Süßkind und Sauermann, 23.6.2018

Süßkind und Sauermann, 23.6.2018

Da ich gerne viel mehr über das gute Essen schreiben würde, das uns so begegnet, aber keine Zeit habe, es ausführlich zu tun, habe ich einfach bei Bernd Labetzsch geklaut und präsentiere nun in Zukunft „Gute Dinge, die ich aß“ ohne viel Kommentar. Nur Ort, Zeit, Beschreibung und Bild. Eventuell interessiert es ja den ein oder anderen auch in dieser Kurzversion

Süßkind und Sauermann, 23.6.2018

Gegrillte Wassermelone mit Trüffelkäse und Earl-Grey-Gelee

Sauer marinierte Dorade & Jakobsmuscheln mit Bohnen, Salicorn, Chips und Makrelen-Consommé mit Zitrusaromen

Offener Ravioli von Kohlrabi & Ochsenschwanz auf Erbsenpüree & wildem Blumenkohl

Roulade vom Kalb auf Kartoffelpüree mit Kräuterseitlingen & Bohnen an Pfirsich-Pfifferling-Marmelade

„Stück Fisch“ auf Brennesselgemüse mit Kartoffel-Krebs-Gratin, Krustentierschaum & Krebskrokette

Stachelbeer-Strudel mit Ziegenquarkeis, Pumpernickel und Pet-Nat-Schaum

(Wenig später gewann Deutschland gegen Schweden, was ihnen aber auch nicht half, die Vorrunde zu überstehen. Sagen wir, das Essen war deutlich besser als das Spiel, trotz des schönen Tors von Kroos.)

Süßkind und Sauermann, 23.6.2018

Süßkind und Sauermann, 23.6.2018

Süßkind und Sauermann, 23.6.2018

Süßkind und Sauermann, 23.6.2018

Süßkind und Sauermann, 23.6.2018

Süßkind und Sauermann, 23.6.2018

Nachbarschaft

Ich habe üblicherweise Seifenblasen im Haus. Wenn mir gerade danach ist, stelle ich mich auf den Balkon, puste ein paar Seifenblasen in die Welt, freue mich daran und hoffe, dass es vielleicht irgendwo in den Nachbarhäusern oder auf der Straße Menschen gibt, die zufällig gerade aus dem Fenster gucken oder in den Himmel gucken und sich auch über unerwartete Seifenblasen freuen.

Heute stand ich wieder auf dem Balkon und pustete Seifenblasen. Dann füllte ich die Gießkanne in der Badewanne und goß die Pflanzen, als mir jemand von der anderen Straßenseite etwas zurief: „Da haben Sie meinen Sohn eben sehr glücklich gemacht!“

Was ich geantwortet habe, weiß ich nicht mehr und dass ich ohne Hose auf dem Balkon stand, na ja, geschenkt. So jedenfalls stelle ich mir Stadtnachbarschaft vor.

Oben auf dem Turm über Blankenstein

Der letzte Teil des Aufstiegs ist etwas ungewöhnlich. Mein Mann holt sein Handy raus und leuchtet uns auf im dunklen Turm die Treppe nach oben aus. Noch nicht mal kleine funzelige Lampen gibt es hier, wie haben das die Leute gemacht, als man gar nicht dauernd ein Smartphone mit Taschenlampenfunktion mit sich rumtrug?

Dann geht es noch eine Holztreppe hoch, am Ende wartet eine schwere Metalltür und dann stehen wir oben auf dem Turm von Burg Blankenstein, irgendwo vor, hinter oder neben Hattingen und gucken runter auf die Ruhr und Blankenstein und die Rehe und eben das Ruhrgebiet.

„Hier ungefähr haben wir mal das Riverrafting gemacht“, hatte mein Mann vorher schon gesagt. Wir gucken auf die langsam vor sich hindümpelnde Ruhr. „Ja“, bestätige ich. „Das sind schon krass Stromschnellen.“

Weil ich leider süchtig nach „[Hier beliebigen Teil der Welt einfügen] von oben“-Formaten bin, haben wir uns neulich im WDR das Ruhrgebiet von oben angeguckt und gelernt, dass hier einfach so Burgen rumstehen. Ganz in der Nähe, wer hätte das gedacht, und weil das Wetter schön war, sind wir jetzt eben spontan nach Blankenstein gefahren und stehen jetzt auf einem Turm und gucken nach unten.

Später laufen wir noch eine Runde durchs Dorf und durch den Gethmannschen Garten und dann setzen wir uns auf die Terrasse eines Tapas-Restaurants und essen so lange Tapas, bis wir nicht mehr können. Und dann fahren wir nach Hause, aber nicht so wie das Navi möchte, sondern einmal an Hattingen vorbei, quer über Land, an der Ruhr vorbei, wo gerade Rinder grasen und staunen mal wieder, was es hier alles gibt und was wir alles nicht kennen. Zum Beispiel eine Burg, aber na ja, die kennen wir ja jetzt.

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Kochprofileaks oder wie ich einmal im Fernsehen war

Letztes Wochenende war ich im Fernsehen. Da saß ich mit zehn anderen Leuten in einem Restaurant in Witten, aß ein Drei-Gänge-Menü und sagte etwas darüber. Insgesamt saß ich sogar zwei Mal in einem Restaurant in Witten, aß ein Drei-Gänge-Menü und sagte etwas darüber.

Und das kam so:

Anfang Mai bekam ich eine Anfrage von einer Produktionsfirma, ob ich Lust hätte, bei einem neuen Format einer Kochsendung mitzumachen. Details standen nicht in der Mail, also meldete ich mich, bekundete generell mein Interesse und es kam zu detaillierteren Mails und Telefongesprächen. Das Grundkonzept: Die Kochprofis von RTL II machen ein Restaurant Battle. Jeweils vier Restaurants kochen ein Drei-Gänge-Menü von der Karte, das wird gegessen und bewertet, dann werden die Köche einen Tag von den Kochprofis gecoacht und die Gerichte überarbeitet und dann kommt die gleiche Jury und isst und bewertet noch mal. Das Restaurant mit der größten Punktedifferenz zwischen dem ersten und dem zweiten Abend gewinnt Geld.

Das schien mir recht risikofrei zu sein. Bei ähnlichen Kochsendungen dieser Art, die ich zugegebenermaßen gelegentlich auch gucke, spielt die Jury eine untergeordnete Rolle, die sitzen halt rum und essen und sagen ein paar Sätze in die Kamera, die Chancen, hier irgendwie etwas peinliches zu tun oder zu sagen, schienen mir gering. Außerdem will ich ja immer wissen, wie Dinge funktionieren, wie das also auch zum Beispiel ist, bei einer Fernsehsendung mitzumachen und was da so alles passiert. Also sagte ich zu und fuhr an zwei Nachmittagen nach der Arbeit nach Witten und wurde beim Essen und Reden, zwei meiner Kernkompetenzen, gefilmt. Und weil es vielleicht noch andere Leute interessiert, wie das so ist, beantworte ich hier die drängendsten Fragen einfach im Blog.

 

War die Sendung gescripted?

Ein klares Nein, zumindest für die Teile, bei denen ich dabei war. Was tatsächlich passiert: Die Storyverantwortlichen sagen gelegentlich, wer was sagen soll, wo er stehen soll und was die anderen in der Zeit tun sollen. Das sah dann ungefähr so aus: „So, und jetzt kommt ihr rein und dann steht da der J. und begrüßt euch.“ Vor, während und nach dem Essen wurde gelegentlich einzelnen Personen Fragen gestellt, die wir dann beantwortet haben und zwar, ganz wichtig, in ganzen Sätzen! Die Fragen würden später schließlich nicht in der Sendung gezeigt werden, nur die Antworten. Auch Formulierungen wie „wie gesagt“ waren verboten. Außerdem liefen dauernd Leute um den Tisch und hörten sich an, was wir redeten und wenn etwas Sendungstaugliches dabei war, durften wir das noch mal sagen. Und eventuell noch mal. Und eventuell noch mal. Grundsätzlich haben wir aber immer nur Dinge gesagt, die wir auch so meinten bzw. eine Minute vorher spontan gesagt hatten und im Wesentlichen saßen wir einfach zu zehnt an einem Tisch und haben uns über das Essen (und andere Dinge) unterhalten.

Anne und Holger

 

War die Currysuppe wirklich so schlimm?

Jup. Lustigerweise habe ich sie sogar aufgegessen, aber ich habe ja auch schon mal aus Verzweiflung Gemüsebrühepulver vernascht.

 

War die Crème zum Nachtisch wirklich so schlimm?

Jup. Lustigerweise habe ich sie sogar aufgegessen, aber ich esse ja auch Nusspli pur aus dem Becher.

Kamera

 

Waren die Punkte abgesprochen?

Nein. Natürlich bekam man während des Essens und Drehens mit, wie so die Meinung der anderen zum Essen war. Ansonsten hat aber jeder seine Punktzahl auf das Täfelchen geschrieben bzw. den umherlaufenden Punkteeinsammlern leise mitgeteilt. In der zweiten Sendung schien es tatsächlich eine Gruppe zu geben, die die Punkte durchdiskutiert hat, sowas haben wir nicht gemacht.

Täfelchen

 

Wurde etwas Wesentliches rausgeschnitten?

Ich habe die Mangosauce des Todes vermisst, die uns zum Hauptgang gereicht wurden. Niemand hat kapiert, was sie sollte und woraus sie bestand und so richtig wollten wir das auch nicht wissen. Es gibt sogar ein Behind-the-Scenes-Video feat. Mangosauce, aber das kursiert nur brav in der WhatsApp-Gruppe der Teilnehmer. Und der Hund eines Teilnehmers, der zwar eigentlich draußen warten sollte, wo es ihm aber offensichtlich zu langweilig wurde, so dass er irgendwann interessiert mitten im Restaurant stand und zugucken wollte.

 

Wie war die Stimmung?

Super. Wir haben uns von Anfang an verstanden, sowohl als Jury, als auch mit dem Produktionsteam, hatten sehr viel Spaß und haben eigentlich die meiste Zeit gelacht. Gerüchten zufolge war das nicht bei jeder Gruppe der Fall und manche haben sich eher angeschwiegen. Wir wurden eher zurechtgewiesen, jetzt aber mal bitte leise zu sein, weil jemand anders gerade etwas in die Kamera sagte und in einer anderen Ecke wild gekichert wurde. Die Gruppe war zwar wild zusammengewürfelt, von der Mentalität her hat es aber sehr gut gepasst, vielleicht auch gerade, weil sie wild zusammengewürfelt war.

Gruppe im Fernsehen

 

Würdest du das noch mal machen?

Ja.

 

Sonja vom Vest-Blog war auch dabei und hat schon Ende September darüber geschrieben.

Zu sehen gibt es das Ganze auch bei TV NOW, dazu muss man sich aber meines Wissens anmelden.

Die anderen Leute

Wenn man in der Stadt lebt, dann lebt man mit anderen Leuten zusammen. Je nachdem, wo man wohnt und wer man ist und wer die anderen Leute sind, kennt man die Nachbarn im eigenen Haus oder eben nicht. Beides ist in Ordnung. Wenn ich in Essen im Sommer durch den Stadtpark gehe, dann ist dieser voll mit kleinen Gruppen von Mensche, die auf Einweggrills Würstchen grillen, in der Sonne liegen oder Federball spielen. Das Aalto-Theater liegt auch im Stadtpark und ich finde kaum etwas schöner als de Kontrast der Leute, die in der Pause mit Sektgläsern auf der Opernterrasse stehen, während weniger Meter weiter Studenten im Gras sitzen und es ist völlig egal, auf welcher Seite man ist. Alles passiert nebeneinander und durcheinander und es sind solche Momenten, bei denen ich denke, dass das Leben in der Stadt in viel höherem Maße sozial ist als das auf dem Dorf, denn hier muss ich mich dauernd mit neuen Leuten auseinandersetzen, Leuten, die ich nicht kenne und deren Lebenswelt vielleicht eine ganz andere ist als meine, aber wir teilen uns einen Park und wir sind beide gerade hier, auch wenn wir uns wahrscheinlich danach nie wieder sehen. Das ist so eine schöne Semianonymität, mit der ich gut leben kann.

Die Leute in unserem Haus kenne ich zum Beispiel, aber das Haus ist auch nicht groß und wir wohnen immerhin schon fünf Jahre da. Und dann gibt es noch die anderen Leute, die man fast jeden Tag sieht, die bekannten Gesichter in der Straßenbahn, die genauso jeden Tag um 7:30 Uhr morgens an der Haltestelle stehen und auf die U17 warten. Die zwei Kinder mit ihrer Mutter, die offensichtlich Britin oder Amerikanerin ist, denn sie spricht Englisch mit ihren Kindern. Der Teenager, der sich im Tunnel in der Fensterscheibe spiegelt und die Frisur prüft. Am Hauptbahnhof steigen die meisten aus, drängen sich durch die Wartenden und da verlieren sich dann unsere Wege wieder.

Wir reden nicht. Immer wieder sitzen wir uns gegenüber, lernen ein bisschen mehr über den anderen oder auch nicht. Immer wieder frage ich mich, ob die anderen Leute über mich auch denken „Ach, die schon wieder. Wo die wohl hinfährt? Wie die wohl heißt? Was die wohl so macht?“, aber sie fragen mich ja nicht, genauso wenig, wie ich es fragen würde, obwohl ich es ja auch immer wieder denke.

Und dann reden wir doch. Letztens zum Beispiel, als die Bahn etwas später kam, so dass ich zur nächsten Haltestelle weiter lief, aus Ungeduld und für den Schrittzähler. An der nächsten Ecke kam mir eine Frau entgegen, die mit den schulterlangen grauen Haaren und der Mütze. Etwas verwundert guckte sie mich an, ob denn etwas wäre. Nein nein, sagte ich, die Bahn komme nur etwas später, und dann würde ich immer zur nächsten Haltestelle gehen, aber sie kommt, die Bahn.

Oder letzte Woche in der Bahn, ich saß neben dem Mann mit Bart und der coolen Schiebermütze und der Aktentaschen, auf die ich ein bisschen neidisch bin. Der Mann, von dem ich weiß, dass er nicht nur mit mir in der U17 fährt, sondern danach auch in den gleichen Zug nach Köln steigen wird. Erst in Deutz laufen wir in andere Richtungen. „Nächste Woche fahren die Bahnen wieder“, jubelt er. „Juchu!“ jubele ich zurück. Wir fachsimpeln ein bisschen über die seltsame Streckenführung, fragen uns, wo der Zug wohl langfährt, wenn der Halt in Düsseldorf entfällt, sind aber vor allem froh, dass das Elend der letzten drei Monate, in denen das abgebrannte Stellwerk repariert und unser Arbeitsweg erheblich beeinträchtigt war, vorbei sind.

Wir reden nicht dauernd, die anderen Menschen und ich. Wir möchten auch unsere Ruhe haben, morgens in der Bahn, die heilige Zeit, die man sich in den Sitz lehnen kann und mit niemandem plaudern muss. Aber wir wissen, wer da noch an der Haltestelle steht und manchmal gibt es ein weiteres Puzzlestück dazu und manchmal auch nicht, es ist auch völlig egal. Manche Menschen kommen dazu, andere sind auf einmal nicht mehr da. Umgezogen, Job gewechselt, andere Arbeitszeiten. Wir leben in der Stadt und kennen auch nur ein paar Leute, aber so viel mehr, die wir grüßen, wenn man sich auf der Straße begegnet, der Typ vom Büdchen, die Frau vom Edeka, die von der Currywurstbude, die von gegenüber und der nebenan. Aber wir kennen uns irgendwie.

Vielleicht muss es gar nicht immer ein Miteinander sein. Für den Alltag ist so ein durcheinanderes Nebeneinander völlig ausreichend und das Miteinander heben wir uns für die besonderen Tage auf.

Neue Momentaufnahmen, Herbst 2015 in Deutschland

1

Ich fahre mit der Straßenbahn von Köln-Deutz zum Heumarkt. Neben mir sitzen zwei Männer, dunklere Haut, schwarze Haare, woher sie kommen vermag ich nicht zu sagen. Warum sie mir auffallen, weiß ich gar nicht, aber irgendwas am Blick des einen ist anders, ein bisschen unfokussierter vielleicht, die Augen etwas glasiger, ich bin nicht gut im Lesen von Gesichtern.

Ich erhasche einen Blick auf die Zettel, die der andere Mann in der Hand hält. Behördenschreiben, irgendwas mit Asyl und dass mich das jetzt gar nicht wundert, ist vielleicht am erschreckendsten. Ansonsten sehen die Männer nicht anders aus als jeder andere Mensch, der hier irgendwann mal von woanders hergekommen ist. Oder dessen Eltern von woanders hergekommen sind. Oder dessen Großeltern. Aber diese Männer sind selber gerade erst hergekommen und wissen noch nicht mal ob sie bleiben dürfen. Und jetzt fahren sie Straßenbahn in Köln, genau wie ich und alle anderen um uns herum.

 

2

Im Supermarkt sehe ich einen jungen Mann zwischen den Konserven stehen und Geld abzählen. In der Hand, immer und immer wieder. In der anderen Hand hält er etwas, was, habe ich schon vergessen. Ob das Geld noch für etwas anderes reicht? Er zählt und wendet Münzen.

Ich weiß nicht, ob ich hingehen soll und sagen: „Komm, was brauchst du, ich nehm das und bezahl es.“ Aber wie bescheuert wäre das, wenn das gar kein Flüchtling ist, sondern einfach nur jemand, der gerade mal zu wenig Geld dabei hat, so wie ich manchmal auch, nicht, weil ich kein Geld habe, sondern weil ich manchmal verpeilt bin oder eben keine Zeit hatte, zum Geldautomaten zu gehen. Nur dass ich eben vom Typ her nicht die Assoziation „Flüchtling“ hervorrufe. Wie unangenehm wäre das, jemandem zu unterstellen, er könne nicht für sich selbst sorgen und bräuchte meine Hilfe, wie anmassend von mir, irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen, nur weil Menschen irgendwie aussehen und Geld zählen.

Und gleichzeitig wie furchtbar, dass ich mich nicht traue, hinzugehen und zu fragen, weil mir zehn Euro auf dem Konto nichts ausmachen, anderen Menschen aber sehr dringend fehlen. Wie doof, dass ich zu feige bin, es wenigstens zu versuchen.

Der Mann zahlt an der Kasse vor mir, als ich hinter ihm rausgehe, sehe ich, wie er an der Bäckerei abbiegt, vielleicht der Weg zum Flüchtlingsheim, vielleicht einfach der Weg nach Hause. Vielleicht ist das hier eine Flüchtlingsgeschichte, vielleicht aber auch nur die Geschichte von jemandem, der zufällig zu wenig Geld in der Hosentasche hatte. In jedem Fall ist es die Geschichte von einer jungen Frau, die immer noch nicht weiß, wie man sich am besten verhält.

 

3

In Köln-Deutz warte ich darauf, dass die Leute aus dem ICE aussteigen. Ein Mann steigt heraus, auf dem Arm ein Junge, vielleicht acht Jahre oder zehn, eigentlich zu groß, um getragen zu werden, die Füße sind verbunden, beide Füße, vorne schauen die nackten Zehen hervor. Es ist November, und obwohl es für Novemberverhältnisse sehr warm ist, ist es doch ein bisschen zu kalt für halb nackte, halb verbundene Füße.

Der Mann greift hinter sich, und ich denke, aha, jetzt reicht ihm jemand den Rollstuhl nach draußen, aber es wird nur ein Trolley herausgereicht, ein kleiner Trolley, man würde eine Woche damit in Urlaub fahren, allein, vielleicht zwei, wenn man nur T-Shirts und kurze Hosen einpacken muss.

Mit der einen Hand zieht der Mann den Trolley, auf dem Arm hat er immer noch den Jungen mit den verbundenen Füßen und so geht er den Bahnsteig hinunter zum Ausgang. Und auch das ist vielleicht keine Flüchtlingsgeschichte, wer weiß das schon, aber es ist eine Geschichte aus Deutschland im Herbst 2015, als es auf einmal Flüchtlingsgeschichten gab. Überall und immer wieder und vor allem immer wieder ohne Vorwarnung.

Laufen im Ruhrgebiet

Im Moment laufe ich ja wieder. Das bedeutet jetzt ganz konkret, dass ich in den letzten Wochen vier Mal die Laufschuhe geschnürt habe, was aber immerhin vier Mal mehr ist als in den Monaten davor, also kann man schon von einer gewissen Regelmäßigkeit sprechen.

Das Problem beim Laufen, wenn man in Essen-Holsterhausen wohnt ist, dass hier wirklich nichts Grünes in der Nähe ist. Essen-Holsterhausen liegt sehr günstig und ist zum Wohnen sehr angenehm, aber es ist auch wirklich nur zum Wohnen gut. Alle Parks oder Wäldchen liegen in anderen Stadtteilen. Man muss also erstmal irgendwo hinlaufen, um irgendwo laufen zu können. Alternativ kann man natürlich auch einfach an der A40 langlaufen. Das hat auch was, aber halt keine Bäume und Vogelgezwitscher, sondern Graffitis und vorbeirauschende Autos. Einmal bin ich an einem Sonntag durch ein Gewerbegebiet gelaufen, das war eigentlich auch sehr entspannend, denn am Sonntag sind da noch weniger Menschen als im Wald. Nur schön ist es halt nicht, aber man zieht ja auch üblicherweise nicht ins Ruhrgebiet, weil es da so schön ist. Hier ist ja nicht Heidelberg.

Ich kann also entweder einen Kilometer zum Stadtpark laufen und da dann mehrere Runden drehen oder, wie ich letztens entdeckt habe, zwei Kilometer bis zur Margarethenhöhe und dann runter in ein Wäldchen. Das Wäldchen hat den Vorteil, dass im Sommer da nicht alle fünf Meter jemand steht und Würstchen grillt und einem so dezent an der Laufmotivation kratzt.

Heute habe ich dann noch etwas viel abgefahreneres gemacht und bin bis zum Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim an der Ruhr gelaufen. Das geht erstens deswegen, weil wir eben im Ruhrgebiet wohnen und es da ohnehin schwierig ist, eine längere Strecke zurückzulegen ohne dabei aus Versehen oder absichtlich in einer anderen Stadt zu landen. Zweitens geht es noch einfacher, weil Holsterhausen direkt an Mülheim dranhängt, und man von uns aus nur ein bisschen zu weit nach Westen laufen muss und ZACK!, Mülheim an der Ruhr. Tatsächlich hatte ich noch nicht mal fünf Kilometer voll, als mir ein Schild auf dem Laufweg Mülheim an der Ruhr als fahrradfreundliche Stadt vorstellte.

Im Rhein-Ruhr-Zentrum war Antik- und Flohmarkt, das weiß ich auch noch von früher, als meine Mutter dort regelmäßig war, bis ihr der Markt zu doof wurde. Mit hochrotem Kopf manövrierte ich also durch die Flohmarktbesucher. Das ist eine meiner besonders gut ausgeprägten Fähigkeiten. Ich kann mich sehr gut und sehr schnell durch mäandernde Menschenmassen vorwärts bewegen. Das habe ich in vielen Jahren auf Flohmärkten perfektioniert, weil ich ja nie zum Gucken da war, sondern irgendwie zum Stand meiner Mutter wollte, um da lässig hinterm Stand abzuhängen und von Leuten Sachen gefragt zu werden, die ich nicht beantworten konnte.

Ich drängelte mich also durch die ganzen Menschen bis auf die andere Seite des Flohmarktes und fuhr dann zwei Stationen mit der Straßenbahn Richtung Essen. Dann lief ich noch ein bisschen gemütlich an der A40 lang und schleppte mich nach insgesamt knapp sechs Kilometern noch drei Stockwerke hoch, um mich direkt unter eine kalte Dusche zu schmeißen.

Insgesamt ist dieses Laufen ja ganz nett. Die Kondition aus dem letzten Jahr habe ich wie durch ein Wunder behalten. Ich merke nur immer wieder, wie schwierig es ist, in einer dicht bebauten Stadt vernünftige Laufrouten zu finden. Ich möchte nicht erst irgendwo hinfahren, um da dann zu laufen, das finde ich albern und dem Sinn und Zweck der ganzen Aktion höchst unangemessen. Zudem sind fünf Kilometer doch deutlich länger als man denkt und ich muss dauernd Umwege laufen, hier noch eine Schlaufe länger, da noch ein bisschen weiter geradeaus, um auf irgendwelche sinnvollen Strecken zu kommen.

Wenn ich mir jetzt also nicht wie letztes Jahr wieder eine doofe Bänderdehnung hole, dann laufe ich jetzt vielleicht wieder öfter. Zum Stadtpark, an der A40 entlang oder durch den Wald in andere Städte. Das geht ja alles, wenn man in Holsterhausen wohnt.

Erster Street Food Markt Essen

Es passt uns ganz gut, dass ich mich im Datum geirrt habe und wir gar nicht am Sonntagabend, sondern erst Mittwoch auf dem Konzert in Köln sind. So haben wir nicht nur einen gemütlichen Abend gewonnen, sondern außerdem auch nicht so viel Stress auf dem Street Food Markt. Dem ersten Street Food Markt in Essen, um genauer zu sein, auf einem ehemaligen Krupp-Gelände im Westviertel, das sich jetzt „Schöner Alfred“ nennt.

Street Food Märkte sind ja der neue heiße Scheiß, das nächste große Ding. In Duisburg gibt’s einen, in Düsseldorf und Köln, in Berlin sowieso. Jetzt dankbarerweise auch in Essen. Wir parken auf der Frohnhauser Straße und folgen den Schildern, die uns zum schönen Alfred leiten sollen. Dann sehen wir die Schlange. Einmal bis zur Straße und dann noch mal um die Ecke mindestens genauso weit. Wo wir jetzt aber schon mal hier sind, gucken wir erst mal, reihen uns hinten ein und sind innerhalb von ungefähr sieben Minuten am Eingang. Ich zahle sechs Euro Eintritt für zwei Personen und dann stehen wir auf dem Gelände vom schönen Alfred und wären dann bereit für etwas zu essen.

Schilder

Natürlich ist es auch drinnen voll. Sehr voll sogar. Besonders beliebt scheinen mir die Burgerstände. Es gibt normale Burger, Kimchi-Burger, bei denen der Inhalt statt zwischen zwei Brötchenhälften zwischen zwei Nudelplatten steckt. Burger mit Rind, Burger mit Meeresfrüchten, Burger mit beidem.

Kimchiburger

Wir sondieren erst mal die Lage, drängeln uns bis hinten durch, schauen mal in die Innenräume und entscheiden uns dann für einen Stand vom Turboimbiss mit weniger langer Schlange, bei dem es asiatische Dampfbrötchen mit karamellisiertem Schweinebauch gibt. Irgendwann gab es hier auch mal asiatische Dampfbrötchen mit vegetarischer Füllung, die sind aber aus. Während ich in der Schlange stehe, holt der werte Herr Gemahl Getränke. Mate für mich, Bier für ihn. Bei mir geht’s immer noch nicht voran. Der Stand wird von zwei Herren besetzt, die mit der Dampfbrötchenproduktion kaum hinterherkommen. Nebenan werden Tacos gemacht, ich helfe dabei, das improvisierte Schild mit „NO VEGGIE!“ an den Wagen zu kleben, damit sich keiner umsonst anstellt und bekomme dann meine Dampfbrötchen. Eine kleine Portion für 4,50 Euro, aber letztlich kommt es ja auf den Geschmack an. Außerdem wollen wir ja vieles probieren, da muss man sich den Magen nicht zwangsläufig vollschlagen.

Dampfbrötchen_EDG7940

Aber: Lecker ist das! Echtjetzma! Butterweiches, anscheinend tagelang geschmortes Fleisch, mit Salat, Erdnüssen, Sesam und leckerer Soße. Wir sind beide sehr angetan, das Brötchen ist samt Inhalt schnell im Magen verschwunden und wir suchen weiter.

In einer Art Nische finden wir die Stände vom Zodiac und einen Stand, an dem es Sate-Hühnchen gibt. Sate-Hühnchen ohne Spieß, erklärt man mir. Man hätte relativ schnell eingesehen, dass man mit dem Aufspießen sehr viel Zeit verbringen würde und hätte es dann einfach gelassen. Außerdem könnte man so besser teilen. Ich erfahre auch noch, dass die Erdnusssauce nicht mit Erdnussbutter, sondern nur mit gerösteten Erdnüssen hergestellt wurde und dann ist alles fertig und ich kann das Schälchen mit an den Stehtisch nehmen. Auch hier, ein bisschen klein die Portion für 4,50 Euro, aber auch hier gibt es geschmacklich nichts zu beklagen.

GrillSate

Als nächstes flüchten wir in den Innenraum, denn es ist zwar wunderbar sonnig, aber auch sehr kalt. Innen gibt es nicht nur viel Platz zum Sitzen, sondern auch den Stand von An Banh Mi, der bei mir ganz oben auf der To-Eat-Liste steht. Also, das, was es dort gibt, nicht der Stand selber. Stände kann man nicht gut essen. Vietnamesisches Sandwich also. Ich stehe wieder in einer Schlange, hinter mir Leute, die anscheinend viel Bock auf oder zumindest kein Problem mit Körperkontakt haben. Im Gegensatz zu mir. Nebenan wird bei Chilees irgendwas koreanisches gemacht, ganz ohne Schlange, sieht aber auch lecker aus. Wenn ich nicht unbedingt dieses Sandwich haben wollen würde, würde ich jetzt schnell den Stand wechseln.

An Bahn MiKoreanisches DingsAm Stand

Aber dann darf ich auch schon bestellen, die Winkekatze winkt mir zu und ich nehme das vietnamesische Sandwich mit Chili Beef in Empfang. Auch hier: Lecker. Bisher war alles lecker, frisch gemacht, gut gewürzt, etwas kleine, aber eigentlich sehr gut kalkulierte Portionen. Es ist Street Food, für auf die Hand, alles fünf Euro und drunter. Da kann man nicht meckern.

WinkekatzeVietnamesisches Sandwich

Wir holen uns noch zwei Bier, und gehen wieder raus in die Kälte. Bisher sind wir ganz zufrieden. Die Anstellerei nervt, es ist arg voll und unübersichtlich, mir fehlt ein Plan, also ein Standplan, wo ich sehe, was wo ist, aber wenn es welche gab, dann sind die sicherlich längst vergriffen.

Unkraut

Wir nehmen uns den Stand vom Comptoir du Cidre vor, an dem groß „Cidre Steak“ steht. Das Steak, so steht es da auf einer Tafel wurde unendlich lange mariniert, dann fast genauso unendlich lange Sous-Vide-gegart und dann wurde noch mal unendlich lange irgendwas anderes damit gemacht. Das Fleisch musste also länger auf diesen Moment warten als wir. Ich bin schon ganz angetan von den Cidreflaschen mit einem lustigen Seemann auf dem Etikett. Der werte Herr Gemahl ist währenddessen angetan vom Fleisch. Serviert auf Röstbrot mit Senf, Schnittlauch und einer Soße. Während wir noch auf die zweite Portion warten, hat er die erste verdrückt, hält dem Standmenschen einen Fünf-Euro-Schein hin und sagt: „Noch eins!“

Stand Steak

Danach verziehen wir uns wieder nach drinnen. Jeder Innenraum sieht anders aus, es hängen Fähnchen rum oder bunte Kugeln, die Leute stehen an Stehtischen oder sitzen an langen Tischen. Dochdoch, das ist schick hier, das kann man gut machen. Ich werde zum Eisholen geschickt. Am ersten Eisstand tut sich nichts in der Schlange, außer, dass sich Menschen vor und hinter mir auf einmal Zigaretten anstecken. Ich flüchte und finde einen anderen Stand, wo es Frozen Yoghurt gibt, die Schlange weniger lang und beweglicher ist und niemand raucht. Das ist besser. Ich nehme also bei Sorelli’s einen warmen Brownie mit Frozen Yoghurt, Salzkaramellsoße, Erdbeeren und Haselnusskrokant, bezahle 5 Euro und mache mich auf zum werten Herr Gemahl.

InnenSorelli's Frozen Yoghurt

Auch der Nachtisch überzeugt. Das mag auch an meinem guten Händchen für Soßen-Beilagen-Kombinationen liegen, aber sicherlich auch an Brownie und Eis. Wir kratzen das letzte aus dem Becher, dann sind wir fertig. Fertig mit dem Eis und fertig mit dem Street Food Markt. Keine Piroggen, kein Burger, nichts Japanisches, keine Burritos. WAS WIR ALLES NICHT GEGESSEN HABEN!

Menschen Piroggen

Was wir vor allem nicht gegessen haben: Waffelburger von Bukfylla. WAFFELBURGER! Ich meine: WAFFELBURGER! Das erfahre ich aber erst abends zu Hause auf Twitter. Angeblich soll auch da die Schlange sehr lang gewesen sein, wahrscheinlich hätte ich also auch keinen Waffelburger gegessen, wenn ich rechtzeitig über dieses Wunderwerk an gastronomischer Zusammensetzungsfantasie informiert gewesen wäre. Aber, ey: WAFFELBURGER!

Bukfylla

Dann eben beim nächsten Mal. Der nächste Street Food Markt beim schönen Alfred ist am 10.5. Man kann sich das also schon mal schön im Kalender markieren oder einfach bei Facebook auf Teilnehmen klicken.

Ich würde mir zwar wünschen, dass die Veranstaltung auf zwei Tage ausgedehnt wird, um so eventuell auch dem Besucheransturm gerecht zu werden, aber solange ich Waffelburger kriege, soll mir alles recht sein.

Schöner Alfred auf Facebook

 Bericht in der WAZ

Ein paar mehr Bilder gibt es auf einem Flickr-Account

Schienenersatzverkehr – Keine Liebesgeschichte

Ich könnte jetzt die komplette, etwas komplizierte Geschichte erzählen, wie es zum Schienenersatzverkehr kam, aber das verwirrt dann wieder nur alle und ist auch nicht sonderlich interessant. Jedenfalls muss ich diese Woche jeden Tag mit einem Bus von Essen nach Ratingen fahren und kann nun relativ sicher behaupten, dass man das auch nicht zwingend länger als eine Woche tun muss.

Dabei ist der Schienenersatzverkehr prinzipiell gar nicht so schlimm, wie ich befürchtete. Montagmorgen zum Beispiel fand ich es sehr gemütlich über Essen-Werden am Baldeneysee vorbei nach Kettwig zu gondeln, dann über die Brücke über den Ruhrstausee, vorbei am Schloss Hugenpoet und dann irgendwelche Serpentinen hoch durch einen Wald und an Feldern und Wiesen mit Pferden und Schafen vorbei über Hösel bis nach Ratingen. Das war erstaunlich entspannend, man sieht mal wieder, wie hübsch die Gegend ist und ist entzückt über goldgelbe Felder, wo sich die Ähren im Wind wiegen oder so ähnlich, ich kenne mich da in der Landschaftsbeschreibungsterminologie nur so mittel aus, ich bin auch bei „Herr der Ringe“ immer ausgestiegen, wenn Tolkien anfing, einen Berg zu beschreiben und hab da weitergelesen, wo die Adjektivhäufung aufhörte.

Das Problem ist aber folgendes. Erstens kann ich im Bus nicht lesen oder nur in Momenten, in denen die Konstellation meiner körperlichen Verfassung und der Fahrstil des Busfahrers besonders günstig steht. Diese Momente sind leider sehr selten. Ansonsten wird mir vom Lesen im Bus schlecht. Man kann das eine Woche ganz gut überbrücken, in dem man Podcasts hört, aber das ist auf Dauer ja auch keine Lösung. Im Zug dagegen kann ich alles machen, manches sogar gleichzeitig.

Also höre ich Podcasts und würde dabei gerne aus dem Fenster gucken und mich an der hübschen Landschaft erfreuen. Hier kommt das nächste Problem: Aus mir schleierhaften Gründen werden Busse gerne auf beiden Seiten komplett von oben bis unten und von hinten bis vorne mit Werbung tapeziert. Das mit der Werbung verstehe ich ja noch, dafür bekommt man Geld und kann schönere Busse kaufen oder alte Busse reparieren. In gefühlt acht von zehn Fällen werden dabei aber die Fenster mit tapeziert und man kann die entzückenden Schafe auf den hübschen Wiesen nur durch ein auf der Außenscheibe aufgeklebtes Lochmuster sehen.

Und genau das scheint mir das Grundproblem beim Busfahren zu sein: Im Zug brauche ich nicht aus dem Fenster zu gucken, da kann ich nämlich lesen, ich könnte aber aus dem Fenster gucken, weil bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, Werbung an einen RE oder gar einen ICE zu kleben. Im Bus, wo ich nicht lesen kann und ich auf einmal große visuelle Kapazitäten frei habe, mit denen ich prima aus dem Fenster gucken könnte, kann ich das nicht, weil ich eh alles nur hinter einem Grauschleier erahnen kann. Da hat doch jemand nicht richtig mitgedacht! Das ergibt doch so alles keinen Sinn!

Es ist aber auch ein bisschen egal, weil ich nur noch morgen einmal nach Ratingen und wieder zurück muss und ab nächster Woche wieder mit Zügen fahren darf. Das ist vielleicht dann auch für alle Beteiligten ganz gut, denn entweder meine Verfassung wird zunehmend schlechter oder der Busfahrer heute hatte es besonders eilig, nach Essen zu kommen. Möglicherweise wollte er auch das Fußballspiel nicht verpassen. So habe ich mich jedenfalls erfolgreich zurückgehalten und auch heute nicht in den Bus gekotzt. Ich bin ein bisschen stolz auf mich und wenn in der nächsten Woche jemand, der aussieht wie ich, in Essen in die Bahn steigt und spontane Loblieder auf den Schienenverkehr intoniert, dann ist jetzt hoffentlich auch klar, wie es dazu kommen konnte. Es war mal wieder der Schienenersatzverkehr mit Bussen.

Die Ruhe nach dem Sturm

Es fing ja eigentlich damit an, dass wir gestern Abend nach Hause kamen und an der Kreuzung auf einmal alle Ampeln ausgingen. Dabei dachte ich mir noch gar nicht so viel, bis wir dann in unsere Straße kamen, wo die Nachbarn über die Straße hinweg laut rufend abcheckten, ob bei allen anderen wohl auch der Strom ausgefallen sei. Ja, war er. Überall. Strom weg.

Für solche Fälle bin ich ja gewaffnet und habe ausreichend viele Kerzen und Streichhölzer im Haus. Nur den Tatort konnten wir dann nicht gucken, dafür schnibbelte ich bei Kerzenschein noch schnell die restlichen Erdbeeren klein und holte den Sekt aus dem Kühlschrank, der musste ja weg, solange er noch kalt war.

Dann kam der Strom wieder.

Und dann kam der Sturm. Eigentlich erwartet man das ja andersrum, erst Sturm und Gewitter, dann Strom weg. Hier im Ruhrgebiet macht man das wohl andersrum. Es war ein ganz schönes Stürmchen mit ziemlich viel Geblitze und bedenklich viel Wasser, das eimerweise vom Himmel runterkam. Plötzlich leuchtete noch nicht mal mehr das RWE-Drehding, und ich wusste nicht, ob das jemand absichtlich abgeschaltet hatte, es einfach ausgegangen war oder ich es einfach durch den Regen nicht mehr sehen konnte.

Währenddessen konnte man auf Twitter schön verfolgen, wo sich das Unwetter noch so umtrieb. Arme Menschen hingen an Bahnhöfen fest oder teilten beunruhigende Videos mit wankenden Bäumen und Dauerblitzen. Vor dem Fenster prasselte und blitzte und stürmte es und irgendwann war dann gut, wir rissen die Fenster auf, um die Luft reinzulassen und gingen ins Bett und schliefen schlecht.

Heute morgen machte ich mich dann todesmutig auf Richtung Bahnhof, in der zugegebenermaßen eher irrigen Hoffnung, zur Arbeit fahren zu können. Dass die U-Bahn nicht fuhr, schien mir angemessen und ich lief zu Fuß, musste dabei ein paar Mal wegen umgeknickter Bäume auf der Straße entlanglaufen und einmal unter einem querliegenden Ast durchkrabbeln, ansonsten ging das aber ganz gut. Natürlich fuhr dann nichts. Also so gar nichts. Arme Menschen lagen in den Gängen auf dem Boden, hatten scheinbar notdürftig am Bahnhof übernachtet, andere saßen auf den Treppen oder standen rum und ließen sich vom Bahnpersonal Bestätigungsschreiben aushändigen, auf denen die Bahn offiziell bescheinigte, dass nichts lief. Also lief ich wieder nach Hause, kam an einem komplett entwurzelten Baum vorbei, klärte noch ab, dass ich wohl eher nicht auf die Arbeit kommen würde und legte mich wieder ins Bett.

Später habe ich dann noch die Situation und das mittlerweile doch verdächtig schöne Wetter genutzt, den Mann zur Arbeit begleitet und dann im Stadtpark nach dem Rechten gesehen. Und jetzt sitze ich wieder auf dem Sofa und lausche dem mittlerweile vertrauten Klang der Sirenen. Da muss noch ganz schön viel aufgeräumt werden.

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Irgendwo auf der Holsterhauser Straße

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Leicht lädierte Ampel

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Extrasicherung beim Zebrastreifen

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Baustelle hinterm Bahnhof – heute mit Baum

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Irgendwo an der Papestraße (glaube ich)

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Komplett entwurzelt

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Ecke Gemarkenstraße/Kahrstraße

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Unter diesem Baum ist ein armes rotes Auto versteckt.

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Dieser Baum hat sich bemüht, zwischen den Autos zu landen.

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Komplettentwurzelung – Parkedition

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Unwetterbegutachter wie wir (dahinter die Philharmonie).

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Auch diese Lichterkette hat es erwischt.

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Der Springbrunnen tut so, als wär nix.

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Normalerweise ist es im Stadtgarten nicht so unordentlich.

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Kreuzung Alfredstraße/Zweigertstraße

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Man kann es schlecht sehen, aber die Oberleitungen hängen sehr ungünstig. Diese arme Straßenbahn steht nur dumm rum.

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Armes Autochen.