in den Neunzigern. Unmengen bekritzeltes Papier, vieles davon natürlich reiner Schulkram, aber auch der erweist sich (aber dazu kommen wir ein ander Mal) als erstaunlich interessant. Es ist ein bisschen wie beim Techniktagebuch: Damals war das langweilig, aber jetzt, nach zwanzig Jahren!

Ein besonders schönes Relikt ist das Freundebuch. In der Grundschule waren die noch gekauft, später aber dann entdeckte man seine eigene Individualität, die sich natürlich in vorgedruckten Freundebüchern nicht mehr ausdrücken ließ und man dachte sich die Fragen selber aus. Dadurch wurde das Freundebuch zwar nicht spannender, aber immerhin schlechter zu handhaben. Man musste nämlich entweder alle Fragen mit Nummer auswendig lernen oder ständig hin- und herblättern.

Die erste Version des Fragenkatalogs war mit knapp 60 Fragen noch recht harmlos und las sich so.

Freundbuch 1993 - 1994Freundbuch 1993 - 1994Freundbuch 1993 - 1994

Typische Mädchenfragen sind die Fragen 37 bis 40, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und/oder Namen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich Jungen so viel Gedanken darüber gemacht haben, wie sie lieber heißen würden, ich dagegen hatte in fast jeder Lebensphase bis knapp vor der Volljährigkeit einen Namen, den ich lieber gehabt hätte. Meistens waren diese Namen länger, exotischer und irgendwie geheimnisvoller als, nun ja, Anne. Heute bin ich meinen Eltern sehr dankbar für ihre gute Wahl. Hätte ich auch gemacht.

Bemerkenswert ist auch Frage 42 in ihrer Spezifität. Was ist eigentlich so Ihr Lieblingsbezirk?

Teilweise zeigten sich allerdings die Ausfüller und Ausfüllerinnen etwas stur an und verweigerten die Aussage.

Freundbuch 1993 - 1994

Wir befinden uns also in den Neunzigern, gestartet wurde das Freundebuch, das in Fachkreise auch Krümelbuch genannt wurde, im Frühjahr 1993, als ich in der siebten Klasse war.

Die Neunziger merkt man den Einträgen vor allem bei dem Teil an, bei dem Kreativität gefragt war und sich die Befragten austoben konnten.

Freundbuch 1993 - 1994

Zu dieser Zeit angesagt waren: Sticker, Pferde, Smilys, Smily-Schriftzüge, lustige Sprüche und Stabilostifte. Wer die meisten Stabilostifte in den absurdesten Farben im Mäppchen hatte, der war schon mal nicht komplett uncool. So konnte selbst ansonsten sehr uncoole Menschen wie ich wenigstens irgendwie punkten.

Freundbuch 1993 - 1994

Außerdem voll im Trend: Beverly Hills 90210 und äh… irgendeine Boyband vermutlich. Den neuen fünfstelligen Postleitzahlen sei Dank konnte man sich auch sein eigenes 90210-Logo basteln, dann eben mit dem eigenen Stadtteil. Wir teilten sogar den eigenen Klassenkameraden Rollen zu, die sich irgendwie an den Figuren des Originals orientierten.

Freundbuch 1993 - 1994

Hier ein Beispiel dafür, wie man die Trendthemen 90210 und Sticker miteinander verknüpfen konnten. Von den Aufklebern finden sich noch andere in meinem Freundebuch, sie müssen in den Verpackungen irgendwelcher Schokoriegel gesteckt haben.

(Oben rechts steht übrigens: „Du bist ein Highlander“. Ich habe das mal für alle verwirrten Leser entziffert. Highlander war auch gerade hip.)

Beim Eintritt in die achte Klasse habe ich dem Freundebuch neue Fragen spendiert. Der Katalog wurde auf vier Seiten ausgeweitet, ab jetzt sind 77 Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten.

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Die Fragen wurden insgesamt etwas aggressiver. „Wen möchtest du am liebsten killen?“ ersetzte „Mein ärgster Feind“. Dazu kommt „Diese Songs kommen mir aus den Ohren raus!“, „Hassmoderator“ (wir fanden alle Ulla Kock am Brink doof) und Hassgameshow. Punkt 75, „Lieblingsvideoclip“, muss eine Verzweiflungstat gewesen sein. Wir hatten zu Hause weder VIVA noch MTV, YouTube gab es noch nicht, so dass ich auf eine halbe Stunde „Hit Clip“ im WDR (moderiert von Thomas Germann) angewiesen war, um irgendwie halbwegs up to date zu sein. Ich war jetzt wohl in der Pubertät.

Bezeichnend für die Neunziger waren auch schlimme Poster mit Farbverlaufshintergrund und Delfinen, Pferden, Palmenstränden, küssenden Pärchen oder (offensichtlich) Hundewelpen.

Freundbuch 1993 - 1994

Dafür war der Musikgeschmack jetzt noch wichtiger geworden, so dass besonders fleißige Ausfüller mit dem Aufzählen der Lieblingssongs mehr als eine Seite füllen konnten.

Freundbuch 1993 - 1994

Zum zweiten Halbjahr des achten Schuljahrs wechselte ich die Schule und das Krümelbuch bekam noch mal neue Fragen spendiert (4 1/4 Seiten, 80 Fragen). Meines Wissens gibt es auch noch ein zweites Buch, in dem die Fragen altersgemäß noch individueller wurden. Das war aber in den mitgebrachten Kisten nicht zu finden.

Von außen sah es übrigens so aus. Was in den Neunziger Jahren sonst noch angesagt war: Diddl-Mäuse, Umweltpapier und Marmormuster. Wie die Irren marmorierten wir alles, was uns in die Finger kam. Die Papierindustrie erkannte den Trend und lieferte entsprechend ab.

Freundebuch von außen

Die Nostalgiereihe geht natürlich weiter. Wer sofort mehr haben will, der guckt bei Alexandra Tobor vorbei, die für ihren neuen Roman Minigolf Paradiso [Amazon-Werbelink] wieder Betreutes Lesen anbietet und dabei bis zu den Hüften in den Neunzigern watet.

12 von 12 im Juni 2016

Weil Sonntag war, habe ich mal wieder 12 Bilder von meinem Tag gemacht. Allerdings ist ein Sonntag, der zu Hause verbracht wird, nur mäßig spannender als ein Werktag, der größtenteils im Büro verbracht wird, insofern sollte man jetzt hier keine großen Aktivitäten erwarten, ich habe den ganzen Tag lang noch nicht mal eine ordentliche Hose angezogen.

Aufwachen um 11 Uhr und erstmal bekloppte Träume aufschreiben. (WTF, Unterbewusstsein!?) #1von12 #12von12 #twitter

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Aufgewacht um 11 Uhr. Mein Mann ist schon längst oben in seinem kleinen Studio und ich schreibe erstmal meine Träume auf. Irgendwas mit meiner Abschlussprüfung für die Ausbildung, die ich wiederholen musste und später etwas in einer neuen Firma, bei der wir erstmal Hautcreme testeten. Neues Traumfeature: Gerüche. Eine der Hautcremes roch nämlich nach Paprika.

Erstmal Wäsche machen aka erstmal Waschmittel aus dem Keller schleppen. #12von12 #2von12 #twitter

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Wer waschen will muss erstmal das neue Waschmittel aus dem Keller schleppen, wo ich es gelagert hatte, als ich einmal keinen Bock hatte, mit dem Paket noch schnell drei Etagen hochzulaufen. Dabei noch ein paar CDs aus den Kellerkisten mit nach oben genommen, um sie in iTunes einzuspielen (nicht im Bild).

Zur Abwechslung mal wieder ein Chai Iced Latte. #12von12 #3von12 #twitter

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Zum Frühstück ein Chai Iced Latte. Oder Iced Chai Latte. Oder… ach, egal. Kann ich auch mal wieder öfter machen.

Den Mann im Studio besuchen. #12von12 #4von12 #twitter

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Dann besuche ich meinen Mann in seinem Studio. Das Studio ist unser ehemaliges Wohnzimmer, aber jetzt hier kein Sofa und kein Fernseher mehr, ondern ein Schreibtisch mit viel Elektronikzeugs und Instrumente. Instrumente stehen bei uns aber sowieso überall rum, da ist das Studio keine Besonderheit.

Dinge in ein Mikro singen. #12von12 #5von12 #twitter

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Dann singe ich Dinge in ein Mikro. Allerdings zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend ohne Text, denn den gibt es noch nicht. Es gibt die ersten vier Zeilen, dann noch zwei zwischendrin und den Refrain. Der Song ist aber leider sehr textlastig angelegt. Fragen Sie nicht, wieso das so ist, Songs entscheiden selber, ob sie textlastig sind oder nicht, der hier ist textlastig, nur dass ich bisher zu faul war, einen zu schreiben.

Songtexte ausdenken. The hardest part. #12von12 #6von12 #twitter

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Das ist der Refrain übrigens, den gab es ja schon. Tatsächlich wurde der ganze Song nur geschrieben, weil mir die erste Zeile des Refrains in den Kopf war und ich den Rest drumherum gebastelt habe. Es hätte auch eine Kurzgeschichte werden können, wenn ich Kurzgeschichten schreiben würde.

Songtexte schreiben ist das größte Problem beim Songschreiben, außer manchmal, da fluppt es, das passiert dann einfach so, aber leider viel zu selten. Tatsächlich muss ich mich nur mal zwei, drei Stunden hinsetzen und rumgrübeln, dann habe ich meistens etwas, aber wann hat man schon mal zwei, drei Stunden, die man sich hinsetzen und rumgrübeln kann. Dazu kommt noch, dass irgendwo im Hinterkopf eine ziemliche genaue Vorstellung sitzt, was textlich passt und was nicht und ich zumindest sehr genau weiß, was ich nicht will. In diesem Fall habe ich aber tatsächlich zwei, drei Stunden auf dem Teppich gelegen und Dinge aufgeschrieben und wieder durchgestrichen und nachher hatte ich einen Text. Ein Wunder!

CDs in iTunes importieren. Es hört einfach nicht auf. #12von12 #7von12 #twitter

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Zwischendurch CDs in iTunes importieren. Ich trage ja den alten Rechner meines Mannes auf und habe zur Abwechslung beschlossen, nicht einfach meine alte Bibliothek rüberzukopieren, sondern alles schön neu einzuspielen. Dabei stolpert man nämlich über CDs, die man längst vergessen hat, das ist ein schöner Effekt. Dafür muss man allerdings auch ausreichend CDs haben, um welche zu vergessen, was bei mir glücklicherweise der Fall ist.

Abendessen machen. #8von12 #12von12 #twitter

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Zum Abendessen gibt es Hähnchensticks aus dem Ofen à la Stevan Paul, das Rezept war in der neuen Lecker. Ich hab mich aber wie ein chefkoch.de-Nutzer aufgeführt und Cranberrysaft statt Ananassaft genommen und Panko war auch nicht da, also habe ich Semmelbrösel genommen, letzteres stand immerhin als Alternative im Rezept. Und weil es beim Stadtteil-Edeka keinen Estragon mehr gab, gab es auch keine Estragonerbsen, sondern zwei Sorten Salat. Wenn es nicht so lecker gewesen wäre, würde ich ein bisschen verschämt gucken, aber es war wirklich sehr lecker und ich bereue nichts.

Freundschaftsbändchen fertig geknüpft. (File under: Dinge, die man nicht verlernt.) #twitter #12von12 #9von12

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Bei dem alten Schul- und Bücherkram, den ich letztens bei meinen Eltern aus dem Keller und mit nach Essen geschleppt habe, war auch mein Freundschaftsbändchenkörbchen. Neben ungefähr zwanzig fertigen Freundschaftsbändchen im Körbchen hing ein angefangenes am Körbchen und am Wochenende habe ich testweise ausprobiert, ob meine Freundschaftsbändchenknüpfskills noch on par sind. Jetzt kann ich sagen: Freundschaftsbändchen knüpfen ist wie Fahrrad fahren. Man verlernt es einfach nicht.

Na gut. #12von12 #10von12

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Fußball gucken. Sie kennen das.

Tatsächlich bin ich exakt alle zwei Jahre Fußballinteressiert, außerhalb von EM und WM sinkt mein Interesse auf der Stelle auf Null. Ich habe schon versucht, andere Fußballspiele zu gucken, sterbe dann aber leider vor Langeweile. Warum das so ist, weiß ich nicht.

Joghurtmousse nach @nutriculinary und Pfirsichlavendelsorbet mit Beerenzeugs. #11von12 #12von12 #twitter

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Zum Nachtisch gibt es Joguhrtmousse mit Pfirsichlavendelsorbet. Das Rezept für die Joghurtmousse ist ebenfalls von Stevan Paul, ich habe allerdings keine Zeit gehabt, die Mousse über Nacht abtropfen zu lassen. Ein paar Stunden im Kühlschrank haben aber offensichtlich auch gereicht, das nur als Hinweis für alle Nachahmer. Das Pfirsichlavendelsorbet ist weniger spektakulär als erhofft.

Nachtschrankchaos. #12von12

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Viel zu spät ins Bett. Auf dem Nachttisch ist Chaos, aber wenn man das Licht ausmacht, sieht man’s ja nicht.

#rpTEN-Nachlese, Teil 1

Mittlerweile im vierten Jahr habe ich mich auf der re:public rumgetrieben und mittlerweile im dritten Jahr mit eigenen Vorträgen. Der erste davon war direkt am Montag, weswegen ich auch am Montag nicht viel anderes gemacht habe, als mit Leuten zu reden, eine Präsentation zu Ende vorzubereiten, dann immerhin noch einen Vortrag angeguckt habe und dann weiter mit Leuten geredet habe, bis ich dachte, ich treffe vielleicht doch kurz vorher noch mal den anderen Menschen, mit dem ich zusammen auf der Bühne stehen sollte (das ist eine längere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden kann).

Es hat dann aber alles doch überraschend gut geklappt, fast so, als hätten wir uns vorher lange und detailliert abgesprochen und nicht einfach glücklicherweise zum gleichen Thema unterschiedliche Sichtweisen angestrebt.

Angucken kann man das ganze hier, ich rede im zweiten Teil (ab ungefähr Minute 15) darüber, warum Science Fiction gut für uns ist. Man kann sich das aber schön alles angucken, denn auch Uri erzählt ja interessante Dinge über Science Fiction und was wir von ihr lernen können.

Und was ich sonst noch in Berlin so allgemein und auf der re:publica so im Besonderen erlebt habe, das erzähle ich dann alles in den nächsten Tagen.

Bahnhofsszenen

Ich muss eine Stunde früher zur Arbeit, schon in der U-Bahn habe ich das Gefühl, dass die Leute in der 6:38-Uhr-Bahn noch schlechter gelaunt aussehen als die in der 7:38-Uhr-Bahn. Wundern würde es einen ja nicht.

Auf dem Bahnsteig, rechts Gleis 2, auf dem mein ICE schon steht, links Gleis 1, auf dem… wait! WHAT?

Wagen um Wagen reiht sich der Roncalli-Zug auf dem Gleis, kleine bunte Wohnwagen, Trecker und andere Fahrzeuge, die ich nicht genau zuordnen kann. Auf dem Bahnsteig Menschen, die ihre Handys zücken und Bilder machen. EIN ZIRKUSZUG! EIN ECHTER ZIRKUSZUG!

Der Circus Roncalli, so las ich neulich, ist der letzte Zirkus Deutschlands, der noch auf Schienen transportiert wird. In der Wikipedia liest man dazu folgendes:

Bernhard Paul bevorzugt Bahntransporte und setzt daher als letzter Zirkus in Deutschland auf schienengebundene Zirkuszüge. Der Transport des gesamten Roncalli-Wagenmaterials mit über 80 historischen Zirkuswagen erfordert einen Güterzug mit einem Gesamtgewicht von 1.175 Tonnen und einer Zuglänge von rund 700 Metern; diesen zu entladen, dauert mehr als einen Tag. Bahntransporte erweisen sich aber zusehends als schwieriger, da beispielsweise die Deutsche Bahn geeignete Laderampen kaum noch in Betrieb hat.

Auch ich laufe natürlich am Bahngleis entlang und mache knips, knips, knips mit dem Handy.

Circus Roncalli

Zwei Zugbegleiter stehen im gelben Raucherrechteck.

„Da!“ sagt der eine. „Schon wieder eine!“

„Aber das ist so schön!“ sage ich, denn er hat ja mich gemeint.

„Versteh ich nicht“, sagt er. „Das ist doch nur ein Zirkus.“

„Aber das ist der letzte Zirkus, der noch mit dem Zug transportiert wird“, erkläre ich.

„Wenn man jetzt Bilder von mir machen würde, das würd ich ja verstehen, aber so…“, sagt er und ich überlege kurz, ob ich anbieten soll, noch ein Bild von ihm zu machen, entscheide mich dann aber dagegen und steige in meinen Zug.

Bei der Abfahrt gucke ich noch dem Roncalli-Zug hinterher. „Büffett“ steht auf einem Wagen. „Schneiderei“ auf einem anderen. Ich glaube nicht, dass so ein Zirkusleben was für mich wäre, aber für so einen kurzen Moment kann man sich fast einbilden, dass man gerne in einem Wohnwagen leben und auf Schienen durchs Land transportiert werden möchte.

Supermarktszenen

Im Supermarkt. Eine Frau schiebt ihren Einkaufswagen am Milchprodukteregal entlang, ihr Mann hält ihr einen Brombeerjoghurt hin, sie schüttelt nur den Kopf, sagt „Nein“ und schiebt den Wagen ungerührt weiter.

Der Mann möchte aber zumindest eine Erklärung für die Brombeerjoghurtablehnung. „Aber ich habe doch frische Brombeeren gekauft“, sagt sie.

Ich stupse meinen Mann an. „Ich habe gerade unsere Zukunft gesehen“, sage ich. Aber davon will er irgendwie nichts wissen.

Empörungs(un)wille

Es passieren Unglücke. Jetzt also wieder, in Brüssel. Es gibt Explosionen, Menschen sterben, die Nachrichtenticker laufen heiß und man kann sich nicht entscheiden zwischen abschalten und dranbleiben. Es ist alles schrecklich, alles so unbegreiflich, wer soll schon sagen, was man sagen könnte. Ich weiß das nicht.

Statt dessen beobachte ich mit zunehmendem Unmut bestimmte Standardreaktionen, die sich grob als moralische Medienschelte zusammenfassen lassen könnten. Zwei davon sind mir in der letzten Zeit wieder aufgefallen, sie sind aber beide nur ein Puzzleteil eines größeren Bildes des vermeintlich aufgeklärten Filterbubbleinternetmenschen. Der vermeintlich aufgeklärte Filterbubblemensch hat die nächste Erkenntnisstufe erreicht und stellt seit neuestem die Medien, die anderen Menschen und generell alles in Frage, was den hochgesteckten Ansprüchen nicht gerecht werden zu scheint. Dabei ist es nicht die einzelne Bemerkung, die das Problem ausmacht, nicht der einzelne Mensch, den ich oft kenne und mag und dem ich auch nichts Böses unterstellen würde, sondern die allgemeine Selbstverständlichkeit, mit dem diese Kommentare nicht nur geschrieben, sondern auch vielfach zustimmend abgenickt werden.

 

„Warum ist es eigentlich wichtig, zu wissen, ob unter den Toten Deutsche sind?“

Ich habe diese Frage nicht zum ersten Mal gehört und auch nicht zum ersten Mal beantwortet. Die latente Unterstellung bei dieser langjährigen journalistischen Praxis ist, so bilde ich mir jedenfalls ein, immer die Annahme, ein toter Deutscher wäre schlimmer als ein toter Belgier oder Franzose oder Türke oder Inder. Das sind doch alles Menschen! Wie kann man da einen Unterschied machen! Wem bringt das was?

Die Antwort ist einfach: Es bringt den Menschen etwas, die zu Hause sitzen, wohlwissend, dass ihre Tochter, ihr Enkelsohn, ihre Partnerin oder ihr Vater gerade irgendwo dort sind, wo das Unglück passiert sind. Natürlich kann man einfach anrufen. Was aber, wenn gerade niemand dran geht oder das Netz überlastet ist? Die Information, dass keine Deutschen unter den Opfern sind, bringt da vielleicht schon die nötige Erleichterung, man kann zwei bis zehn Gänge runterschalten und kann vielleicht mit weniger Sorge auf eine Meldung des anderen warten. Sollte sich hinter dieser Information doch noch etwas anderes verbergen, so lerne ich gerne dazu und bitte um Aufklärung.

Genauso könnte man bei einem Flugzeugabsturz auch fragen: „Warum ist es eigentlich wichtig, zu wissen, welches Flugzeug abgestürzt ist?“ Da sitzen doch immer Menschen drin, es ist doch egal, welcher Flug es war. Nur, dass die Nennung der Flugnummer weniger verwerflich ist, vielleicht weil sie einen Grad weiter von den Menschen selber entfernt ist. Weil wir eine Flugnummer eher als reine Information sehen, während wir der Nennung der Nationalität der Opfer eine andere Bedeutung unterstellen. Dabei ist eine Flugnummer für die Bewertung von Leben genauso irrelevant wie die Nationalität.

 

„Eine Todesnachricht als ‚BREAKING‘! Ist das nicht pietätlos?“

Nein. Nein, ist es nicht. Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber aus einer Eilmeldung über den Tod eines Menschen, der in der Öffentlichkeit stand, wird einfach keine Pietätlosigkeit, es sei denn, man bastelt sich selber eine zusammen. Eine breaking news ist erstmal eine Eilmeldung und eine Eilmeldung sagt zunächst nichts anderes als „Das ist gerade reingekommen und wir waren der Meinung, es ist so wichtig, dass die Menschen es sofort erfahren sollten, ohne dass wir erst einen langen Text dazu schreiben!“

Stünden Paparazzi vor der Tür, gäbe es Bilder von weinenden Angehörigen, stünden Journalisten mit gezückten Notizblöcken vor Krankenzimmern und würden alle paar Minuten klopfen und sich nach dem aktuellen Stand erkundigen, das wäre pietätlos. Doch ich gehe davon aus, dass das nicht der Fall ist, dass im Gegenteil die Angehörigen genau diejenigen sind, die den Zeitpunkt bestimmen, zu dem die Nachricht publik gemacht wird. Nicht zuletzt erfährt man von dem Tod vieler Berühmtheiten erst ein oder zwei Tage später.

Was übrig bleibt, ist die Eilmeldung und die Unterstellung, dass es den Medien nur darauf ankommen würde, immer der jeweils erste und schnellste zu sein. Statt dessen wünschen wir uns eine… was eigentlich? Eine zweistündige Karenzzeit, in der in den Redaktionen traurig die Köpfe gesenkt und mühsam die Tippfinger stillgehalten werden?

Vielleicht gibt es sogar nichts eiligeres als die Nachricht, dass ein Mensch nicht mehr ist. Nicht zuletzt ist es eine der wenigen Nachrichten, die ohne viele Erklärungen funktioniert. Ein Mensch ist gestorben, was gibt es da noch mehr zu zu sagen, kaum eine Nachricht ist wohl leichter verständlich und trifft gleichermaßen ins Herz. Die Geschwindigkeit, in der sich gerade Todesmeldungen auf Twitter und Facebook verteilen, die Anteilnahme, die R.I.P.-Tweets und die kurzen Erinnerungen, die nach so einer Meldung geteilt werden, sind vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass die Eile vielleicht nicht beim Tod, aber doch beim Öffentlichmachen desselben gar nicht zu verurteilen, sondern höchst menschlich ist.

 

Doch auch jenseits von Katastrophen und Todesmeldungen beobachte ich immer wieder, wie sich über die Empathielosigkeit der Mitmenschen beklagt wird. Tatsächlich kann ich mir kaum etwas Empathieloseres vorstellen als einem fremden Mensch das Fehlen einer der wesentlichen menschlichen Fähigkeiten abzusprechen. Diese Paradoxie wird leider nicht thematisiert. Statt dessen hagelt es auch hier Zuspruch, alle sind sich einig, dass alle anderen da draußen irgendwie doof sind.

„Empören zieht nichts nach sich. Es ist nur fürs Empören gut. Also lehne ich es ab. Ich bin also nur noch privat empört“, sagt Pia Ziefle. Empören ist menschlich, kaum einer von uns kann ohne, aber wir sollten immer überlegen, welche Empörung dafür geeignet ist, öffentlich ins Internet geschrieben zu werden und welche wir lieber abends auf dem Sofa unseren Partnern oder Freunden vortragen.

Natürlich rege ich mich auch über andere Menschen auf. Die, die sich vordrängeln, die, die über den Zebrastreifen fahren ohne zu gucken, die, die in der Bahn einsteigen, bevor alle ausgestiegen sind. Aber das Erkennen von Scheißverhalten macht mich nicht zu einem besseren Menschen genauso wenig wie das Scheißverhalten selber den anderen zwangsweise zu einem schlechten Menschen macht. Die Selbstverständlichkeit, mit der anderen Empathielosigkeit unterstellt wird, erschreckt mich jedes Mal. Dahinter steckt auch immer die Weigerung, anderen Menschen die Komplexität zuzugestehen, die wir für uns selber jederzeit in Anspruch nehmen.

 

Metaempörung ist auch Empörung

Es ist die ewige Suche nach dem Geschmäckle. Ein bisschen wie ein Wettbewerb, wer das Herz am rechteren Fleck hat. Die gute Nachricht ist aber: Das Herz sitzt bei uns allen am gleichen Fleck. Es ist auch gut, die Medien (was auch immer man darunter versteht) zu kritisieren, genauso, wie man auch langjährige Praktiken in Frage stellen kann. Möglicherweise sind sie ja tatsächlich überholt. Und doch beschleicht mich immer wieder diese leise Verdacht, es würde sich auch immer öfter aus Prinzip empört. Empören um des Empörens willen. Da hab ich gar keine Zeit zu, das ist mir viel zu anstrengend, raubt und saugt Energie, die man viel besser für schönere Dinge gebrauchen könnte. Als Hobby finde ich das nicht empfehlenswert, weder für mich noch für andere.

Eventuell haben wir aber bei der dauernden Suche nach Weltverbesserungspotential auch ein bisschen die Orientierung verloren und stürzen uns lieber auf Nichtigkeiten anstatt uns gelegentlich zurückzulehnen und „Ach, eigentlich ist auch nicht immer alles schlimm!“ zu seufzen. Vielleicht haben wir zwar immer noch viele Baustellen, aber auch schon einiges geschafft.

„Aber mit jedem Beitrag, den man über die falsche Empörung anderer schreibt, macht man sich zu einem Teil der Empörungsmaschine“, warnt Kathrin Passig mich, als ich mich über die Empörung der anderen empöre. „Metaempörung ist auch Empörung.“

Natürlich hat sie Recht. Eigentlich will ich mich gar nicht empören. Wenn mir das Internet eines gezeigt hat, dann, dass wir alle ohne Ausnahme im Laufe unseres Internetlebens dumme Dinge schreiben ohne dass es uns gleich zu schlechten Menschen machen würde. Da draußen ist es auch nicht anders. Wer weiß schon, wie oft wir uns aus Versehen rücksichtslos verhalten ohne es zu merken, weil wir gerade in Gedanken sind, mit uns selbst beschäftigt, in Eile. Etwas mehr Gelassenheit mit der Fehlbarkeit unserer Mitmenschen und unserer eigenen Fehlbarkeit tut nicht nur gut, es schafft auch Raum und Zeit, um uns über die wirklich wichtigen Dinge empören zu können. Das wäre doch auch schön.

Die anderen Leute

Wenn man in der Stadt lebt, dann lebt man mit anderen Leuten zusammen. Je nachdem, wo man wohnt und wer man ist und wer die anderen Leute sind, kennt man die Nachbarn im eigenen Haus oder eben nicht. Beides ist in Ordnung. Wenn ich in Essen im Sommer durch den Stadtpark gehe, dann ist dieser voll mit kleinen Gruppen von Mensche, die auf Einweggrills Würstchen grillen, in der Sonne liegen oder Federball spielen. Das Aalto-Theater liegt auch im Stadtpark und ich finde kaum etwas schöner als de Kontrast der Leute, die in der Pause mit Sektgläsern auf der Opernterrasse stehen, während weniger Meter weiter Studenten im Gras sitzen und es ist völlig egal, auf welcher Seite man ist. Alles passiert nebeneinander und durcheinander und es sind solche Momenten, bei denen ich denke, dass das Leben in der Stadt in viel höherem Maße sozial ist als das auf dem Dorf, denn hier muss ich mich dauernd mit neuen Leuten auseinandersetzen, Leuten, die ich nicht kenne und deren Lebenswelt vielleicht eine ganz andere ist als meine, aber wir teilen uns einen Park und wir sind beide gerade hier, auch wenn wir uns wahrscheinlich danach nie wieder sehen. Das ist so eine schöne Semianonymität, mit der ich gut leben kann.

Die Leute in unserem Haus kenne ich zum Beispiel, aber das Haus ist auch nicht groß und wir wohnen immerhin schon fünf Jahre da. Und dann gibt es noch die anderen Leute, die man fast jeden Tag sieht, die bekannten Gesichter in der Straßenbahn, die genauso jeden Tag um 7:30 Uhr morgens an der Haltestelle stehen und auf die U17 warten. Die zwei Kinder mit ihrer Mutter, die offensichtlich Britin oder Amerikanerin ist, denn sie spricht Englisch mit ihren Kindern. Der Teenager, der sich im Tunnel in der Fensterscheibe spiegelt und die Frisur prüft. Am Hauptbahnhof steigen die meisten aus, drängen sich durch die Wartenden und da verlieren sich dann unsere Wege wieder.

Wir reden nicht. Immer wieder sitzen wir uns gegenüber, lernen ein bisschen mehr über den anderen oder auch nicht. Immer wieder frage ich mich, ob die anderen Leute über mich auch denken „Ach, die schon wieder. Wo die wohl hinfährt? Wie die wohl heißt? Was die wohl so macht?“, aber sie fragen mich ja nicht, genauso wenig, wie ich es fragen würde, obwohl ich es ja auch immer wieder denke.

Und dann reden wir doch. Letztens zum Beispiel, als die Bahn etwas später kam, so dass ich zur nächsten Haltestelle weiter lief, aus Ungeduld und für den Schrittzähler. An der nächsten Ecke kam mir eine Frau entgegen, die mit den schulterlangen grauen Haaren und der Mütze. Etwas verwundert guckte sie mich an, ob denn etwas wäre. Nein nein, sagte ich, die Bahn komme nur etwas später, und dann würde ich immer zur nächsten Haltestelle gehen, aber sie kommt, die Bahn.

Oder letzte Woche in der Bahn, ich saß neben dem Mann mit Bart und der coolen Schiebermütze und der Aktentaschen, auf die ich ein bisschen neidisch bin. Der Mann, von dem ich weiß, dass er nicht nur mit mir in der U17 fährt, sondern danach auch in den gleichen Zug nach Köln steigen wird. Erst in Deutz laufen wir in andere Richtungen. „Nächste Woche fahren die Bahnen wieder“, jubelt er. „Juchu!“ jubele ich zurück. Wir fachsimpeln ein bisschen über die seltsame Streckenführung, fragen uns, wo der Zug wohl langfährt, wenn der Halt in Düsseldorf entfällt, sind aber vor allem froh, dass das Elend der letzten drei Monate, in denen das abgebrannte Stellwerk repariert und unser Arbeitsweg erheblich beeinträchtigt war, vorbei sind.

Wir reden nicht dauernd, die anderen Menschen und ich. Wir möchten auch unsere Ruhe haben, morgens in der Bahn, die heilige Zeit, die man sich in den Sitz lehnen kann und mit niemandem plaudern muss. Aber wir wissen, wer da noch an der Haltestelle steht und manchmal gibt es ein weiteres Puzzlestück dazu und manchmal auch nicht, es ist auch völlig egal. Manche Menschen kommen dazu, andere sind auf einmal nicht mehr da. Umgezogen, Job gewechselt, andere Arbeitszeiten. Wir leben in der Stadt und kennen auch nur ein paar Leute, aber so viel mehr, die wir grüßen, wenn man sich auf der Straße begegnet, der Typ vom Büdchen, die Frau vom Edeka, die von der Currywurstbude, die von gegenüber und der nebenan. Aber wir kennen uns irgendwie.

Vielleicht muss es gar nicht immer ein Miteinander sein. Für den Alltag ist so ein durcheinanderes Nebeneinander völlig ausreichend und das Miteinander heben wir uns für die besonderen Tage auf.

Die traurigen Paare im Restaurant

Es gibt dieses Bild von dem alten Ehepaar, das sich im Restaurant gegenübersitzt und die ganze Zeit nicht miteinander redet. Das arme Ehepaar denkt man, die armen Menschen, so traurig, sie haben sich nichts mehr zu sagen. Sitzen nur da, essen und trinken wortlos und wechseln nur gelegentlich einen Blick. So will man nicht werden, immer will man mit seinem Partner reden können, nie alles gesagt haben, nie so langweilig werden, so eingefahren, schrecklich ist das, schrecklich.

Mein Mann und ich sind seit über 16 Jahren zusammen, in einem Monat feiern wir unseren elften Hochzeitstag. Wir sehen vielleicht nicht so aus, aber wir sind dieses alte Ehepaar. Wir wachen jeden Tag gemeinsam auf, liegen jeden Abend zusammen auf dem Sofa, gehen jeden Tag zusammen ins Bett, vielleicht nicht immer zeitgleich. Wir telefonieren zwischendurch, gehen zusammen einkaufen, in letzter Zeit kochen wir sogar ab und zu gemeinsam, es ist ein Wunder!

Wenn wir auf dem Sofa liegen und mein Mann sagt „Ich habe eine Idee, was wir machen!“, dann kommt es vor, dass ich ihm die Idee in Einzelteilen aufsagen kann. Wir haben über 5.000 Tage miteinander verbracht und unsere Kreativität hat auch ihre Grenzen, das ist keine Kunst. Wir können Sachen sagen wie „Hier, der sieht aus wie der Dings!“ und der andere weiß, wen wir mit Dings meinen. Es ist alles nicht mehr so wahnsinnig aufregend und neu, aber man muss auch nicht dauernd irgendwas erklären, das ist auch schön.

Wir sind also das alte Ehepaar, das im Restaurant sitzt und die ganze Zeit nicht miteinander redet. Schrecklich ist das, schrecklich. Man schämt sich schon fast ein wenig, welchen Eindruck macht man da eigentlich? Was sollen denn die Leute am Nebentisch denken? Die denken bestimmt „Ach, schlimm, so ein trauriges Paar hat sich nichts mehr zu sagen.“

Das stimmt allerdings alles gar nicht, die Wahrheit ist nämlich ganz anders. Wir sind das glückliche alte Ehepaar, das nicht dauern reden muss. So schön. Statt dessen können wir uns ganz den Gesprächen am Nebentisch widmen, wo irgendwelche Businesshansel irgendwelchen anderen Businesshanseln vermeintlich wichtige Dinge erklären oder wo Abiturientinnen sich über ihre Mitschüler aufregen. Wir lauschen und lauschen, innerlich können wir uns kaum halten vor lauter Kichern und auf dem Nachhauseweg unterhalten wir uns über die Gespräche am Nachbartisch. Man glaubt ja gar nicht, was die Leute alles für Geschichten erzählen.

Wenn Sie also das nächste Mal Mitleid mit dem traurigen Paar am Nebentisch haben, weil die sich nichts mehr zu sagen haben, das müssen Sie nicht. Es ist nicht so, dass wir uns nichts mehr zu sagen hätten, vielleicht sind wir nur so still, weil wir Ihnen gerade so gespannt zuhören.