Erwartungshaltung, nicht erfüllt

Wir waren also im Restaurant. In einem sehr guten Restaurant, wo es sehr gutes Steak zu gehobenen Preisen gibt, wo der Service üblicherweise sehr freundlich und professionell ist, ohne, dass es steif und förmlich wäre. Wo man sehr leckeres Brot vorneweg bekommt, die Weinauswahl ziemlich klasse ist und die Einrichtung rustikal-charmant.

Es gibt eigentlich nichts zu klagen.

Jetzt läuft das so. Man bekommt also dieses Brot vorweg, mit zwei Dips, etwas Schinken und Öl zum Tunken. Danach gibt es ein Paprikarahmsüppchen in einem Espressotässchen. Dann bekommt man das, was man bestellt hat.

Es sei dann, man ist wir. Dann bekommt man das Brot und dann das, was man bestellt hat mit etwas Wartezeit dazwischen, die sicher auch für ein Paprikarahmsüppchen in Espressotässchen gereicht hätte. Neben uns, hinter uns, überall um uns herum bekommen die anderen Gäste Paprikarahmsüppchen, nur an uns laufen die Kellnerinnen und Kellner zielsicher vorbei. NO SOUP FOR YOU!

Irgendwann habe ich mich damit abgefunden, kein Süppchen bekommen, es ist auch nicht schlimm, nur eben verwunderlich. Ich brauche keine Suppe, aber wenn alle anderen eine bekomme, fände ich es nur fair, wir würden eine bekommen. Nur so.

Statt dessen bekommen wir Steaks und Beilagen, alles ist super, schmeckt großartig, keine Beschwerden. Wir bestellen noch einen Nachtisch, ich dazu einen Cocktail, der Herr Gemahl einen doppelten Espresso. Der Cocktail kommt, dann der Nachtisch, dann auch der Espresso, zusammen mit einem kleinen Stück Brownie.

Brownies gibt es übrigens auch, wenn man bezahlt. Dann bekommt man eine kleine Etagere mit zwei, drei Browniestückchen drauf. Jedenfalls ist das bei den Gästen neben uns und hinter uns und um uns herum so. Überall kleine Etageren mit Browniestücken beim Bezahlen.

Weil wir den Tisch nur bis 20 Uhr haben können (das wussten wir auch, ist also okay so), werden wir gebeten, uns auf ein paar Ledersessel in der „Lounge“ zu setzen und da den Cocktail zu Ende zu trinken. Kein Ding, mach ich gerne.

Als wir dann aber die Rechnung bekommen, gibt’s keine Etagere. Keine Browniestückchen. Nur eine Rechnung. Das ist kein Weltuntergang, ich hatte leckeres Brot, leckeres Fleisch, leckere Beilagen, leckeren Nachtisch, leckeren Wein und einen extrem leckeren Cocktail. Auf der anderen Seite finde ich, wenn alle anderen Etageren mit Browniestückchen bekommen, könnten wir aus reiner Fairness auch eine bekommen. Aber gut.

Wir zahlen also und ich merke ganz neutral und in freundlichem Tonfall an, das wir ja keine Brownies bekommen hätten.

„Die bekommen Sie nur zum Kaffee“, sagt die Kellnerin.

M-hm.

Suppe hätten wir auch keine bekommen, merke ich an, immer noch freundlich.

„Wir machen das immer ein bisschen anders“, sagt die Kellnerin.

Aha.

Im Auto lache ich erstmal eine Viertelstunde hysterisch vor lauter Fassungslosigkeit. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Wir machen das immer ein bisschen anders, ERNSTHAFT? Jeder, wirklich jeder hat ein Süppchen bekommen, ich habe zahlreiche Tabletts mit Süppchen an mir vorbeiziehen sehen und ausgerechnet und nur bei uns kam keins an? Ist das ein Konzept? Der Kunde des Tages kriegt kein Süppchen? Gibt’s da ne Lostrommel?

Was ich als Antwort erwartet hätte: „Oh, entschuldigen Sie, das tut mir Leid. Sie haben ja gesehen, dass es etwas stressig war heute, da haben wir das wohl vergessen. Hier haben Sie noch zwei Browniestückchen, die hatten wir ja auch vergessen. Eine schöne Heimfahrt noch!“

Aber mich anlügen? Etwas behaupten, das ich als normal intelligenter Menschen mit durchschnittlicher Beobachtungsgabe und Augen im Kopf doch recht schnell als die Unwahrheit identifizieren kann? ECHT JETZT?

Nur, um das klar zu machen, das Süppchen war mir egal, ich hatte es ja nicht bestellt und auch nicht bezahlt. Genauso die Brownies. Aber jenseits davon, dass ich mich naiverweise darauf gefreut hatte, weil ich ja irgendwie dachte, wenn alle sowas bekommen, dann wir wohl auch, scheint es mir keine besonders hilfreiche Reaktion zu sein, wenn ich den Gast, der sich nett und freundlich beschwert, dann einfach dreist anlüge.

Und damit das auch klar ist: Wir werden wiederkommen. Das Essen war super und abgesehen von einem Ausfall im Servicepersonal waren alle sehr nett, zuvorkommend und professionell. Das kann passieren. Aber es sollte nicht. Vor allem aber fasse ich es bis jetzt nicht, dass man sich in so einer Situation nicht einfach entschuldigt, sondern den Gast anlügt und dann geht. Es wäre so einfach, es richtig zu machen.

Alle bekloppt.

11 Antworten auf „Erwartungshaltung, nicht erfüllt“

  1. Ich schlage vor, wir gründen einen „Club der im Restaurant Vernachlässigten“. (ernsthaft, uns geht es auch öfter so, dabei gehen wir nicht oft essen. Als „Ausgleich“ des Universums vergessen sie bei uns genauso regelmäßig, einige Dinge zu berechnen)

  2. In solchen Situationen, lass ich mir auf Heller und Pfennig rausgeben und wünsche der Bedienung noch viel Erfolg und Freude bei Ihrer Tätigkeit. Wenn ich in Restaurants gehe, möchte ich mich nicht ärgern – weder über das Essen, noch über den Service. So ich in dem Restaurant schon viele positive Erfahrungen hatte, beschwere ich mich und gebe Ihnen eine (1) weitere Chance, ansonsten sehen Sie mich nicht wieder.

    1. Wäre ich nicht so konsterniert gewesen, hätte ich vielleicht auch noch was gesagt, aber so. Der Rest des Services war auch einwandfrei, das war halt eine Person, die uns auch schon im Laufe des Abends wegen Kleinigkeiten aufgefallen war. Wenn ich davon ausgehe, dass auch Trinkgeld geteilt wird (zumindest, wenn ich keine fest zugeordenete Servicekraft habe), will ich die anderen nicht bestrafen, nur weil da eine Person offensichtlich überfordert ist und/oder nicht weiß, wie man sich als quasi Dienstleister benimmt.

  3. Du bist einfach zu nett.

    (Ich auch. Und da, was mancherorts als „harmoniesüchtig“ bezeichnet wird. Aber das hält auch nur so lange, bis es in mir grummelt, und dann ist aber Ballett im Koffer!)

  4. „Nur, um das klar zu machen, das Süppchen war mir egal, ich hatte es ja nicht bestellt und auch nicht bezahlt.“

    Ein Trugschluss. Natürlich hast Du es bezahlt. Das Amuse-Gueule ist in dem „sehr guten Steak zu gehobenen Preisen“ drin. Genauso wie der Brownie. Deshalb darf man durchaus höflich nachfragen, ohne direkt kleinlich zu wirken. Zumal vor dem Hintergrund, dass Du das Süppchen gerne gekostet hättest, um beim nächsten Besuch vielleicht eine der köstlichen Suppen von der Karte zu bestellen – zusätzlich zum Steak.

  5. Erinnert mich an die Zeit, in der ich immer neben die Toilette gesetzt wurde. Immer. Auch in leeren Restaurants. Ich würde (jetzt echt) den Artikel mal nach D… schicken und freundlich darauf hinweisen, dass Ihr Euch da schon etwas komisch gefühlt habt. Und – ganz ehrlich – Restaurants, die mir sagen, wann ich denn bitte zu gehen habe, sehen mich gar nicht. Sind wir in New York oder was?

    1. Dass wir den Tisch nur bis 20 Uhr hatten, wussten wir schon bei der Reservierung, die Alternative wäre halt gewesen, gar nicht hinzugehen.

      Aber auch da war die Kommunikation seltsam. Es wurde uns halt angeboten, in die Lounge zu gehen, worauf ich fragte: „Sie brauchen den Tisch gleich, gell?“ Hätte man ja auch so sagen können, aber auch das wurde so seltsam verpackt, dass ich mir ein bisschen für dumm verkauft vorkam.

    2. Das passiert mir als Single immer noch. Ich frage dann höflich ob man einen besseren Tisch frei hätte. Wird das verneint verabschiede ich mich höflich. Dabei werden mir mindestens böse Blicke, gelegentlich auch böse Bemerkungen hinterher geworfen.

      Einmal habe ich einen Urlaub abgebrochen. Dort waren die Tische beim Frühstück zugewiesen. Alleinreisende durften in der Mitte des Restaurants Platz nehmen. An den Tischen dort mussten sich alle vorbeizwängen die zum Buffet wollten. Dazu wurde man argwöhnisch von den drumherum sitzenden Familien mit Kindern beobachtet und mit Kommentaren bedacht. Als trotz höflicher Bitten auch am dritten Tag angeblich kein anderer Platz frei war habe ich meine Koffer gepackt. Natürlich habe ich mir bei der Abreise, als die die Frage nach dem Grund der Abreise wahrheitsgemäß beantwortete, noch einen dummen Spruch eingefangen.

      So ist das halt wenn die im Dienstleistungsgewerbe die Einstellung vorherrscht, der Kund habe gefälligst dankbar zu sein dass er überhaupt etwas bekommt.

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