Die traurigen Paare im Restaurant

Es gibt dieses Bild von dem alten Ehepaar, das sich im Restaurant gegenübersitzt und die ganze Zeit nicht miteinander redet. Das arme Ehepaar denkt man, die armen Menschen, so traurig, sie haben sich nichts mehr zu sagen. Sitzen nur da, essen und trinken wortlos und wechseln nur gelegentlich einen Blick. So will man nicht werden, immer will man mit seinem Partner reden können, nie alles gesagt haben, nie so langweilig werden, so eingefahren, schrecklich ist das, schrecklich.

Mein Mann und ich sind seit über 16 Jahren zusammen, in einem Monat feiern wir unseren elften Hochzeitstag. Wir sehen vielleicht nicht so aus, aber wir sind dieses alte Ehepaar. Wir wachen jeden Tag gemeinsam auf, liegen jeden Abend zusammen auf dem Sofa, gehen jeden Tag zusammen ins Bett, vielleicht nicht immer zeitgleich. Wir telefonieren zwischendurch, gehen zusammen einkaufen, in letzter Zeit kochen wir sogar ab und zu gemeinsam, es ist ein Wunder!

Wenn wir auf dem Sofa liegen und mein Mann sagt „Ich habe eine Idee, was wir machen!“, dann kommt es vor, dass ich ihm die Idee in Einzelteilen aufsagen kann. Wir haben über 5.000 Tage miteinander verbracht und unsere Kreativität hat auch ihre Grenzen, das ist keine Kunst. Wir können Sachen sagen wie „Hier, der sieht aus wie der Dings!“ und der andere weiß, wen wir mit Dings meinen. Es ist alles nicht mehr so wahnsinnig aufregend und neu, aber man muss auch nicht dauernd irgendwas erklären, das ist auch schön.

Wir sind also das alte Ehepaar, das im Restaurant sitzt und die ganze Zeit nicht miteinander redet. Schrecklich ist das, schrecklich. Man schämt sich schon fast ein wenig, welchen Eindruck macht man da eigentlich? Was sollen denn die Leute am Nebentisch denken? Die denken bestimmt „Ach, schlimm, so ein trauriges Paar hat sich nichts mehr zu sagen.“

Das stimmt allerdings alles gar nicht, die Wahrheit ist nämlich ganz anders. Wir sind das glückliche alte Ehepaar, das nicht dauern reden muss. So schön. Statt dessen können wir uns ganz den Gesprächen am Nebentisch widmen, wo irgendwelche Businesshansel irgendwelchen anderen Businesshanseln vermeintlich wichtige Dinge erklären oder wo Abiturientinnen sich über ihre Mitschüler aufregen. Wir lauschen und lauschen, innerlich können wir uns kaum halten vor lauter Kichern und auf dem Nachhauseweg unterhalten wir uns über die Gespräche am Nachbartisch. Man glaubt ja gar nicht, was die Leute alles für Geschichten erzählen.

Wenn Sie also das nächste Mal Mitleid mit dem traurigen Paar am Nebentisch haben, weil die sich nichts mehr zu sagen haben, das müssen Sie nicht. Es ist nicht so, dass wir uns nichts mehr zu sagen hätten, vielleicht sind wir nur so still, weil wir Ihnen gerade so gespannt zuhören.

9 comments

  1. speybridge

    Sehr schön formuliert. Genau so ist es! Geht uns auch so: Wir sind seit 41 Jahren zusammen und seit 37 Jahren verheiratet und erleben das (immer noch und immer wieder) wie beschrieben … Wird nicht langweilig!

  2. Nicole

    Sehr erheiternd, die Beschreibung des Beschreibens von „Dings“ und „Dingsenich“! Ich freu mich darauf, mich auch so austauschen zu können. Ein paar mehr Worte brauche ich mit meinem Liebsten noch, doch wir sind auf einem guten Weg.

  3. Friederike

    Ich erinnere mich an ein Paar in einem strassencafe, er rauchte mit Hingabe Pfeife, sie las versunken in einem Buch, und ich dachte: das ist das perfekte Glück. Aber es gibt leider auch die anderen, mit den schmalen Lippen, die einfach stumm geworden sind, und bissig gucken, wenn ich mich mit meinem Mann angeregt unterhalte im Lokal, und manchmal fürchte ich, die sind in der Überzahl.

  4. vivian

    Dann oute ich mich jetzt mal als die andere „Partei“: Ich empfand es neulich als mehr als unangenehm bei einer Verabredung von genau so einem „traurigen Paar“ belauscht zu werden … das war nämlich nicht gerade zurückhaltend. Für mich war der Abend echt gelaufen …

    • hafensonne

      Naja, zurückhaltend sollte man schon sein. Aber ich kenne das Phänomen auch. Wenn sich nun Paare so laut miteinander unterhalten, dass man es am Nebentisch gut verstehen kann, dann spricht man entweder zu laut oder die Tische stehen zu dicht. Wer ernsthaft Intima austauschen möchte, sollte das vielleicht nicht in einem engbestuhlten Café tun..

  5. Kathrin

    Ich bin auch nicht sonderlich begeistert, von schweigenden Paaren belauscht zu werden. Solche Paare wirken auf mich meist nicht angenehm harmonisch, sondern oft dreist und aufdringlich. Ist ja schön, wenn Menschen gerne vertraut miteinander schweigen, aber bitte nicht auf meine Kosten. Auch für mich sind solche Abende dann dank der Penetranz solcher Leute ruiniert.

  6. Katrin

    Ein wenig sehe ich mich/uns in deinem Post wieder. Mittlerweile bin ich entspannt darüber, dass wir uns manchmal anschweigen. Weil ich mich dabei wohlfühle. Früher hatte ich Bedenken, dass wir uns nichts mehr zu sagen hätten und jetzt alles nur noch Routine und trister Alltag ist. Aber dem ist nicht so. Und was andere denken, wenn sie uns schweigen sehen, ist sowieso egal.

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