Fandoms der Bourgeoisie

Für Nerds wie mich sind Fandoms ja immer ein Thema, allerdings ist das oft so neumodischer Kram, irgendwas mit einer Serie, die definitiv nach 2000 gedreht wurde oder mit Japan oder was weiß ich.

Grundsätzlich sind mir Fandoms ja auch oft zu anstrengend, also nicht das Thema an sich, sondern alles drumherum. Ich will ja schon im besten Fall nicht das Haus verlassen, was soll ich da auf Conventions und ich will auch gar nicht mit anderen Leuten darüber reden, ich komm ja jetzt schon mit meinen Discord-Foren und Social-Media-Blasen nicht hinterher und da sind meistens Leute, die ich persönlich kenne und mag. Ich habe aber auch mittlerweile verstanden, dass ich offensichtlich ein Limit habe, wie viele soziale Zirkel ich gleichzeitig mit meiner Anwesenheit beglücken kann und die Zahl ist überraschend niedrig. Stellen Sie sich mich also als so eine Freigängerkatze vor, die gelegentlich mal vorbeischaut und dann sehr anhänglich einen kompletten Abend genüßlich auf der Couch rumliegt und danach für mehrere Tage wieder verschwindet. Ich schwöre, ich komme wieder, aber ich muss die nächsten Abende auf anderen Sofas verbringen. Dieses Selbstbild hilft übrigens auch mir gegen das schlechte Gewissen, man darf es gerne übernehmen, wenn es hilft.

Zurück zu den Fandoms, ich habe da zum Beispiel zwei, die mich erstens schon lange begleiten und die zweitens wirklich schon sehr alt sind. Das eine ist „Alice im Wunderland“ und das zweite ist „Winnie-the-Pooh“. Beide auch hart british-coded, wie wir jungen Leute heute sagen, das sagt bestimmt auch irgendwas über mich aus.

Gestern war Winnie-the-Pooh-Tag, aus keinem besonders fantasievollem Grund, der 18.1. ist einfach der Geburtstag des Autors A.A. Milne, deswegen passt das jetzt natürlich hervorragend. Meine Liebe zu Winnie-the-Pooh geht in meine Teenager-Zeit zurück, in der ich das Buch zum ersten Mal las und mich komplett darin verliebte. Ich habe mindestens eine der streunenden Katzen bei uns zu Hause nach einer Figur aus Winnie-the-Pooh genannt, nämlich „Klein“, ich habe eine Stiftebox und ein Lineal von Winnie-the-Pooh und zwar mit den Illustrationen von E.H. Shepard – eine wichtige Distinktion, denn auch zu dem Komplex Shepard vs. Disney habe ich Meinungen – und ich kann den Text der Geburtstagskarte* von Eule auswendig.

Stiftedose und Lineal mit Winnie-the-Pooh-Motiven

Ich bin nicht supertief drin im Fandom, aber ich bin sehr anfällig für jede Art von Merch und Spin-Off, genauso wie bei Alice im Wunderland.

Jetzt machen wir ja seit einigen Jahren gerne Urlaub in Großbritannien. Unsere Art Urlaub zu machen ist dabei eher dem spontanen Spektrum zuzuordnen. Üblicherweise nehmen wir uns irgendein grobes Ziel vor – letztes Jahr war das zum Beispiel Wales – und dann fahren wir einfach los und gucken, was passiert. Das geht, weil wir zwei erwachsene Menschen mit einem Hund und einem Campervan sind und nicht so aufs Budget achten müssen, so dass wir eigentlich immer ein Hotel in einer akzeptablen Preisklasse für eine Nacht finden.

Manchmal ist diese Art zu reisen anstrengend, auf der anderen Seite fände ich es genauso anstrengend, alles vorher zu planen und in den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass man so auf jeden Fall an Orte kommt, die man gar nicht auf dem Schirm hatte. Letztes Jahr waren wir zum Beispiel komplett ungeplant auf einmal in Llandudno ganz im Norden von Wales in dem vielleicht schönsten Zimmer der ganzen Reise, einer Suite mit Blick auf die Promenade. Llandudno ist so ein bisschen die Riviera von Wales, es gibt eine ewig lange Promenade am Strand entlang und einen Pier, allein das Klima ist nicht ganz mediterran. Ich kann das nur empfehlen, wir wären sogar länger geblieben, aber es waren für die nächste Nacht keine Zimmer mehr frei und das Hotel wechseln wollten wir dann doch nicht, das sind dann wieder die Nachteile des spontanen Reisens.

Llandudno, Promenade und Pier

Unsere Suite hieß Alice Suite, auf der Promenade, es wurde auf der Straße mit Plakaten für den Alice Walk geworben, es gibt Alice Statuen und irgendwie kam mir das komisch vor, weswegen ich anfing zu googeln und sich rausstellte, dass Llandudno ein bisschen was vom Alice-Fame abstaubt, weil die Inspiration für die Figur, Alice Liddell, mit ihrer Familie oft in Llandudno Urlaub machte.

Schild am Eingang des Hotels The Wildings in Llandudno, das darauf hinweist, dass Alice Liddell hier Urlaub gemacht hat.

Neulich las ich, ich weiß noch nicht mal mehr wo, es wird irgendwo im Internet gewesen sein, dass man auch Pooh-Walks machen kann, also Wanderungen durch den Wald, der die Inspiration des Hundertsechzig-Morgen-Walds war. Das wäre doch mal eine schöne Idee für den nächsten Urlaub dachte ich und googelte, wo denn dieser Wald ist, nur um festzustellen, dass wir 2024 ZWEI MAL, einmal auf der Hinfahrt und einmal auf der Rückfahrt nur jeweils 15 AUTOMINUTEN von Ashdown Forest übernachtet haben**. Ich hätte easy schon auf der Brücke Pooh-Sticks spielen können und mich in Upper Hartfield mit Pooh-Merchandise eindecken können. 15 MINUTEN! ZWEI MAL! Wir waren so nah dran und ich wusste von nichts!

Ich glaube, ich muss diese zwei Fandoms der Bourgeoisie noch mal intensivieren, da scheint noch Luft nach oben zu sein. Als nächstes ist aber ein Studio-Ghibli-Marathon eingeplant. Das ist immerhin auch mal was aus dem aktuellen Jahrtausend.


* HIRZ LERZ NUCKWNÜSCH UZM BUBU BUGEBU BURZKAT.

** Wer es googeln möchte, wir waren in Forest Row und in Uckfield.

Eine Antwort auf „Fandoms der Bourgeoisie“

  1. Ich habe da auch einen Hang zu Pooh, dem echten, mit den richtigen Bildern und besitze ebenfalls eine metallene Stiftebox. Ich scheue mich nicht zuzugeben, dass ich mit der Disneyvariante nichts anfangen kann. Der echte Pooh begleitete mich durch viele Wartestunden in Krankenhäusern und ich habe noch immer ein warmes Gefühl, wenn er mir über den Weg läuft.

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