Gelesen im August 2017

The Unit von Ninni Holmqvist

Im Schweden der Zukunft werden Menschen, die nicht gebraucht werden, in einer Einheit untergebracht, in der sie zwar jeden Komfort genießen, nicht arbeiten müssen und diversen Hobbys nachgehen können, aber auch für medizinische Untersuchungsreihen und Organspenden zur Verfügung stehen. Die Erzählerin des Buches, Dorrit, ist gerade 50 geworden, lebt alleine und muss deshalb Haus und Hund verlassen, um ihre letzten Jahre in solch einer Einheit zu verbringen. Während sich Freunschaften ergeben und Dorrit sich unerwartet verliebt, geht es auch immer wieder darum, ob sie ihr Leben anders hätte leben können. Die noch von ihrer Mutter propagierte und von Dorrit gelebte Unabhängigkeit entpuppt sich nun als verzögertes Todesurteil.

Ich habe das Buch in der englischen Übersetzung gelesen, weil es gerade auf dem englischsprachigen Markt erschienen ist, ohne zu wissen, dass es längst auch auf Deutsch erschienen ist – der deutsche Titel ist „Die Entbehrlichen“. Eine schöne, nachdenkliche, verstörende, aber auch lebensbejahende Dystopie, die viele Fragen aufwirft. Sehr zu empfehlen.

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Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag von Katrin Bauerfeind

Im Bücherschrank gefunden und mitgenommen. Katrin Bauerfeind erzählt Geschichten vom Scheitern in allen Lebenslagen. Das ist wie von ihr gewohnt flott und witzig geschrieben, an ein paar Stellen driftete es mir ein bisschen zu sehr in klischeehaftes Frauen/Männer-Dings ab, die Stellen kann man aber noch ganz gut ertragen, weil der Rest ausreichend unterhaltsam und originell ist.

Schön zum Zwischendurchlesen, vermutlich macht das Hörbuch noch mehr Spaß, denn Katrin Bauerfeind zuzuhören ist dann noch mal ein bisschen besser.

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Underground Railroad von Colson Whitehead

The Underground Railroad von Colson Whitehead habe ich mit Spannung erwartet, weil ich schon viel – eigentlich nur Gutes – von dem Buch gehört habe.

Erzählt wird die Geschichte von Cora, Sklavin auf einer Baumwollplantage in dritter Generation. Coras Mutter verschwand, als Cora noch ein Kind war, eine der wenigen Sklaven, der die Flucht gelang und die nie wieder gesehen wurde. So muss sich Cora alleine durchschlagen, ohne Rückhalt und Sicherheit, immer in Angst vor der Willkürlichkeit und Grausamkeit ihrer Besitzer und deren Aufseher. Der Gedanke an Flucht kommt ihr gar nicht, so absurd ist die Vorstellung, als Schwarze im amerikanischen Süden so lange durchzuhalten, dass man es bis in den Norden schafft, wo auch Schwarze frei sein können. Doch dann fragt sie Caesar, ob sie mit ihm fliehen will und beim zweiten Mal sagt sie ja. Die Flucht gelingt über die Underground Railroad, einem Fluchnetzwerk, das tatsächlich existierte, in Whiteheads Geschichte aber nicht nur eine Metapher ist, sondern ein unterirdisches Schienennetzwerk.
Und so beginnt Coras Reise durch Amerika, verfolgt vom Sklavenjäger Ridgeway, der nie die Schmach überwunden hat, bei Coras Mutter Mabel versagt zu haben.

Gott sei Dank wurde ich nicht enttäuscht. Einzig der Anteil der fantastischen Elemente hätte nach meinem Geschmack etwas größer sein können. Doch das ist Jammern auf höchstem Niveau, denn die Geschichte von Cora, Caesar, ihren Helfern, Leidensgefährten und Feinden ist packend von Anfang bis Ende. Whitehead ist dabei schonungslos, hier wird nichts beschönigt, der Mensch, so lernt man, ist eben oft nicht gut und das Amerika dieses Zeitalters kein grundweg angenehmer Ort.

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Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Maja Lunde erzählt die Geschichte der Arbeiterin Tao, die im China der Zukunft als Bestäuberin arbeitet. Die Bienen sind verschwunden und Obst ist zum Luxusgut geworden. Im Jahr 2007 muss sich der amerikanische Imker George damit auseinandersetzen, dass sein einziger Sohn nicht vorhat, die Imkerfarm zu übernehmen. Und im Jahr 1852 liegt der Wissenschaftler William Savage mit Depressionen im Bett, bis ihn die Idee eines revolutionären Bienenkorbs wieder beflügelt.

Allen Geschichten gemein sind die Bienen und was sie für die Menschen und die Welt bedeuten. Ein schönes Buch, das ich hier ausführlich rezensiert habe.

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Für drei Dollar nach Ansonia von Julie Angell

Im Bücherschrank gefunden und vom Titel her ziemlich sicher gewesen, dass ich dieses Buch irgendwann vor über 20 Jahren mal gelesen habe. Es ist ein schon etwas in die Jahre gekommenes Jugendbuch über eine jüdische Einwanderin im New York des 19. Jahrhunderts. Die junge Rose kommt mit ihren Geschwistern nach Amerika, wo ihr Vater neu heiratet. Die neue Frau ist sichtbar unglücklich mit dem plötzlichen Auftauchen so vieler Stiefkinder und so werden die Kinder bis auf die jüngste Schwester innerhalb der jüdischen Gemeinde verteilt, als Hilfsarbeiter und Haushälterinnen.

Und gerade Rose lässt sich nicht unterkriegen, sei hat ihren eigenen Kopf, will lieber abends nach der Arbeit in der Näherei noch in die Schule gehen, Lesen, Schreiben und vor allem Englisch lernen.

Das Buch ist kurz, einfach geschrieben und mit einer insgesamt recht harmlosen Geschichte. Trotzdem habe ich beim Lesen viel Spaß gehabt, vielleicht gerade wegen der Unaufgeregtheit des Buches.

Für drei Dollar nach Ansonia gibt es nur noch gebraucht oder man wird eben im Bücherschrank fündig.

 

Und es schmilzt von Lize Spit

Eva fährt zum ersten Mal seit Jahren zurück in ihr Dorf. Im Kofferraum liegt ein Eisklotz, der langsam vor sich hin schmilzt, auf dem Dorf erwartet sie eine Gedenkfeier für Jan, den Bruder eines ihrer besten Freunden, der vor vielen Jahren mit 17 durch einen Unfall starb und die Präsentation der neuen Melkmaschinen.

Und es schmilzt ist ein kraftvolles, schonungsloses Buch über das Erwachsenenwerden in einem flämischen Dorf. Eine ausführliche Rezension steht hier.

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Der neue Chef von Niklas Luhmann

Mein Wissen über Luhmann ist gefährliches Halbwissen, dass ich hauptsächlich aus den vielen Gesprächen mit meinem Mann erlangt habe, der Luhmann während des Studiums rauf und runter las.

Der neue Chef ist ein Essay von Luhmann aus den frühen Sechziger Jahren, in dem er die Organisation innerhalb einer Firma – mit besonderem Blick auf Verwaltungen – auseinandernimmt, und das vor allem hinsichtlich der Frage, wie Chefs mit ihren Mitarbeitern umgehen, welche Rollen ein Chef innerhalb des sozialen Gefüges einer Organisation spielt, welche Widersprüche sich zwischen diesen Rollen zeigen und wie man damit umgehen kann.

Luhmann schreibt in höchster Weise kompakt. Nie ein Wort oder ein Satz zu viel, alles auf den Punkt, aber trotzdem immer wieder mit einem trockenen Humor, an dem ich viel Spaß habe. Trotzdem kein Buch zum Nebenbei- oder Nur-einmal-Lesen. Da wir aufgrund eines kleinen kommunikatorischen Mangels dieses Buch jetzt zwei Mal zu Hause haben, stelle ich es mir demnächst vielleicht einfach ins Büro und lese in regelmäßigen Abstände daraus vor. Das scheint mir eine gute Idee zu sein.

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Der Dieb in der Nacht von Katharina Hartwell

Mitten an einem schwülen Sommertag verschwindet Felix kurz nach seinem Abitur. Eigentlich wollte er nur zur Tankstelle gehen, um etwas zu kaufen und dann kehrt er einfach nicht mehr zurück. Zehn Jahre später sitzt sein bester Freund Paul in Prag einem Mann gegenüber, in dem er Felix wiedererkennt. Es sind die Kleinigkeiten, die ihn so sicher machen, dass dieser Fremde, der sich Ira Blixen nennt, als Künstler arbeitet und zugibt, dass er vor fünf Jahren sein Gedächtnis verloren hat, sein Freund Felix ist.

Zurück in Berlin steht Blixen auf einmal in der Tür und Felix Schwester Louise, die zunächst skeptisch ist, fängt ebenfalls an, ihren vermissten Bruder in diesem seltsamen Mann zu sehen. Blixen nistet sich bei Felix ein, verweigert die Konfrontation mit der Vergangenheit, will aber auch nicht gehen. Ein Schwebezustand, der sowohl Paul als auch Louise immer mehr an ihre Grenzen treibt.

Ich habe schon Hartwells Das fremde Meer geliebt, und wurde auch von Der Dieb in der Nacht nicht enttäuscht. Hartwell erzählt zwar langsam, aber umso intensiver. Meine Drei-Wort-Zusammenfassung lautet übrigens: „Gaslighting – das Buch“. Aber mehr wäre auch schon zu viel verraten.

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Herland von Charlotte Perkins

Drei Wissenschaftler auf Expedition hören von einem mysteriösen Land, in dem nur Frauen leben und machen sich auf die Suche. Mit einem Flugzeug landen sie tatsächlich in diesem Land und erleben eine Gesellschaft, in der es keine Männer gibt. Charlotte Perkins Utopie aus dem Jahre 1915 ist hier im Rahmen einer Reihe von SF-Klassikern neu erschienen und steht in der Tradition von Morus Utopia oder Swifts Gulliver’s Reisen. Die Reaktionen der drei Männer reichen von Ablehnung der ungewohnten Lebensverhältnisse bis zu kompletter Integration in diese andere Gesellschaft.

Obwohl das Buch schon über 100 Jahre alt ist, ist der Inhalt nach wie vor aktuell und sehr lesenswert.

Herland von Charlotte Perkins

 

Jürgen von Heinz Strunk

In Jürgen erzählt Strunk mal wieder die Geschichte eines Verlierertyps. Jürgen arbeitet als Parkhauswächter, wohnt zusammen mit seiner kranken Mutter und ist Single. Sein einziger Freund Bernd sitzt im Rollstuhl und ist Dauernörgler.

Während ich auch einige kritische Stimmen zu Strunks neuem Buch gehört habe, fand ich es eines seiner besten. Jürgens Optimismus ist nicht totzukriegen, was einige Szenen noch bitterer macht. Während Heinz Strunk als Jürgens Stimme im Hörbuch mit einem amüsierten Ton von seinen täglichen Erlebnissen erzählt, seinen Fantasien, wie er einer Frau im verlassenen Parkhaus hilft und sich daraus eine Romanze entwickelt, wie er seiner Mutter nachts Schnüre mit Rosinen und Nüsschen über das Bett spannt, damit sie etwas zu essen hat, wenn sie Hunger bekommt, das Nachdenken darüber, dass er ja vielleicht ein verborgenes Supertalent hat, und nur noch nicht entdeckt wurde. Dieser grenzenlose Optimismus, eine Nicht-Aufgeben-Haltung, die im krassen Kontrast zu der eindeutig sehr trostlosen Kulisse steht, in der sich Jürgens Leben abspielt.

Schließlich überredet Bernd Jürgen, mit einer Partnervermittlung nach Polen zu fahren, immer auf der Suche nach einer Frau und dem damit einherkommenden vermuteten Glück.

Jürgen wurde auch bereits als TV-Film verfilmt mit Strunk in der Titelrolle und kommt am 20.9.2017 um 20:15 Uhr im Ersten.

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Lieblingstweets im September (Teil 1)

Immer noch urlaubsbedingt magere Ausbeute, aber jetzt ist der Urlaub ja wieder vorbei. Blöd für mich, gut für Lieblingstweetleser.

Lieblingstweets im August (Teil 2)

Aus Urlaubs- und Urlaubsvorbereitungsgründen etwas kurz, aber nu.

Gelesen: Und es schmilzt von Lize Spit

Eva fährt zum ersten Mal seit Jahren zurück in ihr Dorf. Im Kofferraum liegt ein Eisklotz, der langsam vor sich hin schmilzt, auf dem Dorf erwartet sie eine Gedenkfeier für Jan, den Bruder eines ihrer besten Freunden, der vor vielen Jahren mit 17 durch einen Unfall starb und die Präsentation der neuen Melkmaschinen.

So fängt Und es schmilzt an, das Buch der jungen Lize Spit, die mit diesem Debüt in den Top Ten der niederländischen Literaturcharts landete. Gnadenlos arbeitet sie hier Evas Kindheit und Jugend in einem kleinen Dorf irgendwo in Flamen auf. Hier gibt es von allem nur eins, ein Lädchen, eine Metzgerei, eine Schule und in Evas Jahrgang nur drei Kinder, Eva, Pim und Laurens, die so zu einem eingeschworenen Team werden, die Musketiere, wie sie sich selber nennen.

Doch im Sommer 2002, als die Musketiere langsam und unbarmherzig erwachsen werden, und es auch einmal nicht mehr nur ums Fahrradfahren, Zelten und Herumstreunen geht, sondern auch um Sex, wird alles anders. Dabei hat Eva schon genug zu tun mit ihren suizidalen Eltern und der kleinen Schwester, die die Stimmung zu Hause nur aushält, indem sie zwanghafte Rituale entwickelt. Und dann denken sich Pim und Laurens ein Spiel aus, Eva wird unfreiwillig Komplizin und am Ende des Sommers eskaliert die Situation in einem unverzeihlichen Verrat.

Und es schmilzt hat seine Fehler, ist aber vor allem eins: Kompromisslos, packend und mit einem guten Blick für alle Details des schwierigen Schritts vom Kind zur Jugendlichen. Die Schwüle des Sommers 2002 und die Kälte des Winters, als Eva mit dem Eisblock zurückkehrt sind auf jeder Seite fassbar. Dabei bleiben einige Charaktere nicht fassbar, Evas Eltern sind zwar präsent, als Figuren bleiben sie aber unkonkret. Letztlich passt das zwar zu der untergeordneten Rolle, die sie für ihre Kinder spielen, ob das jedoch Absicht der Autorin war, bleibt dahingestellt. Die Grausamkeit der Kinder in diesem Dorf lässt einen gelegentlich stutzen. Ist das wirklich realistisch? Können Kinder so sein oder werde ich hier auf eine besonders perfide Art geködert? Waren wir damals so brav oder verklären wir die eigene Vergangenheit?

Auch das Rätsel des Eisblocks ist für aufmerksame Leser verhältnismäßig schnell zu lösen, eventuell habe ich aber auch schon zu viele laterale Rätsel gelöst und lösen lassen. Das macht jedoch für die Lektüre einen erfreulich kleinen Unterschied, denn auf den knapp 500 Seiten geht es eben doch vor allem um die Geschichte dieses einen Sommers, der hier seziert und unters Mikroskop geschoben wird. Und so kann man das Buch schlecht aus der Hand legen, wird reingesogen in Evas Erinnerungen und wenn man das Buch zuklappt, kann man mit einiger Erleichterung die eigene Bullerbü-Kindheit streicheln.

Das Buch erscheint am 24.8.2017. Ich konnte es als Rezensionsexemplar über Vorablesen.de schon jetzt lesen.

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Das Buch auf der Verlagsseite

Noch mal Bruder-Klaus-Siedlung (Pfarrfest 2017)

Hier mal etwas Organisatorisches in eigener Sache. Da der Artikel über die Bruder-Klaus-Siedlung zu den meistkommentierten meines Blogs gehört und sich hier anscheinend zahlreiche ehemalige und Noch-Bewohner der Siedlung wiedertreffen, habe ich nicht zuletzt auch angeregt von Mama etwas recherchiert:

Am 24.9.2017 findet laut meinen Recherchen das diesjährige Pfarrfest der Pfarrgemeinde St. Bruder Klaus statt. Wenn alles klappt, werden ich und meine Mutter nach vielen Jahren auch kommen und regen an, dass auch der ein oder andere, der sich hier im Blog über den Artikel und die Erinnerungen gefreut hat, vielleicht zu einem inoffiziellen Ehemaligentreffen einfindet.

Genaueres kann man dem Pfarrkalender entnehmen. Die Messe mit anschließender Prozession findet um 10 Uhr statt.

Gelesen: Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

China im Jahr 2098: Die Arbeiterin Tao arbeitet als Bestäuberin, denn seit die Bienen verschwunden sind, muss diese Arbeit von Menschen erledigt werden. Nahrungsmittel sind kostbar geworden, die großen Städte verfallen, überall auf der Welt. Dann hat ihr Sohn Wei-Wen einen Unfall und in Taos Leben ist nichts mehr wie vorher.

USA im Jahr 2007: Der Imker George ist stolzer Besitzer einer Bienenzucht. Überall stehen die selbstgezimmerten Bienenkästen, der Hof eine Familientradition, die vermutlich bei ihm enden wird, denn sein Sohn Tom möchte lieber schreiben. Doch damit mag sich George nicht abfinden und so gerät seine Welt zunehmends aus den Fugen. Und dann verschwinden die Bienen.

England im Jahr 1852: Williams Sauvage liegt im Bett und ist verzweifelt. Als Wissenschaftler hat er versagt, sein Mentor lacht über ihn, sein Lebensmut ist dahin. Dann findet er neue Hoffnung in der Konstruktion eines modernen Bienenstocks und macht sich an die Arbeit.

Drei Geschichten, die vor allem erst einmal eines gemeinsam haben: Die Bienen. Kleine Tiere, die so wichtig sind für unsere Welt und die für jeden Charakter in diesem Buch eine besondere Bedeutung haben.

Maja Lunde wechselt zwischen den drei Erzähl- und Zeitebenen relativ flott hin und her, dabei ist jede Geschichte für sich erzählenswert und spannend. Gemein ist Tao, George und William die Verzweiflung über die Welt im Allgemeinen und auch im Konkreten. Die harte Arbeit auf dem Feld und der Unfall des Kindes, die Abkehr des Sohnes von dem Lebenskonzept des Vaters und das Gefühl, im Leben nichts erreicht zu haben.

Erstaunlich ist dabei auch, mit welch überschaubarem Personal Lunde auskommt, drei kleine Welten, drei nuclear families und die Bienen, die auf die ein oder andere Weise ihr Schicksal begleiten und mitbestimmen, durch allgegenwärtige An- oder eben Abwesenheit. Als Leser ist man so sehr nah dran an den Figuren mit ihren Fehlern, Ängsten und Hoffnungen. Nebenbei lernt man noch etwas über Bienen, die Konstruktion von Bienenstöcken und das Imkerleben und kann das Buch als klügerer Mensch zuklappen.

Trotz allem ist Die Geschichte der Bienen kein pessimistisches oder trauriges Buch. Auch wenn nicht jede Figur am Ende ihr Glück finden kann, so bleibt doch am Ende die Hoffnung und die Einsicht, dass es vielleicht nicht immer jeder alles das bekommen kann, was er gerne möchte, aber die Welt als metaphorischer großer Bienenstock noch nicht verloren ist.

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Verlagsseite des Buches

Bericht über das Buch in der Zeit

Lieblingstweets im August (Teil 1)

KORIANDER! KABELBINDER ODER KUCHEN! DER DEKORATIV! HOCHZEITSSPOILER! VANILLEEIS MIT KEKSTEIG! EIDERDAUS!

Saint-André-de-Roquepertuis, 1998

1998 fahre ich zum letzten Mal mit meinen Eltern in Urlaub. Ich bin 17, nächstes Jahr mache ich Abitur, danach Studium. Es ist nicht fest geplant, dass wir danach nicht mehr zusammen fahren, aber es wird sich so ergeben.

Wir fahren mit Tante H. und Famile nach Saint-André-de-Roquepertuis, einem kleinen Ort westlich von Orange. Das Ferienhaus ist etwas abseits, aber man kann zu Fuß ins Dorf gehen. Ich habe meine Klarinette dabei und Onkel M. seine Gitarre. Außerdem ist Django dabei und unsere zwei Mischlingshündinnen (die sehen aber nur auf dem Bild so böse aus).

Als wir ankommen, fährt eine Gruppe junger Männer vor und bringen uns ein Brot gegen eine Spende. Sie laden uns zum Dorffest ein, was an diesem Abend stattfindet. Was sie nicht sagen ist, dass jeder sein eigenes Grillzeug mitnehmen muss und so stehen wir etwas unsicher rum und ich habe sofort schlechte Laune und möchte wieder gehen.

Ansonsten ist alles an diesem Urlaub toll. Der Ort ist toll, das Haus ist toll, die Badestellen sind toll.

Ich spiele mit Lukas hinterm Haus Federball, was etwas ungünstig ist, weil der Rasen an einem Hang ist, aber irgendwie klappt es halt doch. Lina entdeckt eine Ameisenstraße und stellt den Tieren Zuckerwasser in einer Schale hin.

Ich habe Aktiv-Lautsprecher für meinen tragbaren CD-Spieler dabei, denn meine CD-Sammlung erweitert sich quasi wöchentlich, aber niemand außer mir interessiert sich dafür.

An der einen Badestelle direkt am Ort kann man sehr lange im Fluss einfach schwimmen. In der Mitte des Flusses ist es sogar so flach, dass man stehen kann. Wir sitzen etwas oberhalb der Badestelle am Ufer und lassen die Beine ins Wasser hängen. Winzige Fischchen kommen an und nagen an unseren Füßen, aber das kitzelt nur und tut nicht weh.

An einer anderen Badestelle gibt es Kaskaden. Wir liegen auf weißen Felsen. In der Mitte des Flusses ist ein großer Felsbrocken, auf den man draufklettern und dann runterspringen kann. Es sind bestimmt fünf Meter, aber es fühlt sich gar nicht so viel an, viel weniger als im Schwimmbad, wo man bis zum Grund sehen kann. Wir klettern immer wieder auf den Felsen und springen runter. Max, Onkel M. und Lukas springen sogar von einem Felsen auf der anderen Seite, der noch höher ist, aber das traue ich mich dann doch nicht.

Wir machen Ausflüge nach Orange und andere Städte, aber daran kann ich mich kaum noch erinnern. In Orange parken wir an einem alten Amphittheater und laufen durch kleine Sträßchen. Ich habe meine Kamera dabei und mache Schwarz-Weiß-Bilder, einige werden richtig gut, dafür, dass ich nicht wirklich geübt bin im Fotografieren.

Es ist auch der erste Urlaub, in dem wir die eiserne „Es wird kein Fernsehen geguckt“-Regel brechen. Weil wir tagsüber oft sowieso träge sind und es so heiß ist, dass wir nur rumhängen, verziehen wir uns manchmal nach oben und gucken zu , wie die Radfahrer bei der Tour de France durchs Land fahren.

Eigentlich, entscheiden Tante H. und Mama, wollen sie dieses Mal keine Endreinigung machen. Soll der Vermieter halt die Kaution behalten, wir fahren einfach. Dann kommt der Vermieter aber einen Tag vor der Abfahrt vorbei, bringt uns noch eine Flasche Wein und die Kaution und dann müssen wir ob dieser Vertrauensvorschusses doch noch alles ordentlich machen.

Das ist der letzten Familienurlaub, bei dem ich dabei bin. Aber eben auch der beste.

(Das Haus kann man immer noch mieten, es hat jetzt einen Pool und ist offensichtlich auch mal gründlich neu ausgestattet worden. Ich kann es nur empfehlen.)

Schullektüre

Gestern dachte ich über Schullektüre nach, also über all die Bücher, die ich während meiner Schulzeit lesen musste oder durfte, je nach dem, wie man’s sieht. Anstoß war eine Diskussion über Marlen Haushofers Die Wand und das Wort „Schulpflichtlektüre“, dass ich sofort anzweifelte.

Ich hatte immer das Gefühl, dass es zwar einen Schullektürekanon gibt, die Lehrer aber einigermaßen freie Hand hatten, was die konkrete Auswahl des zu lesenden Buches anging. Es musste halt je nach Stufe und Lehrplan eine bestimmte Epoche oder eine bestimmte Gattung sein, aber darüber hinaus schien es keine zwingenden Vorgaben zu geben.

Wie ich jetzt weiß, ist das nicht komplett richtig. Mindestens mit der Einführung des Zentralabiturs gibt es zum Beispiel für NRW Pflichtlektüren für die Oberstufe, in den letzten Jahren war das immer der Faust und irgendwas von Kafka. Aber damals(TM) gab es ja kein Pflichtabitur. Allerdings habe ich als Schülerin auch nie ernsthaft hinterfragt, warum wir jetzt lesen, was wir lesen und ob es in irgendeinem Lehrplan steht oder der Lehrer oder die Lehrerin halt einfach dieses Buch bestimmt hat. Wenn es da noch weitere Informationen gibt, bin ich sehr dankbar.

Eine kleine Twitterumfrage ergab zumindest, dass selbst jemand, der an der gleichen Schule war wie ich, allerdings ein paar Jahre später und sogar teilweise die gleichen Lehrer hatte, vollkommen andere Bücher gelesen hat. Dementsprechend vermute ich immer noch, dass es sowas wie „Pflichtlektüre“ nur in sehr geringem Maße gibt und das meiste in der Hand des einzelnen Lehrers liegt. Davon auszugehen, dass ein Buch allgemein bekannt ist, nur weil man selber es in der Schule gelesen hat, kann also ein Irrweg sein. Ich bin zum Beispiel komplett um Goethe herumgekommen und wäre ich nicht in einer gescheiterten Theater-AG gewesen, hätte ich – zumindest in der Schule – nichts von Schiller gelesen.

Eine vollständige Liste kann ich nicht versprechen, da mir sicherlich Bücher entfallen sind, die ich im Laufe von 9 Jahren Gymnasium im Rahmen irgendeines Unterrichts gelesen habe, aber an die meisten kann ich mich immerhin noch erinnern.

Deutsch

In der Unterstufe gab es Pole PoppenspälerDer Schimmelreiter und Der kaukasiche Kreidekreis. An alle drei habe ich nur vage Erinnerungen, gerade ersteres empfand ich als eher anstrengend und wenig erbaulich. Brecht war da noch am ehesten zugänglich, wobei die gesamte Klasse in einer Arbeit über Brecht versagte, weil niemand seinen Sarkasmus verstand und wir alle komplett zu dem Schluss kamen, Brecht hätte Kirche geil gefunden. Tja.

In der Mittelstufe gab es dann Das Schiff EsperanzaDas Parfum und Draußen vor der Tür und Homo Faber. Das Parfum war eine willkommene Abwechslung, endlich mal was ordentliches, was richtig erwachsenes. Draußen vor der Tür haben wir kollektiv gehasst. In der Unterstufe ist man ja noch etwas zu klein zum aktiven Hassen von Literatur, in der neunten Klasse hingegen ist man genau im richtigen Alter. Auch Homo Faber mochte ich eigentlich ganz gerne, während meine Cousine sich sehr ausgiebig über dieses Buch beschwerte.

In der Oberstufe kann ich mich nur noch an Effi Briest und an Das Spiel ist aus erinnern. Effi Briest war das einzige Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe (und trotzdem eine Zwei in der Klassenarbeit), weil ich es unfassbar lang und ebenso langweilig fand. Das Spiel ist aus lasen wir im Literaturkurs. Der Plan war eigentlich, das Buch als Theaterstück aufzuführen. Das scheiterte an mehreren Dingen. Zum einen mussten alle Nebendarsteller drei bis fünf Rollen übernehmen, das Bühnenbild gab Rätsel auf, aber im Nachhinein erfuhr ich, dass es vor allem daran scheiterte, dass der Hauptdarsteller die Hauptdarstellerin nicht küssen wollte.

Das kann allerdings noch nicht alles sein, und vage in meinem Hinterkopf tummeln sich noch Jakob der Lügner und Die Verwandlung. Vermutlich haben wir die auch irgendwann gelesen.

Englisch

Bei Englisch erinnere ich mich nur an sehr weniger Bücher, ich kann mir aber kaum vorstellen, dass das alles gewesen sein soll. Allerdings fängt man da ja auch später mit dem Lesen ganzer Bücher an, insofern mag es stimmen.

Im Gedächtnis geblieben sind An Inspector CallsEducating RitaDeath of a Salesman und Animal Farm. Wobei ich die letzten beiden tatsächlich sehr mochte und an die anderen beiden zumindest keine negativen Erinnerungen habe.

Französisch

Französisch hatte ich später als Leistungskurs, was auch die erstaunlich lange Liste der Schullektüren erklärt. All meine bittere Ablehnung gegenüber dem Zentralabitur entstammt auch vor allem diesem Kurs, weil ich hier am deutlichsten erlebt habe, wie es ist, wenn sich ein Lehrer auf die Schüler einstellt und eben nicht einfach das Standardprogramm durchzieht.

In Französisch also (meines Wissens alles in der Oberstufe): Lucien Lacombe, La guerre de troie n’aura pas lieu, Les petits enfants du siécle, Rhinocéros und Les Précieuses ridicules. An keines der Bücher habe ich eine schlechte Erinnerung, ich fand sie alle auf ihre Art gut. Besonders hängengeblieben ist aber Les petits enfants du siécle, das war ja fast schon feministische Literatur und – OBACHT! – von einer Frau geschrieben!

 

Womit wir beim letzten Punkt angekommen wären: Die Frauenquote. Wenn ich alle Bücher zusammenzähle, die ich in diesen drei Fächern gelesen habe (und an die ich mich erinnern kann), komme ich auf 19 Autoren und 1 Autorin. Das ist nicht nur eine schlechte Quote, das ist auch scheiße, wenn es um die Vermittlung von Diversität in der Kultur geht. In der Schule lernt man – oder zumindest: lernte ich – implizit: Relevante Literatur wird von Männern geschrieben. Dass es danach auch bei grundsätzlich Literaturaffinen jungen Menschen etwas dauern kann, bis sie entdecken, dass es auch viele Frauen im Literaturbetrieb gibt, die auch großartige Bücher schreiben, ist wenig verwunderlich. Heute sieht meine Quote Gott sei Dank besser aus, aber leider muss man sagen, dass ich mir das Wissen um gute Autorinnen selbst aneignen musste. Hier hat die Schule auf ganzer Linie versagt.

Ansonsten scheint mir die Auswahl eigentlich ganz gut durchmischt. Nicht alles fand ich damals gut. Ich vermute auch, dass ich Draußen vor der Tür heute sogar mögen würde, vielleicht lese ich das einfach irgendwann noch mal. Dass mir Goethe, Schiller, Shakespeare und Konsorten vorenthalten wurden, habe ich gut überlebt. Ich habe heute auch nur eine sehr grobe Vorstellung davon, was im Faust passiert, aber na ja. Vielleicht lese ich mir gleich die Inhaltszusammenfassung in der Wikipedia durch. Das muss reichen.