Über mäßig ungewöhnliche Leseorte und falsche Geschlechterklischees

Vorsicht: Dieser Artikel fällt für ganz empfindliche Leute möglicherweise in die Kategorie TMI (too much information). Es passiert aber de facto nichts Schlimmes und auch nichts Ekliges.

Gestern Abend hörte ich mal wieder mit großer Freude den Lila Podcast von Katrin Rönicke und Susanne Klingner und wurde bei einer Äußerung in großes Erstaunen versetzt.

Katrin berichtete von einer Diskussionsrunde auf dem taz.lab, bei der die sagenhafte These in den Raum gestellt wurde, dass es bei Frauen und Männern ja nun schon prinzipiell Unterschiede gebe, weil zum Beispiel nun Männer sich etwas zu Lesen mit aufs Klo nähmen und Frauen nicht. (Hier zu finden ab Minute 7 ungefähr.)

Vor Schreck über so diese Behauptung fiel ich fast aus dem Bett.

Ich lese auf dem Klo, seit ich noch gar nicht lesen konnte. Auf unserer Toilette lag stets griffbereit eine Auswahl sinnvoller Lektüre, die regelmäßig ausgetauscht wurde, damit es auch nicht langweilig wurde. Vermutlich habe ich so jedes Asterixheft mindestens einmal komplett auf dem Klo gelesen. Später kamen Lustige Taschenbücher dazu und auch sonst alles, was man halt lesen konnte. Die Calvin-und-Hobbes-Hefte, die ich im Teenageralter zur allgemeinen Freude aller im Haushalt lebenden Personen, anschaffte, haben es entsprechend nie aus der Wohnung meiner Eltern geschafft. Wobei, ein Heft hat es tatsächlich aus der Wohnung meiner Eltern geschafft und liegt jetzt griffbereit im Flurschränkchen ihrer Zweitwohnung in Berlin, direkt neben der Badezimmertür.

Es ist mir unverständlich, wie man auf Toilette gehen kann, ohne sich vorher um Lesestoff bemüht zu haben. Was macht man dann da, auf die Kacheln starren? Ein Liedchen summen? Oder lesen die Menschen, die behaupten, sie würden auf Toilette nicht lesen eben doch, nur eben dann die Rückseiten von Tamponpackungen oder Shampoos? Ich hingegen renne regelmäßig panisch durch die Wohnung, weil ich zwar dringend mal muss, aber erstmal etwas zu lesen suchen muss. Etwas grotesk erscheint mir immer die Situation, wenn ich auf der Toilette sitzend Kochzeitschriften lese, aber dann denke ich über die Schönheit des ewigen Verdauungskreislaufes nach und finde es dann fast wieder passend.

Als ich heute auf Twitter kurz von dieser Behauptung schrieb, gab es natürlich auch direkt Nachfragen, die ich auch gerne noch aufgreife. Ja, Handy und Tablets zählen auch als Lesestoff. Erweitert man das ganze, akzeptiere ich selbstverständlich auch jegliche Art tragbarer Spielekonsolen, Hauptsache, man hat etwas, mit dem man sich beschäftigt und das einen vom Kachelzählen abhält. Auch das Hören von Podcasts, Hörbüchern und Hörspielen ist eine schöne Beschäftigung, während man erledigt, was halt gerade erledigt werden muss. Ich bin da nicht kleinlich, mir wird nur sehr schnell langweilig und weil ich erkannt habe, dass meine Zeit begrenzt und die Auswahl an interessanten Sachen unendlich ist, sehe ich gar keine andere Möglichkeit, auch die Zeit auf Toilette irgendwie sinnvoll zu nutzen.

Tatsächlich habe ich keine Zahlen über das Auf-Klo-Leseverhalten von Männlein und Weiblein. Bei uns zu Hause lag die Quote der lesenden Personen bei hundert Prozent, zwei von drei Leuten,  die ich in dieser Langzeitstudie (1980 bis 2000) beobachtet habe, waren weiblich. In einer weiteren Langzeitstudie (2002 bis 2015 und andauernd) habe ich das Klolektüreverhalten dieses Haushalts beobachtet und konnte feststellen, dass auch hier hundert Prozent der hier lebenden Personen auf Toilette lesen. Es sind allerdings nur zwei, eine davon weiblich (ich) und eine männlich.

In meinem Leben gab es bislang noch keine brauchbare Alternative zur Klolektüre. Lesen auf Toilette scheint mir der einzig gangbare Weg. Allerdings weiß ich tatsächlich nichts über das Verhalten anderer Menschen, also solcher, mit denen ich weder verwandt noch verheiratet bin. Das kann man aber natürlich ändern. Ich rufe also dazu auf, sich als Kloleser zu outen oder natürlich nicht, je nachdem, was man halt da so macht. Und alle Nicht-auf-dem-Klo-Leser dürfen auch gleich die Frage beantworten, was man denn ansonsten bitte schön da tut. Das würde mich nämlich auch sehr interessieren. Bitte sehr, die Kommentare sind eröffnet, nur zu!

17 Antworten auf „Über mäßig ungewöhnliche Leseorte und falsche Geschlechterklischees“

  1. Mit meinem Klolesen verhält es sich wie mit meinem Frühstückshunger: Bis zum 19. Lebensjahr ja (in meiner Familie klolasen mein Vater, mein Bruder und ich, nicht hingegen meine Mutter), dann plötzlich nicht mehr. Heute sind meine Kloaufenthalte so kurz wie möglich: Bis ich Lesestoff angefangen hätte, bin ich schon wieder fertig. Ich kann mich nicht erinnern, wie das früher anders war.

  2. Bis ich mein Elternhaus mit 19 verließ, lasen dort alle auf der Toilette. Die Eltern vielleicht kürzer als die beiden Söhne und die eine Tochter, aber definitiv auch.
    Wie ich jetzt wohne (eine Frau, ein Mann), fand der Mann das vorstellbar, die Frau blieb bei ihrer Gewohnheit. Gerne Lyrik.
    Die Gewohnheit des Mannes hat sich erst mit seinem ersten Smartphone verändert. Die Frau ist irgendwie erleichert.

  3. 100% der weiblichen sowie 100% der männlichen Bewohner dieses Haushaltes lesen. Sinnvolle Lektüre wird regelmäßig ausgetauscht, entsprechende Regale beim Einzug angebracht.

  4. Im Elternhaus hat niemand auf dem Klo gelesen, Mutter war strickt dagegen (Geruch, Hygiene, etc.). Deshalb haben wir uns alle zu „Schnellscheißern“ entwickelt. Seit es Smartphones gibt, hat sich das bei mir und meinem Bruder definitiv geändert, bei unseren Eltern nicht.

  5. Aber natürlich wird auf dem Klo gelesen und zwar aus genau demselben Grund: was der Deibel, soll man denn sonst dort tun?? Sogar mein Mann liest inzwischen auf dem Klo, ist ja auch ein breites Angebot vorhanden (LTB, Micky Maus, ADAC Motorwelt und die regionale Monatszeitung). Lediglich mein Sohn hat da etwas mißverstanden: seit er endlich lesen kann weitet er die Örtchensitzungen seeehr aus, bis der Comic zu Ende ist. Das gibt schon mal lustige rote Ränder an der Rückseite und verkrampft an der Klotür kratzende Eltern…

  6. In diesem Haushalt lesen bei den Erwachsenen (ein Mann, eine Frau) 100%. Bei den Kindern (beide weiblich) lesen 50%, die anderen 50% vertreiben sich die Zeit mit Singen ;-).

    Und die Suche nach Lesestoff ist für mich kein Problem, da das meistgenutzte WC direkt gegenüber der Kommode im Eingangsbereich unseres Hauses liegt, wo immer das aktuell in der Mangel befindliche Buch/eBook bereit liegt, um damit das Haus zu verlassen oder sich jenseits der Kacheln zum Lesen zurückzuziehen. Das nennt man strategisch platziert!

  7. In meiner Kindheit hingen gelochte Zeitschriften auf der Toilette. Heute liegen griffbereit ausgedruckte str8ts Rätsel im Bad.Ohne geht hier gar nichts….

  8. Männlicher Single-Haushalt hier, Nichtleser. Im elterlichen Haushalt gab es auf der Gästetoilette kleine praktische Rätseldinger, Rubikswürfel und so. In der Theorie finde ich das ganz apart. In der Praxis lohnt es sich mangels Verdauungsprobleme nie für mich: Kaum auf dem Thron auch schon mit dem Hauptgrund des Aufenthaltes beschäftigt. Ich hätte in der Zeit gerade mal die zuletzt gelesene Seite wieder gefunden. Und danach kann man auch wieder an einen anderen, eher angenehmeren Ort wechseln.

    (Ausnahme ist natürlich der Fall, wenn man unter Leuten ist und gerade zuviel von den Leuten hat und flüchtet, wenigstens aufs stillere Örtchen. Aber dieser Fluchtort kann dann ja auch je nachdem ein Kopierraum oder der Bierkeller der Zivildienststelle oder der Raucherbalkon oder oder sein.)

  9. Hier wird auch gelesen. Nirgendwo kann man so schön entschleunigen wie im Bad :-) Mir ist auch noch nicht hinreichend geklärt, was Nichtleser stattdessen machen.

  10. Auf dem Klo lesen? Aber selbstverständlich :-) Das fing schon in der Kindheit an: Bei den Großeltern gab es noch das Hüttchen über der Mistgrube und der Großvater schnitt ernst und bedächtig aus der gelesenen Tageszeitung die Stücke fürs Klopapier zurecht. Da gab es immer was zu lesen. Blöd war nur, wenn es gerade interessant wurde, aber die zweite Hälfte – aus gutem, weil schon benutzten Grund – bereits entsorgt.

  11. Bei uns lesen ebenfalls 100%. Der Kurze inbegriffen, obwohl der lieber Youtube-Filme über Handy schaut, aber wenns kein W-Lan in der Nähe hat auch mit einem Büchlein zufrieden ist. Wir Grossen sind eher Zeitschriften-Typen (bei uns landen alle abonnierten Zeitschriften mehr oder weniger direkt auf dem Klo und werden in regelmässigen Abständen ausgetauscht).

  12. Herrlich!!!
    Vielen Dank für den Text! Ich habe mich soo wiedergefunden! ;-)
    „Dank“ meines langsam fortschreitenden Alters habe ich nun auch eine zweite Klobrille. Diese liegt bei den Zeitschriften und ist für meine Nase.. ;-)

  13. Als Kind war ich absolute Klovielleserin, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die das aus mir unverständlichen Gründen irgendwie nicht so gut fand (vielleicht, weil ich regelmäßig das „kleine“ Klo über die Maßen blockierte?). Heute, 30 Jahre später, wird immer noch gelesen, aber selten viel, mangels benötigter Zeit. Das Smartphone kann auch schon mal in der Nähe sein und muss herhalten..z.B. für die Suche nach neuen Rezepten auf Chefkoch…..

  14. Ich lese nicht. Ich finde die Vorstellung seltsam und auch irgendwie unhygienisch, auch wenn es das möglicherweise nicht ist. Aber ganz abgesehen davon: Was macht Ihr Lesenden nur so lang auf dem Klo, dass Lesen überhaupt lohnt? Ich bin längstens 2 Minuten dort, da lohnt es kaum, einen Schmöker aufzuschlagen. Jedenfalls gehe ich nicht „vorzeitig“ aufs Klo in der Hoffnung irgendwann mal zu müssen, und in der Wartezeit lese ich dann. ;)

  15. Ich wuchs auf mit 4 Leuten in der Familie, da sind Klozeiten eh begrenzt. Wegen beengter Wohnverhältnisse war das Klo „draußen“ auf dem Hausflur. Raumtemperatur im Winter: +2 Grad Celsius = Interesse an minimaler Klozeit bei allen Beteiligten. Bei meiner ersten eigenen Wohnung war das Klo „halbe Treppe“ und fror regelmäßig im Winter ein (Prenzelberg, bevor er hipp wurde). Auch hier war ein Aufenthalt größer 30 sec komplett ausgeschlossen.
    Dieses Klo-Verhalten hat sich bis heute gehalten, trotz eines normalen warmen Klos.

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