Eis auf dem Wupperweiher

Es ist Winter und Natascha und ich kommen gerade vom Fressnapf, wo Natascha regelmäßig nach der Schule kiloweise Futter für ihre Heimzoo kauft und ich geh dann mit, weil mit 16 (vielleicht auch schon 17) hat man ja auch selten was Besseres zu tun, also läuft man eben zu zweit noch ein bisschen rum. Mal abgesehen davon, dass es bei Fressnapf so ein lustiges Nagetierfutter-Zusammenstellding gibt, das ich sehr faszinierend finde, obwohl ich gar keine Nagetiere habe.

Jedenfalls ist Winter und es ausnahmsweise mal so kalt, dass der Wupperweiher zugefroren ist. Im Wupperweiher ist allerdings auch noch ein Springbrunnen und der ist an. Und deswegen ist um den Springbrunnen herum auch kein Eis.

Natascha und ich laufen also so da lang und gucken auf den Wupperweiher runter, wo ein kleiner, etwas behäbiger Junge auf dem Eis rumschlittert. Er schlittert rum und noch ein bisschen rum und immer weiter auf dem Eis herum und nähert sich dabei doch deutlich bedenklich dem Springbrunnenbereich, wo das Eis immer dünner wird und irgendwann gar keins mehr ist.

Das gucken wir uns so an, Natascha und ich, wie der kleine Junge immer immer weiter Richtung Springbrunnen schlittert. Ich kann nur vermuten, dass wir beide noch an den normalen Menschenverstand glauben, sonst hätten wir vielleicht irgendwas Warnendes gerufen.

Wir rufen aber nichts. Statt dessen sagt eine von uns beiden nur: “Pass auf, gleich bricht er ein.”

Exakt in diesem Moment, wirklich exakt, gibt es ein Platschen. Das Eis ist gebrochen.

Vollkommen unpassend, aber auch vollkommen verständlicherweise müssen wir beide erstmal etwas hysterisch lachen. Es ist zu absurd. Es ist wie im Film. Sowas passiert doch nicht in Wirklichkeit. Erstens bricht in der Wirklichkeit niemand ins Eis ein und zweitens erst recht nicht genau in dem Moment wo man es prophezeit.

Dann beruhigen wir uns aber relativ schnell wieder, denn was hier eigentlich passiert ist, ist, dass jemand ins Eis eingebrochen sind und das ist, so munkelt man wenigstens, wir haben’s ja noch nicht erlebt bis jetzt, keine gute Sache.

Irgendwas in meinem Kopf sagt “Leiter”. Ich weiß nicht, woher ich das weiß, ich weiß auch noch nicht mal, ob es wirklich stimmt, aber irgendwo habe ich irgendwann wohl mal gehört, dass man eine Leiter holen soll, um jemanden an Land zu ziehen, wenn er ins Eis eingebrochen ist und es scheint mir auch durchaus schlüssig. Eine Leiter ist lang, man kann sie aufs Eis legen und sie hat Sprossen, an denen man sich festhalten kann.

Und deswegen laufe ich einfach zum nächsten Haus und klingele dezent Sturm.

“Da ist ein Junge ins Eis eingebrochen und wir brauchen jetzt eine Leiter”, sage ich, als die Tür aufgeht und dann laufen wir zur Garage und holen eine Leiter und laufen damit ans Ufer des Wupperweihers, wo der Junge schreiend und heulend im kalten Wasser hängt.

Die Leiter brauchen wir gar nicht, irgendjemand, der auch in der Nähe war, hat einen dicken Ast gefunden, der wie ein Y gewachsen ist und irgendwie schaffen sie es, den Jungen ans Ufer zu ziehen.

Und es ist auch schon jemand von der Feuerwehr oder vom Rettungsdienst da, wo auch immer der herkam, ich erinnere mich nicht mehr und das war immerhin Ende der Neunziger, als sich das Telefon standardmäßig noch zu Hause befand und nicht in der Hosentasche steckte.

Der Mann von der Feuerwehr (oder vom Rettungsdienst) hält Natascha und mir erstmal eine Standpauke, weil der Ast wohl vollkommen ungeeignet gewesen wäre oder so. Warum er das ausgerechnet uns sagt, ist mir unklar, denn mit dem Ast und mit der eigentlichen Rettung hatten wir ja gar nichts zu tun und ich hab immerhin eine Leiter geholt. Eine Leiter! Kein Ast!

Netterweise fällt dem Mann dann aber doch noch ein, dass es vielleicht ein bisschen kontraproduktiv und tendenziell unhöflich ist, Leuten eine Standpauke zu halten, wenn sie gerade, zwar etwas hilflos, aber immerhin, versucht haben, ein Kind aus dem Eiswasser zu ziehen und er bedankt sich dann doch noch mal dafür, dass man überhaupt irgendwas getan hat.

Und das ist die Geschichte vom Wupperweiher und wie ein Junge eingebrochen ist und wir erstmal gelacht und dann eine Leiter geholt haben.

 

Daily Music: This Time von Anne Schüßler

Aus gegebenem Anlass hier mal ein bisschen Selbstdarstellung. Vom Auftritt heute gibt’s kein Bild, kein Video, keinen Ton. Aber es gibt das hier, es ist bestimmt zehn Jahre alt, aber ich mag es immer noch.

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Aktion: Eine Tasse für Anne

Leute, Leute, ich hab’s gemacht. Mein weder passiver noch aggressiver, sondern freundlicher und problemlösungsorientierter Brief an die Bürokollegen, die immer und immer und immer wieder meine Tasse klauen.

Nun ist es leider so, dass bei uns die absurde Regel gilt, dass Tassen, die im Büroschrank stehen, zur freien Verfügung stehen. Man kann das nur umgehen, indem man die Tasse dauerhaft bewacht, aber das funktioniert nicht so gut, wenn man diese auch mal in die Spülmaschine stellen will und dann am nächsten Tag zum Beispiel erst um 10 Uhr auf die Idee kommt, einen Kaffee zu trinken.

Insofern kann nur noch die Aktion “Eine Tasse für Anne” helfen, und so hilf mir Gott, ich bin kurz davor, eine Domain zu beantragen und das alles mit ausführlichem Bildmaterial und Hintergrundinformationen aufgepeppt noch im Internet zu veröffentlichen.

Aber nun zu dem, von dem ich noch nicht sicher weiß, ob ich’s wirklich an die Büroschranktür kleben will oder ob das vielleicht falsch aufgefasst werden könnte. Es hat auf jeden Fall unglaublich viel Spaß gemacht, das zu schreiben, allein dafür hat sich das schon gelohnt.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich wende mich heute in einer ernsten Angelegenheit an Sie.

Zur Erklärung möchte ich vorab den folgenden Sachverhalt anhand von Bildbeispielen deutlich machen:

Bild A) Hässliche Tasse, passt nicht viel rein, traurig und unbeliebt.

Bild B) Wunderschöne Tasse mit großartigem Motiv, passt schön viel rein, edel und massiv verarbeitet, macht glücklich und ist sehr beliebt.

Ich habe schon mehrfach versucht, die auf Bild B abgebildete, zu meinem Privateigentum gehörende Tasse dauerhaft in meinem Besitz zu halten und habe auch schon zu so drastischen Mitteln wie Schreibtischdauerarrest gegriffen.

Das birgt jedoch andere Problematiken in sich, und ich bin nach intensivem Nachdenken zu dem Schluss gekommen, dass ich diese Tasse auch gerne gelegentlich mit Hilfe moderner Technik reinigen möchte, um so u.a. der Entstehung neuer Lebensformen auf Basis von Kaffeeresten Einhalt zu gebieten.

Dementsprechend stelle ich diese Tasse gelegentlich abends in die Spülmaschine. Am nächsten Tag ist sie dann leider oft verschwunden; tage–, wochen–, manchmal monatelang wird sie auf fremden Tischen gefangen gehalten.

Die Konsequenzen sind akutes Heimweh, Traurigkeit, Depressionen und nicht zu ertragener Weltzweifel. Kurz gesagt: Es ist kaum auszuhalten. Ich brauche wohl nicht anzumerken, dass der Erfolg der Abteilung und des Unternehmens nicht zuletzt auch davon abhängt, ob diese Tasse auf meinem Schreibtisch steht oder auf einem anderen.

Ich verstehe ja durchaus, warum sich diese Tasse so äußerster Beliebtheit erfreut, aber entgegen allen Gerüchten ist diese kein von nordwalisischen Künstlerhänden getöpfertes, handbemaltes Unikat, sondern tatsächlich frei im Handel erhältlich (sehen Sie dazu bitte den Infokasten “Ich will auch so ’ne Tasse!”).

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“Ich will auch so ’ne Tasse!”

Diese Tasse ist käuflich für einen erstaunlich geringen Betrag in so ziemlich jeder Starbucks-Filiale in Köln zu erwerben, mit anderem –  ähnlich hübschem –  Motiv (aber gleicher Größe und Ausführung) auch in jeder anderen Starbucks-Filiale der Welt.

Ich bin gerne bereit, Ihnen eine Tasse mit Motiv “Köln” oder “Ruhrgebiet” (auf Anfrage auch “Düsseldorf”) mitzubringen (Bezahlung bei Übergabe, wahlweise Vorkasse). Gerne informiere ich Sie auch über meine aktuellen Reisepläne, sollten Sie ein Interesse an exotischeren Motiven haben.

Bei weiteren Fragen oder zur Vereinbarung von Details wenden Sie sich einfach vertrauensvoll an mich.

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Ich bitte Sie also in Zukunft auch an das Seelenheil Ihrer Kollegin zu denken, und auf jegliche Art von Tassenentführungen zu verzichten.

Ich freue mich auf eine langjährige Zusammenarbeit und vertraue auf Ihre tatkräftige Unterstützung bei unserer Aktion “Eine Tasse für Anne”.

Anne Schüßler