Kategorie: Und sonst so?

Webgedöns am 10.5.2016

Der NABU ruft zur Stunder der Gartenvögel auf und das Nuf erklärt, worum es geht. Als Biologentochter für mich natürlich von besonderem Interesse. Mein Vater nutzt ja sowieso das Internet, um seine Vogelsichtungen zu dokumentieren, aber natürlich habe ich vergessen, wie die Seite heißt, wo das geht.

Christoph Koch hat die amerikanische Köchin Alice Waters interviewt: „Unsere Gesellschaft hat verlernt, zu kochen“

Rafael Casal spielt in Hobbes and Me Calvin-and-Hobbes-Strips nach. Das funktioniert erstaunlich gut.

The Science of Baking in One Graphic. Exactly what it says on the tin.

Ein Rezept für failproof crêpes. Müsste ich natürlich als stolzer Proficrêpeeisenbesitzer auch sofort ausprobieren. Das perfekte Crêpe-Rezept zu finden ist tatsächlich gar nicht so einfach.

Webgedöns am 8.12.2015

In dem Artikel „Normen weiblicher Teenager auf Instagram“ geht es um das Like- und Kommentierverhalten von Mädchen in sozialen Medien und was das alles bedeutet.

How dogs get older. Ein Fotoprojekt, bei dem Hunde mit ein paar (oder ein paar vielen) Jahren Abstand fotografiert wurden. Sehr schön.

Im aktuellen XKCD lernen wir, was passieren würde, wenn die drei Robotergesetze von Asimov in einer anderen Reihenfolge gelten würden. Spoiler: Es endet meistens in Unheil.

Diese Lampe zaubert einen Wald ins Zimmer. Ich würde ja wollen, hab aber schon Angst, nach dem Preis zu fragen.

Eine andere Art von… ähm… Verschönerungen gibt es bei einem meiner Lieblingsblogs zu bestaunen. Bei vongestern kann man nämlich 90er-Jahre-Jugendposter gucken. So schlimm. So schön. So schrecklich.

Neue Momentaufnahmen, Herbst 2015 in Deutschland

1

Ich fahre mit der Straßenbahn von Köln-Deutz zum Heumarkt. Neben mir sitzen zwei Männer, dunklere Haut, schwarze Haare, woher sie kommen vermag ich nicht zu sagen. Warum sie mir auffallen, weiß ich gar nicht, aber irgendwas am Blick des einen ist anders, ein bisschen unfokussierter vielleicht, die Augen etwas glasiger, ich bin nicht gut im Lesen von Gesichtern.

Ich erhasche einen Blick auf die Zettel, die der andere Mann in der Hand hält. Behördenschreiben, irgendwas mit Asyl und dass mich das jetzt gar nicht wundert, ist vielleicht am erschreckendsten. Ansonsten sehen die Männer nicht anders aus als jeder andere Mensch, der hier irgendwann mal von woanders hergekommen ist. Oder dessen Eltern von woanders hergekommen sind. Oder dessen Großeltern. Aber diese Männer sind selber gerade erst hergekommen und wissen noch nicht mal ob sie bleiben dürfen. Und jetzt fahren sie Straßenbahn in Köln, genau wie ich und alle anderen um uns herum.

 

2

Im Supermarkt sehe ich einen jungen Mann zwischen den Konserven stehen und Geld abzählen. In der Hand, immer und immer wieder. In der anderen Hand hält er etwas, was, habe ich schon vergessen. Ob das Geld noch für etwas anderes reicht? Er zählt und wendet Münzen.

Ich weiß nicht, ob ich hingehen soll und sagen: „Komm, was brauchst du, ich nehm das und bezahl es.“ Aber wie bescheuert wäre das, wenn das gar kein Flüchtling ist, sondern einfach nur jemand, der gerade mal zu wenig Geld dabei hat, so wie ich manchmal auch, nicht, weil ich kein Geld habe, sondern weil ich manchmal verpeilt bin oder eben keine Zeit hatte, zum Geldautomaten zu gehen. Nur dass ich eben vom Typ her nicht die Assoziation „Flüchtling“ hervorrufe. Wie unangenehm wäre das, jemandem zu unterstellen, er könne nicht für sich selbst sorgen und bräuchte meine Hilfe, wie anmassend von mir, irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen, nur weil Menschen irgendwie aussehen und Geld zählen.

Und gleichzeitig wie furchtbar, dass ich mich nicht traue, hinzugehen und zu fragen, weil mir zehn Euro auf dem Konto nichts ausmachen, anderen Menschen aber sehr dringend fehlen. Wie doof, dass ich zu feige bin, es wenigstens zu versuchen.

Der Mann zahlt an der Kasse vor mir, als ich hinter ihm rausgehe, sehe ich, wie er an der Bäckerei abbiegt, vielleicht der Weg zum Flüchtlingsheim, vielleicht einfach der Weg nach Hause. Vielleicht ist das hier eine Flüchtlingsgeschichte, vielleicht aber auch nur die Geschichte von jemandem, der zufällig zu wenig Geld in der Hosentasche hatte. In jedem Fall ist es die Geschichte von einer jungen Frau, die immer noch nicht weiß, wie man sich am besten verhält.

 

3

In Köln-Deutz warte ich darauf, dass die Leute aus dem ICE aussteigen. Ein Mann steigt heraus, auf dem Arm ein Junge, vielleicht acht Jahre oder zehn, eigentlich zu groß, um getragen zu werden, die Füße sind verbunden, beide Füße, vorne schauen die nackten Zehen hervor. Es ist November, und obwohl es für Novemberverhältnisse sehr warm ist, ist es doch ein bisschen zu kalt für halb nackte, halb verbundene Füße.

Der Mann greift hinter sich, und ich denke, aha, jetzt reicht ihm jemand den Rollstuhl nach draußen, aber es wird nur ein Trolley herausgereicht, ein kleiner Trolley, man würde eine Woche damit in Urlaub fahren, allein, vielleicht zwei, wenn man nur T-Shirts und kurze Hosen einpacken muss.

Mit der einen Hand zieht der Mann den Trolley, auf dem Arm hat er immer noch den Jungen mit den verbundenen Füßen und so geht er den Bahnsteig hinunter zum Ausgang. Und auch das ist vielleicht keine Flüchtlingsgeschichte, wer weiß das schon, aber es ist eine Geschichte aus Deutschland im Herbst 2015, als es auf einmal Flüchtlingsgeschichten gab. Überall und immer wieder und vor allem immer wieder ohne Vorwarnung.

Gelesen: Um es kurz zu machen von Meike Winnemuth

Meike Winnemuth am Strand

Meike Winnemuth trug ein Jahr immer das gleiche Kleid, nur um zu gucken, wie das geht. Dann machte sie bei „Wer wird Millionär“ mit, gewann viel Geld und zog ein Jahr um die Welt, jeden Monat in einer anderen Stadt un schrieb darüber. Ihr Blog „Vor mir die Welt“ haben nicht nur ich, sondern auch viele andere Menschen mit Begeisterung und Fernweh verfolgt. Daraus wurde ein nicht minderschönes Buch mit dem Titel „Das große Los“, das ich bereits hier in höchsten Tönen pries. Jetzt hat sie ein neues Buch veröffentlicht: „Um es kurz zu machen – Über das unverschämte Glück auf der Welt zu sein“, eine Sammlung von Kolumnen, einmal quer durch alle Themenbereiche.

Es geht um Lieben, Hassen, Trödeln, Genießen, Abspecken, Ausprobieren, Aussehen und Einsehen. Meike Winnemuth schreibt darüber, wie sie sich von ihrem Auto trennen muss, dass ihr Jahre lang die Treue hielt, darüber, wie heilsam es sein kann, im Kino zu weinen, und darüber, wie jeder Mensch ein massenkompatibles Gericht haben sollte, dass er spontan auf den Tisch bringen kann, wenn sich ungeplant Gäste einfinden. Sie schreibt über unnütze und doch so wichtige Küchengeräte und darüber, wie man sich in einem Hotelzimmer am schönsten einigelt und auf dem Bett ein Picknick mit dem schönsten Junkfood des bereisten Landes veranstaltet. Es geht um die Freuden des Alleinseins und die Freuden der Geselligkeit. Um die Freuden des Schönseins und die der Nachlässigkeit. Die Freuden des Loslassens und die des Festhaltens.

Ich habe das Buch am französischen Atlantik quasi in einem Zug gelesen und würde behaupten, es gibt vielleicht keinen passenderen Ort, um dieses Buch zu lesen. Aber man kann natürlich auch nur ein oder zwei kleine Texte lesen und die Freude, die Meike Winnemuth hier großzügig teilt, über einen längeren Zeitraum verteilen. Lediglich die Kolumnen, bei denen es ums Aussehen und Stylen geht, fielen etwas ab, aber da bin ich vermutlich einfach auch nicht die richtige Zielgruppe.

Am Ende des Buches ist man tatsächlich glücklicher und hat nebenbei noch den einen oder anderen Trick gelernt, wie man sich das eigene Leben etwas einfacher, aufregender und schöner machen kann. Dann ist man nicht nur dankbar, auf dieser Welt zu sein, sondern auch dankbar, dass es auf dieser Welt Menschen wie Meike Winnemuth gibt. Was mich angeht, sammle ich jetzt auch meine Zwei-Euro-Münzen und lasse sie in eine Eulenspardose plumpsen. Und davon kaufe ich mir dann im nächsten Urlaub ein unnützes Küchengerät.

Um es kurz zu machen von Meike Winnemuth, erschienen 2015 im Knaus Verlag, 208 Seiten [Amazon-Werbelink]

Meike Winnemuths Webseite

Meike Winnemuths Kolumne im Stern

Gelesen im Oktober 2015

Der Oktober war dominiert von Hörbüchern. Dabei kann man hübsch blöde kleine Spiele (Two Dots!) auf dem iPhone spielen oder aus dem Zugfenster starren.

Salman Rushdie: Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte

Als Hörbuch gehört und außerdem mein erster Rushdie. War vielleicht beides oder zumindest in der Kombination ein Fehler, denn das Buch konnte mich leider überhaupt nicht überzeugen, obwohl es doch vom Inhalt so klang, als könnte es genau mein Buch sein. Alte Mythologie verwoben mit der Welt, irgendwie ein bisschen apokalyptisch, ein bisschen märchenhaft. Hat aber leider gar nicht funktioniert, ich war eigentlich von so gut wie allen Charakteren mindestens einmal ganz furchtbar genervt, kein Identifikationspotential, wenn ich sie überhaupt auseinanderhalten konnte. Letzteres könnte aber auch ein Hörbuchproblem sein, das hatte ich bei „Dunkelsprung“ von Leonie Swann auch, da habe ich dann das Buch gelesen und da ging’s. Die Story, soweit ich sie noch zusammenkriege: Irgendwas mit alten Dschinns, die durch einen Riss zwischen den Welten von der Märchenwelt in unsere kommen und dann ist großer Weltuntergang mit Gekämpfe und zwischendurch auch ein bisschen Sex. Ich weiß ja nicht. Zudem fand ich das Buch sehr männlich, im negativen Sinne, da war so ein unterschwelliger Testosteronspiegel. Es gibt zwar auch starke Frauenfiguren, die waren mir aber dann wieder zu rar gesät und zu funktionshaft. Vielleicht muss es noch mal ein anderer Rushdie sein.

(Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte ergeben übrigens 1001 Nacht, wer sich über den Titel des Buches wundern sollte.)

Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte von Salman Rushdie, deutsche Übersetzung von Sigrid Ruschmeier, erschienen 2015 im Bertelsmann Verlag, 384 Seiten [Amazon-Werbelink]

 

Jenny Erpendeck: Gehen, ging, gegangen

Das Buch, das als ganz großer Anwärter für den Deutschen Buchpreis gehandelt wurde, höchstaktuell, weil es um Flüchtlinge geht, in diesem Fall afrikanische Flüchtlinge, die sich einfach mitten in Berlin auf einen Platz setzen, um sichtbar zu werden. So erfährt auch der emeritierte Professor Richard davon und versucht jetzt in der Leere, die der Tod seiner Frau und der Verlust seines Jobs hinterlassen haben, mehr über diese Menschen herauszufinden. Das ist alles sehr schön eindringlich und in klarer Sprache geschrieben. Ich mochte das Buch, obwohl ich mich immer gefragt habe, ob das alles realistisch ist. Und das ist vielleicht das Hauptproblem, wenn ein Thema auf einmal so brisant wird, man kommt nicht umher, die Geschichte, die ja letzten Endes dann eben nur eine Geschichte ist, zu hinterfragen und auf seine Plausibilität zu überprüfen. Und weil man es eben nicht weiß, scheitert man ganz kläglich. Da kann das Buch aber nichts für.

Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck, erschienen 2015 im Knaus Verlag, 352 Seiten [Amazon-Werbelink]

 

Seth Dickinson: The Traitor Baru Cormorant

Für den Online-Buchclub gelesen. Sehr politische Fantasy, auf der einen Seite mag ich das, weil es mich fordert, auf der anderen Seite merke ich dann immer, wie wenig politisch sensibel ich bin und wie ich meistens die etwas elaborierteren politischen Ränkespiele nicht durchblicke. Baru Cormorant wächst auf einer Insel mit ihrer Mutter und ihren zwei Vätern auf, die von dem Empire of Masks erobert wird. Die Masquerade räumt ordentlich auf, eine Beziehung besteht aus Mann und Frau, alles andere ist sexuell unhygienisch und wird bestraft.

Einer von Barus Vätern verschwindet, sie hingegen wird als Savant auf die Schule aufgenommen und sieht ihre einzige Chance darin, das System von innen zu zerstören. Was auf der anderen Seite bedeutet, dass sie innerhalb des Systems so weit aufsteigen muss, dass sie diese Chance überhaupt wahrnehmen kann. Doch dann wird sie als Imperial Accountant nach Aurdwynn versetzt, wo viele kleine Regionen nicht nur gegen die Masquerade rebellieren, sondern auch darüberhinaus um Machtstellungen konkurrieren. Klingt kompliziert, ist es auch. Darüber hinaus aber sehr spannend, wenn man bereit ist, sich in einer Fantasy-Geschichte auf sehr viel, sehr vielschichtiges politisches Zeug einzulassen. Sehr gern gelesen, große Empfehlung, auch wenn es sicherlich nicht ein Buch für jeden ist. Ich habe keine deutsche Übersetzung gefunden.

The Traitor Baru Cormorant von Seth Dickinson, erschienen 2015 bei Pan MacMillan, 400 Seiten [Amazon-Werbelink]

 

Antoine de Saint-Exupéry: Vol de nuit (deutsch: Nachtflug)

Auf Französisch gelesen und dabei festgestellt, dass ich entweder zu wenig Flugvokabular habe oder einfach nicht so richtig aufgepasst habe, denn ich habe deutlich weniger verstanden als mir lieb war und musste die Geschichte dann in der Wikipedia nachlesen. Da klingt sie sehr hübsch. Es geht um einen Flieger, der in einem Nachtflug in einen Sturm gerät und die Personen auf der Erde, die auf irgendeine Art mit dem Piloten verbandelt sind. Da ist der Mann, der den Nachtflug angeordnet hat, die Frau des Piloten und die Menschen, die verstreut über Südamerika versuchen, Kontakt mit dem Piloten zu halten. Vielleicht sollte ich das Buch noch mal lesen, jetzt, wo ich weiß, worum es geht. Kurz genug zum mehrfach lesen ist es ja. Oder mal das Scheitern eingestehen und auf Deutsch lesen. Gibt’s zumindest auf französisch für einen Euro fürs Kindle.

Vol de Nuit von Antoine de Saint-Exupéry, erschienen 1997 bei Gallimard (die Originalausgabe erschien 1930), 187 Seiten [Amazon-Werbelink]

 

Robert Galbraith/Joanne K. Rowling: Der Ruf des Kuckucks

Als Hörbuch gehört. Wenn man einmal drin ist, ist das allerbeste britische Krimiunterhaltung. Aber ich mochte ja schon Ein plötzlicher Todesfall. Das Model Lula stürzt vom Balkon. Die Untersuchungsergebnisse sagen: Selbstmord. Doch der Bruder von Lula will nicht daran glauben und engagiert den Privatdetektiv Cormoran Strike, um den Fall aufzurollen und zu beweisen, dass es doch Mord war. Wenn Joanne K. Rowling etwas kann, dann eine sehr dichte Welt mit vielen glaubwürdigen Personen erschaffen. Das hat bei Harry Potter funktioniert und funktionierte genauso in Ein plötzlicher Todesfall und jetzt eben auch in Der Ruf des Kuckucks. Mal abgesehen davon, dass man sich das ganze richtig gut als Miniserie vorstellen kann und das meine ich in diesem Fall sehr positiv. Der zweite Band steht jedenfalls schon auf meinem Audible-Merkzettel.

Der Ruf des Kuckucks von Robert Galbraith/Joanne K. Rowling, deutsche Übersetzung von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz, erschienen 2013 bei Blanvalet, 640 Seiten [Amazon-Werbelink]

 

Kerstin Gier: Silber – Das dritte Buch der Träume

Und noch ein Hörbuch, einfach, weil ich die ersten beiden Bände schon gehört hatte und spannend genug fand, außerdem sehr gut gelesen. Das ist jetzt mal wieder Jugendliteratur. Es geht um Liv Silver, die in London in einer Patchworkfamilie wohnt: Liv, ihre Schwester Mia, ihre Mutter, deren Freund und dessen beiden Kinder Grayson und Florence. Außerdem das österreichische Kindermärchen Lotti, die quasi dauernd backt, ein sehr sympathischer Charakter. Liv hat schon im ersten Band gelernt, wie man kontrolliert träumen und sich in die Träume anderer Menschen schleichen kann. Es ist allerdings sehr kompliziert, die Handlung des dritten Buchs zu beschreiben, ohne auf die ersten beiden Bücher Bezug zu nehmen. Im dritten Band kommt es jedenfalls zum großen Finale, denn wer in den Träumen anderer Menschen Macht hat, der nutzt diese nicht immer zum Guten. Manche Aspekte der Geschichte sind etwas konstruiert und überzogen (es kommen Dämonensekten vor und… nu ja, Lotti spricht anscheinend auch auf Englisch mit sehr österreichischem Akzent), insgesamt lässt sich das ganze aber sehr flüssig und spannend lesen bzw. hören und ist mal eine gelungene Abwechslung, wenn man kurz vorher noch komplizierte politische Fantasy gelesen hat. Macht Spaß und unterhält souverän. Mehr will man ja manchmal gar nicht.

Silber – das dritte Buch der Träume von Kerstin Gier, erschienen 2015 bei Fischer FJB, 464 Seiten [Amazon-Werbelink]

 

Traumdeutung

Ich habe heute geträumt, dass ich in meiner Fernsehzeitung gesehen habe, dass „Parks and Recreation“, dieses Serienkleinod mit der wunderbaren Amy Poehler, doch auch in Deutschland kam. Anscheinend habe ich da sehr lange etwas verpasst, denn die Fernsehzeitung kündigte den Start der siebten Staffel an. Warum die Serie in Deutschland aber nicht als „Parks and Recreation“, sondern als „Parks and Geocaching“ lief, konnte sich mir nicht erschließen. Geocaching spielt in der Serie eine untergeordnete Rolle, um nicht sagen gar keine Rolle. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, dass dieses Thema in den vier Staffeln, die ich gesehen habe, irgendwann mal aufgegriffen wurde.

Möglicherweise kann man das aber auch so erklären, dass ich ja, seit wir von unseren zahlreichen Balkonen endlich auch das Treiben auf der Straße beobachten können, den innigen Wunsch habe, einen Geocache so zu verstecken, dass wir ihn oder vielmehr die potentiellen Sucher sehen und eventuell hilfreiche Ratschläge runterbrüllen können. Das stelle ich mir sehr lustig vor.

Lieblingstweets im Februar woanders

Code Literacy und warum wir dringend einen vernünftigen Informatikunterricht brauchen

Wenn man mit der tödlichen Sommererkältung flach liegt, kann man viele Dinge tun. Schlafen zum Beispiel, oder lesen. Oder lustige bis furchtbare Sendungen privater Fernsehanstalten gucken. Oder aber, wenn man es rechtzeitig mitbekommt, den Livestram der DLDWomen 2013 gucken. Vollkommen abgefahren, da liegt man schniefend, hustend und in Vollzeit schleimproduzierend im Ruhrgebiet auf dem Sofa und kann live mitbekommen, was in München für tolle Vorträge gehalten werden. Meike Winnemuth war da und Carl Djerassi, Jacqueline D. Reses von Yahoo! redete darüber, was physische Zusammenarbeit auch bedeuten kann und Elif Shafak sprach über die Bedeutung von Storytelling.

Besonders gefreut habe ich mich aber über den Vortrag „Code!!“ der beiden Stanford-Studentinnen Ayna Agarwal und Ellora Israni von she++, die darüber sprachen, warum es wichtig ist, dass Frauen in der IT Fuß fassen und mehr Frauen programmieren lernen. Aus nachvollziehbaren Gründen ist das ein Thema, was mich besonders interessiert. Die beiden Frauen brachten meiner Meinung nach genau die richtigen Argumente: Wir sind umgeben von Technologie, wir benutzen zig verschiedene Gadgets jeden Tag, unterschiedlichste Software, wir vertrauen Technologie wesentliche Bestandteile unseres Lebens an, die Branche ist aber nach wie vor männerdominiert. Und nur, um das gleich klarzustellen, es geht nicht darum, dass Männer irgendetwas falsch machen würden, es geht vielmehr darum, dass Diversität fehlt, dass Frauen vermutlich genauso viel und oft mit Technologie umgehen, ihre Sichtweise aber sowohl bei Entwurf als auch bei der Produktion von Software weitestgehend fehlt.

Ein anderer und sehr wichtiger Punkt ist aber der des Empowerments. Das gilt natürlich für viele andere Bereiche auch. Ich kann kaum einen Knopf wieder annähen, und muss für jeden Quatsch zum Schneider laufen, ich kann nicht klempnern und ich bohre nur ungern irgendwelche Löcher in Wände. Ich kann dafür aber prima IKEA-Möbel aufbauen und verstehe meistens, was der Steuerberater mir erklärt. Vorlieben und die damit verbundene Bereitschaft, sich mit irgendwas zu beschäftigen, sind individuell, oft nicht rational und können sich ständig ändern. Vor allem aber sind sie eine Voraussetzung für die eigene Selbstständigkeit, die Unabhängigkeit, autark zu handeln und nicht von anderen und ihrem Wissen abhängig zu sein.

Ich habe lange damit gehadert, wie man erklären soll, warum viel mehr Leute, und ich meine ausdrücklich Leute und nicht Frauen, programmieren sollten. Es geht dabei gar nicht darum, dass jetzt alle Softwareentwickler werden sollten, es geht um ein Grundverständnis von IT, Software und dem, was eigentlich dahintersteckt. Um eben nicht hilflos vor dem eigenen Computer zu stehen, wenn irgendwas nicht funktioniert, um nicht auf einen Bekannten warten zu müssen, wenn das Internet nicht geht. Wenn wir umgeben sind von Technologie, wenn jede Firma und jede/r Selbstständige eine Webseite braucht, um präsent zu sein, wenn ich davon ausgehen muss, dass potentielle Arbeitgeber, aber natürlich auch sonst jeder, mich googeln kann, wenn ich auf Facebook bin, einen Blog schreibe oder sonst irgendwie im Netz aktiv bin, dann sollte es doch eigentlich ein Bedürfnis sein, zumindest in groben Zügen zu verstehen, was da eigentlich passiert, um selbstständig Entscheidungen treffen und Dinge einschätzen zu können.

Christian beschreibt das in einem Artikel sehr schön, den er anlässlich der Meldung, in Hamburg würde der Informatikunterricht als Pflichtfach abgeschafft werden, geschrieben hat. Das Argument der Zuständigen in Hamburg geht in die Richtung, dass man ja auch nicht wissen muss, wie ein Fernseher funktioniert, um Fernsehen gucken zu können. Also müsse man auch nicht wissen, wie ein Computer funktioniert, um irgendwas mit dem Computer machen zu wollen. Das wäre vermutlich sogar ein nachvollziehbares Argument, wenn es in der Informatik nur um Hardwarekomponenten ginge, dabei macht das aber nur einen sehr, sehr kleinen Teil aus. Die Wirklichkeit ist wie immer komplizierter: Ein ordentlicher Informatikunterricht könnte und sollte nämlich ganz andere Aspekte behandeln, die mit dem Aufbau eines Computers gar nichts zu tun haben.

In dem Beispiel, das Christian erzählt, kostet es ein kleines Unternehmen 600 Euro, weil der Kunde die Risiken seiner Anweisungen nicht versteht, und darauf besteht, dass etwas getan wird, was sich im Nachhinein als grober Fehler herausstellt. Lektion dieser Geschichte: Die Weigerung, sich mit „der Informatik“ zu beschäftigen, kann teuer werden.

Viele Geschichten, die ich so von den selbstständigen Grafikern/Webdesignern/Softwareentwicklern in meiner Facebooktimeline lese, gehen genau in diese Richtung. Man will sich nicht mit dem technischen Aspekt beschäftigen, man will auch gar nicht verstehen, worum es geht, das sollen die anderen machen. Oft werden dadurch durch Unwissen falsche Entscheidungen getroffen, Warnungen werden in den Wind geschossen („Ich will das aber so!“) und kosten am Ende Geld, Zeit und Nerven. Letzteres dann leider vor allem bei den Dienstleistern.

Den Begriff „Code Literacy“ habe ich in einer Session auf der re:publica 2013 aufgeschnappt, ich fand ihn irgendwie interessant, hatte eine eigene Idee dazu im Kopf, wusste aber nicht im Geringsten, ob das auch mit dem übereinstimmte, was andere Leute sich dazu überlegt hatten. Leider entpuppte sich die Session als Workshop, und da ich zur Hälfte der Zeit in einen anderen Vortrag huschen wollte, habe ich mich dann verzogen. (Aus dem Workshop entstand dann übrigens ein Blog, der sich mit dem Thema beschäftigt.)

Der Begriff ließ mich jedoch nicht los, weil er ungefähr das fasst, was ich erreichen will, wenn ich Leute dazu ermuntere, doch mal ein bisschen „Programmieren“ zu lernen. Meistens meine ich damit auch gar nicht programmieren, sondern die einfache Aufforderung, sich mal hinter den Kulissen des eigenen Blogs umzuschauen oder zu verstehen, wie Webseiten überhaupt erstellt werden. Sobald man die Grundlagen einmal kapiert hat, eröffnen sich nämlich direkt neue Möglichkeiten, mehr Freiheit, mehr Rumtricksen, wenn etwas nicht genau so funktioniert, wie man sich das vorstellt.

Es kann jedoch auch bedeuten, dass man nicht mehr auf die Hilfe fremder Programme angewiesen ist, sondern durchaus in der Lage ist, sich sein eigenes kleines Makro oder Hilfsprogramm zu schreiben, das den einen, ganz konkreten Handgriff erleichtert, den man jeden Tag mehrmals tun muss. Da genau solche Handgriffe oft sowohl sehr individuell als auch sehr trivial sind, kann es gut sein, dass man in der gleichen Zeit, wie man ein existierendes Programm so weit hingebogen hat, dass es das tut, was man möchte, sein eigenes kleines Ding programmiert hat.

Code Literacy bedeutet für mich, nicht vor Schreck zu erstarren, wenn man eine Seite Code sieht, sondern zumindest grob einschätzen zu können, was es damit auf sich hat, oder auch ganz simpel, ob es für einen selber überhaupt relevant ist. Wer auch nur ein bisschen Code lesen kann (und ja, ich weiß, dass HTML und CSS kein „Code“ sind, aber zum Zwecke dieser Übung behandeln wir auch diese Sprachen mal so), der kann sich im Netz autarker bewegen, ist weniger auf die Hilfe anderer, sowohl fremder Leute als auch Bekannter, angewiesen und mit ein bisschen Übung, Durchhaltevermögen und Fantasie auch schnell in der Lage, Probleme selbstständig zu lösen.

Es gab vor einiger Zeit ein sehr schönes Video, in dem bekannte und weniger bekannte Menschen erzählten, warum man programmieren lernen sollte. Man kann das sehr schön gucken, sollte sich aber auch nicht zu sehr von der etwas verklärten Vorstellung, wie geil das Leben als Softwareentwickler ist, irritieren lassen. So großartig ist es auch nicht immer, die haben sich da schon ein paar ganz abgefahrene Unternehmen ausgesucht. Außerdem möchte ich nicht immer wissen, welcher Einsatz fürs Unternehmen im Gegenzug von den Mitarbeitern gefordert wird. Ja, ich finde meinen Job super, aber ich weiß auch, dass es ganz viele andere wichtige und vermutlich auch wichtigere Berufe gibt. Darum geht es gar nicht.

Das hat auch Scott Hanselman in seinem Artikel „Programming’s not for you? How about thinking? Be empowered!“ schön auseinandergenommen. Es geht nicht darum, supertolle Applikationen zu schreiben und den coolsten Job der Welt zu bekommen. Es geht auch nicht darum, Programmieren nur um des Programmierens Willen zu lernen. Vielmehr geht es darum, problemorientiertes Denken zu erlernen und sich selbst die Macht zu geben, Dinge zu verändern.

Und es geht darum, im ganz normalen Technologiealltag ein mündiger Bürger zu sein, der sich weder vom Geschwafel vermeintlicher Experten irritieren lässt, noch verzweifelt das Handtuch wirft, weil er glaubt, er würde diese „Informatik“ nicht verstehen. (Erfahrungsgemäß blocken viele Menschen schon ab, bevor man überhaupt anfangen konnte, irgendwas zu erklären. Die Vorstellung, das alles müsste zwangsweise wahnsinnig kompliziert/uninteressant/zu technisch sein, scheint hier weit verbreitet. Oft ist es allerdings ganz einfach.) Das gilt sowohl für mich als Privatmensch als auch für mich als politischer Mensch. Gerade in Zeiten von PRISM und Co. ist es geradezu verwegen, zu behaupten, der Durchschnittsbürger bräuchte sich nicht für IT zu interessieren, wir müssen es vermutlich mehr als eh und je. Letztendlich geht es immer um Macht. Wer nicht lesen kann, ist denen ausgeliefert, die es können, muss ihnen glauben, dass sie ihn nicht anlügen oder eben mehrere Leute fragen (und – für die ganz Paranoiden – dann hoffen, dass die sich nicht abgesprochen haben). Wer sich nicht mit „Informatik“ beschäftigen will, der ist denen ausgeliefert, die sich damit auskennen und muss genauso hoffen, dass er nicht angelogen oder ausgenutzt wird. Und wer, wie im Falle des Hamburger Informatikunterrichts, sogar vielen anderen Leuten weismachen will, dass sie diese Kompetenz nicht bräuchten, der hat ganz einfach den Schuss nicht gehört.

she++

Codeacademy

Code-Literacy-Blog

Jawl: Was eine Pension in Regensburg mit Informatikunterricht in Hamburg zu tun hat

Scott Hanselman: Programmings’s not for you? How about thinking? Be empowered.

Nicht wissen, was man schreiben soll

Ich wollte das hier schon länger aufschreiben. Zwischendurch dachte ich immer wieder mal, jetzt wäre es soweit, jetzt könnte ich, jetzt würde ich mich trauen, aber dann hab ich doch wieder einen Rückzieher gemacht. Aus Angst. Angst, etwas zu schreiben, dass man nicht aufschreiben sollte. Etwas öffentlich zu machen, dass nicht öffentlich sein sollte. Gefühle zu verletzen, wo verletzen so ziemlich das allerletzte ist, was ich bezwecken wollte. Sich in den Mittelpunkt von einer Sache zu stellen, die man gar nicht selber erlebt habe, die zu dem Leben einer anderen Person gehört.

Heute saß ich dann völlig überraschend mit einem Heulkrampf am Küchentisch und jetzt sitze ich hier und denke, dass es vielleicht doch besser ist, wenn ich das aufschreibe. Und ich hoffe, ich liege da richtig.

Ich habe eine Freundin. Eine Freundin, die ich seit Jahren nicht gesehen habe, die ich aber am Anfang unserer Freundschaft in einer kurzen Phase sehr oft sah, mit der ich – für mich völlig unüblich – sehr lange telefonieren konnte, mit der ich mich sofort verstand, aus diversen Gründen. Dann zog sie erst in eine Stadt, die sehr weit weg war, dann in eine andere, die genauso weit weg war und dann in eine dritte, die noch viel weiter weg war. In Kontakt blieben wir über Skype und E-Mail, später auch über Facebook und Twitter. Aber wirklich gesprochen haben wir uns seitdem eigentlich nicht.

Ich glaube, dass dieser Freundin etwas Schlimmes passiert ist. Oder, um es deutlicher zu sagen: Ich glaube, dass diese Freundin vergewaltigt wurde. Aber ich weiß es nicht. Ich habe diese Ahnung, weil sich auf einmal etwas verändert, ein Schnitt in dem von mir nachvollziehbaren Onlineleben, Bilder und Worte gegen Vergewaltigung, es ging um wiederkehrende Albträume, um zerrissene Bilder und um Orte, die man nicht mehr besuchen konnte. Ein Einschnitt, bei dem man mit ein bisschen Hingucken recht klar ein Vorher und Nachher erkennen konnte.

Und ich saß da vor meinem Bildschirm, war sprachlos und wusste nicht, was ich machen sollte. Ich weiß immer noch nicht, was ich machen soll. Ich weiß noch nicht mal, ob meine böse Ahnung stimmt, weil ich nicht fragen kann, mich nicht traue zu fragen, nicht weiß, ob man sowas fragen darf und wenn ja, wie man so etwas fragt. Ich fühle mich hilflos und sprachlos und gleichzeitig schäbig, weil ich denke, dass diese Hilflosigkeit so ungefähr ein Dreck gegen das ist, was meiner Freundin wahrscheinlich passiert ist und dass ich überhaupt kein Recht habe, mich deswegen schlecht zu fühlen, weil mir ja nichts passiert ist.

Ich habe in meinem Kopf schon oft einen Brief an diese Freundin formuliert. Einmal habe ich spontan dabei angefangen zu weinen. Und heute saß ich wieder da und fing an, loszuheulen, weil auf einmal in diesem ganzen Wirrwarr von #aufschrei-Tweets genau diese Freundin auftauchte. Da saß ich da und starrte den Bildschirm an und fühlte mich wieder genauso sprach- und hilflos und überhaupt nicht nach Aufschreien. Weil die tausend Geschichten für mich plötzlich ein vertrautes Gesicht bekamen.

Ich weiß immer noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Es mag feige sein, aber ich kann keine Mail schreiben, in der ich „Sag mal, bist du eigentlich vergewaltigt worden?“ frage. Ich weiß nicht, wie das geht und ich weiß erst recht nicht, was ich machen soll, wenn die Antwort „Ja“ ist.

Deswegen schreibe ich das jetzt das hier, und hoffe, dass sie es liest.

Ich weiß, dass ich spät dran bin. Ich weiß, dass ich lange nichts gesagt habe, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Ich weiß nicht, was passiert ist, ich weiß nicht, wann es passiert ist. Ich weiß nicht, ob du darüber reden willst oder ob es dir lieber ist, wenn nie wieder ein Wort darüber verloren wird.

Was ich sagen will ist, dass ich es gemerkt habe und dass ich es nicht ignorieren wollte, dass ich sprachlos bin, und dich nicht fragen konnte, nichts sagen konnte, aus Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu fragen. Aus Angst, selber nicht handlungsfähig zu sein, nutzlos und schwach.

Was ich noch sagen will ist, dass ich immer da bin, ganz klischeemäßig, auch mitten in der Nacht, wann auch immer. Auch wenn ich mich selbst so hilflos fühle, dass ich nicht glauben kann, dass ich irgendwas hilfreiches sagen oder tun könnte, wenn ich trotzdem irgendwas tun kann, dann werde ich das tun. Ich kann immer noch nicht fassen, dass einem Menschen, der so toll und stark und selbstbewusst und klug ist sowas passieren kann.

Ich habe keine Worte dafür, wie furchtbar leid es mir tut, wie gerne ich helfen würde.

Ich freue mich über jedes Mal, wenn ich höre, dass es dir gut geht, über jedes Bild, auf dem du glücklich aussiehst.

 Und ich vermisse dich.

 

(PS: Ob es richtig ist, das so öffentlich im Blog zu schreiben, kann ich nicht beantworten. Ich habe lange mit mir gehadert, mich aber aus diversen Gründen dafür entschieden. Ich bitte darum, das zu akzeptieren, selbst wenn man es nicht unbedingt nachvollziehen kann.)