Mehr Dinge, die mein Klavierlehrer sagt

„Wissen Sie, ich hab während meines Studiums viel moderne Musik gespielt. Und da haben die dann immer ganz komische Dinge gemacht, 7 auf 5 oder 11 auf 9 oder so und dann hab ich das genauso gespielt, wie es da stand und da haben sich die Komponisten gefreut. Und dann habe ich es anders gespielt und da haben sich die Komponisten auch gefreut. Ich glaube, die wussten selber gar nicht, wie das klingen sollte. Aber bei Jazz-Musikern können sie das nicht machen, dann sind die traurig.“

 

Und, bitte für zukünftigen Gebrauch merken:

„Das groovt wie Hasso.“

Kleinkram

Letztens im Taxi, der Taxifahrer war schon ein bisschen genervt, weil er die „Mein Ziel ist nur zwei Kilometer entfernt, aber ich bin zu faul zum Laufen“-Kundin bekam, aber da kann man nichts machen, er nicht und ich auch nicht. Bei der Strecke vom Bahnhof nach zu Hause kommt es immer auf irgendwas zwischen 7 und 8 Euro raus. Ich zahle üblicherweise einen selbst gewählten Pauschalpreis von 10 Euro, damit es sich für die armen Taxifahrer wenigstens irgendwie lohnt.

Ich gebe also wie gewohnt einen Zehn-Euro-Schein nach vorne, sage „Stimmt so“, da protestiert der Taxifahrer, das wäre zu viel, das ginge so nicht und gibt mir einen Euro zurück. Na gut.


Man fühlt sich nirgendwo so als deutscher Tourist wie in Holland oder im Elsass. In Straßburg wollen alle immer auf Deutsch mit uns reden, schlimm.


Auf dem Weg zum Restaurant in Koenigshoffen verlaufen wir uns kurz, dafür sehen wir einen Biber und einen Storch. Verlaufen ist super.


Am letzten Tag im Restaurant drei Pärchen mit identisch aussehenden Frauen. Braune schulterlange Haare, Seitenscheitel, roter Lippenstift. Wenn ich die Brille abnähme und Lippenstift auftragen würde, ich könnte mich problemlos einreihen.


Auf der Rückfahrt liest mein Mann sein Buch zu Ende, einen Thriller über das Darknet. Ein anderer Reisender interessiert sich für das Buch, ob er da mal den Klappentext lesen darf. „Sie können es sogar behalten“, sagt mein Mann. „Dann machen wir es so“, sagt der Reisende, „Sie bekommen eine Tafel Schokolade von mir, die habe ich zufällig dabei.“ Da haben wir also im Zug Buch gegen Schokolade getauscht, das ist mir auch zum ersten Mal passiert.

Büchermythen auf ihre Alltagstauglichkeit getestet

Im Goodreads-Blog fand ich heute einen Artikel mit der schönen Überschrift 20 Problems Only Book Lovers Understand und habe natürlich direkt draufgeklickt. Es handelt sich um 20 Zitate von Goodreads-Nutzern, die über Facebook und Twitter reintröpfelten. Weil ich sowieso schon immer mal was über Bücher- und Lesermythen schreiben wollte, nehme ich das mal zum Anlass, mir diese Probleme dahingehend anzugucken, ob sie auf mein Leben zutreffen oder eher nicht.

1. „The urge to buy books even though you still have too many books to read at home.“ Rie VdWarth

Jup. Ich arbeite gerade daran, meinen SUB (Stapel ungelesener Bücher) abzuarbeiten, bevor ich neue Bücher kaufen, aber es ist sehr, sehr, sehr schwierig.

2. „Feeling sad for people who don’t really exist.“ Kimberly Moniz

Jo, auch irgendwie. Das ist ja auch der Sinn von Geschichten, egal ob im Film, in Serien oder in Büchern. Wobei ich relativ selten beim Lesen weinen, bei Filmen oder Serien aber sehr schnell und viel. Aber traurig sein kann man ja auch ohne zu weinen.

3. „RUNNING OUT OF SHELF SPACE!!!“ Kim

Der Grund, warum ich einen eBook-Reader besitze. Was aber nicht bedeutet, dass ich nicht letztens noch mal Regale kaufen musste.

4. „Getting interrupted when you are on the last few pages of a book.“ Sobe Daya

Schlimm, passiert aber selten, weil ich eher in Situationen lese, bei denen mich gar nicht so viel stören kann, also vor allem in der Bahn und zu Hause. Wenn man in der Bahn auf den letzten Seiten ist, kann man im Zweifel auch im Gehen weiterlesen. Ich habe das mehrfach getestet.

5. „The book hangover. When a good book finishes but you can’t start a new one because you’re still too immersed in the last book to move on.“ Meagan Lewis

Hab ich nicht. Wenn ich ein Buch fertig gelesen habe, bin ich froh, dass ich endlich mit dem nächsten anfangen kann, weil ich mich schon so drauf freue.

6. „Wanting every book in a library section but knowing it is impossible to read all of them.“ Richard Azia

Ich will nicht alle Bücher lesen, aber vermutlich mehr, als ich im Leben schaffen werde. Kathrin Passig hat mal eine Zahl genannt, die sie als voraussichtlich noch zu schaffende Zahl bis zu ihrem Tod lesbarer Bücher geschätzt hat. Es war gar keine so große Zahl. Haha, dachte ich, aber ich bin ja jünger als Kathrin und rechnete meine Zahl aus. Es war ungefähr der gleiche Wert und dann war ich kurz deprimiert.

7. „Waiting so long for a sequel that you forget what happened in the first book.“ Jessica Luong

Ja. Deswegen lese ich auch lieber entweder alle Teile direkt hintereinander oder eben Bücher ohne Fortsetzung.

8. „When you’re lying in bed and it’s all cold in your room—and the hand holding the book freezes to death, even though the rest of you is warm under the blankets.“ Alina Marie Swan

In solchen Fällen mache ich die Heizung an. Das Problem mit den kalten Fingern habe ich eher beim Pokémon-Go-Spielen im Winter.

9. „Finishing a book and having to wait a whole year to read the next in the series.“ Sarah Scanion

Siehe Antwort 7. Allerdings habe ich auch schon ein bisschen Angst vor dem nächsten Buch der „A Song of Ice and Fire“-Reihe (auch bekannt als „Game of Thrones“), weil ich ungefähr alles aus den Büchern vergessen habe, aber auch nicht noch mal alles lesen möchte.

10. „Trying to keep the book dry while reading in the bath.“ Patricia Boland

Ich nehme auch mein iPhone und mein Kindle mit ins Bad. Mir ist wirklich noch nie etwas beim Baden in die Wanne gefallen.

11. „Ordering a book online and getting the book with the movie cover. A book with a movie cover just doesn’t feel the same.“ Anna RN

Damit habe ich keine Erfahrung, ich lese aber ja sowieso viel als eBook. Wahrscheinlich wäre ich auch etwas betrübt, würde aber aus eben diesem Grund auch schon bei der Bestellung aufs Cover achten. Eventuell liegt es aber auch daran, dass ich fast immer das Buch Jahre vor dem Film gelesen habe.

12. „Not being able to read and eat lunch at the same time because you don’t have a third arm.“ Bernadette

Man braucht aber doch nur eine Hand zum Essen. Versteh ich nicht.

13. „When someone borrows your book and doesn’t return it for ages!“ Pallavi B

Wenn man Bücher verleiht, muss man entweder sehr klarstellen, dass man es wiederhaben will und aktiv regelmäßig darauf hinweisen oder man geht davon aus, dass man es nicht wieder bekommt. Ich verleihe gerne Bücher, sollte ich sie wirklich nicht wiederbekommen, kann ich sie mir neu kaufen. Bücher, bei denen mir das tatsächliche und konkrete Objekt Buch etwas bedeutet, weil zum Beispiel eine Autorensignatur drin ist, verleihe ich dann eben nicht oder nur an ausgewählte Personen.

14. „Deciding. Which. Book. To. Read. First.“ Monique Balsamo

Verstehe ich nicht. Dieses Problem habe ich nicht. Im Zweifel halt das, was oben auf dem Stapel liegt.

15. „Getting to a ‚can’t stop reading‘ spot in the book and it’s 3:00am.“ Joan Chesley

Dann liest man weiter und ist am nächsten Tag sehr müde.

16. „When you have a book with you, but it’s not the one you wanted to read right then.“ Virginia Osborne

Dieses Problem habe ich nicht. Das überlegt man sich vorher und lebt dann mit den Konsequenzen. Oder man hat halt einen eBook-Reader, wo sowieso alles drauf ist. Wenn man dann allerdings im Urlaub ist und der eBook-Reader-lose Mann hat alle seine Bücher schon ausgelesen und ist der Meinung, das wäre doch mal eine Superidee, den eBook-Reader zu testen und man muss dann die Bücher vom Mann lesen, ist aber sehr schnell damit durch, dann ist das doof. Aber wer konnte das schon ahnen?

17. „Being forced to stop reading by other obligations, but choosing to ignore those obligations. Then getting in trouble.“ Feel Like Fangirling

Ich glaube, das ist mir noch nicht passiert.

18. „Packing for a trip and never being able to bring enough books.“ Erika Gallion

Ich kann’s ja nicht oft genug sagen: Dafür gibt es eBook-Reader! Zefix!

19. „Having a book fall on your face because you’re reading on your back while holding the book up.“ Manuel Cedillo

Das ist tatsächlich ein Problem und passiert mir auch, gerade, wenn ich schon etwas müde bin. Da ist es übrigens egal, ob man ein Buch oder einen eBook-Reader hält, es ist bei beiden unangenehm.

20. And the ultimate book lovers‘ dilemma: „So many books, so little time.“ Navy Reading

Siehe Antwort 6.

Lieblingstweets im März (Teil 1)

PUDDING MIT SCHINKENWÜRFELN! LADY STARKSTROM AUF SCHLOSS VATTENFALL! SCHNURTELEFONE! FISCHFRIKADELLEN! TWITTERT MAL WIEDER LUSTIGER, EY!

Webgedöns vom 14.3.2017

Frau Novemberregen überlegt, wie sie leben würde, wenn sie immer wieder neu anfangen könnte.

Miniature Retro Papercraft Synthesizers by Dan McPharlin. Ungefähr genau das, wonach es klingt: Kleine Papiersynthesizer. So hübsch.

Library Hand ist ein Schrifttyp, der extra für das Schreiben von Bibliothekskarteikarten designt wurde.

Flatland. Der Künstler Aydın Büyüktaş verformt Bilder von Landschaften so, dass sie wie in dieser einen Szene in Inception aussehen. Ja, ich kann’s halt auch nicht besser beschreiben, aber es sieht irre aus. (Link führt zur Hauptseite, man muss dann noch auf „Flatland“ klicken.)

Nach wie vor einer der Comics, die mein Leben am besten beschreiben: Important Tasks and You.

Lieblingstweets im Februar woanders

Familie: The Next Generation

Ich bin bekanntlich Einzelkind und nach langjährigen Beobachtungen sowohl meine charakterliche Disposition betreffend als auch der komplizierten Familienverhältnisse von Nicht-Einzelkindern finde ich das auch ganz okay so. Auf der anderen Seite gibt es eine weiter gefasste Familie, die sämtliche Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen umfasst und mir nicht sehr fremd ist. Zum einen haben sich die Geschwister meiner Mutter sehr viel Mühe gegeben und alle elf Cousins und Cousinen in einer Zeitspanne von 1980 bis 1989 geboren, so dass es nie zu absurden Altersabständen kam. Außerdem lässt sich eine gewisse Heimatliebe feststellen, so dass ich jetzt mit knapp 70 km Entfernung am zweitweitesten von allen vom Mutterschiff weg wohne. Auch, wenn es andere Cousins und Cousinen mal weiter weg verschlagen hat, kommen sie jetzt alle zurück wie die Lachse zum Laichort. Als letztes muss man vielleicht wissen, dass wir die ersten dreizehn Jahre meines Lebens im Haus meiner Großeltern wohnten, und somit eben am Zentralumschlagplatz für Familienbesuche. Mit nuklearer Familie haben wir also nicht so viel am Hut, es gehören sehr viel mehr Personen dazu.

Nun fangen die Cousinen und Cousins an, selber Kinder zu bekommen. Mittlerweile gibt es vier davon, das fünfte ist unterwegs, alle innerhalb von zwei Jahren, auch hier also kann man einen gewissen Hang zur zeitlichen Nähe feststellen, allerdings weiß natürlich noch keiner, wie das in der Zukunft weitergeht.

Ich bekomme jetzt also eine komplett neue Art von Verwandten, die es vorher nicht gab, und die so furchbar niedlich ist, dass man auch davon erzählen möchte und dafür braucht man Wörter.

Weil ich nun auch gerne richtig rede und korrekte Begriffe verwenden möchte, begann ich mich damit zu beschäftigen, wie das denn mit diesen Verwandtschaftsverhältnissen so aussieht. Ich empfehle dazu den Artikel in der Wikipedia zu „Verwandtschaftsbeziehung“, denn da gibt es neben viel hilfreichem Text auch eine hübsche Grafik, durch die man sich durchhangeln kann.

Ich fand heraus: Die Kinder meiner Cousinen und Cousins sind meine „Nichten und Neffen zweiten Grades“. Das ist jetzt zwar offenbar richtig, aber ein sehr sperriger Begriff, der sich für den täglichen Gebrauch und ob seiner Verbosität auch gerade für Twitter nicht wirklich eignet. Ich war also auf der Suche nach einem besseren und trotzdem zumindest nicht falschem Wort.

Instinktiv hatte ich immer von Großcousinen und Großcousins gesprochen, war dann aber unsicher geworden. Ich fragte auf Twitter nach, und einige Leute mit den gleichen Verwandtschaftserfahrungen wiesen ebenfalls auf die Option Großcousine und Großcousin hin. Ich guckte also noch mal genau hin und wurde fündig (Hervorhebung von mir):

Großcousin und Großcousine sind keine offiziellen Verwandtschaftsbezeichnungen, sie werden nicht einheitlich benutzt; vom normalen Muster abweichend, werden damit umgangssprachlich ganz allgemein Verwandte aus der nächst älteren Generation, aus derselben, oder aus der nächst jüngeren Generation bezeichnet: […]

  • Cousin, Cousine 2. Grades
  • Cousin, Cousine eines Elternteils = Onkel, Tante 2. Grades
  • Sohn, Tochter einer Cousine oder eines Cousins 1. Grades = Neffe, Nichte 2. Grades
  • allgemein: Cousins und deren Kinder, wenn ihr Grad nicht bekannt ist

Anders formuliert ist Großcousin und Großcousine im großen Verwandtschaftsbingo einfach kein geschützter Begriff. Es ist zwar jetzt nicht die hyperkorrekte Bezeichnung für die Kinder meiner Cousinen und Cousins, aber es kommt einem fluffiger über die Lippen, verbraucht nicht so viele Zeichen und ist vor allem nicht falsch.

Wer also in nächster Zeit neue Verwandtschaft in Form von Cousin(en)kindern bekommt, der muss nicht länger suchen und zweifeln: Wir dürfen Großcousine und Großcousin sagen! Hurra!

Lieblingstweets im Februar (Teil 2)

PYLONENJUNGTIERE! BLITZDINGSE! 15 LADEKABEL! UND PFÜTZEN ZUM REINSPRINGEN! (Kann ich doch nichts dafür, dass der Februar so kurz ist und ihr alle lieber Karneval feiert als zu twittern!)

Blau, blau, blau sind alle meine Kleider

Ich habe gestern bei meiner Tante die digitalisierten Kinder- und Urlaubsbilder auf einen USB-Stick gezogen, um sie auch selber in Ruhe angucken zu können. Bei der Sichtung bemerkte ich vor allem folgendes: Ich bin auf fast jedem Bild aus den achtziger Jahren komplett blau gekleidet. Ich habe mir also nicht nur eingebildet, dass damals der Rosaanteil an der Mädchenkleidung deutlich geringer war. Mein Lieblingskleid war schwarz und hatte weiße Blümchen, gehörte aber einer Freundin. Gelegentlich durfte ich es mir ausleihen und anziehen, das hat man damals wohl so gemacht, davon finde ich aber gerade kein Bild.

Dabei war ich sogar ein richtiges Mädchen. Ich wollte immer Kleider anziehen, am besten welche mit Spitzenkram und in denen man sich drehen konnte. Ich hatte sogar zwei Dirndl, von denen zugegebenermaßen eines auch pink war, aber es muss ja immer Ausnahmen geben.

Es fällt mir jedenfalls heute noch schwerer an so was wie „Na ja, rosa ist halt genetisch bedingt“ zu glauben als vor zwei Tagen, als ich das auch schon für eine alberne Aussage hielt.

(Das sind nicht die digitalisierten Bilder, sondern eine Seite aus Omas Fotoalbum. Gelegentlich trug ich auch Hosen. Also vor allem blaue Hosen.)

Kann man nicht kochen können?

Ich stellte gestern auf Twitter und auf Facebook die wirklich ernst gemeinte Frage, ob Menschen, die von sich behaupten, nicht kochen zu können, es auch mehr als drei Mal versucht haben?

Die Frage stieß auf erstaunliche Resonanz und die Antworten zeigten eine große Bandbreite sowohl in Hinblick darauf, wie man die Frage verstehen konnte, als auch in Hinblick darauf, vor welchen Probleme Kochneulinge stehen. Probleme, die mir so gar nicht klar waren.

Eines gleich vorweg: Mir ging es nicht um den Spaß am Kochen. Mir ging es auch nicht darum, ob man ein Drei-Gänge-Menü für Gäste kochen kann oder darum, Menschen, die nicht gerne kochen, irgendwie zu beschämen. Ja, ich koche gerne, aber ich mache andere Sachen auch nicht gerne, die anderen Leuten großen Spaß bereiten und ich habe da auch keine Lust, Rede und Antwort zu stehen, warum ich diese Dinge nicht tun möchte.

Es ging mir aber tatsächlich nicht ums Mögen oder um ein bestimmtes Niveau, sondern um das wirklich ganz basale Können.

Hier lauerte direkt die nächste Falle: Menschen definieren Können unterschiedlich. Deswegen hier auch direkt meine Definition von „Kochen können“: Kochen können bedeutet, dass ich in der Lage bin, aus Lebensmitteln etwas herzustellen, dass man nachher auch essen möchte und das jetzt über das Belegen eines Brotes mit einer Käsescheibe hinausgeht. Wer ein Rührei braten, Nudeln oder Kartoffeln kochen und den Teig für einen Pfannkuchen (für die Leser aus dem Osten: Eierkuchen) zusammenquirlen kann, qualifiziert sich schon für das Prädikat „Kann kochen“. Es darf auch mit Fertigmitteln geholfen werden und die Tomatensoße aus dem Glas genommen werden. Hätten wir das auch geklärt.

Kurz nachdem ich die Frage gestellt hatte, schrieb Kathrin Passig:

Programmieren übrigens genauso. Ich vermute, auch die Hindernisse sind ähnliche: mit jemandem im selben Haushalt leben, der es halt schon kann, zum Beispiel.

Und Kerstin Hoffmann fügte hinzu:

„Können Sie Klavier spielen?“
„Keine Ahnung, noch nie ausprobiert.“

Wir sind also immer noch nicht beim eigentlichen Kochen angekommen, sondern klären weiter Grundsätzlichkeiten: Natürlich kann man die Frage für ungefähr alles, was man irgendwie Lernen muss, stellen, denn etwas Neues zu lernen beinhaltet erstens immer, dass man es öfter als drei Mal versucht und zweitens, dass man es überhaupt ausprobiert.

Auf letzteres kam es mir eben genau auch bei meiner Frage an, bezieht sich die Aussage „Ich kann nicht kochen“ üblicherweise darauf, dass man es einfach noch nie gemacht hat, oder bezieht sie sich auf zahlreiche erfolglose Versuche, es zu versuchen. Beide Varianten öffnen sofort die Tür für weitere interessante Fragen: „Wenn man es noch nie versucht hat, warum?“ und „Besteht die Annahme, dass man Kochen einfach kann oder nicht kann?“ und „Wenn man es schon oft versucht hat, woran ist es gescheitert?“ und natürlich die Frage: „Gibt es Menschen, die einfach nicht kochen können?“

Jetzt gibt es natürlich berechtigte Gegenfragen: „Warum geht es dir ausgerechnet ums Kochen?“ „Muss man Kochen können?“ und „Wie kommst du drauf, dass es dich was angeht, ob ich Kochen kann oder will?“

Auf letztere Frage habe ich die einfache Antwort: Es geht mich gar nichts an, aber es interessiert mich, weil es für mich so selbstverständlich ist, dass man kocht oder zumindest kochen kann, dass ich in der Tat verstehen will, was andere Menschen daran hindern könnte. Es geht mir ums Kochen, weil das ein Bereich ist, der immer präsent ist, weil wir alle essen. Man kann es wie Frank Lachmann machen und auf Soylent umsteigen, dann ist man dieses Problem natürlich auch los, aber selbst Soylent muss man zusammenrühren. Und nein, man muss nicht Kochen können.

Kochen kann man nicht, Kochen lernt man

Und jetzt kommen wir zu dem, worauf ich eigentlich hinauswollte: Fast niemand kann einfach so kochen. Ich habe das auch in vielen Jahren gelernt, Stück für Stück und ich habe erst vor kurzem begriffen, wie man Kartoffeln richtig kocht und kämpfe immer noch mit Hefeteig. Mit sechs Jahren notierte ich das Rezept für Bobos. In der Grundschule konnte ich Spiegeleier braten. Als Teenager verfeinerte ich Dosenbohnen in Chilisauce mit Zwiebeln, Paprika und Dosenmais oder strich Fertigsalsasauce auf TK-Blätterteig, streute Käse drüber und überbuk es im Ofen. Mein Lieblingssalat bestand aus Mais, roten Bohnen, Zwiebeln und unglaublich viel Essig. Auch alles Sachen, die ich als „Ich kann kochen“ durchgehen lassen würde, übrigens.

Mich interessiert, ob es ein Missverständnis gibt, nach dem Leute, die kochen können das selbstverständlich in die Wiege gelegt bekommen haben oder von ihren Eltern oder Großeltern von Kindesbeinen an in die große Kochkunst eingewiesen wurden. Ich bin zwischen Tütensuppe und ausgenommener Forelle großgeworden. Tatsächlich habe ich bei meiner Oma in der Küche zugeguckt und mit meiner Mutter Kekse gebacken, aber ich erinnere mich nicht daran, dass es jemals größere Kochlehrstunden gab. Was es immer gab, unbestritten, ist ein Interesse an Essen und das, obwohl ich als Kind ein ganz schlimmes Mäkelkind war und quasi kein Gemüse gegessen habe.

In der neunten und zehnten Klasse hatte ich Hauswirtschaft als Wahlpflichtfach und habe auch da ein bisschen Kochen gelernt. Das klingt übrigens nur so lange lustig und antiquiert, bis man weiß, dass die Hauswirtschaftslehrerin auch Chemielehrerin war und man zwar alle paar Wochen mal in der Schulküche kocht, aber den Rest der Zeit etwas über Nährstoffe, die unterschiedlichen Garmethoden und was da so mit dem Essen passiert und Essstörungen lernte. Dann klingt es auf einmal wie etwas, das man wie Informatik und Wirtschaftswesen sinnvollerweise direkt als Pflichtfach einführen sollte, aber das ist eine andere Diskussion.

Trotzdem sind mir im Laufe der Jahre auch viele Gerichte missglückt, ich habe das Salz an den Nudeln vergessen und dafür die Soße versalzen, Kuchen sind im Ofen verkokelt oder waren trocken und verklumpte Vanillesoße wurde in den Ausguss geschüttet. Von Hefeteig will ich gar nicht anfangen, der hat mir erst vor wenigen Tagen wieder die Mitarbeit verweigert.

Dementsprechend frage ich mich eben, ob es ein Missverständnis gibt, dass bei Leuten, die wie ich gerne und viel kochen, nie irgendwas schief geht oder einfach nicht schmeckt. Doch, doch, tut es. Wie bei allen anderen Dingen auch, hat Können etwas mit Lernen zu tun und Lernen etwas mit Fehler machen. Auch, wie man lernt, ist vollkommen unterschiedlich. Ich habe mich über Fertigprodukte und einfache Rezepte an die Sache rangetastet. Andere Leute halfen als Kind in der Küche mit. Wieder andere schnappten sich irgendwann ein Schulkochbuch und haben erstmal gelernt, wie man Salzkartoffeln kocht.

Glasig dünsten, hä?

Das Problem ist eben auch, dass man irgendwann den Blick dafür verliert, was alles überhaupt nicht selbstverständlich ist, eben weil man es so verinnerlicht hat, dass man gar nicht mehr drüber nachdenkt. Wenn in Rezepten „Zwiebeln glasig dünsten“ steht, dann weiß ich, was damit gemeint ist, aber warum ich das weiß, kann ich noch nicht mal mehr sagen.

Auf Facebook schrieb Max von Webel:

Das ist definitiv eines der Hauptprobleme mit Rezepten, dass sie zum einen hyper-exakt sind: 200g Butter! Nicht 201g, nicht 199g sondern exakt! 200g! Andererseits dann aber in die totale Beliebigkeit abrutschen „nach Geschmack würzen“ (wtf?). Meine Lieblingsformulierung ist „goldbraun anbraten“. Ich hab noch nie irgendwas gesehen, was „goldbraun“ war, das ist einfach keine Farbe.

Meine spontane Reaktion war: Natürlich müssen es nicht genau 200 Gramm Butter sein, es dürfen in fast allen Fällen sogar 190 Gramm sein oder 205 Gramm. Selbst beim Backen, wo es ja durchaus exakter zugeht als beim Kochen, muss man nicht grammgenau abmessen. Und: Ich weiß vermutlich auch, was „goldbraun anbraten“ bedeutet, auch wenn mir diese Formulierung gar nicht so geläufig vorkommt. Butter lässt man goldbraun werden, aber nicht das, was man darin anbrät. Es ist genauso wie „Zwiebeln glasig dünsten“, ich weiß, was gemeint ist und wie es aussehen soll und darüber, dass man es nicht wissen könnte, muss ich mir erst bewusst klar werden.

Darauf aufbauend ergab sich die Frage, warum es denn nicht einfach ganz genaue Rezepte gibt, so dass es wirklich keinerlei Raum für Abweichungen gibt. Die Antwort darauf hat Franziska Robertz gegeben:

Zum einen ist z.B. jeder Ofen anders, was das gleichmäßige Backen betrifft. Auch sollte man seine technischen Küchengeräte schon gut kennen und wirklich die Gebrauchsanweisung zumindest überfliegen. Ich erlebe es in einigen Backgruppen immer wieder, dass Leute z.B. ihre KitchenAid töten, weil sie den Hefeteig darin auf höchster Stufe vermengen (geringste Stufe wird empfohlen).
Zum anderen sind besonders fleischige Zutaten nicht immer gleich. Nur weil heute das eine Steak perfekt gelingt, muss es das morgen unter gleichen Bedingungen keineswegs. Gerade Naturprodukte wie Fleisch sind extrem individuell. Das gleiche Stück Fleisch kann nächstes Mal total zäh sein, obwohl man es genauso gebraten hat wie das davor. Eben weil es von einem anderen Tier stammt, das völlig andere Eigenschaften hat. […] Geht auch mit Zitronen: Der Saft einer Zitrone kann unter Umständen nur 15 ml sein oder eben 115 ml. Wenn in Rezepten solche ungenauen Angaben stehen wie 1 Zitrone oder so und man noch kein Gefühl für das Kochen bzw. für Rezepte entwickelt hat, kann einem das Ergebnis ganz schön sauer aufstoßen.

Auf einmal diskutierten wir Dinge, die ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, weil sie für mich Selbstverständlichkeiten sind. Dass sich nicht jede Zutat immer gleich verhält, dass Rezepte immer Raum für Interpretationen lassen und an vielen Stellen nur Vorschläge sind und man die Paprika statt in Würfel auch in kleine Rauten schneiden kann, weil „in Würfel schneiden“ in Rezeptlingo einfach ein gängiger Begriff ist. Dass wir es generell bei Rezepten mit Grundannahmen und Begriffen zu tun haben, die sich für komplette Anfänger gar nicht wie selbstverständlich erschließen.

Nicht können oder nicht wollen?

Nach wie vor suche ich noch auf Antworten auf meine Frage, es haben sich eher noch mehr Fragen aufgetan und spannende Diskussionen ergeben, mit denen ich nicht gerechnet habe.

Oft wurde meine Frage mit „Warum willst du nicht Kochen lernen?“ verwechselt und entsprechende Gründe angegeben: Keine Lust, kein Interesse, keine Zeit, der Partner kocht gut, es gibt Lieferdienste und Fertiggerichte und ich esse sowieso lieber kalt (wobei ich einen selbst zusammengeschnibbelten Salat auch schon als Kochen gelten lassen würde). Es besteht keine Notwendigkeit, es zu lernen, also tut man es nicht.

Wenn man jetzt aber zu meiner Basisvorstellung von „Kochen können“ zurückkommt, also Rührei und Nudeln mit Soße, gibt es dann immer noch Leute, die von sich sagen, sie könnten das nicht und vor allem: Mit welchen Vorstellungen geht man an die Sache heran?

Ich habe mich letztes Jahr sehr über einen Artikel bei Vice.com geärgert, in dem eine Kochanfängerin darüber schrieb, wie sie versuchte, Rezepte von Tasty nachzukochen und kläglich scheiterte. (Zur Erklärung, bei Tasty handelt es sich um die gerade auf Facebook veröffentlichten Kochanleitungen, wo man alles nur von oben sieht und es jenseits des Visuellen keine begleitende Erklärung gibt.) Die Autorin machte aus meiner Sicht einen entscheidenden Fehler, den sie sogar kokett ankündigte: Sie erklärte, dass sie zwar keine Ahnung vom Kochen hätte, wenn ihr aber etwas nicht klar wäre, dann würde sie das einfach frei Schnauze und nach Gefühl machen.

Hier ein kleines Geheimnis: Wenn man sich beim Kochen nicht sicher ist und keine große Kocherfahrung hat, dann hat man auch ziemlich sicher kein Gefühl dafür, wie etwas zu tun ist. Das gilt vermutlich nicht nur fürs Kochen.

Wie erwartet ging ungefähr alles schief, teils, weil die Rezepte zu kompliziert waren, teils, weil die Mengenangaben in amerikanischen cups angegeben waren und die Autorin ja eben nicht nachgucken wollte, wie viel das ist (Spoiler: eine amerikanische cup sind ungefähr 235 ml) und dementsprechend einfach irgendwas gemacht hat und teils, weil es halt einfach nicht geklappt hat.

Meine Quintessenz war: Wenn man sich selbst als Kochanfänger bezeichnet, dann ist die Chance, dass man erfolgreich ist, wenn man nach Rezepten kocht, die man nicht komplett versteht, erstaunlich gering. Es ist ein bisschen so, als würde man nach drei Wochen Klavierunterricht versuchen, eine Sonate von Beethoven zu spielen und dann erbost das Notenheft gegen die Wand werfen, wenn es nicht klappt.

Was heißt überhaupt (nicht) kochen können?

Bevor dieser Beitrag jetzt aber endlos umhermäandert und nicht zum Punkt kommt, versuche ich noch mal auf die Ursprungsfrage zurückzukommen und darauf, wie ich überhaupt darauf kam:

Haben Menschen, die von sich behaupten, nicht kochen zu können, es mehr als drei Mal versucht?

Die Frage beschäftigte mich, weil ich dahinter eben ein Missverständnis des Kochenkönnens und -lernens vermutete. Wahrscheinlich gibt es tatsächlich Menschen, die gerne kochen könnten, die es auch schon oft versucht haben, aber bei denen es einfach nicht klappt. Da interessiert mich, was da nicht klappt, wie an die Sache herangegangen wird und wo die Frustrationsgrenze ist. Aber ich glaube auch, dass es Menschen gibt, die einerseits kein Interesse daran haben, es zu lernen und es deswegen auch noch nie versucht haben, die aber vielleicht auch irgendein Grundtalent bei ihren kochenden Mitmenschen vermuten, das so meiner Erfahrung nach in den allerwenigstens Fällen tatsächlich da ist. Wir haben das eben auch alles gelernt und auf dem Weg ist uns ziemlich viel verbrannt, verkocht oder ungewollt halb roh auf den Teller gekommen.

Es geht nicht um Freude, Spaß oder Interesse, sondern die einfache Frage, ob man in der Lage wäre, ein akzeptables Rührei mit Speck hinzukriegen, wenn es halt sei müsste.

Wenn mir ein Knopf an der Jacke abfällt, dann bringe ich das auch meistens zu meinem spanischen Schneider und zahle ihm zwei Euro fürs Wiederannähen. Ich könnte den Knopf im Ernstfall aber auch selber annähen, ich besitze Nadel und Faden und kann einen Knoten machen. Der Knopf sitzt dann ein bisschen wackliger, auf der Rückseite sieht es scheiße aus und ich habe zehn Mal geflucht, aber es geht irgendwie. Und wenn ich es schöner machen wollte und der spanische Schneider in Urlaub ist, dann google ich, wie man Knöpfe annäht und dabei weniger fluchen muss.

Wenn ich von „Kochen können“ schreibe, dann meine ich also in Schneideranalogie nicht „Ein Abendkleid entwerfen und nähen“, noch nicht mal „einen Kissenbezug nähen“, sondern „einen Knopf wieder annähen“ oder vielleicht noch „einen Rocksaum wieder so zusammennähen, dass man sich damit in die Öffentlichkeit trauen kann“.

Die nächste Fragerunde

Es bleiben also für mich folgende Fragen:

  1. Was meinen die Leute, die „Ich kann nicht kochen“ sagen, damit? Haben sie es schon versucht und wenn ja, wann und warum haben sie aufgegeben?
  2. Gibt es Leute, die wirklich nicht kochen können? Was geht schief? Auf welchem Weg gehen sie an die Sache ran?
  3. Mit welchen Selbstverständlichkeiten, die für Kocherfahrene vollkommen klar sind, werden Kochanfänger konfrontiert, und welche Missverständnisse be- und entstehen auf diesem Weg?

Auf der anderen Seite sollte ich mich vielleicht nicht so anstellen. Wenn wirklich ausreichend viele Leute nicht kochen können und das auch nicht lernen wollen, sehen meine Chancen nach der Zombiekalypse doch gar nicht so schlecht aus. Bisher hatte ich mich als fahrende Musikerin gesehen, weil mir alles das, was ich für meinen Job können muss, noch weniger hilfreich fürs Überleben vorkam, ich kann ja nur Programmieren und Erklären und noch nicht mal einen Notstromgenerator in Gang bringen. Aber wenn alle Konservendosen geplündert sind, kann ich immerhin aus Mehl, Salz und Wasser einen Teig zusammenrühren und daraus irgendeine Art Fladenbrot backen. Das ist doch auch was.