Tagebuchbloggen, 20. – 22.7.2018

Ich habe ein ganzes Wochenende zu verarbeiten und wir haben auch noch viel erlebt und gemacht, es wird also lang.

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In der Nacht von Donnerstag auf Freitag verschwand unser Internet und damit auch der Festnetzanschluss und der Fernsehempfang. Anrufe bei der Telekom ergaben erst mal nichts Konkretes, am Freitagabend einigten wir uns darauf, dass ich erst mal am nächsten Tag das DSL-Kabel austauschen würde, und dann würde man weitersehen. In der Zwischenzeit bekam ich zusätzlich 10 GB Datenvolumen für den Mobilfunkvertrag, damit fühlte ich mich dann auch ausreichend gewappnet, die internetlose Zeit zu überstehen. An dieser Stelle möchte ich auch mal anmerken, dass sich bei der Telekom einiges in Sachen Kundenservice getan hat, kurze Reaktionszeiten, Mitarbeiter, die einen ernst nehmen und glaubhaft bemüht scheinen, kurzfristige Technikertermine, brauchbare Ideen, um mich als Kunden nicht im Regen stehen zu lassen, das war alles sehr erfreulich.

Long story short, der Kabelaustausch brachte auch nichts, wir hatten also sowohl Modem als auch Kabel als Störfaktor ausgeschlossen und es blieb nur der Technikertermin. Am Sonntagnachmittag  fiel mir dann zufällig auf, dass auf einmal wieder alle Lämpchen blinkten und jetzt haben wir wieder Internet. Es war ansonsten aber auch gar nicht so schlimm, zum Beispiel haben wir festgestellt, dass man vollkommen überraschend auch auf dem Balkon zu Abend essen kann, möglicherweise machen wir das jetzt öfter.

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Es gab noch andere Vorteile. So entdeckte ich zum Beispiel bei der morgendlichen Fahrradtour zum Telekomshop, dass auf der Rüttenscheider Straße ein Ramen-Japaner aufgemacht hat. Im Ruhrgebiet kommen ja alle hippen Foodtrends erst so drei bis fünf Jahre nach fläschendeckender Einführung in Berlin, Hamburg und Köln an. Jetzt also auch Ramen in Essen, ein Traum geht in Erfüllung.

Wir waren also Ramen essen, und können das Genki Ramen in der Dorotheenstraße in Essen empfehlen, das Lava-Ei hätte etwas weicher sein können, aber das ist eigentlich auch alles, was ich an Beschwerde hätte.

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Vorher ließ ich mich von meinem Mann beschenken, ich hatte schon seit längerem den Wunsch nach einem schönen Füller und jetzt besitze ich einen hübschen Kaweco-Reisefüller und bin ganz angetan, weil es sich damit eben doch anders schreibt als mit dem Kugelschreiber. Vermutlich sitze ich also demnächst abends bei Kerzenschein in meinem Schreibstübchen und verfasse Briefe, möchte hier jemand einen, ich habe einen Füller, ich bin bereit!

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Eine schöne Alltagsbeobachtung im Vorraum der Commerzbank. Ein alter Mann nähert sich vorsichtig einem anderen Mann, der gerade Geld abgeholt hat.

„Darf ich fragen, wie groß Sie sind?“

„Zwei Meter“, antwortet der jüngere, sehr große Mann.

„Oh, das kommt bestimmt selten vor.“

„Es gibt noch größere.“

„Aber schon praktisch, Sie kommen an alles dran.“

Allgemeines Verabschiedungsgeplänkel und während der alte Mann jetzt selber zum Automaten geht, murmelt er noch sehr gut hörbar: „Mein lieber Scholli!“

Das war schön.

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Nach Füllerkauf und Ramenessen noch zum großen Trödelmarkt am Girardethaus gefahren, ein sehr schöner Trödelmarkt, der allerdings auch nur einmal im Jahr stattfindet, wenig Neuware oder zumindest Neuware deutlich vom Trödel getrennt. Wir erstanden ein Sonor Glockenspiel für fünf Euro und eine Melodica für zehn Euro, dabei hatte ich vom letzten Flohmarkt erst eine Melodica mitgebracht, jetzt haben wir halt zwei. Es hätte eventuell auch noch eine Ukulele gegeben, ich entschied mich dann aber dagegen, dafür habe ich jetzt eine neue Dienstleistung erfunden: Kostenloses Instrumentestimmen auf Flohmärkten. Ich mache das gerne für Sie, sprechen Sie mich einfach an.

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„Ich bin viele“ von Dennis E. Taylor [Amazon-Werbelink] zu Ende gehört, nachdem es so viel Lob in den einschlägigen SF/F-Foren bekam und endlich mal wieder so richtig enttäuscht und angenervt von einem Buch gewesen. Ich wiederhole mich vielleicht, aber ich freue mich immer, wenn ich ein Buch doof finde, das kommt nämlich so selten vor, dass ich gelegentlich an meinen Qualitätskriterien zweifle und mich frage, ob ich zu einfach gestrickt bin. Im Prinzip will ich von einem Buch ja nur unterhalten werden.

Dieses Buch jedenfalls, die Synopsis ist mehr oder weniger, dass ein Mann namens Bob irgendeine Art Gehirnabdruck einfrieren lässt, um bei einem Todesfall wiederbelebt werden zu können, dann relativ schnell stirbt und entgegen der Absprache nicht als Mensch aus Fleisch und Blut, sondern als AI wiederbelebt wird, auf dass er ins All fliege, neue Planeten für die Menschheit entdecke und sich dabei immer wieder selbst klone. Nachher gibt es also viele Bobs, die alle nach irgendwelchen popkulturell relevanten Figuren (Ryker, Homer, Khan, Ernie und Bert, you get the picture) benannt sind (gähn) und natürlich alle den gleichen sarkastischen Humor haben (doppelgähn) und mit irgendwelchen lustigen popkulturellen Referenzen um sich werfen (dreifachgähn). Damit man es nicht vergisst, erwähnt der Ich-Erzähler dann auch regelmäßig, wie er (haha!) ja einen total kindischen Humor hätte (hahaha!) und ach, ach…

Es wäre auch alles noch gar nicht so schlimm, wenn in dem Buch wenigstens relevante Frauenfiguren vorkämen. Ich habe, bei allem Bemühen um Verständnis und Nachsicht, einfach keine Geduld mehr für Bücher (oder Filme oder Serien), in denen alle relevanten Figuren Männer sind, es sei denn, es gibt einen wirklich, wirklich guten und nachvollziehbaren Grund. Es gibt aber keinen guten oder nachvollziehbaren Grund, warum unter den ganzen Wissenschaftlern und Staatsoberhäuptern oder FUCKING ALIENS in diesem Buch keine weiblichen Repräsentanten sind. Es ist so ermüdend.

Keine Empfehlung für „Ich bin viele“ also, ein ähnlich überbewertetes Buch wie „Der Marsianer“, das ich von nun an dem Science-Fiction-Subgenre „White Male Geek Wet Dream“ zuordnen werden, Bücher, die weiße Nerdmänner für andere weiße Nerdmänner schreiben und dann erstaunt gucken, wenn man anmerkt, dass sie eventuell zu sehr in ihrer eigenen Wahrnehmungsblase stecken. Von dem happy Genozid, der damit gerechtfertigt wird, dass man ja die guten Aliens vor den bösen schützt mal ganz zu schweigen. Auch da waren wir in der Science-Fiction-Literatur schon mal deutlich weiter.

Positiv zu vermerken ist, dass das Hörbuch von Simon Jäger gelesen wird, aber das war’s dann auch schon.

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Erfreulicher hingegen war „Mortal Engines“ von Philip Reeve [Amazon-Werbelink], Young Adult-Fantasy-Science-Fiction, die in einer Welt spielt, in der Städte nicht mehr stur auf einem Fleck hocken, sondern sich fortbewegen, bekämpfen und aufessen. Ja, das klingt absurd, funktioniert aber ganz gut. Das ist alles solide Popcornliteratur, aber es kommen relevante weibliche Charaktere vor, auch sonst sind die meisten Figuren erfreulich ambivalent und man wird gut unterhalten.

Das Buch ist schon etwas älter und kommt demnächst als Verfilmung von Peter Jackson in die Kinos.

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Außerdem erfolgreich weiter ausgemistet. In meinem Arbeitszimmer gibt es jetzt nur noch einen großen Papierstapel, der mal gesichtet und auf entsprechende Ordner verteilt werden müsste und eine kleine Schublade, die ich aber auch schon grob sortiert habe.

An dieser Stelle ist „Magic Cleaning“ [Amazon-Werbelink] auch ein bisschen naiv, vielleicht ist das auch ein Japanding, jedenfalls soll man sich laut Marie Kondo auch hemmungslos von Papieren trennen, weil man die meisten ja sowieso nie wieder braucht und sie einen selten glücklich machen. Ich sag mal so: Wenn man nebenbei noch gelegentlich selbstständig arbeitet und außerdem Immobilien besitzt, greift das ein bisschen zu kurz, ich könnte mir auch vorstellen, dass das Finanzamt da anderer Meinung ist. Eventuell könnte ich aber mal darüber nachdenken, ob ich sämtliche Bankauszüge und Kreditkartenabrechnungen aus den letzten zehn Jahren wirklich noch mal brauche, jetzt stehen die Ordner auf jeden Fall etwas besser sortiert und beschriftet in den unteren Regalfächern. Sie machen mich immer noch nicht direkt glücklich, hier liegt das Glück im Zweifel darin, dass ich weiß, wo was ist, wenn ich was brauche und dass es sauber und chronologisch richtig abgeheftet ist. Es sind die kleinen Dinge.

Apropos kleine Dinge: Zahnarztbonusheft und Heiratsurkunde wiedergefunden.


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