Wie ja bereits bekannt sein dürfte, habe ich (fast) immer schon viel gelesen. Bücher eben. Das ging eine Weile auch ganz gut in der Bücherei, als ich mit dem Studium anfing hatte ich dann aber tatsächlich keinen Büchereiausweis mehr. Nicht mehr für Bonn und lange Zeit auch nicht für Leverkusen, bis der Mann sich dann doch mal wieder anmeldete, aber auch da wurde die Ausleihoption eher halbherzig und selten genutzt.
Also blieb es beim Bücherkauf. Und damit kamen immer mehr Bücher ins Haus, mehr als das Bücherregal im Wohnzimmer hergab, so dass die Bücher da irgendwann in zwei Reihen standen (allerdings mussten sie sich ihr Zuhause auch mit DVDs und Brettspielen teilen). Was dann bleibt ist, regelmäßig Bücher auszusortieren, mit auf die Arbeit zu nehmen („Hier, nehmt euch, was euch interessiert, ist mir auch egal, was ihr damit macht, aber ich brauche Platz im Regal!“), oder zum Oxfam-Shop zu bringen.
Nach zwei Umzügen mit vielen Bücherkartons, von denen die meisten jetzt aus Platzgründen in einem Lager verweilen, war mir klar: Ich brauche so einen e-Reader. Ich musste den Mann auch gar nicht davon überzeugen, denn wir hatten ja gerade letztens erst vierzig Kisten Bücher in einen Lagerraum geschleppt (und ein bisschen schleppen lassen).
Die Vorteile von digitalen Büchern lagen auf der Hand: Sie wiegen nichts, sie stehen danach nicht im Regal rum, man muss sie beim nächsten Umzug nicht in Kisten packen und rumschleppen und man hat sie trotzdem jederzeit dabei. Toll.
Selbstverständlich gibt es auch Nachteile. Meine physische Bibliothek im Bücherregal steht jetzt nicht mehr zwingend für das, was ich so alles gelesen habe. Ich kann Bücher nicht mehr einfach so verleihen oder auch nur zeigen. Und ich habe mich von der Technik ein bisschen mehr abhängig gemacht.
Was mich aber immer wieder aufregt, sind die scheinheiligen und uninformierten Argumente der Leute, die sich im Leben nicht vorstellen können, einen e-Reader zu besitzen oder – schlimmer noch – zu benutzen.
Es fängt meistens mit dem Bildschirmargument an. „Am Bildschirm kann ich nicht so gut lesen, davon kriegt man Kopfschmerzen.“ „Ich sitze schon den ganzen Tag bei der Arbeit vorm Bildschirm, da muss ich das nicht noch beim Lesen haben.“
Bei solchen Sätzen wird sehr schnell offenbar, wer sich noch nicht mal die Mühe gemacht hat, im Buchladen überhaupt mal einen e-Reader anzugucken. Hier noch mal zur allgemeinen Aufklärung: Die allerallermeisten e-Reader haben ein sogenanntes e-Ink-Display, also quasi elektronische Tinte. Die Technik dahinter ist eine ganz andere und hat irgendwas mit magnetischem Zeug zu tun, was dabei rauskommt ist aber eine Oberfläche, die nicht leuchtet, sondern auf der man wunderbar kopfschmerzfrei lesen kann und die eigentlich fast aussieht wie die Seite eines Buches. (Gefühlt kann ich auf einem e-Reader schneller und länger lesen als in einem Buch. Beweisen kann ich das nicht.)
Dann kommen meine anderen Lieblingsargumente, die in etwas so gehen, dass zu der Leseerfahrung doch das ganze Drumherum auch mit dazugehört. Der Einband, die Seiten, das Wandern des Gewichts von rechts nach links, die Haptik, der Geruch,…
Zugegeben: Ich dachte das auch. Ich hatte Bedenken, dass mir etwas fehlen würde bei so einem e-Book, eben genau diese Dinge und noch mehr. Der Bücherstapel auf dem Nachttisch. Die Freude, wenn ein neues Paket mit Büchern eintrifft.
Tatsächlich ist nichts davon eingetroffen und obwohl ich der Bücherliebhaberei durchaus noch etwas abgewinnen kann, möchte ich anmerken: Bei einem Buch geht es mir eben nicht um den Einband, die Haptik, das Gewicht oder den Geruch. Es geht mir um die Geschichte, die darin erzählt wird. Und an der Geschichte ändert sich nichts, ob ich jetzt auf physischen Seiten oder auf einem e-Reader lese, sie bleibt die gleiche.
Ich entlarve mich hiermit dann am besten auch gleich als ein Mensch, den der Geruch von Büchern immer eher kalt gelassen hat. Für mich riechen neue Bücher üblicherweise nach fabrikneu, alte Bücher riechen nach Moderkeller und alles dazwischen riecht irgendwie undefiniert.
Vielleicht bin ich olfaktorisch behindert, aber viel wichtiger ist noch: Ich möchte auch gar nicht an Büchern riechen. Warum sollte ich das wollen? Ich möchte die Geschichte lesen, die darin steht und ich möchte das gerne auf die für mich komfortabelste und einfachste Art und Weise tun, die es gibt.
Ich vermute hinter den Argumenten, dass es ohne Haptik und Geruch nicht ginge, ein bisschen Gewohnheit und ein bisschen der Glaube daran, sich damit als romantischer Buchliebhaber von den technologisch-sterilen e-Book-Lesern abgrenzen zu können. Für mich war der Wechsel zum e-Book der beste Weg, um die Geschichtenliebhaberei noch in den Griff zu kriegen. Mal abgesehen davon, dass so ein e-Reader ungleich leichter ist als irgendein Hardcoverschmöker, bei dem mir nach einer halben Stunde die Arme wehtun.
Eventuell enttarnt sich so mancher Freund des physischen Buches auch implizit als Wenigleser (dann brauch man nicht so viel Platz), Mainstreamleser (dann klappt’s auch mit der Bücherei) oder einfach als jemand mit irre viel Wohnraum. Wer aber das „wirklich wahre“ Lesen auf die physischen Gegebenheiten des Buches reduziert, der vergisst, dass es darum eben gar nicht geht, sondern dass das Buch, so wie wir es kennen, ja auch nur die mit der zur Verfügung stehenden Technik beste Art und Weise war, Geschichten in eine transportierbare Form zu pressen.
Letztlich ist alles ein Frage der persönlichen Umstände und Vorlieben. Was mich nervt ist lediglich die Vorstellung, alleine mit einem physischen Buch könnte sich das vollkommene Leseerlebnis überhaupt einstellen. Für mich tut es das nicht, fast im Gegenteil. Ich kann mich besser in der Geschichte verlieren, wenn mir nicht die Arme vom Halten lahm werden und ich beim unvorsichtigen Hinlegen des Buches wieder mal die Seiten verschlage.
Was bleibt ist die Freude an schönen Büchern und hier sehe ich im Übrigen eine prima Martknische für clevere Buchgeschäftsleute. Mein Aufruf lautet: Macht schöne Bücher! Solche mit schönen Einbänden, mit hübschen Zeichnungen, mit bunten Bildern, mit raffinierten Besonderheiten, mit Lesebändchen und was euch noch so einfällt! Macht limitierte Sonderauflagen!
Bücher wie „House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski oder „Tree of Codes“ von Jonathan Safran Foer, die funktionieren nämlich als e-Book nicht. Bücher wie die von Max Goldt von der Druckerey, limitiert und nummeriert, der Bleisatz wird nachher wieder eingeschmolzen, wie großartig klingt das denn? Bücher wie die Sonderausgabe von Neil Gaiman’s „Stardust“, mit wunderhübschem Einband und tollen Illustrationen.
Macht solche Bücher! Die kauf ich auch, e-Reader hin oder her. Und vielleicht, ganz vielleicht, ist das auch ein schöner Weg, der Regalbibliothek eine neue Bedeutung zu geben. Dann stehen da nämlich nicht mehr all die Bücher drin, die ich irgendwann mal einmal gelesen habe und so einigermaßen gut fand. Es stehen dann die Bücher drin, die mir am Herzen liegen, besonders schöne Bücher, Bücher mit Widmung oder Sonderausgaben, die ich unbedingt haben musste, obwohl ich das Buch doch längst als e-Book gelesen habe. Bücher, die man wirklich gerne öfter rausholt, anfasst und anguckt, weil sie nämlich so schön sind, und nicht weil man denkt, als Bücherfreund müsste man gerne Bücher anfassen.
Und das ist doch eigentlich ein ganze schöner Gedanke.
Bei den Links zu Amazon handelt es sich um Affiliate-Links, das heißt, wenn ihr über den Link etwas bei Amazon kauft, kriege ich ein bisschen was ab und bin dann in geschätzt 500 Jahren steinreich und muss nicht mehr arbeiten.

