Saint-André-de-Roquepertuis, 1998

1998 fahre ich zum letzten Mal mit meinen Eltern in Urlaub. Ich bin 17, nächstes Jahr mache ich Abitur, danach Studium. Es ist nicht fest geplant, dass wir danach nicht mehr zusammen fahren, aber es wird sich so ergeben.

Wir fahren mit Tante H. und Famile nach Saint-André-de-Roquepertuis, einem kleinen Ort westlich von Orange. Das Ferienhaus ist etwas abseits, aber man kann zu Fuß ins Dorf gehen. Ich habe meine Klarinette dabei und Onkel M. seine Gitarre. Außerdem ist Django dabei und unsere zwei Mischlingshündinnen (die sehen aber nur auf dem Bild so böse aus).

Als wir ankommen, fährt eine Gruppe junger Männer vor und bringen uns ein Brot gegen eine Spende. Sie laden uns zum Dorffest ein, was an diesem Abend stattfindet. Was sie nicht sagen ist, dass jeder sein eigenes Grillzeug mitnehmen muss und so stehen wir etwas unsicher rum und ich habe sofort schlechte Laune und möchte wieder gehen.

Ansonsten ist alles an diesem Urlaub toll. Der Ort ist toll, das Haus ist toll, die Badestellen sind toll.

Ich spiele mit Lukas hinterm Haus Federball, was etwas ungünstig ist, weil der Rasen an einem Hang ist, aber irgendwie klappt es halt doch. Lina entdeckt eine Ameisenstraße und stellt den Tieren Zuckerwasser in einer Schale hin.

Ich habe Aktiv-Lautsprecher für meinen tragbaren CD-Spieler dabei, denn meine CD-Sammlung erweitert sich quasi wöchentlich, aber niemand außer mir interessiert sich dafür.

An der einen Badestelle direkt am Ort kann man sehr lange im Fluss einfach schwimmen. In der Mitte des Flusses ist es sogar so flach, dass man stehen kann. Wir sitzen etwas oberhalb der Badestelle am Ufer und lassen die Beine ins Wasser hängen. Winzige Fischchen kommen an und nagen an unseren Füßen, aber das kitzelt nur und tut nicht weh.

An einer anderen Badestelle gibt es Kaskaden. Wir liegen auf weißen Felsen. In der Mitte des Flusses ist ein großer Felsbrocken, auf den man draufklettern und dann runterspringen kann. Es sind bestimmt fünf Meter, aber es fühlt sich gar nicht so viel an, viel weniger als im Schwimmbad, wo man bis zum Grund sehen kann. Wir klettern immer wieder auf den Felsen und springen runter. Max, Onkel M. und Lukas springen sogar von einem Felsen auf der anderen Seite, der noch höher ist, aber das traue ich mich dann doch nicht.

Wir machen Ausflüge nach Orange und andere Städte, aber daran kann ich mich kaum noch erinnern. In Orange parken wir an einem alten Amphittheater und laufen durch kleine Sträßchen. Ich habe meine Kamera dabei und mache Schwarz-Weiß-Bilder, einige werden richtig gut, dafür, dass ich nicht wirklich geübt bin im Fotografieren.

Es ist auch der erste Urlaub, in dem wir die eiserne „Es wird kein Fernsehen geguckt“-Regel brechen. Weil wir tagsüber oft sowieso träge sind und es so heiß ist, dass wir nur rumhängen, verziehen wir uns manchmal nach oben und gucken zu , wie die Radfahrer bei der Tour de France durchs Land fahren.

Eigentlich, entscheiden Tante H. und Mama, wollen sie dieses Mal keine Endreinigung machen. Soll der Vermieter halt die Kaution behalten, wir fahren einfach. Dann kommt der Vermieter aber einen Tag vor der Abfahrt vorbei, bringt uns noch eine Flasche Wein und die Kaution und dann müssen wir ob dieser Vertrauensvorschusses doch noch alles ordentlich machen.

Das ist der letzten Familienurlaub, bei dem ich dabei bin. Aber eben auch der beste.

(Das Haus kann man immer noch mieten, es hat jetzt einen Pool und ist offensichtlich auch mal gründlich neu ausgestattet worden. Ich kann es nur empfehlen.)

Canneto, 1997

Sarah und ich haben uns beschwert. Wir wollen nicht immer nur nach Frankreich, sondern auch mal woanders hin. Deswegen fahren wir dieses Jahr nach Italien, in die Toskana nach Canneto. Wir fahren über die Schweiz, das ist zumindest mal sehr schön, aber es ist auch weit, sehr weit.

Das Haus ist ein altes Haus am Rande vom Dorf. Abends hören wir Gewehrschüsse aus dem Wald und an den Wänden laufen Hundertfüßler und Käfer, das ist ein bisschen eklig.

Die Landschaft ist schön, aber auch ein bisschen enttäuschend. Der Bach ist ausgetrocknet, zum Baden muss man bis ans Meer fahren und das Meer ist hier in Italien voll, manchmal gibt es gar keinen richtigen öffentlichen Strand, statt dessen steht alles voll mit Liegestühlen, die man bezahlen muss. Morgens holen wir Ciabatta vom Bäcker, das nach nichts schmeckt. Es ist alles ein bisschen wie Frankreich, nur nicht so schön.

Direkt als wir ankommen gibt es ein Dorffest mit Tanz. Wir freuen uns, weil es letztes Jahr in Frankreich so toll war beim Dorffest. Aber das Fest hier ist ganz anders. Getanzt wird auf einer Bühne und nur irgendwelche Standardtänze. Das finden wir alle doof und bleiben auch nicht so lange.

Außerdem ist es sehr heiß, ich jammere und lege mich in den Schatten und decke mich mit einem Handtuch zu und dann schlafe ich meistens einfach ein.

Dafür machen wir Ausflüge: Nach Siena und nach San Gimignano. Siena ist am schönsten, vor allem der gestreifte Dom und der runde Platz in der Stadtmitte. San Gimignano ist aber auch schön mit seinen hohen Türmen.

Abends gehen wir oft eine Runde durchs Dorf spazieren. Die Leute gucken uns nach, grüßen aber nicht. Jeden Tag kaufen wir uns dann ein Eis, ich nehme immer Magnum mit weißer Schokolade, außer in Siena, da holen wir richtiges Eis im Hörnchen.

Ich habe meinen tragbaren CD-Spieler dabei und höre im Auto immer meine CDs. Ich habe gerade angefangen, mich richtig für Musik zu interessieren. Eventuell ist das ein bisschen antisozial, aber ich bin 16 und gerade im besten Teenageralter. Außerdem habe ich selbstaufgenommene Kassetten dabei, alle von den Elch-Charts von SWR3. Das höre ich gerade immer und alle paar Wochen nehme ich eine neue Kassette aus dem Radio auf.

Am Tag der Abfahrt kommt das italienische Vermieterpaar zur Wohnungsübergabe. Sie sind sehr italienisch und ganz begeistert von Lukas, weil er so hell ist und rötliche Haare hat. Das ist in Italien wohl was besonderes, jedenfalls müssen sie ihm immer über den Kopf wuscheln.

Auf dem Rückweg halten wir irgendwo in der Schweiz, um zu übernachten. Eigentlich könnten wir alle im Auto schlafen, aber die Nacht ist klar und nicht zu kalt, also legen wir uns auf die Wiese und gucken den Sternenhimmel an. Der Sternenhimmel irgendwo in den Bergen in der Schweiz ist fast das beste am ganzen Urlaub. Nächstes Jahr fahren wir wieder nach Frankreich.

Beaufort-sur-Gervanne, 1996

Die Geschichte von diesem Urlaub fängt vor dem Urlaub an, nämlich als unser Dackel Susi einen Bandscheibenvorfall hat und nicht mehr laufen kann. Der Tierarzt will operieren, aber der Dackel ist schon alt und Mama sagt, entweder das Tier erholt sich vor dem Urlaub noch ausreichend oder es wird halt eingeschläfert. Tatsächlich erholt sich Susi noch ausreichend und fängt wieder an zu laufen, deswegen nehmen wir sie mit und nehmen sicherheitshalber noch einen Bollerwagen mit. Für den Dackel.

Jedenfalls fahren wir wieder nach Beaufort-sur-Gervanne und wieder in das Haus, wo wir schon 1987 und 1988 waren, aber diesmal eben mit Tante H. und ihrer Familie. Und zwei Hunden, denn Django, der große schwarze mittelintelligente Hund meiner Tante kommt auch mit.

Die Badestelle an der Gervanne sieht ganz anders aus mittlerweile. Die natürliche Rutsche existiert nicht mehr, das macht es gleich weniger spaßig. Statt dessen fahren wir oft an die Drôme und baden im Fluss. Die Strömung ist nicht zu stark, man kann sich aber schön treiben lassen. Allerdings braucht man Wassersandalen, weil man sonst nicht auf den kleinen Steinen laufen kann, ohne dass es weh tut.

Wir treffen auch die Familie aus Stolberg wieder und gehen mit Lene und Ellen auf eine Wanderung zu einem Wasserfall. Dafür muss man sehr lange durch den Wald stapfen und immer wieder durch Bäche waten. Die Bäche sind sehr kalt, aber es lohnt sich.

Susi erholt sich ganz gut, aber wenn wir länger unterwegs sind, setzen wir sie in ihren Bollerwagen, damit sie nicht so viel laufen muss. Das sorgt für viel Erheiterung bei den Leuten, denen wir begegnen. Als wir einmal nach Hause kommen, ist der Hund weg und niemand weiß, was passiert ist. Irgendwie finden wir heraus, dass Susi vor dem Haus rumspazierte und von einer Familie eingesammelt wurde, die irgendwo anders im Ort Urlaub macht.

In Beaufort findet ein Dorffest statt. Überall stehen lustige Figuren an den Häusern und abends gibt es Party und wir tanzen mit den Franzosen zu Macarena.

Weil ich gerade versuche, etwas Sport zu machen, laufe ich Runden ums Haus. Vermutlich kommen da aber nicht sehr viele Kilometer zusammen, aber besser als nix.

Onkel M. hat einen Bart. Immer schon. Im Urlaub rasiert er sich den Bart ab. Einfach so. Ohne Vorankündigung. Alle sind total verwirrt, vor allem aber Django, der sein Herrchen so nicht wiedererkennt und unter dem Tisch steht und ihn anbellt.

Plonéour-Lanvern, 1995

Wir sind zu neunt. Mama, Papa und ich, Tante H. mit Familie und Robert, der ganz alleine mit uns fährt. Wir fahren in die Bretagne, aber nicht in den Norden, sondern ganz in den Westen, in die Nähe von Quimper. Der Art heißt Plonéor-Lanvern und wir haben zwei Häuschen auf einem Bauernhof gemietet. Wir fahren in unserem VW-Bus, Mama, Papa, Sarah, Lukas, ich und Robert und wenn wir in Belgien an einer ganz bestimmten Stelle sind, sagt Papa: „Hier ist die Wasserscheide!“

Auf dem Bauernhof gibt es einen sehr lieben Hund und Kaninchen und noch andere Tiere, davon sehen wir aber sehr wenig. Direkt daneben ist ein See und ein anderes Haus mit einem großen Bananenbaum. Manchmal gehen wir abends am See spazieren, aber das finde ich eher langweilig.

Das Meer ist super, es ist überhaupt nicht kalt, der Sandstrand ist riesig und es stehen überall alte Bunker aus dem zweiten Weltkrieg herum. In manche Bunker kann man auch reinklettern, aber es ist sehr dunkel und eng und wir trauen uns nicht weit rein. Wir haben ein paar Fahrräder dabei und ein paar von uns fahren mit dem Fahrrad zum Strand, während der Rest mit dem Auto nachkommt oder vorfährt, je nach dem. Ich finde Fahrradfahren zu anstrengend und fahre immer mit dem Auto.

Lukas, Robert und ich spielen Poker um Kellogg’s Smacks. Wir sammeln die Smacks in Müslischalen und spielen über mehrere Tage. Irgendwann ertappen wir Onkel M., wie er aus einer der Schalen Smacks knabbert und Robert ruft entsetzt: „Meine Poker-Smacks!“

Abends trinke ich Vanilletee mit geschlagener Sahne.

Im Meer paddeln wir mit den Luftmatratzen raus. Einmal treiben Sarah und ich ganz weit ab, wir merken aber selber nichts davon und als wir wieder am Strand sind, kommt uns Papa entgegen, der sehr besorgt, aber auch sehr sauer ist, weil er uns die ganze Zeit gesucht hat und schon Angst hatte, wir wären ertrunken.

Robert will seinem Freund zwei Kaninchen mitbringen und am Ende des Urlaubs gibt uns der Bauer zwei junge Kaninchen. Aber zwei Weibchen, betonen wir immer. „Oui, deux mamans“, sagt der Bauer und drückt uns zwei hellbraune Kaninchen in die Hand.

Auf dem Rückweg halten wir nachts irgendwo in einem Dorf. Wir schlafen alle im Auto, aber Papa und Onkel M. schlafen draußen auf einer Wiese. Mitten in der Nacht ruft Robert etwas Lustiges im Schlaf und wir wachen alle auf. Jetzt sind wir erst mal wach und Mama fragt von vorne „Wer will Mitternachtskuchen?“ und verteilt Kuchenstücke.

Zu Hause darf der Freund von Robert keine Kaninchen haben, also nehmen wir die Kaninchen. Wie sich rausstellt, hat der Bauer gelogen und wir haben bald sehr viele Kaninchen und lernen im folgenden Jahr, dass Inzest in der Tat nicht gut ist.

Omblèze, 1993

Ich fahre mit Mama und Papa, meiner Cousine Sarah und Michaela, der Tochter einer Bekannten aus Tschechien nach Frankreich. Wir fahren wieder in die Nähe von Beaufort-sur-Gervanne, aber diesmal in ein anderes Haus. Sarah hat im Sommer Geburtstag und wird 13, Michaela ist zwei Jahre älter als wir, ich bin zwölf.

Wir haben zwei Ferienwohnungen auf einem Bauernhof, der ganz am Ende einer Straße auf einem Berg ist. Der Hof gehört Madame und Monsieur Mallory, die wohnen auch im Haupthaus und noch ganz viele andere Leute, Verwandte und Arbeiter und viele Kinder.

Es gibt einen Hund und einen Stall mit Ziegen, deswegen sind auch überall Fliegen. Michaela, Sarah und ich haben die eine Ferienwohnung und meine Eltern wohnen in der anderen. Unsere Wohnung ist eigentlich nur ein großer Raum, die Toilette ist mit einem Vorhang abgetrennt und überall sind Fliegen. In der Küche von den Mallorys hängen lauter Fliegenfänger von der Decke.

Wir entwickeln Methoden, um die Fliegen zu fangen. Am effektivsten ist es, Flaschen mit Wasser und Spülmittel zu füllen und dann den Flaschenhals von unten über die Fliege zu stülpen. Dann fällt die Fliege ins Wasser und ertrinkt. Mir tun die Fliegen leid, deshalb lasse ich die anderen weiter Fliegen fangen, mache aber nicht mit. Die Fliegen machen ja auch gar nichts, sie nerven nur, wenn sie einen morgens im Bett auf der Haut kitzeln. Wenn man sie beobachtet, wie sie beim Frühstück die Marmeladenflecken auf dem Esstisch anrüsseln und sich die Flügel putzen, sind sie eigentlich sogar ganz niedlich.

Wir sind mit einem Auto unterwegs, wir müssen ja auch überall hinfahren, weil wir wirklich der allerletzte Hof am Ende der Straße sind, zu Fuß kommt man überhaupt nirgendwo hin. Aber das letzte Stück ist so steil und die Straße ist so schlecht, dass Papa Angst hat, dass das Auto kaputtgeht, also müssen wir an der letzten Kurve immer aussteigen und den Rest zu Fuß gehen.

Ich unterhalte mich mit den Mallorys und spiele mit den Kindern und dem Hund. Ich kann schon ganz gut Englisch und ein bisschen Französisch, nach den Sommerferien komme ich in die achte Klasse.

Einmal gibt es ein Gewitter, direkt über uns, mitten in den Bergen. Es ist sehr unheimlich, erst liege ich mit Mama und Sarah und Michaela im Bett, dann gehe ich zu Papa in die Küche. Ich weiß nicht, was ich beruhigender finde. Auf einmal gibt es einen lauten Krach und das Licht geht aus. Eigentlich ist es mitten am Tag, aber es wird trotzdem sehr dunkel. Es klopft an der Tür und da steht Madame Mallory mit einer Kerze und fragt, ob bei uns alles in Ordnung wäre, der Blitz wäre in die Leitung eingeschlagen. Aber eigentlich ist ja alles in Ordnung, es ist nur etwas unheimlich, so ein Gewitter in den Bergen.

Auch meine Oma ruft mal an, um zu wissen, wie’s uns geht und ob alles in Ordnung ist. Oma hat auf dem Gymnasium Französisch gelernt und möchte gerne mit Madame Mallory auf Französisch reden.

Als ich schon wieder zu Hause bin, bekomme ich Post von Mallorys mit Grüßen und Fotos mit mir und den vielen Kindern.

(Wer wissen will, wo der Hof genau war, der klickt hier.)

Île d’Oléron, 1992

Wir fahren zelten auf die Île d’Oléron und diesmal kommt die halbe Familie mit, Mama und Papa und ich, drei Tanten, zwei Onkel und fünf Cousinen und Cousins. Außerdem kommt unser Zwergdackel Susi mit. Ich bin elf.

Wir bekommen einen Platz ganz hinten auf dem Campingplatz, wo wir unsere Zelte aufstellen können. Onkel M. hat ein rotes Wohnmobil, da ist sogar eine kleine Küche drin mit Kühlschrank.

Mama und Papa bauen unser Zelt auf einer kleinen Anhöhe auf, die anderen weiter unten. Direkt dahinter geht es schon zum Meer.

In der ersten Nach gibt es ein Gewitter mit Sturm. Mama und ich liegen in unseren Schlafsäcken und Papa läuft immer wieder raus und guckt, ob die Heringe noch fest sind. Irgendwann kommt er nicht wieder rein und Mama fragt, was er macht. „Ich halt das Zelt fest, damit es nicht wegfliegt!“ ruft Papa und dann dauert es nicht lange, bis wir alles ganz schnell zusammenpacken. Ich ziehe mit Susi unterm Arm zu Sarah ins Schlafzelt und Mama und Papa versuchen noch, das Zelt abzubauen und alle Sachen unterzubringen.

Am nächsten Tag ist wieder Sonne und danach gibt es auch kein Gewitter mehr. Das Zelt bauen wir jetzt trotzdem unten bei den anderen auf.

Wir frühstücken zusammen und dann sind wir meistens am Strand. Wir paddeln auf unseren Luftmatratzen aufs Meer und bauen Kanalsysteme in den Sand, so nahe am Meer, dass die hereinschwappenden Wellen die Kanäle mit Wasser füllen.

Susi scharrt immer Sand in ihren Napf, niemand versteht, warum.

Ich lerne ein Mädchen aus Deutschland kennen. Sie heißt Nicole und ihre Eltern haben einen Wohnwagen und sie hat einen Hund, einen Münsterländer. Ich verbringe viel Zeit mit Nicole, weil mir bei uns manchmal zu viel los ist und als die Ferien vorbei sind, tauschen wir unsere Adressen aus, damit wir uns schreiben können.

Einmal fahren wir in einen Vogelpark und gehen da spazieren. Es ist sehr heiß. Mein kleinster Cousin Max ist erst drei und beißt mich, aber Tante B. sagt, das macht er mit Leuten, die er mag.

Penvénan, 1991

Ich bin wieder nur mit Mama und Tante M. und Robert und Dennis unterwegs, diesmal fahren wir in die Bretagne an die Nordküste, denn da haben Tante H. und Tante R. mit ihren Familien ein Haus gemietet und wir fahren mit den Zelten hinterher und bleiben in der Nähe auf einem Campingplatz.

Ich habe einen Hanni-und-Nanni-Sammelband aus der Bücherei dabei, ein ganz großes Buch, in dem alle 18 Bände sind und weil ich so schnell lese, schaffe ich jeden Tag einen Band. Außerdem habe ich schon die Englischbücher für das nächste Schuljahr dabei, weil ich Englisch so toll finde und schon weiterlernen will, nächstes Jahre komme ich in die sechste Klasse, ich bin zehn.

Das Haus ist von außen schön, aber innen drin ist es ganz dunkel, es hängen komische kitschige Bilder an der Wand und überhaupt ist alles seltsam.

Zum Baden fahren wir ans Meer, in einer kleinen Bucht ist ein Sandstrand, links und rechts sind Felsen, auf die man draufklettern kann. Wenn man sich traut, kann man dann auch runterspringen, aber das Wasser ist sehr, sehr kalt, also gehen wir gar nicht richtig viel ins Wasser.

Morgens frühstücken wir bei uns im Zelt, aber abends sind wir oft bei den anderen im Haus. Meine Backe tut beim Kauen weh, und Mama meint, das käme bestimmt von dem Baguette, weil man da immer so dran reißen muss beim Abbeißen. Tatsächlich habe ich aber Mumps, auf beiden Seiten, gleichzeitig. Weil ich krank bin und Fieber habe, darf ich im Haus schlafen. Onkel G. ist Arzt und weiß, was zu tun ist.

Irgendwer hat eine Kassette mit der Dschungelbuchgeschichte mitgenommen und im Haus hören wir sie rauf und runter und singen alle Lieder mit.

Wir fahren an einen anderen Strand, an dem viele Felsen sind. Wir klettern auf die Felsen und springen von einem zum anderen. Sarah und ich sind die ältesten und müssen auf die kleineren aufpassen, wenn es mal gefährlich wird.

Einmal kommt ein Stierkampf in die Stadt, eine Arena wird aufgebaut und alle wollen hin, aber ich finde Stierkämpfe doof und uninteressant und bleiben mit meinen Tanten zu Hause. Als die anderen zurückkommen sagen sie, es wäre langweilig gewesen, außerdem wäre der Stier gar kein Stier gewesen, sondern eine Kuh.

Les Sables-d’Olonne, 1990

Ich bin mit Mama und Tante M., einer Freundin von M., meinem Cousin Robert und seinem Freund Dennis auf einem Campingplatz irgendwo in der Nähe von Les Sables-d’Olonne. Papa ist dieses Jahr nicht mitgekommen. Im Auto hören wir abwechselnd meine Rolf-Zuckowski-Kassetten und eine Kassette mit Oldies von Mama. Ich mag The Eve of Destruction besonders gerne, dafür finde ich A Horse With No Name und In The Year 2525 doof. Nach den Ferien komme ich aufs Gymnasium, dann lerne ich endlich Englisch, ich bin neun.

Auf dem Campingplatz gibt es keine richtigen Toiletten, nur Kabinen mit einem Loch im Boden. Es stinkt und ist voller Fliegen. Ich gehe in den zwei Wochen exakt einmal auf dem Campingplatz auf Klo, weil es mir zu eklig ist.

Einmal gehen wir zum Angeln ans Meer, ich fange direkt einen kleinen Fisch. Er hängt am Haken und zappelt umher und tut mir ganz furchtbar leid. Wir pulen den Fisch vom Haken und werfen ihn wieder zurück ins Meer, aber ich ahne schon, dass er vielleicht nicht überleben wird. Danach gehe ich nie wieder Angeln.

Wir machen einen Ausflug zu einer Salinenanlage. Man kann mit Schiffchen durch die Salzwasserbecken fahren. An der Ablegestelle wartet eine Familie aus Deutschland mit zwei Töchtern, die ältere ist in meinem Alter. Wir reden nicht viel, beschließen aber, Brieffreundinnen zu werden und ich schreibe mir ihre Adresse auf. Sie heißt Kathrin und kommt aus Warendorf. Wir fahren nicht im selben Boot, Kathrin und ihre Familie fahren zuerst, wir in dem Boot danach. Als wir wieder anlegen, wartet Kathrin auf mich. Sie will noch meine Adresse haben, damit sie mir vielleicht noch aus dem Urlaub eine Karte schicken kann. Ich diktiere ihr die Adresse, „Zuger Klause 18“, sage ich. „Neues Wort?“ fragt Kathrin und ich denke, was für eine komische Frage, das weiß ich doch nicht, ob das ein neues Wort für sie ist. Aber Kathrin will nur wissen, ob Klause ein neues Wort ist oder ob der Straßenname zusammengeschrieben wird. Ach so. Neues Wort, na klar.

Meine erste Postkarte von Kathrin bekomme ich tatsächlich noch aus ihrem Frankreichurlaub. Es ist ein Kätzchen und ein Häschen darauf. Ein paar Briefe später finden wir heraus, dass wir am selben Tag geboren wurden.

postcard

Aubenas, 1989

Wir sind wieder mit K. und U. und Sebastian im Urlaub, wir fahren nach Aubenas, das ist eine richtige Stadt. Die Ferienwohnung hat einen Garten mit Obstbäumen, von dem wir die reifen Früchte pflücken können.

Zum Baden fahren wir an die Ardèche, das ist ein Fluß mit Kiesstrand. Ich freunde mich mit einem französischen Mädchen an, sie heißt Lise und wenn ich mitkommen soll, sagt sie „Allez“, das kenne ich nur aus dem Zirkus, da sagen sie „Allez-hop!“, aber was es bedeutet, weiß ich nicht, ich spreche ja kein Französisch, ich bin acht. Aber ich weiß, dass Lise meint, dass ich mitkommen soll, und dann fangen wir kleine Fischer mit unseren Keschern.

Ich habe eine Kassette mit Kinderliedern und einen Walkman, damit kann ich immer Musik hören, wenn ich will.

Außerdem will ich, dass wir zusammen Gesellschaftsspiele spielen, aber U. sagt, sie spielt nicht mit. Sie sagt aber auch, dass sie das nur sagt, damit ich mich freue, wenn sie dann vielleicht doch mitspielt und nicht umgekehrt, wenn sie jetzt ja sagt, aber dann doch nicht will, enttäuscht bin. Das leuchtet mir ein, aber sie spielt dann halt doch einfach nicht mit.

Einmal gehen wir ins Schwimmbad in der Stadt, das ist aber überhaupt nicht so wie die Schwimmbäder bei uns zu Hause, es ist klein und voll und es gibt gar keine Wiese, sondern nur Steinplatten um das Becken mit Liegestühlen. Wir gehen also auch nur einmal ins Schwimmbad, denn am Fluss ist es schöner.

Beaufort-sur-Gervanne, 1988

Wir sind schon wieder in Beaufort, es ist Herbst und ich bin acht. Diesmal sind wir nicht mit M. und G. und Lisa hier, sondern mit K. und U. und ihrem Sohn Sebastian, aber der ist noch ein Baby, ich bin sieben und werde bald acht. Außerdem ist Linda mit dabei, die Tochter von Freunden von K. und U. Linda ist ein bisschen jünger als ich.

Wir lernen eine Familie aus Stolberg kennen, die haben ein Haus gekauft, noch weiter hoch am Berg, es ist aber noch ein Baustelle. Die Küche ist groß und das Wasser kommt direkt von einer Quelle. Die Töchter heißen Lene und Ellen. Lene ist so alt wie ich und Ellen ein paar Jahre jünger. Lene hat ein Hörgerät, weil sie fast taub ist, das Hörgerät nennt sie „Horchi“.

Wir gehen auf den Friedhof vor der kleinen Kapelle. Der Friedhof ist klein und wurde irgendwann mal umgegraben, wenn man etwas sucht, kann man Zähne und Knochen finden.

Als wir in einer kleinen Stadt unterwegs sind, fasziniert mich die Sprache, in der die anderen Menschen reden, so schnell, ich verstehe überhaupt nichts. Ich möchte aber gerne verstehen, was die Leute reden. In einem Geschäft gibt es Drachen. Ich wünsche mir einen Drachen und darf mir einen aussuchen.

Ich habe meine Blockflöte mitgenommen und ein Notenheft und spiele Kinderlieder von einer Kassette nach und schreibe die Noten dazu auf. In dem Haus gibt es viele Bücher auf Holländisch, aber nicht so viele auf Deutsch, sonst könnte ich die lesen.

Die Erwachsenen wollen immer spazieren gehen, aber das ist langweilig.