Ich bin gestern zum ersten Mal vor Ende aus einem Konzert gegangen. Und zwar nicht irgendeinem Konzert, sondern dem Soloprogramm von Amanda Palmer. Amanda Fucking Palmer. Ich kann das aber erklären und es hat nichts mit Amanda zu tun, meine Liebe zu ihr ist weiterhin ungebrochen.
Am Konzert selber war auch nix zu meckern, dass es ein Soloprogramm sein würde, war klar, es wurde vorher genau so angekündigt, es stand sogar auf der Karte. Und so begann das Konzert auch mit einem typischen magsichen Amanda-Moment. Anstatt auf der Bühne erschien sie mitten im Raum auf der Theke der Bar, Amanda in ihrem Mantel und ihrer Ukulele. Komplett ohne Mikrofon spielte sie „Ich bau dir ein Schloss“ von Heintje und danach, weil sie jetzt schon mal oben stand, ihr Cover von Radioheads „Creep“, bei dem das Publikum begeistert mitsang. Wunderschön, man steht mitten in der Menge, rundherum wird enthusiastisch und gleichzeitig fast verletzlich gesungen und auf der Theke eine tolle Frau mit Ukulele. An dieser Stelle war mir auch klar, egal, was jetzt noch kommen würde, ich habe hier gerade schon alles bekommen, für das ich gekommen bin.

Dann ging es an den Flügel, Amanda startete mit „The Killing Type“, danach folgte das wunderbare Brecht-Weillige „Missed Me“ und zugegebenermaßen habe ich die genaue Reihenfolge danach vergessen. Amanda sitzt am Flügel, spielt, trinkt zwischendurch Wein und isst einen Apfel und erzählt, erzählt viel. Davon, wie sich ihr Leben durch ihren Sohn geändert hat, davon, wie sie dank Patreon genau die Kunst machen kann, die sie möchte und nicht die, die ihr irgendeine Marketing-Abteilung eines Musiklabels vorschreiben will. Dass sie zehn Minuten lange Lieder machen kann, wie das wunderschöne „A Mother’s Confession“, in dem sie über ihre erste Zeit als Mutter singt, eine Zeit, in der das Leben scheinbar auseinanderfällt, aber alles sowieso nur von dem einen entscheidenden Gedanken übertönt wird: At least the baby didn’t die. Auch hier darf das Publikum mitsingen, noch so ein magischer Moment, mal abgesehen davon, dass ich auch genau an der davor vorgesehenen Stelle geweint habe. Sie erzählt davon, wie sich Lieder mit der Zeit ändern, wie das noch viel traurigere „The Bed Song“, das mich bei jedem Hören emotional fertigmacht.
Zusammen mit ihrer Freundin und Tourmanagerin (unter anderem) Whitney singt sie „Delilah“ und das Beatles-Cover „Paperback Writer“ und mir fällt wieder auf, dass ich noch so viele Lieder von Amanda Palmer (oder den Dresden Dolls) nicht kenne und auf jedem Konzert erneut entzückt bin, wenn ich etwas neues höre.
Es ist also eigentlich alles wunderbar, ich empfehle hier weiterhin dringend, auf Konzerte von Amanda Palmer zu gehen, wann immer und wo immer sich einem die Gelegenheit bietet. Trotzdem sind wir früher gegangen, und das hatte zweieinhalb Gründe: Erstens waren mein Mann und ich etwas angeschlagen, nach zwei Stunden Rumstehen hatten wir Rückenschmerzen, wir waren müde und kaputt. Außerdem war die Kantine als Location denkbar ungünstig geeignet. Für einen Solokonzertabend mit vielen persönlichen Geschichten braucht man eine etwas intimere Atmosphäre, dann kann es wunderbar funktionieren. Wir hatten uns nach etwa einer Stunde von verhältnismäßig weit vorne nach ziemlich weit hinten zurückgezogen, weil es da noch Luft gab. Die Sicht war auch von da nicht schlechter, es standen zwar mehr Leute vor einem, aber eben nicht direkt vor der eigenen Nase. Dafür war Amanda weiter weg und die Geräuschkulisse von den beiden Getränketheken war nicht zu überhören.
Nur, um das klarzustellen, ich war angenehm überrascht von der Kantine. Draußen ein netter Bereich, mit einer Imbissbude, wo wir noch zur Stärkung Currywurst und Pommes bekamen. Kostenloser Parkplatz mit Wächtern, die einen direkt zum nächsten freien Platz wiesen. Das Sicherheitspersonal rheinisch-freundlich (im Gegensatz zum Gloria, wo sich meine Mutter schon mal fast mit einem Taschenchecker angelegt hat), und auch der Konzertraum selber war gut, nur halt nicht für diese Art Konzert geeignet. Da wäre das Gloria die bessere Wahl gewesen. Mit Band hingegen hätte es auch in der Kantine vermutlich für mich sehr gut funktioniert.
Der letzte halbe Grund war, dass vollkommen unklar war, wie lange es noch gehen würde. Ich bin eigentlich überzeugte Bis-zum-Ende-Bleiberin, ich habe erstens dafür bezahlt, zweitens will ich wissen, was noch alles kommt und drittens finde ich es unhöflich gegenüber dem Künstler. Hätte ich ungefähr einschätzen können, dass jetzt noch zwei oder drei Songs kommen und dann ist gut, hätten wir eventuell durchgehalten. Statt dessen erkundigte sich Amanda zwischendurch kurz nach der Sperrstunde und auch sonst war klar, dass sie selber nicht so genau wusste, wie lange sie spielen würde. Eigentlich der Traum jedes Konzertbesuchers, an diesem Abend hat es mir interessanterweise die Entscheidung erleichtert, früher zu gehen, denn bis Mitternacht, das war uns klar, würden wir auf keinen Fall durchhalten und wenn man sowieso nicht bis zum Schluss bleiben kann, ist es eigentlich auch schon egal.
Zu unserer Verteidigung: Wir sind gegen 22:30 Uhr aufgebrochen, da spielte Amanda schon seit zwei Stunden. Und so leid es mir tat, vorzeitig aufzubrechen, es war an diesem Abend mit diesen Rahmenbedingungen die richtige Entscheidung.
Ein paar gemischte Anmerkungen zum Schluss:
1. Geht zu Amanda Palmer! Es ist immer gut. Und wenn ihr nicht bis zum Ende bleibt, ist es auch gut, aber wenigstens wart ihr da.
2. Immerhin habe ich Baby Ash gesehen, der vor dem Konzert vor meiner Nase im Kinderwagen rumgefahren wurde. Und ja, er ist ungefähr genauso niedlich wie auf den Bildern.
3. Es gibt kaum jemanden, der es so versteht, das Publikum einzubinden, der so viel Liebe zurückgibt, der so fassbar als ganzer Mensch auf der Bühne steht wie Amanda Palmer. Erwähnte ich, dass man zu Amanda Palmer gehen sollte, wann immer sich die Gelegenheit bietet?

4. Der Abend hatte sich eigentlich sogar schon gelohnt, als ich auf dem Gelände der Kantine ankam. Ich leide ja unter akuter Nostalgie und in dem Nebengebäude habe ich etliche Stunden verbracht, als dort noch die Emmaus Gemeinschaft saß und ich mit meiner Mutter regelmäßig dort hinfuhr. Man konnte mich einfach in dem Raum mit den gebrauchten Büchern absetzen. Dort haben wir auch mal einen Maulwurf gefunden.
5. Auf dem Weg zur Kantine habe ich endlich ein Pikachu gefangen. Eigentlich hatte sich der Abend sogar da schon gelohnt.
6. Hört mehr Amanda Palmer.
7. Wer wissen will, wie es vor drei Jahren bei Amanda Palmer war, der kann das hier nachlesen.
8. Das Nuf war in Berlin auf dem Konzert und war ebenfalls begeistert (und ist sogar bis zum Schluss geblieben, glaube ich).
9. Mein Mann hat ungefragt die angebotene CD gekauft und Amanda Palmer als einen modernen Tom Waits bezeichnet. Er fand’s wohl auch gut.