Category: Köln

Phonophobia – Die drei ??? live in der Lanxessarena in Köln (27.3.2014)

IMG_4896

Der Abend beginnt etwas chaotisch und mit optimierbarer Kommunikation. Dazu muss man erstens wissen, dass bei uns die Kulturplanung meistens so läuft, dass ich irgendwelche Karten kaufe und den Mann vor die Tatsachen stelle. Das funktioniert deswegen, weil wir beide so gestrickt sind, dass wir fast alles mitmachen, was irgendwie ganz interessant klingt. Andersrum funktioniert es übrigens auch, nur dass ich eben öfter Karten kaufen als er. Zweitens muss man wissen, dass an diesem Tag in Essen-Rüttenscheid eine alte Weltkriegsbombe gefunden wurde und wir anscheinend in irgendeinem Einzugsgebiet lagen, so dass es schon mal damit anfing, dass der Mann nicht mehr noch mal kurz nach Hause fahren konnte, um sich eine Jacke zu holen, sondern direkt vom Büro aus nach Köln fahren musste.

Und dann war es eben so, dass ich offenbar nicht ausreichend gut kommunizierte, womit wir am Abend zu rechnen hatten. Auch die in ein Telefongespräch eingebaute Bemerkung “das ist in der Lanxessarena und die ist ausverkauft” half da nicht. (Dialog bei Ankunft an der Arena: “Was geht denn hier?” “Ich hab doch gesagt, es ist ausverkauft.” “Du hast auch gesagt, es ist ein Hörspiel.”) So kam es dann also, dass wir uns doch etwas später als geplant Sitze im Innenraum suchen mussten und dementsprechend weit hinten saßen, und eben – dazu kommen wir dann später noch – das Auto auf der elften Etage des Parkhauses stand. Ganz, ganz, ganz weit oben.

Aber letztlich war ja dann doch alles gut. Wir saßen, aßen Hot-Dogs und tranken Bier und warteten darauf, dass es losging. Die Bühne rot-weiß-blau beleuchtet, drei Mikrofonständer darauf und dann ging es auch relativ pünktlich los. Die drei ??? live. Auf der Bühne. In der ausverkauften Lanxessarena mit 12.000 Fans. Also. 11.999 Fans und mein Mann.

Die Anfangssequenz mit asiatischer Musik und einem japanischen Dialog, der nicht erklärt wurde (auch nicht auf dem Bildschirm dahinter), aber dessen Bedeutung sich immerhin im Laufe der Geschichte erklärte. Dann blauer Himmel, ein heruntergelassener Heißluftballon und den mit dem Jubel von Tausenden begrüßten Stimmen von Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Über die Geschichte will ich zur Abwechslung mal nicht so viel erzählen, denn die Tour läuft ja noch. Anders als bei einer Wagneroper sehe ich bei der Geschichte des Live-Hörspiels jetzt auch nicht unbedingt einen Bildungsauftrag.

So viel sei gesagt: Es geht um Synästhesie, um eine Sinfonie des Angst (das ist auch der Untertitel von “Phonophobia”, fasst es aber tatsächlich überraschend gut zusammen), um ein geheimes Forschungslabor und… ach nein, alles andere wäre schon zu weit vorausgegriffen. Die eigentliche Frage lautet ja vielmehr: Was ist das überhaupt, so ein Live-Hörspiel? Was passiert da? Lohnt sich das?

IMG_4898

In diesem Fall läuft das so: Die drei Sprecher der berühmten Detektive stehen in Anzug und mit Fliege auf der Bühne und tun vermutlich ungefähr genau das, was sie sonst in der etwas intimeren Atmosphäre eines Tonstudios (und vermutlich nicht mit Anzug und Fliege) tun. Nämlich ein Hörspiel sprechen. Die anderen Rollen werden von zwei Sprecherinnen und einem weiteren Sprecher übernommen. Außerdem gibt es einen Geräuschemacher mit allerlei wildem Zubehör (MELONE!) und eine kleine Band. So weit, so gut.

Natürlich bleibt es nicht beim Sprechen. Es wird rumgelaufen (oder so getan, als ob), zwischenzeitlich wird auch mal die Position auf der Bühne gewechselt. Wenn Justus an die Tür klopft, klopft er eben ins Leere, und der Geräuschemacher übernimmt den Ton. Und wenn die zu öffnende Tür eben knarzt und klemmt, dann hört man das nicht nur, sondern sieht auch, wie Oliver Rohrbeck die imaginäre Klinke runterdrückt und langsam die imaginäre Tür öffnet. Zusätzlich gibt es noch die große Monitorwand hinter der Bühne, die entsprechend genutzt wird, um die aktuelle Umgebung zu zeigen oder auch einen spektakulären Ritt auf einer (leider etwas kaputten) Seilbahn mit einer Animation im wahrsten Sinne des Wortes zu untermalen.

Eine Folge der drei ??? ist üblicherweise ungefähr eine Stunde lang, “Phonophobia” dauert gut zweieinhalb Stunden mit Pause. Auch sonst merkt man der Geschichte an, dass sie eben nicht für ein Audiohörspiel geschrieben wurde, sondern für eine Tour durch Deutschlands Stadien erdacht wurde. Alles ist ein bisschen größer als sonst, das Finale kommt fasst etwas überdreht daher, das tut dem Gesamtvergnügen aber keinen Abbruch. Dafür gibt es nicht nur eine Tanzeinlage, die Andreas Fröhlich, Oliver Rohrbeck und Jens Wawrczeck doch ein bisschen aus der Puste bringen, sondern auch viele kleine Anspielungen auf die lange Geschichte der drei Detektive aus Kalifornien. Man kann sich das ungefähr wie folgt vorstellen (und hier folgt nun doch ein kleiner Spoiler, wer also nicht mehr wissen will, überspringe den folgenden Dialog einfach):

“Im Black Canyon? Aber da ist doch das…”
“… Gespensterschloss!”
(Frenetischer Jubel aus dem Publikum.)
“Wie lange ist das bloß her?”
Kleine Denkpause.
“34 Jahre.”
(Noch frenetischerer Jubel aus dem Publikum.)

So ein Live-Hörspiel der drei ??? ist ganz klar eine Fanveranstaltung. Kollektives Hörspielhören mit Wohlfühlfaktor und Insiderwitzen und natürlich den Stars vieler Kindheiten live auf der großen Bühne. Das heißt aber nicht, dass man nicht auch als Nichtkenner der Hörspielreihe seinen Spaß haben könnte. Der Mann hat zwar keine leuchtenden Augen wie ich sie vermutlich habe, ist aber auch nicht gelangweilt und durchaus amüsiert.

Zum Schluss gibt es Standing Ovations für alle Beteiligten. Das waren zweieinhalb Stunden schönster und vor allem unglaublicher sympathischer Unterhaltung mit großartigen Akteuren und einem sehr dankbaren Publikum. Wir schlüpfen zwar noch während des Applauses aus dem Saal und eilen zum Parkhaus, das hilft aber auch nicht weiter, schließlich müssen wir noch zahlen und als wir dann oben angekommen sind, ist schon offensichtlich, dass wir so schnell hier nicht rauskommen. Das verschafft uns noch ein Zwischenspiel beim McDonald’s im Deutzer Bahnhof, aber als wir dann wiederkommen, können wir dann auch rausfahren. Um halb eins fallen wir ins Bett. Aber, das muss man sagen, es hat sich gelohnt.

Die Tour geht noch weiter. Ob es noch Karten gibt, weiß ich nicht, ansonsten gab es zumindest in Köln den ein oder anderen Menschen, der noch vor der Arena Karten zum Verkauf anbot. Wie viel die dann kosten, kann ich aber nicht sagen, ich hatte ja welche.

Gerüchten zufolge wurde die Show, bei der wir waren auch für die DVD-Veröffentlichung gefilmt. Es kann also sein, dass ich demnächst mal irgendwo auf einer DVD ganz klein aber dafür mit umso größerem Grinsen im Publikum zu sehen bin. Ich werde berichten.

Amanda Palmer im Gloria in Köln

IMG_3371

Wie ich dazu kam, Konzertkarten für Amanda Palmer zu kaufen, das kann man in aller Ausführlichkeit hier nachlesen. Nach dem 15-Minuten-Konzert vor einem Jahr in Köln wusste ich, dass ich das mal in länger sehen wollen würde und letzten Freitag war es soweit. Amanda Palmer im Gloria in Köln. Der Gatte vergnügt sich allerdings derzeit in Rio de Janeiro, deswegen konnte ich das zweite Ticket abgeben, was sich relativ einfach gestaltete, schon allein, weil das Konzert ausverkauft war und ich auch drei Tickets locker losgeworden wäre.

(Für alle, die das nächste Mal keine Karten bekommen: Wenn ihr in der Nähe wohnt, im Zweifelsfall mal vorm Konzert vorbeischauen, eventuell hat man Glück und jemand versucht noch kurz vorher, Karten loszuwerden. Wie die preislich gehandelt werden, kann ich aber nicht sagen.)

So oder so ist die Schlange lang, als ich mit Sandra und Alexandra deutlich vor Konzertbeginn am Gloria auftauchen. Wir stellen uns in den Regen und warten, bis wir reingelassen werden und dann geht es immerhin recht fix.

Als wir in den Konzertsaal kommen, spielen dort Perhaps Contraption, eine Punkmarschband aus Großbritannien mit lauter Blasbläsern, ein paar Holzbläsern, Xylophon, Trommeln und Gesang aus dem Megaphon, alle gekleidet in purpur und gelb, alles ganz großartig und vor allem gar nicht auf der Bühne, sondern mitten im Zuschauerraum. Ich bin quasi jetzt schon begeistert.

Band

Nachdem Perhaps Contraction fertig sind, kommt die eigentliche Vorgruppe. Oder die zweite Vorgruppe. Jedenfalls noch eine Vorgruppe. Es sind Die Roten Punkte, ein australisches Duo à la White Stripes, Astrid Rot am Schlagzeug und Otto Rot an der Gitarre, nur halt mit Comedy dazwischen. Klingt seltsam, funktioniert aber erstaunlicherweise. Eigentlich heißen sie natürlich anders, aber das ist ja irrelevant. Das Publikum, inlusive mir, findet’s super. Generell und dann erst recht, als für “Ich bin nicht ein Roboter. I am a Lion!” Amanda Palmer mit auf die Bühne kommt, um die Zweier-Kuhglocke zu spielen.

Die Roten Punkte

Jetzt geht es aber immer noch nicht los, jetzt kommt erst mal Jherek Bischoff, der in Amandas Band Bassist ist. Hier spielt er aber erst Gitarre und dann Ukulele und das teilweise so abgefahren, dass ich mit offenem Mund dastehe und auf die Bühne starre. Dann holt er Perhaps Contraption wieder auf die Bühne und spielt mit ihnen ein ganz entzückendes Lied namens “Eyes” und macht, dass ich jetzt schon total glücklich und zufrieden bin, obwohl das Konzert noch überhaupt gar nicht angefangen hat. Das ist alles so schön und wundervoll, es ist ein einziger großer Hach-Moment mit Ausrufezeichen.

IMG_3354

Jetzt aber. Ein kurzes Intermezzo von Perhaps Contraption im Zuschauerraum und dann kommt Amanda Palmer und ihr Grand Theft Orchestra und es kann endlich richtig losgehen. Und losgehen tut’s, direkt mit “Do It With a Rock Star”. Das kenne ich sogar, obwohl ich im Amanda-Palmer-Gesamtwerk gar nicht so firm bin. Schon beim nächsten Lied passiert das, womit bei einem Konzert von Amanda Palmer immer rechnen muss. Sie springt ins Publikum und macht einfach weiter, die Leute machen ein bisschen Platz, und auf einmal wirbelt Amanda Palmer an einem vorbei.

IMG_3366

Das macht sie beim Cover von “Smells Like Teen Spirit” einfach gleich noch mal, bei “Missed Me”, einem Song aus Dresden-Dolls-Zeiten geht das aber nicht, da muss sie Klavier spielen, und passend zum Weill/Brecht-Stil steht da auch nicht KURZWEIL auf dem Stage Piano, sondern KURTWEILL. Ein Konzert von Amanda Palmer ist wild und laut, es ist intim und sehr körperlich, und das sind genau die Dinge, vor denen ich ein bisschen Angst hatte, weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen würde, wenn ich wirklich mittendrin bin. Es ist aber alles ganz toll und mitreißend und überhaupt nicht beängstigend. Erwähnte ich, dass es toll ist?

IMG_3367

Nach einem lauten Einstieg wird es aber jetzt ruhig. Amanda spielt Lou Reeds “Walk on the Wild Side” und es ist sehr herzergreifend, vor allem, wenn man weiß, dass sie Lou Reed kannte. Das Publikum darf beim Refrain mitsingen und der Song endet auf einem mehrstimmigen A-Cappella-Gesang. Keine Ahnung, wie wir das hinbekommen haben, keine Ahnung, ob das tatsächlich irgendwie harmonisch ist, für mich klingt es so, das ist wunderbar, sowas möchte ich jetzt den ganzen Abend haben, bitte. (Es gibt hier ein YouTube-Video, da ist aber leider die Soundqualität nicht besonders gut.)

Erstmal geht es wieder laut weiter, und weil Amanda einige Zeit in Deutschland verbracht hat und ziemlich gut Deutsch spricht, ist es üblich, dass sie auf deutschen Konzerten irgendwas auf deutsch covert. Man kann sich das prima auf YouTube angucken, “Seeräuber Jenny” hat sie schon gespielt und “Eisbär” von Grauzone. Wir kriegen passend zur Bühnendekoration “99 Luftballons” und dürfen aus voller Inbrunst mitsingen.

Bei “Bottomfeeder” schmeißt sich Amanda dann von der Bühne ins Publikum und lässt sich von uns singend durch den Raum tragen, etwas, das ich auch noch nie gemacht habe, weil ich sonst ja eher zu Konzerten gehe, wo die Künstler brav auf ihrer Bühne bleiben. Manchmal gibt es sogar Sitzplätze fürs Publikum. Aber das hier ist ja was anderes, hier muss ich auf einmal die Hände hoch nehmen und Amanda Palmer weiter durchgeben und hinter ihr spannt sich ein riesiges Tülllaken über das Publikum, während an der Decke Lichter funkeln, wie großartig ist das denn bitte? Mal abgesehen davon, dass “Bottomfeeder” ein ganz toller Song ist.

IMG_3370

Für ihren Solopart nimmt Amanda Palmer Requests entgegen und spielt erst “Runs in the Family”, weil das gewünscht wurde und dann “The Bed Song”, obwohl das nicht gewünscht wurde, because fuck you. Und nachdem sie den Song mit Tränen in den Augen beendet hatte, dürfen wir wählen, ob wir jetzt wieder glücklicher sein wollen oder ob sie uns “deeper into depression” führen soll, und da warnt sie uns schon mal: “I’m gonna fuck you up.” Das Publikum wählt mehrheitlich die Depression und Amanda spielt nur mit ihrer Ukulele einen Song, den sie geschrieben hat, um sich irgendwie aus ihrer eigenen Depression rauszuwühlen, um uns direkt nach mit “Map of Tasmania” doch noch schnell wieder zurückzuholen, damit wir nicht alle weinend nach Hause müssen.

IMG_3372

Dann kommt die Band wieder, es geht wieder etwas lauter weiter und zum Schluss sind wieder alle auf der Bühne, Amanda und ihre Band, Perhaps Contraption und Die Roten Punkte und spielen, singen und tanzen zu “Leeds United”. Möglicherweise wiederhole ich mich, aber es ist wirklich alles ganz wunderbar.

IMG_3376

Zwei Zugaben gibt es, und ganz zuletzt spielt Amanda ihre Ukulele Anthem und dann dauert es gefühlt zwei Stunden, bis ich endlich meinen Mantel abholen kann und durch den Regen durch Köln zur U-Bahn trotten kann, noch ganz high und hyperaktiv von den letzten drei Stunden. Ich kann das wirklich nur jedem empfehlen und das meine ich ernst. Die Tickets fürs nächste Konzert sind quasi schon gekauft, zumindest in Gedanken. Amanda Fucking Palmer, wie sie sich selber nennt, ist eben eine fucking force of nature. Aber eine sehr sympathische und mitreißende, die man sich unbedingt mal live angucken sollte, und die nach dem Konzert noch sehr lange im Cafébereich des Gloria sitzt und Autogramme gibt.

IMG_3380

(Übrigens habe ich wieder feststellen dürfen, dass es diese Menschen aus dem Internet wirklich gibt. Als ich mich einmal umgucke, steht da Jens Scholz direkt hinter mir, irgendwann fragt mich jemand neben mir, ob ich nicht Anne Schüßler sei, und das ist Marcel alias Marzelpan. Er erzählt mir kurz vor dem Konzert, dass er Amanda Palmer eigentlich nur von ihrem TED-Talk kennt und sich das jetzt auch mal angucken wollte.)

Ausflug zu Les Flâneurs

Dom

Ich bin ganz entzückt vom Großstadtblog Les Flâneurs, das von vielen tollen Menschen betrieben wird. Als ausgewiesenes Großstadtkind mit Rheinlandsozialisierung prangerte ich jedoch mal an, dass es ja gar niemanden aus NRW bei den Autoren gäbe. Ausgerechnet NRW, wo es von Städten ja nur so wimmelt und eine an der anderen klebt. Weil Meckern ohne Lösungsvorschlag aber doof ist, bot ich sofort an, einen Gastbeitrag zu schreiben.

Und das habe ich nun getan und man kann es auch schon lesen. Bei Les Flâneurs schrieb ich nämlich darüber, wie das mit den Kölner und ihrer nicht immer ganz nachvollziehbaren Liebe zum Kölner Dom ist. Das geht nämlich ganz tief und ist sogar halbwegs brauchbar zu erklären. Hoffe ich jedenfalls.

Prima Vista Lesung im Gloria-Theater in Köln

Gloria

Von der Tirili-Lesung in Hamburg ging es mit nur einer winzigen Unterbrechung zur nächsten Lesung im etwas näher gelegenen Köln. Da ich bisher immer mit einer beeindruckenden Verlässlichkeit daran gescheitert bin, rechtzeitig Karten für die berühmt-berüchtigten Record Release Partys der Drei ???-Hörspiele zu bekommen, habe ich einfach das nächstbeste gemacht und Karten für die fast genauso berühmt-berüchtigte Prima Vista Lesung gekauft.

Currywurst

Also gab es am Samstag einen schönen Köln-Ausflug, der nach ein bisschen Rumlaufen und einer schnellen Currywurst auf der Ehrenstraße im ausverkauften Gloria-Theater (auch berühmt-berüchtigt) endet. Wir schaffen es, noch zwei Plätze relativ weit vorne zu ergattern und haben so netterweise einen ganz guten Blick auf die Bühne. Ein Tisch mit lustigen Glitzerpapphütchen, Weinflaschen, Wasser und anderem Kram. Davor auf dem Boden sammen sich so langsam Bücher und ausgedruckte Zettel, immer mehr Zuschauer kommen nach vorne und legen irgendwas hin oder gucken, was andere so hingelegt hat.

Texte

Währenddessen läuft ein Theaterköbes mit einem Kölschkranz herum, dem ich in einem glücklichen Moment die letzten beiden Kölsch abnehmen kann, denn mit Kölsch wartet es sich bekanntlich besser.

Kurz nach 19 Uhr geht es dann aber auch los. David Nathan (die deutsche Stimme von Johnny Depp und Christian Bale) und Simon Jäger (die deutsche Stimme von Matt Damon und Heath Ledger) betreten unter Applaus die Bühne, beide stecken in schwarzen Adidasanzügen und tragen schwarze Hüte, haben sich also ebenfalls für diesen Abend schick gemacht. Beim Anblick der Textmassen auf dem Fußboden wird erstmal über die vermutliche Dauer der Lesung spekuliert: “Müsst ihr noch weg oder habt ihr Zeit? Vor sechs Uhr kommen wir hier nicht raus.” Das Publikum ist entzückt.

Und so machen es sich David und Simon erst mal auf dem Boden bequem, holen sich Weingläser und Wein dazu, greifen zum ersten Buch und fangen an zu lesen. Drei irrwitzig anarchische und grandios komische Stunden stehen uns bevor und wie könnte man besser starten als mit Monty Python. Schnell wird klar, was für ein eingespieltes Team da auf der Bühne sitzt. Die machen das nicht zum ersten Mal, also sowohl Vorlesen als auch Vorlesen unter diesen speziellen Bedingungen.

Boden

Es folgen Texte von Loriot, irgendwas Ausgedrucktes aus dem Internet (zum Beispiel “Radkäppchen und der böse Golf”, dessen Wortspiele zumindest David Nathan immer wieder physische Schmerzen zuzufügen scheinen), Wolf Haas, Daniel Kehlmann, Jürgen Sprenzinger (dem “Sehr geehrter Herr Maggi”-Mann) und Warren Ellis. Von letzterem liegt “Gott schütze Amerika” auf der Bühne. “So muss ein Buch anfangen”, lobt David Nathan und liest vor: “Ich schlug die Augen auf und sah, wie die Ratte in meinen Kaffeebecher pisste.” Der Bücherspender bekommt einen Schnaps und nach ein paar Seiten geht es zum nächsten Buch, dass wir, so Nathan “im Gegensatz zu dem letzten Buch alle nicht kaufen.” Es ist “Der Kuss des Wikingers” von Sandra Hill und bei allem Spaß, den die beiden Sprecher auf der Bühne mit der Live-Spontan-Vertonung dieses Wunderwerkes haben, nein, ich glaube, das möchte ich wirklich nicht kaufen.

Horst Evers und Walter Moers werden nach wenigen Absätzen weggelegt. Der Evers, weil David Nathan keine Bücher möchte, in denen das Wort “heile” vorkommt und Moers einfach so, weil er gerade keine Lust drauf hat. Dafür nehmen sich beide der Herausforderung an, einen Comic von Neil Gaiman (der, das muss an dieser Stelle mal gesagt werden, fälschlicherweise als Manga bezeichnet wird) szenisch darzustellen, was genauso daneben geht, wie es daneben gehen muss, aber gerade deswegen zu den Highlights des Abends gehört, auch wenn sich kein Zuschauer findet, der die Rolle des umhertollenden Kindes übernehmen will, so dass sich dann doch Simon Jäger aufopfern muss.

Lesend

Bei einer Känguru-Geschichte von Marc-Uwe Kling kommt Berlin-Lokalpatriotismus ins Spiel. “Ich mach Westberlin und du machst Ostberlin.” Als ob in Köln da jemand den Unterschied hören könnte. (Aber wer weiß, vielleicht sind ja auch Berliner im Publikum, möglich ist alles.)

Ein weiteres Highlight des Abends kommt mit dem Buch “Regelschmerz Ade: Die freie Menstruation”, das dann nicht nur zu Entspannungsmusik, sondern auch noch parallel mit Freud gelesen wird, und irgendwann lache ich nur noch Tränen und möchte eigentlich, dass das so schnell nicht aufhört. Zum Schluss gibt es noch mal die zwei Herren im Bad von Loriot und dann ist nach knapp drei Stunden Schluss.

Bühne

Es war irgendwie alles toll an diesem Abend. Die Sprecher, der Musikmensch, die Texte und Bücher, das begeisterte Publikum, das Theater, das Kölsch und überhaupt alles. Es fällt mir nicht schwer, zu glauben, dass diese Lesungen regelmäßig ausverkauft sind, man möchte eigentlich sofort die Karten für die nächste Lesung kaufen und Freunde mitnehmen. Auch der Mann, der etwas irritiert war, als ich ihm mitteilte, wir würden zu einer Lesung gehen, wo zwei Sprecher mitgebrachte Texte vorlesen würden, war begeistert. Besser geht es eigentlich nicht.

Ich kann die Prima Vista Lesungen wirklich uneingeschränkt und allerwärmstens empfehlen. Selten gingen drei Stunden so schnell rum und erschien mir eine Pause so endlos lang. Neben David Nathan und Simon Jäger ist mit Oliver Rohrbeck und Detlef Bierstedt noch ein zweites Team im Rahmen dieses Lesungskonzepts unterwegs. Termine kann man in der Lauscherlounge erfahren.

Webseite der Prima Vista Lesungen

Webseite der Lauscherlounge

Six Degrees II

Mama und ich rechnen am Telefon aus, ob Kardinal Woelki, der ja auch in der Bruder-Klaus-Siedlung aufgewachsen ist, wohl auf die gleiche Grundschule wie wir gegangen sein müsste. Geburtsjahr ist 1956, meine Tante (eine von den vielen) ist 1955 geboren und gehörte zu den ersten Jahrgängen, wir vermuten also, ja, wahrscheinlich schon. Das bedeutet, ich bin auf die gleiche Grundschule gegangen, wie ein Kardinal, der jetzt den Papst gewählt hat. Meine Papstzahl würde schon allein deshalb irgendwas zwischen drei und vier sein, denn die Chance, dass ich irgendwen kenne, der Kardinal Woelki aus seiner Schulzeit kannte, ist, wenn man aus so einer Großkleinstadtsiedlung kommt, erschreckend hoch.

Aber es kommt ja noch besser. Kardinal Woelki war nämlich nicht nur (vermutlich) auf der gleichen Grundschule wie ich und wohnte nicht nur (vermutlich) in einem Haus, an dem ich in meiner Kindheit hunderte Male mit dem Fahrrad vorbeifuhr, er ging auch aufs Hölderlin-Gymnaisum. Da war ich zwar nicht Schüler, aber dafür mein Onkel (einer von den vielen) Lehrer.

Wenn ich also davon ausgehe, dass die Kardinäle den Papst, den sie da wählen, irgendwie kennen, dann ergibt sich daraus eine Papstzahl von drei, denn ich kenne meinen Onkel, der Lehrer von Kardinal Woelki war, der den Papst gewählt hat. Papstzahl von drei. Sensationell!

Und zu allem Überfluss finde ich dann noch raus, dass mein Onkel bei der Ernennung von Kardinal Woelki in Rom anwesend war und da als ehemaliger Musiklehrer von eben jenem Frischernannten Klavier gespielt hat. Also auch Karnevalslieder, denn das war letztes Jahr an Karnevalssamstag und wenn am Karnevalssamstag lauter Kölner zusammenkommen, dann werden sogar im Vatikan Karnevalslieder gespielt. Da kennen wir nix.

Den Artikel, in dem das steht, und den ich heute ganz zufällig auf absurden Umwegen fand, hat übrigens ein Journalist geschrieben, den ich vor ungefähr hundert Jahren mal kannte. Die Welt, liebe Leute, sie ist verdammt klein.

Exotische Bräuche im Rheinland: Karneval

Kommen wir nun zu dem möglicherweise am häufigsten von Unwissenden verschrieenen Brauches im schönen Rheinland: Karneval.

Ja, es ist irgendwie schlimm. Aber auch: Ja, es ist irgendwie toll.

Eines gleich vorweg: Ich kenne Karneval nur aus der U18–Perspektive. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in einer Karnevalskneipe gewesen zu sein, ich habe an Karneval nie exzessiv Alkohol getrunken und dann fremde Leute geknutscht, ich war kein einziges Mal an Weiberfastnacht mit Milliarden anderer Leute in der Kölner Altstadt. Ich war noch nicht mal auf dem Rosenmontagszug.

Aber als Kind, jahaha! Da wurde Karneval gefeiert. Karneval bedeutete nämlich genau zwei Sachen: Erstens durfte man sich verkleiden und zweitens gab es Süßigkeiten in Massen und für umme! Man musste sich sich nur ein bisschen die Lunge aus dem Hals brüllen und stundenlang im Kalten stehen, aber was macht man nicht alles so als Kind für Gratissüßkram.

Karneval in Köln ist eigentlich einfach erklärt. Man verkleidet sich und dann geht man auf einen Karnevalszug, steht am Straßenrand, ruft “Kamelle” und “Strüssje”, sammelt den Kram auf (oder fängt ihn gekonnt aus der Luft, wenn man nicht ich ist) und dann ist der Spaß je nach Zuglänge nach ein bis vier Stunden vorbei.

Was die Züge angeht, hat man da große Auswahl, jedes “Veedel”, also jeder Stadtteil, hat seinen eigenen, das ist Kölner Karnevalsstolz, da machste nix. Sogar in unserer kleinen Bruder-Klaus-Siedlung hatten wir unseren eigenen Zug. Der war aber wirklich sehr, sehr klein, aber auch faszinierend, wenn in der Garage des Nachbarn am Karnevalswagen gebastelt wurde und die Vorstellung, man könnte selber auf so einem Wagen stehen damit durchaus vorstellbarer wurde.

Auf der anderen Seite hatte ich schnell geblickt: Auf einem Wagen stehen ist zwar obercool, aber dann muss man die Süßigkeiten ja den anderen zuwerfen und hat selber gar nichts davon. Ist ja doof. Dann lieber Fußvolk sein und am Ende des Tages tütenweise Süßigkeiten auf dem Boden ausschütten, sortieren und begutachten.

Weil meine Eltern wohl vernünftig genug waren, die Menschenmassen beim Rosenmontagszug zu meiden, kenne ich dieses Phänomen auch nur aus dem Fernseher. A-ha-ber: Wir hatten dafür den Veedelszoch in Köln-Ehrenfeld. Und der war auch lang. Sehr lang. Sehr, sehr lang. Und dementsprechend ergiebig. Stundenlang konnte man da an der Venloer Straße stehen, “Kamelle!”, “Strüssje!” und “Kölle Alaaf!” brüllen und tütenweise Kram fangen und aufheben und dann am Abend mit glänzenden Augen vor Bergen Süßkram sitzen, von denen man mindestens die Hälfte unter normalen Umständen nie selbst gekauft hätte, aber im Karneval gelten andere Regeln.

Mal abgesehen davon, dass es da ja auch durchaus Objekte der Begierde gab, die in der Erfolgsstatistik mit deutlich mehr Punkten verbucht werden konnten als der übliche Bonbonkram. Schokoladentafeln zum Bespiel, oder, fast schon Königsdisziplin, Pralinenschachteln. Aber eben auch die “Strüssje”, also kleine Blumensträußchen, die zwar eher so ein bisschen Erwachsenenkram waren, dadurch aber eben noch attraktiver wurden, weil schwerer zu ergattern.

Was es auch standardmäßig gab: Schwämme. Das kann mir vielleicht auch noch mal irgendwer erklären, was das mit den Schwämmen sollte. Schwämme gab es nämlich immer, große quaderförmige Schwämme. Man weiß es nicht.

Außerdem Karnevalskapellen. Karnevalskapellen liefen zwischen den großen Wagen und hatten den nicht unwichtigen Nachteil, dass Menschen, die Querflöte oder Trommel spielen üblicherweise nicht gleichzeitig Kamelle werfen können. Gefühlt kommt so ein Karnevalszug übrigens immer genau dann zu einem temporären Stillstand, wenn gerade eine Karnevalskapelle vor einem steht. Wahrscheinlich stimmt das nicht, aber ich behaupte trotzdem, dass das so war. Ist ja auch egal.

Kostüme übrigens waren sehr oft selbstgemacht. An das Engelkostüm erinnere ich mich gar nicht mehr, aber die Meerjungfrau hat meine Mama in liebevoller Detailarbeit angefertigt, genauso wie den Schmetterling. Als Schmetterling ging ich übrigens mit meiner Cousine im Partnerlook, was man auf dem Beweisbild schlecht sehen kann, weil sie offensichtlich zum Tragen einer Jacke genötigt wurde. Total doof, da kann man ja gar nicht demonstrieren, dass man Flügel hat.

Das Clownkostüm scheint mir irgendwo käuflich erworben, im Nachhinein fand ich das auch eher doof. Ich bin kein Clownkostümtyp, aber man probiert ja alles mal aus. Als Prinzessin hatte ich total hübsche Löckchen, für die meine Mama die Haare am Vorabend zu ganz vielen kleinen Zöpfchen flocht. Sieht man auf dem Beweisbild leider auch nicht.

Wovon ich gerade keine Beweisbilder habe: Ich als Zauberin mit einer umfunktionierten Schultüte als Hut, ich mit meiner Cousine für den alternativen Geisterzug kostümiert mit einer sehr, sehr gruseligen Marionette um den Hals und ich als “N”.

Das mit dem “N” war aber schon zu Teenagerzeiten, da wurde man ein bisschen subtiler bei der Kostümgestaltung. Das “N” war eine Hommage an das berühmte Preisrätsel bei Schmidteinander und bestand aus zwei großen aus Pappe ausgeschnittenen “N”s, die ich mir an zwei Schnüren verbunden über die Schultern hängte. Total einfach. Natascha erklärte sich bereit, als “D” zu gehen, und so liefen wir an Weiberfastnacht als “Ende” (Kapiert? N-D. En-De. Ende! Ach, egal.) durch die Schule. Hat, wenn ich mich richtig erinnere, exakt einer verstanden. Aber gut, war eben auch total subtil.

Wie immer könnte man noch stundenlang weitererzählen, über die zu Karnevalszeiten erstaunlich beweglichen Omas, die einem beim Kamellefangen immer dazwischensprangen, über die fiesen Cowboypistolen, vor denen ich immer ein bisschen Angst hatte, über die Karnevalslieder, von denen ich dann doch erstaunlich viele problemlos mitsingen kann, über die Karnevalssitzungen in der Schule, über den Geisterzug, bei dem man nachts durch Köln zieht und bei dem es keine Süßigkeiten, aber dafür Sambatrommelgruppen gibt, und und und…

Karneval ist gar nicht so schlimm, jedenfalls nicht, so wie ich den kenne. Aber ich kenne ja auch keinen Kneipenkarneval mit Betrinken und Fremdeleuteknutschen. Ich kenn nur den mit Verkleiden und Süßigkeiten. Und der war immer sehr toll und aufregend.

Letztlich ist es so wie mit allen Traditionen, man kann das gar nicht erklären. Wer die “aufgesetzte” Lustigkeit anprangert, dem ist vielleicht nicht klar, dass sich die Karnevalsjecken ja tatsächlich irre auf diese paar Tage freuen und zwar schon seit Monaten. Die sind nicht aufgesetzt lustig, die finden das wirklich gut.

Man muss das nicht verstehen. Man muss es auch nicht gut finden. Aber es gehört eben irgendwie dazu. Und auch, wenn ich selber nicht da stehen möchte, weil mir das zu viele Menschen sind und es kalt ist und überhaupt, aber wenn ich jetzt so auf dem Sofa sitze, mir ein bisschen die Bronchien aus dem Körper huste und gleichzeitig WDR gucke, mit den Karnevalsfeiern aus Köln und Düsseldorf und Bonn, dann geht mein Kölsches Herzchen auf und ich freu mich mit. Weil’s eben doch dazugehört, zum Rheinland und eben auch ein bisschen zu mir. Da kann man nix machen.

Und bevor wir jetzt zur ultimativen Fotoshow kommen, noch mal zum Mitschreiben: Es heißt “Karneval” (was auch darf: “Fastelovend”) und es heißt “Alaaf!”. Alles andere ist Unfug.

Bei Extramittel gibt’s auch ein schönes Plädoyer für mehr Karnevalstoleranz.

Engel

1984 als Engel.

Meerjungfrau

1985 als Meerjungfrau (KEIN TÜMPEL!).

Prinzessin

1986 als Prinzessin. Die Krone ist von Woolworth.

Schmetterling

Vermutlich 1987 im Partnerlook als Schmetterling. MIT FLÜGELN!

Clown

Irgendwann als unscharfer und tendenziell unglücklicher Clown. Das war nix.

Isa liest aus “Sachen machen”

Isa liest

Freitagnachmittag, 17:30 Uhr. Sandra holt mich mit dem großen Auto ab, wir fahren nach Köln, genauer gesagt nach Köln-Nippes, denn da liest Isabel Bogdan heute aus ihrem Buch “Sachen machen”. Es hat ja lang genug gedauert, bis es mit einem Lesungstermin irgendwo hier in der Nähe mal geklappt hat, umso mehr freuen wir uns.

Kurz vor 19 Uhr parken wir neben dem neuen Eislaufstadion (Eislaufen auf zwei Ebenen, total faszinierend) und laufen die letzten Meter zur Neusser Straße. Da ist der Buchladen “einzigundartig” und da findet das heute statt. Erstmal Plätze auf einer der Bierbänke sichern, dann kurz den Buchladen erkunden, nicht groß, aber sehr schön und gut sortiert, Sandra meint, sie hätte da locker ihre gesamte Wunschliste abdecken können, und das ist nicht selbstverständlich.

Buchladen

Ich suche tatsächlich ein Buch, allerdings ein Kochbuch, und das ist im Laden nebenan und der hat schon eigentlich schon zu, aber weil die im Buchladen total nett sind, kommt einfach jemand mit, schließt auf, macht noch mal das Licht an, sucht mit mir das Buch und fährt dann extra noch mal den Rechner hoch, um im System zu gucken, ob das Buch noch da ist. Service pur! Tatsächlich finde ich es dann selber und damit laufen wir dann zurück in den anderen Laden, wo ja noch alles an ist, und da bezahle ich dann. Rein theoretisch habe ich also gestern für ungefähr eine Minute ein Buch geklaut, jedenfalls geht sogar das lustige Diebstahlssicherungsding an, als ich durchgehe, aber der Buchladenmitarbeiter ist ja dabei, ich hab’s also vermutlich noch nicht mal theoretisch für eine Minute geklaut.

Dann geht aber auch bald die Lesung los. Vorher versuche ich noch irgendwie, die Kamera dazu zu kriegen, Bilder zu machen, die nicht zu hell, zu dunkel und/oder zu verschwommen sind, krieg’s aber irgendwie nicht hin und gehe vermutlich allen um mich rum mit dem doofen Kameraklicken gehörig auf den Keks. Aber das muss jetzt so.

Und dann geht’s wirklich los. Wir erfahren die Vorgeschichte zu der Lesung, und dann fängt Isabel an zu lesen. Ich kenne das Buch ja schon, ich hab sogar schon eine Ausgabe mit Widmung, aber es ist dann eben doch etwas anderes, wenn die Autorin selber liest. Es ist nicht nur anders, es ist auch toller!

Isa liest

Das mit der chinesischen Massage liest sie vor, inklusive einer sehr überzeugenden Darstellung der chinesischen Masseurin (“TU WEH?”). Wir müssen alle lachen, weil es eben wirklich lustig ist. “Ihr seid ein Superpublikum”, sagt Isabel am Ende der Geschichte. “Aber ich muss immer aufpassen, dass ich nicht mitlache.”

Luxusprobleme eben, wenn das Publikum so aufmerksam zuhört und so gerne mitlacht wie heute. Und zwar, um das mal zu sagen, mit Recht. Als nächstes kommt das mir dem Spinning, die Geschichte, in der Isabel so wütend wird, weil Spinning so doof ist und das liest sie auch genauso vor, liest sich quasi in Rage, aber weil man ja nicht selber auf dem doofen Rad sitzt und zugeplärrt wird, macht es uns gar nicht wütend, sondern eher glücklich.

“Oh Gott, sind hier Spinning-Fans?” fragt Isabel, als in der ersten Reihe ein bisschen geflüstert wird. Heftiges Kopfschütteln, es ist wohl eher das Gegenteil der Fall.

Dann das mit der Lebensfreude-Messe, auch ganz großartig. Danach das mit dem Fliegen, auch toll. Und dann Wacken! WACKEN! Eine meiner Lieblingsgeschichten und so toll vorgelesen, dass man eben auch eigentlich direkt nach Wacken will, weil da alles so schön und nett und rührend ist.

Langsam wird das Sitzen anstrengend, die Bierbänke sind nämlich sehr viel, aber sicher nicht bequem und es sind sehr viele Leute gekommen, so dass wir alle dicht gedrängt sitzen und hinten noch ganz viele Reihen mit Klappstühlen aufgebaut worden sind. Die waren noch nicht da, als wir kamen, sind bestimmt bequemer, aber eben auch weiter hinten.

Als kleine Zugabe gibt es noch das mit dem begehbaren Darm, eine kurze Geschichte, und dann hat Isabel schon eine Stunde gelesen. Fragen gibt es nur eine, aber eine gute, nämlich, was sie seit dem Buch für Sachen gemacht hat. Die traurige Antwort ist: eigentlich so wirklich keine, weil eben auf einmal die Deadline fehlt, die einen dann doch zwingt, irgendwas tolles zu machen. Schade irgendwie, kann ich mir aber gut vorstellen. Ich kann ja auch vieles besser mit Deadline.

Eine Tupperparty möchte sie eigentlich noch machen, oder Baggerfahren. Würde ich beides sofort mitmachen. Dann gibt es keine Fragen mehr, mir fällt jetzt auch keine ein, erstens lese ich ja Isabels Blog und könnte sie im Zweifelsfall alles auch so fragen, aber vor allem brauche ich bei solchen Gelegenheiten immer so ein bisschen Vorlaufzeit, so zwei bis fünf Fragesteller, die mich irgendwie inspirieren und dann fällt mir meistens doch was ein. Es gibt aber nur einen Fragesteller und dann ist es leider vorbei, bevor ich ausreichend Inspiration zu einer eigenen Frage hatte.

Der einzige, der sich freut, dass es schon vorbei ist, ist mein Hintern. Ansonsten hätte ich auch noch länger gekonnt. Im Nachlesungstrubel kann ich endlich mal Johannes von 1ppm und der Frau Serotonic die Hand schütteln und ein bisschen quatschen, die sind nämlich auch da, ein Minibloggertreffen sozusagen. Wir schlendern noch rüber zum Rosenstock, da ist es aber so voll, dass Sandra und ich dann doch beschließen zu gehen, schon allein, weil der Parkplatz irgendwann zumacht und wir sowieso nicht so lange hätten bleiben können. Zurück zum Parkplatz, zurück nach Essen.

Schön war’s. Also wirklich. Ich mochte die Geschichten ja schon beim Lesen, aber vorgelesen ist eben noch viel besser und dann noch von Isabel selbst, die sie ja nicht nur geschrieben, sondern auch alle erlebt hat. Das merkt man nämlich, und es macht Spaß, Isabel zuzuhören, wenn sie beim Vorlesen alles noch mal erlebt.

Ich kann das nur empfehlen. Wenn Isabel also irgendwo in der Nähe liest, hingehen. Oder noch besser, wenn man Lesungen veranstaltet, Isabel einladen. Und ich freu mich in der Zwischenzeit auf die nächste Bloggerlesung, wenn alles klappt dann im Frühling in Hamburg. (Juchu!)

(Die Bilder sind übrigens alle eher schlecht geworden, weil ich die Einstellungen vermasselt habe und dann mit ISO Dreimillionen oder so fotografiert habe und das sieht man leider. Das steht wohl für dieses Jahr auch noch an, mehr über die Kameraeinstellungen lernen. Sachen machen eben.)

“Sachen machen” gibt es bei Amazon oder (nur als Beispiel) bei der Buchhandlung stories in Hamburg oder (allerbeste Alternative) bei Isabel selber mit Widmung.

Kölner Dom – Drauf

Disclaimer: Es ist schon ein paar Monate her, aber irgendwann im Sommer waren wir in Köln. Erst fuhren wir mit der Seilbahn, dann liefen wir durch den Rheinpark und dann haben wir Liebesschlösser auf der Hohenzollernbrücke angeguckt und dann waren wir im Kölner Dom.

Ein bisschen bekloppt ist es ja schon. Da ist der bisher heißeste Tag im Jahr, man fängt schon beim Spazierengehen an zu schwitzen, und wir klettern auf den Kölner Dom. Allerdings nicht mit der ganzen Kölner Ausflugstruppe, nur zu dritt, denn die anderen beiden murmeln irgendwas von “Sind wir letztens erst drauf gewesen”, und möchten lieber Eis essen. Die sind nämlich klug.

Wir aber, wie klettern jetzt. Und es ist heiß und schwül und es geht immer nur weiter und weiter und weiter in dem engen Turm, wo man sich mühselig an den Leuten vorbeidrängeln muss, die wieder runterwollen. Es hört überhaupt nicht auf, zwischendurch denke ich, gleich kippe ich um, dann gibt es Stau, weil sich nämlich jemand anders das auch gedacht hat, und sich mitten im Turm einfach auf die Treppe setzt, was der Platz jetzt nicht so wirklich hergibt.

Aber wir laufen weiter. Immer höher und höher, rundherum, immer weiter, bis man irgendwann am Glockenturm rauskommt und man den ersten Blick auf die große Glocke und schon mal auf den Dom von oben und natürlich auf Köln von oben werfen kann. Durch noch engere Gänge gequetscht laufen wir einmal um die Glocke rum und dann weiter rauf.

Und irgendwann hört die Wendeltreppe auf und man steht mitten im Turm und alle sind froh und erschöpft. Das reicht natürlich noch nicht, man muss noch weiter hoch, über ein Metalltreppe und dann,… dann ist man endlich angekommen und kann auf Köln runtergucken. Auf den Rhein und die Hohenzollernbrücke und die Züge, die zum Hauptbahnhof rein- und rausfahren. Auf die Altstadt mit Groß Sankt Martin oder den neuen Hafen mit den lustigen Gebäuden. Nach Westen auf das hässliche Herkules-Hochhaus, was zwar wirklich irre hässlich ist, aber eben zum Stadtbild auch irgendwie dazugehört.

Und auf den Dom selber mit seinen unzähligen Verzierungen, Spitzen und Spitzchen, Wasserspeier und Türmchen.

Nach einem Rundgang geht’s wieder runter, immer weiter die Wendeltreppe runter, bis einem schwindelig ist und wenn man unten ankommt, hat man Schwabbelknie. Aber dafür bei schönstem Wetter an einem der heißesten Tage im Jahr auf Köln runter geguckt. Hat sich also gelohnt.

Noch von unten

Dicker Pitter

Viel Zeug

Groß St. Martin

Ganz nach oben

Wegweiser

Hohenzollernbrücke

Noch mal Hohenzollernbrücke

Und noch mal. Weil's so schön ist.

Als Kölner kann man ja quasi nie genug Bilder vom Rhein und der Hohenzollernbrücke gucken. Oder sich entscheiden, welches das schönste ist.

Spitze

Hafen

Altstadt

Vietnamesisch

Sieht Vietnamesisch aus, ich kann’s aber nicht lesen.

Köpfe

Mediapark

Fenster

Der Rest der Welt: Die Bruder-Klaus-Siedlung in Köln

Während Hamburg über Hamburg schreibt und das Ruhrgebiet übers Ruhrgebiet, sammelt Isa alles über den Rest der Welt. Und weil ich immerhin auch mal in Köln gelebt habe, schreibe ich jetzt mal darüber, wie das da so war. Damals. Vor zwanzig Jahren.

Die ersten dreizehn Jahre meines Lebens habe ich in dem gleichen Haus gelebt, in dem meine Mutter die ersten dreiundreißig Jahre ihres Lebens gelebt hat. Die Straße, in der wir lebten, war eine T-förmige Sackgasse und das Haus, in dem wir lebten, befand sich am rechten Ende des Querbalkens dieses T’s.

Und diese Straße, in der wir lebten, die gar nicht Straße hieß, sondern Klause, die befand sich in der Bruder-Klaus-Siedlung, und diese Siedlung befand sich, eingerahmt von der A3 auf der einen und der Bahntrasse zwischen Düsseldorf und Köln auf der anderen Seite am nördlichen Zipfel von Köln, kurz vor Leverkusen. Gerüchten zufolge liegt die Bruder-Klaus-Siedlung auch sehr günstig genau in der Einflugschneise zum Kölner Flughafen, aber davon habe ich nichts bemerkt. Wenn einen nur ein schmaler Schleichweg und eine halbherzige Schallschutzmauer von der A3 trennen, dann fallen Flugzeuge rein lärmtechnisch gar nicht mehr so ins Gewicht.

Es hat ja auch Vorteile, wenn man direkt an der Autobahn wohnt. Man ist zum Beispiel unheimlich schnell auf der Autobahn. Außerdem erschließen sich neue Freizeitbeschäftigungen, denn man kann auf der kleinen Brücke über der Autobahn stehen und den Autofahrern zuwinken und dabei zählen, wie viele a) zurückwinken, b) zurückblinken oder gar c) zurückhupen. Das können andere Kinder nicht so einfach.

Damals(TM), also zwischen 1980 und 1993 konnte man in der Bruder-Klaus-Siedlung eigentlich sehr prima wohnen. Es gab einen Kindergarten und eine Grundschule und zwei Bushaltestellen, die einen nach Köln-Mülheim brachten. In der Mitte der Siedlung stand die Kirche, daneben war das Wäldchen, das seit jeher “Wella” genannt wurde, sowie das kleine Einkaufszentrum, bestehend aus Supermarkt, Metzger, Bäcker, Getränkemarkt, Zeitschriftenladen und Frisör. Sogar eine Gemeindebücherei gab es und ein Jugendheim, das seltsam nach Knete roch.

Die Bruder-Klaus-Siedlung wurde in den frühen fünfziger Jahren komplett neu erbaut, meine Großeltern gehörten zu der ersten Generation der Siedlungsbewohner, man kannte sich also. Man kannte mich dementsprechend auch, entweder, weil man mich kannte, oder weil man meine Mutter kannte oder weil man meine Großeltern kannte. In der Bruder-Klaus-Siedlung zu leben war ein bisschen wie auf dem Dorf, nur ohne Natur und Tiere, sondern halt mit Autobahn und direkt an der Grenze zwischen einer Großstadt und den letzten Ausläufern des Leverkusener Bayerwerks.

So ganz objektiv gesehen, ist die Bruder-Klaus-Siedlung ein guter Kandidat für die Feststellung: “Also, schön ist das nicht.” Nein, ist es nicht. Hier reihen sich die in den fünfziger und sechziger Jahren eiligst hochgezogenen Ein- und Mehrfamilienhäuser aneinander, gelegentlich quetscht sich ein Neu- oder Umbau aus den Achtzigern dazwischen. Nein, schön ist das nicht. Auch die Kirche ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man Architektur vielleicht eher nicht machen sollte. Trotzdem hat man das irgendwann aus irgendeinem Grund so gemacht, und es ist ja trotzdem Zuhause, man kannte es ja nie anders.

Dafür fuhren die Autos nur Schrittempo, ging ja in den kleinen Straßen nicht schneller, und wir Kinder durften eigentlich alles, auf der Straße mit Kreide malen, überall mit den Fahrrädern rumfahren, im Wella Schlitten fahren, auf der Autobahnbrücke den Autofahrern zuwinken, einkaufen gehen oder zu irgendeiner Freundin spielen gehen. Vielleicht sind wir deswegen auch ganz gut geraten, weil wir uns eben in unserer Kindheit gepflegt austoben durften.

Zuger Klause

Zuger Klause mit Blick auf die Berner Straße

Irgendwann hieß es mal, im Wella würde sich ein gefährlicher Mann rumtreiben, möglicherweise fielen auch die Wörter “pervers” oder “Exhibitionist”, aber ich war noch zu jung, um diese Wörter einordnen zu können. Das wenige, was ich davon verstand, sorgte vor allem für Irritation. Na ja schön, man hatte schon ein bisschen Angst, weil so beängstigend und sorgenvoll davon berichtet wurde, aber dann dachte ich auch wieder: Aha, da ist jemand der nackt oder ein bisschen nackt durchs Wella läuft, aber das ist doch in erster Linie mal sein Problem. Ich habe den Mann aus den Gerüchten auch nie gesehen, das Wella hat also in meiner Erinnerung seine Unschuld behalten dürfen.

Statt dessen sammelten wir im Mai im Wella Wiesenschaumkraut und boten dieses dann in eher stümperhaft zusammengedröselten Sträußchen vorm Supermarkt für 50 Pfennig feil. Mitleidige Menschen, die in uns die Enkel ihrer langjährigen Bekannten erkannten, kauften diese Sträußchen dann auch gelegentlich.

Wenn im Winter Schnee lag, konnte man im Wella Schlitten fahren und ansonsten blieb immer noch der Spielplatz, mit den Wippen und Schaukeln und dem großen M, einem Klettergerüst, das eben wie ein großes M aussah. Im Sommer war hier das Sommerfest, mit Hüpfburg und Gewinnspielen und anderen lustigen Sachen, zu Sankt Martin war hier das Martinsfeuer.

Es gibt da auch einen Friedhof, den “Neuen Mülheimer Friedhof” nämlich, und auf diesem Friedhof ist ein großes Grab, in dem schon meine Uroma, zwei meiner Onkel und meine Großeltern liegen und jetzt ist vermutlich kein Platz mehr. Ein paar Schritte weiter liegt mein anderer Opa, wir sind da eher pragmatisch. Das ist auch der Grund, warum ich immer noch gelegentlich in der Siedlung bin und dann werde ich immer sehr traurig, denn so schön, wie es damals war, so einfach und so idyllisch, so ist es leider nicht mehr.

Das liegt nicht nur daran, dass von den drei Generationen, die mich mit der Siedlung verbunden hat, nur noch die mittlere hier wohnt, also die Generation der Eltern meiner Freunde. Die Eltern der Eltern meiner Freunde sind mittlerweile fast alle schon tot und die Freunde wohnen wohl woanders, davon gehe ich jedenfalls aus.

Den Supermarkt gibt es nicht mehr, den Metzger auch nicht, der Zeitschriftenladen ist schon lange Zeit weg. Übrig geblieben sind nur der Bäcker und ein Getränkeladen, das ist aber auch nicht mehr der gleiche Getränkeladen wie damals. Schlimmer noch, die ganzen Geschäfte sind nicht nur weg, sie stehen auch einfach nur noch leer und rotten so langsam vor sich hin.

Wahrscheinlich sitzen hier auch keine Kinder mehr vor den leeren Geschäften und versuchen, Wiesenschaumkraut an den Mann zu bringen, denn das Wella ist ebenfalls größtenteils zugewuchert und die meisten Spielgeräte abmontiert.

Weil die A3 jetzt ausgebaut wurde, wurde die kleine Brücke erst abgerissen und dann eine neue gebaut, aber offensichtlich nicht breit genug, oder vielmehr, genauso breit wie vorher, aber mit breiterem Bürgersteig und jetzt ist die Straße nicht mehr breit genug für zwei Autos nebeneinander, und die Brücke aber zu lang, als dass man an einem Ende schon sehen könnte, ob am anderen Ende schon jemand kommt. Also darf man jetzt nicht mit dem Auto über die Brücke.

Die Häuser stehen noch und es wohnen Menschen darin, und sie – also die Häuser, nicht die Menschen – sehen größtenteils noch so aus, wie damals, die Einfamilienhäuser und die dreistöckigen Mehrfamilienhäuser am Luzerner Weg und am Baseler Weg. Den Kindergarten gibt es auch noch, genauso wie die Grundschule, es ist also noch nicht alles verloren.

Das Haus, in dem wir gewohnt haben, steht auch noch, mein Opa hat es damals an den Sohn eines Bekannten verkauft. Der Sohn des Bekannten hat dann alles umbauen wollen und ein bisschen damit angefangen und dann aber irgendwie die Lust verloren und als wir das letzte Mal da waren, wohnte immer noch keiner drin und drinnen war Bauruine. Der Sohn des Bekannten hat dann nämlich einfach das Haus nebenan auch noch gekauft, und da wohnt er jetzt drin, oder vielleicht auch nicht, die letzten Gerüchte diesbezüglich sind ja auch schon was länger her.

Zuger Klause

Das Haus ganz am rechten Ende des Querbalkens des T’s. Sah vor zwanzig Jahren genauso aus, nur mit anderem Auto davor.

Früher wohnten wir da zu fünft, unten meine Großeltern, oben meine Eltern und ich. Das Haus war aber nie als Zweiparteienhaus gedacht, obwohl es sogar größer war als die Standardklausenhäuser. Das ging, weil es ja ein Eckhaus war und war bitter nötig, weil meine Großeltern neun Kinder hatten. Aber die ganzen dreizehn Jahre, die wir so gewohnt haben, gab es nur eine Haustür und nur eine Klingel und wer zu uns wollte, der musste an der gleichen Haustür auf die gleiche Klingel drücken wie jemand, der zu meinen Großeltern wollte.

Aber man ist ja erfinderisch, und deswegen gab es einen erprobten und bewährten Klingelcode. Einmal klingeln für unten, zweimal klingeln für oben. Stand auch draußen dran, vor zwanzig Jahren.

Exotische Bräuche: Sankt Martin im Rheinland

Unfassbarerweise stellte sich neulich heraus, dass es in Deutschland Gegenden gibt, wo man zu Sankt Martin gar nicht mit seiner Laterne von Haus zu Haus zieht, Menschen mit traditionellem Liedgut entzückt und dafür dann Süßigkeiten abstaubt.

Schlimmer noch. Es wird nicht nur nicht so gemacht, sondern es ist auch völlig unbekannt, dass es woanders so gemacht wird.

Dieses Unwissen muss bekämpft werden und deswegen werde ich jetzt berichten, wie wir damals am Kölner Stadtrand Sankt Martin gefeiert haben UND WIE DAS HOFFENTLICH HEUTE AUCH NOCH GEMACHT WIRD! (‘schuldigung, es ging so mit mir durch.)

Jedes Jahr fing es mit dem Laternenbasteln an. Laternen, so habe ich das zumindest verstanden, werden auch andernorts gebastelt, man läuft wohl auch damit rum, und es gibt einen Sankt Martin und ein Martinsfeuer, aber ungefähr da scheinen die Gemeinsamkeiten aufzuhören. Trotzdem muss man ja irgendwo anfangen und vielleicht hilft es dem Verständnis dieser exotischen Rheinlandsbrauchtümer, wenn ich mit etwas Bekanntem und damit Fassbaren beginne.

Laternen also. Im Kindergarten bastelt man welche, später in der Grundschule, spätestens auf dem Gymnasium ist man dann aber selber dafür verantwortlich, aber da lässt die Bereitschaft zum Laternenumzug auch schnell nach, lediglich die Aussicht auf umsonstige Süßigkeiten lassen einen vielleicht noch ein oder zwei Jahre mitmachen, danach ist man endgültig aus der Laternelaufnummer raus. Es sei denn, man ist meine Mutter, aber dazu später.

Meine erste Laterne war ein Hahn. Luftballon aufpusten, schön dick mit Leim und bunten Transparentpapierfetzen bekleben, trocknen lassen, bis es hart ist, dann Luftballon zerstecken, oben muss man eh ein Loch lassen, und dann vorne den Hahnenkopf und hinten den Schwanz aus Pappe. So ungefähr. Ich erinnere nur noch den Hahn und das Haus mit den bunten Fenstern und die Sonnenblumenlaterne.

Wenn die Laternen fertig sind und endlich Sankt Martin ist, dann gibt es den großen Laternenumzug mit Sankt Martin und Kapelle und Feuer und Weckmännern und Kladderadatsch. Kindergarten und Schule hinterm Pferd her, die Kapelle spielt das gesamte Martinsliederrepertoire (so viel isses ja nicht), und dann noch immer dieses eine Weihnachtslied, das anscheinend gar nicht wirklich eins ist, weil es ja immer schon zu Sankt Martin gespielt wird, hier… Dingens… “Lasst uns froh und munter sein”.

Man zieht also mit seiner Laterne so hinter dem Sankt Martin auf seinem Pferd und der Kapelle durch die kleine Siedlung bis zum Martinsfeuer her. Bei uns war das Martinsfeuer im “Wella”. Das Wella war das Wäldchen mitten in der Siedlung, wo auch im Sommer das große Sommerfest war und der Spielplatz und im Mai das Wiesenschaumkraut blühte und man im Winter Schlitten fahren konnte. Im Wella war auch das Martinsfeuer, da stand man dann drumrum und bekam dann irgendwann seinen Weckmann, mit den Rosinenaugen und der fiesen Pfeife, die man, obwohl sie eklig schmeckte, ja doch in den Mund steckte. Wenn man Glück hatte, war noch ein Kirschlolli am Weckmann.

Auch das scheint sich noch einigermaßen mit den Bräuchen anderer Regionen zu decken. Aber das war ja eigentlich alles nur der Pflichtteil. Das Basteln, Rumziehen, Vorm-Feuer-Rumstehen, alles ein notwendiges Übel auf dem Weg zum eigentlichen, wichtigen Teil der ganzen Veranstaltung. Die Kür, der Hauptteil, das alles kam ja jetzt erst noch.

Jetzt durfte man nämlich mit den Eltern und später auch alleine mit den Freunden losziehen und an jeder verdammten Tür klingeln, ein Liedchen vorträllern und dafür Süßigkeiten einheimsen. Gesundheitsbewusste Leute gaben auch gerne mal Mandarinen oder Äpfel, aber insgesamt setzte sich die Beute doch aus Schokoriegeln, Bonbons und ähnlichem Kram zusammen.

Man sang “Laterne, Laterne”, “Ich gehe mit meiner Laterne”, “Durch die Straßen”, “Sankt Martin” und das kölsche Martinslied von däm hellijen Zinter Mätes, meistens immer nur die erste Strophe, weil man ja weiterwollte, aber die erste Strophe von irgendwas wurde tapfer gesungen, dabei die Laterne vorsichtig geschwenkt und nachher der Beutel aufgehalten und dann ging’s zum nächsten Haus. Wir haben damals fast ausschließlich Privathäuser abgeklappert, das ging auch, weil es eben eine kleine Stadtrandsiedlung war, wo eh jeder jeden kannte und die allerhöchsten Hochhäuser drei Etagen hatten mit zwei Parteien pro Etage, also machbar.

Wir hatten übrigens Kerzen in den Laternen, immer, jedes Jahr, bis zum bitteren Ende. Diese kleinen batteriebetriebenen funzeligen Leuchten waren mir als Kind schon höchstsuspekt und das wird auch so bleiben. Nur Kerzen leuchten wirklich schön, mal abgesehen, dass man da gleich lernt, Verantwortung zu übernehmen, schließlich will man ja nicht, dass die Laterne abfackelt. Da lernt man fürs Leben, echt jetzt.

Ich bin dementsprechend auch der Meinung, man hat nur richtig gelebt, wenn einem mindestens einmal eine Laterne abgebrannt ist. Meine Laterne fing vor der Tür von Familie Spottke Feuer und fand ein trauriges Ende. Der Zufall wollte es aber, dass ich genau in diesem Jahr aus mir nicht mehr bekannten Gründen zwei Laternen hatte, die in der Schule gebastelte und die mit meiner Mutter gebastelte. Außerdem waren wir eh anscheinend fast zu Hause, denn Spottkes wohnten ja in unserer Straße. Traurig war es trotzdem und ich glaube, ich habe geweint.

Es gibt auch keine Bilder von mir und meinen Laternen. Fotos von mir in Karnevalskostümen gibt es satt, Laternen schienen irgendwie kein spannendes Fotomotiv zu sein. Dafür wurden die Laternen auf dem Speicher gehortet, denn Wegschmeißen war selbstverständlicherweise verboten, die hatte man schließlich nicht mit Herzblut gebastelt und ganz, ganz vorsichtig durch die Siedlung getragen, um sie danach einfach wegzuwerfen.

Meine Oma, bei der wir ja auch wohnten, hatte zu Sankt Martin immer selbstgebackene Lebkuchen. Dafür war sie bekannt. Bei uns gab es weder Bonbons noch Schokolade noch suspektes Obst. ES GAB LEBKUCHEN! Jedes Jahr gab es Lebkuchen, ganz verlässlich, und angeblich kamen zu uns auch noch die Leute, die schon längst erwachsen waren, aber sich zu Sankt Martin zumindest einen von Omas Lebkuchen ersingen wollten. Am Ende des Abends konnte man im Flur auf der Treppe sitzen und noch ein bisschen mit dabei sein, wenn jemand an der eigenen Tür klingelte, die erste Strophe von irgendwas sang und dafür Lebkuchen bekam. Das scheint mir immer noch ein sehr guter Abschluss für den Sankt-Martins-Zug zu sein. Heute würde ich sagen: Alles richtig gemacht.

Immer wieder mache ich zu Sankt Martin zwei Bleche Lebkuchen in der vollkommen verzweifelten Hoffnung, dass sich mal ein Kind im Großstadtdschungel zu uns verirren könnte. Im Ruhrgebiet. In den vierten Stock. In Düsseldorf stand ich da mit meinen Lebkuchen und musste feststellen, dass die Kinder nur an den Geschäften und Restaurants halt machten. Zu uns wollte keiner, dabei musste man dazu sogar nur in den ersten Stock. Ich war einmal kurz davor, mich mit einem Eimer Lebkuchen vors Haus zu stellen, verwarf die Idee dann aber doch als etwas zu eigentümlich.

Ich weiß nicht, woran es liegt, ob daran, dass wir jetzt eben doch mitten in der Stadt wohnen, wo die höchsten Häuser gerne mehr als drei Etagen haben und ich gerade mal unsere Nachbarn kenne (immerhin). Vielleicht liegt es auch an der Region, vielleicht sind die Zeiten auch vorbei, und man macht das heute nicht mehr so. Halloween lehne ich ab, für ein Kind mit Laterne würde ich sicher etwas für den Süßigkeitenbeutel finden. Aber es kommt ja keins.

Und mit meiner Mutter, das war so: Die zog nämlich, da war sie schon längst auf dem Gymnasium, mit ein paar Freundinnen los, mit einer Gitarre und einem traurigen selbstgeschriebenen Sankt-Martins-Lied und dann kamen sie aber nur bis zum Siedlungsbäcker Zapp und wurden da zur Belohnung für das schöne Lied von den Bäckereifachverkäuferinnen mit Kurzen abgefüllt. Aber die Geschichte erzählt sie natürlich selbst viel besser, sie war schließlich dabei. Ich weiß noch nicht mal mehr genau, wie’s ausging, aber ich glaube die Geschichte endet üblicherweise mit dem Satz “Der Sylvia geht’s nicht so gut”.

So ist das mit den exotischen Bräuchen im Rheinland. Und im Februar erzähl ich dann, wie das mit Karneval funktioniert.