Gelesen im August 2017

The Unit von Ninni Holmqvist

Im Schweden der Zukunft werden Menschen, die nicht gebraucht werden, in einer Einheit untergebracht, in der sie zwar jeden Komfort genießen, nicht arbeiten müssen und diversen Hobbys nachgehen können, aber auch für medizinische Untersuchungsreihen und Organspenden zur Verfügung stehen. Die Erzählerin des Buches, Dorrit, ist gerade 50 geworden, lebt alleine und muss deshalb Haus und Hund verlassen, um ihre letzten Jahre in solch einer Einheit zu verbringen. Während sich Freunschaften ergeben und Dorrit sich unerwartet verliebt, geht es auch immer wieder darum, ob sie ihr Leben anders hätte leben können. Die noch von ihrer Mutter propagierte und von Dorrit gelebte Unabhängigkeit entpuppt sich nun als verzögertes Todesurteil.

Ich habe das Buch in der englischen Übersetzung gelesen, weil es gerade auf dem englischsprachigen Markt erschienen ist, ohne zu wissen, dass es längst auch auf Deutsch erschienen ist – der deutsche Titel ist „Die Entbehrlichen“. Eine schöne, nachdenkliche, verstörende, aber auch lebensbejahende Dystopie, die viele Fragen aufwirft. Sehr zu empfehlen.

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Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag von Katrin Bauerfeind

Im Bücherschrank gefunden und mitgenommen. Katrin Bauerfeind erzählt Geschichten vom Scheitern in allen Lebenslagen. Das ist wie von ihr gewohnt flott und witzig geschrieben, an ein paar Stellen driftete es mir ein bisschen zu sehr in klischeehaftes Frauen/Männer-Dings ab, die Stellen kann man aber noch ganz gut ertragen, weil der Rest ausreichend unterhaltsam und originell ist.

Schön zum Zwischendurchlesen, vermutlich macht das Hörbuch noch mehr Spaß, denn Katrin Bauerfeind zuzuhören ist dann noch mal ein bisschen besser.

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Underground Railroad von Colson Whitehead

The Underground Railroad von Colson Whitehead habe ich mit Spannung erwartet, weil ich schon viel – eigentlich nur Gutes – von dem Buch gehört habe.

Erzählt wird die Geschichte von Cora, Sklavin auf einer Baumwollplantage in dritter Generation. Coras Mutter verschwand, als Cora noch ein Kind war, eine der wenigen Sklaven, der die Flucht gelang und die nie wieder gesehen wurde. So muss sich Cora alleine durchschlagen, ohne Rückhalt und Sicherheit, immer in Angst vor der Willkürlichkeit und Grausamkeit ihrer Besitzer und deren Aufseher. Der Gedanke an Flucht kommt ihr gar nicht, so absurd ist die Vorstellung, als Schwarze im amerikanischen Süden so lange durchzuhalten, dass man es bis in den Norden schafft, wo auch Schwarze frei sein können. Doch dann fragt sie Caesar, ob sie mit ihm fliehen will und beim zweiten Mal sagt sie ja. Die Flucht gelingt über die Underground Railroad, einem Fluchnetzwerk, das tatsächlich existierte, in Whiteheads Geschichte aber nicht nur eine Metapher ist, sondern ein unterirdisches Schienennetzwerk.
Und so beginnt Coras Reise durch Amerika, verfolgt vom Sklavenjäger Ridgeway, der nie die Schmach überwunden hat, bei Coras Mutter Mabel versagt zu haben.

Gott sei Dank wurde ich nicht enttäuscht. Einzig der Anteil der fantastischen Elemente hätte nach meinem Geschmack etwas größer sein können. Doch das ist Jammern auf höchstem Niveau, denn die Geschichte von Cora, Caesar, ihren Helfern, Leidensgefährten und Feinden ist packend von Anfang bis Ende. Whitehead ist dabei schonungslos, hier wird nichts beschönigt, der Mensch, so lernt man, ist eben oft nicht gut und das Amerika dieses Zeitalters kein grundweg angenehmer Ort.

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Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Maja Lunde erzählt die Geschichte der Arbeiterin Tao, die im China der Zukunft als Bestäuberin arbeitet. Die Bienen sind verschwunden und Obst ist zum Luxusgut geworden. Im Jahr 2007 muss sich der amerikanische Imker George damit auseinandersetzen, dass sein einziger Sohn nicht vorhat, die Imkerfarm zu übernehmen. Und im Jahr 1852 liegt der Wissenschaftler William Savage mit Depressionen im Bett, bis ihn die Idee eines revolutionären Bienenkorbs wieder beflügelt.

Allen Geschichten gemein sind die Bienen und was sie für die Menschen und die Welt bedeuten. Ein schönes Buch, das ich hier ausführlich rezensiert habe.

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Für drei Dollar nach Ansonia von Julie Angell

Im Bücherschrank gefunden und vom Titel her ziemlich sicher gewesen, dass ich dieses Buch irgendwann vor über 20 Jahren mal gelesen habe. Es ist ein schon etwas in die Jahre gekommenes Jugendbuch über eine jüdische Einwanderin im New York des 19. Jahrhunderts. Die junge Rose kommt mit ihren Geschwistern nach Amerika, wo ihr Vater neu heiratet. Die neue Frau ist sichtbar unglücklich mit dem plötzlichen Auftauchen so vieler Stiefkinder und so werden die Kinder bis auf die jüngste Schwester innerhalb der jüdischen Gemeinde verteilt, als Hilfsarbeiter und Haushälterinnen.

Und gerade Rose lässt sich nicht unterkriegen, sei hat ihren eigenen Kopf, will lieber abends nach der Arbeit in der Näherei noch in die Schule gehen, Lesen, Schreiben und vor allem Englisch lernen.

Das Buch ist kurz, einfach geschrieben und mit einer insgesamt recht harmlosen Geschichte. Trotzdem habe ich beim Lesen viel Spaß gehabt, vielleicht gerade wegen der Unaufgeregtheit des Buches.

Für drei Dollar nach Ansonia gibt es nur noch gebraucht oder man wird eben im Bücherschrank fündig.

 

Und es schmilzt von Lize Spit

Eva fährt zum ersten Mal seit Jahren zurück in ihr Dorf. Im Kofferraum liegt ein Eisklotz, der langsam vor sich hin schmilzt, auf dem Dorf erwartet sie eine Gedenkfeier für Jan, den Bruder eines ihrer besten Freunden, der vor vielen Jahren mit 17 durch einen Unfall starb und die Präsentation der neuen Melkmaschinen.

Und es schmilzt ist ein kraftvolles, schonungsloses Buch über das Erwachsenenwerden in einem flämischen Dorf. Eine ausführliche Rezension steht hier.

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Der neue Chef von Niklas Luhmann

Mein Wissen über Luhmann ist gefährliches Halbwissen, dass ich hauptsächlich aus den vielen Gesprächen mit meinem Mann erlangt habe, der Luhmann während des Studiums rauf und runter las.

Der neue Chef ist ein Essay von Luhmann aus den frühen Sechziger Jahren, in dem er die Organisation innerhalb einer Firma – mit besonderem Blick auf Verwaltungen – auseinandernimmt, und das vor allem hinsichtlich der Frage, wie Chefs mit ihren Mitarbeitern umgehen, welche Rollen ein Chef innerhalb des sozialen Gefüges einer Organisation spielt, welche Widersprüche sich zwischen diesen Rollen zeigen und wie man damit umgehen kann.

Luhmann schreibt in höchster Weise kompakt. Nie ein Wort oder ein Satz zu viel, alles auf den Punkt, aber trotzdem immer wieder mit einem trockenen Humor, an dem ich viel Spaß habe. Trotzdem kein Buch zum Nebenbei- oder Nur-einmal-Lesen. Da wir aufgrund eines kleinen kommunikatorischen Mangels dieses Buch jetzt zwei Mal zu Hause haben, stelle ich es mir demnächst vielleicht einfach ins Büro und lese in regelmäßigen Abstände daraus vor. Das scheint mir eine gute Idee zu sein.

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Der Dieb in der Nacht von Katharina Hartwell

Mitten an einem schwülen Sommertag verschwindet Felix kurz nach seinem Abitur. Eigentlich wollte er nur zur Tankstelle gehen, um etwas zu kaufen und dann kehrt er einfach nicht mehr zurück. Zehn Jahre später sitzt sein bester Freund Paul in Prag einem Mann gegenüber, in dem er Felix wiedererkennt. Es sind die Kleinigkeiten, die ihn so sicher machen, dass dieser Fremde, der sich Ira Blixen nennt, als Künstler arbeitet und zugibt, dass er vor fünf Jahren sein Gedächtnis verloren hat, sein Freund Felix ist.

Zurück in Berlin steht Blixen auf einmal in der Tür und Felix Schwester Louise, die zunächst skeptisch ist, fängt ebenfalls an, ihren vermissten Bruder in diesem seltsamen Mann zu sehen. Blixen nistet sich bei Felix ein, verweigert die Konfrontation mit der Vergangenheit, will aber auch nicht gehen. Ein Schwebezustand, der sowohl Paul als auch Louise immer mehr an ihre Grenzen treibt.

Ich habe schon Hartwells Das fremde Meer geliebt, und wurde auch von Der Dieb in der Nacht nicht enttäuscht. Hartwell erzählt zwar langsam, aber umso intensiver. Meine Drei-Wort-Zusammenfassung lautet übrigens: „Gaslighting – das Buch“. Aber mehr wäre auch schon zu viel verraten.

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Herland von Charlotte Perkins

Drei Wissenschaftler auf Expedition hören von einem mysteriösen Land, in dem nur Frauen leben und machen sich auf die Suche. Mit einem Flugzeug landen sie tatsächlich in diesem Land und erleben eine Gesellschaft, in der es keine Männer gibt. Charlotte Perkins Utopie aus dem Jahre 1915 ist hier im Rahmen einer Reihe von SF-Klassikern neu erschienen und steht in der Tradition von Morus Utopia oder Swifts Gulliver’s Reisen. Die Reaktionen der drei Männer reichen von Ablehnung der ungewohnten Lebensverhältnisse bis zu kompletter Integration in diese andere Gesellschaft.

Obwohl das Buch schon über 100 Jahre alt ist, ist der Inhalt nach wie vor aktuell und sehr lesenswert.

Herland von Charlotte Perkins

 

Jürgen von Heinz Strunk

In Jürgen erzählt Strunk mal wieder die Geschichte eines Verlierertyps. Jürgen arbeitet als Parkhauswächter, wohnt zusammen mit seiner kranken Mutter und ist Single. Sein einziger Freund Bernd sitzt im Rollstuhl und ist Dauernörgler.

Während ich auch einige kritische Stimmen zu Strunks neuem Buch gehört habe, fand ich es eines seiner besten. Jürgens Optimismus ist nicht totzukriegen, was einige Szenen noch bitterer macht. Während Heinz Strunk als Jürgens Stimme im Hörbuch mit einem amüsierten Ton von seinen täglichen Erlebnissen erzählt, seinen Fantasien, wie er einer Frau im verlassenen Parkhaus hilft und sich daraus eine Romanze entwickelt, wie er seiner Mutter nachts Schnüre mit Rosinen und Nüsschen über das Bett spannt, damit sie etwas zu essen hat, wenn sie Hunger bekommt, das Nachdenken darüber, dass er ja vielleicht ein verborgenes Supertalent hat, und nur noch nicht entdeckt wurde. Dieser grenzenlose Optimismus, eine Nicht-Aufgeben-Haltung, die im krassen Kontrast zu der eindeutig sehr trostlosen Kulisse steht, in der sich Jürgens Leben abspielt.

Schließlich überredet Bernd Jürgen, mit einer Partnervermittlung nach Polen zu fahren, immer auf der Suche nach einer Frau und dem damit einherkommenden vermuteten Glück.

Jürgen wurde auch bereits als TV-Film verfilmt mit Strunk in der Titelrolle und kommt am 20.9.2017 um 20:15 Uhr im Ersten.

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