Nicht schon wieder Frauenquote

Heute ist wieder Weltfrauentag. Es gibt ja immer wieder diese Weltdingenstage, wo man mal einen Tag ganz stark an etwas erinnert werden soll, und man mit einem leichten Zynismus anmerken könnte “Aber sollte nicht jeder Tag Weltdingenstag sein?”

Ja, vielleicht. Man sollte wirklich nicht nur jeden Tag an Frauen denken, sondern auch an Kinder, die dritte Welt, an Tier- und Naturschutz und im Übrigen (damit hier auch nicht gleich die große Ernsthaftigkeit einmarschiert) an Handtücher, Piraten und Pfannkuchen. Wir sollten jeden Tag an ganz viel denken und ganz viel Ungerechtigkeit verhindern, abschaffen und vernichten. Aber es hilft vielleicht doch, wenn es eine Institution gibt, die einmal im Jahr sagt: “Hier: Das Thema hätten wir auch noch. Da liegt auch noch einiges im Argen. VERGESST DAS MAL NICHT!”

Man kann über sowas wie den Weltfrauentag lächeln. Aber dann hat man auch irgendwas falsch verstanden.

Ich weiß auch schon wieder, wie das hier enden wird. Der Mann stellt schon fest, dass ich im Alter zur Feministin werde, und damit hat er recht. Mir gehen immer mehr Dinge auf die Nerven, fallen immer mehr Ungerechtigkeiten auf, und die wenigsten davon betreffen mich selber, denn mir geht es eigentlich gut und die Leute sind nett zu mir. Und was immer ich auch hier gleich schreiben werde, ich werde drei bis fünf Dinge sagen, und dreihundert, die mir auch noch einfallen werden, nicht. Es ist so ein furchtbar weites Feld, dass ich immer wieder Angst habe damit anzufangen, weil ich nicht weiß wo das Ende ist. Eigentlich weiß ich ja noch nicht mal, wo der Anfang ist.

Ich habe letztens erst auf Twitter gesagt, dass ich die Frauenquote auch für ein tendenziell doofes Konzept halte. Das hab ich auch so gemeint. Ich habe aber auch heute bei Ninette Halbbluthobbit einen sehr guten Artikel über die Frauenquote gelesen und warum es vielleicht doch nicht so doof ist, eine zu haben. Und ich hab mal wieder gemerkt, so einfach isses eben doch nicht.

Warum ich gesagt habe, dass ich die Frauenquote für ein fehlgeleitetes Konstrukt halte, liegt vor allem daran, dass ich glaube, dass hier ein Symptom bekämpft wird. Das Symptom, dass aus einer irrsinnigen Vielzahl an Gründen zu wenig Frauen in Führungspositionen landen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir damit wirklich das eigentliche Problem angehen, wir doktorn da nur an irgendwelchen Kausalitäten rum, und am Ende sind vielleicht ein paar mehr Frauen auf den oberen Etagen angekommen, aber das war’s dann auch. Davon allein verbessert sich vermutlich weder die Gehaltsdifferenz noch das Geschlechterverhältnis in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen.

Ich möchte keine Quotenfrau sein und ich glaube, dass ich damit nicht alleine stehe. Ich möchte nicht irgendwas bekommen oder erreichen, weil ich eine Frau bin. Das ist letztlich genauso diskriminierend, wie nicht genommen zu werden, weil man eine Frau ist. Lediglich aus pragmatischen Gründen ist Ersteres vermutlich zu bevorzugen.

Auf der anderen Seite muss man eben irgendwo anfangen. Und deswegen bin ich vielleicht doch für eine Frauenquote, wenn sie nämlich als Erinnerung funktioniert. Als Erinnerung daran, dass man sich vielleicht mal darum kümmern sollte, eine Frau für eine Position zu gewinnen. (Wie immer gilt das Gleiche auch für Männer. Sollte es Firmen geben, deren Führungsebene hauptsächlich oder komplett mit Frauen besetzt ist, so sollte man sich auch da an die eigene Nase fassen, und beim nächsten Mal vielleicht eher einem männlichen Bewerber die Chance geben.)

Das Problem ist doch das: Wir wissen einfach nicht, wo wir anfangen sollen. Es gibt viele, viele Ursachen und viele, viele daraus irgendwie resultierenden Symptome und mittlerweile seh ich an jeder Ecke irgendwas, wo ich denke, ja, das ist auch irgendwie scheiße und nein, ich weiß auch nicht, was man da machen soll.

Anders gesagt: Wenn ein Problem so groß und so unübersichtlich ist, dass man gar nicht weiß, wo man ansetzen soll, wenn es so tief verwurzelt ist in Traditionen und Gewohnheiten, wenn Mädchen rosa sind und Jungs blau und niemand weiß, was dieser Mist eigentlich sollte, dann muss man eben irgendwo anfangen.

Die Frauenquote ist so ein “irgendwo”. Es ist etwas, mit dem man anfangen kann, etwas, was daran erinnert, dass es da etwas gibt, gegen das man irgendwas tun muss. Ich rede nicht davon, blind irgendwo irgendwelche Frauen auf Positionen zu setzen, die nur zur Quotenerfüllung gedacht sind. Ich sage auch nicht, dass man, wenn sich hundert Männer und eine Frau bewerben, man UNBEDINGT die Frau nehmen muss, nur, weil sie eben da ist. Eine Frauenquote bringt nur was, wenn sie im Rahmen eines Umdenkens eingesetzt wird, als eine Art Erinnerungsinstrument, das sagt: “Es wäre vielleicht toll, wenn wir ein bisschen mehr Gleichberechtigung hier hätten, also lass mal gucken, wie wir das schaffen.”

Und deswegen ist die Frauenquote für mich beides: doof und sehr toll. Doof, wenn sie blind und ohne gesunden Menschenverstand eingesetzt wird, nur damit man später sagen kann “Aber wir haben doch… GUCK!”, und sehr toll, wenn sie der erste irgendwie greifbare Schritt zu einem generellen Umdenken ist.

So ist das. Und die anderen dreihundert Sachen, die mir beim Schreiben noch eingefallen sind, die passen jetzt nicht mehr hierhin. Ich wünsche einen fröhlichen, ausklingenden Weltfrauentag und geh jetzt mal gucken, ob’s doch noch zur Feier des Tages ein bisschen Nordlicht in Hessen gibt.

One comment

  1. Ninette

    Danke sehr für die Verlinkung!

    Irgendwo muss man anfangen, ja. Und ich finde, du hast Recht mit dem Gedanken, dass die Frauenquote ein „irgendwo“ ist, denn die Problematik, die es erfordert, dass eine gesetzliche Regelung Frauen in Vorstandsposten schieben soll, ist wesentlich allumfassender, und simpler: Frauen haben nicht die gleichen Wege offen, ihre Zukunft zu gestalten, weil es noch immer Männer gibt, die ihnen die Fähigkeit absprechen, etwas genauso gut zu können – oder vielleicht noch besser – und weil diese Männer die Macht haben, Frauen zu blockieren. Wir stoßen an dem Punkt an sehr simple und urbane Patriachartsstrukturen.

    Deutschland ist eine Industrienation. Der Vorteil daran liegt in der gesetzlichen Regelung, dass Frauen und Männer de jure gleichgestellt sind. Dass dem noch immer nicht so ist, ist eine subtile und damit schwer zu bekämpfende Tatsache. Frauen in Deutschland dürfen sich scheiden lassen, abtreiben, arbeiten gehen, verhüten und generell selbstbestimmt leben, trotzdem sind sie noch immer benachteiligt.
    In einem solchen System sind Mittel wie die Frauenquote die einzige Option, daran etwas zu ändern und den Zustand kompletter (gelebter) Gleichstellung anzustreben.

    Wie ich schon schrieb: die Frauenquote dient nicht dazu, Frauen aufgrund der Tatsache zu bevorteilen, dass sie einfach Brüste haben – sondern um den Frauen, die entsprechend qualifiziert sind, den Weg nach oben zu öffnen. Diese Info ist, glaube ich, sehr wichtig für das allgemeine Bild der Frauenquote.

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