Frauen zählen

Ich wollte diesen Artikel schon länger schreiben, schon weil ich den Titel so hübsch und ein bisschen kryptisch fand. “Frauen zählen, was soll das denn heißen?” und so. Jetzt sind mehrere Dinge auf einmal zusammengekommen. Erstens, die Geschichte mit dem doofen T-Shirt vom Otto-Versand (hier ein schöner Artikel darüber bei Berlinmittemom), über die ich gestern schon ausführlich auf Facebook diskutierte. Zweitens, ein etwas haarsträubender Artikel im Hamburger Abendblatt über Bremer Traditionsgesellschaften, bei denen Frauen eher nicht so geduldet sind, den ich dank Isa gefunden habe (und den ich jetzt einfach mal nicht verlinken werde, aus Prinzip, weil die Zeitung zu einem Verlag gehört, der das LSR unterstützt). Und drittens, wobei das am wenigesten interessant ist, aber es passt halt so schön, ist heute Weltfrauentag.

Wenn man über so Dinge wie Kinder-T-Shirts diskutiert, dann wird einem oft sehr schnell vorgeworfen, man hätte ja keinen Humor, und man müsste die Dinge nicht so eng sehen und überhaupt komme es doch auf die einzelne Person an und es gäbe nun wirklich, wirklich wichtigere Dinge, über die man sich aufregen könnte.

Stimmt. Und stimmt eben nicht.

Das Problem, was wir mittlerweile haben, ist eben nicht, dass nicht prinzipiell klar wäre, dass sowas wie Gleichberechtigung eine gute Idee wäre und das Frauen jetzt nicht grundlegend schlechter sind als Männer. Diese Erkenntnis ist gesellschaftlich mittlerweile ganz gut angekommen und das ist sehr schön.

Die Ungleichbehandlung von Mann und Frau ist heute deutlich subtiler und man muss da schon eher im Detail gucken und sich im Zweifelsfall dann eben über kleine Dinge aufregen, die eigentlich gar nicht schlimm sind, wenn sie nicht Teil eines viel größeren Problems wären.

Deswegen zähle ich Frauen.

Ich zähle Frauen, wenn ich in irgendwelchen Meetings bin, wenn ich auf Konferenzen bin, wenn ich die Liste der Speaker für irgendeine Konferenz vorliegen habe (und die nicht zwingend technisch sein muss), wenn ich eine Fachzeitschrift durchblättere, wenn ich Fernsehen gucke oder einfach nur die Fernsehzeitung durchblättere, und in vielen anderen Situationen. Und meistens ist die Zahl, die dabei rauskommt sehr traurig.

Natürlich ist das auch nicht immer ganz fair, aber darum geht es auch gar nicht. Wenn ich die aktuelle dotnetpro durchblättere, zähle ich Bildchen. Bildchen von den Autoren der Texte, Bildchen von den Hauptreferenten auf beworbenen Konferenzen, Bildchen in Werbung und Stellenanzeigen. Im Zweifelsfall sogar Bildchen auf Büchern, die rezensiert werden (aber da sind meistens keine Menschen drauf). Wenn ich in der gesamten Zeitschrift (die zugegebenermaßen für ein männerdominiertes Publikum geschrieben wurde) auf eine einzige Frau komme, ist das ein guter Wert. Meistens sind es null. Weibliche Autoren gibt es keine, auf Konferenzen wird selten mit einer Frau als Speaker gelockt. Die besten Chance habe ich bei Stellenanzeigen und bei der Produktwerbung. Aber man nimmt ja, was man kriegt.

Aber das ist ein Sonderfall, es gibt noch so viele viel bessere und erschreckende Beispiele. Neujahr war Konzerttag bei zdf.kultur. Den ganzen Tag Mitschnitte von Livekonzerten, rund um die Uhr, von ganz früh bis mitten in der Nacht. Von 25 Konzerten oder so war eines von einer Frau, nämlich Cyndi Lauper. Um vier Uhr nachts. Der Rest: Männer und Männergruppen. Die Kritik konnten die Twitterverantwortlichen von zdf.kultur wohl nicht so ganz nachvollziehen, bezogen sich auf Anfrage auf einen anderen Tag, an dem rund um die Uhr Mitschnitte eines Festivals gesendet wurden, und immerhin ein paar mehr Frauen im Programm waren (was wohl weniger den zdf.kultur-Programmdirektoren als den Festivalorganisatoren zu verdanken ist). Auf den erneuten Hinweis, ich hätte aber von einem anderen Tag geredet, kam keine Reaktion.

Ich sitze dann da und frage mich, wie das sein kann, dass da vermutlich in irgendeiner Art Team ein Programm zusammengestellt wird, und keiner merkt, dass die einzige Frau mitten in der Nacht gesendet wird. Das hat auch nichts mit Postgender zu tun, das ist schlichtweg marginalisierend und dumm. Und es sagt eben auch etwas aus: Wichtige Musiker sind Männer. Gut, es gibt auch ein paar Frauen, aber die sind nicht so wichtig. Ob die Aussage unabsichtlich oder absichtlich getroffen wird, ist dabei dann schon egal und ich bin auch nicht sicher, was von beidem schlimmer ist.

Der Bechdel-Test ist auch ein schönes Beispiel. Man untersuche dazu jeden Film auf drei Fragen: Kommen zwei oder mehr Frauen darin vor? Reden sie miteinander? Und reden sie über etwas anderes als einen Mann?

Es ist erschreckend, wie viele Filme diesen sehr simplen Test mit seinem doch eher geringen Anspruch nicht bestehen. Um es noch mal zu betonen: Es geht hier nicht um die Qualität eines Filmes. Ein Film, der den Test besteht, kann trotzdem schlecht, frauenfeindlich oder anderweitig doof sein. Genauso gibt es viele Filme, die den Test nicht bestehen, und die toll sind und ein positives Frauenbild vermitteln.

Es geht um das Gesamtbild, das nämlich zeigt: Frauen spielen in Filmen eine marginale Rolle. Vielleicht noch nicht mal, was Hauptrollen angeht, da habe ich schon eher das Gefühl, dass die Besetzung da ausgeglichener ist, aber auch hier liegt das Problem im Detail. Anke Gröner testet die Filme, die sie sieht schon seit längerem mit dem Bechdel-Test und hat in ihrem Rezensionen zwei Dinge geschrieben, die ich besonders wichtig finde. Erstens stellt sie oft die Frage, warum in einem bestimmten Film nicht diese oder jene Rolle mit einer Frau besetzt wurde, da das Geschlecht der Rolle exakt keine Relevanz für die Story hatte. Zweitens, und aus meiner Sicht eine viel wichtigere Frage: Warum kann man Männern anscheinend keine Filme zumuten, in denen Frauen eine Hauptrolle spielen, weil sie sich irgendwie dann nicht damit identifizieren können, andersherum ist es aber selbstverständlich, dass Frauen sich mit Männern identifizieren können.

Anders gesagt: Ein Film mit vielen Frauen ist ein Frauenfilm. Ein Film mit vielen Männern ist ein… wait for it… FILM! (Dieses Problem kann man übrigens eins zu eins auf die Musikbranche übertragen, aber vielleicht irre ich mich auch und es gibt tatsächlich Interviews in dem eine Männerband gefragt wurde, wie das eigentlich so ist, so nur mit Männern, so als Männerband.)

Wir leben nach wie vor in einer Welt, in der uns an jeder Ecke vermittelt ist, dass Mannsein der Normalzustand ist und Frausein das andere. Es ist ein bisschen subtiler geworden und man muss ein bisschen genauer und bewusster gucken (und zählen), aber dann ist es doch sehr einfach zu erkennen.

Es geht, um es noch mal zu sagen, nicht um die Qualität des einzelnen, es geht auch nicht darum, dass es auch Bereiche oder Situationen gibt, in denen Frauen in der Mehrzahl sind, das ist sicherlich so. Es geht darum, dass Frauen vollkommen bekloppterweise immer noch Ausnahmen von der Regel sind. Und das merkt man am einfachsten, in dem man anfängt zu zählen, nicht immer, aber immer öfter. Und leider immer noch meistens mit demselben frustrierenden Ergebnis. Ich möchte eigentlich nicht in einer Welt leben, in der die Hälfte der Menschen froh sein kann, wenn sie… sagen wir mal… dreißig Prozent der medial vermittelten Welt ausmacht.

Ich empfehle dazu gerne dieses Video von Joss Whedon, der bekanntermaßen gerne seine Hauptrollen mit Frauen besetzt. Den entscheidenden Punkt nehme ich schon mal vorweg, es lohnt sich trotzdem, sich seine Rede anzugucken, in der er das Problem, das wir immer noch haben, so schön zusammenfasst: “So why do I write these strong female characters? Because [the jounalists] are still asking that question.

47 Antworten auf „Frauen zählen“

  1. Buchbranche. Buchbranche auch. Ein Buch mit Frauen drin ist ein Frauenroman. Bücher bestehen den Bechdeltest auch nicht immer.
    Und ja, Frauen zähle ich auch und ich dachte immer, ich habe einen Hau.
    Aber: Letzthin am Infotag für die Viertklässler am Gymnasium standen übrigens 4 Jungs auf der Bühne und 35 Mädchen bei einer Präsentation der Unterstufe auf der Bühne. Angeschaut haben sich die Schule geschätzt 80% Mädchen. Da war ich dann aber auch platt.

  2. Was einen auch aufregen kann: Musikerinnen in Band sind oft gar nicht „Frauen“ sondern „Mädel“, auch wenn sie über 30 sind. So wird schon durch die Sprache / das Label klar, dass sie nicht recht ernst zu nehmen sind. Siehe auch: die „Punk-Mädels von Pussy Riot.“

  3. Danke für die Verlinkung, liebe Anne, das freut mich sehr. Und du hast ja so recht mit deinem schönen Text!
    Dieses ständige Gerede von wegen es gäbe doch wichtigere Probleme und Themen als Alltagssexismus, geht mir wahnsinnig auf die Ketten. Wie sagte neulich eine Freundin? „Ich habe keine Lust, darauf zu warten, dass es in der Welt keinen Rassismus, keine Kriege und keine Kinderarmut mehr gibt, bevor ich mich über Sexismus beschweren darf.“ Recht hat sie. Und auch in diesem Sinn: danke für diesen Blogbeitrag.

  4. Ich zeichne Künstlerinnen. Aus ähnlicher Motivation. Weil ich Role-Models so wichtig finde und in der Kunstgeschichte die Männer überwiegen, fing ich an, von den Frauen, die erwähnt werden, kleine Starpostkarten zu zeichnen. Unter dem Titel „My Ancestors“ sammele ich meine „Verwandtschaft“ und freue mich, dass sie kontinuierlich wächst!

  5. Ha, das mach ich auch, schon seit ein paar Jahren. Meistens, wenn ich Veranstaltungen besuche, bei Podien, da ist es ja am Offensichtlichsten. Und im Literaturbetrieb. Wie ist das Verhältnis bei Lesungen, in Anthologien, in Zeitschriften. Meistens 3:1. Ein Buchmessenpodium hatte sechs von sechs Männern (no surprise, die hatten Chefs eingeladen: von der Buchmessengesellschaft, vom Literaturhaus, vom Kulturdezernat, … + einen random Schriftsteller, die konnten sagen, dass sie ja nix dafür können, dass alle Chefs Männer sind), da kommentierte eine Frau ihm Publikum das. Das Publikum stöhnte. Ich stöhne über solche Podien. Bin genervt, finde sie langweilig. Einmal sagte ich das bei einem reinen Männerpodium (das über diversity im Theater redete!), da kam einer von denen nach der Veranstaltung zu mir, hielt mir eine Standpauke und giftete mich an, dass ich an seiner Vernichtung arbeite.
    Ich bin ein bisschen müde vom Frauen zählen, weil die Ergebnisse so meh sind, ich will was tun! Frage mich, ob es Tricks gibt, darauf aufmerksam zu machen, ohne dass Publikum/Podium abkotzen, but I guess that’s part of the feminist game.

    Schöne Initiativen:
    http://www.seejane.org/
    http://www.missrepresentation.org/

  6. Zum Bechdel-Test gibt es zwei sinnvolle Ergänzungen:

    1. Die zwei Frauen müssen Namen haben
    2. Die Unterhaltungen (der beiden über etwas anderes als Männer) müssen mind. 60 Sekunden dauern.

    Auf diese Weise wird ausgeschlossen, dass Filme den Test bestehen aufgrund von Dialogen wie z.B.

    in einer Bar:
    Anna: Wo sind die Toiletten?
    Kellnerin: Im Untergeschoss.
    ———-
    Hauptfigur geht an Bushaltestelle vorbei. Dort stehen 2 Frauen.
    Frau 1: Allmählich könnte der Bus mal kommen!
    Frau 2: Ja.
    ———–
    auf dem Spielpatz
    Mutter 1: ich lasse meine Tochter nicht mehr alleine raus
    Mutter 2: ich auch nicht

    im Krankenhaus
    Dr. Rose: Marie, es tut mir leid
    Marie (sieht sie an)

  7. Einfach nur zählen und daraus Diskriminierung schlussfolgern ist aber etwas simpel.

    Die Probleme bei den Grünen, die Frauenquote zu erfüllen, zeigt, dass auch die Anzahl der Frauen, die bereit sind, solche Aufgaben zu übernehmen, geringer ist.

    1. Ja, genau, es ist simpel. Aber wenn wir schon bei der simplen Quantität nicht auf annähernd akzeptable Werte kommen (und ich rede hier weiß Gott nicht von 50 Prozent), dann weiß ich, dass da etwas grundlegend falsch läuft.

      Es geht hier auch nicht um Bereiche, die (bislang) ohnehin männerdominiert sind, es geht um Musik, Fernsehen, Talkshows, und… wie ich vorhin festgestellt habe, um Legofiguren.

      Wenn von über 25 Konzertmitschnitten ein einziger mit einer Frau/Frauenband ist, dann brauch ich nicht lange überlegen, dann läuft da was falsch. Ob man das Diskriminierung nennen muss, darüber kann man streiten. Marginalisierung fällt mir da als Wort eher ein.

  8. Witzig. Ich habe Frauen schon gezählt, als ich noch in der fünften oder sechsten Klasse war. Schlimmer noch: Die Jungs in der Klasse haben AUCH Frauen gezählt. Und kamen dabei auf ein (für sie) sehr befriedigendes Ergebnis (das sie auch gegen die Mädchen einsetzten). Folge: Die Mädchen verloren Selbstbewusstsein, die Jungen gewannen Selbstbewusstsein. (Natürlich war nicht jeder Junge so drauf; im Gegenteil, ich hatte auch damals schon sehr nette Jungs im Freundeskreis. Aber es gab eben ein paar, die laut genug waren, um sich mit solchen Themen Gehör zu verschaffen.)

    Ich finde es nicht gut, dass man sich in dem Alter schon so marginalisiert fühlt, wie ich es damals getan habe.

  9. Hi Anne,
    der Bechdel-Test wird unterschiedlich ausgeführt, ich finde die aktualisierte Variante, die u.a. von http://www.feministfrequency.com/ vorgeschlagen wird, am sinnvollsten. Danach wird getestet:

    1. Gibt es mindestens zwei Frauenfiguren mit einem Namen?
    2. Unterhalten sich die beiden ohne Dritte dabei?
    3. Sprechen sie mind. 60 sek. über etwas anderes als Männer?

    Ohne die Ergänzungen würden z.B. Filme den Test bestehen, in denen

    * die Hauptfigur eine namenlose Kellnerin nach der Toilette fragt und diese mit einem Wort antwortet,
    * zwei namenlose Mütter auf einem Spielplatz zwei Sätze über ihre Töchter austauschen,
    * die weibliche Nebenrolle (mit Namen) die weibliche Hauptrolle (mit Namen) im Krankenhaus besucht, sagt „es tut mir leid“ und die im Bett reagiert kurz.

    Der Test sagt natürlich nichts über die Qualität des Films aus, schon gar nicht in feministischer Hinsicht, nur über die Anwesenheit von Frauen und ob sie auch etwas anderes sind als männerbezogen. Es gibt aber auch Filme mit starken Frauenfiguren im Mittelpunkt, die den Test nicht bestehen.

    Sehr anschaulich Anita Sarkeesians Analyse der Oscarfilme von vor 1 Jahr: http://www.feministfrequency.com/2012/02/the-2012-oscars-and-the-bechdel-test/

    (hatte gestern schon mal geschrieben, aber das ist irgendwie nicht erschienen)

    1. Ja, die müssen ja auch alle in den Meetings sitzen, in Talkshows reden und Artikel für Zeitungen schreiben oder dafür proträtiert werden. (Und ja, ich weiß, dass es nicht so einfach ist, aber die Tendenz ist meiner Meinung nach schon da.)

    2. Zusatz: Außerdem muss man sich ja auch mal fragen, ob da irgendeine Seite wirklich glücklicher mit ist. Versuch mal als Mann, in der Firma Elternzeit oder Teilzeit durchzukriegen, ohne komisch angeguckt zu werden, das ist auch nicht so einfach.

      Deswegen gehe ich auch davon aus, dass nicht nur Frauen von der Gleichberechtigung profitieren, denn letztlich geht es eben darum, typische Mann/Frau-Bilder zu entkräften, so dass dann Lebenskonzepte wirklich flexibel und deutlich individueller gestaltet werden können.

  10. Moin,
    ich zähle auch und zwar Frauen in Vorlesungen technischer Studiengänge. Wenn es mal viele sind, sind es 5% und die sollen eine Frauenquote von 30% in Vorständen Technik entwickelnden und verkaufenden Firmen erhalten.
    Wenn Frauenquoten, dann bitte auf das Angebot angepasst!! Und das Verhältnis der Geschlechter auf den Unis hat nichts mit Sexismus zu tun! Frauen sind beim Einschreiben gleichberechtigt, sie machen es nur nicht und das sind nicht die Männer schuld.

    LG
    Ingo

    1. Dieser Einwand macht ein so großes Fass auf, dass ich da nicht im einzelnen drauf eingehen kann, aber: Gerade in Vorständen sitzen oft eher Betriebswissenschaftler, Juristen und so weiter, also keine Informatiker. Und ich kann mich täuschen, aber ich bin ziemlich sicher, dass in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen die Frauenquote zumindest höher ist als in technischen.

      Und was den Rest angeht, schwierige Kiste, ich würde aber tatsächlich auch nie sagen, dass der einzelne Mann an irgendwas Schuld ist, aber es ist auch die Gesellschaft, die sowas wie „Frauen und Technik“ gerne propagiert und in meinen zehn Jahren, die ich jetzt in der Branche arbeite, muss ich leider auch sagen, dass das ein Klischee ist, das von Informatikern gerne bemüht wird. Ich warte immer noch darauf, von einem männlichen Softwareentwickler zu hören „Ja, das stimmt schon, dass es sehr wenig Frauen hier gibt, und ich finde das auch schade und frage mich, was man da ändern könnte“. Aber, vergiss es. Da steckt auch viel Hybris dahinter, denn man fühlt sich ja schon gut mit seinem Fachwissen, und da wird schon drauf geachtet, dass das bei anderen Leuten (gerne auch Frauen) möglichst magisch und kompliziert rüberkommt.

      Dazu empfehle ich auch mal diesen Artikel von Frau Mutti, deren Tochter trotz guter Noten von ihrem Lehrern von naturwissenschaftlichen Fächern abgeraten wurde, weil, ja, weil… Mädchen halt, die machen so was nicht: http://www.frau-mutti.de/eintrag/17214.html

      Nein, der einzelne ist nicht Schuld, aber da steckt noch viel Platzhirscherei dahinter (vielleicht sogar nur von einer Minderheit, die aber durchaus reicht, um Frauen von der Wahl technischer und naturwissenschaftlicher Berufe abzuhalten) und die kann man ruhig doof finden.

    2. Tja, und ich wundere mich, dass in einem geisteswissenschaftlichen Fach mit einem Frauenanteil unter den Studierenden von über 80% sich Herren beschweren, dass von vier studentischen Hilfskraftstellen 3 mit Frauen besetzt sind. Und von 5 wissenschaftlichen Hilfskraftstellen (nach dem 1. Abschluss) auch 4. Weil: Das ist ja ungerecht.

      1. btw.: Assistenten- und Professorenstellen sind dabei weiterhin mehrheitlich männlich besetzt. Ja, auch bei den Neubesetzungen, nicht nur bei denen, die bald in Rente gehen.

  11. Danke für den Text und die klare Argumentation.
    Vor einiger Zeit behauptete mir gegenüber ein Autor, er müsse sich als junge, sexy Autorin ausgeben, weil das im Literaturbetrieb besser ankomme. Da habe ich mal angefangen zu zählen, was in den Feuilletons besprochen wird. Und festgestellt: Es gibt kaum einen Tag, an dem das Verhältnis anders ist als 75% männliche Autoren und höchstens 25 % weibliche Autorinnen. Klar, das ist kein Qualitätstest. Wichtig daran finde ich aber den Aspekt, den Sie auch nennen: Frauen sind bereit, sich auf „männliche“ Sichtweisen einzulassen, Männer umgekehrt in der Mehrzhal offenbar nicht. Männliche Formen und Lebensentwürfe sind die Norm, auch in der fiktionalen Darstellung, weibliche sind die Abweichung. Und besonders problematisch wird es in diesem Bereich, finde ich, wenn männliche Fiktionen von Weiblichkeit (Madame Bovary, Effi Briest, Anna Karenina) als weibliche gelesen werden. Denn damit ist zuletzt fast gänzlich die Möglichkeit verstellt, einen anderen Blick/andere Formen/andere Themen überhaupt zu wahrzunehmen. Das wird dann nämlich notwendig „Frauen-Literatur“, also alles Fiktionale, in dem Frauenleben sich nicht um Männer und Männlichkeit drehen.
    Ich habe vor 20 Jahren angefangen darauf zu achten, dass meine eigene „Quote“ mindestens 50% beträgt. Das hat meine Lektüre sehr verändert. Was im Studium als – oft nicht als solcher deklarierter Kanon – zählte, war plötzlich nur noch ein kleiner, für mich zuletzt oft gar nicht besonders bedeutender Teil des literarischen Kosmos.
    Nichts geändert hat sich an der Einstellung vieler Männer. Wenn ich das Thema anspreche, pochen sie auf die ausschließliche Relevanz der Qualität. Wenn ich in ihre Regale schaue und lese, was sie in ihren Blogs besprechen und erwähnen, sind es aber gerade bei denen, die diese Abwehrhaltung – oft auch sehr aggressiv und abwertend – vertreten, mindestens 80% Texte von Männern. Sie nehmen eine andere Sicht auf die Welt einfach nicht wahr, weil sie zutiefst davon überzeugt sind, dass sie irrelevant ist. „Man“ muss Beckett kennen, aber Viriginia Woolf – naja, vielleicht. So ungefähr.

  12. Ich zähle auch Frauen… bei Metalkonzerten. Und freue mich über die anderen 3, denn es bedeutet: keine Schlange auf der Toilette!
    Nee, mal im Ernst: es gibt Szenen, in denen die Frauenquote sehr niedrig ist, seien es nun technische Berufe oder sagen wir jetzt mal spontan „berühmte Jazzmusiker“ (ja, wer kennt denn da berühmte Frauen außer Aretha Franklin und wenn ja, tun sie was anderes als singen?) und man kann nicht ganz erkennen, warum das so ist, außer das es sich eventuell historisch so entwickelt hat.
    Andere Sachen, die mir so auffallen: in unserer etwa 50:50 Arbeitsgruppe (der Chef achtet auf ein ausgewogenes Verhältnis, was ihm schwerfällt, denn es gibt mehr weiblichen Nachwuchs) ergibt sich beim zufälligen Hinsetzen im Restaurant oder so meist folgendes Bild: Männer auf einem Haufen, Frauen auf einem Haufen. Völlig unverständlich.
    Auf jeden Fall zähle ich auch. Hoffe, dass sich die Verhältnisse verschieben und sich dadurch die Politik auch ändert. Ändern muss. (siehe extra3 vom 13.3.: Kristina Schröder ist eigentlich ein Mann)
    Und überlege mir, ob ich Angela Gossow weiter bewundere…

  13. Ich habe grade auch Frauen gezählt – bei einem grossen Software-Rollout in einem großen mittelständischen Unternehmen. Und wie das so ist bei Software-Rollouts sind ganz viele ITler und (in diesem Fall) ganz viele Ingenieure und Maschinenbauer beteiligt. Insgesamt kommen an den vier Ostertagen runde 90 Leute zum Einsatz, die mit neuer Software nach Ostern für wohlige Stimmung in den Ingenieurabteilungen sorgen sollen.

    Frauenzählung ergibt: 1.

    Und diese eine Frau ist in einem Trainee-Programm und rein zufällig aktuell in der Abteilung, die das Rollout federführend betreut, zählt also nicht zur „Kerntruppe“.

    Sehr schade, aber in technischen Berufen vermutlich keine Seltenheit. Was kann man draus lernen? Vermutlich nicht viel, aber die Interessen zwischen Männlein und Weiblein (oder die festgefahrenen Erwartungen? Die Erwartungen der Gesellschaft? Die Rollenbilder?) scheinen doch recht wirksam in unterschiedliche Richtungen zu gehen. Meine Frau arbeitet dafür schon länger in verschiedenen Kindergärten, Horten und anderen sozialen Einrichtungen und ist da beruflich noch nie einem Mann begegnet.

    Nachdenklich,

    der Ponder

  14. Pingback: Frauen zählen!
  15. Sehr gut, dass das nun auch dokumentiert wird! Da werde ich mich auf jeden Fall beteiligen. Ich muss zugeben, dass ich schon oft Veranstaltungen ausgelassen habe, wenn das Podium überproportional mit Männern besetzt war. Für mich, habe ich auch immer mitgezählt, aber dies leider nicht dokumentiert.
    Was ich noch für eine sehr gute Idee halte, ist die geplante App für Firmen mit sexistischer Werbung und Frauenfeindlichen Verhalten:

    Das sind Datenbanken und Statistiken auf die ich lange warte! Damit kommt man irgendwann schneller und effizienter an das Ziel reine “Männer-Shows“, wo es oft mehr um Rituale denn um Themen geht, zu vermeiden.

  16. Wie normal die Überzahl an Männern ist, sieht man auch daran, dass es den Leuten immer gleich total auffällt, wenn es mal umgekehrt ist. Zum Beispiel, wenn im TV bei Sendungen wie „Das perfekte Dinner“ eine riesen Welle gemacht wird, dass der wahlweise „arme Kerl“ oder „Hahn im Korb“ nun mit dieser Mehrheit an Frauen konfroniert ist.
    Bei einem Seminar im Bereich Medizin, das ich dieses Jahr besuchte, waren fast nur Frauen anwesend, was in meiner Branche häufig vorkommt (ich bin Übersetzerin). Der referierende Oberarzt zeigte sich dabei ganz erstaunt und meinte, vor so vielen Frauen hätte er noch nie gesprochen.

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