Über Verantwortung, Selbstständigkeit und Arbeit

Ausgehend von einer Diskussion auf Twitter und dem daraufhin veröffentlichten Blogpost über Ferienjobs von Patricia habe ich mir auch noch mal länger Gedanken über das Arbeiten und insbesondere das Arbeiten in den Sommerferien gemacht. Es geht also explizit um Schüler und Studenten, die neben Schule und Studium noch Geld verdienen. Ich habe dazu eine einerseits sehr klare Meinung, allerdings ist diese auch stark persönlich gefärbt und somit sicherlich nicht universell als Handlungsanweisung anwendbar.

Meine Meinung ist: Wenn das Kind selber arbeiten möchte, dann bitte gerne. Ich halte aber nichts davon, Kindern (oder Jugendlichen) einen Ferienjob aufzudrängen oder sogar verpflichtend vorzuschreiben. Ich sage das aus der relativ komfortablen Situation eines Einzelkinds und eines (väterlicherseits) Einzelenkelkinds, das nie von seinen Eltern zum Arbeiten gedrängt wurde. Als ich im Ferienjobkompatiblen Alter war, war die Ferienzeit die, in der ich machen konnte, was ich wollte, also hauptsächlich nichts oder zumindest nichts konkretes. Von dieser Zeit zehre ich heute noch. Ich hänge der Zeit hinterher, als ich noch so viel Zeit hatte zum Vertrödeln, zum Im-Garten-Rumliegen und Wirklich-den-ganzen Tag-keine-Verpflichtung-haben.

Ich habe mit 24 angefangen, Vollzeit zu arbeiten und kann mich nicht an den letzten Tag erinnern, an dem ich ernsthaft das Gefühl hatte, gar nichts tun zu müssen. Immer sitzt einem irgendein Ding im Nacken, die Steuererklärung, die gemacht werden müsste, die Wohnung, die aufgeräumt werden müsste, die Einkäufe, die erledigt werden müssten, die Rechnungen, die bezahlt werden müssten, die Mails, die geschrieben werden müssten. Selbst, wenn ich dann einen Tag nichts oder zumindest nichts Sinnvolles mache, habe ich am Abend ein schlechtes Gewissen. Die Leichtigkeit ist weg und es ist unklar, ob sie je wiederkommt.

Es gibt – aufs Leben betrachtet – ein relativ kleines Zeitfenster von maximal 18 Jahren (15, wenn man die ersten drei Jahre, an die man sich meistens ja sowieso nicht erinnert, nicht mitzählt), in denen wir von den Lasten des Erwachsenenseins qua unserem Alter befreit sind. Warum versucht man jetzt trotzdem, diese Zeit mit Last zu füllen?

In den Kommentaren zu Patricias Artikel und in der Twitterdiskussion fielen unterschiedliche Gründe, warum man das tun wollen könnte. Respekt war ein Grund. Disziplin ein anderer. Lernen, was Geld wert ist. Verantwortung lernen. Lernen fürs Leben.

Aber, seriously? Das sind alles Dinge, die ich von meinen Eltern gelernt habe, ohne, dass sie mich dafür zur Fließbandarbeit um 7 Uhr morgens schicken mussten. Wenn beklagt wird, dass heutzutage viele jungen Leute nicht mehr wissen, dass man pünktlich zu sein hat, dann liegt das nicht daran, dass hier ein Ferienjob gefehlt hat, sondern, dass es offensichtlich viele Jahre lang nicht geklappt hat, jemanden zu sozial akzeptablem Verhalten zu erziehen. Dass Dinge teuer sind und manchmal zu teuer, dass Geld nicht vom Himmel fällt, und man nicht immer alles haben kann, konnten mir meine Eltern auch so vermitteln, weil wir ein vertrauensvolles Verhältnis hatten. Ich zweifle bei all diesen Aspekten nicht an, dass man sie sicher lernt, wenn man als Jugendlicher mit der erwachsenen Arbeitswelt konfrontiert wird. Ich glaube aber auch fest daran, dass das alles Dinge sind, die einem auch so beigebracht werden sollten. Wenn es also daran mangelt, dann ist das Problem nicht ein fehlender Ferienjob.

Tatsächlich hatte ich auch kleine Jobs, bei denen ich etwas Geld verdient habe, Nachhilfe und Babysitting und in einem Jahr in der Vorweihnachtszeit Geschenke einpacken im Buchladen. Ich habe auch da gelernt, was man macht und was nicht, was Verantwortung bedeutet und dass man das halb gegessene Brötchen außer Sichtweite der Kunden aufbewahrt.

Aber.

Ich bin kein Maßstab. Ich bin kein Maßstab, weil ich trotz aller Wünsche in vielen Bereichen ein genügsames Kind war. Die Phasen, in denen ich dringend irgendein Kleidungsstück haben wollte, kann ich an einer Hand abzählen. Das teuerste, was ich mir dringend gewünscht habe, war der Amiga 500, und ja, den habe ich dann auch zu Weihnachten bekommen (gebraucht). Ein Großteil meiner Kleidung waren Sachen, die meine Mutter auf Flohmärkten und in Second-Hand-Läden kaufte. Ich wollte nicht allein in Urlaub und ging nicht in die Disco. Als ich später eine HiFi-Anlage hatte, war es die ausrangierte meiner Eltern, den Fernseher bekam ich, als mein Opa ins Altersheim kam und sich einen kleineren kaufte. Die Gelegenheit, mich zu einem Ferienjob zu überreden, indem man mir Wünsche vorenthielt, ergab sich kaum. Vermutlich hätte ich dann „na ja, dann eben nicht“ gesagt und wäre in die Bücherei gefahren, womit wir beim zweiten Aber wären.

Ich habe immer Dinge getan. Wenn mir als Teenager langweilig war, saß ich nicht rauchend im Park, sondern lieh mir Noten für Altflöte aus der Bücherei aus, weil man ja auch mal Altflöte lernen könnte. Ich war das Kind, das nicht oder nur unter Protest ohne die Schulbücher fürs nächste Schuljahr in den Sommerurlaub fuhr, das Kind, das in dem Jahr, in dem wir nicht in Urlaub fuhren, eben einfach jeden Tag in die Bücherei fuhr, da irgendwann wie selbstverständlich anfing, Bücher einzusortieren, und als quasi inoffizielle und heimliche Hilfsmitarbeiterin einen Großteil der Sommerferien verbrachte.

Langeweile wurde bei mir immer in Kreativität umgewandelt. Das heißt nicht, dass ich nicht auch sinnlos Zeit verbummelt hätte, dass ich nicht mit Freundinnen in der Fußgängerzone abhing, oder nicht stundenlang am Computer gesessen hätte, um den Solitär-Highscore meiner Mutter zu knacken. Ich weiß aber auch, wie wichtig eben genau Nichtstun ist, um sich Dinge auszudenken, wie die trägen Sommertage am Ende Ideen in Gang setzten oder wie die doch überbordende Langeweile mich zu absurden Projekten trieb. Der Versuch, ein Schneider-Buch auf der Blindenschreibmaschinen komplett zu übersetzen, schlug zwar fehl, aber immerhin war ich diszipliniert und eifrig bei der Sache.

Diese zwei Abers sind wichtig, denn ich glaube auch fest daran, dass nicht jede Eltern und jedes Kind mit der gleichen Betriebsanleitung glücklich werden. Ich weiß, dass die Marke der Hose den meisten Teenagern wichtiger ist, als sie es mir damals war. Ich weiß, dass andere Kinder weniger gut mit Langeweile umgehen können. Ich weiß, dass alles das, was bei mir gut funktioniert hat, bei anderen Menschen auch nach hinten losgehen kann.

Was ich ziemlich sicher weiß, ist aber, dass auch die endlos langen Ferientage wichtig für mich waren. Dass sie so wichtig waren, dass sie heute zu meinen liebsten Erinnerungen zählen, die ich nicht missen möchte. Selbstverständlich hätte ich auch bei einem Ferienjob wichtige Erfahrungen gesammelt, das Gegenteil zu behaupten wäre absurd. Ich glaube aber auch, dass ich alles, was ich da mit 15 gelernt hätte, eben einfach drei Jahre später gelernt habe und dass mir alles, was neben der konkreten Erfahrung an Werten vermittelt worden wäre, ohnehin nicht fremd war. Der Unterschied ist eben nur, dass es heute hundertmal schwieriger ist, unbeschwerte, freie Zeit zu organisieren und auch genießen zu können als es das damals war. Deshalb plädiere ich sehr dafür, genau diese kurze Zeit, in der wir uns diese Zeit, das Rumlungern, das Nichtstun und das Langweilen leisten können, auch zu bewahren.

Wir neigen dazu, Dinge, die wir selbst so erlebt haben, als Maßstab für unsere Vorstellungen von der Welt zu nehmen. Wer selber gearbeitet hat (ob freiwillig oder nicht), der kennt die Vorzüge und Nachteile, glaubt entweder an die Potentiale und wird diesen Weg auch für seine Kinder wählen oder erinnert sich an die schlechten Aspekte und versucht, seine Kinder davor zu bewahren. Genauso kann ich nur die Vorzüge und Nachteile eines Teenagerlebens ohne Ferienjob bewerten, schlicht, weil mir diese Erfahrung fehlt. Wir handeln immer aufgrund der Erfahrungen, die wir gemacht haben, es gibt keine Parallelwelt, aus der ich die Erkenntnis ziehen könnte, was gewesen wäre, wenn ich früher mein eigenes Geld verdient hätte.

Das einzige, was ich bei einer solchen Diskussion nicht akzeptiere, ist der Satz „Es hat mir nicht geschadet.“ Zum einen ist das ein Null-Argument. Es trägt nichts bei, denn nicht zu schaden ist nicht von sich aus positiv, es ist nur nicht negativ. Wenn ich jeden Morgen ein Glas Milch in den Abfluss gieße, schadet das auch nicht (abgesehen davon, dass ich unnötig Geld für Milch ausgebe), es hilft aber auch erstaunlich wenig. Zum anderen ist das auch das gleiche Argument, mit dem andere Generation Ohrfeigen rechtfertigen und damit, das wissen wir mittlerweile, sogar sehr falsch liegen. Es gibt genug gute Gründe, warum man einem Teenager einen Nebenjob nahelegt, „Ich hab es auch gemacht und es hat mir nicht geschadet“ ist kein guter Grund.

Wenn es unbedingt einen Nebenjob braucht, um Respekt, Demut, Disziplin und Selbstständigkeit zu lernen und zu erfahren, dann frage ich mich schon ein bisschen, was so alles schief gelaufen ist, dass man diese Teile der Persönlichkeitsentwicklung in die freie Wirtschaft auslagern muss. Und nicht jede Erfahrung, die man macht, ist notwendig. Vielleicht macht mich alles, was mich nicht umbringt, stärker, aber vielleicht rechtfertigen wir damit auch Erfahrungen, auf die wir eigentlich gut hätten verzichten können.

5 Antworten auf „Über Verantwortung, Selbstständigkeit und Arbeit“

  1. Ich verstehe nicht, warum mensch jungen Menschen ihren verdienten Urlaub nicht gönnt. Schule ist stressig. Schule war schon stressig, als ich zur Schule ging und Schule ist seither nicht weniger stressig geworden. Ganz im Gegenteil. SchülerInnen müssen ja nicht nur dem Unterricht folgen, sie müssen auch Hausaufgaben machen, müssen Lernen und sollen dann auch noch soziale Kontakte pflegen, um irgendwie ein gesellschaftliche „Kompatibilität“ zu entwickeln. Und weil das nicht schon reicht, nicht schon genügend Zeug ist, zusammen mit all den körperlichen Veränderungen, mit denen die Jugendlichen klar kommen müssen, sollen sie auch noch als billige Arbeitskräfte dem Markt ausgeliefert werden?

    Ich weiß, im Artikel geht es genau darum, dass die Freizeit wichtig ist, aber er greift für mich eben zu kurz. Jugendliche sollten nämlich die freie Zeit auf jeden Fall haben. Sie sollten sie nutzen, um sich mit der Gesellschaft beschäftigen zu können, um Zwänge zu erkennen, sie notfalls auch zu Hinterfragen und sie sollten ihre freie Zeit eben nicht durch nur mehr Zwänge nehmen lassen und dadurch zu „Kapitalismus-Kompatiblen“-Individuen zu werden.

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