Der Deutsche Buchpreis hat ein Männerproblem

Gestern wurde die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2016 bekanntgegeben und – großes Wunder – von sechs Büchern wurde exakt eines von einer Frau geschrieben. Während die Longlist immerhin noch eine Frauenquote von 30 Prozent hatte, liegt diese bei der Shortlist nun bei 17 Prozent. Erwartungsgemäß wurde dies sofort in den sozialen Netzwerken thematisiert und diskutiert und wie jedes Jahr wurden die gleichen Argumente ausgepackt, um dem Vorwurf einer möglichen Ungleichberechtigung entgegenzutreten. Es ginge halt um Qualität, in der Jury säßen genug Frauen, und außerdem hätten bisher mehr Frauen als Männer den Buchpreis dann tatsächlich gewonnen.

Jedes dieser Argumente ist für sich zunächst nachvollziehbar und faktisch richtig. Trotzdem bringen sie uns nicht weiter und lenken vor allem vom Offensichtlichen ab: Der Deutsche Buchpreis hat ein Frauenproblem. Vielmehr müsste man sogar sagen: Der Deutsche Buchpreis hat ein Männerproblem.

Wenn mir etwas komisch vorkommt, mache ich als erstes das, was am einfachsten ist: Ich gucke es mir genauer an. Das habe ich beim Deutschen Buchpreis schon vor ein paar Jahren gemacht, da kam mir nämlich auch schon was komisch vor. Also erstellte ich eine Exceltabelle und trug für jedes Jahr (den Preis gibt es seit 2005) die Anzahl der von Frauen geschriebenen Büchern für Longlist, Shortlist und Hauptpreis ein, außerdem die Anzahl der Frauen in der Jury. Wer sich jetzt fragt, warum man mit sowas seine Zeit verplempert, für den habe ich die Antwort hier schon mal aufgeschrieben.  Das Ergebnis war wenig überraschend und doch ernüchternd:

Statistik Deutscher Buchpreis

Auf die Longlist kommen insgesamt zwanzig Bücher. Die schlechteste Quote hatte der Buchpreis hier in den Jahren 2006 und 2008 mit jeweils nur vier von Frauen geschriebenen Bücher, die Quote lag also bei satten 20 Prozent. Tatsächlich wird es mit der Zeit besser und wir hatten in den Jahren 2011 und 2015 die jeweils beste Quote von 40 Prozent mit jeweils acht von Frauen geschriebenen Büchern. In keinem Jahr waren zumindest die Hälfte der Bücher von Frauen verfasst, von einer Quote über 50 Prozent ganz zu schweigen. Auch noch im Jahr 2014 blieb es bei nur fünf Büchern, also 25 Prozent.

Auf der Shortlist sieht es insofern besser aus, als dass in den letzten zwölf Jahren immerhin drei Mal die Hälfte der Bücher von Frauen geschrieben war, nämlich 2011, 2013 und 2015. Dieses Jahr landete aber wieder nur ein einziges Buch auf der Shortlist, was einer Quote von 17 Prozent entspricht und schon in den Jahren 2006, 2008 und 2012 der Fall war. Immerhin: In keinem einzigen Jahr landeten nur von Männern verfasste Bücher auf der Shortlist. Der Vollständigkeit halber angemerkt sei auch noch, dass in keinem Jahr mehr als die Hälfte der Bücher von Frauen geschrieben wurde.

Bei den Preisträgern sieht es tatsächlich gut aus. Von bisher elf Preisträgern waren sechs Frauen, hier liegen wir also bei über 50 Prozent (Hurra! Jubel!). Bei allem, was man an Spekulationen über die diesjährigen Shortlistkandidaten hört, ist es wahrscheinlich, dass der Preis dieses Jahr an einen Mann geht, dann wären wir im zwölften Jahr des Buchpreises bei einer Frauengewinnquote von 50 Prozent. Das ist schön.

Zuletzt noch zur Jury: Diese besteht aus sieben Personen, eine 50-Prozent-Quote ist also mathematisch nicht möglich. Seit 2010 wird die Jury, in der vorher auch schon einmal nur eine oder zwei Frauen saßen, gleichberechtigt besetzt, die Zahlen sehen verdächtig danach aus, als wäre dies auch eine bewusste Entscheidung. Das bedeutet, dass seitdem immer entweder drei oder vier Frauen in der Jury saßen. Auch hier kann man nicht meckern.

Soweit also zu den Zahlen. Schön ist: Die stehen fest und sind objektiv. Es kann also niemand sagen, dass aber im Jahr Wann-auch-immer ja wohl mehr Bücher von Frauen auf der Liste stehen, denn das stimmt schlichtweg nicht.

Zusammengefasst lässt sich sagen:

  • In keinem einzigen Jahr waren weder auf der Longlist als auch auf der Shortlist mehr von Frauen als von Männern verfasste Bücher vertreten.
  • Das beste Verhältnis auf der Longlist war 8:12 in zwei Jahren.
  • In allen anderen Jahren waren weniger als acht der für die Longlist nominierten Bücher von Frauen geschrieben.
  • In drei (von zwölf) Jahren und ausschließlich auf der Shortlist betrug die Quote exakt 50 Prozent.
  • Frauen gewinnen den Buchpreis genauso häufig (wenn nicht öfter, nach der Frankfurter Buchmesse wissen wir mehr) wie Männer.
  • Die Jury ist seit 2010 gleichberechtigt besetzt, mit entweder drei oder vier Frauen von insgesamt sieben Mitgliedern.

Kommen wir also zu den Gegenargumenten, die diese Beobachtungen entweder ignorieren oder deren Aussagekraft in Frage stellen.

 

Argument 1: Es geht um Qualität.

Natürlich geht es um die Qualität. Anders ausgedrückt sagt dieses Argument aber immer irgendwie: Frauen können wohl nicht so gut schreiben wie Männer. Denn wie anders lässt sich zwischen der Beobachtung, dass Männer den Deutschen Buchpreis dominieren und der Aussage, es ginge halt um Qualität eine Verbindung schaffen.

Wenn Frauen bessere Bücher schreiben würden, dann würden sie schon häufiger auf der Longlist landen? Seriously? Wir haben nicht genug gute von Frauen geschriebenen Bücher in Deutschland, als dass wir jedes Jahr zehn finden würden, die für einen Preis in Frage kämen?

Wir reden hier ja nicht von einem, oder zwei Jahren, sondern von allen. Von allen Jahren. In jedem verdammten Jahr scheint es unmöglich, zehn Bücher zu finden, die des deutschen Buchpreises würdig wären und die von Frauen geschrieben wurden. Ich habe keine Liste aller in diesem Jahr erschienenen Bücher vorliegen, behaupte aber ganz frech, dass das wohl kaum sein kann.

 

Argument 2: Es gewinnen aber mehr Frauen als Männer den Buchpreis.

Das ist, mit Verlaub, ja nicht der Punkt. Es ist hoch erfreulich, dass sich in der letzten Instanz eine gute 50-Prozent-Quote zeigt. Umso verblüffender, dass es vorher so gar nicht klappen wird.

Zumal ich die Tatsache, dass Frauen im gesamten Entscheidungsprozess unterrepräsentiert sind, und dann doch mit erstaunlicher Regelmäßigkeit gewinnen, erst recht irritierend finde. Das heißt doch auf der anderen Seite, dass Frauen eben doch genauso gut schreiben können wie Männer (falls das ernsthaft angezweifelt wurde), gerade dann ist es doch verwunderlich, warum es so schwer scheint, auch für die Longlist ausreichend viele von Frauen geschriebener Bücher zu finden.

 

Argument 3: Es sitzen teilweise mehr Frauen als Männer in der Jury.

Die Fehlannahme hier ist, dass man unterstellt, Männer würden halt Männer gut finden und Frauen ignorieren. Statt dessen scheint das Problem ja genderübergreifend zu sein.

Es ist vielmehr anzunehmen, dass die Vorstellung, von Männern geschriebene Bücher wären besser oder zumindest Buchpreiskompatibler so in den Köpfen festsitzt, dass sich auch die weiblichen Jurymitglieder davon nicht lösen können. Es ist eben ein Kultur- oder ein Branchenproblem und keines, dass sich so einfach über eine gleichberechtigte Juryzusammensetzung lösen lässt.

 

Nun fehlen mir doch die ein oder andere Information, die sicherlich zur Einschätzung oder zur weiteren Analyse hilfreich wäre. Beispielsweise weiß ich nicht, welche Bücher von den Verlagen überhaupt als Buchpreiskandidaten eingereicht wurden. Möglicherweise ist die Quote hier noch viel, viel schlimmer und die Jury macht jedes Jahr schon das beste daraus.

Wenn das der Fall wäre, stellten sich wieder zwei anschließende Fragen:

  • Wie ist das Verhältnis der eingereichten Bücher?
  • Warum glauben Verlage, dass von Männern geschriebene Bücher besser für den Buchpreis geeignet seien?

(Ich wäre durchaus interessiert an einer Liste aller eingereichten Bücher, um sie auf das Geschlechterverhältnis durchzuzählen.)

Vielleicht haben wir ein ganz anderes Problem und Männer werden in der Literaturbranche als die für die ernste, wichtige Literatur wahrgenommen, während Frauen eher so für die Unterhaltung gut sind. Die Autorin Catherine Nichols hat das Experiment gewagt und nach den recht erfolglosen Versuchen, unter ihrem richtigen Namen einen Agenten für ihr Manuskript zu gewinnen, die gleichen Anfragen unter einem männlichen Pseudonym rausgeschickt. Auf einmal kamen Antworten und Manuskriptanfragen. Auf Jezebel hat sie darüber geschrieben.

 

Auch zu beachten ist, dass es hier nicht um Einzelfälle geht. Es geht nicht um das eine Jahr, in dem mal nur fünf Frauen auf die Longlist kamen. Es geht um jedes fucking Jahr, in dem die beste Quote bei 40 Prozent lag. Wir haben hier kein Problem, dass sich mit „Na ja, in dem Jahr gab es halt nicht so viele gute Bücher von Frauen“ beantworten ließe. Es fordert ja auch niemand eine alljährliche 50-Prozent-Quote. Nur am Ende, wenn wir alle Jahr betrachten, sollte eben etwas in der Art dabei herauskommen. Wenn sich jedes Jahr das gleiche Bild zeigt, dann ist es ein Strukturproblem und vor allem: Dann ist es auch ein Problem.

Das einfachste Argument ist dann immer: „So ist es eben.“

Wenn eben nur soundsoviele von Frauen geschriebener Bücher eingereicht wurden und wenn sich davon nur soundsoviele für die Longlist eigneten: Da kann man dann halt nix machen! Die Jury kann ja schlecht weniger nominieren oder selber schnell noch Bücher schreiben lassen. Dann muss sich eben erst was in der Welt ändern, dann ändert sich auch was am Preis.

Tatsächlich aber hat ein öffentlich wirksamer Buchpreis immer auch eine Verantwortung und diese Verantwortung kann auch beinhalten, Realitäten herzustellen. Man kann Realitäten herstellen, indem man ganz einfach durch eine gleichberechtigte Besetzung der Longlist vermittelt, dass es keinen qualitativen Unterschied zwischen von Männern und von Frauen geschriebenen Büchern gibt. Man kann auf diesem Wege einfach behaupten, dass das so ist. Und wenn man das lang genug macht, dann setzt es sich auch in den Köpfen fest, dann wird es normal, dann wird es Realität. Man muss es sich nur trauen.

Dass es auch anders geht, beweist unter anderem der Bachmannpreis jedes Jahr. Hier lesen in manchen Jahren sogar mehr Frauen als Männer ihre Texte vor. Ob das daran liegt, dass die Autoren und Autorinnen die Texte selber einreichen, ob die Kurzform Frauen irgendwie angenehmer ist als Männern oder ob intern darauf geachtet wird, das Verhältnis ausgeglichen zu halten, all das kann ich nicht sagen. Ich beobachte nur, was am Ende rauskommt und kann nur mutmaßen, warum das so ist.

Am Ende ist es auch immer eine Kulturfrage. In einem Wettbewerb, bei dem die Mechanismen, die eine geringe Frauenquote begünstigen, nie analysiert und hinterfragt werden, wird sich auch nichts ändern. Und offensichtlich ist das auch nicht gewollt. Unklar bleibt, was dabei schaden könnte. Am Ende kommt noch raus, dass nichts dagegen spräche, auf eine gerechtere Verteilung zu achten. Wenn man da ein paar Jahre eine strenge Quote einführen muss, damit es in vermutlich recht kurzer Zeit zur Selbstverständlichkeit wird und die Regeln dann wieder gelockert werden können, ich denke, das würde der Deutsche Buchpreis auch gut überleben.

13 Antworten auf „Der Deutsche Buchpreis hat ein Männerproblem“

  1. Der Deutsche Buchpreis hat noch ein weiteres Problem. Jedes Buch der Longlist oder Shortlist, das ich bislang las, fand ich verkopft, un-unterhaltend und uninspirierend – kurz gesagt: Mist. Steht ein Buch auf der Longlist oder Shortlist oder wurde es gar ausgezeichnet, ist das für mich ein sicheres Zeichen, dass ich es nicht lesen sollte.

    Was einen wiederum ketzerisch behaupten lassen könnte, dass die dort unterrepräsentierten Frauen tatsächlich die besseren Bücher schreiben.

      1. Stimmt – ich erinnere mich. Darin gibt es so viele Absätze, die ich unterschreiben möchte. Leider ist die Haltung „gute Geschichte = Trivialliteratur“ weit verbreitet. Dabei gibt es so viel Gutes zwischen der klassischen Auswahl der Hochkultur und Heftchenromanen. Meyerhoff hast Du ja genannt. Aber auch Ziefle, Thome, Schalansky, Bánk oder Dörte Hansen (und andere, die ich gar nicht kenne), die allesamt gute, tiefsinnige und zum Nachdenken anregende Geschichten erzählen, ohne seitenlange, sperrige Innensichten aus Berlin. Oder vom Meer.

  2. Danke. Für Fakten und Analyse. Und fürs Dranbleiben.
    Um die Faktenbasis solide zu machen, frage ich mich noch, wie das Männer-Frauen-Verhältnis in der Literatur-Publikations-Branche ist.

  3. Als Erstes müsste man wissen, ob der Anteil von Frauen und Männern, die in Frage kommende Bücher schreiben, tatsächlich 50 zu 50 ist. Es könnte zum Beispiel die 40-Prozent-Quote wirklich die reale Verteilung wiedergeben, und dann könnte man ja wohl kaum dran rummäkeln.

  4. Es fordert ja auch niemand eine alljährliche 50-Prozent-Quote. Nur am Ende, wenn wir alle Jahr betrachten, sollte eben etwas in der Art dabei herauskommen.

    Nein. Sollte es nicht. Wenn in jedem Jahr 80 Prozent der preiswürdigen Bücher von Frauen geschrieben werden, dann wäre es Unsinn, einen Männeranteil von 50 Prozent zu fordern.

    1. Ist Ihnen langweilig? Lesen Sie immer selektiv nur das, was Ihnen in die Argumentation passt?

      Wie wär’s mit folgendem:

      „Nun fehlen mir doch die ein oder andere Information, die sicherlich zur Einschätzung oder zur weiteren Analyse hilfreich wäre. Beispielsweise weiß ich nicht, welche Bücher von den Verlagen überhaupt als Buchpreiskandidaten eingereicht wurden. Möglicherweise ist die Quote hier noch viel, viel schlimmer und die Jury macht jedes Jahr schon das beste daraus.“

      Oder diesem:

      „Vielleicht haben wir ein ganz anderes Problem und Männer werden in der Literaturbranche als die für die ernste, wichtige Literatur wahrgenommen, während Frauen eher so für die Unterhaltung gut sind.“

      Oder diesem:

      „Am Ende ist es auch immer eine Kulturfrage. In einem Wettbewerb, bei dem die Mechanismen, die eine geringe Frauenquote begünstigen, nie analysiert und hinterfragt werden, wird sich auch nichts ändern.“

      Es geht eben nicht nur um den Deutschen Buchpreis. Entweder ist hier die Vergabe problematisch oder der Buchpreis bildet nur ein Problem ab, das viel tiefer greift. Genau das steht aber auch in dem obigen Beitrag. Man muss es nur lesen und verstehen.

  5. Hallo, TeilnehmerInnen beim Bachmannwettbewerb müssen vorgeschlagen werden, man kann sich mit seinem Text nicht selbst bewerben (also:direkt). vg

    1. „Bewerber können sich mit ihren Texten an ein oder an mehrere Jurymitglieder wenden. Für die Bewerbung ist es notwendig, von einem Verlag oder einer Literaturzeitschrift schriftlich empfohlen zu werden.“

      Die Ausgangsmotivation liegt bei den Autoren und nicht den Verlagen, das ist ein wesentlicher Unterschied, d.h. die Autoren bewerben sich bei den Jurymitgliedern, die dann eine Auswahl treffen. Die Empfehlung von Verlag oder Literaturzeitschrift gehört dazu, bedeutet aber nicht, das diese die Autoren vorschlagen. Insiderberichten zufolge ist diese Empfehlung im Zweifelsfall auch keine wirkliche Hürde.

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