Nachbarschaft

Ich habe üblicherweise Seifenblasen im Haus. Wenn mir gerade danach ist, stelle ich mich auf den Balkon, puste ein paar Seifenblasen in die Welt, freue mich daran und hoffe, dass es vielleicht irgendwo in den Nachbarhäusern oder auf der Straße Menschen gibt, die zufällig gerade aus dem Fenster gucken oder in den Himmel gucken und sich auch über unerwartete Seifenblasen freuen.

Heute stand ich wieder auf dem Balkon und pustete Seifenblasen. Dann füllte ich die Gießkanne in der Badewanne und goß die Pflanzen, als mir jemand von der anderen Straßenseite etwas zurief: „Da haben Sie meinen Sohn eben sehr glücklich gemacht!“

Was ich geantwortet habe, weiß ich nicht mehr und dass ich ohne Hose auf dem Balkon stand, na ja, geschenkt. So jedenfalls stelle ich mir Stadtnachbarschaft vor.

Oben auf dem Turm über Blankenstein

Der letzte Teil des Aufstiegs ist etwas ungewöhnlich. Mein Mann holt sein Handy raus und leuchtet uns auf im dunklen Turm die Treppe nach oben aus. Noch nicht mal kleine funzelige Lampen gibt es hier, wie haben das die Leute gemacht, als man gar nicht dauernd ein Smartphone mit Taschenlampenfunktion mit sich rumtrug?

Dann geht es noch eine Holztreppe hoch, am Ende wartet eine schwere Metalltür und dann stehen wir oben auf dem Turm von Burg Blankenstein, irgendwo vor, hinter oder neben Hattingen und gucken runter auf die Ruhr und Blankenstein und die Rehe und eben das Ruhrgebiet.

„Hier ungefähr haben wir mal das Riverrafting gemacht“, hatte mein Mann vorher schon gesagt. Wir gucken auf die langsam vor sich hindümpelnde Ruhr. „Ja“, bestätige ich. „Das sind schon krass Stromschnellen.“

Weil ich leider süchtig nach „[Hier beliebigen Teil der Welt einfügen] von oben“-Formaten bin, haben wir uns neulich im WDR das Ruhrgebiet von oben angeguckt und gelernt, dass hier einfach so Burgen rumstehen. Ganz in der Nähe, wer hätte das gedacht, und weil das Wetter schön war, sind wir jetzt eben spontan nach Blankenstein gefahren und stehen jetzt auf einem Turm und gucken nach unten.

Später laufen wir noch eine Runde durchs Dorf und durch den Gethmannschen Garten und dann setzen wir uns auf die Terrasse eines Tapas-Restaurants und essen so lange Tapas, bis wir nicht mehr können. Und dann fahren wir nach Hause, aber nicht so wie das Navi möchte, sondern einmal an Hattingen vorbei, quer über Land, an der Ruhr vorbei, wo gerade Rinder grasen und staunen mal wieder, was es hier alles gibt und was wir alles nicht kennen. Zum Beispiel eine Burg, aber na ja, die kennen wir ja jetzt.

Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017Blankenstein 21.5.2017

Noch mehr gelesen im April 2017

Nun also die zweite Hälfte, der erste Teil war hier.

The Roanoke Girls von Amy Engel

Na ja, nu. Das fällt sehr unter guilty pleasure und insgesamt war alles recht vorhersehbar. Die Roanoke-Farm steht irgendwo mitten in Kansas und alle Roanoke-Mädchen sterben oder laufen irgendwann weg. Lane ist die einzige, die zurückkommt, als ihre Cousine Allegra eines Tages verschwindet. Das ist so ungefähr die Prämisse, mit der ich geködert wurde und das erste Rätsel (Was ist los auf der Roanoke-Farm?) wird ziemlich schnell gelöst und ist wenig überraschend. Das zweite Rätsel (Who killed Allegra Roanoke?) braucht dann immerhin noch etwas und ist etwas weniger überraschend.

Dafür ist die Stimmung recht überzeugend eingefangen und die Figuren in all ihrer Stereotypie immerhin erstaunlich wenig schablonenhaft entwickelt. Außerdem liest es sich schnell weg, das ist ja auch was

The Roanoke Girls von Amy Engel [Amazon-Werbelink]

 

Pupu und die gelben Briefe von Jan de Zanger

Ich habe bei Goodreads die gelesenen Bücher aus dem Jahr 1994 nachgetragen, weil ich damals ein paar Wochen lang ein Bücherjournal pflegte. Man kann das hier im Techniktagebuch bewundern. Jedenfalls gab es da ein paar Bücher, die ich noch mal lesen wollte. Neu aufgelegt werden diese wohl nicht mehr, so dass ich sie gebraucht bestellt habe.

Pupu ist die junge Großmutter von Abé und tot. Sie ist die Treppe hinunter gestürzt, ein Unfall heißt es, und Abé ist kreuzunglücklich. Dann findet er aber Hinweise von Pupu, die ihn zu den gelben Briefen führen, die sie vor ihrem Tod bekommen hat und die darauf hindeuten, dass es eben kein Unfall war. Das klingt wie schwere Kost, ist aber letztendlich spannungsmäßig ungefähr auf dem Level einer Drei-Fragezeichen-Folge. Das ist aber auch okay, denn es ist ja ein Kinderbuch und genau so sollte man es auch lesen.

Pupu und die gelben Briefe von Jan de Zanger [Amazon-Werbelink]

 

Das Haus des Schweigens von Gillian Cross

Hier gilt das gleich wie schon oben beschrieben. Auch dieses Buch las ich im Sommer 1994 und wollte es jetzt noch mal lesen, nicht mehr aufgelegt, gebraucht gekauft und so weiter. Hier geht es um die Geschwister Stephen und Hannah, die in dem wunderlichen Haus über einem Wasserfall wohnen. Die Kinder mit der Mutter auf der einen Seite des Wasserfalls, der Vater mit dem seltsamen Onkel auf der anderen. Irgendwann muss etwas vorgefallen sein, aber Stephen erinnert sich nicht mehr und alle anderen schweigen sich tot. Da kommt der junge Student Nick, der sich für die Geschichte des Hauses interessiert und setzt die Ereignisse in Gang, die das Geheimnis um Roscoe’s Leap lüften sollen.

Das ist alles adäquat geheimnisvoll und spannend erzählt und liest sich recht fix runter. Die Figuren sind gut ausgearbeitet, die Szenerie ansprechend, auch hier bewegen wir uns vom Spannungsniveau grob auf Rocky-Beach-Niveau. Das bedeutet auch, dass die Auflösung weniger spektakulär ist, als man es so gewohnt ist, aber genau das macht die Geschichte dann wieder sympathisch und sogar irgendwie wirklichkeitsnah. Muss ja eben auch nicht immer alles spektakulär sein.

Das Haus des Schweigens von Gillian Cross [Amazon-Werbelink]

 

The Perfect Girl von Gilly Macmillan

Noch so ein Thriller, aber dieses Mal mit weniger guilty pleasure. Klang ganz vielversprechend, kostete fürs Kindle nur einen Euro. Es geht um das Klavierwunderkind Zoe, die Schuld am Tod von drei Mitschülern hat und deswegen auch Zeit abgesessen hat. Die Ehe der Eltern ging darüber zu Bruch, jetzt will ihre Mutter mit neuem Mann, neuem Namen und neuer Stadt auch ein neues Leben beginnen. Bei dem ersten Klaviervorspiel in diesem neuen Leben kommt es aber direkt zu einem unschönen Zwischenfall, so dass die Fassade bröckelt. Am nächsten Tag ist Zoes Mutter tot.

Die Geschichte entwickelt sich gut, jedes Kapitel wird aus einer anderen Perspektive erzählt, man kann recht schon sehen, wie sich die Fäden entspinnen und wieder zusammengeführt werden. Das ist alles keine große Literatur, macht aber Spaß und ist dabei nicht unintelligent. Wer etwas fürs Sofa oder den Liegestuhl sucht, ist bei The Perfect Girl gut aufgehoben.

The Perfect Girl von Gilly Macmillan [Amazon-Werbelink]

 

Mrs. Flax und Töchter von Patty Dann

Im Bücherschrank gefunden. Ich weiß noch, wie ich es 1994 gelesen habe, vor allem aber habe ich den Film (deutscher Titel: Meerjungfrauen küssen besser) wirklich sehr, sehr, sehr oft gesehen. Ich bin dementsprechend quasi unfähig, dieses Buch zu bewerten, weil ich den Film so liebe, und es schwierig ist, Buch und Film auseinanderzuhalten. Die 15-jährige Charlotte zieht im Jahr 1963 zum x-ten Mal mit ihren unkonventionellen Mutter Mrs. Flax und ihrer kleinen Schwester Kate um. Ihren Vater kennt sie nicht, das unstete Leben ihrer Mutter verachtet sie und überhaupt will sie Nonne werden und wartet auf ein Zeichen von Gott.

Zumindest habe ich es jetzt, 23 Jahre, nachdem ich es zum ersten Mal gelesen habe und etliche Male, die ich den Film gesehen habe, später, auch sehr gerne gelesen. Es passiert nicht viel, die Figuren sind ein bisschen weniger ausgearbeitet als im Film, aber es gab ein unangenehmes „Und das fand ich als Teenager gut?“-Gefühl, im Gegenteil. Das ist ein nettes Jugendbuch, ob es heute noch funktioniert, kann ich schlecht beurteilen. Auf jeden Fall muss ich dringend die DVD ausgraben, ich habe akute Nostalgie.

Mrs. Flax und Töchter von Patty Dann [Amazon-Werbelink]

 

Die unsichtbare Bibliothek von Genevieve Cogman

Vielleicht nicht das geeignete Buch, um es als Hörbuch zu hören. Ich musste es drei Mal neu anfangen, weil ich immer wieder weggedriftet bin und irgendwann nicht mehr wusste, worum es geht. Dabei ist die Geschichte gar nicht so kompliziert und eigentlich angenehm quirky und hätte mir mehr zusagen müssen, als sie es dann letztendlich tat.

Es geht um Irene, die als Bibliothekarin der „unsichtbaren Bibliothek“ durch Parallelwelten reist, um seltene Bücher zu finden und in die Bibliothek zu bringen. Ihr neuer Auftrag, eine Erstausgabe eines Märchenbuchs der Grimms zu besorgen, führt sie nach London, wo sie es auf einmal mit einem Mord an einem Vampir, Elfen, der rivalisierenden Bibliothekarin Bradamant und dem mysteriösen Alberich zu tun hat.

Irgendwann nimmt die Geschichte an Fahrt auf und dann wird es tatsächlich auch spannend, aber insgesamt konnte mich das ganz nicht so mitnehmen, wie ich es mir gehofft hatte. Ich habe auch den leisen Verdacht, dass die Übersetzung eher so mittel ist, denn es werden dauernd Dinge „erinnerlich“ und irgendwann werden „schockierende Blicke“ ausgetauscht, wo vermutlich eher „schockierte Blicke“ gemeint waren.

Vielleicht wäre es im Original und nicht als Hörbuch besser gewesen, aber ich probiere es jetzt nicht aus.

Die unsichtbare Bibliothek von Genevieve Cogman [Amazon-Werbelink]

Lieblingstweets im Mai (Teil 1)

WÄSCHE OHNE EIGENINITIATIVE! ORCHESTER AUS MONSTER TRUCKS! DIE EDV DER SCHWIEGERELTERN! UND DURCHSCNITTSPORREE!

Gelesen im April 2017

Es ist wieder sehr viel geworden, deswegen zunächst mal nur die erste Hälfte und teilweise im Schnelldurchlauf.

Die Modernisierung meiner Mutter von Bov Bjerg

Als Hörbuch bei Spotify gehört. Ein Erzählungsband mit alten (und neuen?) Geschichten von Bov Bjerg, der mich ja mit Auerhaus sehr glücklich gemacht, gelesen vom Autor selbst. Das passt sehr gut, Bov Bjerg liest schön lakonisch, gelegentlich sogar scheinbar desinteressiert an den eigenen Geschichten. Diese wiederum sind schön alltäglich-skurril, es geht um schreckliche Schinkennudeln, die Mutter, die ihren Führerschein, den Onkel, der sich einen Posten bei der Bank erschleicht, um am Ende in die USA zu verschwinden, um eine ungewollte Münzsammlung und einem astronomisch uninteressierten Horoskopschreiber. Die Zeit bezeichnet das alles hier als „Regio-Porn“, und da hat sie vermutlich ein bisschen recht, genau das macht es aber auch so sympathisch.

Die Modernisierung meiner Mutter von Bov Bjerg [Amazon-Werbelink]

 

Fleisch ist mein Gemüse von Heinz Strunk

Endlich auch mal gelesen, oder vielmehr auch gehört, weil auch bei Spotify. Außerdem schwärmt Angela davon, ich dachte, dann probiere ich das mal. Auch hier liest der Autor, das klingt immer ein bisschen, als ob er es eilig hätte und jetzt mal schnell fertig machen würde, aber ich glaube, so liest Heinz Strunk einfach.

Wahrscheinlich kennt schon jeder das Buch, es ist ja auch nicht gerade vor kurzem erst erschienen. Heinz Strunk berichtet von seiner Zeit als Musiker in einer Unterhaltungsband, in der er eher zufällig landet, aus der er aber auch so schnell nicht wieder rauskommt. Während er mit Tiffanys („Es heißt Tiffanys, nicht die Tiffanys!“) von einem Schützenfest zum anderen tourt, muss er sich außerdem noch um seine kranke Mutter kümmern, vielleicht auch mal eine Freundin finden und am besten vielleicht doch noch rausfinden, ob es ein Leben jenseits von Tiffanys gibt.

Jedenfalls ist das Buch nicht zu Unrecht überall gelobt worden, das ist alles schlimm-schrecklich-schön und bietet einen Blick in eine Welt, von der man nicht weiß, ob man es überhaupt alles so genau wissen will.

(Außerdem habe ich während der Lektüre die Wörter „Volker hört die Signale“ gegoogelt, und nu ja, jetzt habe ich nicht nur einen weiteren Witz aus den Känguru-Chroniken endlich kapiert, sondern auch festgestellt, dass er da gar nicht zum ersten Mal gemacht wurde.)

Fleisch ist mein Gemüse von Heinz Strunk [Amazon-Werbelink]

 

Utopia von Thomas Morus

Was für die Bildungsquote gemacht und den Klassiker gelesen. Wenn man sich mal durch die Einleitung gearbeitet hat, liest es sich auch erstaunlich flüssig, da darf man sich nicht abschrecken lassen.

In Utopia entwirft Thomas Morus in Form eines Reiseberichtes eine ideale Gesellschaft auf der Insel „Utopia“. Hier sind alle Menschen gleich, arbeiten gemeinsam und füreinander, leiden keinen Hunger und müssen nicht übermäßig schuften, Bildung und Kunst werden als hohes Gut gesehen und stehen allen Interessierten offen.

Tatsächlich ist die von Morus entworfene ideale Gesellschaft immer noch hierarchisch und patriarchisch organisiert, vieles davon wirkt heute, auch im Hinblick auf gegenwärtige Dystopieliteratur, eher wie etwas, dass man ganz sicher nicht haben will. Todesstrafe ist zwar in Utopia eher das letzte aller Mittel, aber nicht verboten, niedere Arbeiten werden von Sklaven verrichtet (die sich immerhin die Freiheit verdienen können), die Utopianer erobern auch schon mal fremdes Land, wenn sie der Meinung sind, das wäre für die Leute besser oder halt neues Land brauchen und die Frauen haben gefälligst den Männern Bericht über ihre Verfehlungen zu erstatten. Mir fehlt leider zu viel Wissen, um die Ideen Morus‘ sinnvoll in ihren geschichtlichen Kontext einzuordnen und den Grad der Progressivität einschätzen zu können. Unklar ist außerdem, wie satirisch Utopia tatsächlich gemeint war, es bleiben also einige Fragen offen, die mich aber nur neugieriger gemacht haben auf andere Klassiker der Utopieliteratur. (Frau Diener, hören Sie das?) So oder so hat sich die Lektüre also gelohnt.

Utopia von Thomas Morus [Amazon-Werbelink]

 

Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre

Hauptsächlich gelesen, weil bei einer Hörbuchdiskussion im Techniktagebuchchat unter anderen der Name Benjamin von Stuckrad-Barre fiel, als es um gute vorlesende Autoren ging. Ich hielt von Stuckrad-Barre immer für überschätzt, ich kannte nur einige Kurzgeschichten und fand die bis auf eine eher so mittel.

Panikherz ist aber super, ich habe das Hörbuch in wenigen Tagen durchgehört, das ist vor allem beachtlich, weil mich die Person Benjamin von Stuckrad-Barre überhaupt nicht interessiert hat. Er schreibt von seiner Kindheit als jüngster Pfarrerssohn erst in einem Kaff, dann später in der Großstadt Göttingen, von seiner Liebe zu Udo Lindenberg und dann natürlich von der ganzen Medienwelt, in die er so reingerutscht ist, vom Erfolg, den Drogen, dem Alkohol, der Magersucht, den Klinikaufenthalten, den ganzen anderen Prominenten, mit denen er so zu tun hatte und überhaupt seinem Leben eben.

Dabei fällt vor allem auf, dass von Stuckrad-Barre sehr geerdet und wenig eitel schreibt, auch die vielen Promiszenen sind mir nicht negativ aufgefallen, im Gegenteil, von Stuckrad-Barre bleibt dabei ein Fanboy, das macht es glaubwürdig. Und selbst dann, wenn er zynisch rumätzt, auf andere Leute, die irgendwo Erfolg haben, bleibt am Ende die Erkenntnis stehen: „Schade, dass ich das nicht bin.“ So viel Selbstreflektion macht sympathisch, am Ende erzählt da nicht jemand, der sich selber so geil findet, weil er mit diesen ganzen berühmten Leuten abhängt, sondern, der es immer noch nicht so ganz selber fassen kann, dass er da ist, wo er ist.

Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre [Amazon-Werbelink]

 

Junge rettet Freund aus Teich von Heinz Strunk

Wo ich schon mal dran war, gleich das nächste Buch von Heinz Strunk gehört. In Junge rettet Freund aus Teich erzählt Heinz Strunk von seiner Kindheit und Jugend. Aufgewachsen bei seinen Großeltern und seiner Mutter wächst Mathias sehr behütet auf, eine Kindheit zwischen Geborgenheit und Abenteuern, erst recht, als Mathias in den Ferien zur Großtante geschickt wird, wo er erst von einem Bauern übers Feld gejagt und dann mit den Bauernsöhnen am Baggersee die erste Zigarette raucht.

Als bekennender Nostalgiejunkie trifft dieses Buch mein Herz genau an der richtigen Stelle und wärmt es ganz ausgezeichnet. Zusammenfassend lässt sich sagen: Wer Fleisch ist mein Gemüse mag, wird wohl auch Junge rettet Freund aus Teich mögen.

Mein Lieblingssatz aus einer Rezension bei Goodreads ist übrigens: „Zum Ende wurde mir allerdings zuviel gewichst.“ Das stimmt aber nicht, es wird gar nicht so viel gewichst.

Junge rettet Freund aus Teich von Heinz Strunk [Amazon-Werbelink]

 

The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood

Endlich, endlich gelesen, aus diversen Gründen, die Thematik ist ja aktueller denn je und außerdem wurde das Buch gerade neu verfilmt, es wurde also langsam Zeit.

Das für mich Überraschendste an dem Buch war, dass eigentlich die ganze Zeit nichts passiert. Ich wartete die ganze Zeit auf eine Eskalation, die nicht kam. The Handmaid’s Tale ist Geschichte von Offred, die als Magd in einem totalitären Amerika namens Gilead lebt, in dem Frauen keine Rechte mehr haben, noch nicht mal mehr lesen dürfen und aufgrund ihrer erhofften Fruchtbarkeit einem hochrangigen Ehepaar zugeteilt wird, um ihnen Kinder zu gebären.

Während auf der einen Seite die ganze Zeit nichts passiert, passiert natürlich doch sehr viel. In Rückblenden erfährt man von Offreds Leben vor Gilead, ihrem Mann und ihrem Kind, ihrem Fluchtversuch, ihrer feministischen Mutter und unorthodoxen Freundin Moira, der Zeit im Umerziehungscenter. Auch die neue Weltordnung mit ihren öffentlichen Hinrichtungen und Massengebeten, dem abendlichen Bibelstündchen, allen Regeln und Gesetzen, wird auseinandergelegt, in jedem erschreckenden, gleichzeitig unvorstellbaren und gleichzeitig doch so gut vorstellbaren Detail.

Das ist alles hochspannend, in hohem Maße und im besten Sinne feministisch und eben leider auch immer noch oder schon wieder aktuell. Und das, obwohl die ganze Zeit nichts passiert.

(Ich verlinke hier auf das amerikanische Original, weil das Buch gerade bei Vintage Classics in einer Reihe von Science-Fiction-Klassikern mit tollen quasi interaktiven Covern erschienen ist und ich jetzt sowieso alles aus dieser Reihe haben – und natürlich auch lesen – möchte.)

The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood [Amazon-Werbelink]

 

Der gelbe Vogel von Myron Levoy

Als Kind oder Jugendliche gelesen, das weiß ich noch, und damals sehr beeindruckt. Am Ende habe ich geweint, das weiß ich auch noch, die Geschichte um das jüdische Mädchen Naomi, die verstört in einem New Yorker Hausflur sitzt und Papier zerreißt und den Jungen Alan, der von seinen Eltern dazu genötigt wird, sich um Naomi zu kümmern und das aus mehreren Gründen doof findet, hat mich damals sehr erschüttert.

Naomi musste in Frankreich mit ansehen, wie ihr Vater von Nazis erschlagen wurde, so viel kann man glaube ich erzählen, ohne zu viel zu verraten. Zuerst erscheint sie Alan wie ein hoffnungsloser Fall, das verrückte Mädchen, was soll er überhaupt mit ihr und warum ausgerechnet er? Dann schafft er es aber, Naomi ein erstes Lächeln zu entlocken und so entsteht ganz langsam eine Freundschaft zwischen den beiden Kindern.

Beim nochmaligen Lesen doch etwas über die arg altmodische Erzählweise gestolpert, die Figuren alle eher angedacht als ausgefüllt und die Dialoge etwas gestelzt. Weinen musste ich jetzt auch nicht mehr. Aber es ist eben auch ein Kinderbuch und im Zielgruppenalter hat es bei mir wunderbar funktioniert, insofern ist die Kritik vielleicht auch nicht ganz gerechtfertigt.

Der gelbe Vogel von Myron Levoy [Amazon-Werbelink]

Lieblingstweets im April woanders

Mein Teil 1 und Teil 2 sind hier, der Rest folgt wie gewohnt.

1ppm

André Herrmann

Crocodylus

Das Nuf

Die liebe Nessy

e13/Kiki Teil 1 und Teil 2

Ellebil

Familienbetrieb Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

Herzdamengeschichten

Office-Werkstatt

Pressepfarrerin

Vorspeisenplatte

Uschi aus Aachen

Lieblingstweets im April (Teil 2)

STREUSEL! GROSSE VERWIRRUNG! OFENKÄSE! DISCOFOX! RIESENEICHENHÖRNCHEN! UND WINTERHARTE BALKONPFLANZEN!

Sechs Wochen fast vegetarisch

Dieses Jahr kam ich relativ spontan auf die Idee, ich könnte ja in der Fastenzeit mal auf Fleisch verzichten, einfach nur um zu gucken, ob ich das kann und wie das dann so ist. Die Fastenzeit habe ich mir ausgesucht, weil sie halt da ist und weil ich mir nicht extra Regeln ausdenken musste, das hatten andere Leute schon für mich gemacht.

Folgende Regeln habe ich von den klassischen katholischen Fastenregeln übernommen:

  • Von Aschermittwoch bis Ostersamstag wird gefastet.
  • Kein Fleisch.
  • Sonntags darf man aber.

Eigentlich habe ich auch noch die Regel „Auf Reisen muss auch nicht gefastet werden“ übernommen, allerdings gab es dazu Diskussionsbedarf in der Techniktagebuchredaktion, da man sich nicht ganz einig war, ob das eine Regel ist, die historisch betrachtet zwar mal irgendwann Sinn ergab, heute aber eigentlich unnötig ist. Generell sind die katholischen Fastenregeln und vor allem die vielen Ausnahmen ein (Achtung! Schlimmes Wortspiel!) Heidenspaß, ich kann nur empfehlen, sich damit zu beschäftigen.

Was ich damit eigentlich sagen wollte, folgende Regeln habe ich nicht beachtet bzw. zusätzlich auferlegt:

  • Eier, Milch, Zucker und generell alles andere darf.
  • Fisch und Meerestiere dafür aber auch nicht. Auch keine Biber und keine Maultaschen
  • Beim schon länger geplanten Straßburgausflug durfte auch alles.

Gleich vorweg: Ich habe es nicht ganz geschafft. Gleich am zweiten Tag wurde ich in der Kantine schwach und griff zum Cordon Bleu, dafür habe ich dann immerhin an dem folgenden Sonntag nur vegetarisch gegessen. Außerdem habe ich einmal aus Versehen Kartoffelpüree mit Soßenresten vom Sonntag verputzt und eventuell einmal in der Kantine Hühnerbrühe gegessen, vielleicht war es aber auch Gemüsebrühe, das ist unklar.

Ansonsten bin ich mit der Sonntagsausnahmeregel gut gefahren, hätte ich das nicht gehabt, wäre es mir deutlich schwerer gefallen. So wurde das erste Spargel-mit-Kartoffeln-und Schinken-Massaker dann halt für Sonntag statt Samstag geplant. Während Freunde vermuteten, dass genau diese Ausnahmeregel es schwerer machen würde („Wenn, dann schon richtig durchziehen!“), wurde es für mich leichter, denn wenn ich wirklich, wirklich Bock auf etwas hatte, dann musste ich halt nur warten. Dafür habe ich mich umso mehr darauf gefreut. Das war eigentlich auch eine schöne Erfahrung, sich mal wieder richtig auf ein Essen freuen, weil man es halt – selbst so gewählt natürlich – nicht einfach so sofort haben kann.

Gekocht habe ich an Wochentagen komplett vegetarisch, wenn mein Mann selber Lust auf Fleisch hatte, konnte er sich halt etwas dazu braten, es war ja meine Fastenidee, nicht seine. Gelernt habe ich dabei folgende Dinge:

  • Es ist zwar sehr einfach, lecker vegetarisch zu kochen, aber erstaunlich viele Gerichte fallen auch weg. Beim Durchblättern meiner Kochzeitschriften und -bücher konnte ich es mantraartig runterbeten: „Geht nicht, geht nicht, geht nicht, geht nicht.“ Und dann ging aber doch immer irgendwas.
  • When in doubt make Bratreis. Bratreis mit schön angebranntem Gemüse, Ei und Sojasoße geht eigentlich immer. Ich kann dieses Rezept für den Einstieg empfehlen.
  • Eier. Ohne Eier wäre ich durchgedreht. Gott sei Dank gibt es Eier, die man auf alle möglichen denkbaren Weisen zubereiten kann.
  • Auch neu entdeckt: Nudeln mit scharfer Tomatensahnesoße, Paprika und Champignons. Direkt zwei Mal hintereinander gemacht.

Kochen zu Hause war also manchmal etwas mehr Aufwand, weil ich nicht auf altbewährte Rezepte (Spätzle mit Speck und Ei! Spaghetti Bolognese! Asiatische Nudelpfanne mit Gemüse und Hühnchen! CHILI!) zurückgreifen konnte, aber wenn man erstmal etwas gefunden hatte, gab es keine Beschwerden. Im Gegenteil. Als sich mein Mann einmal ein Steak zum Bratreis briet, gab er nachher zu: „Das Fleisch hätt’s eigentlich nicht gebraucht.“

Auswärts essen hingegen war eine größere Herausforderung. Gelegentlich schob ich einen Restaurantplan auf Sonntag, ansonsten galt es eben, die Speisekarte genauer zu studieren. Manchmal blieben nur noch ein paar Gerichte übrig. Das hat allerdings auch Vorteile, vor allem, wenn man wie ich sowieso mittlerweile schon genervt ist, dass man selber(!) etwas aussuchen muss und bei der Abendplanung im Urlaub grundsätzlich nur noch Restaurants aussucht, bei denen es ein festes Soundsoviel-Gänge-Menü gibt und man einfach gar nicht mehr selbst entscheiden muss. Wenn beim hiesigen Asiaten dann eben nur noch sechs Gerichte übrig bleiben und davon auch noch zwei uninteressant ist, geht es jedenfalls leichter mit dem Auswählen. Aber auch sonst habe ich Erkenntnisse gewonnen.

  • Man ahnt nie, wo es gutes vegetarisches Essen gibt und wo man innerlich augenrollend das kleinste Übel auswählen muss.
  • Unser Thai um die Ecke bietet sowieso fast alles ohne Fleisch oder mit Tofu an, das war also überhaupt kein Problem.
  • Auch die hiesigen Burgerbuden stellten kein Problem dar. In Köln nahm ich einfach einen Burger mit vegetarischem Patty, in Essen bestellte ich Falafel- und Rote-Linsen-Spießchen mit Grillgemüse.
  • Generell: Falafel statt Döner und alles ist gut.
  • Bei einem Türken in der Essener Innenstadt hingegen musste ich auf Vorspeisen zurückgreifen. Nun ist die türkische Küche zwar auf der einen Seite fleischlastig, auf der anderen Seite gibt es aber ja auch viel Gemüsezeug und ich hatte es mir eigentlich einfacher vorgestellt. Das einzige vegetarische Hauptgericht war aber ein obskures Nudelgericht mit Gemüse, das mir zu verdächtig nach „Jetzt noch eins für Vegetarier“ klang, also bestellte ich den Vorspeisenteller und gefüllte Weinblätter. Immerhin musste ich nirgendwo auf Pommes mit Ketchup oder Ofenblumenkohl zurückgreifen.

Und dann gibt es natürlich noch die Kantine. Herrje. Fairerweise muss man sagen, dass die hiesige Kantine immer mindestens ein vegetarisches Gericht zur Auswahl hat, allerdings ist das oft etwas, was ich nicht essen will. Dann gibt es noch die Salatbar und ein Beilagenbuffet mit zwei Soßen, außerdem kann man sich meistens auch nur Teile eines Gerichts geben lassen. Man muss also lernen, die Kantine zu hacken.

  • Neben der Salatbar bewährte sich eine einfache Form von mexikanischen Nudeln. Dazu holt man sich Nudeln und Tomatensoße von der Beilagentheke und dann Mais, rote Bohnen, Jalapenos, Zwiebeln und was es sonst noch gibt von der Salattheke.
  • Dienstag und Donnerstag ist Pizzatag und von den drei Sorten, die angeboten werden, ist eine immer vegetarisch.
  • Nie den vegetarischen Burger mit dem Kichererbsenpatty nehmen! Niemals!
  • Falafel hingegen sind kein Problem. Das macht das desaströse geschmacksneutrale Kichererbsenpattyerlebnis noch mysteriöser.

Ich habe mir aber jetzt trotzdem wieder eine Bentobox bestellt (nach Beratung von Sandra wurde es diese hier [Amazon-Werbelink]), weil mein eigenes Essen doch fast immer geiler ist als das in der Kantine. Mal gucken, was ich davon in Zukunft berichten kann.

Was ich jetzt mit all meinen Erkenntnissen mache, weiß ich noch nicht. Erstmal auflisten vielleicht:

  • Auf Fleisch und Fisch zu verzichten ist gar nicht so schwer.
  • Vor allem, wenn man es sich an einem Tag in der Woche erlaubt.
  • Eier! Mit Eiern wird alles besser.
  • Man findet auf fast jeder Restaurant- oder Cafékarte etwas vegetarisches. Im besten Fall sogar etwas, das man mag.
  • Es ist trotzdem überraschend, in wie vielen Gerichten irgendwas mit Fleisch oder Fisch verarbeitet wird.
  • Abnehmen tut man davon übrigens nicht. Und man isst auch nicht zwangsläufig gesünder.
  • Ich habe vielleicht weniger Geld für Lebensmittel ausgegeben, das mag aber auch Einbildung sein und/oder andere Gründe gehabt haben.

Ich bin nach Ostern viel zu schnell wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen und dachte direkt nach dem ersten Kantinenmittag: „Eigentlich hätte es das Fleisch jetzt nicht gebraucht!“ Aber vielleicht war das auch nicht verwunderlich, erst mal wieder voll reinschlagen, um dann zu merken, dass es gar nicht besser ist. Inwiefern ich in Zukunft weniger Fleisch essen werden, wage ich nicht zu prophezeien. Ich hoffe weniger, aber ich kenne mich auch gut genug, um zu wissen, dass es sehr einfach ist, alte Gewohnheiten wieder aufzunehmen.

Die wichtigste Erkenntnis war für mich, dass es mir weniger schwer fällt als gedacht, im Alltag auf Fleisch und Fisch zu verzichten. Ich habe auch gemerkt, dass eine Umkehr der Sichtweise gar nicht so schwer ist: Wenn man eben im Restaurant nicht negativ darauf guckt, was man alles nicht essen kann, sondern eben darauf, was man leckeres zur Auswahl hat, kommt es einem gar nicht wie Verzicht vor.

Aber auch: Vegetarierin werde ich erstmal nicht, dafür war mir der Ausnahmesonntag zu wichtig, dafür finde ich eben auch Essen viel zu interessant, ich möchte ja immer alles (aus-)probieren, wie schmeckt das, wie schmeckt das, wie kann man das zubereiten, wo kommt das her? Trotzdem bin ich optimistisch, dass irgendwas hängenbleiben wird. Und nächstes Jahr, hat mein Mann gesagt, da macht er vielleicht mit.

Lieblingstweets im April (Teil 1)

DORTMUNDER PARKHÄUSER! EINZELKINDER UND ALLEINERBEN! GRIESSPUDDING! WALDMEISTER! STAUBSAUGERROBOTER! STAHLHELME! GEMALTE STAHLHELME! AUFSÄTZE ÜBER GEMALTE STAHLHELME!

Gelesen im März 2017

Irgendwie ist die Leseliste in den letzten Monaten zu kurz gekommen. Noch nicht mal, weil ich wenig gelesen hätte, im Gegenteil, ich habe sehr viel gelesen, deswegen und aus anderen Gründen erschien mir das aufschreiben als besonders aufwändig und da habe ich es vor Schreck einfach gelassen. Das ist aber natürlich auch kein Zustand und deswegen soll es jetzt wieder weitergehen.

 

William Shakespeare: Der Sturm

Gelesen, weil ich vorher Hag-Seed von Margaret Atwood [Amazon-Werbelink] gelesen hatte, eine Variante des Themas, in dem außerdem eben genau dieses Theaterstück aufgeführt wird und dann hatte ich in Hag-Seed so viel über Der Sturm gelesen, dass ich es auch mal selber lesen musste. Ich brauchte mehrere Anläufe, bis es dann in einer Kombination „Lesen und gleichzeitig das aufgeführte Stück auf Spotify hören“ ganz gut funktionierte (darüber berichtete ich auch im Techniktagebuch). Insgesamt kann man gelegentlich eigentlich auch mal Shakespeare lesen. Oder hören. Oder beides. Der Sturm ist übrigens eine etwas vertrackte Rachegeschichte auf einer magischen Insel, aber am Ende wird immerhin alles gut. Puh.

William Shakespeare: Der Sturm [Amazon-Werbelink]

 

Robert Jackson Bennett: Die Stadt der tausend Treppen

Als Hörbuch gehört, aber vorher schon viel davon gehört, unter anderem, weil es für meinen Onlinebuchclub gelesen wurde, allerdings in einem Monat, wo ich wohl selber nicht so viel Zeit hatte oder etwas anderes lieber lesen wollte oder was weiß ich. Ganz blöder Fehler, so im Nachhinein, das Buch ist super. Es scheint da dieses Genre „Fantasy mit komplexen politischen Systemen und Ränkespielen“ ein, da fallen auch so tolle Bücher wie The Traitor Baru Cormorant und The Goblin Emperor [Amazon-Werbelink] rein, die ich beide sehr geliebt habe, und Die Stadt der tausend Treppen reiht sich da ein. In der Stadt Bulikov, die in der Gunst der (real existierenden) Götter stand, jetzt aber nach dem Fall der Gottheiten nur eine Kolonie des Inselreiches Saypur ist, wird ein saypurischer Wissenschaftler ermordet. Die junge Shara tritt auf und soll als Diplomatin den Fall klären, aber natürlich ist nichts wie es scheint, und vor allem ist Shara keine Diplomatin, sondern eine Agentin. Das ist alles sehr verzwickt und ich habe gelegentlich zurückspulen müssen, weil man sehr gut aufpassen muss, um nicht den Faden zu verlieren. Die bislang einzige Amazon-Rezension der deutschen Übersetzung trägt die Überschrift „Anspruchsvoller politischer Agententhriller im Fantasy-Gewand“ und das trifft es ziemlich genau.

Robert Jackson Bennett: Die Stadt der tausend Treppen [Amazon-Werbelink]

 

Sarah Kuttner: Mängelexemplar

Im hiesigen Bücherschrank gefunden mit vielen Bleistiftnotizen mit spanischen Übersetzungen, anscheinend sollte das Buch beim Deutschlernen helfen. Ich habe das Buch einfach ohne weiteren Edukationshintergrund gelesen und war sehr angetan. Ich wollte gerade schreiben, dass das ja eigentlich nicht so mein Genre ist, aber dann müsste ich sagen, mit was für einem Genre man es hier zu tun hat und das ist mir direkt zu kompliziert. Karo verliert erst ihren Job und dann ihren Freund, den sie aber sowieso eher hatte, damit sie nicht so allein ist. Trotzdem ist sie jetzt erst allein und dann auch noch allein mit Panikattacken. Die Diagnose ist simpel: Karo hat eine Depression und da muss sie jetzt irgendwie raus, obwohl sie die Depression gar nicht bestellt hat und gar nicht haben will. Das liest sich alles so schön unselbstverliebt und flockig, mit sympathisch unperfekten Figuren, dass es einem egal ist, dass in der Geschichte gar nicht so passiert. Eigentlich ganz schön dumm von mir, dass ich das nicht schon längst gelesen habe.

Sarah Kuttner: Mängelexemplar [Amazon-Werbelink]

 

Ellen Kutnow (Hrsg.): Some of the Best From Tor.com (2016 Edition)

Nur als e-Book erhältlich ist die Sammlung Kurzgeschichten, die 2016 auf Tor.com veröffentlicht wurden. Dafür ist es umsonst und lohnt sich. Tor.com ist eine Webseite für Science Fiction, Fantasy und alles, was sich noch im Einzugsbereich dieser Genre so aufhält. Ich lese eher selten Kurzgeschichten, völlig zu Unrecht, wie ich dann feststelle, wenn ich es doch tue. Dabei decken die Geschichten in dieser Sammlung von klassischer Fantasy bis zu Marsbesiedelungs-Science-Fiction alles ab, das ist also ein großer Spaß, vielleicht sogar oder gerade für Leute, die sich mal in die Vielfalt des Genres ein bisschen reinlesen wollen.

Ellen Kutnow (Hrsg.): Some of the Best From Tor.com (2016 Edition) [Amazon-Werbelink]

 

Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse

Noch ein Bücherschrankfund, schon viel davon gehört, deswegen gleich eingesteckt. Ein Buch voll mit unangenehmen und hilflosen Menschen, die entweder viel Geld haben oder gerne vieles hätten oder zumindest mit Leuten mit viel Geld Umgang pflegen und es zwar etwas unangenehm finden, dass der Hausherr seine Frau demütigt, aber mei, was will man da schon machen? Man ist beim Lesen deswegen auch dauernd leicht peinlich berührt von der eigenen passiven Voyeurstätigkeit, aber als Leser gilt ja noch mehr, mei, was man da schon machen?

Dafür liest es sich sehr schön und – soweit man das für dieses Buch sagen kann – stimmungsvoll, ich habe jedenfalls trotz allem instantanes Frankreichfernweh bekommen. Ein Buch für Leute, die es gerne etwas zynischer und mit schwarzem Humor hätten. Ob ich die anderen Bücher der Reihe noch lese, schaun mer mal, ich halte einfach mal bei den hiesigen Bücherschrankbesuchen die Augen offen.

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Michael Ende: Niemandsgarten

Am Grabbeltisch eines Bahnhofsbuchhandlung gefunden, dann lag es relativ lange auf dem Bücherstapel und da ich gerade versuche, eben diesen jetzt abzuarbeiten, habe ich mich mal drangemacht. Das Buch beinhaltet fertige, halbfertige und bruchstückhafte Werke aus dem Nachlass von Michael Ende und ist spannend, aber auch mit Vorsicht zu genießen, denn man merkt einigen Sachen an, dass sie unfertig sind. Es gibt komplett fertige Theaterstücke neben Skizzen für ein Ballett, Briefe an Leser oder kurzen Ideen. Der titelgebende Niemandsgarten ist eine Geschichte, in der sich viele Elemente aus der Unendlichen Geschichte wiederfinden.

Wenn man sich aber ein bisschen durchkämpft, wird man sehr belohnt, da macht es auch nichts, dass ein und die gleiche Geschichte in zwei Theaterstücken in komplett anderen Settings erzählt wird, im Gegenteil, es ist sehr spannend, wenn man sehen kann, wie sich Geschichten entwickeln, welche unterschiedlichen Herangehensweisen man wählen kann und am Ende auch, warum manche Dinge funktionieren, aber andere nicht. Michael Ende, so heißt es, wäre erst fertig gewesen, wenn es bei seinen Geschichten nicht nur um die Geschichte selber, sondern auch um eine Idee gegangen wäre. Der Einblick in seinen Zettelkasten macht deutlich, wie das gemeint ist. Wer sich für Michael Ende interessiert und kein Problem damit hat, Geschichten zu lesen, die einfach mal mittendrin abbrechen, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens ans Herz legen. Ich habe dafür erst mal meine Wunschliste um weitere Ende-Bücher erweitert.

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Michael Ende: Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch

Auch ein Bücherschrankfund und eines der Bücher von Michael Ende, das ich nicht schon in meiner Kindheit gelesen hatte. Es geht um ein den Zauberer Beelzebub Irrwitzer und seine Tante Tyrannja Vamperl, die schlimme Pakte mit dem Teufel geschlossen haben, bei denen es um nichts weniger geht als um die Zerstörung der Erde. Allerdings sind sie ein bisschen spät dran und wenn bis Mitternacht die Erde nicht am Ende ist, steht es schlecht um sie. Aber da gibt es noch den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch, der einem alle Wünsche erfüllen soll und so hecken sie den ultimativen Plan zur Weltzerstörung aus. Und dann gibt es noch den Raben Jakob Krakel und Irrwitzers Kater Maurizio di Mauro, die vom Hohen Rat der Tiere eingeschleust wurden, um die beiden Bösewichte zu beobachten und jetzt in dieser Silvesternacht nur kurz die Welt retten müssen. Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch ist eindeutig ein Kinderbuch, aber ein sehr gutes. Ob es wirklich zeitlos ist, bleibt dahingestellt, aber ich hatte bei vielen Themen das Gefühl, dass sie heute noch genauso aktuell – wenn nicht noch aktueller – sind wie Ende der Achtziger.

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Catherynne M. Valente: Die wundersame Geschichte von September, die sich ein Schiff baute und das Feenland umsegelte

Noch ein Kinderbuch, diesmal als Hörbuch, das gab es nämlich auf Spotify und hat mich wegen des langen Titels ein paar Nerven gekostet, wie ich hier im Techniktagebuch berichtete. Es geht um September, die sich ein Schiff baute und das Feenland umsegelt. Okay, das war jetzt nur so mittelwitzig. Es geht aber tatsächlich um September, die sich jeden Tag sehr langweilt und deswegen nicht zögert, als sie von einem Grünen Wind aufgeschnappt und mit einer fliegenden Leopardin ins Feenland bringt. Dort häufen sich dann die Abenteuer, September trifft den Bibliowurm „A bis L“, verliert ihren Schatten, wird zum Baum und muss sich am Ende tatsächlich ein Schiff bauen. Das ganze ist vollgestopft mit fantasievollen Ideen und Figuren, irgendwie sprang bei mir der letzte Funke aber nicht über. Trotzdem eine Empfehlung, für alle, die moderne Märchen mögen.

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Sarah Kuttner: 180 Grad Meer

Nach dem Bücherschrankfund habe ich die anderen Bücher von Sarah Kuttner auf Spotify gefunden, gelesen von ihr selber. 180 Grad Meer ist das letzte Buch von Sarah Kuttner und handelt von Jule, die aus lauter Selbst- und Welthass sehr schlechte Entscheidungen trifft, und auf einmal mit den Konsequenzen leben muss. Ihr Freund will sie nicht mehr sehen, also packt sie kurzerhand ihre Koffer und fährt zu ihrem Bruder nach London, um irgendwie klar zu kriegen, was sie eigentlich will und wie es weitergehen soll und warum sie eigentlich so ist, wie sie ist. Als ob Jules Verhältnis zur depressiven Mutter und dem größtenteils abwesenden Vater nicht schon ohne Krebs kompliziert genug wäre, wird sie in England zu allem Überfluss noch mit der Krebserkrankung ihres Vaters konfrontiert. Um den Kopf frei zu kriegen fasst sie einen Plan, der 180 Grad Meer und einen geliehenen Hund beinhaltet und spätestens da hatte sie mich ja sowieso.

Aber auch ohne Hund ist 180 Grad Meer das vielleicht kompakteste Buch von Sarah Kuttner. Ich habe etwas zu lange gebraucht, um ihre Bücher zu entdecken, es hat sich aber gelohnt und jetzt freue ich mich schon auf das nächste. (Es gibt doch ein nächstes?)

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Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz

Charlotte ist Schneiderin und Gelegenheitsmodel und mit Flo zusammen. Nächster Schritt: Erste gemeinsame Wohnung. Der Plan sieht vor, dass man sich nicht auf die Nerven geht, sondern alles wie vorher macht, aber halt zusammenwohnt, und wenn man mal was alleine machen will, dann macht man das. Ein naiver Plan, wie sich rausstellt, denn natürlich ändert sich doch viel mehr und Lotte merkt, wie ihr zunehmend Luft und Platz fehlt. Das junge Paar steuert sehr kontrolliert auf eine kleine Katastrophe hin, die in kleinen Briefen an den abwesenden Flo auch im Buch schon vorweggenommen wird.

Auch das wieder eine kleine Geschichte, in der gar nicht so viel passiert, die aber durch eine liebevolle Figurenzeichnung und gute, oft sogar sehr witzige Dialoge, überzeugt. Und auch hier kann ich das Hörbuch empfehlen, denn Sarah Kuttner schafft es, mir das Innenleben ihrer Alltagsheldinnen noch ein bisschen näher zu bringen.

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