Tagebuchbloggen, 7.8. – 9.8.2018 – Zugchaos, Bücher und Buchweizen

Dienstag nach 21 Uhr nach Hause gekommen wegen Bahnchaos. Donnerstag nach 21 Uhr nach Hause gekommen wegen Bahnchaos. Einmal Böschungsbrand, einmal Unwetter. Eventuell sind der Twitteraccount der Deutschen Bahn und ich keine Freunde mehr.

Ich muss dazu aber folgendes sagen: Ich bin relativ gelassen, was Verspätungen oder Ausfälle angeht. Wenn in Siegburg gerade die Strecke gesperrt ist, weil ein Brand lodert, kann die Bahn da nichts für, erst recht nicht ihre Mitarbeiter. Wenn irgendwo in Hessen oder Baden-Württemberg Unwetter ist, dann kann die Bahn da auch nichts für und wenn es sicherer ist, nicht zu fahren, dann soll das so sein.

Was mich Dienstag und Donnerstag so zur inneren Weißglut brachte, war die quasi nicht existente Informationspolitik. Dienstag zum Beispiel saß ich dann in einem IC, der immerhin laut Fahrplan fahren sollte und hörte die Durchsage, dass sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit verzögere wegen fehlendem Personal. Schön und gut, auch das kann passieren, das eine Personal will auch Feierabend machen und das andere Personal steckt vielleicht irgendwo hinter Siegburg und kommt wegen Böschungsbrand nicht zum IC in Köln. Ich bin aber ein großes Mädchen und fahre seit vielen Jahren Bahn. Ich kenne meine Verbindungen und ich kenne auch meine Alternativverbindungen. Ich muss dafür aber wissen, ob es sich lohnt, aus dem Zug auszusteigen und am anderen Gleis auf einen anderen Zug zu warten, oder ob das Personal in fünf Minuten da ist und der andere Zug sowieso erst in zwanzig Minuten kommt. Es endete übrigens so, dass wir dann nach 30 Minuten Rumstehen, bei der wir dem Regionalexpress am Nachbargleis schon bei seiner fröhlichen Abfahrt gen Norden zuwinken konnten, doch noch auf einen alternativen ICE mit gleichem Fahrtziel hingewiesen wurden. Ob und wann der IC dann fuhr, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das gleiche Spiel spielten wir dann Donnerstag, als ich erst zum 105 Minuten verspäteten ICE auf Gleis 12 lief und beim Warten an der Tür von den aussteigenden Leuten informiert wurde, dass dieser Zug in Köln nicht weiterfahren würde. Daraufhin begab ich mich wieder auf Gleis 11, um auf den ungefähr 60 Minuten verspäteten ICE zu warten, der dann auch kam, in den wir auch einstiegen und aus dem wir nach 20 Minuten wieder aussteigen durften, weil dieser Zug auch nicht weiterfahren würde. „Reisende nach Dortmund“ wurden auf den nur 15 Minuten verspäteten ICE an Gleis 12 verwiesen, in der irren Annahme, damit wären auch Reisende nach Essen gemeint, wartete ich also auch wieder an Gleis 12, bis aus der Anzeige ersichtlich wurde, dass dieser Zug wirklich nur für Reisende nach Dortmund interessant war, weil die Fahrt über Wuppertal und Hagen ging. Irgendwann landete ich dann am Kölner Hauptbahnhof in einem EC, der dann auch fuhr. In der Zwischenzeit hätte es vermutlich zwei bis fünf Alternativverbindungen gegeben, die ich alle verpasste, weil ich in der irrigen Annahme, wenn ein Zug mit Ziel Essen am Bahnsteig angeschlagen steht, dieser auch nach Essen fahren würde.

Und ja, ich weiß auch, dass das ein hochkomplexes System ist, und das manche Entscheidungen sehr zeitnah getroffen werden, trotzdem ist als mündiger Fahrgast frustrierend, wenn die eigene, in vielen Jahren mühsam durch Erfahrung und viele Fehlern erworbene Bahnkompetenz von der fehlenden Informationsweitergabe der Bahn maximal torpediert wird.

Aber na ja, ich hab ein vorausgefülltes Fahrgastrechteformular auf dem Rechner gespeichert, bei dem ich nur noch Datum, Uhrzeit und Zugnummer ändern muss, ich bin vorbereitet.

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Auf der Habenseite: Viel gelesen, ich saß ja sehr viel in Zügen rum. Zum einen „Our House“ von Louise Candlish [Amazon-Werbelink], so ein Pageturner-Thriller-Krimi-Ding im Stil von „Gone Girl“, mein Guilty-Pleasure-Genre sozusagen. Ganz fesch zu lesen, auch wenn es im Mittelteil etwas zäh wird, man will aber auf jeden Fall wissen, wie es weiter- und vor allem ausgeht und bleibt da gut bei der Stange. Es geht um Fiona, die nach Hause kommt und sieht, wie gerade ein fremdes Paar in ihr leergeräumtes Haus einzieht. Dann folgt eine Geschichte, um Intrigen und Geheimnisse und so weiter, man kennt das. Insgesamt recht schlüssig, mit einem ebenso konsequenten wie leicht unbefriedigenden Ende.

Außerdem „Vox“ von Christina Dalcher [Amazon-Werbelink], eine Dystopie ein bisschen im Fahrwasser von Atwoods „The Handmaid’s Tale“. In einer nicht allzu fernen Zukunft dürfen die Frauen in einer abgeschotteten, von fundamentalistischen Christen regierten USA nur noch 100 Wörter am Tag sprechen. Auch Schreiben und Lesen ist den Männern vorbehalten, die Mädchen lernen noch ein bisschen Rechnen (braucht man ja fürs Einkaufen, Kochen und Nähen) und ansonsten alles, was man braucht, um eine gute Hausfrau und Mutter zu sein. Als der Bruder des Präsidentin einen Unfall erleidet, bei dem das Sprachzentrum beeinträchtigt wird, soll die Linguistin Jean, die aus der Uni an den Herd verbannt wurde, ihre Forschungen an einem Heilmittel fortführen. Ich bin immer noch nicht von der Prämisse überzeugt, das ganze Setting kam mir zu krass und unglaubwürdig vor, ich meine, selbst bei Atwood dürfen die Frauen reden. Wenn man darüber hinwegsieht, entwickelt sich die Geschichte aber in der zweiten Hälfte ganz gut und für mich unerwartet, kann man also auch gut machen.

Heute im Zug noch „And the Lamb Will Slaughter the Lion“ von Margaret Killjoy [Amazon-Werbelink] ausgelesen, eine Fantasy-Novelle über eine anarchistische Gruppe, die in einer verlassenen Stadt ihre Utopie einer gleichberechtigten Welt lebt und einen dämonischen Hirsch. Sehr angenehme moderne Fantasy, originell, gute Figuren und Dialoge. Gerne mehr davon.

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Mittwoch abend hingegen war der Zug pünktlich und wir hatten Besuch. Es gab Fleisch vom Grill, denn es war vom Grillevent am Samstag ja noch genug übrig. Außerdem Maiskolben, Tomate mit Mozzarella, Brot und zum Nachtisch Quarkspeise mit Nektarinen und Himbeeren und, aufgemerkt: Buchweizenpops.

Buchweizenpops habe ich jetzt schon in zwei französischen Ein-Sterne-Restaurants gehabt, das scheint ein Ding zu sein und ich war auch beide Mal begeistert. Beim Einkaufen nahm ich also diesmal die große Tüte Buchweizen aus dem Russlandregal mit.

Ich habe die Pops dann ähnlich wie Mais-Popcorn im Topf mit etwas Sonnenblumenöl und ein bisschen Zucker zubereitet. Sie springen nicht wild durch die Gegend wie Popmais, zumindest bei mir nicht, ich garantiere hier für nichts, ich experimentiere auch noch. Von der Größe her tut sich auch nicht viel, der gepoppte Buchweizen ist nicht signifikant größer als der ungepoppte, man sieht vor allem an den weißen Stellen, dass der Popvorgang abgeschlossen ist.

Geschmacklich aber wie erwartet und erhofft top, man kann das so essen, ich habe es als Crunch auf die Quarkspeise gegeben, sehr zu empfehlen, gerne wieder, sofort am besten.

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Musikalische Entdeckung ist Laura Marling, die ich gerade rauf und runter höre. Es ist nicht direkt eine Entdeckung, denn ich habe eines ihrer letzten Alben schon mal in einer Phase recht häufig gehört. Sehr schöne, vielseitige Singer-Songwriter-Musik.

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Immer noch keine Meinung zum Wetter, aber das ist jetzt mittlerweile wohl auch hinfällig. Ich möchte nur anmerken, dass ich weniger lange für den Heimweg gebraucht habe, als es draußen noch gefühlte 100 Grad waren. ES WAR NICHT ALLES SCHLECHT!


Wer gerne liest, was ich hier schreibe und mir eine Freude machen will, kann mir etwas von der Wunschliste spendieren oder Geld ins virtuelle Sparschwein werfen.  Die Firma dankt.

Tagebuchbloggen, 16.7.2018

Ich fang mal von hinten an. Ich machte nämlich einen nicht vorhersehbaren Fehler und fragte auf Twitter nach den prägendsten Büchern und/oder Autoren der Kindheit inklusive Angabe ob man aus Ostdeutschland, Westdeutschland oder ganz woanders kommt.

Dieser Tweet hat mittlerweile (Stand 8:16 Uhr am 17.7.2018) 615 Antworten und wurde 194 geteilt. Das ist ein bisschen mehr, als ich erwartet hatte und deswegen saß ich gestern noch sehr lange am Computer und kopierte manuell Tweets in ein Dokument, um die Antworten auch wirklich alle gesichert zu haben, denn Twitter scheint keine Option zu bieten, einfach alle Antworten zu einem Tweet in der richtigen chronologischen Reihenfolge anzuzeigen oder – das wäre natürlich ein Traum – exportieren zu können.

Das Dokument hat jetzt jedenfalls 110 Seiten und der letzte kopierte Tweet ist von 23:06 Uhr oder so.

Ausgang der Frage war übrigens dieser Tweet von Brombeertürkis:

Meine Initialreaktion war ein wütendes #notallwesternchildrensbookauthors, aber dann habe ich Gott sei Dank etwas nachgedacht, eine Buzzfeed-Liste mit Ost-Kinderbüchern durchgescrollt, von dem ich exakt eins kannte, nämlich „Das Schulgespenst“ und das auch nur, weil es verfilmt wurde und dann dachte ich, eventuell ist da was dran.

Es wird etwas dauern, bis ich die Antworten addiert und ausgewertet habe (615 FUCKING REPLYS!), aber ich habe schon mindestens drei Erkenntnisse gesammelt:

  1. Ich kenne fast alle Autoren, die mir von westdeutsch sozialisierten Menschen genannt wurde und fast keine/n spezifisch ostdeutsche/n Autor/in – Verne, May und Konsorten nehme ich hier mal raus.
  2. Überhaupt eine erstaunliche Häufung von Jules Verne von ostdeutsch sozialisierten Menschen, die sich im Westen so nicht wiederfindet.
  3. Wenn jemand Mira Lobe und Christine Nöstlinger nennt, kommt er oder sie aus Österreich.

Es bleibt jedenfalls spannend, es trudeln weiterhin Antworten ein und ich werde auch heute erst mal weiter Tweets kopieren.

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Jetzt aber von vorne. Gestern saß ich im Zug, mir gegenüber eine Frau, die einen Kaffee vom Zugbegleiter kaufen wollte, aber nur einen Fünfzigeuroschein hatte, den der Zugbegleiter aber nicht wechseln konnte, weswegen es dann auch keinen Kaffee gab. Ich zückte also mein Portemonnaie, kaufte den Kaffee und schob ihn der Frau zu, die erst der Ansicht war, das könne sie aber nicht annehmen, sich dann aber von mir überzeugen ließe, dass sie das sehr wohl annehmen könne.

Ein paar Minuten später bekam ich im Gegenzug eine Packung Merci-Schokolade. Das war eigentlich ein ganz schöner Start in den Tag.

Auf ähnlichem Wege habe ich übrigens schon mal ein gelesenes Buch gegen eine Tafel Ritter Sport Vollnuss und eine Briefmarke gegen einen Kalender mit Bibelversen getauscht. Wobei das Gegengeschenk von mir nie intendiert war, aber die Leute scheinen das so zu wollen.

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Eine schöne Frage zum Nachdenken ist übrigens auch diese hier:

Meine Antwort ist: Ich nehme „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und behalte Bill Murray. Im Nachhinein prangere ich sowieso an, dass ausgerechnet Bill Murray noch nie in einem Muppet-Film mitgespielt hat, ich stelle mir das höchst amüsant vor.

Aber die anderen Vorschläge sind auch alle schön, wobei ich bei „Die Brautprinzessin“ natürlich nicht Cary Elwes, sondern Mandy Patinkin behalten würde, ich meine bitte, ich gucke diesen Film zu 90 Prozent wegen Mandy Patinkin.

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Außerdem sehr exzessiv das Album „Love Monster“ von Amy Shark gehört. Dabei kopieren sich Tweets fast von allein*.


* Nein, tun sie nicht.

Tagebuchbloggen, 14.7.2018

Frau Stedtenhopp fordert wieder mehr Tagebuchbloggen, so wie wir es früher (TM) immer gemacht haben und ich glaube, ich bin da ganz ihrer Meinung, was natürlich dann in der Konsequenz bedeutet, dass ich mich mit gutem Beispiel der kleinen unerschütterlichen Zahl der Tagebuchblogger* anschließen werde.

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Gestern war zum Beispiel Tantengeburtstag in Köln. Weil ich mittlerweile gelernt habe, dass man in Köln am schnellsten mit dem Rad unterwegs ist, jedenfalls dann, wenn man nicht in irgendeinen abgefahrenen Stadtrandstadtteil möchte oder nicht wirklich direkt von A nach B eine Bahn fährt, nehme ich immer öfter das Leihrad. In diesem Fall musste ich nach Ehrenfeld, das ist auch schön einfach, man muss vom Hauptbahnhof eigentlich die ganze Zeit nur geradeaus. Es gibt sogar einen mehr oder weniger durchgehenden Radweg die gesamte Venloer Straße lang, aber man müsste eventuell „Radweg“ mit großen Anführungszeichen schreiben, denn streckenweise ist dieser „Radweg“ nicht breiter als eine Lenkstange. Aus Essen kommend goutiere ich aber, dass man zumindest an die Radfahrer gedacht hat, und mit guten Absichten eine Linie auf die Fahrbahn gepinselt hat, das ist schon mehr, als ich es aus dem Ruhrgebiet gewohnt bin.

Was mir aber vor allem aufgefallen ist, ist, dass sich alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen erratisch verhalten. Es ist eigentlich egal, die Autofahrer, die „nur mal kurz“ auf dem Radweg parkten oder ohne erkennbaren Grund auf der Fahrbahn bremsten nervten genauso wie die Fahrradfahrer, die offensichtlich gar nicht so dringend von A nach B mussten, und mit entsprechender Geschwindigkeit den Radweg blockierten (gerne auch zu zweit nebeneinander), so dass man als Mensch mit begrenzter Nachsichtigkeit und Geduld eben dann doch zum Überholen auf die Straße fahren musste.

Positiv stachen die Fußgänger hervor, möglicherweise ist das so ein Critical-Mass-Ding, hier in Essen klingel ich regelmäßig Fußgänger vom Radweg, man mag ihnen aber gar keinen rechten Vorwurf machen, wie sollen sie drauf kommen, dass der Radweg ein Radweg ist, wenn da nie ein Radfahrer lang fährt. In Köln hingegen ist die Radfahrerdichte deutlich höher, und dementsprechend vielleicht auch die Wahrnehmung des Radwegs als Radweg.

Long story short: Ich glaube, es sind nie die Verkehrsteilnehmer selber, die das Problem sind, sondern die Infrastruktur, die geboten wird. Darüberhinaus ist die Idiotenquote gleichmäßig auf alle Verkehrsteilnehmer verteilt.

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Zurück bin ich dann auch gar nicht mit dem Rad, sondern habe mich bis zum nächsten Bahnhof bringen lassen, wo theoretisch der RE 1 von Köln nach Essen durchgefahren wäre, praktisch aber eine Verspätung von einer halben Stunde hatte, so dass ich dann doch zwei Mal umsteigen musste, um nach Hause zu kommen.

Im ersten Zug war High Life, mehrere Grüppchen junger Menschen, die laut Musik hörten und offensichtlich auf dem Weg zu irgendwelchen Feierlokalitäten waren. Eine Mädchengruppe hatte den jungen Zugbegleiter bereits in ein Gespräch verstrickt, in dem es mehr oder weniger darum ging, wieso er sich in der Kölner Feierszene nicht auskennen würde, wo er doch hier wohne, gefolgt von einer längeren Liste potentieller Feierlokalitäten und der Erkenntnis, dass man gar nicht hören würde, dass er eigentlich aus Hamburg kommt, was er mit einem trockenen „Woran soll man das auch hören, soll ich öfter mal ‚Digga‘ sagen?“ konterte.

Irgendwie schien es einen Themenwechsel zu geben, denn wenig später schon ging es um Blasenentzündung, und die Vermutung einer der jungen Frauen, dass sie eventuell die einzige Frau auf der ganzen Welt sei, die noch nie Blasenentzündung gehabt hätte. Darauf hob ich wie der schlimmste Streber des ganzen Zugs die Hand und rief: „Nein, ich, ich! Ich hab auch noch nie eine Blasenentzündung gehabt!“ So baut man gleich ein Gemeinschaftsgefühl auf, es geht ganz schnell.

Tatsächlich hielt ich Blasenentzündung lange Zeit für einen Mythos, bis mir nahestehende Personen versicherten, dass es sich dabei doch um ein existierendes Ding handeln würde, und sie selber Klagelieder darüber singen könnten. Ich bin zwar geneigt, dem Glauben zu schenken, meine neue Freundin aus dem Zug und ich versicherten uns aber doch noch mal gegenseitig, dass wir immer noch nicht sicher wären, ob es sich nicht vielleicht doch um einen Mythos handeln könnte.

Dann waren wir schon am Kölner Hauptbahnhof und die jungen Menschen gingen irgendwo Feiern und der Zugbegleiter machte vielleicht Feierabend und ich nahm den nächsten Zug Richtung Essen.

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Von der Dachterrasse meiner Tante hat man übrigens einen bezaubernden Blick auf Köln, man könnte ein bisschen neidisch werden. Leuchtturm, Fernsehturm, Dom, alles da.


*Das wären dann zum Beispiel Frau Nessy, die Kaltmamsell, Anke Gröner, Maximilian Buddenbohm und Sven Dietrich.

Geht doch.

Heute morgen in der Bahn, ein älteres Ehepaar mit zwei größeren Koffern, gehen suchend durch den Gang, die Sitznummer murmelnd. Dann haben sie ihre reservierten Sitzplatznummern gefunden, die Frau guckt etwas ängstlich wegen der Koffer, aber der Mann zeigt zielsicher auf die Gepäckablage und hievt zuerst den einen und dann den anderen Koffer auf die Ablage. Hinter ihm stehe ich und helfe ein bisschen mit, vor ihm steht ein junger Mann, der auch bereitwillig seine Hilfe anbietet.

Dann machen sie ein bisschen Platz, damit die anderen Leute vorbeikönnen und setzen sich. Menschen auf reservierten Sitzplätzen im richtigen Wagen, Koffer ordnungsgemäß auf der dafür vorgesehen Ablage, nichts im Weg, alle glücklich.

Geht doch.

The Bahnhof That Wasn’t There

Der Bahnhof in Opladen wird ja umgebaut. Seit Jahren eigentlich schon, aber seit einigen Monaten merkt man es auch so richtig. Es ist zum Beispiel eine neue Fußgängerüberführung da, mit Treppen und Aufzügen sogar. Bisher gibt es nur einen Tunnel mit Treppen. Den muss man auch nach wie vor benutzen, aber die Überführung steht auch schon sehr eindrucksvoll rum, man darf nur noch nicht drauf.

Ich weiß das, weil ich ja regelmäßig auf Elternbesuch in Opladen bin und da dann üblicherweise am Bahnhof in Opladen ankomme.

Heute fiel mir schon im Zug kurz vorm Halt ein lustiger Tweet ein, den ich später zu schreiben beabsichtigte. Er hätte ungefähr so ausgesehen:

Mittlerweile muss man jedes Mal, wenn man am Bahnhof in Opladen ankommt, Angst haben, dass der Bahnhof weg ist.

Ich hatte dann aber keine Zeit mehr, zu schreiben, ich musste aussteigen, die Treppe runter, durch den Tunnel, Treppe wieder hoch. Oben angekommen stellte sich heraus: Der Bahnhof war weg. Statt dessen ein sehr großes Loch mit Bauzaun drumherum.

Da wäre natürlich dann auch der Tweet völlig witzlos gewesen. Gut, dass ich keine Zeit zum Tippen hatte.

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Morgens im Zug

Als der Mann mich anspricht, höre ich den Akzent, kann ihn aber nicht einordnen. Niederländer denke ich, vielleicht, oder Engländer, auf jeden Fall nicht von hier.

“Ich bin ja nur zu Gast hier”, sagt er entschuldigend, als ich ihm erkläre, was das mit den Reservierungen auf sich hat.

Zwischen Essen und Duisburg steht er kurz auf und steht ein bisschen im Gang, wegen seinem Rücken, sagt er, der schmerzt, wenn zu zu lange sitzt. Dann holt er sein Handy raus, ein kleines einfaches Samsungding, die Batterie ist fast leer. 17 Euro hat er da noch drauf, die kann er ja heute noch vertelefonieren, sagt er. Aber die Batterie ist eben fast leer.

“Wenn Sie das Kabel dabei haben, dann können wir das hier aufladen”, sage ich. Er überlegt ein bisschen. “Ach ja”, sagt er dann. “Wenn ich sowieso noch bis zum Flughafen fahre, dann kann ich jetzt auch noch das Kabel raussuchen.”

Er holt seinen Koffer vom Gepäckfach, kramt und kramt, ich sehe weiße Dosen und Flaschen, vermutlich Medikamente, ich kenne mich ja nicht aus. Dann hat er das Kabel irgendwo rausgekramt, ich stecke es bei mir in die Steckdose und dann ans Handy und das Handy fängt an zu laden.

“Ich wollte noch meine Schwester anrufen”, sagt er dann, nimmt das Handy und wählt eine Nummer, die er auf einem Zettel notiert hat. “Hallo, ist da M.?” fragt er ins Telefon, aber da ist keine M. Verwählt, sagt er. Ich gucke in der Anrufhistorie und vergleiche mit der Nummer.

“Da haben Sie eine 7 vergessen”, sage ich. “Hier, die 7 hier.” Und ich zeige auf den Zettel mit der Telefonnummer. “Soll ich mal für Sie wählen?”

Ich wähle, er nimmt das Telefon und hält es kurz darauf wieder fast entschuldigend weg. “Schlechter Empfang”, sagt er.

“Sie können es auch in Köln noch mal probieren”, sage ich. “Danach wird’s noch schlechter.”

“Ach, ich ruf einfach vom Flughafen an”, sagt er. “Ich hab ja genug Zeit.”

“Wissen Sie”, sagt er. “Ich habe ja Krebs, mit Chemo und so und das ist jetzt meine letzte Reise nach Deutschland und ich habe jetzt noch gar keine Fahrkarte für heute. Ich wollte gestern noch umbuchen, aber am Sonntag geht das nicht. Ich habe eine Schwester, die wohnt in Dortmund und zwei Brüder, die wohnen im Norden. Eigentlich wollte ich vier Wochen bleiben, aber dann habe ich mich mit meinem Bruder gestritten und jetzt fliege ich nach einer Woche nach Hause. Ich hab mir gesagt, sowas muss ich nicht haben. Ich war schon auf dem Weg zum Flughafen und dann hat meine Schwester angerufen und gesagt, bleib doch noch ein paar Tage bei mir und dann war ich noch bei meiner Schwester.”

Wir fahren jetzt durch den Westerwald. “280 Kilometer pro Stunde”, sage ich, weil er kurz vorher noch meinte, der Zug wäre ja schon eher ein Bummelzug. Er nickt anerkennend. Doch kein Bummelzug.

“Aber ich habe jetzt gar keine Fahrkarte, aber das ist nicht schlimm. Für eine Person, da werden sie wohl noch Platz haben und ansonsten bleibe ich eben ein paar Tage in Frankfurt, dann nehm ich mir ein Hotel am Flughafen.”

“Wo kommen Sie denn her in Australien?” frage ich.

“Aus Perth”, sagt er, und malt mir Australien auf den Reiseplan. “Da ist Perth und da ist Adelaide und da ist Sydney und dann kann man da noch ganz oben nach Darwin. Von Perth nach Adelaide sind es 1500 Kilometer, kann man alles mit dem Zug fahren, bis oben hin nach Darwin, aber da ist Schluss.”

“Und was haben Sie in Australien gemacht?” frage ich weiter.

“Ach, wissen Sie, ich war ja Seemann, und da bin ich Perth einfach abgehauen und geblieben. Das war 1961, da ging das noch, da hatten sie in Australien gerade mal acht Millionen Menschen. Jetzt geht das nicht mehr so einfach, es sei denn Sie haben den richtigen Beruf. Schweißer oder Elektriker. Oder Ingenieur. Wenn Sie den richtigen Beruf haben, ist das auch kein Problem. Aber 1961, da war das alles noch egal. Da konnten Sie auf der Straße leben oder Hippie sein.”

Wir düsen weiter durch den Westerwald.

“Wenn meine Schwester mich besuchen kommt, dann fahren wir auch noch mal durch Australien. Sie hat gesagt, sie kommt, sobald sie aufhört zu arbeiten.”

Am Flughafen helfe ich mit dem Koffer und dann geben wir uns die Hand und ich muss wieder zurück in den Zug und er muss auch zurück. Erst nach Singapur und dann nach Australien. Nach Perth, wo er vor 52 Jahren einfach vom Schiff gegangen und dageblieben ist.

“Hallo, mein Name ist Anne Schüßler, ich suche jemanden, der bei Ihnen arbeitet und M. heißt.”

“Ja, das bin ich.”

“Ich wollte nur sagen, dass Ihr Bruder zumindest gut am Flughafen angekommen ist. Er wollte Sie auch noch anrufen, aber ich hab mir ein bisschen Sorgen gemacht, dass er das mit dem Handy nicht hinkriegt.”

“Oh, das ist gut. Ich hab ihm gesagt, er soll sich unbedingt melden. Wissen Sie, er ist schwer krank.”

Ja. Weiß ich.

Dann sagen wir noch ein paar Sätze und ich sage, dass ich vielleicht in ein paar Tagen noch mal anrufe, um zu fragen, ob er gut zu Hause angekommen ist. Einmal hängt sie im schönsten Ruhrpottdeutsch “woll?” an einen Satz, und dann legen wir auf.

Eigentlich wollte ich ja im Zug nur lesen. Statt dessen musste ich immer wieder aufpassen, nicht spontan zu weinen anzufangen.

Australien

Schöner Suchen – Die Bahnfahredition

Schon lange gab es hier keine hübschen Suchbegriffe mehr. Dafür gibt es jetzt die geballte Ladung wirklich guter Fragen rund um die Bahn. Diesmal werde ich zur Abwechslung mal versuchen, tatsächlich hilfreich zu sein, ganz in der Hoffnung, dass der nächste Suchbegriffeintipper dann auch ganz schnell hier die richtige Antwort findet.

wie sind die bahnsteige im hauptbahnhof ffm angeordnet

Von links nach rechts bzw. von Süden nach Norden und von 1 bis dingsundzwanzig. In dieser Hinsicht ist der Frankfurter Hauptbahnhof wirklich sehr hübsch ordentlich und übersichtlich. Die S-Bahn fährt allerdings unterirdisch, da muss man sich ein bisschen an den Schildern orientieren, irgendwo eine Treppe runter und dann nur noch aufs richtige Gleis finden (auch dafür gibt es Schilder).

wie komm ich mit dem auto hinter den koelner hauptbahnhof

Einfacher als vor den Hauptbahnhof auf jeden Fall. Von der Rheinuferstraße muss man am Musicaldome oder wie das blaue Zeltdings auch immer heißen mag, stadteinwärts abbiegen und dann ist man auch quasi schon da. Wenn man von der Rheinuferstraße in die andere Richtung abbiegt, landet man übrigens im Rhein, man kann also fast nichts verkehrt machen.

wie lange braucht man zu fuß vom hauptbahnhof köln zum breslauer platz

Theoretisch gar nicht. Der Breslauer Platz ist die U-Bahn-Station, die direkt hinter dem Kölner Hauptbahnhof ist. Wenn man also zum Beispiel mit der S-Bahn ankommt und ganz am anderen Ende des Bahnhofs ist, ist man sowieso schon auf der richtigen Seite und muss nur noch durch den Ausgang und ist mehr oder weniger schon da. Also, vom Haupteingang je nach Menschenmenge und Schrittempo drei bis fünf Minuten, vom Hintereingang weniger als eine.

wie komme ich von fulda bahnhof weg

Am besten schnell? Und vor allem: Wohin denn? Ich verstehe die Frage nicht so ganz, möchte aber trotzdem helfen. Zu Fuß am besten durch den Ausgang, dann ist man in der Stadt und damit faktisch weg vom Bahnhof. Mit dem Auto wahrscheinlich am besten in irgendeine Richtung fahren, die vom Bahnhof weg führt. Will man mit dem Zug fahren, dann steigt man einfach in irgendeinen Zug ein, denn er wird den Bahnhof mit 99-prozentiger Sicherheit verlassen. Es gibt also viele Möglichkeiten, weshalb eine Präzisierung der Frage sinnvoll wäre.

ice fahren wo ambesten einsteigen

Auch das hängt ganz von der Situation, der Tageszeit und dem Zug ab. Haben Sie eine Reservierung, so steigen Sie am besten in den Wagen ein, in dem Sie auch sitzen werden. Informationen darüber, wo der Wagen vermutlich hält, entnehmen Sie dem Wagenstandsanzeiger, der üblicherweise auf dem Bahnsteig aushängt. Ändert sich die Wagenreihenfolge, dann erfahren Sie das meistens im Voraus und müssen einfach ein bisschen nachdenken und sich eventuell neu positionieren. Haben Sie ein bahn.comfort-Ticket, so steigen Sie am besten in den Wagen mit den bahn.comfort-Plätzen. Auch diese sind auf dem Wagenstandsanzeiger markiert. Haben Sie weder eine Reservierung noch ein bahn.comfort-Ticket, dann ist es egal und Sie müssen auf Ihr Glück bzw. einen möglichst leeren Zug hoffen.

hauptbahnhof frankfurt am main von gleis 7 zum gleis 9

Steigt man relativ nah am Anfang des Bahnsteigs aus (Abschnitte A und B), dann geht man einfach bis zum Anfang des Bahnsteigs vor, biegt dann links ab und dann bei nächster Gelegenheit (NICHT AUF DIE GLEISE LAUFEN!) wieder links. Schon ist man da. Man kann sich auch an den großen Zahlen orientieren, die an jedem Gleis mehrfach angebracht sind. Steigt man eher mittig oder hinten aus, dann kann man auch die kleine Treppe in Abschnitt C benutzen, runter in den Tunnel, dann rechts und die nächste Treppe wieder rauf. Da riecht’s nur meistens eher eklig.

köln hbf nach köln deutz zu fuß

Einfach über die Hohenzollernbrücke laufen. Geht schnell und ist schön. Pro-Tipp: Wenn man auf Gleis 1 ankommt, kann man auch den Bahnsteig Richtung Rhein lang laufen und von da aus landet man fast direkt auf der Brücke, man muss also gar nicht doof durch den Bahnhof laufen, und draußen wieder die Treppe hoch.

wie kann man zum dom hbf mit der bahn kommen

Am besten nimmt man eine Bahn Richtung Köln Hbf, da ist dann auch der Dom. Die Straßenbahnhaltestelle heißt auch so. Man kann fast nichts falsch machen, sollte nur auf die ICEs verzichten, die nur nach Köln Deutz/Messe fahren. Wenn man da nicht rechtzeitig aussteigt, ist man nämlich ganz schnell in Frankfurt oder Düsseldorf.

wie komme ich auf die andere seite vom bodensee

Nicht mit dem Zug. Aber es gibt Fähren, z.B. von Konstanz nach Meersburg. Fähre fahren ist toll.

kann man an der seilbahn in köln von beiden seiten tickets kaufen ?

Ja.

Mehr Hochbahnen! Am besten überall!

Manchmal braucht es ja gar nicht so viel, um mich zu faszinieren. Doreen und Sandra hätten mich zum Beispiel heute in Kreuzberg total prima auf eine Bank mit Aussicht auf die Hochbahn setzen und mich dann so zwei Stunden später wieder abholen können.

Haben sie aber nicht. Also habe ich die hübschen gelben Straßenbahnen beim Spazierengehen fotografiert. An der Oberbaumbrücke und am Schlesischen Tor und irgendwo mitten in Kreuzberg. Und Doreen stellte fest, dass mir wohl kaum etwas besseres passieren konnte als eine BahnCard 100, wo mich doch öffentliche Verkehrsmittel in beinahe hysterischen Freudentaumel versetzen können.

„Guck mal, die hübschen gelben Straßenbahnen!“

„Berliner U-Bahn-Stationen sind immer so schön!“

„Ich liebe diese niedlichen Berliner S-Bahnen!“

Hm.

Möglicherweise liegt sie da nicht so ganz falsch.

Oberbaumbrücke

Hochbahn

Ganz vielleicht sollte ich die Linse mal putzen.

Straßenbahn

Mehr Straßenbahn

Hochbahn

Die schönste Stadt der Liebe

Heute morgen in der Straßenbahn von Holsterhausen zum Hauptbahnhof zwei Teenager:

„Ey, wir haben jetzt ’ne Austauschschülerin aus Paris.“

„Bei euch zu Hause?“

„Ja ja, voll hübsch ist die. Kommt ja auch aus Paris. Paris, das ist ja… die schönste Stadt der Liebe.“

„Nee, Rom ist doch die schönste Stadt.“

„Ja, aber einen Heiratsantrag sollte man da nicht machen.“

„Kann man doch auch in Rom.“

„Ja nee, aber so da mit dem Eiffelturm und so, das ist schon schöner.“

 

Dann waren wir leider schon am Hauptbahnhof und alle stiegen aus. Schade. Immer wenn’s am schönsten ist.

Das einzig wahre Übel: Laienbahnfahrer

Ich fahre ja sehr viel Bahn. Zwar meistens die gleiche Strecke, aber die sehr oft und gelegentlich auch mal woanders hin. Eigentlich fahr ich schon immer viel Bahn, Autos sind mir etwas suspekt, wir besitzen zwar eins, aber mit dem fahren wir gar nicht so oft, und wenn, dann fährt meistens der Mann.

Bahnfahren ist schön. Man kommt relativ schnell von A nach B, kann dabei im besten Fall sitzen und etwas tun, was man sowieso gerne tut. Lesen zum Beispiel, oder Musik hören. Mittlerweile gibt es auf einigen Strecken sogar Internet und wenn man einen passenden Telefonvertrag hat, im richtigen Zug sitzt und dann noch ein bisschen Glück hat, dann funktioniert der sogar. Auch mitten im Westerwald! Echt jetzt!

Manchmal haben Züge auch Verspätung. Na gut, Züge haben öfters mal Verspätung, aber dazu wollte ich sowieso noch mal was schreiben, ich hab das nämlich durchschaut und kann das ganze Leid mit den Zugverspätungen anhand von bekannten und bewährten Werkzeugen aus dem Projektmanagement erklären. Das ist aber ein anderer Blogartikel, der erst noch geschrieben werden muss.

Manchmal, wenn so Züge Verspätung haben, dann verpasst man auch seinen Anschluss. Oder muss mit einem Zug fahren, für den man jetzt nicht reserviert hat. Oder lange warten. Letzteres ist vor allem doof, wenn es sehr kalt ist. Oder sehr heißt. Oder man sehr viel Gepäck dabei hat.

Nach über zehn Jahren Rumpendeln durch NRW und zwei Jahren Rumpendeln durch Deutschland würde ich aber sagen, dass diese Verspätungsgeschichte auch immer ein bisschen übertrieben wird. Auch das Bahnpersonal ist im Wesentlichen immer freundlich und hilfsbereit, und wenn es Ausnahmen gibt, dann liegt das übrigens nicht an der Bahn, sondern an der Tatsache, dass Menschen gelegentlich komisch sind. Auch woanders.

Das war jetzt eine recht lange Einleitung, um zum eigentlichen Übel beim Bahnfahren zu kommen. Es sind, o Wunder, die Laienbahnfahrer. Laienbahnfahrer, wie ich sie liebevoll nenne, sind die Bahnfahrer, die ungefähr einmal im Jahr (wenn überhaupt) mit der Bahn fahren, dann aber gerne länger und vor allem mit besonderen Ansprüchen und sehr genauen Vorstellungen, die leider in den seltensten Fällen mit der Realität in Einklang gebracht werden können. Das liegt weniger an der bösen Realität als an den Laienbahnfahrern.

Laienbahnfahrer erkennt man recht schnell, denn sie reden viel und auch so ausreichend laut, dass man es mitbekommt. Meistens haben sie Koffer dabei, gerne mehrere, denn sie fahren jetzt IRGENDWOHIN! UND ZWAR FÜR LÄNGER!

Laienbahnfahrer haben im besten Fall eine Reservierung. Wenn sie keine Reservierung haben, dann wundern sie sich, warum der Zug so voll ist. Wer hätte gedacht, dass Züge so voll sind? Blöd ist das, da will man mit der ganzen Familie in den Urlaub, mit dem halben Hausstand im Gepäck und dann ist da einfach der Zug voll. Was auch deswegen noch blöder ist, weil Laienbahnfahrer grundsätzlich Goldbarren im Koffer haben. Oder Platin! ODER DIAMANTEN! Denn die Koffer sind erstens so schwer, dass man sie unmöglich auf die Ablage hieven könnte, im Wagenvorraum abzustellen ist aber auf gar keinen Fall eine Alternative, denn man muss den Koffer schon die ganze Zeit im Blickfeld haben.

Eigentlich möchte der Laienbahnfahrer seinen Koffer aber direkt neben sich stehen haben und mit einer Hand festhalten. Damit auch nichts wegkommt. Da sind ja immerhin Goldbarren drin. Mindestens. Da die Koffer aber ob ihrer Größe nicht in den Fußbereich passen und auch eigentlich nicht unter den Tisch, wird er einfach in den Gang gestellt. Und festgehalten. Eisern festgehalten. Damit auch nichts wegkommt! Bei erhöhtem Laienbahnfahreraufkommen ist so ein Gang dann eben gerne mal mit einigen Hindernissen verstellt. Da muss man durch. Der Laienbahnfahrer ist sich da nur geringfügig einer Mitschuld bewusst und beschwert sich lieber über das mangelnde Gepäckunterstellangebot oder wahlweise über die Schwere des ja vermutlich selbst gepackten Koffers, während sich arme Ein- und Aussteigende mit ihren kleinen Rollköfferchen irgendwie an den Laienbahnfahrerkoffern vorbeischlängeln.

Kommen wir zurück zur Reservierung. Manche Laienbahnfahrer sind nämlich immerhin so klug und denken sich, Möööönsch, wenn ich jetzt das erste Mal seit ewig mit der Bahn fahre und dann gleich fünf Stunden, da reservier ich mal besser. Find ich persönlich eine gute Idee. Leider hat niemand den Laienbahnfahrern etwas von der Existenz der Wagenstandsanzeige erzählt. Sie steigen also entweder einfach irgendwo ein oder sprinten den halben Bahnsteig rauf oder runter, weil der reservierte Platz eben überraschenderweise gar nicht da ist, wo man seit zehn Minuten auf den Zug wartet.

Geht die Tür auf, so wundert man sich erstmal, dass da Leute aussteigen. Wer hätte das gedacht! Ein Zug, aus dem Leute erst mal rauswollen! Tatsächlich gibt es Züge, aus denen an bestimmten Haltestellen sehr, sehr viele Menschen aussteigen. Ich erwähne an dieser Stelle mal beispielshalber den einen Zug, der morgens von Frankfurt nach Berlin fährt. Aus dem steigen in Frankfurt unheimlich viele Menschen aus. Und zwar mit einer beeindruckenden Verlässlichkeit. An dieser Stelle muss auch ich zugeben, dass ich auch nach mehrfacher Beobachtung dieses Phänomens immer noch nicht so wirklich glaube, dass so viele Leute überhaupt in den Wagen reingepasst haben. Erst recht, wenn man dann einsteigt und feststellt: Hier sitzen ja noch ganz viele Leute drin. So ganz bin ich auch nicht dahintergestiegen, wie das sein kann, aber es ist Quell der Irritation der Laienbahnfahrer und wenn man es einmal weiß, dann kann man das sehr schön beobachten, wie immer wieder nach dem Koffer gegriffen wird und… nee… jetzt doch nicht, da kommt ja noch wer, aber jetzt, jetzt muss doch, jetzt isses doch… verdammt! Da kommen ja noch welche!

Sind sie aber erst mal im Zug, die Laienbahnfahrer, dann gehen sie ganz, gaaaaaanz langsam den Gang entlang. Zu zweit oder dritt. Mit ihren Koffern und einer groben Ahnung der Platznummer. Im besten Fall sind sie sogar im richtigen Wagen. Aus Erfahrung würde ich sagen, dass etwa die Hälfte aller Laienbahnfahrer mit Reservierung auch im richtigen Wagen sind. Von der anderen Hälfte weiß dann zumindest noch mal die Hälfte, dass sie möglicherweise nicht im richtigen Wagen sind. Die andere Hälfte, also ein Viertel der Laienbahnfahrer mit Reservierung, ist jedoch FEST davon überzeugt, im richtigen Wagen zu sein und weicht selbst auf Nachfragen des auf dem vermeintlich reservierten Platz sitzenden Menschen nicht von der Überzeugung ab, dass dies hier ihr Platz sei. Ganz sicher ist er das, steht doch hier, Platz 46. Nachdem der (es folgt eine Anekdote aus dem wirklich wahren Leben) arme Mensch bereits nach kurzer Diskussion über die Unwahrscheinlichkeit, dass ein reservierter Platz bei funktionierender Reservierungsanzeige nicht als ein solcher gekennzeichnet wäre, seinen Sitzplatz geräumt hat und die auf ihr Sitzplatzrecht pochende Dame sich dem Objekt ihrer Begierde schon nähert, fällt ihr dann aber doch noch was ein. “Das ist doch hier Wagen 21, oder?” fragt sie in den Zug. “Nein”, rufen mehrere Mitfahrer einstimmig. “Das ist Wagen 27!” Die Dame packt ihre Sachen zusammen und macht sich auf, sechs Wagen weiter. Wo ihr reservierter Platz wirklich ist.

Ich könnte noch weiter erzählen. Über die Reisegruppen, gerne aus München kommend, gerne Bier trinkend. Über das wirklich schwere Leid, das man mit den bahn.comfort-Plätzen erdulden muss. Über die ältere Frau mit dem zu großen Koffer, die mich ganz nett fragte, ob es mir etwas ausmache, wenn sie den Koffer unter den Tisch stellte. Nein, sagte ich, sie könne gerne den Koffer unter den Tisch stellen. So schob sie den Koffer unter den Tisch, wobei sich herausstellte, dass der Koffer wohl doch etwas höher war als der Tisch und dieser (also der Tisch, nicht der Koffer) ganz drollig immer weiter nach oben klappte. Das würde mich jetzt aber doch stören, sagte ich, als mein Laptop im 45°-Winkel vor mir stand und erntete einen verdutzten Blick ob meines mangelnden Kooperationswillens bei der Kofferunterbringung.

Ich finde es schön, wenn Leute zum ersten Mal seit ewig mit der Bahn fahren. Ich finde, Leute sollten viel öfter mit der Bahn fahren und möchte niemanden davon abhalten. Aber manche Dinge möchte ich lieber nicht. Koffer kann man in den Wagenzwischenraum stellen. Oder man fragt jemanden, der einem hilft, den Koffer auf die Ablage zu stellen. Man könnte auch zwei kleine Koffer mitnehmen, die man dann alleine hochhieven kann oder doch noch irgendwie in den Fußraum klemmt. Reservierungen empfehlen sich fast immer, vor allem, wenn man nicht alleine verreist. Und so eine Wagenstandsanzeige ist erstaunlicherweise auch keine Raketenwissenschaft.

Am allerallerschlimmsten sind aber die Meckerer unter den Laienbahnfahrern. Die, die bei der kleinsten Verspätung anfangen auf die Bahn zu schimpfen, und sich dabei immer so ein bisschen umgucken, als ob sie darauf warten, dass jede Minute alle Mitfahrer bestätigend in ihr Schimpfmantra miteinstimmen, da hätte man ja gleich mit dem Auto fahren können, überhaupt typisch, aber das wüsste man ja, das wüsste man ja, dass die Bahn aber auch wirklich niemals, also echt nie jetzt, irgendwie mal pünktlich wäre. Das wäre ja bekannt, und man hätte sich das gleich denken können. Zehn Minuten jetzt schon! ZEHN MINUTEN, DAS MUSS MAN SICH MAL VORSTELLEN! Was da an Lebenszeit draufgeht! Neeneenee, beim nächsten Mal, also ganz sicher, da nimmt man das Flugzeug. Oder fährt einfach selber. Aber nie mehr mit der deutschen Bahn. NIE MEHR! UNVERSCHÄMTHEIT! ZEHN MINUTEN!

Aber vielleicht bin ich da auch einfach anders. Ich hab ja auch schon mehr als einmal gedacht: “Och schade, jetzt sitz ich hier gerade so schön und lese und jetzt muss ich schon aussteigen. Können wir nicht noch ein halbes Stündchen einfach so rumfahren?”

Im Übrigens hat der Arschhaarzopf hier eine schöne Anleitung zum Bahnfahren geschrieben und wer mehr über die aufregenden Erlebnisse im Nahverkehr wissen möchte, der sollte mal bei Frau Nessy stöbern gehen.