Gelesen im Februar 2016

Im Februar zu wenig gelesen und dann auch noch nicht dazu gekommen, die Monatsreview zu schreiben. Dann wollte ich das zusammen mit den Märzbüchern machen, im März habe ich aber so furchtbar viel gelesen, dass es dann ein sehr langer Beitrag werden würde, also jetzt doch wieder als einzelner Beitrag. Muss man jetzt nicht verstehen, ist halt einfach so.

Fünf Wochen im Ballon von Jules Verne

Auf Französisch gelesen, einfach, weil ich mein Französisch irgendwie fit halten muss und die Verne-Bücher fürs Kindle umsonst sind. Dafür kann man dann darüber diskutieren, ob man jetzt gerade mit Verne sein Französisch besonders fit hält, denn die Sprache ist ja nun nicht die modernste. In Fünf Wochen im Ballon geht es genau um das, nämlich eine West-Ost-Durchquerung Ost-West-Durchquerung von Afrika in einem Heißluftballon, drei Mann in einem Ballon quasi. Das ist insgesamt ganz spannend, vor allem zum Schluss kommt noch mal Action auf, es ist aber auch typisch Verne und damit teilweise auch ein bisschen anstrengend und streckenweise etwas zäh, zumal, wenn man es im Original liest.

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Der Pfau von Isabel Bogdan

Der erste Roman von Isa, lange sehnlichst erwartet und im Februar endlich erschienen. Ich habe mich für die Hörbuchversion, gelesen von Christoph Maria Herbst entschieden. Irgendwo in den schottischen Highlands leben Lord und Lady McIntosh auf einem alten Landsitz und vermieten die Cottages an Touristen, die mal ganz entspannte Tage mitten im Nichts verbringen wollen. Dann spielt eines Tages ein Pfau verrückt und attackiert alles, was blau ist und glänzt. Und dann kommt auch noch eine Reisegruppe aus London zu einer Teambuildingmaßnahme. Vier Banker, die Chefin, die Kommunikationstrainerin und eine Köchin nisten sich für ein Wochenende mehr oder weniger freiwillig ein. Und dann kommt es natürlich so, wie es kommen muss, der Pfau geht auf das blaue Auto der Chefin los, Lord McIntosh muss handeln und dann wird aus dem ruhigen Wochenende doch ein ganz und gar verzwicktes, an dem ein armer verrückter Pfau nicht nur einen, sondern gleich mehrere Tode sterben muss.

Das ist alles sehr flockig erzählt und von Christoph Maria Herbst schön vorgelesen, man kann es in einem Rutsch weglesen und danach vielleicht direkt den nächsten Schottlandurlaub buchen, das Anwesen der McIntoshs gibt es nämlich wirklich, man achte auf die Widmung im Buch.

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Planet der Algorithmen von Sebastian Stiller

Ein Buch über Algorithmen für Leute, die noch nicht so viel über Algorithmen wissen, die aber gerne lernen wollen, worum es eigentlich geht, schon allein, weil wir in unserer Welt immer mehr mit Algorithmen zu tun haben. Das klingt erst mal gut und ist auch ordentlich umgesetzt, irgendwo ungefähr zur Hälfte hat mich der Autor aber verloren. Ich habe zwar vermutlich auch ein bisschen mehr mit Algorithmen zu tun als der Durchschnittsleser und die Zielgruppe, spätestens bei dem ein oder anderen deutlich theoretischen Teil wurde es mir dann aber doch zu… nun ja… theoretisch. Entweder bestimmte Aspekte lassen sich nicht einfach erklären oder man braucht ein paar Seiten und Beispiel mehr dazu. So war es jedenfalls nicht gut gelöst, trotzdem gibt es in diesem Buch viele gute Erklärungen, was Algorithmen sind und wie sie – ganz grob zusammengefasst – funktionieren. Eine ausführliche Rezension folgt demnächst.

Sebastian Stiller: Planet der Algorithmen [Amazon-Werbelink]

Lieblingstweets im März woanders

Lieblingstweets im März (Teil 2)

AUFWÜHLENDE PINGUINE! AVOCADO-TOAST! BESTECKKASTEN-ORDNUNG! GEFÄHRLICHE EULENTÜRME! RENTIERBLUSEN UND EICHHÖRNCHENKLEIDER!

Empörungs(un)wille

Es passieren Unglücke. Jetzt also wieder, in Brüssel. Es gibt Explosionen, Menschen sterben, die Nachrichtenticker laufen heiß und man kann sich nicht entscheiden zwischen abschalten und dranbleiben. Es ist alles schrecklich, alles so unbegreiflich, wer soll schon sagen, was man sagen könnte. Ich weiß das nicht.

Statt dessen beobachte ich mit zunehmendem Unmut bestimmte Standardreaktionen, die sich grob als moralische Medienschelte zusammenfassen lassen könnten. Zwei davon sind mir in der letzten Zeit wieder aufgefallen, sie sind aber beide nur ein Puzzleteil eines größeren Bildes des vermeintlich aufgeklärten Filterbubbleinternetmenschen. Der vermeintlich aufgeklärte Filterbubblemensch hat die nächste Erkenntnisstufe erreicht und stellt seit neuestem die Medien, die anderen Menschen und generell alles in Frage, was den hochgesteckten Ansprüchen nicht gerecht werden zu scheint. Dabei ist es nicht die einzelne Bemerkung, die das Problem ausmacht, nicht der einzelne Mensch, den ich oft kenne und mag und dem ich auch nichts Böses unterstellen würde, sondern die allgemeine Selbstverständlichkeit, mit dem diese Kommentare nicht nur geschrieben, sondern auch vielfach zustimmend abgenickt werden.

 

„Warum ist es eigentlich wichtig, zu wissen, ob unter den Toten Deutsche sind?“

Ich habe diese Frage nicht zum ersten Mal gehört und auch nicht zum ersten Mal beantwortet. Die latente Unterstellung bei dieser langjährigen journalistischen Praxis ist, so bilde ich mir jedenfalls ein, immer die Annahme, ein toter Deutscher wäre schlimmer als ein toter Belgier oder Franzose oder Türke oder Inder. Das sind doch alles Menschen! Wie kann man da einen Unterschied machen! Wem bringt das was?

Die Antwort ist einfach: Es bringt den Menschen etwas, die zu Hause sitzen, wohlwissend, dass ihre Tochter, ihr Enkelsohn, ihre Partnerin oder ihr Vater gerade irgendwo dort sind, wo das Unglück passiert sind. Natürlich kann man einfach anrufen. Was aber, wenn gerade niemand dran geht oder das Netz überlastet ist? Die Information, dass keine Deutschen unter den Opfern sind, bringt da vielleicht schon die nötige Erleichterung, man kann zwei bis zehn Gänge runterschalten und kann vielleicht mit weniger Sorge auf eine Meldung des anderen warten. Sollte sich hinter dieser Information doch noch etwas anderes verbergen, so lerne ich gerne dazu und bitte um Aufklärung.

Genauso könnte man bei einem Flugzeugabsturz auch fragen: „Warum ist es eigentlich wichtig, zu wissen, welches Flugzeug abgestürzt ist?“ Da sitzen doch immer Menschen drin, es ist doch egal, welcher Flug es war. Nur, dass die Nennung der Flugnummer weniger verwerflich ist, vielleicht weil sie einen Grad weiter von den Menschen selber entfernt ist. Weil wir eine Flugnummer eher als reine Information sehen, während wir der Nennung der Nationalität der Opfer eine andere Bedeutung unterstellen. Dabei ist eine Flugnummer für die Bewertung von Leben genauso irrelevant wie die Nationalität.

 

„Eine Todesnachricht als ‚BREAKING‘! Ist das nicht pietätlos?“

Nein. Nein, ist es nicht. Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber aus einer Eilmeldung über den Tod eines Menschen, der in der Öffentlichkeit stand, wird einfach keine Pietätlosigkeit, es sei denn, man bastelt sich selber eine zusammen. Eine breaking news ist erstmal eine Eilmeldung und eine Eilmeldung sagt zunächst nichts anderes als „Das ist gerade reingekommen und wir waren der Meinung, es ist so wichtig, dass die Menschen es sofort erfahren sollten, ohne dass wir erst einen langen Text dazu schreiben!“

Stünden Paparazzi vor der Tür, gäbe es Bilder von weinenden Angehörigen, stünden Journalisten mit gezückten Notizblöcken vor Krankenzimmern und würden alle paar Minuten klopfen und sich nach dem aktuellen Stand erkundigen, das wäre pietätlos. Doch ich gehe davon aus, dass das nicht der Fall ist, dass im Gegenteil die Angehörigen genau diejenigen sind, die den Zeitpunkt bestimmen, zu dem die Nachricht publik gemacht wird. Nicht zuletzt erfährt man von dem Tod vieler Berühmtheiten erst ein oder zwei Tage später.

Was übrig bleibt, ist die Eilmeldung und die Unterstellung, dass es den Medien nur darauf ankommen würde, immer der jeweils erste und schnellste zu sein. Statt dessen wünschen wir uns eine… was eigentlich? Eine zweistündige Karenzzeit, in der in den Redaktionen traurig die Köpfe gesenkt und mühsam die Tippfinger stillgehalten werden?

Vielleicht gibt es sogar nichts eiligeres als die Nachricht, dass ein Mensch nicht mehr ist. Nicht zuletzt ist es eine der wenigen Nachrichten, die ohne viele Erklärungen funktioniert. Ein Mensch ist gestorben, was gibt es da noch mehr zu zu sagen, kaum eine Nachricht ist wohl leichter verständlich und trifft gleichermaßen ins Herz. Die Geschwindigkeit, in der sich gerade Todesmeldungen auf Twitter und Facebook verteilen, die Anteilnahme, die R.I.P.-Tweets und die kurzen Erinnerungen, die nach so einer Meldung geteilt werden, sind vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass die Eile vielleicht nicht beim Tod, aber doch beim Öffentlichmachen desselben gar nicht zu verurteilen, sondern höchst menschlich ist.

 

Doch auch jenseits von Katastrophen und Todesmeldungen beobachte ich immer wieder, wie sich über die Empathielosigkeit der Mitmenschen beklagt wird. Tatsächlich kann ich mir kaum etwas Empathieloseres vorstellen als einem fremden Mensch das Fehlen einer der wesentlichen menschlichen Fähigkeiten abzusprechen. Diese Paradoxie wird leider nicht thematisiert. Statt dessen hagelt es auch hier Zuspruch, alle sind sich einig, dass alle anderen da draußen irgendwie doof sind.

„Empören zieht nichts nach sich. Es ist nur fürs Empören gut. Also lehne ich es ab. Ich bin also nur noch privat empört“, sagt Pia Ziefle. Empören ist menschlich, kaum einer von uns kann ohne, aber wir sollten immer überlegen, welche Empörung dafür geeignet ist, öffentlich ins Internet geschrieben zu werden und welche wir lieber abends auf dem Sofa unseren Partnern oder Freunden vortragen.

Natürlich rege ich mich auch über andere Menschen auf. Die, die sich vordrängeln, die, die über den Zebrastreifen fahren ohne zu gucken, die, die in der Bahn einsteigen, bevor alle ausgestiegen sind. Aber das Erkennen von Scheißverhalten macht mich nicht zu einem besseren Menschen genauso wenig wie das Scheißverhalten selber den anderen zwangsweise zu einem schlechten Menschen macht. Die Selbstverständlichkeit, mit der anderen Empathielosigkeit unterstellt wird, erschreckt mich jedes Mal. Dahinter steckt auch immer die Weigerung, anderen Menschen die Komplexität zuzugestehen, die wir für uns selber jederzeit in Anspruch nehmen.

 

Metaempörung ist auch Empörung

Es ist die ewige Suche nach dem Geschmäckle. Ein bisschen wie ein Wettbewerb, wer das Herz am rechteren Fleck hat. Die gute Nachricht ist aber: Das Herz sitzt bei uns allen am gleichen Fleck. Es ist auch gut, die Medien (was auch immer man darunter versteht) zu kritisieren, genauso, wie man auch langjährige Praktiken in Frage stellen kann. Möglicherweise sind sie ja tatsächlich überholt. Und doch beschleicht mich immer wieder diese leise Verdacht, es würde sich auch immer öfter aus Prinzip empört. Empören um des Empörens willen. Da hab ich gar keine Zeit zu, das ist mir viel zu anstrengend, raubt und saugt Energie, die man viel besser für schönere Dinge gebrauchen könnte. Als Hobby finde ich das nicht empfehlenswert, weder für mich noch für andere.

Eventuell haben wir aber bei der dauernden Suche nach Weltverbesserungspotential auch ein bisschen die Orientierung verloren und stürzen uns lieber auf Nichtigkeiten anstatt uns gelegentlich zurückzulehnen und „Ach, eigentlich ist auch nicht immer alles schlimm!“ zu seufzen. Vielleicht haben wir zwar immer noch viele Baustellen, aber auch schon einiges geschafft.

„Aber mit jedem Beitrag, den man über die falsche Empörung anderer schreibt, macht man sich zu einem Teil der Empörungsmaschine“, warnt Kathrin Passig mich, als ich mich über die Empörung der anderen empöre. „Metaempörung ist auch Empörung.“

Natürlich hat sie Recht. Eigentlich will ich mich gar nicht empören. Wenn mir das Internet eines gezeigt hat, dann, dass wir alle ohne Ausnahme im Laufe unseres Internetlebens dumme Dinge schreiben ohne dass es uns gleich zu schlechten Menschen machen würde. Da draußen ist es auch nicht anders. Wer weiß schon, wie oft wir uns aus Versehen rücksichtslos verhalten ohne es zu merken, weil wir gerade in Gedanken sind, mit uns selbst beschäftigt, in Eile. Etwas mehr Gelassenheit mit der Fehlbarkeit unserer Mitmenschen und unserer eigenen Fehlbarkeit tut nicht nur gut, es schafft auch Raum und Zeit, um uns über die wirklich wichtigen Dinge empören zu können. Das wäre doch auch schön.

Die anderen Leute

Wenn man in der Stadt lebt, dann lebt man mit anderen Leuten zusammen. Je nachdem, wo man wohnt und wer man ist und wer die anderen Leute sind, kennt man die Nachbarn im eigenen Haus oder eben nicht. Beides ist in Ordnung. Wenn ich in Essen im Sommer durch den Stadtpark gehe, dann ist dieser voll mit kleinen Gruppen von Mensche, die auf Einweggrills Würstchen grillen, in der Sonne liegen oder Federball spielen. Das Aalto-Theater liegt auch im Stadtpark und ich finde kaum etwas schöner als de Kontrast der Leute, die in der Pause mit Sektgläsern auf der Opernterrasse stehen, während weniger Meter weiter Studenten im Gras sitzen und es ist völlig egal, auf welcher Seite man ist. Alles passiert nebeneinander und durcheinander und es sind solche Momenten, bei denen ich denke, dass das Leben in der Stadt in viel höherem Maße sozial ist als das auf dem Dorf, denn hier muss ich mich dauernd mit neuen Leuten auseinandersetzen, Leuten, die ich nicht kenne und deren Lebenswelt vielleicht eine ganz andere ist als meine, aber wir teilen uns einen Park und wir sind beide gerade hier, auch wenn wir uns wahrscheinlich danach nie wieder sehen. Das ist so eine schöne Semianonymität, mit der ich gut leben kann.

Die Leute in unserem Haus kenne ich zum Beispiel, aber das Haus ist auch nicht groß und wir wohnen immerhin schon fünf Jahre da. Und dann gibt es noch die anderen Leute, die man fast jeden Tag sieht, die bekannten Gesichter in der Straßenbahn, die genauso jeden Tag um 7:30 Uhr morgens an der Haltestelle stehen und auf die U17 warten. Die zwei Kinder mit ihrer Mutter, die offensichtlich Britin oder Amerikanerin ist, denn sie spricht Englisch mit ihren Kindern. Der Teenager, der sich im Tunnel in der Fensterscheibe spiegelt und die Frisur prüft. Am Hauptbahnhof steigen die meisten aus, drängen sich durch die Wartenden und da verlieren sich dann unsere Wege wieder.

Wir reden nicht. Immer wieder sitzen wir uns gegenüber, lernen ein bisschen mehr über den anderen oder auch nicht. Immer wieder frage ich mich, ob die anderen Leute über mich auch denken „Ach, die schon wieder. Wo die wohl hinfährt? Wie die wohl heißt? Was die wohl so macht?“, aber sie fragen mich ja nicht, genauso wenig, wie ich es fragen würde, obwohl ich es ja auch immer wieder denke.

Und dann reden wir doch. Letztens zum Beispiel, als die Bahn etwas später kam, so dass ich zur nächsten Haltestelle weiter lief, aus Ungeduld und für den Schrittzähler. An der nächsten Ecke kam mir eine Frau entgegen, die mit den schulterlangen grauen Haaren und der Mütze. Etwas verwundert guckte sie mich an, ob denn etwas wäre. Nein nein, sagte ich, die Bahn komme nur etwas später, und dann würde ich immer zur nächsten Haltestelle gehen, aber sie kommt, die Bahn.

Oder letzte Woche in der Bahn, ich saß neben dem Mann mit Bart und der coolen Schiebermütze und der Aktentaschen, auf die ich ein bisschen neidisch bin. Der Mann, von dem ich weiß, dass er nicht nur mit mir in der U17 fährt, sondern danach auch in den gleichen Zug nach Köln steigen wird. Erst in Deutz laufen wir in andere Richtungen. „Nächste Woche fahren die Bahnen wieder“, jubelt er. „Juchu!“ jubele ich zurück. Wir fachsimpeln ein bisschen über die seltsame Streckenführung, fragen uns, wo der Zug wohl langfährt, wenn der Halt in Düsseldorf entfällt, sind aber vor allem froh, dass das Elend der letzten drei Monate, in denen das abgebrannte Stellwerk repariert und unser Arbeitsweg erheblich beeinträchtigt war, vorbei sind.

Wir reden nicht dauernd, die anderen Menschen und ich. Wir möchten auch unsere Ruhe haben, morgens in der Bahn, die heilige Zeit, die man sich in den Sitz lehnen kann und mit niemandem plaudern muss. Aber wir wissen, wer da noch an der Haltestelle steht und manchmal gibt es ein weiteres Puzzlestück dazu und manchmal auch nicht, es ist auch völlig egal. Manche Menschen kommen dazu, andere sind auf einmal nicht mehr da. Umgezogen, Job gewechselt, andere Arbeitszeiten. Wir leben in der Stadt und kennen auch nur ein paar Leute, aber so viel mehr, die wir grüßen, wenn man sich auf der Straße begegnet, der Typ vom Büdchen, die Frau vom Edeka, die von der Currywurstbude, die von gegenüber und der nebenan. Aber wir kennen uns irgendwie.

Vielleicht muss es gar nicht immer ein Miteinander sein. Für den Alltag ist so ein durcheinanderes Nebeneinander völlig ausreichend und das Miteinander heben wir uns für die besonderen Tage auf.

Lieblingstweets im März (Teil 1)

TRINKHALMEINSTICHSTELLEN! BURNOUT VON BESTELLVORGÄNGEN! POLYRHYTHMIK! SCHOSTAKOWITSCH! EINGEFRORENER KUCHEN! UND DIE IGEL DES MÄRZ!

Gelesen: Sommernovelle von Christiane Neudecker und Wenn’s brennt von Stephan Reich

Sommernovelle und Wenn's brennt

Zwei Bücher, die gleicher und ungleicher nicht sein könnten: Die Sommernovelle von Christiane Neudecker und Wenn’s brennt von Stephan Reich. In beiden Büchern geht es um Teenager, Ferien, die Frage, was kommt und die Frage, was eigentlich ist. Deswegen ergibt es auch Sinn, beide zusammen zu rezensieren, denn so sehr sich viele Themen ähneln, so sehr unterscheiden sich die Bücher in so vielen anderen Dingen, und das macht gerade das spannende aus.

In Sommernovelle fährt Panda, deren wirklichen Namen wir nie erfahren mit ihren besten Freundin Lotte auf eine Insel in der Nordsee, um als Freiwillige in einer Vogelstation zu arbeiten. Es ist Pfingsten 1989, Panda und Lotte sind 15 Jahre alt, sie sind zum ersten Mal alleine von zu Hause weg, voll mit Ideen und Plänen, die Welt zu verbessern, die ohnehin am Abgrund steht. Saurer Regen, Tschernobyl und all das, Pandas Doc Martens, die sie sich vom angesparten Taschengeld geleistet hat und zu Hause hat der Vater Krebs. Auf der Vogelstation arbeiten Hiller und Sebald, zwei alte Männer, das mürrische Fräulein Schmidt und die Studenten Melanie und Julian. Der Professor, der die Station leitet, ist abwesend. Während Panda sich von Hiller beibringen lässt, wie man den Himmel liest, was in diesem Fall bedeutet, die Anzahl der Vögel eines Vogelschwarms zu schätzen, verliebt sich Lotte in Julian. Vögel beobachten, Vögel zeichnen, Vögel zählen, Eier zählen, Touristenführungen machen, das alles während eines heißen Pfingstfrühlings Ende der Achtziger Jahre.

Zu Hause hatten wir im Herbst mit der Umwelt-AG ein kleines Wäldchen säubern müssen. Mit Handschuhen und Greifzangen hatten wie moosüberzogene Safttüten eingesammelt, Kondome und poröse Plastikfetzen aus dem Gestrüpp gezogen, verrostete Dosen aus dem angrenzenden Weiher gefischt. Schon im Frühling lag dort wieder genauso viel Müll herum wie vorher. Aber davon durften wir uns nicht beirren lassen, das war mir klar. Aufgeben galt nicht. Aufgeben war feige.

Als wir auf den Deich traten, blendete mich einen Moment lang das Watt. Der Himmel spiegelte sich in dem feuchten Film, den das zurückweichende Meer auf dem schlammigen Boden hinterließ und die Priele reflektierten das Licht und zogen glimmende Goldadern.

Christiane Neudecker wird auch zugeschrieben, dass sie eine Meisterin der Atmosphäre sei und nichts könnte richtiger sein. Ich war nur einmal an der Nordsee (und dann noch nicht mal auf einer Insel) und bin immerhin grob sechs Jahre jünger als Panda und Lotte, aber selten kam mir eine Geschichte so vertraut vor. Die Ängste und Sorgen, die Vorstellungen von der Welt, manche richtig, manche naiv falsch, das alles war sechs Jahre später gar nicht so viel anders. Auch ohne große Weltretterphantasien, aber immerhin mit einem Vater, der auf einer biologischen Station gearbeitet hat und mit einem Kinderzimmer voller Tierposter, die mein Vater mir mitbrachte oder die ich sorgfältig aus dem Tierfreund rauslöste, war es mir ein Leichtes, mich in Panda einzufühlen und die detaillierten, aber auch für Landschaftsbeschreibungsmuffel wie mich immer stimmigen und nie langweiligen Beschreibungen lassen den Leser einen heißen Spätfrühling auf einer Nordseeinsel so mit erleben als wäre man selber dabei. Sommernovelle ist eines der wenigen Bücher, bei denen man sich beim Zuklappen schon recht sicher sein kann, dass man es auf jeden Fall noch mal lesen wird.

Wenn’s brennt von Stephan Reich spielt hingegen in der Gegenwart, irgendwo auf dem Dorf in den Sommerferien. Der sechzehnjährige Erik, der die Geschichte erzählt, wird nach den Ferien die Lehre bei der Post anfangen, während sein bester Freund Finn, seine Freundin Nina und Kumpel Nelson, der eigentlich Sascha heißt, in der Kreisstadt in die Oberstufe gehen werden, Abitur machen, studieren, was auch immer. Erik ist es eigentlich auch egal, wie ihm so vieles egal ist.

Man trifft sich auf dem Schotter, um zu saufen und zu kiffen, einfach so, weil man das eben macht und weil es auf dem Dorf auch nichts besseres zu tun gibt. Zu Hause will niemand so richtig sein, Erik verachtet seine Eltern für ihre Spießbürgerlichkeit, nur mit seinem behinderten Bruder Tim kann er reden, schon allein, weil der ihm nicht antworten kann, ihm keinen Stress machen, keine Forderungen stellen. Finns Mutter schläft seinen Kunstlehrer, sein Vater ist in Hamburg mit seiner neuen Paris-Hilton-Schnitte und Nelson lebt mit seinem Bruder bei der Oma, bei der sie die Eltern irgendwann abgeliefert haben, um danach zu verschwinden.

So passiert eigentlich die ganze Zeit nichts und doch sehr viel, all der Scheiß, den man anscheinend macht, wenn man keine Perspektive hat, einen alles ankotzt, man nur weg will, aber nicht weiß wohin, wenn die Eltern sich nicht interessieren und nach den Ferien sowieso alles anders ist. Und so steuern die Freunde in Wenn’s brennt genauso mäandernd wie zielstrebig auf die erwartbare Katastrophe zu.

Nelson kommt mir entgegen, er hat eine Flasche Wodka in der einen und einen Plastikbecher in der anderen, und natürlich muss ich mit ihm trinken. Ich gehe pissen, ich höre auf zu pissen, ich vergesse, dass ich Finn suchen wollte, und suche Nina, aber dann fällt es mir wieder ein und ich suche Finn, was ich aber wieder vergesse, also hole ich mir ein Bier. Als ich mit dem nassen Beck’s aus dem Bad komme, steht Karin vor mir, die etwas sagt, das ich nicht verstehen, und mir in den Schritt greift. Sie lacht ganz laut und schrill, aber ich kann sie nicht verstehen, die Musik ist zu laut.

Wenn’s brennt ist gleichermaßen spannend wie liebevoll geschrieben und bewegt sich irgendwo zwischen harten Ausdrücke, Schlägereien und Saufgelagen und nostalgischen Erinnerungen, Freundschaftsbeweisen und der immer wiederkehrenden Erkenntnis, dass es so vermutlich auch nicht ewig weitergehen kann. So fremd mir dieser Aspekt des Jugendlichenseins ist, aus Eriks Sicht wirkt es gar nicht so fremd, alles ergibt irgendwie Sinn, was soll man auch tun, mit 16 auf dem Dorf, wenn einen die Eltern nicht verstehen und die Lehre bei der Post der einzige Zukunftsplan ist, weil nie ein anderer zur Verfügung stand.

Ein bisschen störend sind die Popkulturreferenzen, bei denen man sich irgendwann fragt, ob Jugendliche, die mit 16 außer Rumhängen, Trinken und Kiffen wirklich nicht viel anderes im Sinn haben, wirklich all diese Filme und Bücher gesehen und gelesen haben. Bis zu einem gewissen Grad mache ich da noch mit, und die Szene, in der Erik fast gerührt über die Platte mit Dust in the Wind spricht, die sein Vater irgendwo haben muss, ist dann eben genau das: Rührend und auch gar nicht so unglaubwürdig. Spätestens bei der Referenz auf Die Welt ohne uns von Alan Weisman fand ich es aber doch etwas zu viel. An solchen Stellen stellt sich doch der Verdacht ein, dem Autor würde seine eigene popkulturelle Erfahrung und die des Erzählers (der immerhin knapp fünfzehn Jahre jünger ist als er) etwas zu sehr durcheinanderwürfeln.

Während sich die Teenagerleben in Neudeckers Sommernovelle sehr versöhnlich mit der Welt zeigen, wo die Sorgen zwar auch groß sind, aber auch nach allem Verrat durch die Erwachsenenwelt die Hoffnung darauf, es besser zu machen, nicht stirbt, so treten die Jugendlichen in Wenn’s brennt auf der Stelle, wollen oder können nicht und selbst wenn, wüssten sie nicht wie und die es wollen und können und wissen, die gehen eben. Und so erzählen Sommernovelle und Wenn’s brennt irgendwie die gleiche Geschichte und könnten doch unterschiedlicher nicht sein.

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Wenn’s brennt von Stephan Reich [Amazon-Werbelink]

Die traurigen Paare im Restaurant

Es gibt dieses Bild von dem alten Ehepaar, das sich im Restaurant gegenübersitzt und die ganze Zeit nicht miteinander redet. Das arme Ehepaar denkt man, die armen Menschen, so traurig, sie haben sich nichts mehr zu sagen. Sitzen nur da, essen und trinken wortlos und wechseln nur gelegentlich einen Blick. So will man nicht werden, immer will man mit seinem Partner reden können, nie alles gesagt haben, nie so langweilig werden, so eingefahren, schrecklich ist das, schrecklich.

Mein Mann und ich sind seit über 16 Jahren zusammen, in einem Monat feiern wir unseren elften Hochzeitstag. Wir sehen vielleicht nicht so aus, aber wir sind dieses alte Ehepaar. Wir wachen jeden Tag gemeinsam auf, liegen jeden Abend zusammen auf dem Sofa, gehen jeden Tag zusammen ins Bett, vielleicht nicht immer zeitgleich. Wir telefonieren zwischendurch, gehen zusammen einkaufen, in letzter Zeit kochen wir sogar ab und zu gemeinsam, es ist ein Wunder!

Wenn wir auf dem Sofa liegen und mein Mann sagt „Ich habe eine Idee, was wir machen!“, dann kommt es vor, dass ich ihm die Idee in Einzelteilen aufsagen kann. Wir haben über 5.000 Tage miteinander verbracht und unsere Kreativität hat auch ihre Grenzen, das ist keine Kunst. Wir können Sachen sagen wie „Hier, der sieht aus wie der Dings!“ und der andere weiß, wen wir mit Dings meinen. Es ist alles nicht mehr so wahnsinnig aufregend und neu, aber man muss auch nicht dauernd irgendwas erklären, das ist auch schön.

Wir sind also das alte Ehepaar, das im Restaurant sitzt und die ganze Zeit nicht miteinander redet. Schrecklich ist das, schrecklich. Man schämt sich schon fast ein wenig, welchen Eindruck macht man da eigentlich? Was sollen denn die Leute am Nebentisch denken? Die denken bestimmt „Ach, schlimm, so ein trauriges Paar hat sich nichts mehr zu sagen.“

Das stimmt allerdings alles gar nicht, die Wahrheit ist nämlich ganz anders. Wir sind das glückliche alte Ehepaar, das nicht dauern reden muss. So schön. Statt dessen können wir uns ganz den Gesprächen am Nebentisch widmen, wo irgendwelche Businesshansel irgendwelchen anderen Businesshanseln vermeintlich wichtige Dinge erklären oder wo Abiturientinnen sich über ihre Mitschüler aufregen. Wir lauschen und lauschen, innerlich können wir uns kaum halten vor lauter Kichern und auf dem Nachhauseweg unterhalten wir uns über die Gespräche am Nachbartisch. Man glaubt ja gar nicht, was die Leute alles für Geschichten erzählen.

Wenn Sie also das nächste Mal Mitleid mit dem traurigen Paar am Nebentisch haben, weil die sich nichts mehr zu sagen haben, das müssen Sie nicht. Es ist nicht so, dass wir uns nichts mehr zu sagen hätten, vielleicht sind wir nur so still, weil wir Ihnen gerade so gespannt zuhören.

Nicht so gute Bücher 2015

Die schönsten Bücher des Jahres 2015 habe ich ja schon hier und hier vorgestellt. Allerdings habe ich leider auch Bücher gelesen, mit denen ich gar nicht glücklich war. Da ich erstens einfach zufriedenzustellen bin und zweitens ja schon ganz gut weiß, was mir gefallen könnte und was nicht, lese ich selten Bücher, die ich doof finde. Ich gehöre allerdings auch zu der Sorte Mensch, die Bücher zu Ende lesen, auch wenn sie sie schlecht finden. Außer, wenn es Bücher von Pynchon sind, da versage sogar ich.

Drei schlechte Bücher waren es dieses Jahr, davon eines von einem Lieblingsautoren (bitte hier ein kurzes, aber schweres Seufzen imaginieren) und eines, dass ungefähr alle anderen super fanden. Die Bücher fand ich aus unterschiedlichen Gründen schlecht, aber dazu kommen wir gleich.

 

Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte von Salman Rushdie

Ich habe schon hier darüber geschrieben und es hat sich leider auch in der Retrospektive nichts geändert. Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte hat eine tolle Prämisse, die wie gemacht für mich schien, Salman Rushdie kann auch schreiben, aber an jeder Stelle hatte ich das Gefühl, dass es irgendwie zu viel ist, zu aufgesetzt, zu prätentiös und gleichzeitig auf eine sehr unangenehme und unpassende Weise machohaft.

Worum es überhaupt ging, habe ich schon fast wieder vergessen. Eine Geschichte von Flaschengeistern, Djinnis und Ifrits (Ifriten? Was ist die Mehrzahl von Ifrit?), einer Welt im Chaos, fliegenden Menschen und viel Sex und Gewalt. Das ist alles pompös und sprachgewaltig und letztlich in seiner ganzen Pompösität und Sprachgewaltigkeit so irre belanglos, dass man sich am Ende fragt, was der ganze Zauber nun eigentlich sollte.

Ich gehe mal davon aus, dass es nicht das beste Buch von Salman Rushdie ist und werde vielleicht beizeiten mal etwas anderes von ihm lesen.

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Der Circle von Dave Eggers

Dave Eggers, oh, Dave Eggers, wie liebe ich Dave Eggers. You Shall Know Our Velocity hat genauso einen besonderen Platz in meinem Bücherherz wie seine Romanversion von Where the Wild Things Are. Aber irgendwas reitet ihn in den letzten Jahren und er schreibt immer seltsamere Bücher. Bücher mit Prämissen, mit irgendwelche aktuellen Bezügen, mit gesellschaftskritischen Ansätzen oder was-weiß-ich. Während A Hologram for the King da noch irgendwie ganz amüsant war, ist Der Circle wirklich eine zweifach unangenehme Lektüre.

Zunächst (und das ist das Positive), weil die Geschichte um eine junge Uniabsolventin, die sich in die quasi sektenhaften Fänge eines großen Softwarekonzerns begibt, einen tatsächlich zum Nachdenken bringt. Wie transparent wollen wir wirklich sein? Was macht es mit unserem Leben, wenn wir alles ständig mit allen teilen und gleichzeitig das Gefühl haben, dauernd alles zu verpassen? Die Fragen, die Dave Eggers aufwirft, sind nicht falsch, auch wenn sie meines Erachtens eher in dem populäreren Problemen der neuen Social-Media-Welt rumwühlen und es deutlich spannendere, aber vielleicht weniger plakative Themen gibt, über die man auch mal reden könnte. Viel schlimmer und unangenehmer ist aber die zeigefingerartige, eindimensionale und wirkliche simple Weise, mit der uns Dave Eggers diese Geschichte präsentiert.

Wenn mich eines an Büchern wirklich ärgert, ist es, wenn ich das Gefühl habe, der Autor würde den Leser für dumm halten. Alles ist so eindeutig präsentiert, dass man sich an keiner Stelle fragen muss, was der Autor einem sagen wollte. Es gibt nur Schwarz und Weiß, Graustufen sind nicht vorgesehen. Dazu kommt die wirklich schwache Charakterzeichnung aller Figuren, insbesondere der Protagonistin, der offensichtlich naivsten Uniabsolventin der Vereinigten Staaten aller Zeiten. Herrjegottnochmal, man möchte sie alle paar Seiten ein bisschen schütteln, kann aber nicht und es gibt auch niemand anders im Buch, der es für einen erledigt.

Darauf noch eine der wirklich albernsten Transparenzmetapherszenen, die man sich ausdenken kann, bei der (Achtung Spoiler!) ein unsichtbarer Tiefseehai alle anderen unsichtbaren Tiefseefische auffrisst. Herrjeaberwirklichmal! Neben der ganz okayen Prämisse muss man Dave Eggers zumindest zugute halten, dass sich Der Circle zackig liest und man zumindest nicht lange für dieses zudem viel zu seitenstarke Buch braucht. Hoffen wir, dass er demnächst wieder zur Besinnung kommt.

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(Wenn man lieber etwas wirklich Schönes von Dave Eggers lesen will, so greife man bitte zu Ihr werdet noch merken, wie schnell wir sind [Amazon-Werbelink] oder Bei den wilden Kerlen [Amazon-Werbelink]. Beide Bücher bekommen meine uneingeschränkte Leseempfehlung.)

 

Der Marsianer von Andy Weir

Und nun zu dem Buch, das alle Nase lang irgendwer irgendwem empfiehlt, und dem ich nun wirklich so herzlich wenig abgewinnen konnte, dass es leider auch zu den (meinen) schlechtesten Büchern 2015 zählt. Ich habe es in der deutschen Übersetzung als Hörbuch gehört und kann nun nicht ganz sagen, ob es am Hörbuch, an der Übersetzung oder vielleicht doch einfach am Original lag, es hat mich aber in meinem Verdacht beschlichen, dass man sehr gut merkt, wenn Bücher self-published sind.

Was man dem Buch lassen muss: Auch hier ist die Prämisse super und alles das, was einen wesentlichen Teil der Prämisse ausmacht, ist auch gut umgesetzt. Mark Watney strandet auf dem Mars, nachdem er bei einem Sturm von seiner Truppe losgerissen wurde und es nicht mit ins Shuttle zum Raumschiff schaffte. Jetzt gilt es, die Zeit zu überbrücken, bis eine Chance besteht, wieder abgeholt zu werden und unter deutlich widrigen Umstände als einizige Mensch auf dem Mars zu überleben. Das ganze ist gespickt mit wissenschaftlichem Dings und nach allem, was man hört, an dieser Stelle auch durchaus gut gemacht.

Aber herrje, das letzte Mal habe ich so dermaßen stereotype Figuren bei Dan Brown und Andreas Eschbach gelesen, was genau der Grund dafür ist, dass ich keine Bücher von Dan Brown und Andreas Eschbach mehr lese. Man wünscht sich ein Lektorat, dass mal darauf hingewiesen hätte, dass die Story zwar echt gut ist, die Charakter aber vielleicht doch mal ein bisschen weniger klischee- und schablonenhaft und vor allem nicht so furchtbar eindimensional gestaltet werden könnten. Der Protagonist kommt dabei noch am besten weg, ist aber gefühlsmäßig anscheinend auch behindert, denn außer ein paar Witzen fällt ihm zu seiner widrigen Situation auch nicht viel ein. Wo jeder realistische Charakter doch vielleicht das ein oder andere Mal kurz zusammengebrochen und verzweifelt ein paar Marssteine durch die Gegend gekickt hätte, baut Mark Watney Kartoffeln an. Das ist zwar sinnvoller, führte aber bei mir dazu, dass ich für keine der Figuren besonders großes Interesse aufbringen konnte.

An dieser Stelle wird eben auch klar: Ein gutes Buch ist mehr als eine gute Story. Wem eine gute Story reicht, der wird aber vermutlich auch mit Der Marsianer ausreichend glücklich. Es sei ihm gegönnt. (Und Andy Weir im Übrigen auch, in Interviews kommt er sehr sympathisch rüber.)

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Webgedöns am 7.3.2016