Category: Musikdings

ESC 2013 – Same Procedure as Every Year

Whisky

Es war schon ein bisschen anstrengend. Lesen, schreiben, hören, gucken, lesen, antworten, dem Mann die lustigsten Tweets vorlesen. Aber es war auch seit langem der schönste Eurovision Song Contest. Nicht zwingend wegen der Musik, sondern, weil wirklich meine gesamte Timeline dabei war. Früher hab ich mich immer gefragt, wo die ganzen anderen Leute sind, die dieses seltsame Spektakel Jahr für Jahr (in meinem Fall spätestens seit 1995) am Fernseher verfolgen. Jetzt weiß ich’s.

Nie ist so viel Flausch wie wenn meine gesamte Timeline sich zusammen betrinkt und #esc guckt. Ich hab euch alle lieb.
@anneschuessler
anneschuessler

Und dann der Horror. Pünktlich zur Punktevergabe, dem Höhepunkt der ganzen Veranstaltung, DURFTE ICH NICHT MEHR TWITTERN! Zu viel getwittert, sagte Twitter. Versuch’s doch in ein paar Stunden noch mal, sagte Twitter. JA WISSEN DIE DENN NICHT, DASS ESC IST? Noch nicht mal freikaufen konnte man sich. Nur verwirrt auf den Rechner gucken, innerlich toben und ein paar verzweifelte Statusmeldungen zu Facebook senden. Um Mitternacht ging es dann wieder, da war dann auch sowohl der Sekt als auch der Rotwein alle und ich musste zu Whisky greifen. (Frau Gröner ging’s übrigens genauso.)

Twitter hat gerade bewiesen, dass @ und ich die größten #ESC-Fans sind. Ha!
@anneschuessler
anneschuessler

Wir waren übrigens für Ungarn. Wer sich also fragt, von wem die 12 Punkte aus Deutschland nach Ungarn kommen, da war yours truly nicht ganz unbeteiligt. Der deutsche Beitrag war leider so abgekupfert, dass ich mich zwischendurch ein bisschen geschämt habe. Ist das keinem aufgefallen oder haben die geglaubt, dass das sonst keinem auffällt? Es bleibt ein kleines Rätsel. Ebenso wie der Sieg der Dänen. Aber mein Gott, was soll’s? Beim Eurovision Song Contest gewinnt eh so gut wie nie irgendwas, was ich gut finde. Aber Spaß hatten wir trotzdem.

Ich bräuchte jetzt eine Twitterwall fürs Wohnzimmer. Nur für den #ESC.
@anneschuessler
anneschuessler

Immerhin: Ich hab – zumindest in meiner Timeline – als erste “HODOR!” gebrüllt. In diesem Sinne: Sláinte! Und bis zum nächsten Jahr.

Und noch was:

Aber dass sie aus der niedlichen Raupe einen langweiligen Schmetterling gemacht haben, verzeihe ich ihnen nicht. #esc
@anneschuessler
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Schon wieder Oper: Wagners Parsifal im Aalto-Theater in Essen

Ich war schon wieder in der Oper. Diesmal war Sandra schuld, die ja unbedingt erzählen musste, dass sie sich am Sonntag mit ihrer Mutter ”Parsifal” angucken würde, was den Mann sofort in erhöhte Alarmbereitschaft versetzte und ich dann Anfang der Woche zwei Karten reservieren durfte.

Aalto

Parsifal also, fünfeinhalb Stunden, quasi ein ganzer Sonntag, jedenfalls, wenn man so verlässlich in den Sonntag reingammelt, wie wir das üblicherweise tun. Parsifal hatte ich schon letztes Jahr in der Liveübertragung von arte aus Bayreuth gesehen, was allerdings nicht im Geringsten bedeutete, dass ich mich noch an die Geschichte, geschweige denn irgendwelche Einzelheiten erinnern konnte. Insgesamt ist Parsifal sowohl vom Text als auch von der Musik her aus meiner Sicht eine der zugänglicheren Wagneropern, allerdings ist sie so vollgestopft mit christlichen Motiven und Symbolen, dass einem das auch nur bedingt weiterhilft.

Diesmal sitzen wir im Parkett, neunte Reihe, der Saal ist einigermaßen ausgebucht. Bei der Premiere soll es angeblich viele Saalflüchtige und anschließende Buhrufe gegeben haben, das hat den Mann allerdings überhaupt nicht abgeschreckt und ich mach ja bekanntlich fast alles mit.

Parkett

Dann geht es los. Orchestervorspiel, dann Vorhang auf, wir sehen einen großen Glaskasten, in dem sich ein modernes Krankenhauszimmer befindet. Im Bett auf der Intensivstation liegt König Amfortas mit seiner Wunde, die sich einfach nicht schließen will. Davor ein paar typische Wartezimmersesselchen, auf einem davon Gurnemanz, der in Karteikarten blättert. Amfortas wacht auf, schleppt sich aus dem Bett zur Glaswand, zieht sich daran hoch, fällt wieder runter, rotes Kunstblut schmiert an der Wand und Klinikpersonal eilt herbei, um Amfortas wieder ins Bett zu schleppen und alles wieder in Ordnung zu bringen.

Mann so: "Das Bühnenbild sieht total grottig aus." Ich so: "Willst du trotzdem?" Er so: "Hä, bist du bekloppt? NATÜRLICH!" Wagnerfans, ts.
@anneschuessler
anneschuessler

Kurzfassung des Telefonats kurz vor der Kartenreservierung.

Amfortas ist nämlich von Klingsor mit seinem eigenen heiligen Speer verletzt worden und jetzt mag sich die Wunde nicht schließen, dran sterben kann er aber auch nicht, und nur der gleiche Speer kann die Wunde wieder schließen. Zweites Problem: Den Speer kann einer Prophezeiung nach nur von einem “durch Mitleid wissenden reinen Tor” zurückgeholt werden und den muss man eben erst mal finden. Irgendwas ist echt immer.

Also hilft auch der Balsam nichts, den die rothaarige Gralshelferin Kundry, die irritierenderweise doppelt besetzt ist, aus Arabien anschleppt. Dann tritt aber Parsifal auf, der keine Ahnung von gar nichts hat, noch nicht mal seinen Namen kennt, aber dummerweise (oder glücklicherweise, je nach Blickwinkel) irgendwo in Gralsburgnähe einen Schwan geschossen hat. Gurnemanz ahnt was und nimmt ihn mit auf die Burg, wo Amfortas den Gral enthüllen soll (fragt jetzt bitte nicht näher nach, das sind die Teile der Geschichte, die ich auch noch nicht so ganz verstanden habe). Der Gral ist in diesem Fall ein unter einer Militärjacke versteckter kleiner Junge, der in Schlangenlinien über die Bühne läuft, und von Kundry eine Leuchtekugel in die Hand gedrückt bekommt.

Dabei erinnert das Militärjackenwesen sehr auffällig an die Jawas aus Star Wars und angesichts dessen, was am Schluss passiert, behaupte ich sogar, dass das gar kein Zufall ist.

Gralsenthüllung vorbei, Leuchtekugel aus, Militärjackenwesen ab, Pause.

Alle klatschen, außer dem Mann und mir, der mir zuraunt: “Alles Frevler, nach dem ersten Akt wird nicht geklatscht.” Die Gralsenthüllung ist nämlich eine Abendmahlszene und bei sowas klatscht man nicht. Tun aber doch alle. Außer uns.

Sandra ist verwirrt, ihre Mutter berichtet von einer Parsifalaufführung von vor dreißig Jahren, wo der Speer im zweiten Akt etwas unglücklich in den Orchestergraben geworfen wurde. Wir trinken Sekt und Wein, essen Brezeln und belegte Toastbrote. Die Unkenrufe haben sich meiner Ansicht nach bisher nicht bestätigt. Klar ist das alles furchtbar modern und angefahren, dafür sind die Sänger sehr gut und wenn man sich mal dran gewöhnt hat, macht die Inszenierung auch Spaß.

Balkon

Sandra winkt vom Balkon.

Also auf zum zweiten Akt, Klingsors Zaubergarten. Der Glaskasten hängt jetzt an vier Seilen über der Bühne und macht mich endlos nervös. Ich kann da nicht hingucken und möchte, dass alle Sänger, alter Egos und Statisten aus dem Schatten des Kastens verschwinden für wenn doch eventuell ein Seil reißt. Auftritt Klingsor, ohne alter Ego wie Kundry, dafür mit einem Ninja.

Nein, ich scherze nicht.

Die Problematik beim Parsifal, erklärt der Mann mir später, liegt darin, wie Parsifal an den heiligen Speer kommt. Der erscheint nämlich irgendwann, weil Klingsor ihn auf ihn wirft und er muss ihn dann fangen oder aus der Luft nehmen oder was der Regie eben so einfällt. Zuwerfen, klar, geht, endet dann aber, wenn’s ganz schlecht läuft, auch mal im Orchestergraben. Wenn man genug Popkulturwissen hat, weiß man aber, dass Ninjas ja bekanntlich unsichtbar sind, insofern ist der Ninja auf der Bühne eigentlich gar nicht da, sondern nur der Speer, den er rumwirbelt. Muss man nicht gut finden, ist aber angesichts der eh schon vollkommen abgedrehten Restinszenierung eher konsequent als bekloppt.

Klingsor also, dann Kundry, die zwar eigentlich den Gralsrittern dient und Erlösung sucht, aber sich trotzdem immer wieder von Klingsor zu Verlockungszwecken einsetzen lässt. Diesmal soll es den armen Toren Parsifal treffen, der durch den Zaubergarten irrt und dem Klingsor die Unschuld rauben will, damit er bloß nicht der Speer findet und Amfortas erlösen kann. Kundry hat jetzt übrigens auf einmal schwarze Haare und trägt ein Rolling-Stones-Kleid, ist aber immer noch doppelt besetzt, damit die eine Kundry singen kann, während die andere Parsifal verführt. Oder eben gerade nicht verführt, denn der Gute bleibt trotz vieler, vieler Blumenmädchen standhaft, erinnert sich dank Kundry nicht nur, wer er ist, sondern versteht auf einmal auch, was der ganze Aufwand soll.

Deswegen will Klingsor ihn umbringen und wirft den Speer auf ihn. Der Speer trifft ihn aber nicht, sondern bleibt in der Luft stehen und Parsifal kann ihn sich ganz lockerflockig nehmen. In diesem Fall geht das natürlich anders und Klingsor wirft gar nichts, dafür hört der Ninja auf zu wirbeln und drückt Parsifal den Speer zuvorkommend in die Hand. Keine Gefahr für den Orchestergraben oder andere Unbeteiligte. Dafür wird Klingsors Zaubergarten endgültig zerstört, Parsifal zieht auf, Amfortas zu erlösen und der zweite Akt ist vorbei.

Sandra und ihre Mutter gehen dann jetzt. Sandra ist die Sprache zu verschwurbelt und zu viel Kunstblut auf der Bühne. Das Kunstblut liegt sicher an der Inszenierung, die verschwurbelte Sprache ist aber eher ein generelles Wagnerproblem. Da ist Parsifal fast schon harmlos. Sogar die Alliterationen halten sich im Verhältnis in Grenzen und es kommen auch gar nicht so viele Wörter vor, die ich noch nie gehört habe. Egal, Sandra ist ihre Lebenszeit zu kostbar für fünfeinhalbstündige Wagneropern. Ich mache mich auf die Suche nach dem Mann. Wir trinken erneut deutlich abgestandenen Sekt auf dem Balkon, bis uns zu kalt wird, er erklärt mir, dass das im zweiten Akt auch Kundry war, nur halt jetzt mit anderer Frisur und anderem Kostüm und überhaupt und dann geht’s zum dritten Akt.

Sekt

Dritter Akt, Jahre sind vergangen, es regnet Klamotten vom Himmel.

Auch diesmal scherze ich nicht.

Alles ist unordentlich auf der Bühne, überall liegen Klamotten rum, das Krankenzimmer ist verwüstet, Gurnemanz hat sich eine Deckenburg aus Krankenhaussesseln und Matratzen gebaut und Menschen in Kapuzenjacken stehen still auf der Bühne rum. Dann tritt erst eine geläuterte Kundry auf, diesmal mit kurzen blonden Haaren und einem trümmerfraureminiszenten Trenchcoat und fängt an, aufzuräumen, was ich als nervöser Monk nur sehr gutheißen kann.

Parsifal tritt auf, wird von Gurnemanz erkannt und von diesem erfreut zum neuen Gralskönig gesalbt. Als erste Amtshandlung tauft Parsifal die arme Kundry, die nun endlich erlöst ist. In diesem Fall bedeutet das, dass das nicht-singende alter Ego an zwei Schnüren zur Bühnendecke hinaufgezogen wird. Auch seltsam, aber auch wieder passend. Gurnemanz nimmt Parsfial mit zu Amfortas, der sich schon seit längerem weigert, den Gral zu enthüllen, weil er endlich sterben will. Bislang ist aber nur Amfortas Vater Titurel gestorben, weil ihm die lebenserhaltende Wirkung des Grals fehlte. (Titurel hab ich im ersten Akt gar nicht erwähnt, obwohl er da so einen hübschen Fidel-Castro-Overall trug.)

Jetzt jedenfalls schließt Parsifal die Wunde mit dem Speer, alles sind zufrieden und der Gral wird erneut enthüllt. Das geht diesmal so, dass das Militärjackenwesen wieder auf die Bühne wandert, dann aber die Militärjacke abgenommen bekommt, und darunter befindet sich ein kleiner Anakin Skywalker im weißen Kampfbademantel. Das kann doch kein Zufall sein. Der Anakin-Gral bekommt die Leuchtekugel und dann kommen ganz viele Bürger der Stadt Essen (steht so im Programmheft) auf die Bühne und dürfen die Leuchtekugel anfassen. Massenszene! Hurra! Ende! Applaus!

Gurnemanz war überragend, Kundry ebenfalls sehr gut, und richtige Ausfälle nach unten gab es nicht. Ich bin ganz aufgeregt, weil ich merke, wie sich mein Gehör an Opern gewöhnt und ich tatsächlich immer besser einschätzen kann, ob etwas gut oder schlecht ist, oder eben ob jemand gut oder schlecht singt. Außerdem habe ich so langsam verstanden, wie Opern (und auch Wagneropern) musikalisch funktionieren und kann mich viel besser reinhören. Quasi ein acquired taste fürs Hören.

Natürlich ist so eine moderne Inszenierung nicht unproblematisch. Genauso ist es aber langweilig, immer die gleichen Kostümaufführungen zu sehen. In diesem Fall fand ich das aber alles längst nicht so schlimm, wie es in diversen Berichten geschildert wurde und letztlich merke ich, dass ich moderne Aufführungen fast besser verstehe als klassische, weil die Symbolik meistens besser herausgearbeitet wird und man besser darauf hingewiesen wird, wenn irgendwas wichtig ist. Mal abgesehen davon, dass Parsifal zwar musikalisch etwas einfacher zugänglich ist als die beiden Teile des Rings, die ich bisher gesehen habe, dafür die Geschichte aber umso mehr von christlicher Symbolik trieft und einiges an Hintergrundwissen voraussetzt, das ich auch nicht immer habe.

Tolle Oper, tolle Sänger und eine gewagte, aber gar nicht misslungene Inszenierung. Bester Opernbesuch soweit. Und der nächste ist schon so halb geplant.

Parsifal auf der Webseite des Aalto-Theaters

Salome von Richard Strauss in der Oper am Rhein in Düsseldorf

Salome

Mal wieder Oper. Diesmal nach Düsseldorf zu Salome von Richard Strauss nach der Vorlage von Oscar Wilde, einer der Lieblingsopern des Mannes, überhaupt Strauss und Wagner geht bei ihm ja immer, außer vielleicht die “Meistersinger von Nürnberg”, die mag er nicht so, aber ansonsten sind Strauss und Wagner ganz groß. Und Korngold, aber das wird ja nirgendwo gespielt. (Falls jemand mal mitbekommen sollte, dass irgendwo Korngolds “Tote Stadt” gegeben wird, bitte dringend Bescheid sagen, das würde hier 50 Prozent des Haushalts unvorstellbar glücklich machen.)

Diesmal aber Salome, das ist schön, quasi modern und ganz kurz, nur ein Akt, unter zwei Stunden, nach den letzten zwei Wagneropern also Erholungsprogramm. Den ganzen Tag läuft der Mann in der Wohnung rum und singt mir schon mal was vor, im Arbeitszimmer läuft die Oper im Dauerloop, auf der Fahrt nach Düsseldorf berichtet der Mann mit glänzenden Augen, dass es auf Spotify aber mindestens fünf verschiedene Aufnahmen gäbe, die könnte man alle hören.

Stau vor der Oper

In Düsseldorf stehen wir dafür erst mal im Stau, die Oper ist zwar direkt neben uns, das bringt uns aber nichts, während wir uns Ampel für Ampel im Zeitlupentempo gen Altstadt schieben, dann getrieben von grober Naivität ins Kaufhof-Parkhaus fahren, um oben festzustellen, dass das Parkhaus um 20:30 zumacht. Wer ahnt sowas? Wollen die kein Geld verdienen mit den ganzen verzweifelten Autofahrern, die einen Parkplatz suchen? Also für drei Minuten drei Euro bezahlt und das nächste Parkhaus an der Kö angesteuert. Kostet auch drei Euro die Stunde, hat aber immerhin bis nach Mitternacht auf.

Sekt

Wir hasten zur Oper, irgendwie haben wir den Samstagabendverkehr und die Parkplatzsuche fahrlässig unterschätzt. Aber wir sind pünktlich, haben sogar noch Zeit, um ein Glas Sekt, eine Laugenbrezel und eine Portion Bruschetta zu verputzen, bevor wir fast den Weg zum dritten Rang nicht finden, aber dann klappt es doch noch, dritter Rang Mitte, erste Reihe immerhin, also mit gutem Blick auf Orchestergraben und Bühne, von oben eben, aber dafür deutlich günstiger als im Parkett, außerdem guck ich ja gerne, was das Orchester so macht. Tatsächlich ist das Parkett ganz gut besetzt, links und rechts an den Rängen sieht es eher etwas spärlicher aus.

Ränge

Salome also, die Geschichte kenn ich ja so grob, jetzt die Oper, fertig gestellt 1905, uraufgeführt 1907, das sind ja Zahlen, die man sich sogar noch irgendwie so ganz grob vorstellen kann. Die Vorlage stammt von Oscar Wilde, das ist alles im Vergleich zu Wagner und Verdi, meinen einzigen Referenzpunkten, was Oper angeht, schon abgefahren modern und war auch damals auch ein ganz schöner Skandal, es geht hoch her bei Salome, und in London war die Oper erstmal drei Jahre aus den Häusern verbannt und wurde erst 1910 zum ersten Mal gespielt. Heute ist das natürlich alles kein Ding mehr.

Ausblick

Der Vorhang geht hoch und wir sehen… hä?… WTF?… ein Schlafzimmer dekoriert mit Stoffen in diversen Rosa-, Grün- und Blautönen dekoriert, irre Muster, als wenn man aus Versehen in eine amerikanische Fernsehserie der frühen Neunziger gefallen wäre. Als Opernlaie nehme ich sowas ja erst mal einfach nur wahr und warte ab, was kommt. Dank fehlender Vergleichsmöglichkeiten kann ich da ein bisschen unbedarfter drangehen.

“Wenn sich die Damen und Herren in der ersten Reihe mal zurücklehnen könnten, dann würden wir hier auch was sehen!”, schallt es von hinten. Blödmann. Wenn ich mich nämlich zurücklehne, sehe ich nichts mehr, weil da so ein doofes Geländer ist, was dann ganz ungünstig genau im Blickfeld ist. Soll er sich doch beim nächsten Mal Karten in der ersten Reihe kaufen, anstatt rumzunölen. Mit so einem Zwischending klappt’s aber, nicht ganz zurückgelehnt, aber fast, dann seh ich zwar den Orchestergraben nicht mehr, aber das ist ja nicht so schlimm.

Die Story wäre schnell erzählt, aber ich will hier ja nicht zu viel verraten, schon gar nicht die Pointe, die vermutlich aber eh schon jeder kennt, der sich ein bisschen mit Hochkulturzeug auskennt. Im Wesentlichen geht es um Prinzessin Salome, ein verzogenes, trotziges und tendenziell psychopathisches Gör, die nicht damit klar kommt, nicht zu kriegen, was sie will. Immerhin ist sie ja auch Prinzessin. Als der Prophet Jochanaan vorbeischaut und ein bisschen vom Herrn predigt, interessiert sie sich weniger für die Predigten als für den Propheten selber und will ihn unbedingt küssen, was er aber wiederum nicht will und so nimmt das ganze Unheil seinen Lauf, oder wie mehrfach auf der Bühe gesungen wird: “Es wird etwas Schreckliches geschehen.”

Die Geschichte ist dabei recht einsteigerfreundlich, nicht wie bei Wagner, wo ich schon manche Wörter nicht verstehe, hier wird Klartext geredet. Wie mittlerweile üblich wird der Text oben eingeblendet, für so Anfänger wie mich, und auch wenn man die Sänger ganz gut verstehen, ist das sehr praktisch, denn Herodes und Jochanaan gehen gerne mal unter, wenn die Musik zu laut wird, und die Juden singen sowieso die ganze Zeit durcheinander. Das soll zwar so, man versteht aber trotzdem nichts.

Rang

Es ist also eine moderne Interpretation, die Stimme des Propheten kommt aus dem Heizkörper, der Prophet selber nachher aus einer Luke im Boden, die man erst freilegen muss, in dem man das ganze Zimmer umräumt und den Teppich umschlägt. So kleine Monks wie ich leiden dann auch mal ein paar Minuten lang, wenn der Teppich nicht wieder richtig zurückgeschlagen wird und man gerne mal kurz auf die Bühne, und das richten, damit das nicht so unordentlich… aber das kommt bestimmt nicht gut. Die Schüsseln voller Obst sind (mit den Worten des Mannes) “ein Äpfelchen” und aus dem Schleiertanz wird ein Pantomimendrama in sieben Akten. (Eine Interpretation dieses berühmten Teils der Geschichte, die ich allerdings ganz topcheckermäßig sofort verstanden habe, manchmal bin ich doch ganz schlau.)

Am Schluss gibt’s noch mal viel Blut, so als ob da jemand ein bisschen zu viel Tarantino geguckt hätte. Ob da normalerweise auch so viele Leute sterben, frage ich auf dem Weg zum Auto den Mann. Nein, sagt er, das war wohl künstlerische Freiheit. Wie bei Wagner finde ich die Musik nicht auf Anhieb zugänglich, obwohl der Mann behauptet, das wäre eigentlich alles ganz einfach und es gäbe auch nur ein paar Motive, man müsste das halt ein paar Mal hören, dann würde man das auch erkennen.

Abgesehen davon, dass ich ja von Oper nach wie vor keine Ahnung habe, sagt mir meine Amateureinschätzung, dass unter den Darstellern Salome wirklich positiv heraussticht, da wird beim Singen auch mal überzeugend gekeift und gezetert, Herodes dagegen kommt einfach gegen das Orchester nicht an und ansonsten, na ja. Was weiß ich schon?

Lampe

Der Mann ist allerdings ähnlicher Meinung, und der hat das schön öfter gesehen und ist im höchsten Maße unzufrieden mit der Inszenierung. Wenn schon modern, meint er, dann auch richtig, nicht so ein Zwischending, dann muss auch ordentlich was los sein auf der Bühne, aber am besten sind bei Salome doch die klassischen Inszenierungen, wo die ganze Dekadenz dieser seltsamen Königsfamilie richtig rauskommt, wo kein Äpfelchen über die Guckkastenbühne fliegt, sondern tatsächlich übervolle Schüsseln mit Obst gereicht werden und die Weinkelche voll sind und überhaupt.

Macht nix, denke ich, erstens finde ich solche Aktionen nie schlecht und jetzt habe ich immerhin auch mal Salome gesehen, und zweitens ist das wohl so mit der Kunst, man muss auch mal was nicht so gut machen, um herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Außerdem ist es ja sowieso immer irgendwie Geschmackssache. Und so ein Jochanaan aus der Heizung, das kriegt man ja auch nicht alle Tage geboten.

(Zurück geht’s übrigens schnell, zurück zum Parkhaus, unglaubliche Mengen an Geld an den Parkautomaten verfüttert und dann nach Hause, kein Stau mehr, aber wir wollen ja auch raus aus der Stadt und außerdem ist ja jetzt auch schon halb zehn.)

Oper

Solfeggio

Irgendwann kam meine Klavierlehrerin auf die Idee, ich könnte ja mal am Solfeggio-Unterricht teilnehmen. Im Nachhinein bin ich nicht sicher, ob es sich dabei um Strafe oder Belohnung handelte, es kommt da vielleicht auch auf die Sichtweise an. Jedenfalls sollte ich jetzt auch einmal die Woche Solfeggio machen.

Beim Solfeggio (oder Solfège) lernt man im Wesentlichen nach Noten zu singen. Dabei werden die Solminationssilben verwendet, also dieses Do-Re-Mi-Gedöns, von dem man manchmal hört. Man steht da also zusammen im Kreis, hat ein Buch mit kleinen Übungen und singt. Ohne Begleitung, quasi ohne Text. Nach Gehör, Gefühl, Übung und was einem dabei sonst so helfend zur Seite steht.

Solfeggio hatten wir bei einem kleinen dicken bärtigen Argentinier mit dem schmissigen Nachnamen “Molina y Vedia” und in der ersten Stunde saßen wir da zu viert. Ich, Barbara aus meiner Klavierklasse, und dann noch zwei Querflötenschülerinnen, deren Namen ich mittlerweile vergessen habe. Das war alles recht locker und nett und wir sagen ein bisschen Silben nach Gehör und Gefühl und dann war die erste Stunde auch schon rum.

In der nächsten Stunde gab es Zuwachs. Geigenschülerinnen. Viele davon. Und alle vom Humboldt-Gymnasium, das mit dem Elite-Musik-Zweig. Die Anführerin der Geigenschülerinnen hieß Heimhild, und nein, ich hab mir das nicht ausgedacht. Mein Verhältnis zu “Heimi”, wie sie genannt wurde, war eigentlich recht schnell im Arsch, ungefähr ab dem Moment, wo sie in der Vorstellungsrunde erzählte, sie hätte auch schon so und so oft bei “Jugend musiziert” gewonnen, und “jetzt muss ich für die anderen bestimmt erklären, was das ist”. Die anderen, das waren wir.

Zwar hab ich in den zehn Jahren Musikschule nicht einmal bei “Jugend musiziert” mitgemacht, geschweige denn irgendwas gewonnen, das lag aber weniger an mangelndem Talent als einer außergewöhnlichen Begabung zur Faulheit. Dann hätte ich ja richtig üben müssen und nicht nur so normal wenig viel. Es ist aber sehr schwierig, geradezu unmöglich, an einer städtischen Musikschule Unterricht zu haben und nicht früher oder später über “Jugend musiziert” zu stolpern. Wir wussten, was “Jugend musiziert” war, danke Heimi, aber nein danke.

Das Verhältnis besserte sich auch mit der Zeit nicht. Da saßen wir jede Woche, unser kleines schicksalhaft zusammengewürfeltes Vierergrüppchen, zwei bis drei unparteiische ältere Mädchen und Team Heimi. Während wir das ganze eher als spaßigen Zeitvertreib ansahen, war das alles, also der Unterricht und überhaupt Musik so als Ganzes und eigentlich auch alles, für Heimi bitterster Ernst. Jeder – oft auch von Herrn Molina y Vedia provozierte – Lachflash auf unserer Seite löste auf dem gegnerischen Spielfeld Augenrollen und Seufzer aus, was von unserer Seite dann wieder mit großem Amusement zur Kenntnis genommen wurde. Es war ein Teufelskreis, aus dem hier keiner mehr entkommen sollte.

Heute weiß ich nicht mehr, warum ich irgendwann keinen Solfeggio-Unterricht mehr hatte. War der Kurs zu Ende? Auf einen Tag verlegt, an dem ich nicht konnte? Hatte sich das einfach irgendwann erledigt? Keine Ahnung. Ich kann auch heute eher so bedingt nach Noten singen, es ist mehr educated guessing als tatsächliches Wissen. Aber ansonsten war Solfeggio eigentlich ganz lustig. Jedenfalls, wenn man wollte.

Posaunisten im Haus!

Hausmusik

Wir sind für unsere Nachbarn vermutlich ein einziger Quell auditiver Freude. In dieser Wohnung befinden sich ein richtiges Klavier, ein ziemlich großer Synthesizer, eine Gitarre, eine Ukulele, eine Klarinette, eine Cajon und aus Gründen, die ich selber noch nicht so ganz verstanden habe, drei Bässe (davon ein Akustikbass). Die Congas sind im Keller, das Akkordeon ist eingelagert. Diese Instrumente werden zu allem Überfluss auch noch dauernd benutzt, davon einige öfter als andere, die Klarinette zum Beispiel fristet im Vergleich zum Klavier ein eher trauriges Dasein im Köfferchen und wird viel zu selten bemüht.

Das Bekloppteste aber ist: Die Nachbarn scheinen das gut zu finden. Dabei wohnen wir ganz oben und das Haus ist erwiesenermaßen recht hellhörig. Wenn wir überhaupt irgendwelche Beschwerden hören, dann, dass wir ruhig etwas öfter spielen könnten, das wäre immer so schön, manche Nachbarn machen nach eigener Aussage dann sogar die Wohnungstür ein bisschen auf, um besser zu hören. Total verrückt.

In Leverkusen war das noch anders, da wohnte unter uns nämlich ein Rentnerpärchen, dass uns am liebsten alles verboten hätte, wenn sie gekonnt hätten. Duschen nach zehn Uhr? Nix da! Bettwäsche auf dem Balkon ausschütteln? Staubt! Und vor allem natürlich: Klavier spielen? Undenkbar! Nach ein paar Auseinandersetzungen im Treppenhaus, nach denen wohl klar war, dass wir nicht aufhören würden, tagsüber Klavier zu spielen, war dann auch irgendwann gut, aber schön ist anders.

Umso toller, dass das jetzt anders ist, man bekommt geradezu ein schlechtes Gewissen, wenn man nicht oft genug spielt, so als inoffiziell designierte Treppenhausbeschaller.

Gestern aber war Premiere, da gab’s nämlich Posaunistenbesuch. Mit Blechbläsern kenne ich mich ja gar nicht aus, ich kann nur Holzbläser und da ja auch nur Klarinette und Blockflöte, so eine Posaune guck ich nur mit glänzenden Augen an, möchte auch mal probieren, trau mich aber nicht zu fragen.

Jedenfalls gab es dann irgendwann zwischen zehn und elf Uhr abends noch ein bisschen Bluesimprovisation, erst mit Klavier und Posaune, dann noch mit Gitarre und zum Schluss wechselte der Mann vom Klavierhocker auf die Cajon und dann kam sowas dabei raus:

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Bevor jetzt hier Kritik kommt, sollte folgendes noch erwähnt werden:

Erstens waren wie vollgestopft mit Thai-Essen. Zweitens waren wir zu diesem Zeitpunkt schon bei der zweiten Flasche Rotwein angekommen. Und drittens war das eine Improvisationspremiere für den Posaunisten. Ich komme ja eigentlich auch vom Notenspielen und hab mich irgendwann selbst an Improvisation gewagt, da ist man erstmal ein bisschen zurückhaltend und traut sich nicht so richtig ran.

Wir hatten jedenfalls Spaß, was man auf der (quasi heimlich mitgeschnittenen) Aufnahme auch hören kann. Leider nicht mitgeschnitten wurde der Epiphanie-Kommentar des Posaunisten nach der ersten Runde: “Auf einmal macht das mit den Akkorden sogar Sinn.”

Eben. Genau.

(Für mehr Hausmusik.)

Jason Mraz in der Mitsubishi Electric Halle, Düsseldorf

Randy Newman, Florence + the Machine, Elvis Costello und ein bisschen Amanda Palmer. Dreieinhalb Konzerte (und eine Oper!) haben wir uns dieses Jahr angeguckt, und als letztes stand Jason Mraz auf dem Programm. Jason Mraz haben wir in den letzten zwei Frankreich-Urlauben rauf und runter gehört. Sonst natürlich auch immer mal wieder, aber da so richtig.

Der Mann und ich lieben Jason Mraz. Die letzte Platte war zwar nicht so überragend dolle, aber die davor und die davor und eigentlich auch die davor sind alle ziemlich klasse, ich liebe die Stimme und wie Jason Mraz mit unterschiedlichen Stile rumspielt und überhaupt alles.

Mitsubishi

Jetzt also live in der Mitsubishi-Dingens-Halle in Düsseldorf, am 25. November. Zum ersten Mal in diesem Jahr bin ich intelligent und hole vorher noch Geld für Parken und Garderobe und Essen und Trinken und so. Außerdem sind wir total pünktlich und haben noch schön viel Zeit, uns gemütlich einen Platz zu suchen und dann noch Currywurst und Laugenbrezeln zu kaufen. Auch im Alter ist man also noch lernfähig.

Plätze finden wir ganz hinten durch. Man könnte auch an der Seite sitzen oder weiter vorne stehen, aber wir sind heute faul und deswegen sitzen wir und können direkt auf die Bühne gucken. Auch gut. Als Vorgruppe tritt Imany auf, die erstens ganz reizend ist und zweitens auch eine sehr gute Vorgruppe für Jason Mraz, nur mit Gitarre und Gesang. Aber eben so gut und reizend, dass das Publikum auch ganz reizend ist, und sich alle freuen, Imany und wir.

Imany

Dann wird umgebaut und dann kommt Jason Mraz mit Band. Und ich nehme das schon mal gleich vorweg: Es ist alles ganz toll. Es fängt toll an und dann geht es toll weiter und dann wird es noch mal besonders toll und dann geht es toll zu Ende. Das klingt jetzt vielleicht etwas sehr redundant, aber es hilft ja nichts, es ist ja alles so toll.

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Beim dritten Lied fange ich auf einmal an zu weinen, weil es eben alles so toll ist, die Musik so schön ist und die Musiker so glücklich aussehen und ich werde an diesem Abend noch öfter weinen, was ich sonst bei Konzerten nie mache. Die Band spielt quer durch alle Alben und schafft es, mich selbst für die Songs vom neuen Album, die ich bisher eher so gehtso fand, zu begeistern.

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Man merkt die Freude beim Spielen, die Musiker sind großartig, ach, was sag ich, großartigst! Allen voran die Percussionistin, in die ich das ganze Konzert über verliebt bin, weil sie so wahnsinnig gut spielt und dabei so eine Energie ausstrahlt. Sogar eine Bläserkombo gibt es! Blechbläser! Brass band! Wie toll ist das denn?

Bläser

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Jason Mraz macht Musik, die glücklich macht und das Gott sei Dank auf der Bühne noch mehr als auf CD. Auf den Bildschirmen hinter der Bühne werden abwechselnd Livebilder gezeigt, damit wir auf den hinteren Plätzen die Musiker auch mal in groß sehen, und dann Videos passend zu den Liedern. “Frank D. Fixer” endet mit einem Bild vom echten Frank D. Fixer, dem Großvater von Jason Mraz und das ist schon wieder so schön, dass man weinen könnte.

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Leider erzählt Jason Mraz nicht so viel, wie ich gehofft hatte. Also, er erzählt schon, aber nicht so ausführlich und witzig, wie ich es von den Live-Aufnahmen kenne. Vielleicht denkt er, wir würden Englisch nicht so gut verstehen, vielleicht hat er auch heute einfach keine große Lust viel zu erzählen. Es ist auch nicht so schlimm, aber eben ein bisschen schade, ich mag das, wenn Musiker auf ihren Konzerten erzählen.

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“I’m Coming Over” beginnt mit ganz wenigen Musikern auf der Bühne und nach und nach kommen alle dazu, bis sie nachher ganz zusammengehuddelt in einer Ecke stehen und spielen und singen und erwähnte ich, dass das alles so schön ist, dass man die ganze Zeit vor Freude und Rührung weinen könnte?

I'm Coming Over

I'm Coming Over

Nach einer kleinen Zugabe ist irgendwann Schluss und der Mann und ich sind uns einig, dass das wohl das schönste Konzert des Jahres war. Großartig waren sie alle, aber so schön war sonst keines. Und mehr kann man sich doch gar nicht wünschen, dass das letzte Konzert des Jahres auch gleichzeitig das schönste ist.

Hach. So schön.

Bei den Links zu Amazon handelt es sich um Affiliate-Links, das heißt, wenn ihr über den Link etwas bei Amazon kauft, kriege ich ein bisschen was ab und bin dann in geschätzt 500 Jahren steinreich und muss nicht mehr arbeiten.

Amanda Palmer – In-Store-Gig bei Saturn in Köln

Ein Geständnis vorneweg: Ich hatte ja mit Amanda Palmer bis vorletztes Wochenende gar nicht viel am Hut, kannte sie vor allem als Frau von Neil Gaiman, aber ich mach ja bekanntlich alles mit.

Als also Zoë vollkommen unerwarteterweise auf meinen Hinweis, Amanda Palmer würde Anfang November bei Saturn in Köln für einen kleinen In-Store-Gig mit Autogrammstunde zu bewundern sein, mit einem “Ich hab dann mal ein Hotel gebucht” antwortete, gab es dann für mich auch keine Entschuldigung mehr, nicht auch hinzugehen.

Bei sowas bin ich ja dann immer ein bisschen streberhaft und bereite mich auch ein bisschen vor, hab dann also doch mal das Internet nach Videos und Musik durchkramt, mir überlegt, was ich mir denn unterschreiben lasse (wenn schon, denn schon und die Antwort war relativ einfach) und mich ab da tierisch auf den kleinen Kölnausflug gefreut.

Da saß ich also dann im Zug, mit Fotoapparat, Ukulele, Amanda Palmer im Ohr, aufgeregt bis obenhin, obwohl ich schon am Vorabend auf Twitter mitbekommen hatte, dass es wohl mit Amandas Stimme etwas problematisch sein könnte. Das Konzert in Paris wurde zu einer Karaoke-Veranstaltung umgeplant, was – wenn man den Kommentaren im Internet glauben darf – eine durchaus gelungene Aktion wurde. (Hier ist ein entzückendes Video von diesem Konzert, das leider etwas unerwartet abbricht.)

Hansaring

Bei Saturn angekommen erweist sich die Befürchtung als berechtigt: Der In-Store-Gig ist wegen Krankheit abgesagt, aber signiert wird trotzdem. Amanda muss ihre Stimme für das ausverkaufte Konzert abends im Luxor schonen, was durchaus verständlich ist. Trotzdem schade.

Zoë ist bereits im Taxi auf dem Weg, aber vorher läuft mir noch Sonja über den Weg, die nicht nur zu der kleinen Nachmittagsveranstaltung, sondern auch für das Konzert von München nach Köln gekommen ist. Zu dritt müssen wir uns erstmal beim Bäcker gegenüber mit Schoko- und Nougatcroissants stärken, dann wird die Lage gecheckt.

Zoë

Signiert wird vor einer riesigen Bildschirmwand, das erfahren wir schon mal, Zoë sagte man am Telefon, man sollte so zwei Stunden früher da sein, das erweist sich aber als leichte Übertreibung und wir müssen uns erst noch eine Stunde irgendwie die Zeit vertreiben, bevor sich so langsam die anderen (oft gut erkennbaren) Amanda-Palmer-Fans ansammeln. Deswegen bleiben wir dann auch die letzte Stunde recht konsequent dort stehen, wo die Signiertische aufgebaut werden, es füllt sich immer mehr, wir werden ein bisschen nach hinten gedrängt und irgendwann steht man richtig in einer Menschentraube und hat es gar nicht gemerkt.

Traube

Dafür hat es sich dann aber doch gelohnt, so früh da zu sein, wir sind vorne, neben uns Menschen aus Düsseldorf, Ludwighafen, Mainz, München, Berlin und was weiß ich nicht noch woher. Manche haben Konzertkarten, andere nicht, wollten sich den Umsonstauftritt aber nicht entgehen lassen.

Ukulele

Und dann kommt sie irgendwann, Amanda Palmer mit ihrem Grand Theft Orchestra, auf einmal ist sie da, ich hab sie gar nicht kommen sehen, aber da steht die Band, um den Tisch rum, Amanda und der Drummer auf dem Tisch mit einem Megaphon und einer rosa Ukulele.

Amanda

Ich weiß auch gar nicht genau, wie diese Frau das macht, dass man sofort unglaublich glücklich ist, wenn sie irgendwas sagt, macht oder singt. Singen kann sie ja heute eigentlich gar nicht, tut es aber trotzdem, das Publikum muss mithelfen, nach Anweisung des Drummers stampfen, klatschen und andere lustige Sachen machen, während Amanda ebenfalls mit Publikums-, Band- und Megaphonunterstützung “Want It Back” singt.

Megaphon

Ich kenne das gar nicht und find es trotzdem toll. Alles ist toll, alle klatschen und stampfen und singen und Amanda steht auf dem Tisch und macht uns alle glücklich.

Amanda singt

Wer alles eine Ukulele dabei hat, will sie danach wissen. Hier! Ich! Aber viele andere auch, manche haben sich extra zum Signieren eine gekauft. Und wer denn auch spielen kann, ist die nächste Frage. HIER! ICH! Da melden sich nämlich schon weniger, und irgendwie schieben mich Leute nach vorne, weil ich die Ukulele ja nicht nur zum Unterschreiben dabei hab, ich hab beim Warten zu Unterhaltungszwecken schon drauf rumgeklimpert.

Amanda Palmer spielt jetzt noch die Ukulele-Version von Radioheads “Creep”. Auch das ist toll und wieder singen alle mit und auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, es ist alles toll und wunderbar und großartig und unglaublich ansteckend.

Amanda singt immer noch

Spätestens jetzt ärgere ich mich, dass ich keine Konzertkarte habe, was mir morgens noch relativ egal war, aber das ist so ansteckend, dass man gar nicht will, dass es aufhört.

Amanda singt immer noch

Es hört dann nämlich relativ schnell auf. Zwei Lieder müssen reichen, jetzt geht’s zum Signieren, wir werden in kleinen Gruppen zum Autogrammtisch gescheucht, erst signiert die Band meine Ukulele, dann Amanda und dann Amanda noch mal, weil ich in der Hektik nicht schnell genug sagen konnte, wo genau sie unterschreiben soll. Dann ist es auch schon vorbei, ich komm gar nicht so schnell dazu, ein Bild von Zoë mit Amanda Palmer zu machen, weil man sofort weitergescheucht wird, aber so ist das dann halt.

Vollkommen geflasht ziehen wir dann noch zu viert durch Köln, bis wir bei der Bento Box landen und bei ein bisschen Sushi darüber reden, wie glücklich wir alle sind, weil es so toll war. Sonja und Caro sind noch glücklicher, weil die nämlich Konzertkarten haben, ich fahre dann gleich nach Hause und Zoë hat noch einen Termin.

Zoë mit Poster

Selten hat sich eine so kleine Aktion so dolle gelohnt, finde ich. Vollkommen egal, wie schnell es vorbei war, es war toll, meine Ukulele ist jetzt nicht mehr so jungfräulich, aber natürlich viel toller und ich weiß jetzt schon, dass ich ganz dringend beim nächsten Konzert dabei sein muss. Auch wenn ich ja eigentlich mit Amanda Palmer gar nicht so viel am Hut hatte. Bis jetzt.

Abends sitze ich in der DB Lounge und warte auf den Zug, da kommt noch ein Tweet von Sonja, sie hätten vielleicht noch zwei Konzertkarten für uns. Aber da ist es schon zu spät, ich bin total fertig, die Füße tun weh, ich bin vollgepackt und will jetzt doch ein bisschen nach Hause.

Signiert

Amanda, so stellt sich am nächsten Tag raus, hat Bronchitis. Und als ich ein paar Tage später bei Twitter lese, dass es neue Konzerttermine gibt, zögere ich nicht lange. Ich hab jetzt zwei Karten für Amanda Palmer. Im März. In Köln.

Ich freu mich so.

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Wir machen da was – Update

Ja ja, wir machen da immer noch was, es dauert nur. Erst haben wir uns an Sweet Tea gewagt, einem Song, den ich schon auf Lager hatte, der so schön straightforward in der Struktur ist und so eine hübsche Melodie hat. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an die reduzierte Bass-plus-Gesang-Version, die ich hier vor einigen Wochen schon mal veröffentlicht hatte. Da sind jetzt einige Instrumente mehr dazu gekommen und die von mir ausdrücklich gewünschten Glöckchen gab’s auch noch obendrauf.

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Sweet Tea Preview

Der zweite Song ist dann recht spontan in Zusammenarbeit entstanden. Der Mann hat vorgelegt mit dem Anfang, dann hab ich mir eine Melodie überlegt, dazu dann gleich den Refrain, das hat der Mann dann wieder übernommen und so ging das hin und her, bis der Song fertig war.

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Today Preview

Während wir weiter an anderen Ideen arbeiten, liegen beide Songs jetzt erst mal ein bisschen rum und reifen vor sich hin. So ist das nämlich, wenn man an einem Song arbeitet, dann kann man ihn irgendwann erstmal nicht mehr hören. Vor allem hört man nicht mehr, ob das jetzt eigentlich gut oder doof ist, was man damit gemacht hat.

Als wir dann aber neulich noch mal reinhörten, war ich doch positiv überrascht. Klar ist das noch nicht fertig, da muss noch dran gearbeitet werden, noch mal eingesungen, vielleicht noch mal am Text gefeilt, aber im Großen und Ganzen lässt sich das schön hören.

Deswegen gibt’s ja jetzt auch zwei kleine Previews. Und wenn sich wieder was getan hat, dann erfährt man das hier als erstes. Ich bin auf jeden Fall schon ein bisschen aufgeregt, was wir sonst noch so produzieren. Ach was, ein bisschen… ganz doll!

Elvis Costello solo im Cirque Royal in Brüssel

Elvis

Das Schöne, wenn man im Ruhrgebiet oder generell im westlichen NRW wohnt, ist ja, dass man recht fix in Belgien oder den Niederlanden ist. Schneller zum Beispiel als in Hamburg oder Berlin, weswegen wir zum Solokonzert von Elvis Costello eben auch nicht nach Berlin, sondern nach Brüssel gefahren sind.

Eigentlich sollte das Konzert schon Ende November statt finden, wurde aber abgesagt und jetzt am 31. Mai nachgeholt. Also stand bei uns ein kleiner Brüsselbesuch an, und nach einem leckeren Burgeressen liefen wir zur U-Bahn, wo ich sofort kurzfristig überfordert war, weil der Automat weder EC- noch Kreditkarten und auch keine Geldscheine mochte. Nachdem ich einen hilfsbereiten Belgier davon überzeugen konnte, dass ich wirklich alles versucht hätte, wurden wir von ihm und seiner Frau aber netterweise durch die kleinen Zugangsschranken geschleust und haben jetzt auch noch das Abenteuer “Schwarzfahren in Brüssel” erlebt.

Cirque Royal

Kurz nach acht waren wir dann am Cirque Royal, Karten vorgezeigt und ab in die erste Reihe. Ja ja, erste Reihe. Das passiert, wenn man nervöserweise tagelang den Tourkalender aktualisiert und dann beim ersten neuen Konzerttermin ganz schnell die Karten bestellt.

Was ich jetzt weiß, in der ersten Reihe sitzen hat Vor- und Nachteile. Negativ ist, dass man sich – zumindest im Cirque Royal – deutlich das Genick verrenkt, weil man doof nach oben gucken muss. Außerdem hört man eher die Monitore auf der Bühne und nicht die Lautsprecher, die eigentlich für das Publikum gedacht sind, und die klingen nun mal nicht so gut.

Schön ist, dass man wirklich alles mitkriegt und ganz genau sieht und das ist bei einem Solokonzert auch wirklich sehr schön und interessant. Zig Gitarren stehen da rum, und Elvis Costello wechselt regelmäßig das Instrument.

Gitarren

Aber fangen wir mal von vorne an… Es geht los mit “(Angels Wanna Wear My) Red Shoes”, das kenne ich ja eher in der Sesamstraßenvariante und möchte es auch immer so mitsingen. Als nächstes folgt “When I Paint My Masterpiece”, das erste und nicht das letzte Stück, das ich gar nicht kenne. Insgesamt ist das sicher bislang das Konzert, auf dem ich die wenigstens Songs kenne, der Mann kennt gar keins, das stimmt aber nicht, mindestens eins müsste er eigentlich kennen und sowohl “She” als auch “Peace, Love and Understanding” sind ja auch insgesamt etwas bekannter.

Elvis

Zu “Everyday I Write The Book” erzählt Elvis Costello, dass er das Lied eigentlich voll doof findet, weil es so populär geworden ist, aber sein “second favorite Canadian” Ron Sexsmith hat ihm gezeigt, wie man es so spielen kann, dass er es wieder mag, nämlich schön charmant nur mit Gitarre. So kriegt der Song einen ganz neuen Charakter und ich liebe ihn danach noch ein bisschen mehr als vorher schon. (Wer wissen will, wer Elvis Costellos Lieblingskanadier ist, der informiere sich am besten im Internet nach seinem Familienstand.)

Ansonsten steht dem kleinen Mann auf der Bühne schon beim zweiten Song der Schweiß auf der Stirn und so spielt, singt, tropft und freut er sich durch das ganze Konzert. Das ist auch das schöne am Ganzvornesitzen, man sieht alles so wunderbar, wie Elvis Costello spielt und guckt und sich freut und es macht ihn tierisch sympathisch. Der Rest des Publikums scheint auch sehr zufrieden und klatscht und johlt nach jedem Song.

Effekte

Es ist auch erstaunlich, wieviel der Mann da so aus so einem Solokonzert rausholt. Zwei- oder dreimal wird ein bisschen Playbackmusik bemüht, was aber dem Spaß keinerlei Abbruch tut und zur zweiten von insgesamt drei Zugaben holt er seinen Pianisten, der mich doch sehr an den verzweifelten Pianisten aus der Sesamstraße erinnert, nur weniger verzweifelt. Ein paar Mal ereifert sich Herr Costello mit ausufernden Soli, die recth beeindruckend zeigen, was man mit so einer Gitarre (mit der ausreichenden Auswahl an Effektgeräten) alles machen kann.

Der schönste Moment ist aber der, als Elvis Costello auf einmal vom Mikro weg und ein paar Schritte zur Seite macht und dann einfach so ohne Mikro und nur mit seiner Gitarre ins Publikum singt. Keine Ahnung, ob man das im ganzen Saal hört, aber in der ersten Reihe ist es schön laut und gänsehautfördernd. Man könnte fast anfangen zu weinen.

Elvis

Nach der dritten Zugabe nach fast drei Stunden ist Schluss. Elvis ist glücklich, das Publikum ist glücklich und wir auch. Beim nächsten Mal dann bitte mit ganzer Band, nur um mal zu gucken, wie das ist. Insgesamt gilt mal wieder, dass ich einen Künstler, den ich live gesehen habe, danach noch lieber mag als vorher. Und der Herr Costellot war wirklich drei Stunden lang so reizend, dass ich mit einer ordentlichen Portion neu erworbener Costello-Liebe ins Hotel zurück fahre.

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Setlist gibbet hier.

http://www.elviscostello.com/

http://www.cirque-royal.org/

Wir machen da gerade was: Musik-Teaser

Mal was total anderes zum Thema Urheber und so. Der Mann und ich sitzen nämlich im Moment dran und arrangieren ein paar Songs. Vor allem sitzt der Mann dran, ich muss die Songs nur schreiben, ab und zu mal was ins Mikro singen und gelegentlich hilfreiche Kommentare zum Arrangement einwerfen.

Als kleinen Teaser haben wir einfach mal was hochgeladen. Wer jetzt sagt: “Boah, das ist ja nur Bass und Gesang”, der hat das knallhart durchschaut. Aber deswegen ist es ja auch ein Teaser und kein fertiger Song. Es gibt (totaler Wahnsinn) sogar auch noch eine zweite Strophe UND eine Bridge, aber man muss sich ja was aufsparen für später.

Ob wir an dieser Stelle jetzt regelmäßig den Zwischenstand präsentieren oder weiterhin im stillen Kämmerlein vor uns hinwerkeln, wird sich noch rausstellen. Vielleicht geht auch alles ganz schnell und das Ding ist fertig, bevor wir’s selber gemerkt haben.

Hier gibt’s jetzt jedenfalls schon mal eine Vorschau auf das, was so kommen soll. Kommentare und Kritik sind herzlich willkommen. Ansonsten vor allem: Viel Vergnügen!

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