Quasitagebuchbloggen, 30.04.2021 (Die Geschichte vom Angsthund)

Ich habe ja jetzt schon mehrfach auf verschiedenen Kanälen den Hundetrainer erwähnt, der unserem Hund attestierte, ein Angsthund zu sein und wollte das jetzt mal etwas ausführen, erstens, um den Hundetrainer ein kleines bisschen zu rehabilitieren, aber auch, um genau das Gegenteil zu tun.

Jedenfalls waren wir vor ein paar Monaten auf einem Feld, auf dem man auch gut mit Hunden spazieren gehen kann, weil die meisten Hunde da frei laufen, genug Platz ist, dass sie miteinander spielen können und die nächste Straße weit genug weg, als dass man nicht dauernd Schiss haben müsste, dass der Hund aus Versehen auf die Straße läuft. Die nächste Hundewiese hier ist nämlich genau neben einer mehrspurigen vielbefahrenen Straße und ich frage mich immer, was die Statdplaner, die Flächen als Hundefreilaufflächen glauben, wie groß der Prozentsatz der Hunde ist, die da wirklich ohne Probleme frei laufen können.

Auf diesem Feld geht auch ein Mensch mit einem Hund spazieren, vor dem unserer aus noch nicht geklärten Gründen Angst hat. Unseres Wissens hat der Hund unserem nichts getan, es gab bisher exakt zwei Begegnungen (bei der ersten war ich nicht dabei) und in beiden Fällen wollte unser Hund sehr dringend weg und hat das im Rahmen seiner Möglichkeiten dann auch gemacht. Der andere Hund ist ein Landseer, die sehen ein bisschen aus wie etwas größere, etwas schlankere Bernhardiner, die Wikipedia sagt aber, dass sie mit Neufundländern verwandt sind.

Bei der zweiten Begegnung war nun ein Hundetrainer anwesend, der mit seinen Hunden ebenfalls spazieren ging. Nun war die Situation zugegebenermaßen etwas verworren, es ging nämlich eine etwas ruppige Spielsituation mit einem der Schäferhunde des Trainers voraus. Schäferhunde findet unser Hund grundsätzlich interessant, sie spielen aber oftmals etwas ruppiger als er das gut findet und dann möchte er das nicht. Bislang hat ihn das aber nicht daran gehindert, unbekannte Schäferhunde kennenlernen zu wollen. Aus dieser Spielsituation kam der Mensch mit dem Landseer, unser Hund sah den Landseer und verließ zügig den Ort des Geschehens und zwar ohne dass der Landseer auch nur annäherungsweise irgendwas getan hätte. Dann versuchte ich sehr lange, den Hund wieder an die Leine zu nehmen, weil er ja nicht doof ist und der Landseer da immer noch rumstand.

Als ich wiederkam, war der Landseer weg und der Hundetrainer überzeugt, dass wir einen Angsthund hätten. Nun haben wir den Hund ja schon etwas länger und haben folgendes festgestellt. Er hat Angst vor: Straßenbahnen, Drachen, Zeppelinen und anderen tieffliegenden Dingen, Menschen, die stark nach Alkohol oder Zigaretten riechen, Silvesterböllern und Landseern. Oder vielleicht einem Landseer, es ist noch unklar, wir kennen nur den einen. Ansonsten läuft der Hund sehr fröhlich zu anderen Menschen und Hunde und möchte sie dringend kennenlernen. Das häufigste, was ich höre (neben „Oh, der ist aber hübsch!“) ist „Oh, der ist aber freundlich.“

Wir versuchten mehrfach klarzustellen, dass er aus unbekannten Gründen sehr konkret Angst vor diesem einen Hund hätte und sonst sehr sozial sei und gerne mit anderen Hunden spiele, gegebenenfalls etwas unsicher, aber sicher nicht ängstlich sei, während der Hundetrainer davon redete, dass er sich auskenne, er hätte selber schon viele Angsthunde im Training gehabt. Dann versuchte er ein paar Anti-Angstübungen mit unserem Angsthund zu machen, die den Hund komplett verunsicherten, was den Trainer in seiner Meinung bestärkte, es hier mit einem Angsthund zu tun zu haben.

„Würden Sie sich jetzt trauen, den los zu machen?“ fragte er dann irgendwann und wir sagten nur etwas irritiert „Ja, klar.“ Der Landseer war ja weg, der Hund ist ansonsten nicht für dauerndes Weglaufen bekannt. Wir machten den Hund los und der Hund machte: Nix. Warum auch?

Ich möchte dem Tiertrainer jetzt zugute halten, dass die Situation für Außenstehende tatsächlich etwas verwirrend war, weil der Weglaufsituation ja gar keine Interaktion mit dem Landseer, sondern eine Spielsituation mit einem anderen Hund vorausgegangen war. Auf der anderen Seite kam die Pauschaldiagnose „Angsthund“ so übereilt und überzeugt, dass sie mir wie eine Standarddiagnose vorkam. Auch das wäre noch nicht das Problem, aber wir kannten den Hund da ja schon etwas länger und wiederholte Beteuerungen, dass das jetzt exakt zwei Mal vorgekommen war und zwar bei exakt dem gleichen Hund (was der Mensch mit dem Landseer übrigens bestätigte) und er ansonsten super mit anderen Hunden klarkommt, halfen nicht. Wir hatten ganz augenscheinlich einen Angsthund, der dringend Anti-Angsthundtraining brauchte.

Nur um das klarzustellen: Ich glaube sehr, dass Hundetrainer Dinge sehen, die man als Hundehalter vielleicht nicht sieht, erstens sind sie dafür ausgebildet und zweitens haben sie von Berufs wegen mehr Erfahrung. Ich erwarte aber auch, dass mir als Hundehalter zugehört wird, wenn ich meine Erfahrungen aus mehr oder weniger 24/7 Zusammenleben mit dem Hund schildere, die quasi diametral von der Diagnose abweichen. Hundetraining ist auch Menschentraining und wenn ich da als Mensch nicht abgeholt werde, bin ich raus.

Wir sind dann irgendwann weitergegangen und jedenfalls, worauf ich eigentlich hinauswollte, gestern waren wir wieder auf der Hundewiese und der Hund traf einen rumänischen Husky und einen Labradormix (Herkunftsland vergessen) und man sieht hier ganz offenkundig das Verhalten eines Angsthundes im Freilauf:

2 Antworten auf „Quasitagebuchbloggen, 30.04.2021 (Die Geschichte vom Angsthund)“

  1. „Ich erwarte aber auch, dass mir als Hundehalter zugehört wird, wenn ich meine Erfahrungen aus mehr oder weniger 24/7 Zusammenleben mit dem Hund schildere, die quasi diametral von der Diagnose abweichen.“

    Hatte mal genau die gleiche Situation, nur ohne Hund und mit Ärztin statt Hundetrainer.

    Sie: X ist weil Y.
    Ich: Nein, denn Y ist seit Jahren so und X ist neu.
    Sie: Sie müssen mir schon glauben, dass ich mich auf diesem Gebiet auskenne.
    Ich: Sie müssen mir schon glauben, dass ich meinen Körper kenne.
    Sie: Das können Sie nicht beurteilen.

    War mein letzter Besuch dort. X hörte dann irgendwann auf, Y ist nach wie vor der Fall.

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