Lieblingstweets im April woanders

Lieblingstweets im April (Teil 2)

FLÜGELLOSE EULEN! PILGERFAHRTEN! MOLEKÜLINTOLERANZ! STERNENZERSTÖRER! UND ALLES MIT HAMSTERN! HAMSTERSPENDER! HAMSTERSAMMLUNGEN! HAMSTER SIND SUPER!

Bücher 2014 – Plätze 5 bis 1

Es ist doch schon ein paar… ähm… Wochen her, dass ich die Plätze 10 bis 6 meiner liebsten Bücher aus dem Jahr 2014 veröffentlichte. Nun folgen die Plätze 5 bis 1. (Bücher aus dem Jahr 2014 bedeutet übrigens, dass es Bücher sind, die ich 2014 gelesen habe, nicht, dass sie im Jahr 2014 veröffentlicht wurden.)

Steelheart_cover5. Steelheart von Brandon Sanderson

Superhelden mal anders. In Steelheart retten sie nicht die Welt, sondern tyrannisieren die Menschen, was möglicherweise auch die realistischere Variante ist. David war als Junge dabei, wie sein Vater vom titelgebenden Steelheart umgebracht wurde, nachdem dieser den vermeintlich unbesiegbaren Epic, wie diese Menschen mit Superkräften genannt werden, verletzt hatte.

Jetzt ist David Teenager und schließt sich einer Gruppe Rebellen an, die die Epics bekämpft. Das ganze klingt nicht unbedingt so, als wäre hier das Rad neu erfunden wurde, ist aber dermaßen spannend, flott fantasiereich geschrieben, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Mein bester Young-Adult-Roman des Jahres 2014, mit Abstand.

Steelheart gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung ocelot in Berlin und in jedem Buchladen um die Ecke.

 

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4. Eine Frau spürt sowas nicht von Kirsten Fuchs

In Bayreuth gelesen, sehr gelacht. Dann meinem Mann auf der Fahrt von Bayreuth nach Frankreich daraus vorgelesen und mehrfach vor Lachen leider unfähig gewesen, weiterzulesen.

Kirsten Fuchs schreibt witzig, originell und nah am Leben, vor allem ihrem. Tatsächlich sind die Texte, in denen sie meiner Meinung nach zu Hochformen aufläuft, die, in denen sie ihre nicht ganz alltäglichen Alltagsgeschichten erzählt. Wie sie das Haus ihrer Eltern hüten muss, weil die Rohre erneuert werden (Strangsanierung heißt das im Fachjargon) oder wie sie sich Outdoorschuhe kaufen will. Oder wie sie mit ihrem Freund mal nicht an die Ostsee fährt und in einem als Hausboot verkleideten Ferienhäuschen landet. Oder wie sie mit ihrer Oma telefoniert.

Das ist alles ganz wunderbar und bei aller Absurdität immer noch so nah am wirklichen Leben, dass man denkt, es könnte genau so passiert sein. Jedenfalls fast genau so.

Eine Frau spürt sowas nicht  gibt es bei Amazon [Werbelink], als E-Book bei minimore und in jedem Buchladen um die Ecke.

 

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3. Die Besteigung des Rum Doodle von William E. Bowman

Ich habe Die Besteigung des Rum Doodle als Hörbuch gelesen von Jürgen von der Lippe gehört, was möglicherweise die beste Besetzung ist, die man sich wünschen kann.

Das Buch wurde erstmals 1956 veröffentlicht, warum es so lange dauerte, bis es bekannt wurde, bleibt ein Rätsel, denn diese Satire ist ganz hervorragend. Eine Gruppe von sieben englischen Gentleman beschließt, den Rum Doodle in Yogistan, den höchsten Berg der Welt zu besteigen. Leider entpuppt sich ein Mann nach dem anderen als vollkommen unfähig und kaum lebensfähig, der Navigator verläuft sich schon auf dem Weg zur ersten Zusammenkunft, alle Nase lang fällt irgendwer in eine Spalte und die wichtigste Frage lautet jederzeit: “Wo ist der Champagner und haben wir noch genug davon?”.

Erzählt wird aus der Sicht des Expeditionsleiters “Binder”, der die ganze Sache genauso wenig im Griff hat wie alle anderen, sich von den Trägern und dem yogistanischen Koch terrorisieren lässt, aber stets an dem Plan festhält, den Gipfel doch zu erreichen.

Maximal amüsant, schön grotesk, von Jürgen von der Lippe grandios gelesen. Kann man natürlich auch selber lesen, aber warum sollte man das tun wollen, wenn es so eine Alternative gibt?

Die Besteigung des Rum Doodle gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung proust in Essen und in jedem Buchladen um die Ecke.

 

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2. Sitzen vier Polen im Auto von Alexandra Tobor

Ola ist sechs Jahre alt und beschließt zu sterben. Weil sie die bittere Flüssigkeit nicht trinken will, die man ihr im Krankenhaus geben will. Wegen Tschernobyl. Statt dessen spuckt sie alles wieder aus, versaut dabei das gute Kleid aus der DDR und beschließt anschließend zu sterben. Ola wächst in Polen auf, im Osten, bis ihre Eltern kurz vor der Wende alles in ein Auto packen und mit ihr und ihrem Bruder in den goldenen Westen fahren.

Nur, dass im Westen gar nichts golden ist, sondern vor allem komisch. Komische Leute, komische Sitte, komische Kinder, komisches Essen. Ola muss feststellen, dass in der BRD trotz Schokolade und Spielzeug gar nicht alles so toll ist. Aber vielleicht ist dann doch nicht alles doof.

Ich habe Sitzen vier Polen im Auto in Frankreich an einem Abend quasi im Delirium von vorne bis hinten gelesen, weil ich nicht aufhören konnte. Alexandra Tobor, auch bekannt als @silenttiffy auf Twitter, hat hier ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, ganz direkt und mit genau der richtigen Dosis an Sentimentalität und Nostalgie, nie doof, nie kitschig, immer schön und oft witzig.

Sitzen vier Polen im Auto gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung Stories in Hamburg und in jedem Buchladen um die Ecke.

 

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1. Embassytown von China Miéville

Vorneweg: Embassytown ist das Gegenteil von einfacher Literatur, aber dafür ist China Miéville jetzt auch nicht wirklich bekannt. Embassytown fordert dem Leser einiges an Vorstellungskraft ab, genauso wie man sich auf die fast surrealen Außerirdischen einlassen muss. Die Ariekei sind die Bewohner des Planeten Arieka, auf dem Avice Benner Cho lebt, in einer Diplomatenstadt, einem Handelsposten am äußersten Ende des Universums.

Die Ariekei sprechen eine besondere Sprache, bei der jedes Wort aus zwei gleichzeitig gesprochenen Wörtern besteht. Die Ariekei können auch nicht lügen, nichts erfinden. Für jede Analogie brauchen sie ein konkretes Beispiel, etwas, das wirklich stattgefunden hat. Menschen und Ariekei kommunizieren über Botschafter, vollkommen aufeinander abgestimmte Paare von eigens für diesen Zweck modifizierten Menschen, die sich ein Bewusstsein teilen müssen, um die Sprache der Ariekei so sprechen zu können, dass sie verstanden werden. Bis ein neuer Botschafter kommt, nicht künstlich verändert. Ein Botschafter, der mit seiner Sprache die Ariekei so in seinen Bann zieht, dass es zur Katastrophe kommt.

An der Beschreibung merkt man schon, dass man es hier nun wirklich nicht mit leichter Science-Fiction-Kost zu tun hat. Doch die Welt, die Miéville entspinnt, ist gleichermaßen abgefahren wie schlüssig und faszinierend, die Geschichte fesselnd und verstörend. Das ist ein ganz großes Buch, auch wenn es sicher nichts für jeden ist.

Embassytown gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt und in jedem Buchladen um die Ecke.

Wider den Minimalismus

Minimalismus ist ja voll im Trend. Möglichst wenig, möglichst spartanisch, kein Besitz mehr, nur das Nötigste, schon wegen des nächsten Umzugs irgendwann oder weil Kapitalismus out ist, die Wohnung zu klein. Bücher liest man nur einmal, DVDs guckt man nur einmal, im Kleiderschrank hängt alles mögliche, was man eh nicht anzieht, keine Rumstehchen auf der Kommode, am besten gar keine Kommode, wozu auch, man hat ja kein Zeugs mehr, nur ein Sofa und einen Fernsehen. Nein, auch keinen Fernsehen, das geht auch mit dem Laptop.

Leute packen ihr gesamtes Hab und Gut in ein Lager, ziehen sich nackt aus und holen sich täglich eine Sache heraus, bis sie die wichtigsten Dinge wieder zu Hause haben. Alles andere ist unwichtig, braucht man nicht. Andere führen ein Wegschmeiß-und-Verschenk-Tagebuch im Netz, bei dem man täglich lesen kann, was sie heute endgültig und für immer und ewig aus dem Haushalt verbannt haben. Nicht an dem alten Kram hängen, sagen sie. Wozu die Muschel vom Strand von Sylt, ich kann mich auch ohne Muschel daran erinnern. Überall kann man die ultimativen Tipps und Tricks für den Weg zum Minimalisten lesen: Alles in eine Kiste packen und wenn man es nicht innerhalb eines Jahres herausgeholt hat, braucht man es wohl nicht. In der Küche muss eine gute Pfanne reichen und im Arbeitszimmer stehen die fünf wichtigsten Bücher, na gut, lass es zehn Bücher sein. Mehr braucht kein Mensch.

Pfannen

 

Ich aber sage: Doch. Der Mensch braucht mehr. Zumindest dieser Mensch hier braucht mehr. Ich habe lang genug bewundernd auf diese Menschen geschaut und beeindruckt von ihren Minimalismusabenteuern gelesen, habe das Thema in meinem Kopf hin und her gedreht und bin zu dem überraschenden Schluss gekommen: Ich möchte das nicht.

Ich möchte euren Minimalismus nicht. Ich mag mein Zeug, ich mag meine angesammelten Besitztümern, ich mag sie um mich herum haben, ich gucke sie gerne an, ich freue mich darüber. Nicht, weil ich so stolz bin, dass mir so viel gehört, sondern, weil sie Teil meiner Geschichte sind. Die Bücher um mich herum habe ich – na ja, zum größten Teil – gelesen. Sie waren mit mir in Urlaub, sind mit mir Bahn gefahren, lagen mit mir im Bett und auf dem Sofa. Meine Bilder sind teilweise schon mehrfach mit uns umgezogen. Der Reiskocher hat schon alle möglichen Phasen von Sushi bis Germknödel mitgemacht. Meine ersten CDs habe ich als Teenager gekauft und in meinem Kinderzimmer rauf- und runtergehört, während ich die Texte aus dem Booklet auswendig lernte. Die Tasse auf meinem Schreibtisch, in dem meine Stifte stehen, hat mein bester Freund aus New York mitgebracht.

Ich bin kein Messi. Unsere Wohnung ist üblicherweise halbwegs aufgeräumt und nicht vollgerümpelt. Wir werden sie auch nicht vollrümpeln. Ich will auch nicht, dass Leute mir was zum Hinstellen schenken oder nur dann, wenn ich auch sagen darf: “Danke, voll nett von dir, finde ich aber nicht so schön, dass ich es mir in die Wohnung stellen will, nimmst du das wieder mit?”  Ich habe einen Amazon-Wunschzettel und man kann mir jederzeit Dinge schenken, die man essen oder trinken kann, da muss man nicht noch übermäßig kreativ werden. Der größte Teil unserer Bücher, Klaviernoten, DVDs und Gesellschaftsspiele ist nach wie vor in 40 Kisten gepackt in einem Lagerraum, weil wir gar nicht wüssten, wohin damit. Aber wegschmeißen? Dazu steckt zu viel Liebe zu den Dingen in den Kisten, zu viel Interesse an diversen Themen, zu viel Zeit, die wir uns mit Sachen beschäftigt haben. Aussortieren ja, müsste man mal machen, sicher brauchen wir nicht alles davon, aber das meisten eben, das meiste brauchen wir doch. Nicht zum Überleben, aber zum Leben.

Brautstrauß

 

Dazu kommt: Ich mag das Zeug anderer Leute. Ich mag sehen, womit sie sich umgeben, was sie interessiert und interessiert hat, was ihnen wichtig ist und was sie in ihrem Leben angesammelt haben. Nichts ist langweiliger als ein Zimmer, in dem nur Möbel stehen, was soll das? Wer will denn so leben? Natürlich, das hat Vorteile: Man muss weniger putzen, weniger aufräumen, beim nächsten Umzug weniger schleppen, es ist immer automatisch ordentlich, man braucht kein zweites Regal, wenn das erste doch überraschend voll ist.

Nicht falsch verstehen, auch ich schmeiße Dinge weg, und spüre dabei eine gewisse Befriedigung. Bei dem letzten Umzug von Düsseldorf nach Essen haben wir mehrere Fuhren mit Müll zur Müllkippe gebracht und mit Freuden in Container geworfen. Ich überlege nur genauer, was ich wegwerfe. Im Zweifel fürs Behalten. Auf einer gewissen Ebene kann ich die Faszination des Wegwerfens nachvollziehen, aber es lässt sich eben nicht mit dem Glücksgefühl vergleichen, das sich einstellt, wenn ich in mein Bücherregal gucke. Das Bilderbuch von Dr. Seuss, das ich 1999 in New York gekauft habe oder das Buch über Seeotter, das ich 2009 in Monterey im Aquarium gekauft habe, oder die Lustigen Taschenbücher, die stellvertretend für die riesige Sammlung von Lustigen Taschenbüchern im Regal stehen, die Sammlung, die ich in einem Dingeloswerdwahn mit 16 oder 17 Jahren an den Sohn unseres Nachbarn verkaufte, viel zu billig und vor allem viel zu leichtsinnig. Was würde ich dafür geben, diese Sammlung wiederzuhaben. Ebenso wie meine Tagebücher (verbrannt, Teenager machen sowas), meine alten BRAVOs und die Briefe meiner Brieffreundinnen aus aller Welt (weggeschmissen, als Teenager denkt man, das würde einen nie wieder interessieren). Meinen Game Boy, WARUM ZUR HÖLLE HABE ICH MEINEN GAME BOY NICHT MEHR UND WAS HABE ICH DAMIT GEMACHT!?

Seuss

 

Überhaupt Nostalgie. Ja klar, wir alle werden im Netz eine Millionmilliarde Spuren hinterlassen. Wir sind ein Traum für die zukünftigen Generationen von Volkskundlern, es wird nie wieder Klagen darüber geben, dass es keine Primärquellen über das Leben der Menschen Anfang des Jahrtausends gibt. Wir hingegen saßen als Kinder bei den Großeltern, hielten vorsichtig die alten Schulbücher (Wie sonst habt ihr denn geglaubt lernte ich Sütterlin lesen?) in der Hand, blätterten immer und immer wieder durch die alten Fotoalben und standen ehrfürchtig vor dem Klappaltar, der kurz vor Weihnachten für ein paar Wochen zugeklappt wurde. Das alles wollen wir unseren Kinden und Enkeln vorenthalten. Sollen die doch unsere Facebookhistorie durchscrollen, wenn sie mehr über uns wissen wollen, zum Anfassen und Begucken gibt’s nichts mehr!

Dazu kommt, dass ich bereits zwei Behauptungen der Minimalismusbefürworter als für mich nicht tauglich enttarnt habe. Die meisten Dinge, so wird gesagt, würde man nie mehr vermissen. Ha! Unfug, sage ich. Ich vermisse regelmäßig Dinge, die ich weggeworfen oder nur sehr ungünstig verlegt habe, ich vermisse sogar die Dinge, die im Lager ihr Dasein fristen, ich hätte sie lieber bei mir. Ich würde sie gerne angucken, aus dem Regal holen, anfassen. Auch die Behauptung, was man ein Jahr nicht gebraucht hätte, würde man nie wieder brauchen, habe ich bereits als Humbug entlarvt. Ich finde zum Beispiel regelmäßig Kleider in meinem Kleiderschrank, die ich schon fast vergessen hatte und die ich dann mit Begeisterung wieder trage. Manchmal gehen Dinge kaputt, dann muss man sie wegschmeißen. Manchmal weiß man mit großer Sicherheit, dass man ein Ding nie wieder brauchen wird, dann kann man es auch wegschmeißen, verkaufen oder verschenken. Manchmal muss das Regal etwas leerer werden, manchmal werden alte Dinge durch neue Dinge ersetzt.

Aber dieser Hundert-Dinge-Minimalismus, das Reduzieren aufs Nötigste, der Wunsch nach Klarheit und das Streben nach Nichtbesitz, das ist nichts für mich. So bin ich nicht gemacht. Aber alle anderen dürfen natürlich weiter wegschmeißen und reduzieren, da stehe ich nicht im Weg. Irgendwann stehen dann alle in meiner Wohnung, mit großen Augen, wie in einem Museum und befingern vorsichtig Dinge.

Humidor

 

“Und was ist das?” werdet ihr fragen.

“Ein Humidor”, werde ich antworten. “Für Zigarren. Haben wir geschenkt bekommen.”

“Darf ich mal aufmachen?” werdet ihr fragen.

“Ist nix drin”, werde ich lächelnd sagen. “Aber so schön, guck mal, streichel mal drüber. Haben wir schon seit zwanzig Jahren.”

Und dann werdet ihr zum nächsten Ausstellungsstück gehen und ehrfürchtig meine Asterixsammlung begutachten.

“Fast komplett”, werde ich sagen. “Bis Band 26. Danach wurd’s doof. Und wenn ihr Band 10 sucht, der liegt gerade auf der Toilette. Damit man was zum Lesen hat.”

Das wird toll.

1945 – “Hello Soldscher!”

Als wir 2005 in Pennsylvania bei den Großeltern einer Bekannten waren, nahmen diese uns zum Sonntagsgottesdienst mit. “This is Peter and Anne”, stellten sie uns ihren Bekannten vor. “They are friends of Caitlin’s from Germany.” “Oh”, sagte eine ältere Frau lachend. “You were our enemies in the war.”

Der Bruder meiner Oma kam bei einem Bombenangriff auf Köln ums Leben.

Mein Opa flüchtete aus dem Sudetenland, meine Oma aus Ostpreußen. Sie trafen sich in Köln. Ohne den zweiten Weltkrieg würde meine Familie nicht existieren.

Jedes Jahr zu Weihnachten nahmen mich meine Großeltern mit zur Ostpreußen-Weihnachtsfeier im Kolpinghaus in Köln.

Meine Schwiegereltern sind Halbwaisen. Beide Väter “blieben im Krieg”, wie man sagte. Als ob sie irgendwo geblieben wären.

Der zweite Weltkrieg ist gleichzeitig so weit weg und doch so eng mit uns verbunden.

VOX zeigt heute von 12 Uhr bis 24 Uhr Originalaufnahmen und Zeitzeugeninterviews vom und über zweiten Weltkrieg. Jede Stunde ist einer anderen Stadt und einem anderen Thema gewidmet. Um 12 Uhr starteten wir mit Köln und nach fünfzehn Minuten kamen wir bei den Aufnahmen des zerstörten Kölns zum ersten (aber nicht zum letzten) Mal die Tränen.

Es regnet heute doch eh. Guckt das. Ich kann es nicht aus historischem Blickwinkel beurteilen, nur aus einem laienhaften, menschlichen, emotionalen. Aber aus diesem Blickwinkel ist das gut. Verstörend. Bewegend. Traurig. Tragisch. So weit weg und doch irgendwie so nah dran.

Gelesen: Alles wird gut und zwar morgen! von Toni Mahoni

mahonsenToni wird von seiner Freundin Peggy sitzengelassen, von jetzt auf gleich. Ein bisschen wegen seines Bauchs, aber vor allem wegen dem, was der Bauch bedeutet. Toni soll mal sein Leben in den Griff bekommen, nicht immer nur rumgammeln, findet Peggy und deswegen geht sie erstmal nach Barcelona und Toni bleibt in Berlin und hat Liebeskummer.

Wer Liebeskummer hat, findet Tonis Kumpel Meta, der gehört nach Mallorca. Der soll nicht im tristen Berlin vor sich hin trauern, und sich lieber am Meer sonnen. Deswegen fliegt Toni nach Mallorca, hängt mit Meta und Ronny in einer Finca rum, springt mit spanischen Mädchen von der Klippe ins Meer und wird auf eine Party in der Nachbarvilla eingeladen, wo er sich im Rausch spontan in eine Statue verliebt und mit ihr zusammen umkippt. Die Statue zerbricht, die mafiösen Söhne des Villabesitzers sind wenig erfreut, Meta gibt Toni als Bildhauer aus und Toni wird mit einem Zettel, auf denen die Maße der Statue stehen, zurück nach Berlin geschickt.

Das alles passiert auf den ersten vierzig Seiten von “Alles wird gut und zwar morgen!” von Toni Mahoni und in diesem Tempo geht es weiter. Er trifft Moni, die ihn wiederum mit Vlad bekannt macht, der tatsächlich Bildhauer ist, aber vor Arbeitsbeginn erstmal ein paar Aufträge hat. Also fährt Toni nach Polen, um Wodka zu besorgen und nach Frankreich, um Bressehühner aufzutreiben, lebend wohlgemerkt. Währenddessen sucht Peggy in Barcelona nach Informationen über die Statue und kommt dabei einem Kunstskandal auf die Spur, die Mafiosibrüder halten Meta und Ronny auf Mallorca als Geiseln und Toni lernt Katja kennen.

Im Auto atmete ich auf. Die Dinge waren auf den Weg gebracht. Was hatte ich eigentlich früher getan, als ich noch nicht Figuren der größten Bildhauer der Geschichte fälschen ließ, um meine Haut zu retten? Hatte ich nicht auch mal Musik gemacht? Wo war eigentlich meine Band? Wo waren die Partys und die Fressgelage mit mehreren Gängen und die Feste mit Tanz und fröhlichem Ringelpiez? Und wo zur Hölle war vor allem Peggy? Was war denn so schlecht an meinem Bauch? Wo war überhaupt mein Bauch?

“Alles wird gut und zwar morgen!” ist ein wunderbar federleichtes Buch ohne dabei seicht zu sein. Wie sich Toni von einer scheinbar unlösbaren Aufgabe zur nächsten manövriert und dabei stets kurz vorm Resignieren eben doch nicht aufgibt, ist so schön liebevoll, einfach und unkitschig erzählt, dass man dieses Buch von vorne bis hinten schon alleine deswegen liebhaben muss. Dazu kommen die skurrilen Charaktere, und die Geschichte, die sich stets einen Hauch zu weit von der Realität bewegt, aber eben nur so weit, dass man immer wieder denkt: “Aber es könnte so passieren.”

Ein Sommerbuch, aber vielleicht auch ein Buch für alle Tage, an denen man denkt, es wäre alles ein bisschen zu viel. Denn wenn wir ehrlich sind: Wenn ein Toni Mahoni eine Statue fälschen kann, dann schaffen wir das auch mit der Steuererklärung.

Alles wird gut und zwar morgen! von Toni Mahoni ist 2014 im Galiani Verlag erschienen, hat 320 Seiten und kostet als broschierte Ausgabe 14,99 Euro. Man kann es auf Amazon [Werbelink] kaufen, bei der Buchhandlung Proust in Essen und bei jedem anderen Buchhandel.

Das Buch auf der Verlagsseite

Toni Mahoni in der deutschen Wikipedia

Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Das hat keinen Einfluss auf meine Rezension.

Gelesen: China 151 von Françoise Hauser und Volker Häring

BuchcoverEigentlich habe ich mit China nicht viel zu tun. Ich war einmal für zwei Tage in Hong Kong und bin seitdem von dieser Stadt und möchte unbedingt noch mal hin. Außerdem hatte ich in der elften Klasse ein halbes Jahr Chinesischunterricht, bis mir und meiner Freundin bewusst wurde, dass wir hier gerade Hochchinesisch lernten, was uns – zumindest, was das Sprechen und Verstehen angeht – sollten wir je nach China kommen, ungefähr überhaupt nicht weiterhelfen würde. Ein bisschen Faulheit wird bei der Entscheidung, den Kurs abzuwählen, wohl aber auch eine Rolle gespielt haben. Trotzdem wurden wir ungläubig angesehen, weil wir anscheinend als einzige im Kurs nicht das geringste Problem damit gehabt hatten, Schriftzeichen auswendig zu lernen.

Nach einem etwas längeren, aber ebenso wenig erfolgreichen VHS-Kurs in Japanisch weiß ich jetzt jedenfalls den wesentlichen Unterschied zwischen Japanisch und Chinesisch. Chinesisch hat quasi keine Grammatik, dafür scheitert man als Europäer an der Aussprache (ich sag nur “Tonhöhen”). Japanisch dagegen kann man als Europäer super aussprechen, aber die Grammatik ist ein kleines wehrhaftes Arschloch.

So einfach die Grammatik im Chinesischen ist (aus einem Satz macht man eine Frage, indem man ein “ma” hintendran hängt), so komplex ist der Rest von China. Und das lässt sich in 151 kleinen Häppchen in dem Buch “China 151 – Das riesige Reich der Mitte in 151 Momentaufnahmen” nachlesen. Hier wird alles oder zumindest fast alles abgearbeitet, was einem bei einer Chinareise seltsam vorkommen könnte. Denn es wird einem viel seltsam vorkommen. In Hong Kong hatte ich tatsächlich meinen ersten richtigen Kulturschock. (Vermutlich hätte ich schon in Vietnam einen gehabt, aber da waren wir geschäftlich und in Hotels und Konferenzzimmern lässt es sich nur bedingt kulturschocken.) Und Hong Kong ist meines Wissens “China light”, the best of China mit einem beruhigenden westlichen Einfluss.

151 Momentaufnahmen also, angefangen vom eher problematischen Umgang der Chinesen mit Afrikanern, der Möglichkeit, seine Ahnen auch online zu verehren oder dem Hang, alles abzureißen und neu aufzubauen (“Chai”) über diverse aus unterschiedlichen Gründen zu verehrende Götter, Karaoke, Lotusblumen und Pekingoper bis zum chinesischen Zirkus und dem letzten Kapitel “Zu viele Menschen”. Die Texte sind kurz und können so leider das Thema immer nur anreißen. Eine Seite Text, ein Bild dazu, das muss reichen. Wer mehr wissen will, weiß aber jetzt immerhin, wonach er suchen muss und gewinnt so auf den knapp 300 Seiten zwar einen etwas oberflächlichen Überblick über dieses seltsame Land und seine Menschen, hat dafür aber überall mal reingeschnuppert. Das ist schön für zwischendurch, man muss es nicht am Stück lesen, sondern kann eine zufällige Seite aufschlagen und einfach mal lesen. Andererseits stellt sich so eben auch der “Na komm, eins noch”-Effekt ein und dann hat man auf einmal doch das ganze Buch durchgelesen und ist doch ein bisschen schlauer als vorher.

“China 151″ ist ein Rundumschlag, der kaum einen Aspekt auslässt, China gleichzeitig kritisch und liebevoll betrachtet und den unbedarften Leser damit zumindest einen Hauch näher an dieses fremde Land heranführt. Nach der Lektüre möchte ich jedenfalls ein bisschen dringender noch mal nach Hong Kong. Und den Rest von China müsste man sich dann vielleicht auch mal angucken, nur um es alles mal selbst zu erleben.

“China 151″ von Françoise Hauser und Volker Häring ist im Conbook Verlag erschienen, hat 288 Seiten und kostet 14,95 Euro. Man bekommt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung stories in Hamburg oder bei jedem anderen Buchhändler.

Mehr zum Buch

Conbook Verlag

(Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies hat keine Auswirkungen auf meine Rezension.)