Tagebuchbloggen, 01.05.2021 (wo wir fast ein bisschen neuropsychologisch werden)

Ich möchte das einleiten mit der Aussage, dass ich mein Gehirn total abgefahren krass finde.

Es war nämlich so gewesen:

Vor einige Jahren ging mein letzter Desktop-PC kaputt. Er ging einfach nicht mehr an und ich hatte keine Nerven, ihn durchzuchecken und reparieren zu lassen. Irgendwann baute ich einfach die beiden Festplatten aus und seitdem liegen diese Festplatten immer in irgendeiner Schublade. Irgendwann kaufte ich zwei Hüllen für die Festplatten, damit sie nicht aus Versehen kaputt gehen. Dann lagen sie weiter jahrelang rum.

Neulich kaufte ich dann endlich einen SATA-auf-USB-Adapter nach kurzer Nachfrage auf Twitter, wo mir der gute Ratschlag gegeben wurde, man müsste darauf achten, dass der Adapter eine eigene Stromversorgung bräuchte. Der Adapter kam und es funktionierte exakt so, wie ich es mir vorgestellt hatte, ich konnte sofort auf alle Daten der Festplatte zugreifen und in meine Vergangenheit eintauchen. Ein paar Bilddateien, die ich mir zur Wiederherstellung eines alten Blogprojekts erhofft hatte, fand ich leider nicht, dafür alte Musikaufnahmen und Liedtexte, die ich teilweise noch im Hinterkopf, teilweise komplett vergessen hatte.

Ein Lied konnte ich jetzt über den Text komplett melodisch und harmonisch rekonstruieren und hier fängt jetzt die Geschichte mit meinem faszinierenden Gehirn an. Am Anfang starte ich nämlich nur auf den Text und erinnerte mich zwar schwach, konnte mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, da wieder irgendeine Melodie singen zu können. Dann kramte mein Gehirn von irgendwoher einen Rhythmus hervor und dann Teile einer Melodie und nachdem ich das dann am Klavier ein paar Mal spielte, kramte mein Hirn immer mehr Teile raus und jetzt kann ich das Lied wieder komplett spielen, obwohl ich einfach mindestens 15 Jahren nicht darüber nachgedacht hatte. Das Lied stammt aus der Frühphase meiner musikalischen Schaffenszeit, es muss irgendwie im Alter zwischen 15 und 17 entstanden sein. Das weiß ich, weil es ein konkretes Lied gibt, das den Anfang der brauchbaren Songs darstellt und da war ich 17, das kommt nämlich im Text vor.

Demnächst nehme ich das rekonstruierte Lied mal auf, nur der Vollständigkeit halber, dann kann ja jeder selbst beurteilen, wie pubertär genau es ist. Es gab noch zwei andere komplette Liedtexte, mit denen habe ich aber ein bisschen mehr Schwierigkeiten. Ich weiß Teile der Melodie, aber die Erinnerung an das komplette Lied hat sich noch nicht wiedergefunden.

Jetzt kommt der eigentlich richtig abgefahrene Zeit. Auf irgendeinem Weg hat sich nämlich die Melodie eines anderen Songs dazwischengeschoben. Erst dachte ich „Ah ja, da war irgendwas“, war aber nicht sicher, ob das nur mal eine grobe Skizze oder ein kompletter Song war. Dann wusste ich auf einmal, doch, doch, das war mal fertig. Dann fielen mir die ersten Worte ein und dann der zweite Teil der ersten Strophe, mehr oder weniger komplett, vier Zeilen. Dann dachte ich, okay, das war’s, mehr kriegst du nicht mehr ausgegraben.

Seit heute ist der erste Teil der zweiten Strophe da, ich habe eine grobe Ahnung, wie der Refrain (oder Teile davon) sind und weiß die komplette erste Zeile. Und jetzt dachte ich schon mehrfach, „Okay, das war’s aber jetzt, mehr fällt mir nicht ein“ und lag jedes Mal falsch, also warte ich mal ab, aus welchen Untiefen mein Gehirn vielleicht doch noch mehr befördert. Es ist unfassbar spannend, ich weiß nicht, wo das herkommt, eine komplette Überraschung. Allerdings habe ich jetzt natürlich noch mehr Bock, mehr rauszufinden und frage mich, wo ich in der Kohlenstoffwelt buddeln müsste, um vielleicht anfassbare Überbleibsel auszugraben. Es muss irgendwo noch Notizbücher oder Dateien geben, vielleicht muss ich Diskettenlaufwerk oder einen Kassettenrekorder kaufen, wer weiß? Muss ich bei meinen Eltern im Keller suchen oder bei uns im Lagerraum, WHO KNOWS?

Das erinnert mich auch an die Geschichte, als mein Mann und ich in Bordeaux in einem Restaurant saßen und über ein Restaurant in Tallinn sprachen, in dem wir 2009 oder so gegessen hatten und das ein estnischer Starkoch betrieb. Ums Verrecken fiel uns der Name nicht ein, wir hatten nicht einen Anhaltspunkt, nicht vom Vornamen, nicht vom Nachnamen, wir wussten nichts mehr. Aber irgendwie war unser Sportsgeist geweckt, wir wollten das unbedingt selbst rausfinden, durch intensives Nachdenken. Am Ende hatten wir’s: Imre Kose heißt der Mensch. NUR DURCH NACHDENKEN!

Gehirne! Krass!

Eine Antwort auf „Tagebuchbloggen, 01.05.2021 (wo wir fast ein bisschen neuropsychologisch werden)“

  1. Da sprachliche Inhalte links und nichtsprachliche Inhalte rechts jeweils im Temporallappen verarbeitet werden, wo auch die Einspeicherung entsprechender Inhalte erfolgt (über den Hippocampus), überrascht mich das jetzt nicht so. Wenn Sie gute Verbindungen zwischen linker und rechter Hirnhälfte haben, sollten sich die früheren Assoziationen rasch wieder einstellen.

    Imre Kose klingt für mich wenig estnisch, eher ungarisch. Gibt es dazu eine Geschichte?

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