Zwei Mal Alltag bitte

Im Schwimmbad in der Dusche, ich bin gerade mit dem Schwimmen fertig, als nächstes steht wohl Babyschwimmen auf dem Plan, jedenfalls brachte eine Frau Poolnudeln und eine nackte Babypuppe mit ans warme Planschbecken, wo wir uns nach dem Bahnenziehen immer zum Plauschen treffen. Eine Mutter kommt in die Dusche mit ihre Baby im Tragesitz. Bei der Suche nach einer passenden Dusche findet sie keine mit der geeigneten Temperatur und das Baby fängt an zu weinen, weil es ein bisschen zu kaltes Wasser abbekommen hat.

Am schönsten ist aber das Bild zwei Minuten später, das Baby hat aufgehört zu weinen und eine Gruppe nackter und halbnackter Frauen stehen verzückt im Kreis herum und freuen sich über das Kind. Davon hätte ich gerne ein Bild, am besten gemalt, Hopper könnte das gut oder Katia, ein trister Schwimmbadduschraum, auf dem Boden das Baby im Sitz und drumherum lauter Frauen unterschiedlichsten Alters mit unterschiedlichen Körpern von durchtrainiert bis dick, aber alle gänzlich uneitel und vor allem uninteressiert am eigenen Körper und an den Körpern anderer erst recht, weil da ein Baby auf dem Boden steht und zum Lachen gebracht werden soll.

Später im Feinkosthandel an der Fischtheke, ich will eigentlich nur Jakobsmuscheln kaufen, ich habe mir da etwas überlegt, ein Risotto mit Chorizo und Jakobsmuscheln, eine Art spanischer Paella nur mit Risotto, nur ohne Hühnchen oder na ja, vielleicht ist die Paella-Analogie etwas weit hergeholt, es ist auch egal, ich stelle es mir lecker vor. Dazu brauche jedenfalls Jakobsmuscheln und deswegen stehe ich an der Fischtheke. Vor mir ein älterer Herr, graue Haare, Brille, Schnurrbart, er erkundigt sich erst nach den kleinen Seeschnecken, wie man die zubereite. Einfach in kochendes Salzwasser, sagt der Fischmann, und dann mit dem Zahnstocher raus. Ja, wie man sie isst, weiß er, sagt der Mann, nur wie man sie kocht nicht. Dann nimmt er noch ein paar große Schnecken, die sind schon gekocht, dann noch sieben Garnelen, sieben Austern von den günstigen und acht Meeresmandeln, das sind auch Muscheln, die könnte man auch einfach kochen, sagt der Fischmann. Nicht auch roh essen, fragt der Mann. Roh geht auch, sagt der Fischmann, die Franzosen essen das auch roh. Acht Meeresmandeln kauft der Mann und dann noch Fisch.

Ich könnte schon längst drankommen, dafür müsste ich mich nur in eine andere Schlange stellen, aber ich möchte jetzt wissen, was der Mann noch so alles kauft und außerdem finde ich interessant, was der Fischmann sagt, also warte ich einfach da, wo ich stehe.

Hier, die Schwertmuscheln, sagt der Fischmann, die könnte er doch auch noch nehmen und hält ein Säckchen Schwertmuscheln hoch. Aber nicht so viele, sagt der Mann. Die könne er auch einzeln, sagt der Fischmann und schneidet das Netz auf. Der Mann nimmt die Hälfte des Schwertmuschelsäckchens und dann ist der Einkauf fertig.

Sechs Jakobsmuscheln, sage ich. Und dann noch acht Schwertmuscheln. Wenn das Säckchen jetzt eh schon auf ist. Mein Einkauf ist schnell fertig, aber auch für Zugucker nicht so interessant.

Lieblingstweets im Februar (Teil 1)

ZUCKERVERZICHT! TESAFILM! KRITIK DES ANALOGEN! DRAMA BEI DER PFLANZENIDENTIFIKATION! UND BROT! WIE KAUFT MAN EIGENTLICH BROT?

Lieblingstweets im Januar woanders

Lieblingstweets im Januar (Teil 2)

BIENENFORSCHERINNEN! GIN TONIC MIT KOHLRABI! ANTI-SAUERSTOFF-PARTEIEN! AUSGEDRUCKTE ZIEGEN! UND SCHON WIEDER SO EIN LANGWEILIGES PFERD!

Demokratiestöckchen

Frau Donnerhall hat mir vor einigen Monaten ein Demokratiefragestöckchen zugeworfen und auch wenn ich mich ein bisschen vor meinen eigenen Antworten fürchte, sehe ich es als meine Bloggerpflicht, es nach bestem Wissen und Gewissen auszufüllen und weiterzugeben.

Was bedeutet der Begriff Demokratie für dich – unabhängig von seiner Definition?

Boah, ey! Gleich mal mit der schwierigsten Frage anfangen oder wie? Demokratie bedeutet, dass prinzipiell das Volk darüber entscheidet, was im Land passiert, in den meisten Fällen implizit durch gewählte Vertreter, die dann im besten Fall das machen, was sie vorher auch angekündigt haben und im schlimmsten Fall etwas ganz anderes. Vielleicht muss man Demokratie aber auch besser mit dem erklären, was sie nicht ist, nämlich eine Staatsform, in der irgendjemand da ganz oben auf unbestimmte Zeit einfach mehr oder weniger tun kann, was er oder sie am besten findet und alle müssen sich damit abfinden. Oder umgekehrt als das Gegenteil zu einer Gesellschaft, wo es überhaupt keine Absprachen gibt und alle nur machen, was sie gut finden, das nennt man glaube ich Anarchie und eventuell ist Anarchie aber auch nur eine sehr extreme Form von Demokratie, was weiß denn ich? Es ist, wie immer, kompliziert.

 

In welcher Form bzw. unter welchen Umständen könntest du dir vorstellen dich außerhalb der Stimmabgabe politisch zu engagieren? Anders gefragt – was hält dich ab?

Wir leben leider in Zeiten der Unverbindlichkeit und ich bin auch eines ihrer Opfer. Das, was mich an politischem Engagement am meisten abhält ist der zu erwartende Zeitaufwand bzw. die Freizeiteinbußen und das Zu-einem-bestimmten-Zeitpunkt-irgendwo-sein-Müssen. Ich habe so schon das Gefühl für alles zu wenig Zeit zu haben. Außerdem schrecken mich Partei- bzw. Vereinsstrukturen ab, ich will mich nicht vom Kassenwart zum Irgendwas hocharbeiten müssen, um irgendwann mal bei irgendwas wirklich aktiv mitmachen zu können. Das ist aber auch eine Schreckensvorstellung des Parteitums, das jeder praktischen Erfahrung entbehrt, in Wirklichkeit ist es wahrscheinlich gar nicht so schlimm. Abgesehen davon gibt es auch keine Partei, die mich so anspricht, dass ich mich ihr voll und ganz verschreiben wollen würde. Für Demonstrationen bin ich zu bequem und mag außerdem keine Menschenmassen und goutiere dementsprechend, dass es genug Menschen sind, die offensichtlich motivierter sind als ich und sich lieber als ich zusammentummeln und in meinem Sinne ihre Meinung kundtun.

Vielleicht zählt es, dass ich im Alltag versuche, mich möglichst anständig zu verhalten und meine politischen, moralischen und gesellschaftlichen Vorstellungen immer irgendwie im Alltag rumschleppe. Aber das machen vermutlich alle Leute irgendwie.

 

Kannst du dir vorstellen freiwillig in einer anderen Regierungsform als der Demokratie zu leben? Falls ja, in welcher?

Nicht wirklich, nein. Vielleicht in einer Monarchie mit einem sehr gütigen König, aber wer weiß, wie dann die Königskinder drauf sind und dann hat man den Salat.

 

Hast du schon einmal „aus Protest“ gewählt? Wenn nein, kannst du es dir vorstellen? Oder wäre Nichtwählen deine Form des Protests?

Nein. Ich bin großer Fan davon, das kleinste Übel zu wählen. Wenn mir schon alles nicht gefällt, dann wähle ich eben das, was mir irgendwie noch am ehesten zusagt. Meistens sind das die Grünen, weil ich mich da mit den Grundwerten noch ganz gut identifizieren kann. Wenn ich Protestwählen würde, dann würde ich irgendeine kleine Partei oder eben die PARTEI wählen. Eine Satirepartei als Protestwahlpartei scheint mir ganz gut zu passen, zumal ich ja da in dem irren Glauben lebe, wer gute Satire macht, muss zumindest einigermaßen intelligent sein. Nichtwählen kommt eher nicht in Frage, wobei ich nicht ausschließen möchte, dass ich bei der ein oder anderen lokal begrenzteren Wahl auch mal aus Desinteresse nicht hingegangen bin.

 

Zusammenarbeit und Kommunikation mit dem politischen Gegner – unter allen Umständen? Gibt es eine Alternative zur Diplomatie?

Es gibt immer Alternativen, nur muss man halt abwägen, was die Konsequenzen sind und ob man diese verantworten kann.

 

Wer möchte, darf sich das Stöckchen nun gerne nehmen und weiter in die Welt tragen. Eventuell ist es dieses Jahr noch wichtiger als es letztes Jahr ohnehin schon war.

Lieblingstweets im Januar (Teil 1)

GUTE VORSÄTZE! MEHR GUTE VORSÄTZE! EISBÄRENFAMILIEN! RONALD REAGAN! UND FRÜCHTE WIE SEIFEN!

Bücher 2016 – Plätze 5 bis 1

Weiter geht’s mit der ultimativen und höchst subjektiven Bücherhitliste. Zu den Plätzen 10 bis 6 geht es hier.

5. The Fifth Season von N.K. Jemisin

Schon etwas länger her, dass ich das gelesen habe, deswegen erinnere ich mich auf eher abstrakte Art und Weise an den Inhalt und eben daran, wie gut mir das alles gefallen hat. Ich zitiere mal der Einfachheit halber aus meiner damaligen Kurzrezension:

Die Erde in The Fifth Season ist zerbrochen, ein riesiges Erdbeben ist der Auslöser, man richtet sich auf Jahre oder gar Jahrzehnte harten Lebens ein. Diese fünfte Jahreszeit gibt es immer wieder, Auslöser sind tektonische Ereignisse, die das Gesamtgefüge so durcheinander bringen, dass es in dieser Jahreszeit immer ums nackte Überleben geht.

In diesem Zusammenhang lernen wir Damaya, Syenite und Essun kennen, drei Frauen, orogenes, also Menschen, die die Bewegungen der Erde nicht nur spüren, sondern auch kontrollieren können und von den anderen gefürchtet sind, weil ihre Fähigkeiten unkontrolliert eine Gefahr darstellen. Irgendwo gefangen zwischen Macht und Unterdrückung werden orogenes respektiert und gleichermaßen gehasst.

Ich habe das jedenfalls sehr gemocht und hatte hier mal wieder ein Buch, bei dem ich nach einem etwas sperrigen Anfang relativ schnell nicht mehr aufhören wollte zu lesen.

The Fifth Season von N.K. Jemisin [Amazon-Werbelink]

4. Das fremde Meer von Katharina Hartwell

Katharina Hartwell erzählt die Liebesgeschichte von Marie und Jan in zehn unterschiedlichen Kapiteln, jedes in einem anderen Stil geschrieben. Die Geschichte aus der Wechselstadt, in der Häuser einfach verschwinden und an anderer Stelle auftauchen, die Geschichte aus einer Pariser Psychiatrie, ein Märchen, eine Zirkusgeschichte, die Geschichte von den zwei Kindern, die auf zwei einsamen Inseln aufwachsen. Alles Geschichten, die irgendwie mit der Geschichte von Marie und Jan zu tun haben und wenn sich am Ende dann alles zusammenfügt, zieht es einem ein bisschen den Boden unter den Füßen weg. Sehr groß, sehr gut, sehr empfehlenswert.

Das fremde Meer von Katharina Hartwell [Amazon-Werbelink]

 

3. Minigolf Paradiso von Alexandra Tobor

Malina ist 16 und ihr einziger richtiger Freund ist ein toter Punk, dem sie Briefe schreibt und Vogelschädel ans Grab bringt. Sie fühlt sich unsichtbar und unverstanden und wurzellos, denn ihre polnischen Eltern haben den Kontakt zur Oma abgebrochen und Opa ist ertrunken. Als ihre Eltern dann in Urlaub fahren, findet sie heraus, dass Opa vielleicht doch nicht tot ist und macht sich auf die Suche nach ihm. Sie findet ihn auf einem heruntergekommenen Minigolfplatz im Ruhrgebiet, und plötzlich steckt sie mitten in einem Roadmovie auf dem Weg nach Polen.

Minigolf Paradiso steckt voller Neunziger-Nostalgie und hat bei mir viele Jugenderinnerungen wachgerufen. Darüberhinaus ist aber vor allem herzenswarm und geht mit seinen Figuren und Geschichten sehr liebevoll um. Und große Teddybären kommen auch vor.

Minigolf Paradiso von Alexandra Tobor [Amazon-Werbelink]

 

2. Alles außer irdisch von Horst Evers

Von Horst Evers kannte ich bisher nur die Kurzgeschichten, die ich aber auch alle sehr empfehlen kann, vor allem, wenn Horst Evers sie selber vorliest.

Alles außer irdisch ist jetzt eine Science-Fiction-Komödie im Douglas-Adams-Stil, nur, dass Protagonist Goiko Schulz erst gar nicht ins Weltall kommt, weil die Tür des Raumschiffs klemmt. Aber das nur nebenbei, da greift man ja in der Geschichte schon sehr vor. Goiko jedenfalls wird beim Jungfernflug vom Berliner Flughafen von ein paar außerirdischen Artenrettern entführt (aber im Guten), damit er bei einem interplanetaren Gerichtshof für seinen Planeten sprechen kann, ansonsten ist dieser nämlich in großer Gefahr. Na ja, und dann passiert das mit der klemmenden Tür und es wird alles noch komplizierter als es sowieso schon war.

Ich hatte sehr, sehr viel Spaß beim Hören des Hörbuchs. Natürlich erinnert vieles an Adams Anhalter-Trilogie, aber Evers erfindet seine ganz eigenen bekloppten Außerirdischen und ebenso bekloppten Irdischen. Dazu noch etwas Zeitreise und viel Humor und man kann sich eigentlich nicht beschweren.

Alles außer irdisch von Horst Evers [Amazon-Werbelink]

 

1. Radiance von Catherynne M. Valente

Radiance war das erste Buch, das ich dieses Jahr las, dementsprechend bin ich auch hier mit dem genauen Inhalt nicht mehr so super vertraut, ich weiß aber noch, dass ich während des Lesens dauernd „Toll! Toll! Toll! Toll!“ dachte und das Buch als einziges dieses Jahr bei Goodreads mit fünf Sternen bedachte. Es wird also was dran gewesen sein, denn ich gehe sehr vorsichtig mit Fünf-Sterne-Bewertungen um.

Dementsprechend auch hier mal einfach meine damalige Kurzrezension, die mit weniger zeitlichem Abstand nach dem Lesen geschrieben wurde:

Radiance spielt in einer Alternativwelt, in der alle Planeten besiedelt (und besiedelbar) sind und in der auf der anderen Seite Filme eine große Rolle spielen (Stummfilme allerdings, denn der Tonfilm konnte sich aus Patentgründen nicht durchsetzen). Einer der bedeutendsten Regisseure ist Percival Unck, Vater von Severin Unck, die in seine Fußstapfen tritt und beim Drehen einer Dokumentation in einer verlassenen Stadt auf der Venus einfach verschwindet. Um diesen Vorfall dreht sich das Buch. Catherynne M. Valente hat aber nicht einfach eine normal von Anfang bis Ende erzählte Geschichte daraus gemacht, sondern präsentiert Versatzstücke, die als Puzzle die gesamte Geschichte ergeben. Interviews, persönliche Berichte der Menschen, die mit Severin zu tun hatten oder sogar bei ihrem Verschwinden dabei waren, Drehbücher und transkribierte Filmaufnahmen. Man reist einmal von Planet zu Planet und darf sich das Leben von Severin zusammenreimen.

Auch dieses Buch war nicht einfach zu lesen, man muss sich ein bisschen durchkämpfen und sich die Geschichte zusammensetzen. Wer ein etwas fordernderes Buch braucht und wen das Genre „Science-Fiction-Film-Noir mit Puzzlespielelementen“ nicht abschreckt, der greife hier zu.

Radiance von Catherynne M. Valente [Amazon-Werbelink]

Vorsätze 2017

Nichts machen, nur weil man denkt, man müsste, wenn man aber eigentlich gar nicht muss.

Dinge und Menschen, die einem nicht gut tun, möglichst aus dem Leben kehren. Geht nicht immer, aber wenn es geht, dann weg damit.

Nichts essen, nur weil es da ist. Nichts essen, nur weil es das okayste ist, was gerade zur Auswahl steht, wenn man aber eigentlich gar keine Lust drauf hat (Kantine, I’m looking at you!).

Dinge abschließen und nicht vor sich her prokrastinieren, weil sie unbequem sind und man sie so schön wegignorieren kann*.

Alles, was schnell erledigt werden kann, schnell erledigen.

Nicht von Gewohnheiten einlullen lassen. Es geht immer auch anders.

Auf der anderen Seite: Traditionen pflegen und neue erfinden.

Karten schreiben.

Briefe schreiben.

Geschenke machen. Auch oder eben gerade kleine.

Mehr Kreativität.

Mehr Spontaneität.

Mehr Familie.

Mehr Zuhause.

Mehr Sonntag.

Mehr Kuchen.

 


*Natürlich immer nur, bis sie ihr hässliches Haupt wieder hervorrecken und gell „GUCK MAL, ICH BIN IMMER NOCH DA!“ schreien.