Drei Momentaufnahmen, Herbst 2015 in Deutschland

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Auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause überhole ich zu Fuß eine Familie, Vater, Mutter, eine kleine Tochter. Die Familie, das sieht man, hat irgendeinen Migrationshintergrund, was genau, vermag ich nicht zu sagen, aber woher sollte ich das auch wissen. Ob jemand aus der Türkei, aus Syrien oder dem Iran kommt, kann ich genauso wenig sehen wie ob jemand aus Frankreich, Holland oder Deutschland kommt.

Ein paar hundert Meter weiter komme ich an dem Flüchtlingszeltdorf vorbei. Große weiße Zelte, natürlich nicht aus Stoff, die Wände sind aus einer Art Metall, das ist schon alles sehr stabil. Vor ein paar Wochen war hier die Zufahrt zur Straße gesperrt, weil die Straße aufgerissen wurde, warum, weiß ich nicht, vielleicht musste Strom gelegt werden oder Wasser oder etwas ganz anderes, aber ich kenne mich da ja auch nicht aus. Bevor wir in Urlaub fuhren, das war Ende August, wohnte hier noch niemand.

Jetzt wohnen hier Menschen. Das merke ich auch nur, weil ich keine Kopfhörer im Ohr habe und den Menschenlärm hinter dem Zaun höre. Ein Drahtzaun zwar, aber sichtgeschützt durch viele Pflanzen, Bäume und Büsche, die davor wachsen. An den Stellen, wo man durchgucken kann, sehe ich jemanden sitzen, draußen hinter den Zelten. Hier wohnen jetzt Menschen.

Aus reiner Neugier suche ich den Eingang. Filmen und fotografieren ist ohne Erlaubnis von der Stadt verboten, betreten auch, ich komme nur bis kurz vor den Eingang, dann bin ich viel zu eingeschüchtert und außerdem weiß ich ja gar nicht, was ich hier eigentlich will, außer vielleicht das, was hier gerade passiert, nur ein paar hundert Meter von meiner Wohnung weg, mitten in der Stadt, etwas besser begreifen. Irgendwie zu fassen kriegen, was es bedeuten könnte. Aber ich habe keine Erlaubnis von der Stadt und auch sonst hier nichts zu suchen, also drehe ich wieder um und gehe zurück.

Auf dem kleinen Weg zwischen Flüchtlingsdorf und Straße kommt mir eine Familie entgegen, Vater, Mutter, eine kleine Tochter. Die gleiche Familie, die ich eben überholt habe. Die wohnen nicht nebenan in einer der Mehrfamilienhäuser mit Balkon und gemeinsamer Wiese. Die wohnen hier.

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Auf dem Weg von der Straßenbahnhaltestelle nach Hause nehme ich einen Umweg und laufe am Flüchtlingszeltdorf vorbei. Es ist schon dunkel. Auf dem Weg begegne ich zwei Männern, beide haben ein Telefon am Ohr und reden in einer Sprache, die ich nicht verstehe, die ich noch nicht mal kenne. Was spricht man in Syrien? Arabisch? Syrisch? Gibt es Syrisch? Aber vielleicht sind es ja auch gar keine Syrer, was weiß ich schon?

Weiter vorne, direkt da, wo die Zufahrt zum Flüchtlingsdorf ist, steht eine Gruppe Männer, unterhält sich und lacht. Als ich daran vorbeilaufe sehe ich: Das sind Deutsche, die sich hier nur treffen, um gleich in der Turnhalle Sport zu treiben. Die Turnhalle ist genau neben dem Flüchtlingsdorf, warum wurde da eigentlich keiner untergebracht? Statt dessen Zelte aus Metall und Stoff auf dem Sportplatz daneben. Es wird vermutlich gute Gründe gegeben haben.

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Ich sitze am ICE-Gleis am Bahnhof in Köln-Deutz und warte auf meinen Zug. Es ist Freitag, endlich Wochenende. Jetzt nach Hause, Junkfood kaufen und dann aufs Sofa. Dann fährt der Zug ein, etwas früh, denke ich, und es ist auch gar nicht mein Zug, sondern ein alter Intercity, einer von denen, wo man die Fenster noch öffnen kann. Der Zug wird langsamer, ich kann sehen, wer in den Abteilen sitzt und merke: Das ist ein Flüchtlingszug.

Am Bahnhof kommt der Zug zum Stehen, die Türen gehen nicht auf, aber dafür sieht mich eine Frau und schiebt das Fenster runter. Ich denke, dass sie mich vielleicht etwas fragen will und gehe zum Fenster, sie hält mir ein Handy aus dem Zug mit dem Bild einer Adresse in Mainz. „My brother“, sagt sie und deutet auf die Adresse. „Where is Mainz?“ „About two hours from here“, sage ich. „But south. Where you came from.“ Ich weiß nicht, ob sie mich versteht. Ein junger Mann kommt hinzu. „Dortmund“, sagt er. „How far?“ „About one hour“, sage ich. „One and a half maybe.“ „This is…?“ „This is Cologne, you are in Cologne.“

Die Frau deutet wieder auf ihr Telefon. Ich versuche, ihr zu erklären, wo Mainz ist, zwei Stunden von hier, aber nach Süden, da wo sie gerade herkommen („Where do you come from? Frankfurt? Munich?“ „Munich.“), vielleicht sind sie sogar über Mainz gefahren, aber das sage ich nicht, zu kompliziert und vielleicht auch zu frustrierend. Wie erklärt man jemandem, wo Mainz ist?

Ich versuche, die Karten-App auf meinem Handy zu öffnen, möchte ihnen zeigen: Hier sind wir, hier ist München, hier ist Mainz, da ist Dortmund. Drei Stunden von Dortmund nach Mainz, vielleicht vier, wenn sie überhaupt in Dortmund bleiben, das ist ja gar nicht gesagt. Drei oder vier Stunden von da, wo sie jetzt hinfahren bis da, wo der Bruder wohnt. Das Handy ist zu langsam, der Zug fährt ab, sie winken, ich winke. „Good luck“, rufe ich noch und frage mich gleich, ob das jetzt vielleicht das unpassendste ist, was man hätte wünschen können. Was wünscht man einem Flüchtling?

Ich setze mich wieder, während des Stops haben auch viele andere die Fenster runtergeschoben, gucken raus, lachen und winken. Ich winke zurück und lächle tapfer, obwohl ich eigentlich gar nicht mehr lächeln mag. Gefühlsverwirrung.

Als der letzte Wagen verschwindet und niemand mehr winkt, breche ich erstmal in Tränen aus.

3 Antworten auf „Drei Momentaufnahmen, Herbst 2015 in Deutschland“

  1. Das sind drei sehr bewegende Episoden, wobei die dritte Momentaufnahme natürlich besonders hervor sticht. Da sind Menschen in unserem Land, die nicht wissen, was sie erwartet, manchmal nicht einmal, wo sie gerade sind. Manchmal frage ich mich, ob es nicht Wege geben müsste, sowohl diese Menschen besser zu begleiten, als auch die, die schon lange hier sind, teils hier geboren wurden, die sich mit Fug und Recht als „deutsch“ bezeichnen – und jetzt wegen dieser Neuankömmlinge Furcht, Hass und Verunsicherung schieben. Vielleicht würde dann das Zusammenleben besser funktionieren.

    Aber, wie? Wie soll das aussehen? Die Flüchtlinge werden erstversorgt, dann mehr oder weniger an den Rand gedrängt, bis sich irgendeine Möglichkeit auftut, mit ihnen zu „verfahren“ – ein schreckliches Wort, aber es passt.

    Und die Deutschen, die gegen den Flüchtlingszuwachs eingestellt sind, die erreicht man sowieso nicht mehr mit Argumenten. Man kann froh sein um jeden Tag, wo nicht irgendwo irgendetwas Schlimmes passiert.

    Du hast drei schöne Momentaufnahmen geschrieben, aber dahinter stehen mindestens dreitausend Fragezeichen …

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