Kategorie: Nostalgie

Anne erklärt die Neunziger: Freundebücher

Ich habe beim letzten Elternbesuch ein paar Kisten mit alten Schulkram mit nach Hause geschleppt. Dieser Schulkram erweist sich jetzt als faszinierender Fundus voll mit Relikten einer deutschen Jugend in den Neunzigern. Unmengen bekritzeltes Papier, vieles davon natürlich reiner Schulkram, aber auch der erweist sich (aber dazu kommen wir ein ander Mal) als erstaunlich interessant. Es ist ein bisschen wie beim Techniktagebuch: Damals war das langweilig, aber jetzt, nach zwanzig Jahren!

Ein besonders schönes Relikt ist das Freundebuch. In der Grundschule waren die noch gekauft, später aber dann entdeckte man seine eigene Individualität, die sich natürlich in vorgedruckten Freundebüchern nicht mehr ausdrücken ließ und man dachte sich die Fragen selber aus. Dadurch wurde das Freundebuch zwar nicht spannender, aber immerhin schlechter zu handhaben. Man musste nämlich entweder alle Fragen mit Nummer auswendig lernen oder ständig hin- und herblättern.

Die erste Version des Fragenkatalogs war mit knapp 60 Fragen noch recht harmlos und las sich so.

Freundbuch 1993 - 1994Freundbuch 1993 - 1994Freundbuch 1993 - 1994

Typische Mädchenfragen sind die Fragen 37 bis 40, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und/oder Namen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich Jungen so viel Gedanken darüber gemacht haben, wie sie lieber heißen würden, ich dagegen hatte in fast jeder Lebensphase bis knapp vor der Volljährigkeit einen Namen, den ich lieber gehabt hätte. Meistens waren diese Namen länger, exotischer und irgendwie geheimnisvoller als, nun ja, Anne. Heute bin ich meinen Eltern sehr dankbar für ihre gute Wahl. Hätte ich auch gemacht.

Bemerkenswert ist auch Frage 42 in ihrer Spezifität. Was ist eigentlich so Ihr Lieblingsbezirk?

Teilweise zeigten sich allerdings die Ausfüller und Ausfüllerinnen etwas stur an und verweigerten die Aussage.

Freundbuch 1993 - 1994

Wir befinden uns also in den Neunzigern, gestartet wurde das Freundebuch, das in Fachkreise auch Krümelbuch genannt wurde, im Frühjahr 1993, als ich in der siebten Klasse war.

Die Neunziger merkt man den Einträgen vor allem bei dem Teil an, bei dem Kreativität gefragt war und sich die Befragten austoben konnten.

Freundbuch 1993 - 1994

Zu dieser Zeit angesagt waren: Sticker, Pferde, Smilys, Smily-Schriftzüge, lustige Sprüche und Stabilostifte. Wer die meisten Stabilostifte in den absurdesten Farben im Mäppchen hatte, der war schon mal nicht komplett uncool. So konnte selbst ansonsten sehr uncoole Menschen wie ich wenigstens irgendwie punkten.

Freundbuch 1993 - 1994

Außerdem voll im Trend: Beverly Hills 90210 und äh… irgendeine Boyband vermutlich. Den neuen fünfstelligen Postleitzahlen sei Dank konnte man sich auch sein eigenes 90210-Logo basteln, dann eben mit dem eigenen Stadtteil. Wir teilten sogar den eigenen Klassenkameraden Rollen zu, die sich irgendwie an den Figuren des Originals orientierten.

Freundbuch 1993 - 1994

Hier ein Beispiel dafür, wie man die Trendthemen 90210 und Sticker miteinander verknüpfen konnten. Von den Aufklebern finden sich noch andere in meinem Freundebuch, sie müssen in den Verpackungen irgendwelcher Schokoriegel gesteckt haben.

(Oben rechts steht übrigens: „Du bist ein Highlander“. Ich habe das mal für alle verwirrten Leser entziffert. Highlander war auch gerade hip.)

Beim Eintritt in die achte Klasse habe ich dem Freundebuch neue Fragen spendiert. Der Katalog wurde auf vier Seiten ausgeweitet, ab jetzt sind 77 Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten.

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Die Fragen wurden insgesamt etwas aggressiver. „Wen möchtest du am liebsten killen?“ ersetzte „Mein ärgster Feind“. Dazu kommt „Diese Songs kommen mir aus den Ohren raus!“, „Hassmoderator“ (wir fanden alle Ulla Kock am Brink doof) und Hassgameshow. Punkt 75, „Lieblingsvideoclip“, muss eine Verzweiflungstat gewesen sein. Wir hatten zu Hause weder VIVA noch MTV, YouTube gab es noch nicht, so dass ich auf eine halbe Stunde „Hit Clip“ im WDR (moderiert von Thomas Germann) angewiesen war, um irgendwie halbwegs up to date zu sein. Ich war jetzt wohl in der Pubertät.

Bezeichnend für die Neunziger waren auch schlimme Poster mit Farbverlaufshintergrund und Delfinen, Pferden, Palmenstränden, küssenden Pärchen oder (offensichtlich) Hundewelpen.

Freundbuch 1993 - 1994

Dafür war der Musikgeschmack jetzt noch wichtiger geworden, so dass besonders fleißige Ausfüller mit dem Aufzählen der Lieblingssongs mehr als eine Seite füllen konnten.

Freundbuch 1993 - 1994

Zum zweiten Halbjahr des achten Schuljahrs wechselte ich die Schule und das Krümelbuch bekam noch mal neue Fragen spendiert (4 1/4 Seiten, 80 Fragen). Meines Wissens gibt es auch noch ein zweites Buch, in dem die Fragen altersgemäß noch individueller wurden. Das war aber in den mitgebrachten Kisten nicht zu finden.

Von außen sah es übrigens so aus. Was in den Neunziger Jahren sonst noch angesagt war: Diddl-Mäuse, Umweltpapier und Marmormuster. Wie die Irren marmorierten wir alles, was uns in die Finger kam. Die Papierindustrie erkannte den Trend und lieferte entsprechend ab.

Freundebuch von außen

Die Nostalgiereihe geht natürlich weiter. Wer sofort mehr haben will, der guckt bei Alexandra Tobor vorbei, die für ihren neuen Roman Minigolf Paradiso [Amazon-Werbelink] wieder Betreutes Lesen anbietet und dabei bis zu den Hüften in den Neunzigern watet.

Anne erklärt die Neunziger: Dinos und Freibadeis

Frau Tiffy aka Alexandra Tobor hat schon wieder ein Buch geschrieben, das sich ganz wunderbar anliest. Noch wunderbarer aber ist, dass sie auch für dieses Buch ein betreutes Lesen anbietet. Die Geschichte von Minigolf Paradiso [Amazon-Werbelink] spielt in den Neunzigern, und genau für diese Zeit liefert sie hilfreiche Informationen für Leute, die damals zu alt oder zu jung waren, sehr vergesslich sind, alles verdrängt haben oder wie ich bei solchen Texten in nostalgisches Quieken verfallen. Also ungefähr für alle.

Leider ist mein Mitteilungsdrang, wenn es um nostalgischen Kram geht, zu groß, um in ein Kommentarfeld gezwängt zu werden, deswegen gibt es meine Erinnerungen an die schönsten Neunziger aller Zeiten als Blogeintrag, passend zu dem, was auf Alexandras Blog gerade passiert, nur etwas zeitversetzt.

Dementsprechend geht es um Dinosaurier und Freibadeis, die anderen Themen (JEANSOUTFITS! BRIEFFREUNDSCHAFTEN! VANDALISMUS!) werden dann in den nächsten Folgen abgearbeitet.

Dinosaurier also. Als Jurassic Park in die Kinos kam, war ich alt genug, um reingehen zu dürfen, aber zu feige, um es zu tun. Ich hatte schlimme Sachen über den Film gehört und da ich seit jeher ein schlimmer Schisser war (und bin), verzichtete ich aus reinem Selbstschutz. Das Dinofieber hingegen bekam auch ich mit, vor allem, weil mein Cousin, der knapp vier Jahre jünger ist als ich, zum Dinosaurierlexikon mutierte und uns fortan mit allen Fakten versorgte. Mein Lieblingsdinosaurier ist dementsprechend auch der Ornithomimus, denn das war der erklärte Lieblingsdinosaurier meines Cousins und der schien sowohl vertrauenswürdig als auch gut informiert, es musste also etwas dran sein. Mein Cousin hätte sich auch in Jurassic Park getraut, war dann aber wohl doch ein paar Jahre zu jung.

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Statt dessen guckten wir zehn bis zwanzig Mal In einem Land vor unserer Zeit, den Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1988, der bestimmt fast genauso spannend war wie Jurassic Park. Und natürlich quasi jede Folge der Dinos, auch am besten mehrfach, bis wir einzelne Dialoge mitsprechen konnten, wobei sich meine Cousine als besonders zitierbegabt erwies. Lange hielt sich in meiner Familie die Ansicht, Earl wäre irgendwie wie mein Vater (oder mein Vater wie Earl) und na ja… irgendwas war da auch dran. Irgendwann Jahre später traute ich mich dann auch, Jurassic Park zu gucken und im zweiten Teil war ich dann sogar im Kino.

Das Symbol für Freibadeis bei Alexandra ist das Bum Bum, ein Eis, das ich meines Wissens exakt einmal im Leben gegessen habe und das selbst mir mit meinem wenig empfindlichen Gaumen doch eher fies vorkam. Tatsächlich müsste man für die richtigen Freibaderinnerungen in die Achtziger zurückgehen, denn bis 1994 war unser Freibad das Bayerbad in Leverkusen, damals in der Sommerzeit voll mit Familien, mittlerweile dramatischerweise geschlossen. Im Bayerbad lernte ich schwimmen, eventuell machte ich im Bayerbad sogar mein Seepferdchen (darüber hinaus kam ich nie), jedenfalls verbrachte ich viele Sommertage im „neuen“ Becken, das für uns Kinder das spannendere war, schon allein, weil es etwas verwinkelter war als das rechteckige „alte“ Becken. Wenn man Glück hatte, wurde man mit dem Auto zum Freibad gefahren, wenn man Pech hatte, fanden die Eltern, dass man auch eine Radtour machen könnte. Die Strecke würde mir heute vermutlich lachhaft vorkommen, damals war es reine Tortur, denn ich war Kind und wollte schnell und bequem ins Freibad, nicht sportlich und umweltschonend.

Eiserinnerungen ans Freibad habe ich kaum. Im Bayerbad gab es einen Imbisssstand, an dem die immergleiche blondierte Frau mit langen Fingernägeln vor allem Würstchen verkaufte. Würstchen mit Ketchup oder Senf und einer diagonal durchgeschnittenen Toastscheibe war unser Freibadessen. Dazu gab es „Durstlöscher“ in den großen Trinkpäckchen, die einem durch das viele abgebildete Obst als gesund verkauft werden sollte. Eine Lose-Lose-Situation sozusagen, denn so wurde man als wenig ernährungsbewusstes Kind schon abgetörnt und es war dann noch nicht mal wirklich gesund. Wenn es Eis gab, dann war es Calippo, das man langsam aus der Papphülle drücken und dabei aufpassen musste, nicht mit einem zu kräftigen Drücken das ganze gegen die Nase zu katapultieren. Beim Calippogenuss saute man sich auch garantiert die Hände voll, konnte aber immerhin am Schluss das bereits geschmolzene Eis mit einem beherzten Schluck aus dem Papphörnchen trinken.

Wenn ich aber nur über Eis jenseits vom Freibadgetümmel berichten soll, so habe ich drei Stichworte: „Ed von Schleck“, „Wassereis“ und „Magnum“. Aber der Reihe nach.

Ed von Schleck war mein Standardeis, Vanilleeis mit Erdbeersoße, das mit einem Plastikstiel aus dem Plastikbecher geschoben wurde. Diese Konstruktion machte auch das Besondere aus, ansonsten war es eben Vanilleeis mit Erdbeersoße. Aber wie so oft schmecken manche Dinge ja besser, wenn sie ein Hauch des Besonderen umgibt.

Wassereis hingegen war die kostengünstige Alternative. Wassereis gab es im Büdchen an der Schule, bei dem man gemischte Tüten kaufen konnte und bei dem ich zudem sehr viel Geld in Micky-Maus-Hefte investierte. Im Sommer holte man sich nach der Schule also Wassereis für soundsoviel Pfennig, das dann bis zur Bushaltestelle oder vielmehr bis zur Ankunft des Busses aufgegessen sein musste. Was bei der Größe nicht schwierig war. Schwieriger war es, an das Eis heranzukommen. Dafür musste man nämlich mit den Zähnen die Plastikverpackung aufreißen, was mal mehr und mal weniger gut funktionierte. Außerdem war Wassereis nicht lecker, auch wenn wir uns das einbildeten. Dafür kostete es quasi nichts und man hatte zumindest Diskussionsmaterial, wenn es um die Sorten ging (hoch im Kurs: Cola, geht gar nicht: Waldmeister).

Und dann kam Magnum, das vermeintliche Luxuseis. Gestartet mit einer grandiosen Werbekampagme und das teuerste Eis, das man kriegen konnte, als es noch kein Ben & Jerry’s und kein Häagen Dasz gab. In den Neunzigern war Magnum der Inbgriff des Qualitätseises, jedenfalls habe ich das so geglaubt. Als bekennender Extremgaumen (GEBT MIR NOUGAT!) musste es bei mir natürlich das noch mal süßere Magnum White sein, man bekam also süßes Vanilleeis mit elend süßem Überzug aus weißer Schokolade. In einem Sommerurlaub in der Toskana im Jahr 1997 wurde es zum Familienritual, einmal am Tag irgendwo Magnum für alle zu kaufen. Das war auch sehr schön und ja, ich esse heute noch gerne Magnum White, auch wenn mich unzählige Kilo Ben & Jerry’s eigentlich eines Besseren hätte belehren sollen.

Aber Wassereis habe ich schon sehr lange nicht mehr gegessen, im Freibad war ich schon ewig nicht mehr und Ed von Schleck hat ein neues Design bekommen. Immerhin aber ist Jurassic Park immer noch ein ziemlich guter Film.