Gelesen: Tomorrow Can Wait von Monika Scheele Knight

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Es gibt so Bücher, die sind Augenöffner. Augenöffner, weil sie einen in eine fremde, neue Welt entführen. „Tomorrow Can Wait“ von Monika Scheele Knight ist so eins, ein Buch darüber, wie es ist, mit einem autistischen Kind durch Europa zu reisen.

Monika und ihr Mann Scott haben zunächst versucht, einen Verlag für ihre Buchidee zu finden, scheiterten aber, unter anderem, weil das Thema des Buches wohl ein bisschen zu speziell schien, und finanzierten ihr Projekt dann über Kickstarter. Ich habe mit einem kleinen Beitrag mitfinanziert und dafür jetzt das fertige Buch als eBook und Taschenbuch bekommen.

Mein Bild vom Autismus ist diffus, geprägt von Unwissenheit und den Schnipseln, die man in den Medien so präsentiert bekommt. Ich weiß grob, was es ist, habe aber von den Details keine Ahnung. Wahrscheinlich habe ich in den letzten Jahren das meiste über Autismus und Asperger durch die Serie „Parenthood“ gelernt, ohne dass ich aber auch nur ansatzweise entscheiden könnte, wie realitätsnah das ist.

John wird in den USA geboren, mit 18 Monaten hat er zum ersten Mal epileptische Anfälle. Was folgt, ist eine Odyssee durch amerikanische und deutsche Krankenhäuser, die über zwei Jahre später mit der Diagnose „Autismus“ in Norddeutschland endet. Trotz der Diagnose und der Schwere der Behinderung ihres Kindes wollen sich Monika und Scott nicht aus dem Leben werfen lassen. Und so reisen sie immer wieder quer durch Europa, zusammen mit John, der in Griechenland auf Pferden reitet, in Irland und Tirol auf Berge steigt, und auf Texel Tandem fährt.

Zwölf Reisen von Hiddensee bis auf Mallorca, zwölf Herausforderungen unterschiedlichster Art. John spricht nicht. Das, was in ihm vorgeht, können seine Eltern oft nur ahnen, was er will und was er nicht will, was ihn interessiert und was ihn langweilt. Es sind Reisen voller Experimente, denn es ist schwer abzuschätzen, wie John auf neue Dinge reagiert. So wird auf Irland aus einem vorsichtigen Spaziergang eine unerwartete Bergtour bis auf den Gipfel, während John im heißen Spanien immer und immer und immer wieder  „The Sound of Music“guckt.

Eigentlich ist „Tomorrow Can Wait“ nicht ein Buch. Es sind drei Bücher. Es ist ein Buch über Autismus, ein Buch über das Leben mit einem autistischen Kind und eine Sammlung von Reiseberichten. Jedes Kapitel verknüpft diese drei Themen auf wunderbare Weise, jedes Urlaubsziel wird zum Transportvehikel eines neuen Aspektes dieser Behinderung. Es ist ein persönliches Buch, das eine starke und lebensbejahende Geschichte erzählt. Monika Scheele Knight leugnet nicht, dass das Leben mit John selbstverständlich anstrengend und nervenaufreibend sein kann. Doch gleichzeitig zeigt sie die vielen schönen Seiten, eine neue Art, das Leben zu betrachten, Prioritäten neu zu setzen:

„While caretaking could become challenging, our attitude towards life in general had become more careless.“

Ich möchte nicht darüber spekulieren, ob dieses Buch einen breiten Markt hätte erobern können oder nicht, denn es ist ja jetzt auch egal, das Buch ist dank Crowdfunding erschienen und man kann es kaufen und das möchte ich nun jedem empfehlen. An der deutschen Übersetzung wird meines Wissens gearbeitet, auf Englisch kann man es jetzt schon lesen.

„Tomorrow Can Wait“ ist ein Augenöffnerbuch, es ermöglicht einen Blick in ein Leben, das so vielleicht direkt nebenan stattfinden könnte, mir aber unglaublich fremd ist. Und deswegen ist es auch so ein wichtiges Buch. Weil es den Blick erweitert, weil es erklärt ohne zu langweilen, kritisiert ohne anzuklagen, Probleme aufzeigt ohne zu jammern, und die Schönheit beschreibt ohne verklärt zu sein. Weil man es versteht, auch wenn die eigene Lebenswelt meilenweit entfernt scheint.

(Ich hätte auch gerne zum Onlineshops eines Inhabergeführten Buchladens verlinkt, habe aber in einer Stichprobensuche keinen gefunden, der das Buch im Angebot gehabt hätte. Man bekommt es aber bei Amazon.)

Zum Blog von Monika Scheele Knight

„Tomorrow Can Wait“ bei Kickstarter

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