Mitbringsel aus Südafrika: Rock Shandy

„Sie haben Rock Shandy!“ jubelte Ute, als wir am letzten Tag in Johannesburg – oder Joburg, wie wir Insider es nennen – die Karte einer Rooftop Bar im Internet anguckten. Am Ende landeten wir dann aber gar nicht in dieser Rooftop Bar, sondern aus vielfältigen Gründen in einer anderen Bar irgendwo in Sandton. Dort gab es aber auch Rock Shandy und so hatte ich meinen ersten Rock Shandy auf einem Balkon mit Aussicht auf Johannesburg im allerschönsten Licht der bereits sehr tiefstehenden Sonne.

Ein Rock Shandy, das habe ich nachher recherchiert, ist eigentlich ein typisch namibischer Sundowner, also das, was man abends trinkt, wenn man auf der Veranda seiner Farm in der namibischen Steppe sitzt und in der Ferne die Tierherden vorbeiziehen. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Man kann diesen fast alkoholfreien Cocktail aber beispielsweise auch auf einem Balkon in Essen-Holsterhausen trinken, es kommt fast aufs gleiche raus. (Aber nur fast.)

Ein Rock Shandy besteht aus einer Hälfte Zitronenlimonade und einer Hälfte Sodawasser auf Eis mit ein paar Spritzern Angostura. Das ist eigentlich schon alles.

Weil ich dank der Cocktail-Abo-Box aber eine ganze Reihe unterschiedlicher Bitters zu Hause habe, variiere ich die letzte Zutat nach Belieben, was sich dann auch in der Farbgebung niederschlägt, denn den hübschen Rostbraunton bekommt das Getränk doch eindeutig vom Angostura.

Ich kann das jedenfalls nur empfehlen, erstens, weil es lecker und erfrischend ist und zweitens, weil es mich jetzt immer an Südafrika erinnert. Ich lasse mir den jetzt jedenfalls in jeder Bar mixen, bei der sich der Barkeeper nicht überzeugend genug wehrt.

Bemerknisse zu Südafrika, Pt. 1

Wir waren eine Woche in Südafrika. Das kann man machen, ist allerdings ein bisschen kurz. Wenn man allerdings erstens eine Hochzeit in der Reiseplanung hat und außerdem seht viele Leute, die sich auskennen, kann man in sechs Tage doch eine Menge Erlebnisse packen.

Folgendes habe ich zu bemerken:

Hinkommen

  • Nach Südafrika fliegt man üblicherweise über Nacht. Da es keine Zeitverschiebung zwischen Deutschland und Südafrika gibt, ist das sehr sinnvoll, man fliegt abends los und kommt morgens an. Die Zeit dazwischen könnte man sich schön mit Schlafen vertreiben, allerdings sitzt man auf sehr wenig Platz in einem sehr unruhigen Raum, wenn man also mehr als vier Stunden unruhigen Schlaf bekommt, gehört man zur Gewinnerseite.
  • Fluglinien werden immer arschlochiger, seit unbekannter Zeit möchte man Geld für Sitzplatzauswahl haben. Da wir das erstens nicht wussten und zweitens zu geizig dafür gewesen wären, und drittens andere Menschen ihren Gangplatz nicht gegen einen Platz in der Mitte tauschen wollen, saßen wir auf dem Rückflug nicht nebeneinander, sondern hintereinander, danke vielmals.
  • Terminal 3 in Heathrow hat schönere Geschäfte als Terminal 5, aber Terminal 5 hat die besseren Restaurants. Man muss sich da über die eigenen Prioritäten klar werden. Der Transfer funktioniert überraschend reibungslos, Heathrow bleibt also mein Lieblingstransferflughafen.
  • Das Unterhaltungsprogramm im Flugzeug wird immer besser. Ich habe die halbe zweite Staffel „The Good Place“ geguckt, „A Wrinkle in Time“ und „Ocean’s 8“.
  • Auf Kurzstreckenflügen gibt’s noch nicht mal mehr Gratisnüsschen.

Unterwegs

  • Der Bräutigam erzählte uns schon, dass man in Afrika Geduld haben muss. Der Bräutigam hatte recht. Wenn man schon eine Viertelstunde am Schalter des Autoverleihs steht und niemand da ist und auch niemand weiß, wo derjenige, der da sein sollte, sein könnte, und man dann aber per Telefon doch noch irgendwen erreichen konnte, der demjenigen Bescheid gesagt hat, dann kommt irgendwann dieser jemand in sehr gemütlichem Schritttempo zum Schalter geschlendert. Das macht uns hektische Europäer dann einerseits etwas nervös, auf der anderen Seite stellt man sich schnell die Frage, ob wir nicht diejenigen sind, die irgendwas grundlegend falsch verstanden haben.
  • In Johannesburg wohnt man hinter Mauern, Gittern, Stacheldrähten und elektrischen Zäunen. Man fährt mit dem Auto irgendwohin, läuft dann ein überschaubares Areal durch die Gegend und steigt dann wieder ins Auto, um irgendwo anders hinzufahren.
  • Linksverkehr ist okay, das größte Problem ist, dass in Linksverkehrautos Blinker und Scheibenwischer vertauscht sind.
  • „You just have to be careful and watch out, then nothing can happen.“ „Tozelle, we’re Europeans, the problem is we don’t even know what to look out for.“
  • Schilder, die man nicht sehen möchte, wenn man alleine im Auto in der Dämmerung unterwegs ist: „Hijacking Hotspot – Next 6 km“. Bei den Gastgebern dann: „Oh, I bet, they are everywhere and we don’t even see them anymore.“
  • An südafrikanischen Kreuzungen gilt angeblich so eine Art „Rechts-vor-links“, in Wirklichkeit aber darf zuerst fahren, wer zuerst da war und das klappt erstaunlich gut.
  • Fünfzehn Minuten unpaved gravel road. I’m just sayin‘.
  • Den Aufschlag fürs Navi kann man sich sparen und lieber in eine SIM-Karte investieren. 80 Prozent der Adressen, die ich eingeben wollte, kannte das Navi nicht.
  • Vor jeder Fahrt mit den Einheimischen abchecken, ob die Route so rein sicherheitstechnisch okay ist. Kannte ich bislang auch nicht.
  • Die Lieblingsfarbe von südafrikanischen Autobesitzern ist weiß.

Pure C, 25.5.2018

Pure C, 25.5.2018

Ins Pure C im niederländischen Cadzand verschlug es uns an einem regnerischen Mittag. Wir wählten das Lunch-Menü für 55 Euro, das sich mit vier Grüßen aus der Küche, Aperitif, Kaffee, Gourmandises und Digestif schon ordentlich in die Länge zog. Sehr lecker, sehr zu empfehlen, sympatischer Service, verdienter Michelin-Stern.

 

Pure C, 25.5.2018

Rote Bete mit Walnuss und Kaffee

Eingelegte Sardine und Brot mit Chorizokristallen

Schellfisch, Aioli und Kichererbsentaler

Brot mit Tapenade

Hausgemachtes Brot mit Butter und Algendip

Aal mit grüner Sauce und Erbsen

Pollack, Zucchini, Krabben und Fideua

Rhabarber mit Salbei und Pekannuss

Gourmandises

Pure C, 25.5.2018

Pure C, 25.5.2018

Pure C, 25.5.2018

Pure C, 25.5.2018

Pure C, 25.5.2018

Pure C, 25.5.2018

Pure C, 25.5.2018

Pure C, 25.5.2018

Pure C, 25.5.2018

Pure C, 25.5.2018

Tiere streicheln

Ich habe keine Haustiere. Nicht, weil ich keine haben wollen würde, sondern, weil wir den Tieren, die wir gerne hätten (Hund) mit unserem aktuellen Lebensentwurf kein zufriedenstellendes Zuhause bieten könnten. Ich würde zwar auch eine Katze nehmen, aber da interveniert mein Mann, der Sofas und Wände lieber ohne Kratzspuren  mag und der Fakt, dass wir erstaunlich viele Menschen mit Katzenhaarallergie kennen, die ja, das weiß ich, ja gar keine Katzenhaarallergie ist, sondern eine Katzenspeichelallergie, aber das Ergebnis bleibt dasselbe. Jedenfalls kommt aus diversen Gründen ein Haustier aktuell nicht in Frage, deswegen nutze ich jede Gelegenheit, die Tiere fremder Leute zu streicheln, um auf meine lebensnotwendige Ration Flausch zu kommen.

Der Campingurlaub war aus diesem Grund ebenso toll wie hart, weil es gerade auf Campingplätzen jede Menge Hunde und gelegentlich auch Katzen gibt, diese, also jedenfalls die Hunde, aber meist angeleint sind und das Erreichen des Tieres oft mit dem Eindrängen in die Privatsphäre des anhängenden Menschen zusammenhängt.

Der Urlaub war aber doch insgesamt keine Enttäuschung, hier eine unvollständige Liste aller wichtigen Tierbegegnungen.

  1. Die sehr alte Hündin Sissi in der Südtiroler Pension, guter Streichelkontakt, sehr geduldig.
  2. Die Katze, die in Karthaus irgendwo rumlief.
  3. Shiba Yukon, der laut Halterin „nicht so gerne mit Fremden“ will, vermutlich wollte die Halterin „nicht so gerne mit Fremden“, dann hätte sie das sagen sollen. Yukon fand mich nämlich ganz okay.
  4. Die diversen Katzen auf dem Campingplatz in Levanto, davon drei steichelfähig.
  5. Der sehr, sehr niedliche Hund der italienischen Campingnachbarn in Saint Raphael, der zwar tatsächlich nicht angeleint war, aber so dermaßen treu immer nur bei Herrchen und Frauchen saß, dass vermutlich selbst mit Fleischwurst nichts zu machen gewesen wäre.
  6. Der vier Monate alte Boxerwelpe im französischen Supermarkt im besten „my favorite thing“-Alter.
  7. Alle Katzen in Beaufort und Crest, die sich zwar alle nicht streicheln ließen, aber hervorragende Fotomodels abgaben.
  8. Die Katzen im AirBnb in Beaufort, von denen eine nachts in unser Zimmer schlüpfte und beim kurzen Durchlüften sofort aufs Dach raussprang, was uns irritiert zurückließ: Macht die sowas immer? Müssen wir warten, bis sie wiederkommt? Kann sie vom Dach springen? Wird die Katze wegen uns sterben? Irgendwann stand sie dann einfach motzend vorm Fenster und wollte wieder rein. Na dann.
  9. Schäferhündin Jade auf dem Campingplatz von Annecy, die sehr viel Ruhe ausstrahlte, wenn sie nicht gerade mit dem Gummireifen spielen wollte.
  10. Auf dem gleichen Campingplatz der King Charles Spaniel, dessen Namen ich nicht erfahren habe, der hauptsächlich rumlag, sich aber für Streicheleinheiten auch mal auf die andere Seite drehte.

Natürlich gab es noch mehr Tierbegegnungen, diese bestanden aber oft nur aus meinem begeisterten Ausruf „Hundi!“ (alternativ „Doggo!“) und dem Hinweis meines Mannes, ich solle ihn doch bitte nicht immer so erschrecken. Jedenfalls würde ich ziemlich sicher gegen Marshall Eriksen in Zitch-Dog gewinnen, auch wenn ich das nie beweisen können werde.

Campingerkenntnisse

Saint Raphael

  • Natur ist super, aber laut und ein Frühaufsteher.
  • Das Mittelmeer sieht wirklich überall anders aus und wir haben es uns nur an fünf Stellen angeguckt.
  • Auf französischen Campingplätzen immer daran denken, selber Klopapier mitzubringen.
  • Der größte Vorteil, wenn man mal ausnahmsweise im Hotel übernachtet ist, dass man völlig überraschend ein Auto zur Verfügung hat.
  • Öffentliche Verkehrsmittel kann man auch im Ausland benutzen, vorausgesetzt es gibt welche.
  • Privatsphäre ist relativ.
  • 1,20 Meter zum Schlafen ist ein bisschen schmal für zwei Personen, aber es geht.
  • Was auch geht ist, einfach beide Schlafmöglichkeiten im Bus zu nutzen. 1,20 Meter für eine Person ist sehr gut.
  • Croissants heißen in Italien Brioche und schmecken besonders gut mit Aprikosenmarmelade gefüllt.
  • Südtirol ist wunderwunderschön.
  • Die Rhone-Alpen aber auch.
  • Und die Cinque Terre.
  • Genua ist die erste Stadt in Europa, die mich an Hong Kong erinnert hat.
  • Wenn man den letzten Bus von Annecy zum Campingplatz verpasst, muss man halt noch mal sechs Kilometer zu Fuß laufen.
  • Wenn ein französisches Restaurant um 21:30 Uhr schließt, dann schließt es auch um 21:30 Uhr, egal, ob da noch zwei deutsche Touristen kommen, die den letzten Bus verpasst haben.
  • In Italien trinkt man einfach so oft Espresso, wie man kann.
  • Das ist nicht hilfreich, wenn man von Kaffee immer so müde wird.
  • Vollkommend überraschend kann man auch in dem einem der zwei Restaurants im französischen 400-Seelen-Dorf sehr gute Pizza bekommen.
  • Wenn es regnet, kann man einfach weiterfahren.
  • Trau nie der Wettervorhersage. Es kommt sowieso anders.
  • Man kann in zwei Wochen sehr viel und vor allem sehr viel Unterschiedliches sehen.
  • Die berauschende Bläue eines Wassers bedeutet nicht zwingend, dass es besonders klar ist. (Kann aber sein.)
  • Die optimale Route des Navis führt eventuell auch über eine einspurige Serpentinenstraße durch die Berge. Im Regen.
  • Wenn man eine Woche in Frankreich war, kommen einem die Restaurantpreise in Basel gar nicht so schlimm vor.
  • Die Pokéstopdichte auf Campingplätzen ist enttäuschend.
  • Wenn in der Campingplatzapp vor Mücken gewarnt wird, DANN FAHR UM GOTTES WILLEN WOANDERS HIN!
  • Die meisten Menschen sind nett.
  • An fast jeden Ort will man noch mal hin und zwar für länger und dann noch an die, wo man nicht war, weil man keine Zeit hatte und dann noch an die, die ganz woanders sind, wo man in einem anderen Urlaub hin will und nie im Leben wird man für das alles ausreichend Zeit haben.
  • Alles, was man braucht, passt in einen Camperbus, es fehlt nichts, gerne wieder.

 

Alle Bilder sind hier.

Saint-André-de-Roquepertuis, 1998

1998 fahre ich zum letzten Mal mit meinen Eltern in Urlaub. Ich bin 17, nächstes Jahr mache ich Abitur, danach Studium. Es ist nicht fest geplant, dass wir danach nicht mehr zusammen fahren, aber es wird sich so ergeben.

Wir fahren mit Tante H. und Famile nach Saint-André-de-Roquepertuis, einem kleinen Ort westlich von Orange. Das Ferienhaus ist etwas abseits, aber man kann zu Fuß ins Dorf gehen. Ich habe meine Klarinette dabei und Onkel M. seine Gitarre. Außerdem ist Django dabei und unsere zwei Mischlingshündinnen (die sehen aber nur auf dem Bild so böse aus).

Als wir ankommen, fährt eine Gruppe junger Männer vor und bringen uns ein Brot gegen eine Spende. Sie laden uns zum Dorffest ein, was an diesem Abend stattfindet. Was sie nicht sagen ist, dass jeder sein eigenes Grillzeug mitnehmen muss und so stehen wir etwas unsicher rum und ich habe sofort schlechte Laune und möchte wieder gehen.

Ansonsten ist alles an diesem Urlaub toll. Der Ort ist toll, das Haus ist toll, die Badestellen sind toll.

Ich spiele mit Lukas hinterm Haus Federball, was etwas ungünstig ist, weil der Rasen an einem Hang ist, aber irgendwie klappt es halt doch. Lina entdeckt eine Ameisenstraße und stellt den Tieren Zuckerwasser in einer Schale hin.

Ich habe Aktiv-Lautsprecher für meinen tragbaren CD-Spieler dabei, denn meine CD-Sammlung erweitert sich quasi wöchentlich, aber niemand außer mir interessiert sich dafür.

An der einen Badestelle direkt am Ort kann man sehr lange im Fluss einfach schwimmen. In der Mitte des Flusses ist es sogar so flach, dass man stehen kann. Wir sitzen etwas oberhalb der Badestelle am Ufer und lassen die Beine ins Wasser hängen. Winzige Fischchen kommen an und nagen an unseren Füßen, aber das kitzelt nur und tut nicht weh.

An einer anderen Badestelle gibt es Kaskaden. Wir liegen auf weißen Felsen. In der Mitte des Flusses ist ein großer Felsbrocken, auf den man draufklettern und dann runterspringen kann. Es sind bestimmt fünf Meter, aber es fühlt sich gar nicht so viel an, viel weniger als im Schwimmbad, wo man bis zum Grund sehen kann. Wir klettern immer wieder auf den Felsen und springen runter. Max, Onkel M. und Lukas springen sogar von einem Felsen auf der anderen Seite, der noch höher ist, aber das traue ich mich dann doch nicht.

Wir machen Ausflüge nach Orange und andere Städte, aber daran kann ich mich kaum noch erinnern. In Orange parken wir an einem alten Amphittheater und laufen durch kleine Sträßchen. Ich habe meine Kamera dabei und mache Schwarz-Weiß-Bilder, einige werden richtig gut, dafür, dass ich nicht wirklich geübt bin im Fotografieren.

Es ist auch der erste Urlaub, in dem wir die eiserne „Es wird kein Fernsehen geguckt“-Regel brechen. Weil wir tagsüber oft sowieso träge sind und es so heiß ist, dass wir nur rumhängen, verziehen wir uns manchmal nach oben und gucken zu , wie die Radfahrer bei der Tour de France durchs Land fahren.

Eigentlich, entscheiden Tante H. und Mama, wollen sie dieses Mal keine Endreinigung machen. Soll der Vermieter halt die Kaution behalten, wir fahren einfach. Dann kommt der Vermieter aber einen Tag vor der Abfahrt vorbei, bringt uns noch eine Flasche Wein und die Kaution und dann müssen wir ob dieser Vertrauensvorschusses doch noch alles ordentlich machen.

Das ist der letzten Familienurlaub, bei dem ich dabei bin. Aber eben auch der beste.

(Das Haus kann man immer noch mieten, es hat jetzt einen Pool und ist offensichtlich auch mal gründlich neu ausgestattet worden. Ich kann es nur empfehlen.)

Canneto, 1997

Sarah und ich haben uns beschwert. Wir wollen nicht immer nur nach Frankreich, sondern auch mal woanders hin. Deswegen fahren wir dieses Jahr nach Italien, in die Toskana nach Canneto. Wir fahren über die Schweiz, das ist zumindest mal sehr schön, aber es ist auch weit, sehr weit.

Das Haus ist ein altes Haus am Rande vom Dorf. Abends hören wir Gewehrschüsse aus dem Wald und an den Wänden laufen Hundertfüßler und Käfer, das ist ein bisschen eklig.

Die Landschaft ist schön, aber auch ein bisschen enttäuschend. Der Bach ist ausgetrocknet, zum Baden muss man bis ans Meer fahren und das Meer ist hier in Italien voll, manchmal gibt es gar keinen richtigen öffentlichen Strand, statt dessen steht alles voll mit Liegestühlen, die man bezahlen muss. Morgens holen wir Ciabatta vom Bäcker, das nach nichts schmeckt. Es ist alles ein bisschen wie Frankreich, nur nicht so schön.

Direkt als wir ankommen gibt es ein Dorffest mit Tanz. Wir freuen uns, weil es letztes Jahr in Frankreich so toll war beim Dorffest. Aber das Fest hier ist ganz anders. Getanzt wird auf einer Bühne und nur irgendwelche Standardtänze. Das finden wir alle doof und bleiben auch nicht so lange.

Außerdem ist es sehr heiß, ich jammere und lege mich in den Schatten und decke mich mit einem Handtuch zu und dann schlafe ich meistens einfach ein.

Dafür machen wir Ausflüge: Nach Siena und nach San Gimignano. Siena ist am schönsten, vor allem der gestreifte Dom und der runde Platz in der Stadtmitte. San Gimignano ist aber auch schön mit seinen hohen Türmen.

Abends gehen wir oft eine Runde durchs Dorf spazieren. Die Leute gucken uns nach, grüßen aber nicht. Jeden Tag kaufen wir uns dann ein Eis, ich nehme immer Magnum mit weißer Schokolade, außer in Siena, da holen wir richtiges Eis im Hörnchen.

Ich habe meinen tragbaren CD-Spieler dabei und höre im Auto immer meine CDs. Ich habe gerade angefangen, mich richtig für Musik zu interessieren. Eventuell ist das ein bisschen antisozial, aber ich bin 16 und gerade im besten Teenageralter. Außerdem habe ich selbstaufgenommene Kassetten dabei, alle von den Elch-Charts von SWR3. Das höre ich gerade immer und alle paar Wochen nehme ich eine neue Kassette aus dem Radio auf.

Am Tag der Abfahrt kommt das italienische Vermieterpaar zur Wohnungsübergabe. Sie sind sehr italienisch und ganz begeistert von Lukas, weil er so hell ist und rötliche Haare hat. Das ist in Italien wohl was besonderes, jedenfalls müssen sie ihm immer über den Kopf wuscheln.

Auf dem Rückweg halten wir irgendwo in der Schweiz, um zu übernachten. Eigentlich könnten wir alle im Auto schlafen, aber die Nacht ist klar und nicht zu kalt, also legen wir uns auf die Wiese und gucken den Sternenhimmel an. Der Sternenhimmel irgendwo in den Bergen in der Schweiz ist fast das beste am ganzen Urlaub. Nächstes Jahr fahren wir wieder nach Frankreich.

Beaufort-sur-Gervanne, 1996

Die Geschichte von diesem Urlaub fängt vor dem Urlaub an, nämlich als unser Dackel Susi einen Bandscheibenvorfall hat und nicht mehr laufen kann. Der Tierarzt will operieren, aber der Dackel ist schon alt und Mama sagt, entweder das Tier erholt sich vor dem Urlaub noch ausreichend oder es wird halt eingeschläfert. Tatsächlich erholt sich Susi noch ausreichend und fängt wieder an zu laufen, deswegen nehmen wir sie mit und nehmen sicherheitshalber noch einen Bollerwagen mit. Für den Dackel.

Jedenfalls fahren wir wieder nach Beaufort-sur-Gervanne und wieder in das Haus, wo wir schon 1987 und 1988 waren, aber diesmal eben mit Tante H. und ihrer Familie. Und zwei Hunden, denn Django, der große schwarze mittelintelligente Hund meiner Tante kommt auch mit.

Die Badestelle an der Gervanne sieht ganz anders aus mittlerweile. Die natürliche Rutsche existiert nicht mehr, das macht es gleich weniger spaßig. Statt dessen fahren wir oft an die Drôme und baden im Fluss. Die Strömung ist nicht zu stark, man kann sich aber schön treiben lassen. Allerdings braucht man Wassersandalen, weil man sonst nicht auf den kleinen Steinen laufen kann, ohne dass es weh tut.

Wir treffen auch die Familie aus Stolberg wieder und gehen mit Lene und Ellen auf eine Wanderung zu einem Wasserfall. Dafür muss man sehr lange durch den Wald stapfen und immer wieder durch Bäche waten. Die Bäche sind sehr kalt, aber es lohnt sich.

Susi erholt sich ganz gut, aber wenn wir länger unterwegs sind, setzen wir sie in ihren Bollerwagen, damit sie nicht so viel laufen muss. Das sorgt für viel Erheiterung bei den Leuten, denen wir begegnen. Als wir einmal nach Hause kommen, ist der Hund weg und niemand weiß, was passiert ist. Irgendwie finden wir heraus, dass Susi vor dem Haus rumspazierte und von einer Familie eingesammelt wurde, die irgendwo anders im Ort Urlaub macht.

In Beaufort findet ein Dorffest statt. Überall stehen lustige Figuren an den Häusern und abends gibt es Party und wir tanzen mit den Franzosen zu Macarena.

Weil ich gerade versuche, etwas Sport zu machen, laufe ich Runden ums Haus. Vermutlich kommen da aber nicht sehr viele Kilometer zusammen, aber besser als nix.

Onkel M. hat einen Bart. Immer schon. Im Urlaub rasiert er sich den Bart ab. Einfach so. Ohne Vorankündigung. Alle sind total verwirrt, vor allem aber Django, der sein Herrchen so nicht wiedererkennt und unter dem Tisch steht und ihn anbellt.

Plonéour-Lanvern, 1995

Wir sind zu neunt. Mama, Papa und ich, Tante H. mit Familie und Robert, der ganz alleine mit uns fährt. Wir fahren in die Bretagne, aber nicht in den Norden, sondern ganz in den Westen, in die Nähe von Quimper. Der Art heißt Plonéor-Lanvern und wir haben zwei Häuschen auf einem Bauernhof gemietet. Wir fahren in unserem VW-Bus, Mama, Papa, Sarah, Lukas, ich und Robert und wenn wir in Belgien an einer ganz bestimmten Stelle sind, sagt Papa: „Hier ist die Wasserscheide!“

Auf dem Bauernhof gibt es einen sehr lieben Hund und Kaninchen und noch andere Tiere, davon sehen wir aber sehr wenig. Direkt daneben ist ein See und ein anderes Haus mit einem großen Bananenbaum. Manchmal gehen wir abends am See spazieren, aber das finde ich eher langweilig.

Das Meer ist super, es ist überhaupt nicht kalt, der Sandstrand ist riesig und es stehen überall alte Bunker aus dem zweiten Weltkrieg herum. In manche Bunker kann man auch reinklettern, aber es ist sehr dunkel und eng und wir trauen uns nicht weit rein. Wir haben ein paar Fahrräder dabei und ein paar von uns fahren mit dem Fahrrad zum Strand, während der Rest mit dem Auto nachkommt oder vorfährt, je nach dem. Ich finde Fahrradfahren zu anstrengend und fahre immer mit dem Auto.

Lukas, Robert und ich spielen Poker um Kellogg’s Smacks. Wir sammeln die Smacks in Müslischalen und spielen über mehrere Tage. Irgendwann ertappen wir Onkel M., wie er aus einer der Schalen Smacks knabbert und Robert ruft entsetzt: „Meine Poker-Smacks!“

Abends trinke ich Vanilletee mit geschlagener Sahne.

Im Meer paddeln wir mit den Luftmatratzen raus. Einmal treiben Sarah und ich ganz weit ab, wir merken aber selber nichts davon und als wir wieder am Strand sind, kommt uns Papa entgegen, der sehr besorgt, aber auch sehr sauer ist, weil er uns die ganze Zeit gesucht hat und schon Angst hatte, wir wären ertrunken.

Robert will seinem Freund zwei Kaninchen mitbringen und am Ende des Urlaubs gibt uns der Bauer zwei junge Kaninchen. Aber zwei Weibchen, betonen wir immer. „Oui, deux mamans“, sagt der Bauer und drückt uns zwei hellbraune Kaninchen in die Hand.

Auf dem Rückweg halten wir nachts irgendwo in einem Dorf. Wir schlafen alle im Auto, aber Papa und Onkel M. schlafen draußen auf einer Wiese. Mitten in der Nacht ruft Robert etwas Lustiges im Schlaf und wir wachen alle auf. Jetzt sind wir erst mal wach und Mama fragt von vorne „Wer will Mitternachtskuchen?“ und verteilt Kuchenstücke.

Zu Hause darf der Freund von Robert keine Kaninchen haben, also nehmen wir die Kaninchen. Wie sich rausstellt, hat der Bauer gelogen und wir haben bald sehr viele Kaninchen und lernen im folgenden Jahr, dass Inzest in der Tat nicht gut ist.

Omblèze, 1993

Ich fahre mit Mama und Papa, meiner Cousine Sarah und Michaela, der Tochter einer Bekannten aus Tschechien nach Frankreich. Wir fahren wieder in die Nähe von Beaufort-sur-Gervanne, aber diesmal in ein anderes Haus. Sarah hat im Sommer Geburtstag und wird 13, Michaela ist zwei Jahre älter als wir, ich bin zwölf.

Wir haben zwei Ferienwohnungen auf einem Bauernhof, der ganz am Ende einer Straße auf einem Berg ist. Der Hof gehört Madame und Monsieur Mallory, die wohnen auch im Haupthaus und noch ganz viele andere Leute, Verwandte und Arbeiter und viele Kinder.

Es gibt einen Hund und einen Stall mit Ziegen, deswegen sind auch überall Fliegen. Michaela, Sarah und ich haben die eine Ferienwohnung und meine Eltern wohnen in der anderen. Unsere Wohnung ist eigentlich nur ein großer Raum, die Toilette ist mit einem Vorhang abgetrennt und überall sind Fliegen. In der Küche von den Mallorys hängen lauter Fliegenfänger von der Decke.

Wir entwickeln Methoden, um die Fliegen zu fangen. Am effektivsten ist es, Flaschen mit Wasser und Spülmittel zu füllen und dann den Flaschenhals von unten über die Fliege zu stülpen. Dann fällt die Fliege ins Wasser und ertrinkt. Mir tun die Fliegen leid, deshalb lasse ich die anderen weiter Fliegen fangen, mache aber nicht mit. Die Fliegen machen ja auch gar nichts, sie nerven nur, wenn sie einen morgens im Bett auf der Haut kitzeln. Wenn man sie beobachtet, wie sie beim Frühstück die Marmeladenflecken auf dem Esstisch anrüsseln und sich die Flügel putzen, sind sie eigentlich sogar ganz niedlich.

Wir sind mit einem Auto unterwegs, wir müssen ja auch überall hinfahren, weil wir wirklich der allerletzte Hof am Ende der Straße sind, zu Fuß kommt man überhaupt nirgendwo hin. Aber das letzte Stück ist so steil und die Straße ist so schlecht, dass Papa Angst hat, dass das Auto kaputtgeht, also müssen wir an der letzten Kurve immer aussteigen und den Rest zu Fuß gehen.

Ich unterhalte mich mit den Mallorys und spiele mit den Kindern und dem Hund. Ich kann schon ganz gut Englisch und ein bisschen Französisch, nach den Sommerferien komme ich in die achte Klasse.

Einmal gibt es ein Gewitter, direkt über uns, mitten in den Bergen. Es ist sehr unheimlich, erst liege ich mit Mama und Sarah und Michaela im Bett, dann gehe ich zu Papa in die Küche. Ich weiß nicht, was ich beruhigender finde. Auf einmal gibt es einen lauten Krach und das Licht geht aus. Eigentlich ist es mitten am Tag, aber es wird trotzdem sehr dunkel. Es klopft an der Tür und da steht Madame Mallory mit einer Kerze und fragt, ob bei uns alles in Ordnung wäre, der Blitz wäre in die Leitung eingeschlagen. Aber eigentlich ist ja alles in Ordnung, es ist nur etwas unheimlich, so ein Gewitter in den Bergen.

Auch meine Oma ruft mal an, um zu wissen, wie’s uns geht und ob alles in Ordnung ist. Oma hat auf dem Gymnasium Französisch gelernt und möchte gerne mit Madame Mallory auf Französisch reden.

Als ich schon wieder zu Hause bin, bekomme ich Post von Mallorys mit Grüßen und Fotos mit mir und den vielen Kindern.

(Wer wissen will, wo der Hof genau war, der klickt hier.)