Category: Ruhrgebiet

Schienenersatzverkehr – Keine Liebesgeschichte

Ich könnte jetzt die komplette, etwas komplizierte Geschichte erzählen, wie es zum Schienenersatzverkehr kam, aber das verwirrt dann wieder nur alle und ist auch nicht sonderlich interessant. Jedenfalls muss ich diese Woche jeden Tag mit einem Bus von Essen nach Ratingen fahren und kann nun relativ sicher behaupten, dass man das auch nicht zwingend länger als eine Woche tun muss.

Dabei ist der Schienenersatzverkehr prinzipiell gar nicht so schlimm, wie ich befürchtete. Montagmorgen zum Beispiel fand ich es sehr gemütlich über Essen-Werden am Baldeneysee vorbei nach Kettwig zu gondeln, dann über die Brücke über den Ruhrstausee, vorbei am Schloss Hugenpoet und dann irgendwelche Serpentinen hoch durch einen Wald und an Feldern und Wiesen mit Pferden und Schafen vorbei über Hösel bis nach Ratingen. Das war erstaunlich entspannend, man sieht mal wieder, wie hübsch die Gegend ist und ist entzückt über goldgelbe Felder, wo sich die Ähren im Wind wiegen oder so ähnlich, ich kenne mich da in der Landschaftsbeschreibungsterminologie nur so mittel aus, ich bin auch bei “Herr der Ringe” immer ausgestiegen, wenn Tolkien anfing, einen Berg zu beschreiben und hab da weitergelesen, wo die Adjektivhäufung aufhörte.

Das Problem ist aber folgendes. Erstens kann ich im Bus nicht lesen oder nur in Momenten, in denen die Konstellation meiner körperlichen Verfassung und der Fahrstil des Busfahrers besonders günstig steht. Diese Momente sind leider sehr selten. Ansonsten wird mir vom Lesen im Bus schlecht. Man kann das eine Woche ganz gut überbrücken, in dem man Podcasts hört, aber das ist auf Dauer ja auch keine Lösung. Im Zug dagegen kann ich alles machen, manches sogar gleichzeitig.

Also höre ich Podcasts und würde dabei gerne aus dem Fenster gucken und mich an der hübschen Landschaft erfreuen. Hier kommt das nächste Problem: Aus mir schleierhaften Gründen werden Busse gerne auf beiden Seiten komplett von oben bis unten und von hinten bis vorne mit Werbung tapeziert. Das mit der Werbung verstehe ich ja noch, dafür bekommt man Geld und kann schönere Busse kaufen oder alte Busse reparieren. In gefühlt acht von zehn Fällen werden dabei aber die Fenster mit tapeziert und man kann die entzückenden Schafe auf den hübschen Wiesen nur durch ein auf der Außenscheibe aufgeklebtes Lochmuster sehen.

Und genau das scheint mir das Grundproblem beim Busfahren zu sein: Im Zug brauche ich nicht aus dem Fenster zu gucken, da kann ich nämlich lesen, ich könnte aber aus dem Fenster gucken, weil bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, Werbung an einen RE oder gar einen ICE zu kleben. Im Bus, wo ich nicht lesen kann und ich auf einmal große visuelle Kapazitäten frei habe, mit denen ich prima aus dem Fenster gucken könnte, kann ich das nicht, weil ich eh alles nur hinter einem Grauschleier erahnen kann. Da hat doch jemand nicht richtig mitgedacht! Das ergibt doch so alles keinen Sinn!

Es ist aber auch ein bisschen egal, weil ich nur noch morgen einmal nach Ratingen und wieder zurück muss und ab nächster Woche wieder mit Zügen fahren darf. Das ist vielleicht dann auch für alle Beteiligten ganz gut, denn entweder meine Verfassung wird zunehmend schlechter oder der Busfahrer heute hatte es besonders eilig, nach Essen zu kommen. Möglicherweise wollte er auch das Fußballspiel nicht verpassen. So habe ich mich jedenfalls erfolgreich zurückgehalten und auch heute nicht in den Bus gekotzt. Ich bin ein bisschen stolz auf mich und wenn in der nächsten Woche jemand, der aussieht wie ich, in Essen in die Bahn steigt und spontane Loblieder auf den Schienenverkehr intoniert, dann ist jetzt hoffentlich auch klar, wie es dazu kommen konnte. Es war mal wieder der Schienenersatzverkehr mit Bussen.

Die Ruhe nach dem Sturm

Es fing ja eigentlich damit an, dass wir gestern Abend nach Hause kamen und an der Kreuzung auf einmal alle Ampeln ausgingen. Dabei dachte ich mir noch gar nicht so viel, bis wir dann in unsere Straße kamen, wo die Nachbarn über die Straße hinweg laut rufend abcheckten, ob bei allen anderen wohl auch der Strom ausgefallen sei. Ja, war er. Überall. Strom weg.

Für solche Fälle bin ich ja gewaffnet und habe ausreichend viele Kerzen und Streichhölzer im Haus. Nur den Tatort konnten wir dann nicht gucken, dafür schnibbelte ich bei Kerzenschein noch schnell die restlichen Erdbeeren klein und holte den Sekt aus dem Kühlschrank, der musste ja weg, solange er noch kalt war.

Dann kam der Strom wieder.

Und dann kam der Sturm. Eigentlich erwartet man das ja andersrum, erst Sturm und Gewitter, dann Strom weg. Hier im Ruhrgebiet macht man das wohl andersrum. Es war ein ganz schönes Stürmchen mit ziemlich viel Geblitze und bedenklich viel Wasser, das eimerweise vom Himmel runterkam. Plötzlich leuchtete noch nicht mal mehr das RWE-Drehding, und ich wusste nicht, ob das jemand absichtlich abgeschaltet hatte, es einfach ausgegangen war oder ich es einfach durch den Regen nicht mehr sehen konnte.

Währenddessen konnte man auf Twitter schön verfolgen, wo sich das Unwetter noch so umtrieb. Arme Menschen hingen an Bahnhöfen fest oder teilten beunruhigende Videos mit wankenden Bäumen und Dauerblitzen. Vor dem Fenster prasselte und blitzte und stürmte es und irgendwann war dann gut, wir rissen die Fenster auf, um die Luft reinzulassen und gingen ins Bett und schliefen schlecht.

Heute morgen machte ich mich dann todesmutig auf Richtung Bahnhof, in der zugegebenermaßen eher irrigen Hoffnung, zur Arbeit fahren zu können. Dass die U-Bahn nicht fuhr, schien mir angemessen und ich lief zu Fuß, musste dabei ein paar Mal wegen umgeknickter Bäume auf der Straße entlanglaufen und einmal unter einem querliegenden Ast durchkrabbeln, ansonsten ging das aber ganz gut. Natürlich fuhr dann nichts. Also so gar nichts. Arme Menschen lagen in den Gängen auf dem Boden, hatten scheinbar notdürftig am Bahnhof übernachtet, andere saßen auf den Treppen oder standen rum und ließen sich vom Bahnpersonal Bestätigungsschreiben aushändigen, auf denen die Bahn offiziell bescheinigte, dass nichts lief. Also lief ich wieder nach Hause, kam an einem komplett entwurzelten Baum vorbei, klärte noch ab, dass ich wohl eher nicht auf die Arbeit kommen würde und legte mich wieder ins Bett.

Später habe ich dann noch die Situation und das mittlerweile doch verdächtig schöne Wetter genutzt, den Mann zur Arbeit begleitet und dann im Stadtpark nach dem Rechten gesehen. Und jetzt sitze ich wieder auf dem Sofa und lausche dem mittlerweile vertrauten Klang der Sirenen. Da muss noch ganz schön viel aufgeräumt werden.

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Irgendwo auf der Holsterhauser Straße

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Leicht lädierte Ampel

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Extrasicherung beim Zebrastreifen

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Baustelle hinterm Bahnhof – heute mit Baum

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Irgendwo an der Papestraße (glaube ich)

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Komplett entwurzelt

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Ecke Gemarkenstraße/Kahrstraße

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Unter diesem Baum ist ein armes rotes Auto versteckt.

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Dieser Baum hat sich bemüht, zwischen den Autos zu landen.

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Komplettentwurzelung – Parkedition

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Unwetterbegutachter wie wir (dahinter die Philharmonie).

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Auch diese Lichterkette hat es erwischt.

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Der Springbrunnen tut so, als wär nix.

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Normalerweise ist es im Stadtgarten nicht so unordentlich.

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Kreuzung Alfredstraße/Zweigertstraße

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Man kann es schlecht sehen, aber die Oberleitungen hängen sehr ungünstig. Diese arme Straßenbahn steht nur dumm rum.

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Armes Autochen.

Notenschnitzeljagd

Da komme ich heute morgen vom Brötchenholen zurück und stelle fest, dass jemand eine Notenschnitzeljagd veranstaltet hat. An der Ampel an der Straßenbahnhaltestelle sehe ich die ersten Noten in rosa Kreide auf dem Bürgersteig. Dann zwei auf der Straße. Die Spur führt über die Straße, dann auf die andere Straßenseite und auf dem Bürgersteig weiter.

Wie süß, denke ich, da hat mir jemand den Weg nach Hause gemalt. Passt ja auch, bei den ganzen Instrumenten, die wir so haben und in unserer Funktion als Hausmusikanten. Eine Nachbarin erzählte, dass sie manchmal ihre Wohnungstür aufmacht, damit sie besser hören kann, wenn bei uns Klavier gespielt wird.

Die Notenspur führte aber nur bis zum Musikstudio zwei Häuser vor unserem. Nur noch ein Notenschlüssel, dann war Schluss. Aber hey, immerhin. Fast bis zu Hause.

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Gelesen: Raketenmänner von Frank Goosen (mit grandiosester Verlosung)

9783462307672Wenn man im Ruhrgebiet wohnt, egal, ob man von hier kommt oder zugezogen ist, kommt man ja an Frank Goosen nicht vorbei. Frank Goosen ist der, der irgendwann mal gesagt hat “Woanders ist auch scheiße”, woraufhin Menschen anfingen, sich diesen allzu wahren Spruch unter anderem an ihre Autokennzeichen zu kleben. Das Ruhrgebiet ohne Frank Goosen ist fast so schwer vorstellbar wie Frank Goosen ohne Ruhrgebiet.

Mit “Raketenmänner” hat Frank Goosen jetzt aber ein Buch geschrieben, das mit dem Ruhrgebiet gar nicht so viel zu tun hat. Statt dessen liest man leicht melancholische Alltagsgeschichten aus dem Leben deutscher Durchschnittsmänner vorwiegend mittleren Alters. Klingt auf Anhieb nicht so spannend? Ist es auch nicht. Soll es aber auch gar nicht sein.

Genau da liegt nämlich der Charme des Buches. Es ist so wunderbar unspektakulär, keine Abenteuer, keine Hochspannung. Dafür Kamerke, Overbeck, Krupke und Sabbo, eigentlich Sabolewski. Den Männern in Goosens Geschichten gehen die Frauen fremd, sie haben doofe Jobs und noch doofere Kollegen, sie träumen vom eigenen Plattenladen oder sitzen im Partykeller des Elternhauses, wo vor vielen Jahren Wildwestpartys gefeiert wurden. Sie irren durch Hamburg und Berlin und wissen nicht wohin oder wenn doch, ob sie da überhaupt hingehören und sein wollen.

Was ihnen gemein ist, ist die Unsicherheit, ob sie in ihrem Leben bisher die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Zweifel plagen sie. Ist das hier das, was ich immer wollte? Und was will ich eigentlich? Und schaff ich das überhaupt noch, jetzt und hier, in meinem Alter mit Frau und Kindern?

Goosen erzählt die geheimen Geschichten der Raketenmänner. Nichts und niemand ist hier perfekt, nicht die Männer, nicht die Frauen, nicht die Jobs, die Autos oder die Leben. Und gerade das macht das Buch so sympathisch. Während man sich die ersten zwei bis drei Geschichten noch mit einem kleinen Stirnrunzeln fragt, was das hier eigentlich soll und wo das hinführen soll, steckt man plötzlich mittendrin in den Raketenmännerleben, die alle irgendwie verbunden sind und die tatsächlich kein Ziel haben. Wie im echten Leben eben.

(Ein kleiner Hinweis an dieser Stelle: Ich habe erst nach ein paar Geschichten verstanden, dass die Geschichten miteinander verknüpft sind. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich ein bisschen mehr auf die Namen aufgepasst. Dafür hab ich mir jetzt einfach das Hörbuch gekauft und lasse mir das Buch noch einmal von Frank Goosen erzählen. Jetzt weiß ich ja, worauf ich achten muss.)

“Raketenmänner” von Frank Goosen wurde mir vom Verlag Kiepenheuer und Witsch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Noch besser aber: Ich darf drei Exemplare verlosen. Dafür einfach hier einen Kommentar hinterlassen, und am 13.4. schmeiße ich dann die große Zufallsmaschine an.

Raketenmänner gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung Janssen in Bochum und bei jeder anderen Buchhandlung.

Verlagsinformation zum Buch und zum Autor.

Gelesen: Ruhrgebiet – Ein Heimatbuch von Frank Klötgen

09086864a8Frank Klötgen lebt in Berlin, war mal Deutscher Vizemeister im Skateboardfahren und ist jetzt nicht nur Slam-Poet und Netz-Literat, sondern mischt auch sonst in allen möglichen (und unmöglichen) Bereichen der Kulturszene mit.

Aber auch: Frank Klötgen wurde in Essen geboren und hat seine Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet verbracht. Und ins Ruhrgebiet kehrt er jetzt für eine kleine Erkundungstour in seine Heimat zurück. Sein Kumpel Thomas hat ihn eingeladen, er solle doch mal nicht nur immer über Berlin schreiben, sondern auch mal übers Ruhrgebiet, wo er immerhin herkommt. Dafür darf er auch in seiner Pension in Wattenscheid wohnen, allerdings nicht ganz umsonst. Die Bezahlung: Ein Gedicht pro Nacht, selbstverständlich ein Gedicht übers Ruhrgebiet.

Und so findet sich Frank auf einmal mitten im Ruhrgebiet wieder, wird als Fremdenführer für die niederländischen Touristen Wim und Margret und ihrer pubertierenden Tochter Enie eingespannt, klettert auf Halden, versackt im Bermudadreieck, geht ins Stadion, trifft alte Schulfreunde auf Partys wieder und denkt vor allem immer an eine: Maike, seinen Jugendschwarm, an den er nie rankam, die er aber auch nie vergessen hat.

Das ist die Geschichte, in der gar nicht so viel passiert, die aber als Rundumschlag einen ziemlich guten Überblick über das bietet, was man so im Ruhrgebiet zwischen Duisburg und Dortmund, zwischen der Eckkneipe im Bochumer Bermudadreieck und der Aftershowparty im Dortmunder U so erleben kann. Damit das Ganze auch noch einen kleinen Kulturservicebonuspunkt bekommt, gibt es immer wieder kleine Exkurse, Wissenshäppchen passend zum Kapitel mit Hintergrundinformationen, Adressen und Ausflugstipps.

Für jemanden wie mich, die hier jetzt lebt und auch schon das ein oder andere gesehen hat, aber nicht hier aufgewachsen ist, bietet “Ruhrgebiet –  Ein Heimatbuch” eine gute Mischung aus “Kenn ich schon.” über “Ach, so ist das!” bis zu “Ach guck, das kannte ich ja noch gar nicht.”

Auch jenseits der praktischen Tipps kann man nicht meckern. Klötgens Geschichte über den Ausgewanderten, der für ein paar Tage in die Heimat zurückkommt, liest sich angenehm flüssig und wird mit genau dem richtigen Anteil Heimatsentimentalität erzählt. Während das Herz immer noch den alten Tagen nachhängt, muss man eben doch erkennen, dass a) nicht alles so toll war, wie man immer dachte und b) die Dinge sich ändern, manchmal zum besseren und manchmal auch nicht. Und so fährt Klötgen dann auch am Ende des Buches nach Hause nach Berlin. In die neue Heimat.

Frank Klötgens “Büdchenzauber und Zechenverse: Ruhrgebiet – Ein Heimatbuch” ist 2013 im Conbook Verlag erschienen. Man erhält es als Hardcover für 11,95 Euro bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung proust in Essen oder bei jeder anderen Buchhandlung.

Aus der Reihe “Heimatbuch” gibt es von Berlin bis Wien noch viele andere Liebeserklärungen an die Heimat. Die komplette Auswahl findet man hier.

PS: Die Szene, wo sich ein Schalke-Fan und ein BVB-Fan auf der Extraschicht treffen, hielt ich ja zunächst für übertrieben. Bis mir Kollegen von ihren Erfahrungen bei Fußballspielen in Düsseldorf, Gelsenkirchen und Dortmund erzählten und ich diese Szene jetzt für mindestens realistisch, wenn nicht sogar stark verharmlost halte. Man lernt halt nie aus.

Astrophysik

In der Mayerschen Buchhandlung in Essen gibt es in der Spielwarenabteilung Geburtstagskörbe für Kinder. Das ist quasi das Äquivalent zu den Hochzeitstischen bei Kaufhof, nur als Plastikkorb in einem EXPEDIT-Regal und mit weniger Geschirr und Besteck und mehr Spielzeug.

(Die Diskussion, warum es in Buchhandlungen Spielwarenabteilungen gibt, soll jetzt hier übrigens auch nicht geführt werden.)

Heute lief jedenfalls eine Familie auf das Geburtagskorbregal zu.

“Da isses”, sagte die Mutter und zog einen roten Plastikkorb aus dem Regal und guckte rein.

“Ist aber schon leer”, sagte sie.

“Tja”, sagte der Vater. “Da kann man nix machen. Hat aber auch sein Gutes. Dann kann ich ja jetzt doch das Astrophysikbuch kaufen.”

Ob das Astrophysikbuch für ihn oder das Geburtstagskind sein sollte, das konnte ich allerdings auch nicht rausfinden.

Neujahrsspaziergang oder Zombiecalypse now!

Sonne

Ich habe heute morgen einen unfreiwilligen Neujahrsspaziergang gemacht. Und das kam so:

Aus Gründen, die niemand versteht, am allerwenigsten wir, waren wir heute um Viertel nach neun wach. Das ist aus zwei Gründen beachtlich: Erstens, weil wir auch an normalen Ausschlafmorgenden durchaus mal bis nach zehn schlafen und zweitens, weil das kein normaler Ausschlafmorgen war. Statt dessen plumpsten wir in der Neujahrsnacht gegen vier Uhr morgens ins Bett und das auch noch nicht mal, weil wir so irre abgefeiert haben und sturzbetrunken waren, sondern, weil wir gut acht Stunden bei einer Silvesterparty ausgeholfen hatten und nicht mehr konnten.

Zombiekalypse

Trotzdem also um Viertel nach neun wach und wenn man schon mal wach ist und Neujahr ist und außerdem die Sonne scheint, dann kann man auch schon mal auf die Idee kommen, man könnte ja Brötchen fürs Frühstück holen. Also angezogen und raus.

Selbstverständlich hatte keiner der drei Bäcker in unmittelbarer Nähe geöffnet. So etwas hatte ich mir zwar fast schon gedacht, aber man ist ja optimistisch und denkt sich, dass vielleicht doch irgendwo ein Bäcker, aber nein, keiner. Ganz Holsterhausen nicht nur ausgestorben und unter Silvesterknallermüll begraben, sondern auch komplett brötchenfreie Zone.

Zombiekalypse

Dann passierte etwas, was man vielleicht den Forrest-Gump-Effekt nennen könnte, ich dachte nämlich: “Na ja, wenn ich jetzt schon hier bin, guck ich noch mal bei dem anderen Bäcker auf der Soundsostraße, ob der vielleicht auf hat.” Der Bäcker auf der Soundsostraße hatte selbstverständlich auch nicht geöffnet, aber weil der Bäcker auf der Soundsostraße auf halbem Weg nach Rüttenscheid liegt und ja die Sonne schien und ich ausnahmsweise mal halbwegs früh auf den Beinen und dementsprechend sehr stolz auf mich war (und wir außerdem auch kein wirkliche Brötchenalternative im Haus hatten), dachte ich dann: “Na ja, wenn ich schon mal hier bin, dann kann ich auch noch nach Rüttenscheid laufen, und gucken, ob da ein Bäcker auf hat.”

Man kann jetzt schon ahnen, wie die Geschichte weitergeht: In Rüttenscheid hatte selbstverständlich auch kein Bäcker auf, jedenfalls keiner bis zum Rüttenscheider Stern und weiter wollte ich nicht laufen. Statt dessen dachte ich: “Na ja, wenn ich jetzt schon mal hier am Stern bin, kann ich ja auch mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof fahren und da gucken, ob ein Bäcker auf hat.”

Gott sei Dank endet die Geschichte dann auch bald, denn am Hauptbahnhof gab es Bäcker. Also, es gab Kamps. Das zählt zwar an normalen Tagen nicht als akzeptabler Bäcker, aber in Notsituationen schon.

Man möchte sich auch gar nicht überlegen, wie das weitergegangen wäre, wenn am Hauptbahnhof kein Bäcker aufgehabt hätte. Ich hatte nämlich zum Zwecke des Bezahlens mein Portemonnaie dabei und da ist auch meine BahnCard 100 drin, der nächste logische Schritt wäre also gewesen, sich von nächstgrößerer Stadt zu nächstgrößerer Stadt zu hangeln, und wenn es dann in Düsseldorf keine Brötchen gegeben hätte, wäre ich nachher noch nach Köln gefahren. Da hätte man in der Zeit fast selber Brötchen backen können, Trockenhefe und Mehl hab ich jedenfalls tatsächlich im Haus.

Zombiekalypse

Was mir dann noch aufgefallen ist: Selten sind Straßen so menschenleer und seltsam wie am Neujahrsmorgen. Selbst Rüttenscheid war wie ausgestorben, statt dessen überall leere Flaschen und Pappmüll, Raketenstöckchen und abgebrannte Wunderkerzen. So ein bisschen muss man sich wohl die Zombiekalypse vorstellen, nur vielleicht mit weniger Sekt- und Champagnerflaschen und statt Luftschlangen das ein oder andere verstreute Körperteil. Kommt aber auch auf die Art der Zombies an, nicht alle sind ja zwingend gewalttätig.

Aber vielleicht denke ich sowas auch nur, weil ich sehr oft über die Zombiekalypse nachdenke, aber das ist dann doch eine andere Geschichte und hat auch überhaupt rein gar nichts mit Brötchenholen zu tun.

Zombiekalypse

Ich habe aus Anschauungszwecken alle Bilder (bis auf das erste ganz oben) durch einen hübschen Filter gejagt, damit das mit der Zombiekalypse wenigstens ein bisschen nachvollziehbar wird. In Wirklichkeit war der Himmel nämlich gar nicht so gelbgräulich, sondern eher knalleblau.

Zombiekalypse

Immerhin wurde bei uns in der Straße mit echtem Champagner gefeiert. Sollte es zu einer wirklichen Zombiekalypse kommen, gehen wir hier wenigstens stilvoll unter.

Zombiekalypse

Luftschlangen. Fast wie Gedärme. Nur bunter. Und aus Papier. Und nicht eklig. Eigentlich überhaupt nicht wie Gedärme.

Webgedöns wegen Tödlichem Männerschnupfen

Ich würde total gerne was über den Besuch bei der Bäckerei Förster schreiben, bei der wir mit Stollen, Keksen und Schokolade abgefüllt wurden und nach Hause hätten rollen können, wenn es nach Hause nicht (zumindest teilweise) bergauf gegangen wäre.

Stollentesten

Stollentesten (Serviervorschlag)

Ebenso gerne würde ich etwas über Antwerpen schreiben. Also über Antwerpen und den Antwerpener Bahnhof und natürlich über den “Der Rosenkavalier”, der in der Antwerpener Oper von Christoph Waltz inszeniert wurde und wirklich sehr gut war. (Das ist schon mal die Kurzfassung für Leute, die sich fragen, ob sich das lohnt: Ja, tut es.)

Frituur

Antwerpen (Serviervorschlag)

Statt dessen liege ich im Bett und schniefe und huste, weil mich gestern Abend wieder mal der Tödliche Männerschnupfen heimsuchte und sich jetzt mittlerweile im Kopf schön breit gemacht hat.

Oper

Hochkultur (Serviervorschlag)

Was Sie aber machen können: Schon mal bei Sandra und Doreen lesen, wie’s beim Stollentesten war, oder bei diversen Zeitungen nachlesen, wie die Journalisten Waltz’ Inszenierung fanden. (Spoiler: Von gelungen bis gescheitert ist alles dabei, googeln Sie halt nach “Rosenkavalier Waltz”, und Sie können sich was aussuchen.) Ich fand die Kritik auf Nachtkritik.de am zutreffendsten, habe jetzt aber auch nicht alles gelesen.

Oper II

Der Rosenkavalier (Serviervorschlag)

Und wenn Ihnen dann immer noch langweilig sind, können Sie ja meinen Artikel über das schlechteste Buch des Jahres lesen, den ich letzte Woche noch schrieb, also damals, vor dem tödlichen Männerschnupfen. Im CULTurMAG steht jetzt jedenfalls, warum ich Joël Dickers Bestseller “Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert” [Werbelink, wenn Sie sich dieses Buch trotz aller Warnungen kaufen, möchte ich wenigstens etwas davon abbekommen] so unfassbar furchtbar fand. Ich habe es trotzdem komplett gelesen bzw. gehört, es war ja ein Hörbuch, was das Raussuchen der schönsten Zitate erheblich erschwert, aber ich schweife ab. Lesen Sie dieses Buch nicht. Oder warten Sie, bis es als Taschenbuch rauskommt und geben Sie wenigstens nicht so viel Geld dafür aus. Wofür es taugt: Die Leute in irgendwelchen sozialen Netzwerken mit Gejammer und Zitaten amüsieren. Immerhin.

Ich geh jetzt noch etwas husten und schniefen.

Cinderella von Sergei Prokofjew im Aaltotheater in Essen

Ob sie mich mit Karten fürs Ballett locken könnte, fragt Inkanina mich auf Twitter. Öh, ja, sage ich, denn ich mache ja bekanntlich fast alles mit. Also, zwei Karten hätte sie für die Premiere von Prokofjews Cinderella, aber an dem Tag könnte sie leider nicht, ich könnte also beide haben und einfach jemanden mitnehmen.

Da bin ich ja schon überfordert. Es ist schwer genug, die Leute in die Oper zu bekommen und da wird immerhin noch gesungen, aber ins Ballett? Ich habe doch selber keine Ahnung von Ballett, ich war noch nie im Ballett, ich kenne auch kaum Leute, bei denen ich denken würde, dass sie ins Ballett gehen wollen würden. Aber ich finde doch noch jemanden, Brooke hat nicht nur Lust, sondern sogar Zeit und weil an dem Wochenende der BVB im Ruhrgebiet spielt, sogar Gelegenheit, nach Essen zu kommen. Ansonsten wäre ich auch alleine gegangen, ein bisschen ist es ja auch egal, man sitzt ja die meiste Zeit sowieso rum und darf sich nicht unterhalten, aber wenn ich schon zwei Karten habe, kann man das ja auch ausnutzen.

Ballett also. Kenn ich gar nicht. Ich hab nur Bunheads geguckt und geliebt und innerlich ein bisschen rumgewütet, als es abgesetzt wurde. Bei Bunheads hatte ich das erste Mal das Gefühl, ich könnte Tanzerei ernsthaft interessant finden. Da kommt so eine Einladung gerade recht und ich kann jetzt überprüfen, ob ich das wirklich interessant finde oder eher so theoretisch und im Rahmen einer Amy-Sherman-Palladino-Serie.

Die Zeitangaben sind widersprüchlich, im Internet steht etwas anderes als auf der Karte, also nehme ich mal den früheren Termin und bekomme um kurz vor sieben noch von einem streikenden Menschen einen Zettel in die Hand gedrückt, weil das Orchester streikt. Er beruhigt mich aber, es würde selbstverständlich schon gespielt werden, aber vielleicht eben mit ein bisschen Verzögerung.

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Brooke hat den Haupteingang auch gefunden, schnell den Mantel abgeben und dann gongt es auch schon und wir fallen erstmal unangenehm auf, weil wir von der falschen Seite in den Saal kommen und uns an sehr vielen Menschen vorbei auf unsere ziemlich guten Plätze drängeln müssen. Es wird dunkel, der Vorhang geht auf und wir sehen die Vorgeschichte von Cinderella in wenigen Bildern. Cinderella mit ihren Eltern. Dunkel. Cinderella, die ihre Mutter anguckt. Dunkel. Cinderella nur mit ihrem Vater. Dunkel. Vorhang. Soviel dazu. Was lernen wir daraus? Es war einmal eine glückliche Familie, aber dann starb die Mutter und Vater und Tochter bleiben übrig.

Streikpause gibt’s auch nicht. Sowas.

Generell ist es gut, dass wir hier Cinderella gucken und nicht irgendwas anderes. Hier kenne ich zumindest die Story und kann mir das, was auf der Bühne passiert recht gut zusammeninterpretieren. Die drei Tänzer in den grauen Kleidern, die da etwas grotesk über die Bühne tanzen, das sind die Stiefmutter und die Stiefschwestern. Ich muss ein paar Mal gucken, aber ja, das sind Männer, die diese Rollen spielen. Im Nachhinein lese ich, dass das oft so gemacht wird, inmitten der ganzen Eigenheiten dieser modernen Inszenierung ist das also beinahe traditionell.

Da ich mich mit Tanzen aber gar nicht auskenne, kann ich den Grad zwischen klassischer und moderner Inszenierung nur erahnen. Eher modern, aber eben mit klassischen Elementen, die allerdings rar gesät sind. Tutu trägt hier keiner, auf Spitze wird nur selten getanzt, aber dazu kommen wir sowieso später. Cinderellas Vater trägt Anzug und schleppt eine Orange mit sich rum, Cinderella tanz barfuß und trägt ein einfaches blaues Kleid. Auf der Bühne stehen weiße Möbel schräg im Boden eingesunken, ich habe spontane Alice-im-Wunderland-Assoziationen. Und ja, es ist ein bisschen anstrengend, für meine erste Balletterfahrung hätte es vielleicht doch etwas klassischer sein können, aber dann eben nicht. Das Leben ist kein Wunschkonzert, noch nicht mal, wenn man ins Tanztheater geht.

Um noch etwas weniger klassisch zu sein, wird auf einmal ein grüner Rasenstreifen ausgerollt und dann hört das Orchester auf zu spielen und es erklingt “Because of You” von Les Baxter. Noch einmal darf Cinderellas Mutter auftreten und mit Mann und Tochter zu maximal-kitschiger Musik der fünfziger Jahre tanzen. Und zwar, jetzt kommt’s: Auf Spitze. Mit Spitzentanz – oder wie wir Ballettexperten sagen: en pointe – ist das nämlich so: Fast alles, was die Leute da auf der Bühne machen, kann ich irgendwie nachvollziehen. Ich kann das zwar nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass man das kann, wenn man es halt lange genug macht und oft genug übt. Spagat verstehe ich. Luftsprünge verstehe ich. Hebefiguren verstehe ich, Dirty Dancing ist da nicht unschuldig. Verstehe ich alles. Ich kann’s nicht, aber mein Gehirn hat kein Problem damit, das irgendwie zu verstehen.

Spitzentanz verstehe ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das gehen soll, das ist vollkommen abgefahren, was die da macht. Das kann doch gar nicht gehen, wie soll das gehen, das KANN nicht gehen. Ich starre also fasziniert auf die Bühne und bin überzeugt davon, dass das überhaupt nicht funktionieren kann, was die da macht. Leider gibt es heute Abend viel zu wenig Spitzentanz, aber vielleicht ist das auch gut so, sonst würde mein Hirn ob dieser Ungeheuerlichkeit noch durchdrehen. Ich befürchte auch, dass sich diese Faszination auf Dauer ein bisschen abnutzt, irgendwann sieht man wahrscheinlich auch als Nichttänzer ein, dass das irgendwie gehen muss, wenn es dauernd jemand tut, aber noch bin ich nicht soweit. Glücklicherweise. So kann ich noch ein bisschen weiter fasziniert auf die Bühne starren.

Dann setzt wieder das Orchester ein und die grotesk-groben Mannweiber bereiten sich schon mal auf den Ball vor und setzen nebenbei alles daran, Cinderella und ihren Vater zu trennen. Da wird weggetragen, in den Weg gestellt und abgelenkt und zwar immer sehr gemein. Ein fröhliches Leben hat Cinderella da nicht, das sieht man schon und außerdem weiß man das ja auch aus dem Märchen.

Dann kommt ein Bote mit einer Taube und einem roten Kleid für Cinderella und es wird ein bisschen surreal. Die Taube wird irgendwie an einer grünen Wand befestigt und an der Wand wird auch rumgetanzt. Vor allem gibt es dazu keine Musik, sondern nur ein seltsames Kratzgeräusch. Sehr lange geht das so. Vielleicht ist das der Orchesterstreik, wahrscheinlich gehört es einfach zur Inszenierung. Ich könnte das besser sagen, wenn ich die Musik kennen würde, tu ich aber nicht. Also nehmen wir dieses Zwischenspiel hin, wundern uns ein bisschen, denken “Tjo, modern halt” und dann Vorhang, Pause.

Wir nutzen die Pause, um Programmhefte zu besorgen und ein bisschen durchs Aalto zu laufen, das Brooke von innen noch gar nicht kennt. Auf den Balkon kann man leider in dieser Jahreszeit nicht mehr, dabei ist das für mich eins der Highlights des Aaltos. Im Sommer hier zu stehen, während draußen im Stadtpark die Leute grillen, das ist toll, das ist so Ruhrgebiet, so Essen. Hochkultur und Picknick direkt nebeneinander, das geht nicht überall.

Nach der Pause sind wir jedenfalls wieder rechtzeitig im Saal und diesmal auch von der richtigen Seite. Der zweite Akt kommt ebenso modern daher, schon vom Bühnenbild. Ein großer Berg aus einer riesigen Landkarte steht da und oben drauf ein kleines Schloss. Es geht also zum Ball und wie sich das für einen Ball gehört kommen ordentlich Leute zum Tanzen, unter anderem auch Stiefmutter mit ihren Töchtern und natürlich der Prinz. Die Stieftöchter können den Prinzen leider nicht mit ihren Tanzkünsten überzeugen, und dann kommt natürlich Cinderella und kann sehr wohl überzeugen. Der Rest der Geschichte ist hinlänglich bekannt. Es wird getanzt, verliebt, es wird Mitternacht und Cinderella kann nur unter Schuhverlust schnell genug vom Schloss verschwinden.

Nachdem der Vorhang zum dritten Akt aufgegangen ist, sehen wir in eine Art Montage, wie der Prinz mit dem verlorenen Schuh einmal um die Welt reist, um die zum Schuh gehörende Frau zu finden und dabei wenig erfolgreich ist. In jedem Land eine neue Cinderella in einem hübschen roten Kleid, von denen wirklich eines hübscher ist als das andere und ich mich frage, ob man wohl mal die Garderobe plündern könnte, aber keiner passt der Schuh, trotz ausdauernden Tanzens.

Schließlich kommt er wieder bei Cinderella vorbei, aber die ist natürlich erstmal nicht da, dafür sind die beiden Stiefschwestern umso erpichter darauf, den Schuh anzuprobieren. Passt aber nicht. Die Stiefmutter probiert es auch, und überzeugt den Prinzen dabei fast, als Cinderella das ganze mitbekommt und fürchterlich beleidigt ist, weil der Prinz auf ihre Stiefmutter beinahe reingefallen wäre. Fast schon ist die Liebesgeschichte vorbei, aber sie besinnt sich dann doch noch eines Besseren und kommt zu ihrem Prinzen zurück. Es folgt ein sehr, sehr langer Pas de deux während dem Cinderella immer wieder fast den Schuh anprobiert, und dann doch nicht. Bein ausgestreckt zum Schuh hin, man denkt schon “So. Jetzt aber.” und wieder nichts. Es ist zum verrückt werden. Ich bin kurz davor “JETZT ZIEH HALT DEN VERDAMMTEN SCHUH ENDLICH AN!” zu rufen, ich vermute aber, das kommt nicht so gut. Wahrscheinlich ist das richtig, dass sich das so lang hinzieht, es macht mich nur etwas nervös.

Dann aber: Schuh an, der Prinz hat Gewissheit, jetzt schneit es noch ein bisschen auf die Möbel, das ist wirklich sehr hübsch, ich mag sowas. Der Prinz und Cinderella dürfen sich ins Happy End tanzen, Vorhang, aus, Applaus. Viel Applaus. Sehr viel Applaus. Ist immerhin ja auch Premiere. Alle Tänzer verbeugen sich, dann kommen noch Choreografen, Dirigenten, und was weiß ich noch auf die Bühne und dürfen sich verbeugen und es wird applaudiert und gejubelt und dann ist vorbei.

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Mein erstes Ballett. Es hätte etwas klassischer sein können, einfach, um überhaupt erstmal damit warm zu werden, aber so war es auch sehr gut. Zwischendurch versuchen Brooke und ich uns zu erklären, was das jetzt schon wieder soll und warum zum Beispiel Männer Frauenrollen spielen. Ich mache ein paar Erklärungsversuche, die ich aber mit “… but I’m just making wild assumptions here” ins richtige Verhältnis rücke. Trotzdem: Schön war’s. Ich mag das. Das ist ja auch eine Feststellung, dass man gerne Leuten zuguckt, die sich auf der Bühne in interessanten Kostümen zu schöner Musik bewegen. Das weiß man ja auch nicht, bis man es einmal gemacht hat.

Aber von dem Spitzentanz, da hätte es etwas mehr sein können. Es war so unheimlich faszinierend. Danke, Inkanina, für die Karten! Jetzt müssen wir nur noch zusehen, dass du die auch wieder zurückbekommst, aber das kriegen wir auch noch hin.

Cinderella läuft noch bis Anfang Februar im Aalto in Essen und es gibt auch für die meisten Aufführungen noch Karten. Mehr Informationen und Bilder gibt es hier.

Recklinghausen leuchtet! Echt jetzt!

Die Schwiegereltern sind ja schon länger in Rente, haben dementsprechend viel Zeit und möchten einen dann gerne besuchen kommen. Dann muss schnell ein Schwiegerelternanimationsprogramm her und man ist sehr dankbar, wenn sich Recklinghausen spontan erbarmt und mal kurz die Stadt beleuchtet.

Rein vom Zeitplan her war das irgendwie anders geplant und wir wollten uns vorher noch Recklinghausen bei Tageslicht angucken. Dann fiel dem werten Herrn Gemahl aber ein Inlay raus und wir testeten den örtlichen zahnärztlichen Notfalldienst mit der Folge, dass die Schwiegereltern und ich jetzt wissen, wie Schloss Borbeck aussieht und wir jetzt anscheinend einen neuen Zahnarzt haben, der in der ersten Runde mit patentem Inlay-wieder-Reinbasteln souverän überzeugen konnte.

Aber das hat jetzt gar nichts mit Recklinghausen zu tun, nur damit, dass wir jetzt trotzdem nur wissen, wie Recklinghausen bei Nacht und beleuchtet aussieht, denn als wir dann ankamen, hatten alle ganz fürchterlichen Hunger oder mussten auf Toilette oder beides. Deswegen gingen wir erstmal was essen und als wir damit fertig waren, war es schon dunkel.

Dunkel war es auch gar nicht so wirklich, Recklinghausen leuchtet im Moment nämlich. Im ganzen Stadtkern ist überall irgendwas beleuchtet. Die Kirchen, die Schule, die Häuser, die Bäume und was man sonst noch beleuchten kann. Das ist sehr hübsch und sympathisch unprätentiös, man kann einfach wild durch die Stadt laufen und an der nächsten Ecke ist wieder irgendwas blau oder pink oder ganz bunt. Außerdem gibt es dauernd irgendwo Currywurst oder Erbsensuppe, aber gegessen hatten wir ja schon. Generell ist die Anwesenheit von Currywurst und Erbsensuppe aber auch nett und sympatisch unprätentiös.

Der Spaß geht noch bis zum 10. November, es empfiehlt sich, abends zu kommen, sonst sieht man es nicht, da kann man nichts machen, das liegt an der Uhrzeit. Wer mehr wissen will, guckt hier: http://www.re-leuchtet.de/

(Als wir dann nach Hause fuhren, lief auf WDR 2 wieder so eine von den Sendungen, wo gute Musik gespielt wird. Das irritiert mich immer fürchterlich, weil es mich in den Grundfesten meiner Überzeugung, was Mainstreamradio angeht, erschüttert. Und dann passierten wir gerade das Ortseingangsschild von Bochum-Riemke und Grönemeyer schmetterte “Bochum, ich komm aus dir” aus den Lautsprechern. In solchen Momenten ist das Ruhrgebiet ganz schön magisch. Echt jetzt.)

Pfeil

Schule

Lichterkette

Eulen

Bunt

Blau

Bunt und unscharf

Scheinwerfer

Straße

Tante Emma

Laternen

Fachwerk

Mehr bunt

Kirche

Noch bunter

Dingse

Baum

Grün

Rosa

Fackel

Noch ne Fackel

Grün und pink

Glasding

Kerze