Wagner gucken: Die Walküre im Aalto-Theater, Essen (Urlaub, Tag 3)

Tisch

Ich glaube, es war ein bisschen die Revanche für die letzten von mir orchestrierten Konzert- und Kinobesuche. Der Mann musste mit zu Paul Simon und Randy Newman, hat sich den Muppets-Film und “Die Tribute von Panem” angeguckt. Jetzt hat er sich selbst was ausgesucht. Wagner. Walküre.

Hilfe.

Zu Weihnachten 2008 hat der Mann von mir zwei Geschenke bekommen: Erstens zwei Karten für die Götterdämmerung und zweitens, dass ich mitkomme.

Ich, keinen Peil von Oper und erst recht nicht von Wagner. Ich, die ich bei Filmen, die länger als 100 Minuten dauern, gerne “Überlänge” jammere. Ich, deren Aufmerksamkeitsspanne dank jahrelanger Serien-Fokussierung auf 42 Minuten geschrumpft ist. Ich in einer vier Stunden langen Oper. Hurra!

Es hat aber ganz gut geklappt. Glaube ich jedenfalls, ich erinnere nicht viel von diesem Abend, aber ich habe ihn irgendwie überlebt.

Diesmal hat der Mann die Karten selbst besorgt. “Die Walküre” gibt es, im Aalto-Theater in Essen. Dank geschickter Fehlkommunikation verbringen wir den Nachmittag mit Freunden in einem Tapas-Restaurant, leeren dabei zu viert eine Flasche Sekt und zwei Flaschen Weißwein, glühen quasi schon mal vor und müssen dann um Viertel vor fünf doch ein bisschen eilig nach Hause, schnell umziehen, aufs Fahrrad schwingen und zur Oper fahren.

Richtung

Das Aalto-Theater ist auch von innen hübsch, eigentlich fast hübscher als von außen. Wir mischen uns ein wenig unters Hochkultur-Volk in Anzug und Abendgarderobe. Meine Abendgarderobe besteht aus bunt gepunkteter Strumfhose und dem grünen Kleid mit Schleifchen. In anderen Worten: Ich besitze keine Operngarderobe.

Wir sitzen Zweiter Balkon Mitte, erste Reihe, eigentlich prima Sitze, denk ich als Opernlaie, man sieht ja alles und kann sehr elegant die Ellebogen auf das Geländerdingens stützen und dann das Kinn auflehnen. Okay, das ist nicht sehr elegant, aber ganz bequem und man sieht schön viel.

Zweiter Balkon Mitte

Wirklich voll ist es nicht, auf unserem Balkon ist fast nur die erste Reihe besetzt und auch unten im Parkett sehen wir jede Menge freie Plätze, was vor allem den Mann verwundert, der meint, früher wäre es fast unmöglich gewesen, in eine Walküre reinzukommen.

Aber dann geht’s los. “Sturmmotiv”, flüstert der Mann mir zu und ja, das klingt sehr stürmisch, was die Streicher da machen. Überhaupt Orchester, noch so ein Vorteil, wenn man nicht im Parkett sitzt, man kann genau gucken, was die Musiker da machen.

Kontrabass

Geigen

Das Bühnenbild ist sehr klassisch. Vermute ich jetzt mal, ich hab ja kaum Vergleichsmöglichkeiten. Ich mag das ja auch, wenn es klassisch ist, irgendwie hab ich da diese Opernlaieneinstellung, dass, wenn ich mir das jetzt schon vier Stunden lang angucke, dass es dann wenigstens schön opulent und mit tollen Kostümen zu sein hat. Außerdem kann ich so besser rumfantasieren und mir gut vorstellen, dass das da vorne wirklich ein Baum ist und dass sich hinter den Türen eine ganze Burg erstreckt.

Auf der anderen Seite hab ich auch noch keine moderne Interpretation erlebt, vielleicht find ich das ja genauso toll oder sogar toller. Im Moment bin ich aber von dem schönen altmodischen Bühnenbild schwer beeindruckt. Wie ich schon sagte: Ich mag das. Am Herd brennt sogar echtes Feuer. Total überzeugend.

Herd

Intelligent und vorausschauend wie ich nun mal an die Sache herangegangen bin, hab ich keinen Schimmer, worum es geht. Also, Ring-Trilogie, klar. Götter, Ringe, Intrigen, Siegfried, Drache und so weiter. Blöderweise gibt es ja noch die Details der Story, und die kenn ich nicht. Weiterer Nachteil: Opernsänger versteht man ja eher so halbgut, selbst wenn sie schön ordentlich betonen. Weiterer Nachteil: Wagner. Die Texte sind jetzt auch nicht durchgehend einfach zu verstehen und er benutzt komische Wörter wie “kiesen”, die ich in der Pause erstmal erfragen muss.

Es gibt aber eine Textbox, so dass man oben mitlesen kann, was unten gesungen wird. Sehr hilfreich, so hab ich doch noch eine Chance, selbständig dem Plot zu folgen, ohne dass der Mann dauersoufflieren muss.

Es geht also los, mit der Musik und der Singerei und den komischen Wörtern und Namen (“Wehwalt”, “Hunding”, “Siegmund”). Der erste Akt ist der kürzeste und mal abgesehen davon, dass ich zwischendurch mal kurz sehr, sehr müde werde (Pro-Tipp: Kein nachmittägliches Weingelage vor Wagner), versteh ich sogar, worum es geht. Als Siegmund nach dem Schwert fragt, zeige ich schon mal hilfreich auf die Esche, wo’s ja drinsteckt und als es “ein Greis im grauen Gewand” heißt, flüstere ich dem Mann sehr expertös “Gandalf” zu.

(Es heißt im Übrigen tatsächlich “im blauen Gewand”, aber vielleicht hatten sie im Aalto keine brauchbaren blauen Gewänder.)

Nach knapp einer Stunde ist der erste Akt vorbei. Pause. Durst.

Intelligent und vorausschauend wie wir waren, haben wir fast unser gesamtes Geld im Tapas-Restaurant gelassen und können uns jetzt für die letzten fünf Euro immerhin ein Wasser und eine Cola gegen den Nachdurst leisten. Dann sind wir pleite, laufen ein bisschen im Theater rum und dann raus auf den großen Theaterbalkon, der direkt zum Stadtgarten rausgeht.

Stadtgarten

Das ist ja das schöne hier in Essen, dass hier alles direkt aufeinander hockt, Oper und Philhamonie grenzen direkt an den Stadtgarten, wo die Leute noch auf der Wiese sitzen, und den wunderbaren Frühlingsabend genießen.

Irgendwann gongt es einmal, zweimal, dreimal und wir machen uns wieder auf den Weg nach oben. Für den zweiten Akt sieht die Bühne fast genauso aus, das Herdfeuer ist jetzt aber aus und eine weiße Tischdecke liegt auf dem Tisch, viel mehr hat sich nicht getan.

Dafür gibt es jede Menge neue Figuren. Wotan ist jetzt dabei, und Brünnhilde, außerdem Fricka. Die Frauen, sagt der Mann nachher, waren alle überragend, die Männer eher nicht so dolle. Mein Laienverständnis sagt, die Frauen singen wirklich sehr, sehr gut und stimmgewaltig, bei den Männern geht die Stimme auch gelegentlich mal im Orchester unter.

Der zweite Akt ist nicht nur der längste, er fühlt sich auch so an und mag einfach nicht aufhören. Immer, wenn ich denke, so jetzt ist aber Schluss, das war doch jetzt ein prima Cliffhanger geht es doch noch weiter. Weiteres Problem: Ich verliere ziemlich schnell den Faden, eigentlich schon während einer der ersten Szenen mit Wotan und Fricka. Im Nachhinein stellt sich raus, dass ich die Handlung im Wesentlichen schon verstanden habe, aber einfach ist doch anders.

Jedenfalls geht es wieder um Götter und Intrigen, und darum, ob Wotan Siegmund jetzt bestrafen soll oder nicht, und als er sich dafür entschieden hat, dass er wohl keine andere Chance hat, da holt er Brünnhilde und sagt ihr, hier, straf mal den Siegmund, die kriegt aber nicht die Kurve und dann muss Wotan doch eingreifen, erschreckt mich furchtbar mit einem Speer und dann gibt’s kurz richtige Action mit Gewehren und Schwertern (etwas unfairer Kampf, scheint mir auch, was soll man denn mit einem Schwert gegen ein Gewehr anrichten) und dann sind Leute tot und andere Leute unglücklich und schwanger.

Auch wenn ich den zweiten Akt sehr anstrengend und etwas verwirrend finde, mag ich die Wotan-Szenen musikalisch am liebsten. Wagner ist da ja auch nicht so einfach, es besteht aus gefühlt drei Millionen unterschiedlichen Motiven, die der Mann mir gelegentlich zuflüstert, von denen ich aber ungefähr zwei tatsächlich wiedererkenne. Als Wagnerlaie kommen mir die Wotan-Szenen musikalisch am zugänglichsten vor. Da erkenne ich auf einmal so etwas wie eine Melodie und musikalische Struktur.

Bühne

Dann ist aber auch der zweite Akt vorbei und in der Pause lass ich mir das erstmal die Handlung erklären, während wir auf dem Treppenabsatz stehen und sehnsüchtig auf die Menschen am Getränkestand gucken, die noch genug Geld für Pausenverpflegung übrig haben. Wir versuchen, rauszufinden, wann denn die Götterdämmerung gespielt wird, und es zeichnet sich so ein bisschen der Plan ab, bei nächster Gelegenheit auch den Rest des Ringes zu sehen und als der Mann noch mal die Handlung des Rheingolds erzählt, werfe ich mehrfach “Gollum” ein. (Tut mir leid, ich kann halt nicht anders.)

Der dritte Akt geht dann wieder verhältnismäßig fix. Als Eye-Candy gibt es gut gebaute halbnackte (und leider auch tote) Männer, jede Menge Walküren, die sehr laut und durcheinander singen, vor allem aber viel Wotan und Brünnhilde, die sich einen Akt lang aussprechen und sich am Ende auf einen Kompromiss einigen. Gelernt: Götter sind sehr stur.

Am Schluss brennt dann der Berg, mit echtem Rauch und echtem Feuer, was sehr atmosphärisch ist und toll aussieht und dann ist die Oper vorbei.

Ensemble

Wir klatschen viel und sehr ausdauernd, vor allem für Fricka, Brünnhilde und Sieglinde, aber auch für Wotan, Siegmund und Hunding, für die Walküren und sogar für die toten, halbnackten Männer, die ja mehr oder weniger nur rumstanden, und natürlich auch für den Dirigenten und das Orchester.

Ich applaudiere sehr gerne, der Rest des Publikums anscheinend auch, und nachdem alle mindestens zweimal nach vorne gelaufen sind und sich dann das gesamte Ensemble mehrmals verbeugt hat, ist dann irgendwann gut.

Mäntel holen, nach draußen gehen, aufs Fahrrad schwingen und nach Hause fahren. Es ist jetzt halb elf, fast noch früh, eine warme Märznacht, heute Nacht werden die Uhren umgestellt, morgen ist Sommerzeit. Ich befürchte, spätestens Ende Juni werde ich das nächste Mal Wagner gucken müssen, da wird der gesamte Ring nämlich noch mal aufgeführt. Aber ein bisschen freue ich mich auch. Oper ist anstrengend und dauert auch gerne mal lange, aber irgendwie ist es auch toll.

Aalto

Randy Newman in der Jahrhunderthalle, Bochum

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Da isser, der Randy. Und gestern haben wir ihm zwei Stunden zugesehen und zugehört. Eine gute Entscheidung, wie der Mann mir nach dem Konzert mehrfach versichert hat und ich stimme zu. Aber von Anfang an.

Seit dem halb-spontanen Konzert von Leonard Cohen im November 2010 habe ich beschlossen, dass es eine gute Idee wäre, all die Altstars, die mir oder dem Mann irgendwie am Herzen liegen, zumindest einmal live zu sehen, bevor sie aufhören, Konzerte zu geben oder letzten Endes noch sterben. Und dann, dann wüsste man nie, wie das ist, in so einem Konzert. Leonard Cohen war zu dem Zeitpunkt immerhin schon 76 Jahre alt. Letztes Jahr war dann Paul Simon dran, und dann eigentlich Elvis Costello, allerdings wurde das Konzert abgesagt und auf Ende Mai 2012 verschoben. Bei Paolo Conte halten mich die Ticketpreise immer noch vom Kauf ab, und Tom Waits und Nick Cave wollen anscheinend einfach nicht in Europa auf Tour gehen.

Parkplatz

Weg zur Halle

Gestern also Randy Newman in der Jahrhunderthalle Bochum. Da waren wir ja auch noch nie, dabei loht sich allein schon das Gebäude. Industriearchitektur in voller Pracht mit schön viel Sichtbeton und überhaupt. Toll.

Weil wir fast eine Stunde zu früh sind, um noch Zeit für einen kleinen Snack zu haben, können wir erstmal das kulinarische Angebot der Jahrhunderthalle checken. Currywurst? Check. Laugenbrezel? Check. Bier? Check. Außerdem noch ein Baguette mit Roastbeef, fertig ist das Abendessen. Und der Mann deklariert noch an diesem Abend Moritz Fiege zu seinem neuen Lieblingsbier.

Wurst und Bier

Jahrhundertbar

Dann geht’s langsam los. Wir haben prima Sitze genau in der Mitte, Tribüne, Reihe 1, was allerdings zweite Reihe bedeutet, die erste Reihe ist Reihe 0 – das freut das Softwareentwickler-Herz. Auf der Bühne steht ein einsamer Flügel, was anderes hab ich aber auch nicht erwartet. Ich bin schon ganz aufgeregt, ich bin vor Konzerten immer ganz furchtbar aufgeregt, weil ich nicht weiß, wie das wohl wird und weil ich mich so freue.

Dann kommt er aber, setzt sich ans Klavier und fängt mit “Lover’s Prayer” an. Danach geht’s fast nahtlos zu “Mama Told Me Not To Come” über und dann zu einem dritten Song. Song, Applaus, nächster Song, Applaus, nächster Song. Dann hat er sich wohl so ein bisschen warmgespielt und er erzählt zwischendurch auch mal ein bisschen.

Als erstes lobt er die Location, mit Recht. Bei einem kleinen Instrumentalteil sagt er dann “This is the most technically challenging thing I will do today” und grinst ein bisschen. Tatsächlich kann Randy Newman gar nicht so gut Klavier spielen. Das stimmt natürlich auch nicht, er spielt schon sehr gut, aber nicht so, dass man es virtuos oder technisch perfekt nennen könnte. Gelegentlich holpert es ein wenig und manchmal sieht es so aus, als würde er sich die Tasten noch schnell zusammensuchen.

Randy Newman ist eben weder ein begnadeter Pianist noch ein begnadeter Sänger. Er ist ein extrem guter Songwriter und Komponist, deswegen singen ja auch alle möglichen anderen Leute seine Songs. Aber man kann ihm auch gut selber beim Spielen zugucken und zuhören, es ist ja sehr sympathisch, wenn er sich ein kleines bisschen verspielt und die hohen Töne auch nur so halb trifft.

Nachdem er sich also ein bisschen warmgespielt hat und sich mit uns als Publikum angefreundet hat, wird es immer besser. Er erzählt mehr (“I’m not much of an autobiographical songwriter.”, “I didn’t want to waste a song on that, so I added some criticism on Marxism.”) und zweimal dürfen wir auch mitsingen. Bei “I’m Dead (But I Don’t Know It)” sollen wir “He’s dead! He’s dead!” singen (“Oh, that was very enthusiastic.”) und weil das so gut klappt, dürfen wir auch bei “Rider in the Rain” noch mal mitmachen. Danach bin ich ja ausreichend euphorisiert und möchte auch gerne noch den Engelchor bei “Harps and Angels” mitsingen, und bei “I Love L.A.” auch enthusiastisch “We love it!” schreien, das macht der alte Herr aber lieber selber.

Knapp zwei Stunden spielt er, bei den Zugaben ist er ein bisschen geiziger als Herr Cohen und Herr Simon, da ist nach zwei Songs endgültig Schluss, aber das ist okay. Eigentlich hat er fast alles gespielt, was ich hören wollte und noch einiges, was ich nicht kannte. Die rührendsten Momente entstehen bei den Balladen, bei “I Miss You” und wenn er bei “Same Girl” wieder die hohen Töne nicht so richtig trifft. Das ist schön, sehr schön.

Beim Rausgehen noch schnell ein Bild von den Deckenkonstruktionen der Jahrhunderthalle, dann geht es zum Parkplatz und nach Hause. Schön war das. Als nächstes müssen wir uns dann mal ein paar Transkriptionen besorgen, denn was der Herr Newman da am Klavier macht, ist schon ziemlich cool. Man muss eben kein Klaviervirtuose sein, um zu begeistern.

Jahrhunderthalle

In der Pause kriegen wir noch ein bisschen Lokalprominenz geboten. Wie ich schon fast erwartet habe, ist Hennes Bender da, keine Ahnung warum, aber der wirkt irgendwie so, als würde er zu Randy-Newman-Konzerten gehen und das tut er tatsächlich auch. “Soll ich mal rübergehen und sagen ‚Ich kenn Sie vom Fernsehen‘?” wage ich zu scherzen. Der Mann findet das aber eher so mittelwitzig, denn er kennt mich gut genug, als dass er wüsste, dass ich zu sowas durchaus fähig bin. Dann läuft jemand vorbei, der entweder Frank Goosen ist, oder sehr wie Frank Goosen aussieht. Es gibt sie also doch wirklich, die Ruhrgebietskomiker. Toll.


Weitere Artikel in der Rheinischen Post und auf Der Westen.

Wagner hören

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Sonntagabend sitzen wir im Arbeitszimmer und hören Wagner. Also der Mann sitzt und ich liege auf dem Flauschteppich, denn es gibt ja nur einen Stuhl. Erst gibt’s Parsifal und irgendwann dann anscheinend Walküre, ich krieg aber natürlich nix mit, denn ich kenne mich mit Wagner nicht aus. Ich hab nur einmal Götterdämmerung gesehen, das war ein Weihnachtsgeschenk, also eigentlich zwei Geschenke in einem, einmal die Karten für die Oper und dann, dass ich mitkomme und stundenlang Wagner gucke und höre.

Der Bass wummert ordentlich, aber sollten die Nachbarn hochkommen und sich beschweren, weil es zu laut ist, dann kann man ja sagen: “Das ist Wagner, ihr Kulturbanausen!”

Dann gibt es Arme Ritter mit karamellisierten Apfelscheiben, der Mann sitzt im Sessel und trinkt erst Tee aus der Edinburgh-Tasse und nachher den guten Laphroaig-Whisky aus dem Whisky-Glas, das wir in Schottland im Whisky-Museum bekommen haben.

Mir wird Wagner vorzitiert und mit großem Enthusiasmus bekomme ich die Handlung erklärt. Zwischendurch möchte der Mann ins Lager fahren, um seine Wagnerpartituren zu suchen, denn es stellt sich heraus, DASS ER SICH IM TEXT VERTAN HAT! Oh nein! Welch Schmach und Schande! Und die ganze Zeit grinse ich wohl so ausreichend, dass mir mangelnde Ernsthaftigkeit vorgehalten wird. Ich meine, wir hören hier immerhin Wagner. (Da wird nicht gegrinst.)

Später dann beim großen Komponisten-Ratespiel versage ich kläglich, rate Stravinsky und Fauré bei Schönberg, aber Bach erkenne ich immerhin. Und ansonsten gucken uns Tom Waits, Audrey Hepburn (nicht im Bild) und Burroughs zu. Der Burroughs hängt im Übrigen verkehrt rum, damit das Bild sich im Rahmen wieder zurechtrückt. Auf der anderen Seite spricht ja auch ohnehin nichts dagegen, Burroughs Kopfstand machen zu lassen, deswegen bleibt er jetzt auch so, obwohl sich das Bild wider Erwarten tatsächlich zurechtgerückt hat.

Und am Ende wissen wir: Ein Abend mit Wagner, Whisky, Kakao und Flauschteppich ist ein guter Abend. Sollte man öfter machen.

So ist das mit dem Lampenfieber

Klavier

Letzte Woche Donnerstag saß ich wieder am Flügel und habe gespielt und gesungen. Vor Leuten. Vor Leuten, die ich nicht kenne. Lieder, die ich geschrieben habe und Lieder, die andere Leute geschrieben haben.

Ich wollte eigentlich einen “Zum ersten Mal”-Artikel basteln, aber das wäre gleich mehrfach gelogen gewesen. Ich hätte ihn “Zum ersten Mal wieder auf der Bühne” nennen können, aber letzten Donnerstag war ich ja schon das zweite Mal wieder auf der Bühne. Und außerdem wäre das auch schon eine Spitzfindigkeit gewesen, denn ich war ja eben nur zum ersten Mal wieder auf der Bühne.

Zum ersten Mal auf der Bühne, und zwar nicht im Zusammenhang mit Schulaufführungen oder Musikschulvorspielen war ich mit 17. Vielleicht war ich auch schon 18, ich müsste noch mal den Flyer suchen, auf dem mein Name steht und dazu irgendwas wie “Singer-Songwriter aus Leverkusen” oder so. Ich hab den Zettel noch, sowas wirft man ja nicht weg. Ich war auf jeden Fall noch sehr jung.

Der allererste Auftritt lief so, dass ich irgendwo gesehen hatte, dass man im Domforum in Köln auftreten könnte, wenn man irgendwo anruft und sagt, dass man das möchte. Ich hab nicht angerufen, weil ich damals eine unglaubliche und völlig irrationale Anrufbeantworterphobie hatte. Ich hab eine Postkarte geschrieben. Das hat aber gereicht, so dass mich auf einmal jemand anrief und sowas sagte wie, hey, ja, du hast ja eine Postkarte geschrieben und willst du nicht dann und dann bei uns spielen? Und ich sagte ja.

Der erste Auftritt war toll. Alles war super, ich habe gesungen und Leute haben applaudiert und nachher haben wir Leute gesagt, dass das gut war und haben mich mit Menschen verglichen, deren CDs ich kannte und liebte und alles war toll. Meine Eltern waren nicht dabei, weil meine Eltern mich kennen und wussten, dass ich sowas erstmal alleine machen muss. Dafür hat meine Mutter einen Bekannten engagiert, damit doch irgendwer im Publikum ist, den ich kenne, falls doch irgendwas ist.

(Danach durften meine Eltern übrigens immer zugucken und zuhören und haben das auch gerne getan. Nur beim ersten Mal eben nicht.)

Aber alles war super. Und ich habe danach noch mal im Domforum gespielt und im Bonn im Café Tiferet (das es meines Wissens nicht mehr gibt) und im Bürgerforum Köln-Kalk. Ich besitze eine Kassette, eine Mini-Disc (für die ich kein Abspielgerät besitze) und eine CD von Auftritten und dem einen Mal, wo ich im Radio war.

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Und dann wurde es auf einmal mehr mit Arbeit und weniger mit Musik und vor allem Auftritten und überhaupt habe ich festgestellt, dass es sauschwierig ist, in Deutschland Orte zu finden, wo man auftreten kann, ohne dass man gleich die ganze Technik selbst anschleppen muss. Ich habe zwei Gitarren und ein Klavier. Die Gitarren kann ich mitnehmen, das Klavier leider nicht, bzw. eines davon könnte ich sogar, aber dafür fehlt mir dann das Auto.

An all den Orten, wo ich bisher gespielt habe, gab es wunderbare Menschen, die mir geholfen haben, die sich um die Technik gekümmert haben, Kabel ein- und umgesteckt haben und mir sogar gesagt haben, ob was gut oder schlecht klingt und was ich machen muss, damit es besser wird, denn ich habe für sowas kein Gefühl. Ich kann Songs schreiben und covern. Ich kann am Klavier sitzen oder eine Gitarre in die Hand nehmen und ich kann das zumindest so ausreichend gut, dass andere Leute das gerne hören.

Um so glücklicher war ich, als ich rausgefunden habe, dass in der Frankfurt Art Bar in Sachsenhauen jeden Donnerstag Open Mic Night ist und dass die da sogar ein Klavier haben. Beim ersten Mal war ich nur da, um die Lage zu sondieren und ich war begeistert. Jeder darf 15 Minuten spielen, selbstgeschriebenes, gecovertes, mit Gesang und Instrumental. Alles ist wunderbar heimelig, es gibt Apfelwein, Whisky und Portwein und zu Essen auch. Und vor allem eben tolle Musik von vielen tollen Menschen, die manchmal direkt von der Arbeit kommen, um hier ein paar Minuten lang auf der Bühne zu stehen.

ArtBar

Aber es geht ja ums Lampenfieber. Ich kann gut mit Lampenfieber. Eben wegen der Schulaufführungen und der Musikschulvorspiele und weil ich gute Erfahrungen gemacht habe. Aber auch, weil ich weiß, dass einem eigentlich nichts passieren kann. Dass man, wenn man sich verspielt, einfach wieder anfängt und hofft, dass es keiner merkt. Dass man, wenn man sich hoffnungslos verspielt hat, das dann einfach sagt und noch mal neu anfängt. Und dass die meisten Leute es schon bewunderswert genug finden, dass man sich überhaupt auf so eine Bühne traut.

Das Lustige ist aber, man hat trotzdem Lampenfieber. Völlig egal, wie oft man das schon gemacht hat. Völlig egal, wie oft ich ein Stück schon gespielt hab und weiß, das kann ich jetzt, da mach ich keine Fehler und wenn schon, ist auch nicht so schlimm. Das Lampenfieber ist immer da. Es macht, dass ich hibbelig bin und nervös. Es macht vor allem, dass ich denke, ich müsste auf Toilette, was sich dann meistens als irrige Annahme entpuppt. Es macht interessanterweise nicht, dass ich Angst habe oder es mir auf einmal anders überlegen möchte oder auf einmal meine Fähigkeiten in Frage stelle. Dafür hab ich das dann wahrscheinlich doch schon zu oft gemacht.

Ansage

So war das auch beim ersten Auftritt in der Frankfurt Art Bar. Ich bin als erste des Abends auf die Bühne geschlichen. Hab mich hingesetzt und ein paar Worte gesagt und dann hab ich gespielt. Ein Lied von mir, dann “Cross-Eyed Bear” von Damien Rice und dann noch eins von mir. Meine Hände haben gezittert und meine Stimme auch. Aber es war toll. Und es war gut. Und ich war den ganzen Abend noch high auf Adrenalin oder was das ist, was der Körper dann in Massen ausschüttet.

Beim zweiten Mal war’s schon besser, ich hab weniger gezittert und war auch ein bisschen weniger nervös, vielleicht auch deswegen, weil mich Leute wiedererkannt haben und ich mir gesagt habe, das ist bestimmt ein gutes Zeichen. Vielleicht auch, weil ich wieder ein bisschen mehr wusste, was ich da eigentlich mache. Weil es ein bisschen vertrauter war. Oder vielleicht auch nur, weil ich vorher mehr Apfelwein getrunken hatte.

Und es war wieder gut und beim nächsten Mal nehme ich vielleicht die Ukulele mit. Dann bin ich bestimmt wieder ein bisschen nervöser, denn mit Ukulele, das hab ich noch nie vor fremden Leuten gemacht. Das ist neu. Aber auf der anderen Seite, das Lampenfieber ist eh immer da, und es ist ein gutes Fieber. Es macht, dass ich vorher aufgeregt bin und nachher auch und vor allem macht es, dass ich mich freue wie blöd.

Licht

Es ist wunderbar, dass es solche Orte wie die Frankfurt Art Bar gibt, ich bin auch dankbar, dass es damals das Domforum gab, das mich zum ersten Mal auf die Bühne gelassen hat und all die Leute, die gesagt haben, ja klar, bei uns kannst du auch auftreten. Und wenn hier jemand noch gute Tipps hat, wo es ähnlich wunderbare Orte gibt, dann bitte alle her damit.

So ist das nämlich mit dem Lampenfieber. Es ist ganz furchtbar und schrecklich und gleichzeitig ganz wunderbar und es soll bitte auch nie weggehen. Denn wenn man nicht nervös ist, bevor man auf die Bühne geht, dann ist auch irgendwas nicht richtig.

Die Frankfurt Art Bar findet man im Ziegelhüttenweg 32 in Frankfurt-Sachsenhausen und jeden Donnerstag ist Open Mic Night und manchmal bin ich auch da.

Zum ersten Mal: Gitarrenunterricht

Ich hatte ja schon viel Musikunterricht in meinem Leben. Vom Blockflötenunterricht, in den ich mich irgendwie in der Grundschule geschmuggelt habe, und bei dem ich bis heute nicht sicher weiß, ob der nicht eigentlich kostenpflichtig war, über Klavier, Klarinette, Akkordeon bis hin zum Kinderchor, wo ich es aber nur ein Jahr ausgehalten habe. Ich kenn das also.

Was ich niemals nie hatte, war Gitarrenunterricht. Viele Leute haben keinen Gitarrenunterricht. Gitarre ist ein Instrument, das verhältnismäßig häufig irgendwo zur Verfügung steht und das auch zunächst recht einsteigerfreundlich ist. Meine Eltern können beide Gitarre spielen, mein Vater sogar ziemlich gut, und beide haben sich das selbst beigebracht. Die einfachen Griffe hat man schnell drauf, G-Dur und D-Dur sind dankbare Tonarten ohne komplizierten Schnickschnack wie diese elenden Barree-Griffe.

Und so hab ich es mir auch beigebracht, sogar schon recht früh, nämlich mit einem Rolf-Zuckowski-Liederbuch, wo die Griffe oben drüber standen. Musste man mir wohl auch nicht erklären, wie man die zu verstehen hat, das sieht man ja sofort und ich vermute mal ganz stark, dass ich damals mit kleinen Kinderhänden und der Erwachsenengitarre einer meiner Elternteile das D am besten fand. Da muss man sich nicht so verrenken.

Weil ich sowieso latent faul bin, hab ich mich auch mehr oder weniger damit durchgemogelt, bis ich so ungefähr 31 war. Ich hab noch ein paar mehr Griffe gelernt und zwischendurch auch mal klassische Gitarre versucht (man hat ja viel Zeit so als Teenager), bin aber weiterhin an den Barree-Griffen gescheitert und kann auch nach wie vor nicht mit Plektrum. Überhaupt: Ich weiß halt, wie und was ich spielen muss, damit nicht so auffällt, dass ich’s eigentlich nicht kann. Es stand eben auch nie ein Musiklehrer dahinter, der enttäuscht geguckt hat, wenn sich mal wieder rausstellte, dass ich die ganze letzte Woche nicht geübt hatte.

Aber das hat nun ein Ende. Seit Januar 2012 bin ich offiziell Schüler an der Modern Music School in Hanau. Anders gesagt: Nach knapp zehn Jahren Abstinenz muss ich wieder einmal die Woche zum Instrumentalunterricht. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Ich bin quasi wieder jung!

Eine Gitarre hatte ich ja schon. Genauer gesagt besitze ich derer zwei und musste nur überlegen, welche jetzt mit zum Musikunterricht kommt und welche zu Hause bleiben darf. Ich habe mich dann aus masochistischen Gründen für die Stahlsaiten-Gitarre entschieden. Die ist nämlich schwerer zu spielen als die andere und schneidet einem fies in die Fingerkuppen, wenn man auch nur länger als fünf Minuten eine von den oberen Saiten runterdrückt. Aber ich will ja was lernen. Die nette, freundliche Gitarre mit den sanften Nylonsaiten durfte zu Hause bleiben und wird jetzt am Wochenende bemüht.

In der Schnupperstunde durfte ich erzählen, was ich so gerne machen würde: Liedbegleitung und generell ein paar Techniken, und Picking und mal lernen, wie man mit einem Plektrum spielt und HERRGOTT, WAS WEISS DENN ICH? Halt nicht mehr so beschissen spielen, sondern mal ordentlich. Und das mit den Barree-Griffen. Das möchte ich nachher bitte können.

Der Gitarrenlehrer hat sich das alles brav angehört und dann gesagt, für die nächste Stunde sollte ich mal ein paar Lieder mitbringen, die ich gerne spielen würde. Außerdem haben wir noch geübt, wie man Talkin‘ ‚bout a Revolution von Tracy Chapman spielt und dabei besonders intelligent von G nach C wechselt.

Am nächsten Montag fuhr ich dann mit der folgenden in Eile hingekritzelten Liste ins wunderschöne Industriegebiet Nord, wo ab 19 Uhr die Busse nur noch stündlich fahren und auch sonst nix ist (aber das nur am Rande).

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Ich fand (und finde immer noch), hier eine gute Selektion gitarrenunterrichtsgeeigneter Populär-Musik zusammengestellt zu haben. Wir haben allerdings nichts davon gemacht, noch nicht mal die Liste angeguckt. Ich werde sie trotzdem behalten, damit ich mal dran denke, Breakeven ordentlich spielen zu lernen.

Statt dessen gab’s The Police mit dem ultimativen Stalkersong Every Breath You Take. Also eigentlich nur acht Takte davon. Vier Akkorde, aber vier sehr lustige. In der ersten offiziellen Stunde darf ich nicht nur meine Gitarre mit einem ulkigen Stimmgerät selbst stimmen, sondern lerne auch, wie man besonders clever ein G9, ein Em9, ein C9 und ein D9 greift. LAUTER NEUNER-AKKORDE, LEUTE! AUF DER GITARRE! ICH! Dabei kann ich doch sonst nur für ausgewählte Tonarten die Siebener und nur gelegentlich mal einen in Moll (ich empfehle auch hier A-Moll, E-Moll und D-Moll, den Rest kann man mehr oder weniger knicken, alles Barree-Scheiß). Auf jeden Fall kann ich auf einmal was völlig Neues und das auch noch zupfen. Und es klingt gut. Es deckt zwar nur geschätzt 30 Prozent des Gesamtkunstwerkes ab, ich bin aber vollkommen begeistert von den neuen Erkenntnissen, die ich hier gewinne.

Der Gitarrenlehrer scheint in der ersten Stunde ähnlich überfordert wie ich. Er weiß nicht genau, was ich schon kann und was nicht und was ich überhaupt von ihm will und ich weiß nicht so genau, wie ich ihm vermittle, dass er mir weder Noten noch sonstwas beibringen muss und dass ich mir auch eine lausige Akkordverbindung von vier Akkorden nicht aufschreiben muss. Vor allem weiß ich nicht, wie ich ihm das vermittle, ohne dabei arschig und überheblich zu wirken. Wir einigen uns darauf, dass ich die Akkordfolge doch aufschreibe und zwar inklusive des Zupfmusters, das ich dann auch exakt einmal vergesse, nämlich am Anfang der nächsten Stunde, nachdem ich es die ganze Woche über wieder und wieder richtig gespielt habe.

In der dritten Stunde lerne ich Folkpicking, Daumen, Mittelfinger, Daumen, Zeigefinger. Erst eine lustige Akkordverbindung, die in einer absurden Verrenkung der linken Hand endet, wenn man nicht merkt, dass man einen Finger getrost weglassen kann und es einmal sehr machbar wird. Und dann darf ich die komplette Akkordfolge für Streets of London aufschreiben, mit einer “künstlerischen Freiheit”, die wohl einzig und allein nur dazu gedacht ist, mich mit einem F-Moll aus der Fassung zu bringen.

Das darf ich diese Woche üben. Das und weiter Every Breath You Take und Melodiespielen soll ich auch üben und überhaupt. Ich hatte am Anfang meine Zweifel, ob das was bringt mit dem Gitarrenunterricht, weil ich bestimmt auch kein einfacher Schüler bin, immer alles schon weiß und einiges ja schon irgendwie kann und man irgendwo in der Mitte anfangen muss, so, dass ich mich nicht langweile, aber auch nicht sofort frustriert bin. Das, was wir bisher gemacht haben, ist mir alles nicht neu, aber es hilft ungemein, alles mal methodisch zu machen und jemanden zu haben, der einem sagt, was man richtig und falsch macht und der einem vor allem doofe Akkorde mit nach Hause gibt, um die man sich nicht so einfach herumschwindeln kann.

Es war einer der Vorsätze fürs neue Jahr, einer der vielen ungeschriebenen, weil ich mir selber nichts versprechen wollte, was ich dann vielleicht doch schon ob der Konkretheit nicht umsetzen hätte können. Ich habe einfach eine Mail geschrieben, einmal telefoniert und mich dann in die Linie 8 ins wunderschöne Industriegebiet Nord gesetzt und jetzt habe ich einmal die Woche Gitarrenunterricht. Und es ist super! Ich lerne was! Und ich setze mich abends mit Gitarre aufs Sofa, damit es nächsten Montag besser klingt als den davor und wir was Neues machen können.

Ich habe endlich wieder Instrumentalunterricht und irgendwie hab ich es wohl auch die ganzen Jahre ein bisschen vermisst.

Gitarre