Lieblingstweets im November woanders

Neues vom Unterbewusstsein

Meine Träume schreibe ich nur noch sporadisch auf, was unter anderem daran liegt, dass die Traum-App seit dem letzten großen iOS-Update kaputt ist und ich aktuell morgens immer so knapp aufstehe, dass kaum Zeit fürs Aufschreiben bleibt, und wenn ich das nicht direkt nach dem Aufstehen mache, dann ist sowieso alles weg. Aber ich schreibe dann auf, wenn ich Zeit habe und mich sehr gut erinnern kann und so reicht es immer noch für ausreichend viele Tage im Monat.

Für eine der letzten Traumgeschichten braucht es etwas Vorlauf, man muss da nämlich die Hintergründe begreifen. Ich habe ja eine Amazon-Wunschliste, die hauptsächlich für mich als Merkliste gedacht ist, aber von der man mich auch gerne beschenken kann (es ist zum Beispiel bald Weihnachten, aber das hier nur als dezenter Hinweis). Die Liste ist sehr lang, weil ich einfach immer alles draufschmeiße, was ich irgendwie interessant finde und dann alle paar Wochen mal durchkärchere.

Jetzt fehlte neulich ein Artikel von der Wunschliste, das habe ich eher zufällig gemerkt, es handelt sich um dieses wunderschöne Weihnachtspuzzle [Amazon-Werbelink] (und nein, man kann nie genug Puzzles von Colin Thompson haben), ich war also hoch erfreut, dass jemand so nett war und na ja, jedenfalls kam bis heute kein Puzzle bei mir an und das ist nicht schlimm, aber etwas enttäuschend, weil ich mich schon so gefreut hatte, aber vor allem ist es kompliziert.

Es ist nämlich so: Wenn man etwas von einer Wunschliste bestellt, dann kann man es entweder direkt an denjenigen senden oder eben an eine andere Adresse. Das ist insofern richtig und gut, als dass man ja das Geschenk vielleicht persönlich verpacken und mitbringen will. Aber es kann natürlich auch so sein, dass man auf einer Wunschliste rumguckt, etwas findet, was man selber haben möchte und sich das dann über die Wunschliste bestellt, was Amazon dann so interpretiert, als dass man das für den Wünscher gekauft hätte und den Artikel von der Wunschliste schmeißt bzw. als gekauft vermerkt und rausfiltert.

Das ist dann noch mal doof, weil man ja, selbst wenn man diese Problematik durchschaut hat, immer noch nicht weiß, ob jemand etwas für sich oder für eine spätere Geschenkübergabe gekauft hat oder ob beim Versand etwas schiefgegangen ist, und man ja auch nicht nachfragen kann, weil man ja nicht weiß, wer das war und man eine entsprechend lange Karenzzeit einplanen muss, bis man den Artikel dann wieder auf die Wunschliste setzen kann.

In dieser Situation befinde ich mich also gerade. Das Puzzle wurde gekauft, aber von wem und warum und ob ich es je bekomme oder zumindest bekommen sollte, ist unbekannt.

Jetzt also zurück zum Unterbewusstsein:

In meinem Traum bekam ich ein Paket mit einem Brief. In dem Brief stand, dass man mir das Puzzle hätte schenken wollen, aber sich das sicherheitshalber erstmal nach Hause hätte schicken lassen, um zu überprüfen, dass auch keine Teile fehlten.

Tatsächlich befanden sich in dem Paket dann die Puzzleteile, fein säuberlich in unzählige bunte Briefumschläge verpackt. Ich fand die Mühe sehr reizend, aber auch etwas übertrieben.

Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass, wenn man mir Puzzles von meinem Wunschzetttel schenken möchte, ich nicht darauf bestehe, dass vorher manuell geprüft wird, ob das Puzzle auch vollständig ist. Bisher hat mich Ravensburger da noch nicht enttäuscht, es waren immer alle Teile im Karton.

Lieblingstweets im November (Teil 2)

EIERLÖCHER! MUPFELN! MARZIPAN UND GLÜHWEIN! AMATEURZEITREISENDE! KÜNSTLERISCHE PERFORMANCE! HAMSTERSCHÄDEN!

Gelesen im September 2016 (Teil 2)

Das kalte Jahr von Roman Ehrlich

Ein junger Mann läuft in einem immerwährenden Winter zu Fuß nach Hause zu seinen Eltern. Doch seine Eltern sind fort, statt dessen öffnet ihm ein Junge, der sich dort eingerichtet hat und lässt den Mann etwas widerwillig, aber doch ohne Protest in dessen Elternhaus wohnen.

Das kalte Jahr von Roman Ehrlich ist deutsche Apokalypsen-Literatur und genauso muss man sie vermutlich auch lesen. Nichts wird erklärt, statt dessen findet Alltag statt in einer Welt, die irgendwie stirbt, aber irgendwie auch nicht. Die Personen agieren bisweilen etwas lethargisch, es wird mir insgesamt zu viel hingenommen. Abgesehen davon ist es aber eine stimmungsvolle Geschichte mit sympathischem Personal und schönen Einfällen. Und wenn man wie ich von etwas plotlastigerer SciFi-Apokalypsen-Literatur kommt, dann muss man sich vermutlich auch neu auf Bücher wie Das kalte Jahr einlassen.

Das kalte Jahr von Roman Ehrlich [Amazon-Werbelink]

 

Winters Garten von Valerie Fritsch

Für Winters Garten gilt grob das Gleiche, was ich oben schon über Das kalte Jahr geschrieben habe. Deutscher Weltuntergang, wieder poetisch, wieder mit etwas sperrigem Personal und mit ohne Erklärung, warum jetzt genau die Welt untergeht und woher alle das wissen. Die gesellschaftlichen Entwicklungen sind schwammig vernebelt, im Wesentlichen gibt es viel Tod und Verzweiflung und zwischendrin Liebe und Menschlichkeit.

Was Winters Garten aber vor allem lesenswert macht, sind die poetischen Beschreibungen von Natur, Familie und Kindheit. Es ist eben auch hier Literatur-Literatur und hat mit dem Genre, in dem Weltuntergänge sonst eher beheimatet sind, nicht viel zu tun. Muss es aber auch nicht, die Apokalypse mal behutsam zwischen Bäumen und alten Küchenbänken einbetten, das hat auch was.

Winters Garten von Valerie Fritsch [Amazon-Werbelink]

 

Mädchenmeute von Kirsten Fuchs

Mädchenmeute habe ich von vorne bis hinten geliebt. Ich muss dringend mehr von Kirsten Fuchs lesen, denn ihre Bücher machen mich glücklich. In Mädchenmeute geht es um Charlotte aus Berlin, die in den Ferien in eine Art Mädchen-Survival-Lager geschickt wird. Mitten im Nichts irgendwo im Wald sollen die Mädchen Spaß haben und lernen, mit der Natur zu leben und so weiter. Aber dann geht alles schief, was schief gehen kann und auf einmal sind die Mädchen mit einem Rudel Hunden, die sie gerettet haben auf dem Weg zu einem Stollen in Thüringen, um dort mal wirklich mit der Natur zu leben.

Mädchenmeute ist ein Jugendbuch, dementsprechend sind manche der Charaktere etwas überspitzt gezeichnet und manche Handlungsstränge etwas zu offensichtlich storygetrieben. Dafür wird ein wundervolles Bild der Teenagermädchen gezeichnet und eine durch und durch stimmige Atmosphäre erzeugt. Das ist alles sehr liebevoll gemacht und hat außerdem den schönsten letzten Satz, den ich dieses Jahr gelesen habe.

Mädchenmeute von Kirsten Fuchs [Amazon-Werbelink]

 

Memoiren, gefunden in der Badewanne von Stanislaw Lem

Gnagnagna. Es gab gute Gründe, warum Memoiren, gefunden in der Badewanne mein erstes Buch von Stanislaw Lem war und wenn mir nicht versichert worden wäre, dass das wirklich nicht sein bestes Buch und auch nicht das beste Beispiel für seinen Stil ist, dann wäre es vielleicht mein letztes gewesen. Ganz grob geht es um einen kafkaesken bürokratischen Albtraum eines Mannes, der einen Auftrag hat, der so geheim ist, dass ihm niemand sagen kann, was der Auftrag ist.

Memoiren, gefunden in der Badewanne funktioniert eher als Konzept als als Buch. Mir ist – das glaube ich zumindest – recht klar, was der Autor bezwecken wollte, aber es ist äußerst mühselig, sich durch das Buch zu arbeiten und viele Dinge funktionieren auch nur so bedingt (es fängt damit an, dass die Geschichte in den USA spielt, aber wirklich alles an dem Buch so unverkennbar russisch ist, dass es von mir permanente Denkleistung erforderte, das hinzunehmen). Da kann man vielleicht lieber noch mal Brazil gucken, das kommt inhaltlich ungefähr aufs selbe raus, macht aber mehr Spaß und ist schneller vorbei.

Memoiren, gefunden in der Badewanne von Stanislaw Lem [Amazon-Werbelink]

 

The Forgetting Time von Sharon Gusky

The Forgetting Time ist ein hübsches Buch zum Weglesen und danach Weglegen, und das meine ich im besten aller Sinne. Ich habe es sehr gerne und sehr schnell gelesen, ich wollte wissen, was passiert, wie es ausgeht, ich habe mit den Charakteren gehofft und gelitten, alles prima. Und dann ist es vorbei und es ist auch gut.

Es geht um Noah und seine alleinerziehende Mutter. Etwas stimmt nicht mit Noah, er redet von Dingen, die er nicht wissen kann, hat schreckliche Angst vor Wasser und fragt regelmäßig, wann er nach Hause zu seiner anderen Mutter darf. Man kann jetzt nicht groß weitererzählen, ohne direkt zu verraten, um was es geht, ich empfehle in diesem Fall eine Leseprobe, dann merkt man schon ganz gut, ob es etwas für einen ist oder eher nicht.

Ein bisschen habe ich mich nachher gefragt, ob ich zu irgendwas bekehrt werden sollte, ob die Autorin wirklich an ihre Geschichte bzw. die Möglichkeit ihrer Geschichte glaubt und ob ich hier emotional etwas ausgetrickst wurde. Und ja, ich habe rumgegoogelt. Wer eine hübsche Familiengeschichte mit leicht esoterischem Überbau sucht, wird hier glücklich. Andere vielleicht auch, ich war ja auch zufrieden.

The Forgetting Time von Sharon Gusky [Amazon-Werbelink]

Lieblingstweets im November (Teil 1)

TASTENTÖNE AM KLAVIER! DIE DÖNERBOX-BOX! GESPEICHERTE SPIELSTÄNDE! IMPRÄGNIERTE SCHUHE! TOLLPATSCHIGE LEBENSSTILE! WASCHBÄREN! PANZERKNACKER! UND WASCHBÄREN ALS PANZERKNACKER!

Meine kleine Filterblase

Meine Kindheit verbrachte ich am Rand von Köln in der Bruder-Klaus-Siedlung, wo die Straßen nach Schweizer Städten heißen, so dass ich zumindest nie verlegen bin, wenn ich mal Städte in der Schweiz nennen soll, ich muss dafür einfach nur einmal gedanklich durch die Siedlung laufen.

In der Mitte der Bruder-Klaus-Siedlung stand die Kirche, wir lebten zwar theoretisch in einer Großstadt, aber auch hier hatte man die Kirche sprichwörtlich im Dorf gelassen. Der Kindergarten war ein katholischer Kindergarten, die Grundschule eine katholische Grundschule. Es waren die achtziger Jahre und alles war schön und ordentlich und hatte seinen Platz.

In meiner Grundschulklasse waren wir um die 20 Kinder, vielleicht 25, ich weiß das nicht mehr genau. Sechs davon waren türkische Kinder, so hieß das damals, heute würde man „mit Migrationshintergrund“ sagen. Gar nicht mal so wenige, das lag vermutlich am Einzugsgebiet der Grundschule, ich weiß aber gar nicht, wo diese Kinder wohnten, aber dazu kommen wir später noch.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es Konflikte gab zwischen den türkischen und den deutschen Kindern, wir waren alle Schüler einer Klasse, manche hatten bessere Noten, manche schlechtere, manche fanden wir netter, manche fanden wir blöder. Meistens fanden wir sogar die blöd, die wir vor zwei Wochen noch supernett gefunden hatten und weitere zwei Wochen später waren wir wieder eng befreundet.

Wenn wir Religion hatten, dann waren die türkischen Kinder nicht dabei. Die türkischen Kinder hatten ihren eigenen Unterricht mit einem türkischen Lehrer, dessen Namen ich vergessen habe, irgendwas mit D, Dogcan vielleicht, gibt es so einen Nachnamen? Ich weiß noch nicht mal, was das für ein Unterricht war, auch Religionsunterricht oder Türkisch? Wir waren nie dabei, wir kannten nur den Lehrer, einen großen freundlichen Mann, der einzige Lehrer an der kleinen Grundschule und wir wussten, dass diese sechs Kinder einmal die Woche etwas anderes machten als wir, das war okay.

Aber.

Ich war kein einziges Mal bei einem meiner türkischen Mitschüler zu Hause. Ich weiß nicht, wo sie wohnten, ich weiß nicht, wo sie nach der Schule hingingen, was sie machten, was sie spielten, was sie lasen. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist und ich kann mich nicht daran erinnern, mich jemals ausgiebig mit einem von ihnen unterhalten zu haben, ich habe von zweien den Vor- und von allen den Nachnamen vergessen. Das gilt natürlich auch für einige andere Mitschüler, mit denen ich außerhalb der Schule nur selten oder gar nicht zu tun hatte, aber in der Eindeutigkeit, wie genau diese sechs Kinder außerhalb der Schule keine Rolle für mich spielten, irritiert es mich im Nachhinein schon.

Meine Cousine, die ein paar Jahre in der gleichen Siedlung lebte, hatte eine Nachbarin, ein Mädchen namens Elmas. Elmas wohnte mit ihren Eltern und ihrem Bruder im Haus gegenüber im zweiten oder dritten Stock. Ein paar Mal war ich tatsächlich bei Elmas zu Hause, ihre Mutter hatte eine Strickmaschine, was mich sehr beeindruckte, dieses große Ding, das einfach so Pullover stricken konnte, mit Motiv. Elmas und meine Cousine hatten den gleichen Pullover, rot mit einer weißen Katze darauf. Ich war sehr neidisch und hätte gerne auch einen Katzenpullover gehabt. Aber viel mehr weiß ich auch nicht über Elmas und ihrer Familie. Das mag auf der einen Seite daran gelegen haben, dass wir eben Kinder waren und uns viele Fragen gar nicht gestellt haben, nicht so mit dem Andersartigen gefremdelt haben oder eben das Andersartige gar nicht gesucht haben, weil wir nicht wussten, dass es da sein sollte.

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass ich auch damals in meiner kleinen Filterblase lebte, in der man eben aus diversen Gründen viel mehr mit den deutschen Mitschülern zu tun hatte. Ein Grund war sicherlich pragmatisch-geographischer Natur. Die deutschen Mitschüler lebten zu fast 100 Prozent in dem für uns Kinder damals allein navigierbaren Bereich der Siedlung. Die türkischen Mitschüler wohnten woanders. Man hätte gar nicht gewusst, wie man da hätte hinkommen sollen, selbst wenn man gewusst hätte, wo dieses da überhaupt war.

Dazu kam, dass die Eltern der deutschen Kinder sich oft schon kannten, weil die Siedlung ein bisschen wie das Dorf war, in dem die eigenen Eltern die der anderen Kinder schon von früher kannten. Unsere Nachbarn waren die Großeltern von Christine aus der Parallelklasse und ein Haus weiter wohnten die Großeltern von meinem Mitschüler Thomas. Im ersten Haus unserer Sackgasse wohnte mein Mitschüler Sebastian und seine zwei Brüder. Viele der deutschen Kinder kannte man schon aus dem Kindergarten und hatte da schon Freundschaft geschlossen.

Addiert man dazu noch alle anderen Gemeinsamkeiten, war es einfach naheliegender, dass ich mit Sandra und Simone befreundet war und nicht mit Serra und Serap.

Ich möchte eigentlich nur auf eines hinaus: Man hört immer so viel von der Filterblase, in der wir stecken, weil wir uns im Internet immer nur mit den Leuten umgeben, die mit uns auf einer Wellenlänge sind, die die gleiche Meinung haben und den gleichen Hintergrund, mit denen wir uns nicht streiten müssen oder zumindest nicht über Grundsätzlichkeiten, weil man ja prinzipiell auf der gleichen Seite ist.

Die Filterblase ist aber keine Erfindung des Internets. Die war schon immer da, sie hatte nur damals keinen fancy Namen. So war einfach das Leben. Das macht es nicht weniger wichtig, gelegentlich aus ihr herauszutreten*, aber wir können zumindest aufhören, so zu tun, als wäre das Internet hier das Problem** und nicht die Menschen, wie sie schon immer waren. Und da schließe ich mich ausdrücklich mit ein.

* Aus Gründen der emotionalen Stabilität halte ich es übrigens für genauso wichtig, sich gelegentlich in die Filterblase verkriechen zu können, es sollte nur kein Dauerzustand sein.

** Das Internet hat andere Probleme, die sicherlich auch wichtig zu diskutieren sind, aber das ist Stoff für andere Blogeinträge.

Webgedöns am 10.11.2016

Aus aktuellem Anlass hier eine sehr lange, aber sehr lohnende Geschichte über einen White Supremacist, der der Bewegung abgeschworen hat: The white flight of Derek Black“. Diese Geschichte nährt ein bisschen meinen Verdacht, dass es nicht viel bringt, mit Leuten, die eine – aus der eigenen Sicht problematische – Meinung vertreten, man muss sie einbinden und sie ihre Vorurteile selbst abbauen lassen. Das ist nur ein langer Prozess und funktioniert dann vermutlich auch nur, wenn man die Feindbilder auch tatsächlich irgendwie negativ bedienen kann und das macht das ganze problematisch. Es ist, wie immer, kompliziert.

Dann ein ebenso langer Bericht über den aktuellen Restaurantkritiker der New York Times: „Pete Wells Has His Knives Out“. Lohnt sich ebenso, wenn auch aus weniger aktuellem Anlass.

Haben in meiner Filterblase schon alle gelesen, aber man weiß ja nie: Frau Nessy über eine inkludierende Pizzabude in Dortmund.

Ich höre aktuell das Hamilton-Musical rauf und runter und freue mich sehr über diese Papieranziehpuppen.

Auch interessant: Eine Unterwäschemarke hat „nude“ Unterwäsche in sieben Farbtönen, weil hautfarben halt für unterschiedliche Menschen nicht das gleiche ist. (Dass das noch einen Artikel wert ist, zeigt die eigentliche Tragik.)

Und zum Abschluss noch mal etwas aus der Koch- und Backecke: Cheesecake mit Walnüssen und Ahornsirup. Ich glaube, das versteht sich auch ohne erläuternden Kommentar.

Sackgassenkommunikation mit Tellonym

Ich habe es einen ganzen Tag ausgehalten und dann habe ich mir doch ein Konto by Tellonym zugelegt, einfach, um zu gucken, wie das ist und ob das zu irgendwas taugt. Eigentlich schule ich ja um zum Late Adopter und habe vor, Dienste von jetzt an immer erst dann zu nutzen, wenn alle anderen schon da sind. Möglicherweise hat es sich bei Tellonym ja so angefühlt, als wären schon alle da, vermutlich war ich einfach nur scharf darauf, von anderen Menschen nette Sachen geschrieben zu bekommen.

Das hat tatsächlich auch ganz gut funktioniert und es kamen kleine Grüße rein, die mir vor Freude die Wangen röteten, auch Dinge, mit denen ich gar nicht rechnete, Komplimente für Äußerlichkeiten, die man ja schnell als oberflächlich abtun kann, die sich aber – let’s face it – doch sehr schmeichelnd lesen und das Ego zusätzlich etwas streicheln.

Ich habe aber auch gemerkt, dass ich anderen Menschen sehr gerne nette Sachen schreibe. Ich habe die Tellonym-Konten meiner Internetmenschen abgegrast und Leuten gesagt, wie toll sie sind und was ich an ihnen mag.

Die berechtigte Frage ist natürlich, warum man das anonym tun muss. Kann man nicht einfach auf Twitter rumlobhudeln, ganz unanonym, damit der andere das auch weiß? Traut man sich nur, Komplimente zu machen, wenn man es im Geheimen machen kann?

Die Antwort ist ein eindeutiges Jein. Ich habe kein Problem damit, auch unanonym Komplimente zu machen und ich glaube, zumindest hoffe ich das, dass ich das auch regelmäßig tue.

Trotzdem empfinde ich Tellonym als eigenartig und unerwartet befreiend, denn es ist eine Kommunikationssackgasse. Ich kann niemandem dafür danken, wenn er mir etwas nettes geschrieben hat und genauso muss ich nicht auf eine Reaktion warten, wenn ich jemandem gerade ein Kompliment gemacht habe. Eine Reaktion ist systemisch nicht vorgesehen. (Das stimmt nicht ganz, man kann auch ganz unanonym schreiben, BUT WHERE’S THE FUN IN THAT?)

In einer Welt, in der alles auf Austausch und Kommunikation ausgelegt wird, ist es eine schöne Abwechslung, wenn man mal einfach gar nicht reagieren kann, wenn Dinge einfach so stehengelassen werden (müssen), wie sie sind. Wenn man sich nicht bedanken kann, kein Gegenkompliment gemacht werden kann, einfach, weil man nicht weiß, wer’s war. Und vor allem, wenn man sicher sein kann, dass der andere auch gar nicht erwartet, dass man reagiert. Gerade Menschen wie mir, die mit Komplimenten nicht immer gut umgehen können („Das hast du total gut gemacht.“ „Ich weiß.“) wird eine Riesenlast von den Schultern genommen, wenn hinter der Komplimentmacherei kein sozialer Druck, jetzt irgendwie adäquat zu reagieren, mehr steht.

Ich habe 2009 einen Artikel über Twitter geschrieben, der schon alleine deshalb lustig zu lesen ist, weil darin so Dinge stehen wie „Could I live without it? Sure.“ Darüber kann ich heute natürlich nur noch herzlich lachen. (Die heutige Variante wäre wohl: „Could I live without it? WHY WOULD YOU SAY SOMETHING SCARY LIKE THAT?!?“)

Damals mochte ich an Twitter unter anderem, dass man bei Konservationen nicht die ganzen Höflichkeitsrituale durchmachen musste, die bei Skype so üblich waren (das steht im vorletzten Abschnitt). Heute mag ich an Tellonym (nach zwei Tagen in Gebrauch zugegebenermaßen), dass ich nicht die ganzen Höflichkeitsrituale durchmachen muss, die bei Twitter oder eben jedem anderen dialogisch angelegten Dienst üblich sind. Ich sehe da Parallelen, die natürlich auch damit zusammenhängen, dass ich Twitter mittlerweile vollkommen anders nutze als im Mai 2009 und dass sich die Welt in den letzten sieben Jahren generell etwas geändert hat (und ich auch).

Bislang gab es eine Beleidigung auf Tellonym. Das ist zunächst etwas erschreckend, zumal ich den Link zu meinem Konto nur auf Twitter bekannt gab und deswegen zunächst davon ausging, dass diesen also vermutlich nur Leute sahen, die mir aus welchen Gründen auch immer, dort folgen. Warum folgt einem dort jemand, der einen offensichtlich nicht mag?

Als wir Tellonym im Allgemeinen und die darüber verschickten Beleidigungen im Speziellen im Techniktagebuchredaktionschat durchdiskutierten, wurde auch die Vermutung geäußert, dass es sich um Beleidiungstrolle handelt, die eher Twitter auf Tellonym-Links filtern und dann (eventuell geschlechtsspezifisch) Beleidigungen im größeren Umfang streuen. Diese Erklärung schien mir noch wahrscheinlicher, als dass mich ein Follower so doof findet, dass er das Bedürfnis verspürt, mir das anonym mitzuteilen und ich kann ziemlich gut damit leben, zumal die anderen Nachrichten diesen einen Satz mehr als wettmachen. Warum es solche Leute gibt und was deren Motivation ist, ist wohl eine ganz andere (spannende, aber auch nicht neue) Diskussion.

Ich werde also Tellonym erst mal weiter nutzen, einfach um zu sehen, (ob noch) was passiert. Und wer mir immer schon was sagen wollten oder drängende Fragen hat, die er oder sie sich sonst nicht zu stellen trauen würde, man kann das hier tun: www.tellonym.de/u/anneschuessler

Amanda Palmer am 3.11. in der Kantine in Köln und warum wir nicht bis zum Schluss geblieben sind

Ich bin gestern zum ersten Mal vor Ende aus einem Konzert gegangen. Und zwar nicht irgendeinem Konzert, sondern dem Soloprogramm von Amanda Palmer. Amanda Fucking Palmer. Ich kann das aber erklären und es hat nichts mit Amanda zu tun, meine Liebe zu ihr ist weiterhin ungebrochen.

Am Konzert selber war auch nix zu meckern, dass es ein Soloprogramm sein würde, war klar, es wurde vorher genau so angekündigt, es stand sogar auf der Karte. Und so begann das Konzert auch mit einem typischen magsichen Amanda-Moment. Anstatt auf der Bühne erschien sie mitten im Raum auf der Theke der Bar, Amanda in ihrem Mantel und ihrer Ukulele. Komplett ohne Mikrofon spielte sie „Ich bau dir ein Schloss“ von Heintje und danach, weil sie jetzt schon mal oben stand, ihr Cover von Radioheads „Creep“, bei dem das Publikum begeistert mitsang. Wunderschön, man steht mitten in der Menge, rundherum wird enthusiastisch und gleichzeitig fast verletzlich gesungen und auf der Theke eine tolle Frau mit Ukulele. An dieser Stelle war mir auch klar, egal, was jetzt noch kommen würde, ich habe hier gerade schon alles bekommen, für das ich gekommen bin.

Amanda Palmer

Dann ging es an den Flügel, Amanda startete mit „The Killing Type“, danach folgte das wunderbare Brecht-Weillige „Missed Me“ und zugegebenermaßen habe ich die genaue Reihenfolge danach vergessen. Amanda sitzt am Flügel, spielt, trinkt zwischendurch Wein und isst einen Apfel und erzählt, erzählt viel. Davon, wie sich ihr Leben durch ihren Sohn geändert hat, davon, wie sie dank Patreon genau die Kunst machen kann, die sie möchte und nicht die, die ihr irgendeine Marketing-Abteilung eines Musiklabels vorschreiben will. Dass sie zehn Minuten lange Lieder machen kann, wie das wunderschöne „A Mother’s Confession“, in dem sie über ihre erste Zeit als Mutter singt, eine Zeit, in der das Leben scheinbar auseinanderfällt, aber alles sowieso nur von dem einen entscheidenden Gedanken übertönt wird: At least the baby didn’t die. Auch hier darf das Publikum mitsingen, noch so ein magischer Moment, mal abgesehen davon, dass ich auch genau an der davor vorgesehenen Stelle geweint habe. Sie erzählt davon, wie sich Lieder mit der Zeit ändern, wie das noch viel traurigere „The Bed Song“, das mich bei jedem Hören emotional fertigmacht.

Zusammen mit ihrer Freundin und Tourmanagerin (unter anderem) Whitney singt sie „Delilah“ und das Beatles-Cover „Paperback Writer“ und mir fällt wieder auf, dass ich noch so viele Lieder von Amanda Palmer (oder den Dresden Dolls) nicht kenne und auf jedem Konzert erneut entzückt bin, wenn ich etwas neues höre.

Es ist also eigentlich alles wunderbar, ich empfehle hier weiterhin dringend, auf Konzerte von Amanda Palmer zu gehen, wann immer und wo immer sich einem die Gelegenheit bietet. Trotzdem sind wir früher gegangen, und das hatte zweieinhalb Gründe: Erstens waren mein Mann und ich etwas angeschlagen, nach zwei Stunden Rumstehen hatten wir Rückenschmerzen, wir waren müde und kaputt. Außerdem war die Kantine als Location denkbar ungünstig geeignet. Für einen Solokonzertabend mit vielen persönlichen Geschichten braucht man eine etwas intimere Atmosphäre, dann kann es wunderbar funktionieren. Wir hatten uns nach etwa einer Stunde von verhältnismäßig weit vorne nach ziemlich weit hinten zurückgezogen, weil es da noch Luft gab. Die Sicht war auch von da nicht schlechter, es standen zwar mehr Leute vor einem, aber eben nicht direkt vor der eigenen Nase. Dafür war Amanda weiter weg und die Geräuschkulisse von den beiden Getränketheken war nicht zu überhören.

Nur, um das klarzustellen, ich war angenehm überrascht von der Kantine. Draußen ein netter Bereich, mit einer Imbissbude, wo wir noch zur Stärkung Currywurst und Pommes bekamen. Kostenloser Parkplatz mit Wächtern, die einen direkt zum nächsten freien Platz wiesen. Das Sicherheitspersonal rheinisch-freundlich (im Gegensatz zum Gloria, wo sich meine Mutter schon mal fast mit einem Taschenchecker angelegt hat), und auch der Konzertraum selber war gut, nur halt nicht für diese Art Konzert geeignet. Da wäre das Gloria die bessere Wahl gewesen. Mit Band hingegen hätte es auch in der Kantine vermutlich für mich sehr gut funktioniert.

Der letzte halbe Grund war, dass vollkommen unklar war, wie lange es noch gehen würde. Ich bin eigentlich überzeugte Bis-zum-Ende-Bleiberin, ich habe erstens dafür bezahlt, zweitens will ich wissen, was noch alles kommt und drittens finde ich es unhöflich gegenüber dem Künstler. Hätte ich ungefähr einschätzen können, dass jetzt noch zwei oder drei Songs kommen und dann ist gut, hätten wir eventuell durchgehalten. Statt dessen erkundigte sich Amanda zwischendurch kurz nach der Sperrstunde und auch sonst war klar, dass sie selber nicht so genau wusste, wie lange sie spielen würde. Eigentlich der Traum jedes Konzertbesuchers, an diesem Abend hat es mir interessanterweise die Entscheidung erleichtert, früher zu gehen, denn bis Mitternacht, das war uns klar, würden wir auf keinen Fall durchhalten und wenn man sowieso nicht bis zum Schluss bleiben kann, ist es eigentlich auch schon egal.

Zu unserer Verteidigung: Wir sind gegen 22:30 Uhr aufgebrochen, da spielte Amanda schon seit zwei Stunden. Und so leid es mir tat, vorzeitig aufzubrechen, es war an diesem Abend mit diesen Rahmenbedingungen die richtige Entscheidung.

Ein paar gemischte Anmerkungen zum Schluss:

1. Geht zu Amanda Palmer! Es ist immer gut. Und wenn ihr nicht bis zum Ende bleibt, ist es auch gut, aber wenigstens wart ihr da.

2. Immerhin habe ich Baby Ash gesehen, der vor dem Konzert vor meiner Nase im Kinderwagen rumgefahren wurde. Und ja, er ist ungefähr genauso niedlich wie auf den Bildern.

3. Es gibt kaum jemanden, der es so versteht, das Publikum einzubinden, der so viel Liebe zurückgibt, der so fassbar als ganzer Mensch auf der Bühne steht wie Amanda Palmer. Erwähnte ich, dass man zu Amanda Palmer gehen sollte, wann immer sich die Gelegenheit bietet?

Altes Emmaus-Gebäude

4. Der Abend hatte sich eigentlich sogar schon gelohnt, als ich auf dem Gelände der Kantine ankam. Ich leide ja unter akuter Nostalgie und in dem Nebengebäude habe ich etliche Stunden verbracht, als dort noch die Emmaus Gemeinschaft saß und ich mit meiner Mutter regelmäßig dort hinfuhr. Man konnte mich einfach in dem Raum mit den gebrauchten Büchern absetzen. Dort haben wir auch mal einen Maulwurf gefunden.

5. Auf dem Weg zur Kantine habe ich endlich ein Pikachu gefangen. Eigentlich hatte sich der Abend sogar da schon gelohnt.

6. Hört mehr Amanda Palmer.

7. Wer wissen will, wie es vor drei Jahren bei Amanda Palmer war, der kann das hier nachlesen.

8. Das Nuf war in Berlin auf dem Konzert und war ebenfalls begeistert (und ist sogar bis zum Schluss geblieben, glaube ich).

9. Mein Mann hat ungefragt die angebotene CD gekauft und Amanda Palmer als einen modernen Tom Waits bezeichnet. Er fand’s wohl auch gut.

Lieblingstweets im Oktober woanders