Code Literacy und warum wir dringend einen vernünftigen Informatikunterricht brauchen

Wenn man mit der tödlichen Sommererkältung flach liegt, kann man viele Dinge tun. Schlafen zum Beispiel, oder lesen. Oder lustige bis furchtbare Sendungen privater Fernsehanstalten gucken. Oder aber, wenn man es rechtzeitig mitbekommt, den Livestram der DLDWomen 2013 gucken. Vollkommen abgefahren, da liegt man schniefend, hustend und in Vollzeit schleimproduzierend im Ruhrgebiet auf dem Sofa und kann live mitbekommen, was in München für tolle Vorträge gehalten werden. Meike Winnemuth war da und Carl Djerassi, Jacqueline D. Reses von Yahoo! redete darüber, was physische Zusammenarbeit auch bedeuten kann und Elif Shafak sprach über die Bedeutung von Storytelling.

Besonders gefreut habe ich mich aber über den Vortrag „Code!!“ der beiden Stanford-Studentinnen Ayna Agarwal und Ellora Israni von she++, die darüber sprachen, warum es wichtig ist, dass Frauen in der IT Fuß fassen und mehr Frauen programmieren lernen. Aus nachvollziehbaren Gründen ist das ein Thema, was mich besonders interessiert. Die beiden Frauen brachten meiner Meinung nach genau die richtigen Argumente: Wir sind umgeben von Technologie, wir benutzen zig verschiedene Gadgets jeden Tag, unterschiedlichste Software, wir vertrauen Technologie wesentliche Bestandteile unseres Lebens an, die Branche ist aber nach wie vor männerdominiert. Und nur, um das gleich klarzustellen, es geht nicht darum, dass Männer irgendetwas falsch machen würden, es geht vielmehr darum, dass Diversität fehlt, dass Frauen vermutlich genauso viel und oft mit Technologie umgehen, ihre Sichtweise aber sowohl bei Entwurf als auch bei der Produktion von Software weitestgehend fehlt.

Ein anderer und sehr wichtiger Punkt ist aber der des Empowerments. Das gilt natürlich für viele andere Bereiche auch. Ich kann kaum einen Knopf wieder annähen, und muss für jeden Quatsch zum Schneider laufen, ich kann nicht klempnern und ich bohre nur ungern irgendwelche Löcher in Wände. Ich kann dafür aber prima IKEA-Möbel aufbauen und verstehe meistens, was der Steuerberater mir erklärt. Vorlieben und die damit verbundene Bereitschaft, sich mit irgendwas zu beschäftigen, sind individuell, oft nicht rational und können sich ständig ändern. Vor allem aber sind sie eine Voraussetzung für die eigene Selbstständigkeit, die Unabhängigkeit, autark zu handeln und nicht von anderen und ihrem Wissen abhängig zu sein.

Ich habe lange damit gehadert, wie man erklären soll, warum viel mehr Leute, und ich meine ausdrücklich Leute und nicht Frauen, programmieren sollten. Es geht dabei gar nicht darum, dass jetzt alle Softwareentwickler werden sollten, es geht um ein Grundverständnis von IT, Software und dem, was eigentlich dahintersteckt. Um eben nicht hilflos vor dem eigenen Computer zu stehen, wenn irgendwas nicht funktioniert, um nicht auf einen Bekannten warten zu müssen, wenn das Internet nicht geht. Wenn wir umgeben sind von Technologie, wenn jede Firma und jede/r Selbstständige eine Webseite braucht, um präsent zu sein, wenn ich davon ausgehen muss, dass potentielle Arbeitgeber, aber natürlich auch sonst jeder, mich googeln kann, wenn ich auf Facebook bin, einen Blog schreibe oder sonst irgendwie im Netz aktiv bin, dann sollte es doch eigentlich ein Bedürfnis sein, zumindest in groben Zügen zu verstehen, was da eigentlich passiert, um selbstständig Entscheidungen treffen und Dinge einschätzen zu können.

Christian beschreibt das in einem Artikel sehr schön, den er anlässlich der Meldung, in Hamburg würde der Informatikunterricht als Pflichtfach abgeschafft werden, geschrieben hat. Das Argument der Zuständigen in Hamburg geht in die Richtung, dass man ja auch nicht wissen muss, wie ein Fernseher funktioniert, um Fernsehen gucken zu können. Also müsse man auch nicht wissen, wie ein Computer funktioniert, um irgendwas mit dem Computer machen zu wollen. Das wäre vermutlich sogar ein nachvollziehbares Argument, wenn es in der Informatik nur um Hardwarekomponenten ginge, dabei macht das aber nur einen sehr, sehr kleinen Teil aus. Die Wirklichkeit ist wie immer komplizierter: Ein ordentlicher Informatikunterricht könnte und sollte nämlich ganz andere Aspekte behandeln, die mit dem Aufbau eines Computers gar nichts zu tun haben.

In dem Beispiel, das Christian erzählt, kostet es ein kleines Unternehmen 600 Euro, weil der Kunde die Risiken seiner Anweisungen nicht versteht, und darauf besteht, dass etwas getan wird, was sich im Nachhinein als grober Fehler herausstellt. Lektion dieser Geschichte: Die Weigerung, sich mit „der Informatik“ zu beschäftigen, kann teuer werden.

Viele Geschichten, die ich so von den selbstständigen Grafikern/Webdesignern/Softwareentwicklern in meiner Facebooktimeline lese, gehen genau in diese Richtung. Man will sich nicht mit dem technischen Aspekt beschäftigen, man will auch gar nicht verstehen, worum es geht, das sollen die anderen machen. Oft werden dadurch durch Unwissen falsche Entscheidungen getroffen, Warnungen werden in den Wind geschossen („Ich will das aber so!“) und kosten am Ende Geld, Zeit und Nerven. Letzteres dann leider vor allem bei den Dienstleistern.

Den Begriff „Code Literacy“ habe ich in einer Session auf der re:publica 2013 aufgeschnappt, ich fand ihn irgendwie interessant, hatte eine eigene Idee dazu im Kopf, wusste aber nicht im Geringsten, ob das auch mit dem übereinstimmte, was andere Leute sich dazu überlegt hatten. Leider entpuppte sich die Session als Workshop, und da ich zur Hälfte der Zeit in einen anderen Vortrag huschen wollte, habe ich mich dann verzogen. (Aus dem Workshop entstand dann übrigens ein Blog, der sich mit dem Thema beschäftigt.)

Der Begriff ließ mich jedoch nicht los, weil er ungefähr das fasst, was ich erreichen will, wenn ich Leute dazu ermuntere, doch mal ein bisschen „Programmieren“ zu lernen. Meistens meine ich damit auch gar nicht programmieren, sondern die einfache Aufforderung, sich mal hinter den Kulissen des eigenen Blogs umzuschauen oder zu verstehen, wie Webseiten überhaupt erstellt werden. Sobald man die Grundlagen einmal kapiert hat, eröffnen sich nämlich direkt neue Möglichkeiten, mehr Freiheit, mehr Rumtricksen, wenn etwas nicht genau so funktioniert, wie man sich das vorstellt.

Es kann jedoch auch bedeuten, dass man nicht mehr auf die Hilfe fremder Programme angewiesen ist, sondern durchaus in der Lage ist, sich sein eigenes kleines Makro oder Hilfsprogramm zu schreiben, das den einen, ganz konkreten Handgriff erleichtert, den man jeden Tag mehrmals tun muss. Da genau solche Handgriffe oft sowohl sehr individuell als auch sehr trivial sind, kann es gut sein, dass man in der gleichen Zeit, wie man ein existierendes Programm so weit hingebogen hat, dass es das tut, was man möchte, sein eigenes kleines Ding programmiert hat.

Code Literacy bedeutet für mich, nicht vor Schreck zu erstarren, wenn man eine Seite Code sieht, sondern zumindest grob einschätzen zu können, was es damit auf sich hat, oder auch ganz simpel, ob es für einen selber überhaupt relevant ist. Wer auch nur ein bisschen Code lesen kann (und ja, ich weiß, dass HTML und CSS kein „Code“ sind, aber zum Zwecke dieser Übung behandeln wir auch diese Sprachen mal so), der kann sich im Netz autarker bewegen, ist weniger auf die Hilfe anderer, sowohl fremder Leute als auch Bekannter, angewiesen und mit ein bisschen Übung, Durchhaltevermögen und Fantasie auch schnell in der Lage, Probleme selbstständig zu lösen.

Es gab vor einiger Zeit ein sehr schönes Video, in dem bekannte und weniger bekannte Menschen erzählten, warum man programmieren lernen sollte. Man kann das sehr schön gucken, sollte sich aber auch nicht zu sehr von der etwas verklärten Vorstellung, wie geil das Leben als Softwareentwickler ist, irritieren lassen. So großartig ist es auch nicht immer, die haben sich da schon ein paar ganz abgefahrene Unternehmen ausgesucht. Außerdem möchte ich nicht immer wissen, welcher Einsatz fürs Unternehmen im Gegenzug von den Mitarbeitern gefordert wird. Ja, ich finde meinen Job super, aber ich weiß auch, dass es ganz viele andere wichtige und vermutlich auch wichtigere Berufe gibt. Darum geht es gar nicht.

Das hat auch Scott Hanselman in seinem Artikel „Programming’s not for you? How about thinking? Be empowered!“ schön auseinandergenommen. Es geht nicht darum, supertolle Applikationen zu schreiben und den coolsten Job der Welt zu bekommen. Es geht auch nicht darum, Programmieren nur um des Programmierens Willen zu lernen. Vielmehr geht es darum, problemorientiertes Denken zu erlernen und sich selbst die Macht zu geben, Dinge zu verändern.

Und es geht darum, im ganz normalen Technologiealltag ein mündiger Bürger zu sein, der sich weder vom Geschwafel vermeintlicher Experten irritieren lässt, noch verzweifelt das Handtuch wirft, weil er glaubt, er würde diese „Informatik“ nicht verstehen. (Erfahrungsgemäß blocken viele Menschen schon ab, bevor man überhaupt anfangen konnte, irgendwas zu erklären. Die Vorstellung, das alles müsste zwangsweise wahnsinnig kompliziert/uninteressant/zu technisch sein, scheint hier weit verbreitet. Oft ist es allerdings ganz einfach.) Das gilt sowohl für mich als Privatmensch als auch für mich als politischer Mensch. Gerade in Zeiten von PRISM und Co. ist es geradezu verwegen, zu behaupten, der Durchschnittsbürger bräuchte sich nicht für IT zu interessieren, wir müssen es vermutlich mehr als eh und je. Letztendlich geht es immer um Macht. Wer nicht lesen kann, ist denen ausgeliefert, die es können, muss ihnen glauben, dass sie ihn nicht anlügen oder eben mehrere Leute fragen (und – für die ganz Paranoiden – dann hoffen, dass die sich nicht abgesprochen haben). Wer sich nicht mit „Informatik“ beschäftigen will, der ist denen ausgeliefert, die sich damit auskennen und muss genauso hoffen, dass er nicht angelogen oder ausgenutzt wird. Und wer, wie im Falle des Hamburger Informatikunterrichts, sogar vielen anderen Leuten weismachen will, dass sie diese Kompetenz nicht bräuchten, der hat ganz einfach den Schuss nicht gehört.

she++

Codeacademy

Code-Literacy-Blog

Jawl: Was eine Pension in Regensburg mit Informatikunterricht in Hamburg zu tun hat

Scott Hanselman: Programmings’s not for you? How about thinking? Be empowered.

3 Antworten auf „Code Literacy und warum wir dringend einen vernünftigen Informatikunterricht brauchen“

  1. Guten Morgen Anne

    Ich mag deine Art wie du schreibst und normalerweise auch was du schreibst, darum folge ich dir ja auch.
    Aber hier hast du dich einfach mal ganz weit aus dem Fenster gelehnt.

    Mein Lebenspartner macht seit 20 in IT und mein Bruder seit 10 Jahren, d.h. ich musste mich noch nie um irgendetwas in der Richtung kümmern. Seit ’87 hatten wir einen PC zu Hause stehen und seit ’98 Internet. es hat immer funktioniert, ohne das ich grossartig was damit zu tun gehabt hätte.
    Zwischenzeitlich weiss ich auch ein wenig Bescheid, kann einigermassen eine Webseite bearbeiten und verstehe einige der Zusammenhänge, man ist ja nicht völlig ignorant. Ausserdem habe ich auch schon von den 1en und 0en gehört, wobei diese mir echt immer suspekt waren.
    So viel dazu.

    Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass sich jeder mal damit auseinander setzen sollte, woher sein Essen kommt und auch einiges davon selber herstellen können sollte, denn was nützt einem Coding, wenn nichts auf dem Teller liegt. Ausserdem finde ich sollte man eine ungefähre Ahnung haben wie Häuser funktionieren und wie Kleidung herzustellen ist, so diese elementare Grundausstattung. Denn Schlussendlich ist das ja das wirklich wichtige, oder?

    Und zum Schluss noch: nicht jeder kann Coding erlernen, denn viele sind mit den Codes und Zahlen und Buchstaben schlicht überfordert und können die Synapsen im Gehirn nicht so synapsen lassen, dass sie damit umgehen können, so wie du auch keinen Knopf annähen kannst.

    1. Ich glaube nicht, dass ich mich zu weit aus dem Fenster lehne, oder aber der Text wurde grob missverstanden.

      Das Argument „Es klappt ja alles irgendwie“ funktioniert nur, weil es eben Leute gibt, die sich damit auskennen und im Zweifelsfall einspringen können und denen du vertrauen kannst. Und es funktioniert nur so lange, wie wir von reinen Hardware- oder Softwareproblemen reden. Anders könnte ich auch sagen, Physik wäre unwichtig, denn Schwerkraft funktioniert ja auch so. Und die Photosynthese klappt auch prima von alleine, ohne, dass ich mich mit Biologie auskennen muss.

      Ich habe ausdrücklich an vielen Stellen gesagt, dass es mir nicht darum geht, dass jeder ein Superprogrammierer werden soll, sondern vielmehr darum, in einer Welt, in der wir von Technologie umgeben sind, eigenständig Entscheidungen treffen zu können. Dazu gehört gar nicht viel, aber schon da sehe ich massiven Bedarf.

      Dass das für viele andere Bereich natürlich auch gilt, ist vollkommen klar, aber darum ging es eben in diesem Artikel nicht. Zu sagen, dass IT-Wissen unnütz ist, wenn man nichts zu Essen hat, ist wenig hilfreich, denn das gleiche gilt für fast jedes Wissen. Solange man aber, was für mittlerweile zumindest in unserem Land die Mehrheit der Menschen der Fall sein dürfte, jeden Tag mit den unterschiedlichsten Technologien zu tun hat, und dazu noch regelmäßig persönliche Daten irgendwo eingibt und verschickt, sollte man schon ein grundlegendes Interesse daran haben, was sonst noch so dahintersteckt.

      Und ganz zum Schluss, ich bin mir relativ sicher, dass ich halbwegs ordentlich (unordentlich kann ich das ja schon) einen Knopf annähen könnte, wenn mir jemand ein bisschen was übers Nähen beibringen würde. Hat sich nun bis jetzt eben nicht ergeben, aber wer weiß?

  2. Also, ich hab verstanden, dass Computerwissen inzwischen ähnlich vital ist wie: Knopf annähen. Nicht ganz so wichtig wie – Butterbrot schmieren, Kartoffeln schälen, Zähne putzen oder Bierkonsum in Maßen halten. Aber doch im Alltag nicht unerheblich. Und das hat mir sehr eingeleuchtet. NB, ich kann ratzfatz Knöpfe annähen. Auch Gardinen herstellen und eine ganze Sommergarderobe, wenn es sein muss. Ich tausche gern mein Wissen für ein bisschen mehr digitale Unabhängigkeit.

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