Tagebuchbloggen, 6.8.2018

Morgens in einer Straßenbahn gesessen, die einen Reisebus touchierte. Wenn man irgendwo morgens um 7:30 Uhr nicht sein möchte, dann in einer Straßenbahn, die einen Reisebus touchierte. Es ging dann aber doch nach zehn Minuten Rumsteherei weiter.

***

Abends Podcast-Hörertreffen im Odonien. Als ich meiner Mutter vor vier Jahren zum ersten Mal mit Nennung des Straßennamens davon berichtete, rief sie laut „DAS IST JA BEIM PUFF!“ Es ist sogar bei zwei Puffs, aber darüber hinaus ist das Odonien nach wie vor eine sehr coole Anlage, mit Steampunkigen Schrottskulpturen und neuerdings auch einer Couch auf Schienen. Unklar ist, ob man wirklich darauf rumfahren kann. 

Alle Cannelés erfolgreich an den Mann gebracht. Avocado und Süßkartoffel Ale probiert. Sehr nett mit unterschiedlichen Menschen gequatscht, von denen ich von ein paar sogar weiß, wie sie heißen. Zurück von Nippes bis zum Hauptbahnhof mit dem Leihrad.

***

Überhaupt Leihräder. Wenn irgendwas in den letzten Jahren mein Leben verbessert hat, dann Leihräder. Praise the Leihrad.

***

Immer noch keine Meinung zum Wetter. Eventuell habe ich aber doch zu wenig bürotaugliche Sommerkleider, darüber müsste ich mal nachdenken.

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Mit Freunden im Gut Lärchenhof in Pulheim gewesen. Auf der Terrasse war es zunächst etwas windig, dann sehr angenehm und zu späterer Stunde wurden Decken verteilt. Das Essen konnte von vorne bis hinten überzeugen, die Weinauswahl war toll (Dank an Sommelier Clemens).

 

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Sushi von der Garnele und vom Wild mit Gänseleber sowie krosse Haut vom Fisch mit Nori und Wasabicreme

Spargel mit Pancetta und Engelshaarnudeln mit Misoschaum

Taschenkrebs, Bohnen, Erbsen, Mandel und Ziegenkäse

Kaisergranat, Pak Choi, eingelegtes Gemüse, Curryspeck und Nordseegarnelen

Rotbarbe, Aubergine, Zwiebel und Speck

Rehbock, gegrillte Wassermelone, Waldmeister und Sellerie

Eistee, Zitrone und weiße Schokolade

Gourmandises: „Geschmäcker der Kindheit in anderer Form“, Bananenhäppchen, Fruchtdrops, sowie Maracuja und Vanille im Kölschglas (schmeckte Original wie Cuja Mara Split)

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Gut Lärchenhof, 28.7.2018

Tagebuchbloggen, 23.7.2018

Der Tag im Büro war ereignislos, außer, dass ich aufgrund eines ungünstig gelegenen Meetings allein zu Mittag essen musste. Das war aber nicht so schlimm, denn erstens macht mir etwas Ruhe beim Essen gar nichts aus und zweitens kann man sich, wenn man alleine isst, den Platz auch selber aussuchen und deswegen saß ich dann nicht mit der üblichen Aussicht auf Tanzbrunnen, Eisdealer und Rhein, sondern mit Domblick.

***

Der Zug nach Hause hatte sehr viel Verspätung, weswegen ich erst zum Hauptbahnhof fuhr und da ein bisschen im Bücherladen rumguckte und danach noch die Pokéarena am Bahnsteig 4/5 besetzte. Im Bücherladen erstand ich ganz spontan „Die Welt der Drei Fragezeichen“ von C. R. Rodenwald [Amazon-Werbelink], um mich mal ein bisschen zielgerichteter in die Hintergründe einzulesen. Etwas geärgert, weil das Buch im riva-Verlag erschienen ist, der sich in der Vergangenheit gelegentlich mit fragwürdigen Urheberrechtsdramen auf Twitter nicht gerade mit Ruhm bekleckerte.

Das Buch liest sich sehr gut an, aber man muss vermutlich schon Fan sein, um erst mal hundert Seiten über Autorengeschichte und Lizenzrechtsstreits zu lesen. Für mich passt das, ich finde das alles sehr spannend. Es gibt aber natürlich auch direkt wieder mindestens zwei Gründe, den Flammenwerfer auszupacken.

(Beim letzten Zitat befinden wir uns übrigens schon in den Achtzigerjahren, da hätte ich ja gedacht, dass man schon weiter gewesen wäre.)

***

Noch aus dem Zug raus bei der Pizzeria an der Ecke zwei kleine Pizzen zum Abholen bestellt, hauptsächlich, weil ich kaum noch Geld hatte und nicht sicher wusste, ob man überhaupt und wenn ja, auch für Beträge unter zehn Euro mit Karte zahlen könnte. Online kann man aber über Paypal zahlen. Zu Hause dann Trash-TV und Bett abbauen, in umgekehrter Reihenfolge. Während seltsame Z-Promi-Paare im Fernsehen sich bei dummen Spielchen anschrien, bauten wir unser altes Bett in stiller Harmonie in einer Viertelstunde ab.

Heute morgen kommt nämlich das neue Boxspringbett. Die Geschichte dazu geht so, dass mein Mann eine neue Matratze kaufen wollte und ich daraufhin vorschlug, dann gleich ein neues Bett zu kaufen. Das mit dem neuen Bett aber auch nur, weil wir das sowieso schon mal überlegt hatten und die Gelegenheit günstig erschien. Die Auswahl war auch einfach, wir nahmen einfach exakt das Bett, das meine Eltern vor ein paar Jahren kauften, es heißt Bruno, kommt aus Berlin und hat ein Bär im Logo. Googeln Sie das selber, wenn ich das verlinke, muss ich nachher noch irgendwo Werbung dran schreiben.

Jedenfalls sollte das neue Bett erst Freitag kommen und jetzt auf einmal dann doch schon Dienstagmorgen und deswegen musste gestern das alte Bett noch schnell abgebaut werden. Geschlafen haben wir dann im Flur auf der alten Matratze, weil sie nun mal im Zuge des Abbauens dort gelandet war. Haben wir das jetzt also auch mal gemacht.

***

Drei neue Entdeckungen im Spotify Mix der Woche: Nieselregen von Laing, Autobiographie einer Heizung von Knarf Rellöm (bei dem ich nach zwei Sekunden innerlich „DAS HAT ER DOCH VON RANDY NEWMAN GESAMPELT!“ dachte) und Bach von Dan Reeder.


Wer gerne liest, was ich hier schreibe und mir eine Freude machen will, kann mir etwas von der Wunschliste spendieren oder Geld ins virtuelle Sparschwein werfen.  Die Firma dankt.

Tagebuchbloggen, 14.7.2018

Frau Stedtenhopp fordert wieder mehr Tagebuchbloggen, so wie wir es früher (TM) immer gemacht haben und ich glaube, ich bin da ganz ihrer Meinung, was natürlich dann in der Konsequenz bedeutet, dass ich mich mit gutem Beispiel der kleinen unerschütterlichen Zahl der Tagebuchblogger* anschließen werde.

***

Gestern war zum Beispiel Tantengeburtstag in Köln. Weil ich mittlerweile gelernt habe, dass man in Köln am schnellsten mit dem Rad unterwegs ist, jedenfalls dann, wenn man nicht in irgendeinen abgefahrenen Stadtrandstadtteil möchte oder nicht wirklich direkt von A nach B eine Bahn fährt, nehme ich immer öfter das Leihrad. In diesem Fall musste ich nach Ehrenfeld, das ist auch schön einfach, man muss vom Hauptbahnhof eigentlich die ganze Zeit nur geradeaus. Es gibt sogar einen mehr oder weniger durchgehenden Radweg die gesamte Venloer Straße lang, aber man müsste eventuell „Radweg“ mit großen Anführungszeichen schreiben, denn streckenweise ist dieser „Radweg“ nicht breiter als eine Lenkstange. Aus Essen kommend goutiere ich aber, dass man zumindest an die Radfahrer gedacht hat, und mit guten Absichten eine Linie auf die Fahrbahn gepinselt hat, das ist schon mehr, als ich es aus dem Ruhrgebiet gewohnt bin.

Was mir aber vor allem aufgefallen ist, ist, dass sich alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen erratisch verhalten. Es ist eigentlich egal, die Autofahrer, die „nur mal kurz“ auf dem Radweg parkten oder ohne erkennbaren Grund auf der Fahrbahn bremsten nervten genauso wie die Fahrradfahrer, die offensichtlich gar nicht so dringend von A nach B mussten, und mit entsprechender Geschwindigkeit den Radweg blockierten (gerne auch zu zweit nebeneinander), so dass man als Mensch mit begrenzter Nachsichtigkeit und Geduld eben dann doch zum Überholen auf die Straße fahren musste.

Positiv stachen die Fußgänger hervor, möglicherweise ist das so ein Critical-Mass-Ding, hier in Essen klingel ich regelmäßig Fußgänger vom Radweg, man mag ihnen aber gar keinen rechten Vorwurf machen, wie sollen sie drauf kommen, dass der Radweg ein Radweg ist, wenn da nie ein Radfahrer lang fährt. In Köln hingegen ist die Radfahrerdichte deutlich höher, und dementsprechend vielleicht auch die Wahrnehmung des Radwegs als Radweg.

Long story short: Ich glaube, es sind nie die Verkehrsteilnehmer selber, die das Problem sind, sondern die Infrastruktur, die geboten wird. Darüberhinaus ist die Idiotenquote gleichmäßig auf alle Verkehrsteilnehmer verteilt.

***

Zurück bin ich dann auch gar nicht mit dem Rad, sondern habe mich bis zum nächsten Bahnhof bringen lassen, wo theoretisch der RE 1 von Köln nach Essen durchgefahren wäre, praktisch aber eine Verspätung von einer halben Stunde hatte, so dass ich dann doch zwei Mal umsteigen musste, um nach Hause zu kommen.

Im ersten Zug war High Life, mehrere Grüppchen junger Menschen, die laut Musik hörten und offensichtlich auf dem Weg zu irgendwelchen Feierlokalitäten waren. Eine Mädchengruppe hatte den jungen Zugbegleiter bereits in ein Gespräch verstrickt, in dem es mehr oder weniger darum ging, wieso er sich in der Kölner Feierszene nicht auskennen würde, wo er doch hier wohne, gefolgt von einer längeren Liste potentieller Feierlokalitäten und der Erkenntnis, dass man gar nicht hören würde, dass er eigentlich aus Hamburg kommt, was er mit einem trockenen „Woran soll man das auch hören, soll ich öfter mal ‚Digga‘ sagen?“ konterte.

Irgendwie schien es einen Themenwechsel zu geben, denn wenig später schon ging es um Blasenentzündung, und die Vermutung einer der jungen Frauen, dass sie eventuell die einzige Frau auf der ganzen Welt sei, die noch nie Blasenentzündung gehabt hätte. Darauf hob ich wie der schlimmste Streber des ganzen Zugs die Hand und rief: „Nein, ich, ich! Ich hab auch noch nie eine Blasenentzündung gehabt!“ So baut man gleich ein Gemeinschaftsgefühl auf, es geht ganz schnell.

Tatsächlich hielt ich Blasenentzündung lange Zeit für einen Mythos, bis mir nahestehende Personen versicherten, dass es sich dabei doch um ein existierendes Ding handeln würde, und sie selber Klagelieder darüber singen könnten. Ich bin zwar geneigt, dem Glauben zu schenken, meine neue Freundin aus dem Zug und ich versicherten uns aber doch noch mal gegenseitig, dass wir immer noch nicht sicher wären, ob es sich nicht vielleicht doch um einen Mythos handeln könnte.

Dann waren wir schon am Kölner Hauptbahnhof und die jungen Menschen gingen irgendwo Feiern und der Zugbegleiter machte vielleicht Feierabend und ich nahm den nächsten Zug Richtung Essen.

***

Von der Dachterrasse meiner Tante hat man übrigens einen bezaubernden Blick auf Köln, man könnte ein bisschen neidisch werden. Leuchtturm, Fernsehturm, Dom, alles da.


*Das wären dann zum Beispiel Frau Nessy, die Kaltmamsell, Anke Gröner, Maximilian Buddenbohm und Sven Dietrich.

Noch mal Bruder-Klaus-Siedlung (Pfarrfest 2017)

Hier mal etwas Organisatorisches in eigener Sache. Da der Artikel über die Bruder-Klaus-Siedlung zu den meistkommentierten meines Blogs gehört und sich hier anscheinend zahlreiche ehemalige und Noch-Bewohner der Siedlung wiedertreffen, habe ich nicht zuletzt auch angeregt von Mama etwas recherchiert:

Am 24.9.2017 findet laut meinen Recherchen das diesjährige Pfarrfest der Pfarrgemeinde St. Bruder Klaus statt. Wenn alles klappt, werden ich und meine Mutter nach vielen Jahren auch kommen und regen an, dass auch der ein oder andere, der sich hier im Blog über den Artikel und die Erinnerungen gefreut hat, vielleicht zu einem inoffiziellen Ehemaligentreffen einfindet.

Genaueres kann man dem Pfarrkalender entnehmen. Die Messe mit anschließender Prozession findet um 10 Uhr statt.

Was schön war

Gestern:

  • Nach der Arbeit zu Fuß erst am Rhein entlang über die Hohenzollernbrücke.
  • Über Liebesschlösser gefreut.
  • Im Dom gewesen.
  • Richterfenster angeguckt.
  • Ein bisschen aus der Ferne dem Gottesdienst gelauscht und Kerze angezündet.
  • Richtung Neumarkt gelaufen.
  • Acrylfarben, Pinsel, Anspitzer und einen Radiergummi gekauft, weil mein Mann letztens einen Radiergummi brauchte und ich keinen gefunden habe.
  • Quer über den Neumarkt gelaufen, mich geweigert, noch mal nach dem Weg zu gucken, weil ich seit der Lektüre von „Verirren“ (siehe hier) dann immer „Nach dem Weg gucken ist was für Luschen“ denke.
  • Mit Angela im Café 1980 getroffen.
  • Draußen gesessen.
  • Eistee getrunken.
  • Bahn Mi gegessen.
  • Cà phê sữa đá getrunken.
  • Törtchen gegessen.
  • Viel geredet.
  • Zum Neumarkt gelaufen und zum Bahnhof gefahren.
  • Sonnenblume gekauft.
  • In Essen Bahn verpasst und zu Fuß nach Hause gelaufen.
  • Dabei Musicalsongs gehört und lautlos mitgesungen inklusive dramatischer Gesten. Ja, das sieht bescheuert aus, aber es war ja außer mir kaum jemand da unterwegs.
  • Zu Hause angekommen.
  • Ins Bett gegangen.
  • Noch ein Kreuzworträtsel der NY Times zu Ende gelöst und Drei Fragezeichen gehört.
  • Eingeschlafen.

Das war alles schön.

Mülheim, mon amour

Köln-Mülheim

Gestern war ich auf der LitBlog Convention, einer kleinen Konferenz für Literaturblogger, wobei ich ja gar kein Literaturblogger bin, ich schreibe nur gelegentlich über Bücher. Aber das ist auch egal, darüber wollte ich gar nicht schreiben, oder jedenfalls nicht jetzt.

Schreiben wollte ich über den Ort, an dem die Konferenz statt fand, nämlich im Bastei-Lübbe-Verlag, der im Kölner Schanzenviertel (Ja, wir haben jetzt auch ein eigenes Schanzenviertel. Hamburg, deal with it!) sitzt. Viel alter Fabrikbau, in dem sich jetzt Verlage und andere Medienunternehmen ansiedeln. Direkt nebenan die Keupstraße, wo sich eine Dönerbude an die anderen reiht.

Wenn man also zu Bastei-Lübbe will und mit der Bahn unterwegs ist, dann fährt man – wenn man ich ist – nach Deutz und dann mit der 4 bis zur Keupstraße. Dabei kommt man auch am Wiener Platz vorbei, dem Dreh- und Angelpunkt des Köln-Mülheimer Lebens. Schön ist der nicht, wie man oben sehen kann, aber die Kernkompetenz von Köln war noch nie, pittoresk zu sein.

Ich stellte mit also vor, wie mich jemand fragen würde, ob ich gut hergefunden hätte, so zu Bastei-Lübbe im Schanzenviertel und wir ich dann sagen würde:

„Doch, doch, da vorne, da ist das Genoveva, da hat meine Mutter Abitur gemacht und gleich daneben war die Musikschule, in der ich einmal die Woche Klavierunterricht hatte, und da etwas weiter runter am Rhein, da bin ich bis 1994 auf die Schule gegangen, da konnte ich dann zu Fuß zum Klavierunterricht, das war praktisch. Und da hinten, da ist die Bücherei, in die ich immer mit meiner Oma gegangen bin, wenn sie mich vom Klavierunterricht abgeholt hat und dann sind wir auf der Frankfurter Straße zum McDonald’s. Da ist auch das Cortina, in dem Eiscafé haben schon meine Eltern gesessen und Tartufo gegessen. Und im Woolworth habe ich recht schnell gelernt, was das türkische Wort für „Mama“ ist und aufgehört, darauf zu reagieren und ja, danke, ich habe ganz gut hergefunden.“

Und das ist nur die Hälfte der Geschichten, die ich hätte erzählen können. Und in diesem Sinne ist Schönheit wirklich ganz schön relativ.

Köln-Mülheim

Adele, 15.5.2016 in der Lanxess-Arena in Köln

Adele 15.5.2016

Wir sind da. 15.5.2016 in der Lanxess-Arena in Köln. Ich beglückwünsche mich zweifach. Erstens dazu, dass ich überhaupt Karten bekommen habe, zweitens, dass ich aus reinem Zufall welche am 15.5. und nicht einen Tag vorher gekauft habe, weil ich natürlich am Verkaufstermin nicht auf dem Schirm hatte, dass da irgendwann ESC ist. Aber das ist ja jetzt kein Problem, ESC war ja gestern, heute ist Adele. Ein dritter Glückwunsch dann zu den zwar teuren, aber sehr guten Karten. Beim Konzert von Paul Simon & Sting war ich geiziger und es reichte nur für Karten auf den oberen Rängen an der Seite. Leider ist die Akustik in der Lanxess-Arena sehr, sehr mies und wenn man ganz oben sitzt, bekommt man Echos ab, die das ganze Konzert über irritieren. Jetzt sitzen wir direkt mittig und sehr viel weiter unten, was sich später als gute Entscheidung herausstellt. Keine irritierenden Echos dieses Mal.

Adele 15.5.2016

Wir haben einen Fertigcocktail (immerhin für akzeptable 6,50 Euro) und ein großes Bier gekauft, mein Mann holt noch eine Riesenschüssel Popcorn, dann warten wir ab, bis das Konzert losgeht, kein Support vorneweg, das ist gut. Wobei ich generell eine zwiegespaltene Meinung zu Support Acts habe. Einerseits möchte ich, wenn ich auf ein Konzert gehe, den Künstler sehen, für den ich die Karten gekauft habe und zwar möglichst schnell und möglichst lange. Auf der anderen Seite kann man so auch gute neue Künstler kennenlernen. Wallis Bird trat als Support für Emiliana Torrini auf, das war sehr schön, genau so wie Amanda Palmer einfach drei Bands als Support auftreten lies, allesamt auf unterschiedliche Arten spannend. Trotzdem: Ich möchte jetzt Adele sehen und nix anderes. Und Adele sehen wir dann auch.

Nachdem wir minutenlang auf ihre geschlossenen Augen starren konnten, wird es aufgeregter im Publikum. Irgendwas passiert, ich weiß aber nicht was und kann auch nichts erkennen. Im Nachhinein wird klar: Adele wird in einer geschlossenen Kiste in den Saal und zu der mittleren Bühnen gefahren. Das Licht geht aus, die Augen auf der Leinwand gehen auf, es erklingt ein „Hello“, dann noch eins, dann noch eins und dann fährt Adele auf der kleinen Bühne in der Mitte nach oben und es geht los.

Adele 15.5.2016

Natürlich geht es mit Hello los, Adele allein auf der Bühne, von einer Liveband noch nichts zu sehen. Irgendwann macht sie sich, umringt von Security auf den Weg zur großen Bühne, man sieht die Menschen unten im Saal aufstehen, um einen Blick zu erhaschen. Immer noch ohne sichtbare Band wird direkt das zweite Lied angestimmt, Hometown Glory. Im Hintergrund Bilder von London, Adeles Heimatstadt. Im zweiten Refrain singt sie dann nicht mehr über my hometown, sondern über your hometown und zack! Bilder vom Kölner Dom werden gezeigt und das reicht mir eigentlich schon, um gefühlsmäßig am Ende zu sein. Dann heule ich eben jetzt auf einem Konzert hemmungslos rum. Smart move, Adele, smart move. Das Publikum ist außer sich.

Die Frage bleibt aber. Wo bleibt die Band? Oder bleibt das so? Ich bin mit gemischten Erwartungen hergekommen. Einerseits hatte ich immer das Konzert in der Royal Albert Hall im Hinterkopf, das wir mal im Fernsehen sahen und das der Auslöser dafür war, dass ich unbedingt, unbedingt, unbedingt Adele live sehen wollte. Allerdings eben auch, weil Adele so charmant parlierte, weil das Publikum mitsang und weil alles so wundervoll war. Ich war also voll mit Erwartungen und habe genau so damit gerechnet, dass es vielleicht gar nicht so toll wird, wie ich es mir vorstelle. Wundervoll ist es ja insgesamt schon, aber viel parliert hat Adele noch nicht und wo ist die Band?

Die Frage wird beim nächsten Song beantwortet. Tatsächlich habe ich geahnt, was passieren wird, aber die Kamera nicht rechtzeitig in Position bringen können. Denn beim ersten Refrain von One and Only geht auf den Punkt genau das Licht an, die Band ist zu sehen, Adele wird groß auf der Leinwand gezeigt und das Publikum flippt schon wieder aus und ich, na ja, ich weine halt schon wieder vor Freude.

Und dann wird der ganze Abend von vorne bis hinten wundervoll. Bei diesem Konzert wird die Balance zwischen Perfektion und Authentizität so grandios gehalten wie ich es noch nie erlebt habe. Natürlich wissen die Leute genau, was sie machen müssen, um mich (und vermutlich auch alle anderen) emotional zu kriegen, aber das ist ja nicht verkehrt. Trotzdem ist es keine durchinszenierte Show, denn Adele ist Adele, erzählt zwischen den Songs Geschichten, holt Leute auf die Bühne, macht beim Singen Grimassen, die weder albern noch aufgesetzt wirken und ist auf der ganze Linie charmant, witzig, authentisch.

Adele 15.5.2016

Zwei Mädchen aus den vorderen Reihen werden auf die Bühne geholt, weil sie Adele aufgefallen sind. Die beiden sind fassungslos, man hat ein bisschen Angst, dass sie gleich hyperventilieren und umkippen, aber ich würde vielleicht auch hyperventilieren und umkippen, wenn Adele mich umarmen würde. „We saved three years for the tickets“, stammelt eine der beiden und man hat das Gefühl, das sich Adele keine besseren Fans hätte aussuchen können, um sie vor mehreren tausend Menschen zu umarmen.

Adele 15.5.2016

Zu Make You Feel My Love lässt uns Adele unsere Handytaschenlampen einschalten. „I promise you, it looks incredible“ sagt sie und es sieht wirklich ziemlich incredible aus. Immer wieder fragt sie, wo wir herkommen „Someone from… France? From South Africa? From Canada?“ Selbst aus Island ist jemand da, die ganze Welt ist anscheinend nach Köln gekommen, um Adele zu sehen. Auf der kleinen Bühne wandert sie einmal die komplett alle Seiten ab, damit die Menschen sie fotografieren können. Adele ist Diva, aber dann auch wieder nicht. „This was the worst burp“, entschuldigt sie sich und erklärt später: „I could drink anyone of you under the table.“

Auf der großen Leinwand wird neben ein paar Filmen sonst immer nur Adele eingeblendet, niemals die Band. Auch wenn ich es sonst sehr schätze, wenn ich auch das Geschehen auf der Bühne sehen kann, gefällt mir diese Entscheidung. Es bleibt so ein Abend mit Adele, man wird von nichts abgelenkt und jeder im Saal kann ihr beim Singen und erzählen zusehen. Das passt hier ganz wunderbar.

Adele 15.5.2016

Zu Someone Like You darf das Publikum wieder mitsingen. Weil ich klug bin und das geahnt habe (oder eventuell, weil Adele es angekündigt hat), schmeiße ich die Kamera an. Es ist schon sehr ergreifend, wenn eine ausverkaufte Lanxess-Arena gemeinsam singt. Genau wegen dieser Momente wollte ich unbedingt auf dieses Konzert und ich wurde sehr viel mehr als nicht enttäuscht.

Danach gibt es noch richtigen Regen von oben zu Set Fire to the Rain und dann verschwindet Adele wieder nach unten und wird in ihrer Kiste rausgefahren. Das Publikum klatscht und klatscht und klatscht und jubelt, aber vermutlich dauert es etwas länger, wenn man sich erst aus einer Kiste befreien und dann noch irgendwie durch Arena-Geheimgänge wieder auf die große Bühne begeben muss. Denn natürlich kommt Adele noch mal.

Adele 15.5.2016

Drei Lieder gibt es noch als Zugabe, All I AskWhen We Were Young, und Rolling in the Deep. Zu When We Were Young werden Kinder- und Jugendbilder von Adele eingeblendet, Familienalbumbilder, mehr oder weniger vorteilhaft und gerade deswegen wieder so authentisch. Genau diese Bilder gibt es von allen von uns. Natürlich fange ich wieder an zu weinen, weil es so schön ist und so gut passt und dann wird wieder wild auf meiner Emotionsklaviatur gespielt: Das letzte Bild ist ein Bild von der schwangeren Adele. Das ist gemein. Gemein, gemein, gemein, aber eben auch so unglaublich schön.

Zum Schluss werden kleine Papierschnipselchen auf das Publikum geblasen. Adele verschwindet hinter einer Wolke aus weißen Schnipseln und man weiß jetzt nicht, worauf man sich konzentrieren soll und versucht, Schnipsel zu fangen. (Ungeduldige Interessierte spulen in diesem Video weiter zu Minute 3:50.) Das war’s. Vorbei. Und so schön.

Adele 15.5.2016

Als wir auf den Platz vor der Arena treten, sagt mein Mann „Das beste Konzert, auf dem wir je waren!“ und ich kann nur zustimmen. Jederzeit wieder, am liebsten sofort und wenn es geht, noch weiter vorne, aber egal, Hauptsache wieder. Völlig euphorisiert laufen wir Richtung Parkplatz, essen noch eine Kleinigkeit beim Mexikaner und fahren dann voll mit Gefühlen nach Hause.

Die geretteten Papierschnipsel liegen auf dem Nachtisch. Adele sagt „Hello“ und „We could have had at it all“, aber nach diesem Konzert kann man eigentlich nur glücklich feststellen, dass man nicht nur alles hätte haben können, sondern eigentlich auch alles gehabt hat.

Adele, 15.5.2016

Die Setlist gibt’s hier.

Neue Momentaufnahmen, Herbst 2015 in Deutschland

1

Ich fahre mit der Straßenbahn von Köln-Deutz zum Heumarkt. Neben mir sitzen zwei Männer, dunklere Haut, schwarze Haare, woher sie kommen vermag ich nicht zu sagen. Warum sie mir auffallen, weiß ich gar nicht, aber irgendwas am Blick des einen ist anders, ein bisschen unfokussierter vielleicht, die Augen etwas glasiger, ich bin nicht gut im Lesen von Gesichtern.

Ich erhasche einen Blick auf die Zettel, die der andere Mann in der Hand hält. Behördenschreiben, irgendwas mit Asyl und dass mich das jetzt gar nicht wundert, ist vielleicht am erschreckendsten. Ansonsten sehen die Männer nicht anders aus als jeder andere Mensch, der hier irgendwann mal von woanders hergekommen ist. Oder dessen Eltern von woanders hergekommen sind. Oder dessen Großeltern. Aber diese Männer sind selber gerade erst hergekommen und wissen noch nicht mal ob sie bleiben dürfen. Und jetzt fahren sie Straßenbahn in Köln, genau wie ich und alle anderen um uns herum.

 

2

Im Supermarkt sehe ich einen jungen Mann zwischen den Konserven stehen und Geld abzählen. In der Hand, immer und immer wieder. In der anderen Hand hält er etwas, was, habe ich schon vergessen. Ob das Geld noch für etwas anderes reicht? Er zählt und wendet Münzen.

Ich weiß nicht, ob ich hingehen soll und sagen: „Komm, was brauchst du, ich nehm das und bezahl es.“ Aber wie bescheuert wäre das, wenn das gar kein Flüchtling ist, sondern einfach nur jemand, der gerade mal zu wenig Geld dabei hat, so wie ich manchmal auch, nicht, weil ich kein Geld habe, sondern weil ich manchmal verpeilt bin oder eben keine Zeit hatte, zum Geldautomaten zu gehen. Nur dass ich eben vom Typ her nicht die Assoziation „Flüchtling“ hervorrufe. Wie unangenehm wäre das, jemandem zu unterstellen, er könne nicht für sich selbst sorgen und bräuchte meine Hilfe, wie anmassend von mir, irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen, nur weil Menschen irgendwie aussehen und Geld zählen.

Und gleichzeitig wie furchtbar, dass ich mich nicht traue, hinzugehen und zu fragen, weil mir zehn Euro auf dem Konto nichts ausmachen, anderen Menschen aber sehr dringend fehlen. Wie doof, dass ich zu feige bin, es wenigstens zu versuchen.

Der Mann zahlt an der Kasse vor mir, als ich hinter ihm rausgehe, sehe ich, wie er an der Bäckerei abbiegt, vielleicht der Weg zum Flüchtlingsheim, vielleicht einfach der Weg nach Hause. Vielleicht ist das hier eine Flüchtlingsgeschichte, vielleicht aber auch nur die Geschichte von jemandem, der zufällig zu wenig Geld in der Hosentasche hatte. In jedem Fall ist es die Geschichte von einer jungen Frau, die immer noch nicht weiß, wie man sich am besten verhält.

 

3

In Köln-Deutz warte ich darauf, dass die Leute aus dem ICE aussteigen. Ein Mann steigt heraus, auf dem Arm ein Junge, vielleicht acht Jahre oder zehn, eigentlich zu groß, um getragen zu werden, die Füße sind verbunden, beide Füße, vorne schauen die nackten Zehen hervor. Es ist November, und obwohl es für Novemberverhältnisse sehr warm ist, ist es doch ein bisschen zu kalt für halb nackte, halb verbundene Füße.

Der Mann greift hinter sich, und ich denke, aha, jetzt reicht ihm jemand den Rollstuhl nach draußen, aber es wird nur ein Trolley herausgereicht, ein kleiner Trolley, man würde eine Woche damit in Urlaub fahren, allein, vielleicht zwei, wenn man nur T-Shirts und kurze Hosen einpacken muss.

Mit der einen Hand zieht der Mann den Trolley, auf dem Arm hat er immer noch den Jungen mit den verbundenen Füßen und so geht er den Bahnsteig hinunter zum Ausgang. Und auch das ist vielleicht keine Flüchtlingsgeschichte, wer weiß das schon, aber es ist eine Geschichte aus Deutschland im Herbst 2015, als es auf einmal Flüchtlingsgeschichten gab. Überall und immer wieder und vor allem immer wieder ohne Vorwarnung.

Norden Berlin beim Summer of Supper im Marieneck

„Wenn du nur zu einem Abend gehst, dann geh zu Norden Berlin!“ instruierte Holger mich per Twitter, nachdem er mich auf den Summer of Supper aufmerksam gemacht hatte. Und da ich ja immer sehr glücklich bin, wenn andere Menschen mir schwierige Entscheidungen abnehmen, orderte ich zwei Tickets für den Summer of Supper im Kölner Marieneck. Das Marieneck kannte ich schon von der Vorstellung von Stevan Pauls „Auf die Hand“ [Werbelink]. Mitten in Ehrenfeld finden hier alle möglichen Arten kulinarischer Veranstaltungen statt und im Sommer eben der „Summer of Supper“, bei dem an insgesamt neun Abenden im Juli verschiedene Menschen für andere Menschen ein Mehr-Gänge-Menü kochen. Wir gehen also am 11. Juli zu Norden Berlin, die ich vorher nicht kannte, von denen ich aber in den Wochen zwischen Ticketkauf und Supperclub nur Gutes höre. Der Tipp scheint richtig gewesen zu sein und ich bin ganz aufgeregt.

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Am 11. Juli fahren wir also nach Köln, mit dem Auto, ja, dämliche Idee auf der einen Seite, allerdings finden am gleichen Abend die Kölner Lichter statt und weil ich vor drei Jahren mal nach den Kölner Lichtern mit dem Zug von Köln nach Essen fahren musste, weiß ich, dass ich dieses Erlebnis nicht zwingend wiederholen möchte. Pünktlich um 18 Uhr finden wir uns vorm Marieneck ein, wo schon viele andere Menschen warten, unsicher, ob man jetzt reingehen darf oder nicht, bis die ersten den kleinen Veranstaltungsraum mit Showküche betreten und wir dann eben hinterherlaufen. Es ist direkt Betrieb im Marieneck, viele Leute sind wohl nicht zum ersten Mal hier und kennen sich. Es wird rumgewuselt, erzählt, den Köchen bei der Vorbereitung zugeguckt. Wir suchen erst mal Plätze und da wir sonst niemand kennen, setzen wir uns ganz hinten in die Ecke, was erst mal eine Diskussion heraufbeschwört, wer am Kopfende sitzen muss. Mir fallen irgendwann keine Argumente mehr ein, also sitze ich am Kopfende, was auch nur so lange etwas seltsam ist, wie der Tisch noch nicht voll besetzt ist. Danach ist es nämlich eigentlich auch schon egal, irgendwo muss man ja sitzen und irgendwer muss halt am Kopfende sitzen und alles gut im Blick haben.

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Als Aperitif gibt es einen gerade volljährig geworden Riesling Spätlese von der Mosel-Saar, ich trage die Weingläser zu unserem Platz, mache ein paar Fotos und dann warten wir, bis sich alle Plätze gefüllt haben und es losgeht. Neben uns sitzen mittlerweile Lena, Maike und Kati, und nach einer kurzen Ansprache von Norden Berlin, geht es dann auch los.

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Als Gruß aus der Küche gibt es ein Holunderschäumchen mit Gurke und frittierter Gurkenschale. Darauf muss man auch erstmal kommen. Es stellt sich als etwas schwierig heraus, die schwarzen Schälchen restlos auszukratzen, aber erstens haben wir Hunger und zweitens ist es lecker.

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Danach wird Bier ausgeschenkt. Natürlich haben wir die als Biergläser intendierten Gläser als Wassergläser missbraucht, denn wenn man in Köln Kölschgläser irgendwohin stellt, wird davon ausgegangen, dass da das Bier reinkommt. Es gibt aber auch kein Kölsch, sonder Craft Beer von Von Freude aus Hamburg und das gehört in die bauchigen Gläser. Zum Bier gibt es Matjes. Matjes habe ich eventuell noch nie gegessen, dieser hier ist fantastisch und ich frage mich, was mich die Jahre davon abgehalten hat. Zusätzlich zum schwedisch marinierten Matjes gibt es Kartoffeln, eingelegte rote Zwiebeln, Schnittlauchcreme, etwas braune Butter und darunter ein Eigelb. Das ist alles sehr großartig, wir schwärmen rum, vor allem von dem Matjes, der irgendwie weihnachtlich schmeckt. Lena ist Halbschwedin und klärt uns auf, dass das eben schwedischer Matjes ist, so schmeckt der da immer. Seit diesem Abend denke ich regelmäßig an schwedischen Matjes und wo ich welchen herbekomme. Ich bin bekehrt!

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Mit dem zweiten Gang geht es weiter, jetzt schwenken wir zu Wein über, Paul bringt uns „Orange Wine“ oder „Orangewein“ wie man auch auf deutsche konsequenterweise sagen müssen. Gehört habe ich davon schön, probiert noch nicht. Der Wein schmeckt im Nachgang etwas bitter, nach Grapefruit oder Blutorange. Wir vermuten, dass auch Orangewein eines dieser Dinge ist, für die man einen Acquired Taste braucht, die sich also nicht direkt beim ersten Mal erschließen, sondern für die man etwas Zeit und Geduld braucht.

Dazu gibt es einen Tartar von Lachs und Flusskrebs mit Dillkronen und Brotkrumen auf Västerbottencreme. Wir lernen: Dillkronen kann man essen. Und: Västerbottencreme ist Käsecreme. Bei der letzteren Erkenntnis hilft Lena uns mit ihren Kenntnissen der schwedischen Kulinarik weiter.

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Während wir uns wirklich nett mit den bis eben noch fremden Menschen an unserem Tisch unterhalten, kommt der nächste Wein und der nächste Gang. Wir schwenken um auf Weißwein und bekommen ein Schüsselchen mit einem angebratenen Römersalatherz auf einem herzhaften Dressing mit gebratener Lachshaut, liebevoll „Swesar’s Salad“ genannt. Dazu gibt es Riesling von Carl Loewen.

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Es folgt der vierte Gang, ein kleines skandinavisches Waldpotpourri. Pilzcreme mit sautierten Pfifferlingen, Heidelbeeren, rohen Champignons, Kräutercroutons, Malzerde und Fichtenöl. Auch hier gibt es keine Klagen, vor allem ist es so wunderhübsch auf dem Teller angerichtet, dass man sich kaum traut, davon zu essen. Auf der anderen Seite ist es ja genau dazu gedacht, also essen wir und freuen uns. Dazu gibt es einen französischen Rotwein mit dem schönen Namen „Soif de Plaisir“.

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Wir bleiben auch beim Hauptgang beim Rotwein und bekommen Ente mit dreierlei von der Karotte: Einmal als Püree, einmal eingelegt und einmal getrocknet. Mein Mann kann mit der getrockneten Karotte nichts anfangen, zu meinem großen Glück, denn dann darf ich seine Streifen auch noch haben.

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Jetzt bleibt eigentlich nur noch der Nachtisch, vor dem es mich ein bisschen fürchtet, weil ich doch kein Lakritz mag, da aber neben anderen sehr leckeren Komponenten auch „Lakritzcreme“ auf dem Menü stand. Aber ich probier ja alles. Serviert wird ein Himbeersorbet mit zweierlei Schokocreme (einmal dunkel, einmal hell), etwas Schokocrumble und Himbeeren. Wir rätseln, wo sich die Lakritze versteckt hat, mein Mann meint, sie in der Schokocreme entdeckt zu haben, wo ich sie aber nun gar nicht entdecken mag. Paul löst das Rätsel. Es gibt keine Lakritzcreme, wohl aber Lakritzkraut. Die kleinen grünen Blätter, bei denen ich zunächst „Huch, schon wieder Dill!“ dachte, sind zwar nur spärlich eingesetzt, dafür schmecken sie sehr intensiv. Zum Dessert gibt es wieder eine Riesling Spätlese von Müllen, diesemal aber in der weniger alten 2005-er Variante. Dann ist der Abend auch schon fast vorbei. Die Köche laufen um die Tische und spritzen aus Spritztüten voller Schokoladencreme Nachschlag auf Teller, die ihnen entgegengehalten werden.

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Summer of Supper mit Norden Berlin im Marien-Eck, 11.7.2015

Es gibt noch Espresso, wir tauschen Email-Adressen aus und verabreden uns fürs nächste Jahr. Gleiche Zeit, gleicher Ort.   Der Abend beim Summer of Supper mit Norden Berlin und anderen sehr netten Menschen war ein voller Erfolg. Zwar kam nichts an den ersten Gang mit dem schwedischen Matjes ran, was die Dramaturgie ein bisschen schwächte, aber das ist nur ein ganz kleiner Wermutstropfen. Wir würden es jederzeit wieder tun.

Der Summer of Supper geht noch bis zum 19.7. im Marien-Eck in Köln-Ehrenfeld. Kurzentschlossene können eventuell noch Karten für einen der vier Abende ergattern.

Annette von culinary pixel war auch da und hat Fotos gemacht, auch von mir an meinem Kopfendeplatz. Samstag kocht sie.

Noch mehr Bilder gibt es in meinem Flickralbum.