Lieblingstweets im Februar (Teil 2)

Tagebuchbloggen 16./17.2.2019

Am Samstag war spontaner Niederlandeausflug aus Aufmunterungsgründen und wegen nachgeholtem Valentinstagsessen. Donnerstag hatten wir nämlich keine Lust und dann war überraschend am Samstag alles ausgebucht und wir wichen aufs Nachbarland aus. In Malden konnte man uns abends noch unterbringen, also fuhren wir erst ins benachbarte Nijmegen.

Wir waren 2010 das letzte Mal in Nijmegen, das weiß ich, weil wir da unser zweites Auto gerade neu hatten und das als Anlass zu einem Ausflug nahmen. Ich konnte mich aber an ungefähr nichts erinnern außer an den großen Kreisverkehr. Zum Beispiel wusste ich auch nicht, dass Nijmegen ungefähr 180.000 Einwohner hat und damit immerhin die zehntgrößte Stadt in den Niederlanden ist, dementsprechend eine gut ausgestattete Innenstadt und viele kleine Läden und Cafés.

Wir aßen Pintxos im Fingerz und marschierten dann einmal durch die Fußgängerzone, dann runter zur Waal und an der Waal entlang wieder zurück zum Auto. Dann noch einmal obligatorischer Einkauf bei Albert Heijn (Saté-Gewürzmischung, Asiacracker, Tonic Water, Kit-Kats mit Salzkaramell und Erdnussbutter, Kopfschmerztabletten) und dann schön drei Stunden im Restaurant gegessen.

Das war ein sehr erfolgreicher Ausflug, gerne wieder.

***

Am Sonntag waren wir dann sehr müde, ich bin sogar zwei Mal auf dem Sofa eingeschlafen.

Zwischen den Nickerchen guckten wir „The Ballad of Buster Scruggs“ auf Netflix. Ich wusste nicht, dass das ein Episodenfilm war und nach dem ersten Schreck mochte ich das aber alles sehr gerne, vor allem die Episode mit Tom Waits ist sehr schön, überhaupt denkt man eigentlich die ganze Zeit nur „Tolle Landschaft“, ich bin offensichtlich in einem Alter, wo das zur Grundbefriedigung schon reicht. Ansonsten hat der Film eine eher unbefriedigende Frauenquote, besteht aber lustigerweise trotzdem den Bechdel-Test.

***

Gelesen: What the Dormouse Said  von John Markoff [Amazon-Werbelink], ein Sachbuch über die Entwicklung des Computers an der amerikanischen Westküste in den fünfziger bis siebziger Jahren. Das Buch ist grundsätzlich nicht schlecht, löst aber die Prämisse meines Erachtens nicht ein. Angeblich soll in der Geschichte die Verbindung zwischen der kalifornischen counter culture und der frühen Computerszene hergestellt werden, mir fehlte hier aber Kausalität, statt dessen nahm ich nur Korrelation und Parallelität wahr.

Außerdem ist das Buch ganz furchtbar männerlastig und zwar auf eine Art, die dem Autor oder spätestens dem Lektor hätte auffallen müssen. Es kommen gefühlt ungefähr 200 namentlich genannte Männer* vor, die alle irgendwas machen, irgendwen unter ihre Fittiche nehmen, irgendwie über irgendwen anders auf irgendwas aufmerksam werden und dann vielleicht zehn namentlich genannte Frauen*, von denen sieben Ehefrauen, Mütter oder Töchter sind. Ich will auch nix darüber hören, dass die IT-Branche halt männlich dominiert ist, erstens ist das so nicht richtig (und zwar lustigerweise erst recht nicht in den fünfziger bis siebziger Jahren) und zweitens behaupte ich steif und fest, dass es in dieser Zeit an diesem Ort bestimmt trotzdem auch Frauen gab und es in dem Buch ja eigentlich auch um den Einfluss der counter culture geht.

Das hat mich beim Lesen jedenfalls massiv genervt, es gibt aber ein paar hübsche Anekdoten aus der Computergeschichte und die Erkenntnis, dass vieles, was ich in der Entstehungsgeschichte viel später einsortiert hatte, schon in den sechziger Jahren entwickelt wurde – wenn auch eben oft nicht bis zur vollständigen Produktreife.

Dazu kann man dann gleich diesen Artikel in der New York Times lesen, man ist danach zwar noch ein bisschen wütender, aber auch schlauer: The Secret History of Women in Coding


Wer gerne liest, was ich hier schreibe und mir eine Freude machen will, kann mir etwas von der Wunschliste spendieren oder Geld ins virtuelle Sparschwein werfen.  Die Firma dankt.

 

*Die Zahlen beruhen auf reinem Bauchgefühl.

Lime, Malden, 16.2.2019

Am Samstag verschlug es uns über die Grenze nach Malden bei Nijmegen, wo wir im Lime noch einen Tisch für zwei ergattern konnten. Der Tisch war ein Hochtisch direkt bei der offenen Küche, so dass wir auch den ganzen Abend lang beobachten konnten, wie die vier Köche rotierten und im vollbesetzten Restaurant einen Teller nach dem anderen rausschickten. Wir entschieden uns für das Sechs-Gänge-Überraschungsmenü mit Weinbegleitung. Die Weine wurden vom Sommelier mit spürbarer Begeisterung präsentiert. Einziger Wermutstropfen, die Portionen waren einen kleinen Tacken zu groß, gerade beim Fisch- und Fleischgang hätte es auch ein kleineres Stück getan. Dafür hätte ich auch noch einen zweiten Nachtisch genommen, die Kombination aus Ruby-Schokolade, Roter Bete und Mandelcracker war ein Traum. Insgesamt also ein wirklich gelungener Abend mit viel Küchenunterhaltung.

Lime, Malden, 16.2.2019

Parmesancracker

Guacamole-Eislolli mit Zitrusgelee

Variation von der Roten und Gelben Bete mit Apfel-Pastis

Upside Down Tartar mit Wachtelei und Parmesanschaum

Geflämmter Lauch mit Ziegenkäse, Sherrysauce und Knoblauch

Kabeljau mit Sellerie, Spinat und Austernschaum

Entenbrust und -confit mit Süßkartoffel, Kichererbsenwaffel, Zweierlei von der Schwarzwurzel und Ingwerjus

Ruby-Schokolade und Rote Bete mit Mandelcracker und Blutorangensorbet

Lieblingstweets im Februar (Teil 1)

Bücher 2018 – Plätze 5 bis 1

5. City of Blades und City of Miracles von Robert Jackson Bennett

Ich habe ja schon City of Stairs geliebt und auch die nächsten beiden Teile der Trilogie liefern in höchstem Maße komplexe und ungewöhnliche Fantasy. Im zweiten Teil folgt der Leser der kriegsversehrten Veteranin Turyin Mulaghesh in die Stadt Voortyashtan, wo sie widerwillig und nur unter Androhung der Kürzung ihrer Rentenbezüge eine letzte Mission erfüllen soll. In City of Miracles ist der Protagonist Sigurd je Harkvaldsson, der nach dem Anschlag auf die Premierministerin auf einem Rachefeldzug die Verantwortlichen finden und bestrafen will und dabei feststellen muss, dass die alten Götter eventuell doch gar nicht alle tot sind.

Wie schon der erste Band entwirft Robert Jackson Bennett eine vielschichtige, hoch politische Welt voll mit kantigen, unperfekten Charaktern. Das macht es nicht immer einfach, der Geschichte zu folgen, diese Reihe ist definitiv keine leichte Liegestuhllektüre, aber es macht es umso mehr wert, sich darauf einzulassen.

City of Blades und City of Miracles von Robert Jackson Bennett [Amazon-Werbelinks]

 

4. Die Känguru-Apokryphen von Marc-Dieter Marc-Uwe Kling

KÄNGURU IS BACK! Im vierten Teil der Känguru-Reihe hat Marc-Uwe Kling noch mal die besten bisher unveröffentlichten Geschichten gesammelt und in eventuell nicht chronologische, aber zumindest witzige Reihenfolge gebracht. Wie immer steckt hier alles voller Anspielungen von Philosophie bis Popkultur. Im Gegensatz zu den Vorgängerbüchern fehlte mir tatsächlich ein bisschen eine Rahmenhandlung, dafür sind die einzelnen Geschichten aber wie gewohnt brilliant, witzig, kreativ, geistreich, flexibel und kreativ.

Wie immer sollte man dieses Buch unbedingt als Hörbuch hören. Und zwar immer und immer und immer wieder.

Die Känguru-Apokryphen von Marc-Uwe Kling [Amazon-Werbelink]

 

3. Der Tag, an dem Hope verschwand von Claire North

Der Tag, an dem Hope verschwand habe ich als Hörbuch gehört. Das Genre lässt sich kaum feststellen, Drama, Thriller, Fantasy, Science Fiction? Niemand erinnert sich an Hope, sobald sie aus dem Blickfeld verschwindet. Dieses merkwürdige Phänomen ermöglicht ihr zwar ein Leben als Diebin, macht sie aber auch zum einsamsten Menschen der Welt. Dann stirbt Reina, der einzige Mensche, mit dem sie eine Art Freundschaft verbindet. Hope glaubt nicht an Selbstmord und macht sich auf die Suche nach Antworten. Man muss sich erst ein bisschen an die Prämisse des Buchs und den damit verbundenen Schwierigkeiten, die Hopes Leben bestimmen, gewöhnen, dann ist das aber eine wirklich exquisite, vielschichtige und ungewöhnliche Geschichte und hat außerdem mein Interesse an Claire North geweckt, von der ich vorher aus vollkommen unerklärlichen Gründen noch nie etwas gehört hatte.

Der Tag, an dem Hope verschwand von Claire North [Amazon-Werbelink]

 

2. The Brief History of the Dead von Kevin Brockmeier

Ein sehr überraschendes Buch, was aber auch daran lag, dass ich komplett vergessen hatte, aus welchen Gründen ich mir die Leseprobe heruntergeladen hatte und dementsprechend komplett ohne Erwartung an das Buch heranging.

Die Geschichte ist zweiteilig, auf der einen Seite die Stadt der Toten, eine Art Übergangsansiedlung der toten Menschen, ich weiß gar nicht, ob man dazu noch viel mehr sagen kann, weil ich nicht sagen kann, ob das Prinzip, nach dem diese Stadt funktioniert sehr schnell erklärt wird oder ob ich es nur sehr schnell intuitiv verstanden habe. Auf der anderen Seite Laura Byrd, die alleine in der Antarktis ist, nachdem ihre zwei Kollegen nach einem Ausfall der Kommunikation auf der Suche nach Hilfe zu einer anderen Forschungsstation aufgebrochen und nie zurückgekehrt sind. Das alles sehr schön ruhig erzählt, eigentlich passiert gar nicht viel und trotzdem habe ich die Geschichte aufgesogen. Tolles Buch, große Empfehlung.

The Brief History of the Dead von Kevin Brockmeier [Amazon-Werbelink]

 

1. Ich, Eleanor Oliphant von Gail Honeyman

An diesem Buch scheinen sich die Geister zu scheiden. Ich hörte viel Gutes darüber, im Nachgang aber auch einige kritische Stimmen. Allerdings gehöre ich zu der Fraktion, die dieses Buch, in dem eine soziale Außenseiterin sich mehr oder weniger unfreiwillig ins Leben der anderen kämpft, von vorne bis hinten sehr geliebt und innerlich abgefeiert haben. Die Stimme der Erzählerin des deutschen Hörbuchs ist wunderbar (vielleicht auch ein Grund mehr, warum ich so begeistert war), so dass Eleanors teilweise absurden Weltvorstellungen schnell gar nicht mehr so absurd wirken. Auch die restlichen Charaktere sind in ihrer Unperfektheit liebenswert und nahbar. Eine Geschichte, die mich sehr glücklich gemacht hat.

Ich, Eleanor Oliphant von Gail Honeyman [Amazon-Werbelink]

 

Die Plätze 10 bis 6 gibt es hier.

Tagebuchbloggen, 10.2.2019

Seit letzter Woche steht in meinem Büro ein Kinderwagen. Der Kinderwagen ist nicht für mich, er ist für Angela, er steht nur bei mir, weil ich meine Eltern als Kinderwagen-Mulis zwischen Berlin und Köln eingesetzt habe und nun wartet er eben hier auf Abholung.

Warum ich das eigentlich schreibe. Nichts verwirrt Kollegen so sehr wie ein Kinderwagen im Büro. Wenn Sie mal wieder mit sämtlichen Kollegen auf dem Flur ein paar Worte wechseln möchten, stellen Sie sich einen Kinderwagen ins Büro, ich schwöre, Sie kommen ins Gespräch.

***

Seit letzter Woche kommt wieder „Kitchen Impossible“ auf VOX, die Kochsendung, die mein Mann und ich aus ganzem Herzen lieben. Die gestrige Folge war besonders schön, erstens, weil Max Stiegl so ein angenehmer Wettbewerbskoch war und zweitens, weil es fast nur Essen gab, dass ich sofort essen wollte. Allerdings war mein Mann etwas irritiert, als ich in New York City „MATZENKNÖDEL“ rief, als Stiegl in New York City eine Hühnersuppe mit Einlage aus der schwarzen Box holte. Eventuell lese ich zu viele Kochbücher, wobei das natürlich gar nicht geht, zu viele Kochbücher lesen. Ich habe auch schon weiter recherchiert, in Köln gibt es einen koscheren Supermarkt, man kann jetzt ahnen, was ich demnächst aufsuchen werde.

***

Die Fähre für den ersten langen Campingurlaub ist gebucht, leider nur noch Innenraumkabine mit Hochbett, aber egal. Wir fahren jetzt also wirklich nach Litauen und gucken uns an, wo meine Oma ihre Kindheit und Jugend verbrachte und auf dem Nachhauseweg von der Schule nach eigenen Wort „das Haff glitzern sah“.

***

Mein Büro hat Aussicht auf einen Hinterhof mit zwei Vogelbeeren und zwei Hortensienbeeten. Das bedeutet auch, dass man quasi das ganze Jahr Vögel beobachten kann. In diesem Winter ist eine Wacholderdrossel neu, die jeden Tag vorbeikommt, um Beeren zu naschen. Heute ist ein neuer Vogel hinzugekommen, eher Finkgröße, graues Gefieder mit einem hellroten Schwanz. Eine erste Internetrecherche legt die Vermutung nahe, es könne sich um Hausrotschwanz handeln, ich bin aber noch nicht sicher und werde das weiter beobachten. Fotos sind gerade schwierig, der Baum ist noch etwas weit weg, der Vogel sehr klein und es steht außerdem ein Kinderwagen im Weg.

***

Mit viel Begeisterung gelesen: The Psychology of Time Travel von Kate Mascarenhas [Amazon-Werbelink], der Geschichte einer Pioniergruppe von Frauen, die 1967 eine Zeitmaschine entwickeln und einem Mord im Jahr 2017. Sehr schön durchdacht, in gewissem Sinne ein Whodunnit mit Zeitreise.

Außerdem Der Proceß von Franz Kafka [Amazon-Werbelink] und The Mystery of Edwin Drood von Charles Dickens [Amazon-Werbelink]. Beiden Büchern ist gemein, dass sie unvollendet blieben und posthum veröffentlich wurden. Bei Kafka merkt man es nicht ganz so, denn es gibt immerhin einen Schluss und außerdem ist es ja fast egal, ob man jetzt noch die sechste oder siebte Schleife bürokratischer Albtraumszenen mitmacht. Bei Dickens bleiben tatsächlich viele Fragen offen, weil es kein Ende gibt und die ganze Geschichte auf eine Auflösung hinauslief. Hat trotzdem Spaß gemacht, Top-Schriftstelle, gerne wieder, A+++.

Lieblingstweets im Januar (Teil 2)

LAUCHPUFFER MIT KINDERTRÄNEN! SCHREIBMASCHINEN! LINSEN UND SÜSSKARTOFFELN! RAVIOLI! UND DER OBLIGATORISCHE KONDO-TWEET!

Was Marie Kondo mit Softwareentwicklung und Faulheit zu tun hat

Die gute Marie Kondo, deren Buch ich ja im letzten Jahr las und die meine Aufräumpläne doch hilfreich anstoßen und unterstützen konnte, hat jetzt eine Serie auf Netflix und deswegen dreht Twitter gerade wieder etwas frei. Die einen, weil sie jetzt aufräumen, die anderen, weil sie genervt sind von denen, die aufräumen. Und dann noch die, die genervt sind, von denen, die genervt sind von denen, die aufräumen. Es ist wie immer kompliziert.

Was zunächst auffällt, ist die offensichtliche Ahnungslosigkeit der Kondo-Kritiker in Bezug auf das, was tatsächlich in den Büchern und der Serie erzählt und vorgeschlagen wird. Es ist sehr anstrengend, wenn Marie Kondo und Minimalismus in dieselbe Kiste geworfen werden, obwohl das eine mit dem anderen gar nichts zu tun hat.

Interessant finde ich aber vor allem, dass Sinn und Zweck der Übung teilweise radikal missverstanden oder zumindest zu eigenen Kritikzwecken verdreht wird und unter den Verdacht der „Selbstoptimierung“ gestellt wird. In der ze.tt wird Marie Kondo als der natürliche Feind der Faulheit dargestellt. Dieser Eindruck ist nicht grundsätzlich falsch. Bei Kondo geht es sogar explizit darum, sich vorzustellen, wie das ideale Leben aussehen könnte und seine Umgebung dahingehend aufzuräumen. Es ist aber auch nicht richtig.

Man kann das ganz schön mit einem Vergleich aus der Softwareentwicklung erklären. In der Softwareentwicklung gibt es das Prinzip der technical debt. Damit meint man die ganze Schuld, die man im Laufe des Entwicklungsprozesses anhäuft, weil man an der einen Ecke geschludert hat, an der anderen Ecke etwas aus Zeit- oder Bequemlichkeitsgründen anders gemacht hat, an der nächsten einen fiesen Hack dringelassen hat, weil er nun mal funktioniert und man gerade keine Zeit oder Lust hatte, es besser zu machen und so weiter. Am Ende funktioniert zwar alles irgendwie, aber sobald man an den Code muss, dauert es zwei bis fünf Mal so lange, ein neues Feature einzubauen oder einen Bug zu beheben, weil alles unordentlich ist, man erst verstehen muss, wie der Code eigentlich funktioniert und weil es auch keine funktionierenden automatischen Tests gibt, hat man an einer anderen Stelle einen Fehler eingebaut, der erst zwei Wochen später auffällt und den sich niemand erklären kann.

Die offensichtliche Lösung ist, hier von Anfang an sauber zu programmieren. Wenn das nicht passiert ist, dann kann man entweder weiter rumfrickeln und neue technische Schuld ansammeln oder man setzt sich einmal hin und baut mit viel Mühe, Tränen, Schweiß und unter Verwendung vieler bunter Schimpfwörter das Programm so um, dass die Verfahren sauber dokumentiert und einheitlich ist, die einzelnen Dateien ordentlich benannt sind und alles da ist, wo man es vermuten würde. Beim nächsten Bug oder neuen Feature, weiß man dann deutlich schneller, wo man nachgucken muss, wie und wo man eine neue Datei anlegt, wie sie heißen muss und mit welchen Programmiermustern man arbeiten muss.

Wenn man sich jetzt seine Wohnung oder sein Haus wie ein Programm vorstellt, dann wird klar, dass es tatsächlich sinnvoller ist, wenn die Kerzen nicht sowohl in der Sideboardschublade und im Schrank sind, sondern nur an einem Platz, denn wenn man jetzt Kerzen sucht, dann muss man nicht an zwei Orten gucken, sondern nur an einem und man muss sowieso gar nicht mehr suchen, weil man ja weiß, wo sie sind.

Abgesehen von den Leuten, die es von Anfang an richtig machen, ist es wahrscheinlich, dass wir ähnlich wie die Softwareentwickler bei ihrem Programm im Laufe der Jahre ganz viel Aufräumschuld auf uns geladen haben.  Schuld ist hier nicht im Sinne eines moralischen Fehltrittes zu sehen, sondern als eine Menge kleiner und großer Nachlässigkeiten, die sich zu einem unübersichtlichen Haufen angesammelt haben.  Das heißt nicht zwingend, dass die Wohnung aussieht wie ein Messiehaushalt oder man überhaupt nichts mehr wiederfindet, sondern nur, dass man oft nicht genau weiß, wo was ist und dann eben an drei Stellen suchen muss und dann etwas neu kauft, weil man nicht auf die Idee kommt, noch an der vierten Stelle zu suchen, wo es gewesen wäre. Wir besitzen aus diesem Grund übrigens zwei Christbaumständer und es ist mir immer latent peinlich, dass wir zwei Christbaumständer besitzen, obwohl wir wirklich nie zwei Christbäume haben, einfach weil wir den ersten nicht mehr gefunden haben.

Was in der Softwareentwicklung Refactoring heißt, also der teilweise sehr zeitraubende und aufwändige Prozess, Programme so umzubauen, dass sie sauberer, schöner und leichter wartbar sind, ohne dass man dabei die Funktionalität verändert, ist ein bisschen das, was man mit Marie Kondo für die eigene Wohnung macht. Man guckt sich einfach alles einmal an, wirft das raus, was man definitiv nicht mehr braucht und sortiert das, was man behalten will, so, dass man sicher weiß, wo es ist und es auch sofort findet, wenn man es sucht. Außerdem sorgt man dafür, dass alles, was man besitzt so sortiert ist, dass man schnell sehen kann, was man hat. Wenn man das einmal gemacht hat – und das gilt sowohl fürs Programmieren als auch fürs Aufräumen – und sich dann ein bisschen zusammenreißt und keine neue Unordnung ins Haus (oder in den Programmcode) trägt, wird das Leben danach tatsächlich einfacher.

Dabei ist es eben auch sinnvoll, sich wirklich alles auf einmal anzugucken, um überhaupt entscheiden zu können, was man behalten will und was nicht und wie man es am besten wegsortiert. Beim Programmcode hilft es, wenn ich wirklich alle Funktionen beisammen habe, die das gleiche tun, damit ich entscheiden kann, welche davon ich behalten und wo sie am besten abgelegt ist, damit ich sie dann wiederfinde, wenn ich sie benutzen möchte. Eventuell stellt sich heraus, dass von den vier Funktionen drei exakt das gleiche tun und eine doch etwas anderes, dann behalte ich zwei oder baue die eine so um, dass sie beides kann. Wenn beim Aufräumen wirklich alle Klamotten auf einem Haufen liegen und ich auf einmal merke, dass ich überraschend gar nicht nur einen, sondern vier Wintermäntel habe, dann behalte ich vielleicht nur einen oder zwei, weil der eine wärmer ist und der andere eine Kapuze hat oder eben alle vier, weil mich Wintermäntel glücklich machen, denn sie sorgen dafür, dass ich nicht friere. Hauptsache ist, ich weiß nachher, wo sie sind und dass ich mir nächsten November keinen neuen kaufen muss.

Es geht hier eben nur bedingt um Perfektion und vor allem geht es nicht um Perfektion um der Perfektion willen, sondern darum, Zeit sinnvoller zu verwenden als mit dem Suchen von Dingen. Jetzt kann es da draußen Leute geben, die gerne Sachen suchen und damit meine ich nicht dass Pippi-Langstrumpfeske Suchen von verlorenen Dingen auf schwedischen Landstraßen, sondern das Suchen eines Briefumschlags oder eines Teelichts oder des fucking Christbaumständers, von dem man weiß, dass ER HIER IRGENDWO SEIN MÜSSTE, GRMBLFX! Ich gehöre nicht dazu. Wenn wir uns eine Aktivitätsspaßskala von 0 bis 10 vorstellen, bei der 0 überhaupt keinen Spaß macht (Haare aus Abflüssen friemeln) und 10 sehr viel (betrunken Karaoke singen), dann befindet sich Sachensuchen auf einer soliden 4. Es ist nicht wirklich schlimm, ich würde es aber lassen, wenn ich könnte.

Suchen ist etwas, dass man selten freiwillig tut. In der Realität sucht man meistens etwas, weil man es braucht und nicht, weil man gerade so irre Bock auf Suchen hat. Braucht man etwas und findet es nicht, dann hat man meistens zwei Möglichkeiten: Entweder man wirft Zeit oder Geld auf das Problem und von beidem hat man selten zu viel. In der Softwareentwicklung sieht das ähnlich aus, man braucht doppelt so lange, um etwas einzubauen oder verbringt einen halben Tag damit, etwas zu programmieren, was schon längst da ist, nur dass hier – zumindest im professionellen Kontext – Zeit meistens gleichbedeutend mit Geld ist.

Marie Kondo ein Lob der Faulheit gegenüberzustellen, ist unfair und fachlich falsch. Das Ziel ist ja vielmehr, in Zukunft weniger Zeit mit aufräumen verbringen zu müssen. Wenn alles erst mal einen Platz hat, dann stellt man das Ding wieder dahin, wo es hingehört und ist fertig mit Aufräumen. Das gleiche gilt für aufgeräumten Programmcode. Ist erst mal alles an seinem Platz, dann kann ich das neue Feature schneller einbauen und den Bug schneller fixen, vor allem aber kann ich mich bei der Arbeit auf das konzentrieren, was Spaß macht oder verbringe zumindest nicht unnötig viel Zeit mit etwas, was mir keinen Spaß macht.

Es gibt vieles, was man an Kondo seltsam, überflüssig oder binsenweisheitisch finden kann, doch der Vorwurf des Perfektionismus ist falsch. Marie Kondo ist kein Angriff auf das Menschenrecht auf Faulheit, sondern für manche Menschen überhaupt erst der Weg dahin. Das Ziel ist nicht, zu einem  perfekten Menschen zu werde, der in einer makellosen Wohnung sitzt und ein eigenes Geschäftsimperium aufbaut, sondern, nervige Sachen nicht öfter als nötig tun zu müssen. Statt dessen kann man Dinge tun, die einem mehr Spaß machen. Zum Beispiel faul auf der Couch liegen und eine Serienstaffel bingen. In Schlumperhosen. Mit ungewaschenen Haaren. Marie doesn’t care.