Kategorie: Ruhrgebiet

Astrophysik

In der Mayerschen Buchhandlung in Essen gibt es in der Spielwarenabteilung Geburtstagskörbe für Kinder. Das ist quasi das Äquivalent zu den Hochzeitstischen bei Kaufhof, nur als Plastikkorb in einem EXPEDIT-Regal und mit weniger Geschirr und Besteck und mehr Spielzeug.

(Die Diskussion, warum es in Buchhandlungen Spielwarenabteilungen gibt, soll jetzt hier übrigens auch nicht geführt werden.)

Heute lief jedenfalls eine Familie auf das Geburtagskorbregal zu.

„Da isses“, sagte die Mutter und zog einen roten Plastikkorb aus dem Regal und guckte rein.

„Ist aber schon leer“, sagte sie.

„Tja“, sagte der Vater. „Da kann man nix machen. Hat aber auch sein Gutes. Dann kann ich ja jetzt doch das Astrophysikbuch kaufen.“

Ob das Astrophysikbuch für ihn oder das Geburtstagskind sein sollte, das konnte ich allerdings auch nicht rausfinden.

Neujahrsspaziergang oder Zombiecalypse now!

Sonne

Ich habe heute morgen einen unfreiwilligen Neujahrsspaziergang gemacht. Und das kam so:

Aus Gründen, die niemand versteht, am allerwenigsten wir, waren wir heute um Viertel nach neun wach. Das ist aus zwei Gründen beachtlich: Erstens, weil wir auch an normalen Ausschlafmorgenden durchaus mal bis nach zehn schlafen und zweitens, weil das kein normaler Ausschlafmorgen war. Statt dessen plumpsten wir in der Neujahrsnacht gegen vier Uhr morgens ins Bett und das auch noch nicht mal, weil wir so irre abgefeiert haben und sturzbetrunken waren, sondern, weil wir gut acht Stunden bei einer Silvesterparty ausgeholfen hatten und nicht mehr konnten.

Zombiekalypse

Trotzdem also um Viertel nach neun wach und wenn man schon mal wach ist und Neujahr ist und außerdem die Sonne scheint, dann kann man auch schon mal auf die Idee kommen, man könnte ja Brötchen fürs Frühstück holen. Also angezogen und raus.

Selbstverständlich hatte keiner der drei Bäcker in unmittelbarer Nähe geöffnet. So etwas hatte ich mir zwar fast schon gedacht, aber man ist ja optimistisch und denkt sich, dass vielleicht doch irgendwo ein Bäcker, aber nein, keiner. Ganz Holsterhausen nicht nur ausgestorben und unter Silvesterknallermüll begraben, sondern auch komplett brötchenfreie Zone.

Zombiekalypse

Dann passierte etwas, was man vielleicht den Forrest-Gump-Effekt nennen könnte, ich dachte nämlich: „Na ja, wenn ich jetzt schon hier bin, guck ich noch mal bei dem anderen Bäcker auf der Soundsostraße, ob der vielleicht auf hat.“ Der Bäcker auf der Soundsostraße hatte selbstverständlich auch nicht geöffnet, aber weil der Bäcker auf der Soundsostraße auf halbem Weg nach Rüttenscheid liegt und ja die Sonne schien und ich ausnahmsweise mal halbwegs früh auf den Beinen und dementsprechend sehr stolz auf mich war (und wir außerdem auch kein wirkliche Brötchenalternative im Haus hatten), dachte ich dann: „Na ja, wenn ich schon mal hier bin, dann kann ich auch noch nach Rüttenscheid laufen, und gucken, ob da ein Bäcker auf hat.“

Man kann jetzt schon ahnen, wie die Geschichte weitergeht: In Rüttenscheid hatte selbstverständlich auch kein Bäcker auf, jedenfalls keiner bis zum Rüttenscheider Stern und weiter wollte ich nicht laufen. Statt dessen dachte ich: „Na ja, wenn ich jetzt schon mal hier am Stern bin, kann ich ja auch mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof fahren und da gucken, ob ein Bäcker auf hat.“

Gott sei Dank endet die Geschichte dann auch bald, denn am Hauptbahnhof gab es Bäcker. Also, es gab Kamps. Das zählt zwar an normalen Tagen nicht als akzeptabler Bäcker, aber in Notsituationen schon.

Man möchte sich auch gar nicht überlegen, wie das weitergegangen wäre, wenn am Hauptbahnhof kein Bäcker aufgehabt hätte. Ich hatte nämlich zum Zwecke des Bezahlens mein Portemonnaie dabei und da ist auch meine BahnCard 100 drin, der nächste logische Schritt wäre also gewesen, sich von nächstgrößerer Stadt zu nächstgrößerer Stadt zu hangeln, und wenn es dann in Düsseldorf keine Brötchen gegeben hätte, wäre ich nachher noch nach Köln gefahren. Da hätte man in der Zeit fast selber Brötchen backen können, Trockenhefe und Mehl hab ich jedenfalls tatsächlich im Haus.

Zombiekalypse

Was mir dann noch aufgefallen ist: Selten sind Straßen so menschenleer und seltsam wie am Neujahrsmorgen. Selbst Rüttenscheid war wie ausgestorben, statt dessen überall leere Flaschen und Pappmüll, Raketenstöckchen und abgebrannte Wunderkerzen. So ein bisschen muss man sich wohl die Zombiekalypse vorstellen, nur vielleicht mit weniger Sekt- und Champagnerflaschen und statt Luftschlangen das ein oder andere verstreute Körperteil. Kommt aber auch auf die Art der Zombies an, nicht alle sind ja zwingend gewalttätig.

Aber vielleicht denke ich sowas auch nur, weil ich sehr oft über die Zombiekalypse nachdenke, aber das ist dann doch eine andere Geschichte und hat auch überhaupt rein gar nichts mit Brötchenholen zu tun.

Zombiekalypse

Ich habe aus Anschauungszwecken alle Bilder (bis auf das erste ganz oben) durch einen hübschen Filter gejagt, damit das mit der Zombiekalypse wenigstens ein bisschen nachvollziehbar wird. In Wirklichkeit war der Himmel nämlich gar nicht so gelbgräulich, sondern eher knalleblau.

Zombiekalypse

Immerhin wurde bei uns in der Straße mit echtem Champagner gefeiert. Sollte es zu einer wirklichen Zombiekalypse kommen, gehen wir hier wenigstens stilvoll unter.

Zombiekalypse

Luftschlangen. Fast wie Gedärme. Nur bunter. Und aus Papier. Und nicht eklig. Eigentlich überhaupt nicht wie Gedärme.

Webgedöns wegen Tödlichem Männerschnupfen

Ich würde total gerne was über den Besuch bei der Bäckerei Förster schreiben, bei der wir mit Stollen, Keksen und Schokolade abgefüllt wurden und nach Hause hätten rollen können, wenn es nach Hause nicht (zumindest teilweise) bergauf gegangen wäre.

Stollentesten

Stollentesten (Serviervorschlag)

Ebenso gerne würde ich etwas über Antwerpen schreiben. Also über Antwerpen und den Antwerpener Bahnhof und natürlich über den „Der Rosenkavalier“, der in der Antwerpener Oper von Christoph Waltz inszeniert wurde und wirklich sehr gut war. (Das ist schon mal die Kurzfassung für Leute, die sich fragen, ob sich das lohnt: Ja, tut es.)

Frituur

Antwerpen (Serviervorschlag)

Statt dessen liege ich im Bett und schniefe und huste, weil mich gestern Abend wieder mal der Tödliche Männerschnupfen heimsuchte und sich jetzt mittlerweile im Kopf schön breit gemacht hat.

Oper

Hochkultur (Serviervorschlag)

Was Sie aber machen können: Schon mal bei Sandra und Doreen lesen, wie’s beim Stollentesten war, oder bei diversen Zeitungen nachlesen, wie die Journalisten Waltz‘ Inszenierung fanden. (Spoiler: Von gelungen bis gescheitert ist alles dabei, googeln Sie halt nach „Rosenkavalier Waltz“, und Sie können sich was aussuchen.) Ich fand die Kritik auf Nachtkritik.de am zutreffendsten, habe jetzt aber auch nicht alles gelesen.

Oper II

Der Rosenkavalier (Serviervorschlag)

Und wenn Ihnen dann immer noch langweilig sind, können Sie ja meinen Artikel über das schlechteste Buch des Jahres lesen, den ich letzte Woche noch schrieb, also damals, vor dem tödlichen Männerschnupfen. Im CULTurMAG steht jetzt jedenfalls, warum ich Joël Dickers Bestseller „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ [Werbelink, wenn Sie sich dieses Buch trotz aller Warnungen kaufen, möchte ich wenigstens etwas davon abbekommen] so unfassbar furchtbar fand. Ich habe es trotzdem komplett gelesen bzw. gehört, es war ja ein Hörbuch, was das Raussuchen der schönsten Zitate erheblich erschwert, aber ich schweife ab. Lesen Sie dieses Buch nicht. Oder warten Sie, bis es als Taschenbuch rauskommt und geben Sie wenigstens nicht so viel Geld dafür aus. Wofür es taugt: Die Leute in irgendwelchen sozialen Netzwerken mit Gejammer und Zitaten amüsieren. Immerhin.

Ich geh jetzt noch etwas husten und schniefen.

Cinderella von Sergei Prokofjew im Aaltotheater in Essen

Ob sie mich mit Karten fürs Ballett locken könnte, fragt Inkanina mich auf Twitter. Öh, ja, sage ich, denn ich mache ja bekanntlich fast alles mit. Also, zwei Karten hätte sie für die Premiere von Prokofjews Cinderella, aber an dem Tag könnte sie leider nicht, ich könnte also beide haben und einfach jemanden mitnehmen.

Da bin ich ja schon überfordert. Es ist schwer genug, die Leute in die Oper zu bekommen und da wird immerhin noch gesungen, aber ins Ballett? Ich habe doch selber keine Ahnung von Ballett, ich war noch nie im Ballett, ich kenne auch kaum Leute, bei denen ich denken würde, dass sie ins Ballett gehen wollen würden. Aber ich finde doch noch jemanden, Brooke hat nicht nur Lust, sondern sogar Zeit und weil an dem Wochenende der BVB im Ruhrgebiet spielt, sogar Gelegenheit, nach Essen zu kommen. Ansonsten wäre ich auch alleine gegangen, ein bisschen ist es ja auch egal, man sitzt ja die meiste Zeit sowieso rum und darf sich nicht unterhalten, aber wenn ich schon zwei Karten habe, kann man das ja auch ausnutzen.

Ballett also. Kenn ich gar nicht. Ich hab nur Bunheads geguckt und geliebt und innerlich ein bisschen rumgewütet, als es abgesetzt wurde. Bei Bunheads hatte ich das erste Mal das Gefühl, ich könnte Tanzerei ernsthaft interessant finden. Da kommt so eine Einladung gerade recht und ich kann jetzt überprüfen, ob ich das wirklich interessant finde oder eher so theoretisch und im Rahmen einer Amy-Sherman-Palladino-Serie.

Die Zeitangaben sind widersprüchlich, im Internet steht etwas anderes als auf der Karte, also nehme ich mal den früheren Termin und bekomme um kurz vor sieben noch von einem streikenden Menschen einen Zettel in die Hand gedrückt, weil das Orchester streikt. Er beruhigt mich aber, es würde selbstverständlich schon gespielt werden, aber vielleicht eben mit ein bisschen Verzögerung.

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Brooke hat den Haupteingang auch gefunden, schnell den Mantel abgeben und dann gongt es auch schon und wir fallen erstmal unangenehm auf, weil wir von der falschen Seite in den Saal kommen und uns an sehr vielen Menschen vorbei auf unsere ziemlich guten Plätze drängeln müssen. Es wird dunkel, der Vorhang geht auf und wir sehen die Vorgeschichte von Cinderella in wenigen Bildern. Cinderella mit ihren Eltern. Dunkel. Cinderella, die ihre Mutter anguckt. Dunkel. Cinderella nur mit ihrem Vater. Dunkel. Vorhang. Soviel dazu. Was lernen wir daraus? Es war einmal eine glückliche Familie, aber dann starb die Mutter und Vater und Tochter bleiben übrig.

Streikpause gibt’s auch nicht. Sowas.

Generell ist es gut, dass wir hier Cinderella gucken und nicht irgendwas anderes. Hier kenne ich zumindest die Story und kann mir das, was auf der Bühne passiert recht gut zusammeninterpretieren. Die drei Tänzer in den grauen Kleidern, die da etwas grotesk über die Bühne tanzen, das sind die Stiefmutter und die Stiefschwestern. Ich muss ein paar Mal gucken, aber ja, das sind Männer, die diese Rollen spielen. Im Nachhinein lese ich, dass das oft so gemacht wird, inmitten der ganzen Eigenheiten dieser modernen Inszenierung ist das also beinahe traditionell.

Da ich mich mit Tanzen aber gar nicht auskenne, kann ich den Grad zwischen klassischer und moderner Inszenierung nur erahnen. Eher modern, aber eben mit klassischen Elementen, die allerdings rar gesät sind. Tutu trägt hier keiner, auf Spitze wird nur selten getanzt, aber dazu kommen wir sowieso später. Cinderellas Vater trägt Anzug und schleppt eine Orange mit sich rum, Cinderella tanz barfuß und trägt ein einfaches blaues Kleid. Auf der Bühne stehen weiße Möbel schräg im Boden eingesunken, ich habe spontane Alice-im-Wunderland-Assoziationen. Und ja, es ist ein bisschen anstrengend, für meine erste Balletterfahrung hätte es vielleicht doch etwas klassischer sein können, aber dann eben nicht. Das Leben ist kein Wunschkonzert, noch nicht mal, wenn man ins Tanztheater geht.

Um noch etwas weniger klassisch zu sein, wird auf einmal ein grüner Rasenstreifen ausgerollt und dann hört das Orchester auf zu spielen und es erklingt „Because of You“ von Les Baxter. Noch einmal darf Cinderellas Mutter auftreten und mit Mann und Tochter zu maximal-kitschiger Musik der fünfziger Jahre tanzen. Und zwar, jetzt kommt’s: Auf Spitze. Mit Spitzentanz – oder wie wir Ballettexperten sagen: en pointe – ist das nämlich so: Fast alles, was die Leute da auf der Bühne machen, kann ich irgendwie nachvollziehen. Ich kann das zwar nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass man das kann, wenn man es halt lange genug macht und oft genug übt. Spagat verstehe ich. Luftsprünge verstehe ich. Hebefiguren verstehe ich, Dirty Dancing ist da nicht unschuldig. Verstehe ich alles. Ich kann’s nicht, aber mein Gehirn hat kein Problem damit, das irgendwie zu verstehen.

Spitzentanz verstehe ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das gehen soll, das ist vollkommen abgefahren, was die da macht. Das kann doch gar nicht gehen, wie soll das gehen, das KANN nicht gehen. Ich starre also fasziniert auf die Bühne und bin überzeugt davon, dass das überhaupt nicht funktionieren kann, was die da macht. Leider gibt es heute Abend viel zu wenig Spitzentanz, aber vielleicht ist das auch gut so, sonst würde mein Hirn ob dieser Ungeheuerlichkeit noch durchdrehen. Ich befürchte auch, dass sich diese Faszination auf Dauer ein bisschen abnutzt, irgendwann sieht man wahrscheinlich auch als Nichttänzer ein, dass das irgendwie gehen muss, wenn es dauernd jemand tut, aber noch bin ich nicht soweit. Glücklicherweise. So kann ich noch ein bisschen weiter fasziniert auf die Bühne starren.

Dann setzt wieder das Orchester ein und die grotesk-groben Mannweiber bereiten sich schon mal auf den Ball vor und setzen nebenbei alles daran, Cinderella und ihren Vater zu trennen. Da wird weggetragen, in den Weg gestellt und abgelenkt und zwar immer sehr gemein. Ein fröhliches Leben hat Cinderella da nicht, das sieht man schon und außerdem weiß man das ja auch aus dem Märchen.

Dann kommt ein Bote mit einer Taube und einem roten Kleid für Cinderella und es wird ein bisschen surreal. Die Taube wird irgendwie an einer grünen Wand befestigt und an der Wand wird auch rumgetanzt. Vor allem gibt es dazu keine Musik, sondern nur ein seltsames Kratzgeräusch. Sehr lange geht das so. Vielleicht ist das der Orchesterstreik, wahrscheinlich gehört es einfach zur Inszenierung. Ich könnte das besser sagen, wenn ich die Musik kennen würde, tu ich aber nicht. Also nehmen wir dieses Zwischenspiel hin, wundern uns ein bisschen, denken „Tjo, modern halt“ und dann Vorhang, Pause.

Wir nutzen die Pause, um Programmhefte zu besorgen und ein bisschen durchs Aalto zu laufen, das Brooke von innen noch gar nicht kennt. Auf den Balkon kann man leider in dieser Jahreszeit nicht mehr, dabei ist das für mich eins der Highlights des Aaltos. Im Sommer hier zu stehen, während draußen im Stadtpark die Leute grillen, das ist toll, das ist so Ruhrgebiet, so Essen. Hochkultur und Picknick direkt nebeneinander, das geht nicht überall.

Nach der Pause sind wir jedenfalls wieder rechtzeitig im Saal und diesmal auch von der richtigen Seite. Der zweite Akt kommt ebenso modern daher, schon vom Bühnenbild. Ein großer Berg aus einer riesigen Landkarte steht da und oben drauf ein kleines Schloss. Es geht also zum Ball und wie sich das für einen Ball gehört kommen ordentlich Leute zum Tanzen, unter anderem auch Stiefmutter mit ihren Töchtern und natürlich der Prinz. Die Stieftöchter können den Prinzen leider nicht mit ihren Tanzkünsten überzeugen, und dann kommt natürlich Cinderella und kann sehr wohl überzeugen. Der Rest der Geschichte ist hinlänglich bekannt. Es wird getanzt, verliebt, es wird Mitternacht und Cinderella kann nur unter Schuhverlust schnell genug vom Schloss verschwinden.

Nachdem der Vorhang zum dritten Akt aufgegangen ist, sehen wir in eine Art Montage, wie der Prinz mit dem verlorenen Schuh einmal um die Welt reist, um die zum Schuh gehörende Frau zu finden und dabei wenig erfolgreich ist. In jedem Land eine neue Cinderella in einem hübschen roten Kleid, von denen wirklich eines hübscher ist als das andere und ich mich frage, ob man wohl mal die Garderobe plündern könnte, aber keiner passt der Schuh, trotz ausdauernden Tanzens.

Schließlich kommt er wieder bei Cinderella vorbei, aber die ist natürlich erstmal nicht da, dafür sind die beiden Stiefschwestern umso erpichter darauf, den Schuh anzuprobieren. Passt aber nicht. Die Stiefmutter probiert es auch, und überzeugt den Prinzen dabei fast, als Cinderella das ganze mitbekommt und fürchterlich beleidigt ist, weil der Prinz auf ihre Stiefmutter beinahe reingefallen wäre. Fast schon ist die Liebesgeschichte vorbei, aber sie besinnt sich dann doch noch eines Besseren und kommt zu ihrem Prinzen zurück. Es folgt ein sehr, sehr langer Pas de deux während dem Cinderella immer wieder fast den Schuh anprobiert, und dann doch nicht. Bein ausgestreckt zum Schuh hin, man denkt schon „So. Jetzt aber.“ und wieder nichts. Es ist zum verrückt werden. Ich bin kurz davor „JETZT ZIEH HALT DEN VERDAMMTEN SCHUH ENDLICH AN!“ zu rufen, ich vermute aber, das kommt nicht so gut. Wahrscheinlich ist das richtig, dass sich das so lang hinzieht, es macht mich nur etwas nervös.

Dann aber: Schuh an, der Prinz hat Gewissheit, jetzt schneit es noch ein bisschen auf die Möbel, das ist wirklich sehr hübsch, ich mag sowas. Der Prinz und Cinderella dürfen sich ins Happy End tanzen, Vorhang, aus, Applaus. Viel Applaus. Sehr viel Applaus. Ist immerhin ja auch Premiere. Alle Tänzer verbeugen sich, dann kommen noch Choreografen, Dirigenten, und was weiß ich noch auf die Bühne und dürfen sich verbeugen und es wird applaudiert und gejubelt und dann ist vorbei.

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Mein erstes Ballett. Es hätte etwas klassischer sein können, einfach, um überhaupt erstmal damit warm zu werden, aber so war es auch sehr gut. Zwischendurch versuchen Brooke und ich uns zu erklären, was das jetzt schon wieder soll und warum zum Beispiel Männer Frauenrollen spielen. Ich mache ein paar Erklärungsversuche, die ich aber mit „… but I’m just making wild assumptions here“ ins richtige Verhältnis rücke. Trotzdem: Schön war’s. Ich mag das. Das ist ja auch eine Feststellung, dass man gerne Leuten zuguckt, die sich auf der Bühne in interessanten Kostümen zu schöner Musik bewegen. Das weiß man ja auch nicht, bis man es einmal gemacht hat.

Aber von dem Spitzentanz, da hätte es etwas mehr sein können. Es war so unheimlich faszinierend. Danke, Inkanina, für die Karten! Jetzt müssen wir nur noch zusehen, dass du die auch wieder zurückbekommst, aber das kriegen wir auch noch hin.

Cinderella läuft noch bis Anfang Februar im Aalto in Essen und es gibt auch für die meisten Aufführungen noch Karten. Mehr Informationen und Bilder gibt es hier.

Recklinghausen leuchtet! Echt jetzt!

Die Schwiegereltern sind ja schon länger in Rente, haben dementsprechend viel Zeit und möchten einen dann gerne besuchen kommen. Dann muss schnell ein Schwiegerelternanimationsprogramm her und man ist sehr dankbar, wenn sich Recklinghausen spontan erbarmt und mal kurz die Stadt beleuchtet.

Rein vom Zeitplan her war das irgendwie anders geplant und wir wollten uns vorher noch Recklinghausen bei Tageslicht angucken. Dann fiel dem werten Herrn Gemahl aber ein Inlay raus und wir testeten den örtlichen zahnärztlichen Notfalldienst mit der Folge, dass die Schwiegereltern und ich jetzt wissen, wie Schloss Borbeck aussieht und wir jetzt anscheinend einen neuen Zahnarzt haben, der in der ersten Runde mit patentem Inlay-wieder-Reinbasteln souverän überzeugen konnte.

Aber das hat jetzt gar nichts mit Recklinghausen zu tun, nur damit, dass wir jetzt trotzdem nur wissen, wie Recklinghausen bei Nacht und beleuchtet aussieht, denn als wir dann ankamen, hatten alle ganz fürchterlichen Hunger oder mussten auf Toilette oder beides. Deswegen gingen wir erstmal was essen und als wir damit fertig waren, war es schon dunkel.

Dunkel war es auch gar nicht so wirklich, Recklinghausen leuchtet im Moment nämlich. Im ganzen Stadtkern ist überall irgendwas beleuchtet. Die Kirchen, die Schule, die Häuser, die Bäume und was man sonst noch beleuchten kann. Das ist sehr hübsch und sympathisch unprätentiös, man kann einfach wild durch die Stadt laufen und an der nächsten Ecke ist wieder irgendwas blau oder pink oder ganz bunt. Außerdem gibt es dauernd irgendwo Currywurst oder Erbsensuppe, aber gegessen hatten wir ja schon. Generell ist die Anwesenheit von Currywurst und Erbsensuppe aber auch nett und sympatisch unprätentiös.

Der Spaß geht noch bis zum 10. November, es empfiehlt sich, abends zu kommen, sonst sieht man es nicht, da kann man nichts machen, das liegt an der Uhrzeit. Wer mehr wissen will, guckt hier: http://www.re-leuchtet.de/

(Als wir dann nach Hause fuhren, lief auf WDR 2 wieder so eine von den Sendungen, wo gute Musik gespielt wird. Das irritiert mich immer fürchterlich, weil es mich in den Grundfesten meiner Überzeugung, was Mainstreamradio angeht, erschüttert. Und dann passierten wir gerade das Ortseingangsschild von Bochum-Riemke und Grönemeyer schmetterte „Bochum, ich komm aus dir“ aus den Lautsprechern. In solchen Momenten ist das Ruhrgebiet ganz schön magisch. Echt jetzt.)

Pfeil

Schule

Lichterkette

Eulen

Bunt

Blau

Bunt und unscharf

Scheinwerfer

Straße

Tante Emma

Laternen

Fachwerk

Mehr bunt

Kirche

Noch bunter

Dingse

Baum

Grün

Rosa

Fackel

Noch ne Fackel

Grün und pink

Glasding

Kerze

Zum ersten Mal: In einem Porsche Oldtimer durchs Ruhrgebiet heizen

tl;dr: Ich durfte in einem Porsche 911 von 1965 mitfahren und wurde dabei Sachen gefragt. Das Ergebnis ist das folgende Video.

Eins vorweg: Zu keiner Zeit saß ich in dieser Geschichte am Steuer. Ich hätte das auch nicht gewollt, aus diversen Gründen. Es ist also noch immer Platz für ein erstes Mal mit dem Titel „SELBER PORSCHE FAHREN!!!“ in ungewisser Zukunft, aber dann sicherlich auch in Großbuchstaben und mit noch mehr Ausrufezeichen. Aber das kann noch dauern, wenn es überhaupt jemals passiert.

Jerry

Jetzt aber von vorne. Es ist Freitag am späten Nachmittag und ich stehe unten vorm Haus und warte auf hansbahnhof und Jerry, die sich für zehn nach sechs angekündigt haben. Ich habe mich standesgemäß angezogen, trage ein Kleid mit wilden Mustern mit Petticoat drunter und ein Hütchen. Lederhandschuhe und wehende Schals waren leider aus. Pünktlich um zehn nach sechs kommen sie auch um die Ecke. Jerry, das ist das kleine weiße Auto, und hansbahnhof sitzt drin und holt mich zum Laienporschefahren ab. Wie das so aussieht, wenn ein Porsche 911 von 1965 auf einen zukommt, das sieht man dann auch in dem folgenden Video.

hansbahnhof hatte mich schon vorgewarnt, dass er den Wagen leider im Moment nicht ausmachen könnte, weil er dann vielleicht nicht mehr anspringt, also gibt es keinen langen Begrüßungskram, wir steigen wieder ein und fahren los. Erster Eindruck: Man sitzt sehr tief in so einem Auto, aber dafür erstaunlich bequem. Was mir auch nicht klar war: Eigentlich ist das ein Viersitzer, hinten ist auch noch Platz, und gar nicht so wenig. Allerdings kann man sich da nicht anschnallen. Vorne schon, aber auch da müssen die Gurte wohl extra angebracht werden. So verstehe ich das jedenfalls, was hansbahnhof mir erzählt, ich kenne mich ja nicht aus. Überhaupt werde ich in den nächsten zwei Stunden sehr viel nicken und trotzdem aber nur die Hälfte verstehen. Radstand, hm? War was?

Tür

Dann geht es aber los und ich gucke erst mal das Auto an. Es riecht wie ein sehr altes Auto und vor allem sieht es auch so aus. Alles in Holzoptik, die Sitze aus schwarzem Kunstleder, insgesamt doch ein bisschen abgerockt, aber sehr schick. „Willst du irgendwo hin?“ fragt hansbahnhof. „Nö“, sage ich. „Musst du irgendwann zurück sein?“ „Nö.“ Ey, ich fahr hier zum ersten Mal in einem alten Porsche, da mach ich doch nicht noch irgendwelche anderweitigen Termine am gleichen Abend.

„Dann fahr ich jetzt nach Mülheim und zeig dir eine meiner Lieblingsstrecken“, sagt hansbahnhof und wir fahren auf die A40 und dann nach Mülheim und dann irgendwie durch Mülheim, bis wir auf einem Parkplatz stehen und die Technik auspacken. Was ich in der Zwischenzeit gelernt habe: Es ist ein bisschen laut, vor allem aber deutlich rumpeliger als bei modernen Autos. Sobald man irgendwo drüber fährt, wackelt es sehr. Elektronisch ist hier nix, und der Spiegel an der rechten Außenseite ist nur ein Zierspiegel, allerdings ein sehr hübscher Zierspiegel: „Da sieht man maximal die Straße.“ Dafür ist das Lenkrad sehr schön, man möchte es die ganze Zeit streicheln. Außerdem finde ich eine Klimaanlage. Vielmehr finde ich das Loch, aus dem die Klimaanlage, die mal im Kofferraum war, die Luft ins Auto gepustet hat. Jerry kommt nämlich aus Amerika, und da ist ja in allem eine Klimaanlage, wo man eine Klimaanlage reinbauen kann. Jetzt gibt es aber keine Klimaanlage mehr, nur noch das Loch und durch das wird weiterhin Luft ins Auto gepustet, so dass die Füße des Beifahrers schön Wind bekommen.

Zierspiegel

Zierspiegel. Kann man nie genug von haben.

Was ich auch noch gelernt habe: Die Leute gucken. Manchen winkt man zu. Manchen nicht. Es gibt da anscheinend sehr komplizierte Grußregelungen, je nach dem Fahruntersatz des Gegenübers. Was ich behalten habe: Käferfahrer grüßt man immer. Als halb verklemmte Rampensau wäre so ein Oldtimer also eigentlich super für mich. Dauernd würden mir Leute hinterhergucken, aber ich müsste gar nicht viel reagieren. Total gut. Aber allein für diesen Aspekt wäre so ein Auto dann doch vielleicht ein bisschen zu teuer und zu aufwändig.

Auf dem Parkplatz montieren wir die Technik. Also, eigentlich montiert hansbahnhof und ich kommentiere das sehr hilfreich. Mikro, Kamera, passt. Denn dafür sind wir ja hier, um zu filmen wie Laienporschefahrer zum ersten Mal in einem Porsche fahren. Was dann die nächsten Minuten passiert kann man in dem fertigen Video sehen, in dem ich wieder sehr wirres Zeug rede, an das ich mich nachher beim besten Willen nicht erinnern kann. Wie immer eigentlich, wenn ich irgendwo irgendwas erzählen muss.

Technik

Wir fahren durch Mülheim und dann irgendwie unter der großen Autobahnbrücke durch und dann Richtung Heiligenhaus oder Velbert und dann wieder Richtung Essen. Es ist überall grün und es gibt viele lustige Kurven bergab und bergauf und wenn hansbahnhof dann Gas gibt, ist es ein bisschen wie Raupefahren auf der Kirmes, nur mit weniger Lautsprecheranimation.

In Kettwig montieren wir die Außenkamera dann auch mal außen an den Wagen und ich darf dafür mit der Handkamera filmen. Ich bin endlich Kamerakind! Dafür braucht man gar nicht zu „Eins, zwei oder drei“! Es geht auch so! Ich filme hansbahnhof beim Schalten, ich filme nach vorne, ich filme ein bisschen das Armaturenbretter, ich filme meine Füße und ich filme das iPhone, auf dem man sieht, was die Außenkamera gerade filmt und fühle mich dabei sehr meta.

Knüppelding

Dann sind wir in Werden, wo die Außenkamera vorne auf den Kofferraum gesetzt wird und ein Passant sich sehr für Jerry interessiert. Dann kommt noch jemand, der nach Kupferdreh möchte, also fahren wir jetzt wieder zurück nach Kupferdreh, um dem Menschen, der nach Kupferdreh möchte, zu zeigen, wie er nach Kupferdreh kommt. (Für Nicht-Essener: Ich denke mir diese Stadtteilnamen nicht aus. Das gibt es alles wirklich.) Und dann fahren wir noch ein bisschen rum, machen Fotos auf einem Feldweg (unter anderem ein Bild, wo nur der Porsche drauf sein soll, was nur dann klappt, wenn ich mich kurz ganz klein mache und hinter dem Porsche verstecke), fahren dann rückwärts wieder zur Straße und dann auf mehr oder weniger direktem Weg nach Hause.

Fotosession


Zwei Stunden Porsche fahren. Zwei Stunden, in denen ich ein bisschen um mein Leben bangte, ziemlich oft „HUIIIII!“ sagte und ein paar Mal hustete, weil Jerry beim Gasgeben doch deutliche Benzindüfte versprüht. Zwei Stunden quer durchs Ruhrgebiet, Berge rauf und runter, alles war grün, die Sonne meinte es sehr gut mit uns und Jerry auch. Wir haben ihn aber auch kein einziges Mal ausgemacht. So mutig war dann doch keiner.

Tür auf

Selber bin ich wahrscheinlich doch ein bisschen zu pragmatisch für einen Oldtimer. Ich brauche ein Auto, mit dem man zu IKEA fahren und Billy-Regale kaufen kann und das möglichst selten kaputt ist und wenn doch, dann möglichst einfach zu reparieren ist. Aber schön ist so ein altes Auto schon. Also sehr schön. Und überraschend bequem. Sollte man mir also eins schenken wollen, würde ich auf jeden Fall drüber nachdenken, und nicht sofort ablehnen. Vor allem aber würde ich jederzeit wieder mit Jerry fahren. Und mit hansbahnhof natürlich, aber das eine geht vermutlich auch gar nicht ohne das andere.

Wer mehr über Jerry oder Porsche Oldtimer wissen möchte, kann das bei hansbahnhof auf dem Blog nachlesen.

Rad

Deutschland, deine Bahnhöfe: Dortmund-Körne West (S)

Pro: Sehr übersichtlich. Also wirklich. Hier fährt nur eine Bahn, auf der einen Seite nach Westen, auf der anderen Seite nach Osten. Man kann sich also fast gar nicht vertun. Außerdem war der Himmel schön blau, aber das lag wohl eher am Wetter und nicht direkt am Bahnhof. Und nicht zuletzt ist das Versorgungsamt gut ausgeschildert. Überall sind Schilder zum Versorgungsamt. Wer zum Versorgungsamt will und nicht genau weiß, wo das ist: Es ist irgendwo in der Nähe vom S-Bahnhof Dortmund-Körne West.

Contra: Man kommt hier eher umständlich hin, jedenfalls nicht direkt vom Dortmunder Hauptbahnhof aus, die einzige S-Bahn, die hier fährt, fährt nämlich irgendwie südlich der Innenstadt. Und auch wenn ich ja schon anmerkte, dass man hier quasi gar nichts falsch machen kann, man sollte trotzdem aufpassen. Wenn man nämlich doch mal nicht aufpasst, fährt man in die falsche Richtung und landet nachher noch in Unna. Unna! (Ich sag ja nur.) Schön ist das hier auch nicht direkt, aber was will man von einem S-Bahnhof irgendwo in der Dortmunder Vorstadt auch anderes erwarten.

Geheimtipp: Das Versorgungsamt muss irre toll sein. Sonst gäb es ja die ganzen Schilder nicht.

Besser nicht: Es kommt ja selten vor, aber dieser Bahnhof ist so unspektakulär, dass mir hier nichts aufgefallen ist, was man besser lassen sollte, was nicht genauso für alle anderen Bahnhöfe gilt. (Nicht allein im Dunkeln, nicht zu viel erwarten, und so weiter und so fort.)

Die Tour: Von der einen Seite, wo auch irgendwo das Versorgungsamt sein muss auf die andere Seite und dann mit der S-Bahn Richtung Westen.

Schild

S-Bahn

Fahrplan

Fahrgastinformation

Dach

Plakat

Gleise

Gleis

Häuser

Versorgungsamt

Versorgungsamt

Versorgungsamt

Aussicht

Treppe

Tunnel

Bahn kommt

Spaß mit der Lomokamera: Doppelbelichtungsexperimente

Die Geschichte von dem zweiten Lomofilm geht so: Nachdem ich in Köln den ersten Film einfach mal so wild verknipst hatte, nutzte ich den zweiten, um wild mit Blitz und Doppelbelichtung rumzuexperimentieren. Hauptsächlich Doppelbelichtung allerdings.

Als der Film voll war, spulte ich ordnungsgemäß zurück, holte den Film aus der Kamera, und packte ihn pflichtbewusst in das Döschen, worauf er monatelang verschwand. Irgendwann fand ich ihn wieder und legte ihn irgendwohin, wie üblich in dem irrigen Glauben, das wäre jetzt aber auch ein Ort, wo ich mich auf jeden Fall dran erinnern könnte, dass ich da den Film hingelegt hatte. Nix da, der Film verschwand erneut. Auch, als ich den nächsten Film wegbringen wollte, blieb er trotz längerer Suche verschwunden. Ich hatte die lustigen Experimente also schon abgeschrieben, dann würde ich eben nie sehen, was ich alles so fotografiert hatte, auch nicht schlimm, kann passieren.

Und dann tauchte er wieder auf. In der Krimskramsschale in der Küche. Und so konnte ich ihn gestern zum Fotolabor bringen und am nächsten Tag abholen. Diesmal habe ich im Fotoladen „Foco“ auf der Rüttenscheider Straße entwickeln lassen, einfach, weil ich zufällig dran vorbei kam.

„Mal gucken, was draus geworden ist“, sage ich heute beim Abholen.

„Da sind ganz schöne dabei“, sagt die Fotoladenfrau. „Eins ist toll, mit so Häusern und Palmen, doppelbelichtet.“

Dabei strahlt sie die ganze Zeit.

„Die Palmen sind Kunstblumen“, erkläre ich. „Da sind ein paar gute dabei, die muss ich dann nur noch zu Hause einscannen.“

„Brauchense gar nicht“, sagt die Fotoladenfrau und zieht eine CD aus dem Fotomäppchen. „Ist schon erledigt.“

Hier also der ultimative Protipp für alle, die mal Bilder entwickeln lassen wollen, die sie nachher sowieso einscannen. Im Foco-Fotoladen auf der Rüttenscheider Straße 102 (da, wo der REWE ist), gibt’s CD gratis zum Entwickeln dazu. Und man wird die ganze Zeit angestrahlt. Das reicht eigentlich auch schon als Grund.

(Wobei die Leute bei Foto Frankenberg auch immer sehr, sehr freundlich und hilfsbereit sind, nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht.)

Hier also die lustigen Doppelbelichtungsexperimente. Zeche Zollverein, Riesenrad, Weihnachtsdeko und Ampeln. Denn doppelt hält ja bekanntlich auch besser.

Spaß mit Doppelbelichtung

Spaß mit Doppelbelichtung

Spaß mit Doppelbelichtung

Spaß mit Doppelbelichtung

Spaß mit Doppelbelichtung

Spaß mit Doppelbelichtung

Spaß mit Doppelbelichtung

Spaß mit Doppelbelichtung

Häuser und Palmen Kunstblumen.

 

Gelesen: Da gewöhnze dich dran von Vanessa Giese

Cover

Ich verfolge ja die Geschichten von Frau Nessy schon länger mit allergrößter Begeisterung auf ihrem Blog. (An dieser Stelle sollte auch gleich mal gesagt werden: Wer den Blog von Frau Nessy noch nicht liest, der sollte exakt JETZT damit anfangen. Also noch nicht sofort jetzt vielleicht. Gleich. Nach diesem Artikel. Aber dann sofort.)

Umso überraschter war ich, als ich auf einmal erfuhr, dass sie ganz heimlich nebenbei und ohne ein Sterbenswörtchen zu verraten, ein Buch geschrieben hatte. Das kann sie nämlich auch besonders gut: Einem mit ihren Geschichten das Gefühl geben, man wäre mittendrin in ihrem Leben, und dann merkt man auf einmal, dass das nur ein winziger Bruchteil aus dem großen Nessy-Abenteuerleben zwischen Handball, Ghettonetto, Wombatsuppe und Bahnlauschangriffen ist, den man da mitkriegt. Dann ist man kurz beleidigt, aber dann geht’s auch schon wieder. Die Hauptsache ist ja, dass sie einen überhaupt teilhaben lässt und das eben mit einem wunderbaren Sinn fürs Detail, mit liebevollem Blick auf die Alltäglichkeiten und die Skurrilitäten und dass man nur froh sein darf und kein bisschen beleidigt.

Jetzt hat sie auf jeden Fall ein Buch geschrieben und das hatte ich letzte Woche im Briefkasten liegen und habe es in einem Atemzug inhaliert. Das ist natürlich gelogen, in Wahrheit hat es ein halbes Wochenende gedauert, aber es hat sich angefühlt wie ein Atemzug.

„Da gewöhnze dich dran“, sagt der Vermieter zu Nessy, als er ihr die Dachwohnung in Dortmund-Hörde zeigt. An die Wohnung mit Ausblick auf Dächer und das Loch, das mittlerweile ein See ist, an die Nachbarn mit dem kläffenden Hund und an Schmidtchen im Erdgeschoss, der Nessy nur „Etteken“ nennt und ein bisschen mit aufpasst, dass ihr nichts passiert, frisch eingetroffen aus dem Sauerland, neu im Ruhrgebiet, weg vom Land, rein in die Stadt.

Alles ist neu für Nessy, frisch getrennt von ihrem Freund mit Schützenkönigpotential (irgendwann zumindest), neue Wohnung, neue Stadt, neuer Job. Und nun? Das ist der Moment, wo die Liebe anfängt. Die Liebe zum Ruhrgebiet und vor allem zu den Leuten. Den Nachbarn, die Erbsensuppe vorbeibringen, den Arbeitskollegen, die sie zum Radeln auf der A40 und ins BVB-Stadion mitschleifen, den Handballhühnern, die Nessy vor der Vertragsunterzeichnung noch schnell warnen: „Wir sind ein bisschen asi.“

Überhaupt gilt immer wieder: „Da gewöhnze dich dran.“

Und Vanessa schreibt darüber so wundervoll, offen und ehrlich, herzerwärmend und liebevoll, witzig und detailverliebt*, dass man mit dem Lesen gar nicht aufhören möchte. Bis auf einmal das Buch zu Ende ist und man etwas verdattert aufguckt und „Und nun?“ fragt. Nun, das ist die Antwort, freut man sich auf die nächsten Blogeinträge auf ihrem Blog und schreibt eine Rezension, die andere Leute hoffentlich dazu animiert, zum Buchhändler des Vertrauens zu laufen und laut nach diesem Buch zu verlangen.

Auf der Webseite zum Buch findet man auch ein erfundenes Interview mit Nachbar Schmidtchen, das man unbedingt lesen sollte. Wer sich wie ich während der Lektüre doch das ein oder andere Mal fragt, ob dieses oder jenes wirklich so passiert ist und ob diese oder jene Person im wahren Leben wirklich existiert, der bekommt hier Antworten. So oder so ist aber auch egal, ob das jetzt genauso passiert ist oder nur genauso hätte passieren können, denn als Zugezogene kann ich nur bestätigen: So is dat hier.

Abba allet kein Ding, weil: Da gewöhnze dich dran.**

 

Zu kaufen hier bei Amazon oder zum Beispiel bei der Buchhandlung Schmitz in Essen-Werden

Webseite zum Buch (übrigens realisiert von Christian Fischer vom jawl)

*An dieser Stelle gingen mir ein bisschen die Adjektive aus.

**Im Gegensatz zu Frau Nessy bin ich etwas behindert, was die korrekte Wiedergabe von Ruhrgebiets- und anderen Dialekten angeht. Man möge mir dieses Defizit nachsehen. Ich habe mich bemüht.

Schon wieder Oper: Wagners Parsifal im Aalto-Theater in Essen

Ich war schon wieder in der Oper. Diesmal war Sandra schuld, die ja unbedingt erzählen musste, dass sie sich am Sonntag mit ihrer Mutter „Parsifal“ angucken würde, was den Mann sofort in erhöhte Alarmbereitschaft versetzte und ich dann Anfang der Woche zwei Karten reservieren durfte.

Aalto

Parsifal also, fünfeinhalb Stunden, quasi ein ganzer Sonntag, jedenfalls, wenn man so verlässlich in den Sonntag reingammelt, wie wir das üblicherweise tun. Parsifal hatte ich schon letztes Jahr in der Liveübertragung von arte aus Bayreuth gesehen, was allerdings nicht im Geringsten bedeutete, dass ich mich noch an die Geschichte, geschweige denn irgendwelche Einzelheiten erinnern konnte. Insgesamt ist Parsifal sowohl vom Text als auch von der Musik her aus meiner Sicht eine der zugänglicheren Wagneropern, allerdings ist sie so vollgestopft mit christlichen Motiven und Symbolen, dass einem das auch nur bedingt weiterhilft.

Diesmal sitzen wir im Parkett, neunte Reihe, der Saal ist einigermaßen ausgebucht. Bei der Premiere soll es angeblich viele Saalflüchtige und anschließende Buhrufe gegeben haben, das hat den Mann allerdings überhaupt nicht abgeschreckt und ich mach ja bekanntlich fast alles mit.

Parkett

Dann geht es los. Orchestervorspiel, dann Vorhang auf, wir sehen einen großen Glaskasten, in dem sich ein modernes Krankenhauszimmer befindet. Im Bett auf der Intensivstation liegt König Amfortas mit seiner Wunde, die sich einfach nicht schließen will. Davor ein paar typische Wartezimmersesselchen, auf einem davon Gurnemanz, der in Karteikarten blättert. Amfortas wacht auf, schleppt sich aus dem Bett zur Glaswand, zieht sich daran hoch, fällt wieder runter, rotes Kunstblut schmiert an der Wand und Klinikpersonal eilt herbei, um Amfortas wieder ins Bett zu schleppen und alles wieder in Ordnung zu bringen.

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Kurzfassung des Telefonats kurz vor der Kartenreservierung.

Amfortas ist nämlich von Klingsor mit seinem eigenen heiligen Speer verletzt worden und jetzt mag sich die Wunde nicht schließen, dran sterben kann er aber auch nicht, und nur der gleiche Speer kann die Wunde wieder schließen. Zweites Problem: Den Speer kann einer Prophezeiung nach nur von einem „durch Mitleid wissenden reinen Tor“ zurückgeholt werden und den muss man eben erst mal finden. Irgendwas ist echt immer.

Also hilft auch der Balsam nichts, den die rothaarige Gralshelferin Kundry, die irritierenderweise doppelt besetzt ist, aus Arabien anschleppt. Dann tritt aber Parsifal auf, der keine Ahnung von gar nichts hat, noch nicht mal seinen Namen kennt, aber dummerweise (oder glücklicherweise, je nach Blickwinkel) irgendwo in Gralsburgnähe einen Schwan geschossen hat. Gurnemanz ahnt was und nimmt ihn mit auf die Burg, wo Amfortas den Gral enthüllen soll (fragt jetzt bitte nicht näher nach, das sind die Teile der Geschichte, die ich auch noch nicht so ganz verstanden habe). Der Gral ist in diesem Fall ein unter einer Militärjacke versteckter kleiner Junge, der in Schlangenlinien über die Bühne läuft, und von Kundry eine Leuchtekugel in die Hand gedrückt bekommt.

Dabei erinnert das Militärjackenwesen sehr auffällig an die Jawas aus Star Wars und angesichts dessen, was am Schluss passiert, behaupte ich sogar, dass das gar kein Zufall ist.

Gralsenthüllung vorbei, Leuchtekugel aus, Militärjackenwesen ab, Pause.

Alle klatschen, außer dem Mann und mir, der mir zuraunt: „Alles Frevler, nach dem ersten Akt wird nicht geklatscht.“ Die Gralsenthüllung ist nämlich eine Abendmahlszene und bei sowas klatscht man nicht. Tun aber doch alle. Außer uns.

Sandra ist verwirrt, ihre Mutter berichtet von einer Parsifalaufführung von vor dreißig Jahren, wo der Speer im zweiten Akt etwas unglücklich in den Orchestergraben geworfen wurde. Wir trinken Sekt und Wein, essen Brezeln und belegte Toastbrote. Die Unkenrufe haben sich meiner Ansicht nach bisher nicht bestätigt. Klar ist das alles furchtbar modern und angefahren, dafür sind die Sänger sehr gut und wenn man sich mal dran gewöhnt hat, macht die Inszenierung auch Spaß.

Balkon

Sandra winkt vom Balkon.

Also auf zum zweiten Akt, Klingsors Zaubergarten. Der Glaskasten hängt jetzt an vier Seilen über der Bühne und macht mich endlos nervös. Ich kann da nicht hingucken und möchte, dass alle Sänger, alter Egos und Statisten aus dem Schatten des Kastens verschwinden für wenn doch eventuell ein Seil reißt. Auftritt Klingsor, ohne alter Ego wie Kundry, dafür mit einem Ninja.

Nein, ich scherze nicht.

Die Problematik beim Parsifal, erklärt der Mann mir später, liegt darin, wie Parsifal an den heiligen Speer kommt. Der erscheint nämlich irgendwann, weil Klingsor ihn auf ihn wirft und er muss ihn dann fangen oder aus der Luft nehmen oder was der Regie eben so einfällt. Zuwerfen, klar, geht, endet dann aber, wenn’s ganz schlecht läuft, auch mal im Orchestergraben. Wenn man genug Popkulturwissen hat, weiß man aber, dass Ninjas ja bekanntlich unsichtbar sind, insofern ist der Ninja auf der Bühne eigentlich gar nicht da, sondern nur der Speer, den er rumwirbelt. Muss man nicht gut finden, ist aber angesichts der eh schon vollkommen abgedrehten Restinszenierung eher konsequent als bekloppt.

Klingsor also, dann Kundry, die zwar eigentlich den Gralsrittern dient und Erlösung sucht, aber sich trotzdem immer wieder von Klingsor zu Verlockungszwecken einsetzen lässt. Diesmal soll es den armen Toren Parsifal treffen, der durch den Zaubergarten irrt und dem Klingsor die Unschuld rauben will, damit er bloß nicht der Speer findet und Amfortas erlösen kann. Kundry hat jetzt übrigens auf einmal schwarze Haare und trägt ein Rolling-Stones-Kleid, ist aber immer noch doppelt besetzt, damit die eine Kundry singen kann, während die andere Parsifal verführt. Oder eben gerade nicht verführt, denn der Gute bleibt trotz vieler, vieler Blumenmädchen standhaft, erinnert sich dank Kundry nicht nur, wer er ist, sondern versteht auf einmal auch, was der ganze Aufwand soll.

Deswegen will Klingsor ihn umbringen und wirft den Speer auf ihn. Der Speer trifft ihn aber nicht, sondern bleibt in der Luft stehen und Parsifal kann ihn sich ganz lockerflockig nehmen. In diesem Fall geht das natürlich anders und Klingsor wirft gar nichts, dafür hört der Ninja auf zu wirbeln und drückt Parsifal den Speer zuvorkommend in die Hand. Keine Gefahr für den Orchestergraben oder andere Unbeteiligte. Dafür wird Klingsors Zaubergarten endgültig zerstört, Parsifal zieht auf, Amfortas zu erlösen und der zweite Akt ist vorbei.

Sandra und ihre Mutter gehen dann jetzt. Sandra ist die Sprache zu verschwurbelt und zu viel Kunstblut auf der Bühne. Das Kunstblut liegt sicher an der Inszenierung, die verschwurbelte Sprache ist aber eher ein generelles Wagnerproblem. Da ist Parsifal fast schon harmlos. Sogar die Alliterationen halten sich im Verhältnis in Grenzen und es kommen auch gar nicht so viele Wörter vor, die ich noch nie gehört habe. Egal, Sandra ist ihre Lebenszeit zu kostbar für fünfeinhalbstündige Wagneropern. Ich mache mich auf die Suche nach dem Mann. Wir trinken erneut deutlich abgestandenen Sekt auf dem Balkon, bis uns zu kalt wird, er erklärt mir, dass das im zweiten Akt auch Kundry war, nur halt jetzt mit anderer Frisur und anderem Kostüm und überhaupt und dann geht’s zum dritten Akt.

Sekt

Dritter Akt, Jahre sind vergangen, es regnet Klamotten vom Himmel.

Auch diesmal scherze ich nicht.

Alles ist unordentlich auf der Bühne, überall liegen Klamotten rum, das Krankenzimmer ist verwüstet, Gurnemanz hat sich eine Deckenburg aus Krankenhaussesseln und Matratzen gebaut und Menschen in Kapuzenjacken stehen still auf der Bühne rum. Dann tritt erst eine geläuterte Kundry auf, diesmal mit kurzen blonden Haaren und einem trümmerfraureminiszenten Trenchcoat und fängt an, aufzuräumen, was ich als nervöser Monk nur sehr gutheißen kann.

Parsifal tritt auf, wird von Gurnemanz erkannt und von diesem erfreut zum neuen Gralskönig gesalbt. Als erste Amtshandlung tauft Parsifal die arme Kundry, die nun endlich erlöst ist. In diesem Fall bedeutet das, dass das nicht-singende alter Ego an zwei Schnüren zur Bühnendecke hinaufgezogen wird. Auch seltsam, aber auch wieder passend. Gurnemanz nimmt Parsfial mit zu Amfortas, der sich schon seit längerem weigert, den Gral zu enthüllen, weil er endlich sterben will. Bislang ist aber nur Amfortas Vater Titurel gestorben, weil ihm die lebenserhaltende Wirkung des Grals fehlte. (Titurel hab ich im ersten Akt gar nicht erwähnt, obwohl er da so einen hübschen Fidel-Castro-Overall trug.)

Jetzt jedenfalls schließt Parsifal die Wunde mit dem Speer, alles sind zufrieden und der Gral wird erneut enthüllt. Das geht diesmal so, dass das Militärjackenwesen wieder auf die Bühne wandert, dann aber die Militärjacke abgenommen bekommt, und darunter befindet sich ein kleiner Anakin Skywalker im weißen Kampfbademantel. Das kann doch kein Zufall sein. Der Anakin-Gral bekommt die Leuchtekugel und dann kommen ganz viele Bürger der Stadt Essen (steht so im Programmheft) auf die Bühne und dürfen die Leuchtekugel anfassen. Massenszene! Hurra! Ende! Applaus!

Gurnemanz war überragend, Kundry ebenfalls sehr gut, und richtige Ausfälle nach unten gab es nicht. Ich bin ganz aufgeregt, weil ich merke, wie sich mein Gehör an Opern gewöhnt und ich tatsächlich immer besser einschätzen kann, ob etwas gut oder schlecht ist, oder eben ob jemand gut oder schlecht singt. Außerdem habe ich so langsam verstanden, wie Opern (und auch Wagneropern) musikalisch funktionieren und kann mich viel besser reinhören. Quasi ein acquired taste fürs Hören.

Natürlich ist so eine moderne Inszenierung nicht unproblematisch. Genauso ist es aber langweilig, immer die gleichen Kostümaufführungen zu sehen. In diesem Fall fand ich das aber alles längst nicht so schlimm, wie es in diversen Berichten geschildert wurde und letztlich merke ich, dass ich moderne Aufführungen fast besser verstehe als klassische, weil die Symbolik meistens besser herausgearbeitet wird und man besser darauf hingewiesen wird, wenn irgendwas wichtig ist. Mal abgesehen davon, dass Parsifal zwar musikalisch etwas einfacher zugänglich ist als die beiden Teile des Rings, die ich bisher gesehen habe, dafür die Geschichte aber umso mehr von christlicher Symbolik trieft und einiges an Hintergrundwissen voraussetzt, das ich auch nicht immer habe.

Tolle Oper, tolle Sänger und eine gewagte, aber gar nicht misslungene Inszenierung. Bester Opernbesuch soweit. Und der nächste ist schon so halb geplant.

Parsifal auf der Webseite des Aalto-Theaters