Deutschlandskizze #1

Mörfelden-Walldorf, Goldener Apfel, Oktober 2017

Wir sitzen im Goldenen Apfel, mit voller Absicht, ich wollte das hessischste aller hessischen Restaurants dieser Stadt, ich wollte Äppelwoi trinken und vielleicht nicht Handkäs mit Musik essen, aber auf der Speisekarte zumindest die Option haben, es theoretisch bestellen zu können, wenn ich wollte. Statt dessen habe ich hessisches Cordon Bleu, mit Käse, Schinken und Kraut gefüllt und ein großes Glas Apfelwein.

An den Wänden hängen alte Fotografien von Mörfelden-Walldorf und Menschen, die auf Feldern stehen, bestimmt sind es mörfeldisch-walldorfische Felder und Menschen.

Der Wirt des Hauses unterhält sich mit dem Ehepaar am Tisch hinter mir. Der Soundso, der gegenüber von der Tankstelle wohnt, den sieht man auch nicht mehr häufig. Ja, der hat Krebs und die Frau ist ja auch tot, das ist alles nicht schön. Und im Haus wo früher der Herr Dings gewohnt hat, da ist jetzt jemand neues eingezogen, eine Familie, da muss man auch mal sehen. Welches Haus ist das noch mal? Wenn man von der Sowiesostraße Richtung Daundda fährt, dann auf der rechten Seite, das weiße. Ach, das, jaja.

Nach einer Viertelstunde wissen wir ungefähr alles über all in Mörfelden-Walldorf, so fühlt es sich wenigstens an, so groß kann das ja hier nicht sein (über 32.000 Einwohner, sagt das Onlinelexikon).

Wir sind zu satt für Nachtisch, bezahlen und fahren weiter Richtung Süden. „Exakt so habe ich mir das vorgestellt“, sage ich. Durch die Gegend fahren und in vollkommen unspektakulären Städten in Dorfkrügen, goldenen Irgendwassen und Marktschänken sitzen und dabei mit den aktuellsten Neuigkeiten versorgt werden. Exakt so habe ich mir das vorgestellt, als wir Berthold Bulliver zu uns holten.

Goldener Apfel

Lieblingstweets im November (Teil 1)

DER DEUTSCHESTE FEIERTAG! EDLE SCHMUCKSCHUBER! ZURÜCKFRÖBELN! PFIRSICH-MARACUJA-JOGHURT! BRAUSEPULVER!

Gelesen im Oktober 2017

The Strange Case of the Alchemist’s Daughter von Theodora Goss

Ein hübsches Fantasyabenteuer. Nachdem auch ihre Mutter gestorben ist, muss Mary Jekyll, die Tochter von Dr. Jekyll ihr Leben neu organisieren und stößt dabei auf einen Hinweis aus der mysterlösen Vergangenheit ihres Vaters. In einem Heim für gefallene Mädchen findet sie Diana Hyde, die Tochter von Mr. Hyde, dem seltsamen Freund ihres Vaters. Plötzlich steckt sie mittendrin in einer Mordserie in London, hinter der eine Vereinigung steht, die in irgendeiner Verbindung zu ihrem Vater steht.

Theodora Goss greift diverse Themen und Figuren aus klassischen Horror- und Mysterygeschichten auf, man kann also schon versprechen, dass es nicht bei Jekyll, Hyde, Holmes und Watson bleibt. Die Geschichte, die in der ersten Hälfte etwas rummäandert, bevor etwas mehr Schwung in die Sache kommt, wird immer wieder unterbrochen von den Stimmen der Protagonistinnen, die gemeinsam ihre Geschichte aufschreiben und sich dabei nicht immer einig sind. Zusammen ist The Strange Case of the Alchemist’s Daughter zwar keine überragende literarische Überraschung, macht aber dafür beim Lesen großen Spaß und sei daher von Herzen empfohlen.

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Slated von Teri Terry

Zwischendurch habe ich dann zur Abwechslung mal wieder etwas YA-Dystopie gelesen. In Slated (deutsche Übersetzung: Gelöscht) geht es um Kyla, deren Erinnerungen komplett gelöscht wurden. Diese Löschung ist die Strafe für minderjährige Kriminelle, die auf diesem Weg noch eine zweite Chance erhalten sollen. Kyla kommt in eine neue Familie, bekommt eine Schwester, die ebenfalls eine Gelöschte ist und muss sich nun irgendwie in ihrer neuen Welt zurecht finden.

Natürlich ist auch in dieser Geschichte nichts so, wie es scheint, man weiß nicht, wem man trauen kann und wem nicht. Auf der Suche danach, wer sie wirklich ist oder vielmehr war, wird klar, dass sie belogen wurde. Vor allem aber merkt sie, dass sie anders ist, denn nicht alle ihre Erinnerungen sind verloren.

Slated ist ordentliche YA-Science-Fiction, allerdings nicht überdurchschnittlich. Während ich den ersten Band recht schnell und zugegebenermaßen auch gierig ausgelesen habe, verließ mich das Interesse, auch den zweiten und dritten Teil zu lesen dann erstaunlich schnell. Kann man machen, tut nicht weh, unterhält gut, ist aber auch nicht mehr.

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The Murders of Molly Southborne von Tade Thompson

In dieser Novelle geht es um Molly Southborne. Immer, wenn Molly blutet entsteht ein Klon, der ihr früher oder später nach dem Leben trachtet. Mollys Leben ist geprägt von der Angst zu Bluten und der Selbstverständlichkeit, sich selbst immer und immer und immer wieder umzubringen oder vielmehr umbringen zu müssen. Klingt seltsam, funktioniert aber gut und ist eine gelungene und ungewöhnliche Horrorgeschichte, die auch im Gedächtnis haften bleibt.

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Die Weisheit der Bienen von Jack Mingo

Das nächste Bienenbuch. Ich lese jetzt einfach alle Bücher über Bienen. Nach Fiktion und Neurowissenschaften jetzt ein Erfahrungsbericht eines Hobbyimkers über das Leben mit Bienen. Der Amerikaner Jack Mingo kam als junger Lehrer auf die Idee, für die Schule einen Bienenstock anzuschaffen und blieb dann an den Bienen hängen. In Die Weisheit der Bienen erzählt er nun davon, wie es ist Bienen zu haben, was sie einen lehren können und wie man mit ihnen umgeht. Es geht um die Geschichte des Imkerns, um die Praktikalitäten, die Schwierigkeiten und die Freuden.

Das ist alles hübsch geschrieben, bleibt aber, das ahnt man schon, wenn man die Dicke (bzw. Dünne) und die Schriftgröße des Büchleins sieht, sehr an der Oberfläche. Auf der anderen Seite ist Die Weisheit der Bienen damit das perfekte Kontrastprogramm zum umfangreichen, aber dafür etwas sperrigen Die Intelligenz der Bienen.

Jack Mingo gibt sein Wissen in Anekdoten und mit viel Humor weiter, so dass man immer wieder darüber nachdenkt, ob man nicht auch einen Bienenstock… vielleicht, nur einen kleinen…? Die vernünftige Antwort lautet: Nein! Aber man kann bei konkreten Bienenbedürfnissen einfach noch mal durch dieses Buch blättern, das reicht vielleicht auch.

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Der Club von Takis Würger

Nach den vielen Lobeshymnen auf dieses Buch, habe ich Der Club von Takis Würger als Hörbuch gehört. Allerdings konnte mich das Buch nicht so packen, wie ich es gehofft habe. Es geht um den Waisen Hans Stichler, der von seiner unnahbaren Tante nach Cambridge geholt wird, um dort für sie die Geschehnisse im elitären Pitt Club auszuspionieren. Schnell wird klar, dass hier etwas Schreckliches passiert und ehe Hans sich versieht, steckt er schon mitten drin und muss sich entscheiden, wie weit er gehen soll, um die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen.

Ich war, kurz gesagt, etwas enttäuscht. Vielleicht wäre es besser gewesen, hätte ich nicht so hohe Erwartungen an das Buch gehabt. Eventuell funktioniert das Buch als Hörbuch nicht so gut, wobei ich die Umsetzung sehr gelungen fand, insofern zweifle ich, dass es daran lag.

Dabei ist das Buch auch nicht schlecht, nur eben nicht so irre gut, wie ich es mir ob der vielen Empfehlungen vorgestellt hatte. Fürs nächste Mal merken: Auch Bücher, die gefühlt jeder toll findet, am besten komplett ohne Erwartungshaltung lesen. Aber wie soll das gehen?

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He Said/She Said von Erin Kelley

Vor fünfzehn Jahren beobachtete Laura ein großes Verbrechen und beging in einem Moment der Verzweiflung ein kleineres. Seitdem leben sie und ihr Mann versteckt aus Angst vor Beth, der Frau, die sie damals in ihr Leben ließ und die sich als gefährlicher entpuppte, als sie sich vorstellen konnte.

Jetzt ist ihr Mann Kit auf dem Weg in den Norden. Kit jagt Sonnenfinsternissen hinterher, und die nächste findet in einer der einsamsten Gegenden Europas statt. Laura bleibt schwanger zu Hause, während ihre Gedanken nur um Kit, Beth und ihre Vergangenheit kreisen.

He Said/She Said ist zunächst mal ein solider Thriller, der aber von Anfang an eine so düstere Stimmung aufbaut, dass man mit einem nagenden Gefühl des drohenden Unheils kaum mit dem Lesen aufhören kann. Wozu ist Beth fähig? Und was geschah damals überhaupt? Es ist eine Geschichte der kleinen Lügen mit großen Folgen und der Frage, wem man vertrauen kann.

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Der goldene Handschuh von Heinz Strunk

Weiter im Strunkschen Gesamtwerk. Als ich berichtete, dass mir Jürgen von allen bisherigen Strunkbüchern eindeutig am tristestes vorkam, was ja andererseits der Grund dafür war, warum ich es so toll fand, fragte Angela, wie es mir dann wohl erst mit Der goldene Handschuh gehen würde, in dem ja wirklich überhaupt nichts Schönes vorkäme und alles nur schrecklich wäre.

Tatsächlich kommt in diesem Buch überhaupt nichts Schönes vor und alles ist schrecklich. Strunk erzählt die Geschichte des Hamburger Serienmörders Honka, aber vor allem auch die Geschichte des goldenen Handschuhs, einer heruntergekommenen Kneipe, in der sich die Verlierer der Gesellschaft treffen. Der Ton ist hart, drastisch, teilweise eklig und voller Gewalt. Nichts hier ist schön, es geht nicht ums Leben, sondern ums Überleben, den Figuren steckt oft noch der Krieg im Nacken, von allen verlassen wird erniedrigt oder man lässt sich erniedrigen.

Doch die Tristesse in diesem Buch ist eine andere als in Jürgen, denn sie hat so gar nichts mit meiner Lebenswelt zu tun. Das beruhigt auf der anderen Seite, denn so kann man Der goldene Handschuh immerhin noch mit ein bisschen Abstand lesen, während man sich bei Jürgen stets fragen musste, ob die Hauptfigur nicht vielleicht doch einfach im Haus gegenüber wohnen könnte.

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Soloalbum von Benjamin von Stuckrad-Barre

Im Bücherschrank gefunden und gelesen, nachdem ich nach dem großartigen Panikherz doch noch mal wissen wollte, was die damals alle so an den Büchern gefunden haben.

Das Debüt von von Stuckrad-Barre lässt mich aber etwas unterwältigt zurück. Ja, ohne Frage, er kann schreiben und vielleicht muss man das alles aus der Zeit und unter Berücksichtigung seines Alters sehen, aber Herrgott, ist das alles unsympathisch. Der Ich-Erzähler wurde gerade von seiner Freundin verlassen und ergeht sich in Selbstmitleid, wenn er nicht mal wieder davon überzeugt ist, dass er und seine Kumpels die geilsten sind, schon allein, weil sie wissen, welcher Musikgeschmack der richtige ist.

Es wäre einfacher, wenn das Buch eindeutig ironisch wäre, aber ich fürchte, das ist es nicht. Mal abgesehen davon, dass man die ganze Geschichte so ähnlich auch in Panikherz lesen kann, nur eben mit dem nötigen Abstand, den von Stuckrad-Barre vielleicht brauchte, um mit sich selber ins Reine zu kommen.

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Lieblingstweets im Oktober woanders

Mein Teil 1 und Teil 2 sind hier, der Rest folgt wie gewohnt.

1ppm

André Herrmann

Buddenbohm & Söhne

Crocodylus

Dynamite Cakes

Ellebil

Familienbetrieb Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

Nullenundneinsenschubser Teil 1 und Teil 2

Office-Werkstatt

Pressepfarrerin

Uschi aus Aachen

Vorspeisenplatte

Lieblingstweets im Oktober (Teil 2)

CAPTCHA-STRESS! BÄREN! KALBSFLEISCH AUS DEM BIOLADEN! FAHRRADFAHREN IN HEIDELBERG! BRATENDUFT IM HAUSFLUR! UND RATLOSE ENTWICKLER!

Lieblingstweets im Oktober (Teil 1)

THERMODYNAMIK! SEKTFRÜHSTÜCK! GEMÜSEFÄCHER! 40 SCHRAUBEN! SCHLITZSCHRAUBENDREHER! WÜSTENKATZEN!

Gelesen im September 2017 ( Teil 2)

Und der zweite Teil der Septemberlektüre folgt sofort. Auffällig ist vor allem, dass in der zweiten Septemberhälfte überhaupt keine Bücher aus dem englischsprachigen Raum dabei sind, dafür aber drei von italienischen Autoren und Autorinnen. Es ist tatsächlich reiner Zufall, aber dennoch bemerkenswert.

Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino

Mit diesem Buch hätte ich dann auch alle Urlaubskandidaten 2016 durch, endlich! Wenn ein Reisender in einer Winternacht ist ein bisschen ein literarisches Experiment des Autors Italo Calvino. Der Leser wird durch zehn Romananfänge gejagt, dabei stets unterbrochen, mal, weil ein Fehler im Druck vorliegt, mal, weil die restlichen Seiten des Manuskripts fehlen oder die Übersetzung nicht vollständig ist. Auf der Jagd nach dem Buch, mit dem alles begann, eben dem ominösen Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Calvino, begibt sich der Leser gleichzeitig auf eine Schnitzeljagd, verliebt sich, gerät in eine seltsame Lesegruppe und schließlich auf andere Kontinente, das erwünschte Buch immer karottengleich vor der Nase hängend und doch unerreichbar.

Das ist gelegentlich verwirrend, man muss sich bei diesem Buch darauf einstellen, dass man am laufenden Band getäuscht wird, dass Setting und Personal ein Neues sind, dass die Erzählperspektive wechselt und einem bei der Lektüre ständig neue Überraschungen auflauern. Insofern vielleicht kein Buch für eine schnelle Zwischendurchlektüre, aber abgesehen davon auch humorvoll und originell. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine literarische Weltreise mit viel Witz.

Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino [Amazon-Werbelink]

 

Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

Muss man zu Ferrantes Meine geniale Freundin überhaupt noch etwas sagen. Ich war von der Berichterstattung gleichermaßen fasziniert wir irritiert, bis zu dem Punkt, dass ich dem Hype nicht erliegen wollte. Dann fand ich das Buch im Bücherschrank und ergriff die Gelegenheit – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ferrante erzählt die Geschichte von Elena und Raffaela, die irgendwo kurz vor Kriegsende am Rand von Neapel geboren werden. Die Familien in diesem Viertel sind Arbeiterfamilien, Geld ist knapp, Bildung wird kein hoher Wert beigemessen. Schnell stellt sich heraus, dass die freche Raffaela – oder Lila, wie Elena sie nennt – hochbegabt ist. Doch während die Einmischung der Lehrerin bei Elenas Eltern fruchtet und die strebsame Schülerin das Gymnasium besuchen darf, muss Lila die Schule früh verlassen.

Im ersten Band der Neapolitanischen Saga begleitet man als Leser die beiden Freundinnen durch Kinder- und Jugendtage, von ersten Ausflügen aus dem Viertel über die erste Verliebtheit bis hin zu den ersten Schritten ins Erwachsensein.

Meine geniale Freundin ist ohne Zweifel sehr gut, fast makellos geschrieben. Von den Figuren über die Stimmung fühlt man sich mitten hineinversetzt ins italienische Treiben mit all seinen Höhenflügen und Tiefpunkten. Klug gemacht ist hier auch der kleine Cliffhanger am Schluss, der noch mal sicherstellt, dass man kaum anders kann, als zum nächsten Band zu greifen, um zu erfahren, wie es mit Lila und Lenù weitergeht.

Meine geniale Freundin von Elena Ferrante [Amazon-Werbelink]

 

QualityLand von Marc-Uwe Kling

Was machte ich mir Sorgen, dass mir das Buch nicht gefallen könnte. Schließlich gehören die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling zu meinen Lieblingsbüchern, und ich habe die Hörbücher schon so oft gehört, dass ich sie teilweise mitsprechen kann. Aber Kling ohne Känguru? Geht das?

Es stellt sich raus: Es geht. Zwar habe ich etwas gebraucht, um in die Geschichte reinzukommen, dann fühlte ich mich aber wieder mittendrin in einer typischen Kling-Welt voller Absurditäten, pop- und hochkultureller Anspielungen und natürlich mit viel Witz.

In Klings neuem Buch geht es um Peter Arbeitsloser, der in QualityLand lebt, denn so hat man das Deutschland der Zukunft kurzerhand umbenannt. In QualityLand erkennt man am Nachnamen der Kinder den Beruf der Eltern, werden die Kaufwünsche der Leute von TheShop per Drohne geliefert, bevor man überhaupt wusste, was man sich wünscht, wird der Partner von QualityPartner ausgesucht und entscheidet das persönliche Level, wie gut (oder eben nicht) man behandelt wird.

In dieser Welt bekommt Peter Arbeitsloser ein Paket geliefert, in dem sich ein Produkt befindet, dass er weder will noch gebrauchen kann. So ein Fehler kommt aber nicht vor, schon weil er nicht vorkommen darf. Bei dem Versuch, das Produkt umzutauschen, gerät Peter immer tiefer rein in eine Welt der Androiden, Geheimnisse und Algorithmen. Unterstützt wird er dabei von der Revolutionärin Kiki, einem seltsamen Guru und einer Horde kaputter Roboter.

QualityLand macht einen irren Spaß und ich wurde – puh, Gott sei Dank – nicht enttäuscht. Als Bonusfeature gibt es zahlreiche Anspielungen auf die Känguruchroniken, und auch dieses Buch, da bin ich sicher, werde ich mehr als einmal lesen und hören.
QualityLand von Marc-Uwe Kling [Amazon-Werbelink]

 

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam von Sophie Divry

Sophie ist arbeitslos. Während ihre Brüder ihr Leben alle irgendwie im Griff haben, fristet sie in Lyon ihr Leben als arbeitslose Journalistin. Die Jobsuche dümpelt vor sich hin, nur die Konversation mit ihrem Leidensgenossen Hector, der ihr von seinen aktuellen amourösen Eroberungen berichtet, heitert sie auf. Doch sonst sieht es eher trist aus, eine einfacher Nachzahlungsforderung der Stadtwerke bringt ihre fragile Finanzplanung durcheinander, ein Espresso im Café wird zum Luxusgut und das Loch im Bauch lässt sie von ihrer kümmerigen Nachbarin stillen.

Das klingt alles nicht nach vergnüglicher Lesekost, ist es aber eben doch. Denn Sophie Divry, die Autorin, lässt ihre Hauptdarstellerin Sophie nie den Kopf in den Sand stecken. Mit Lust am Leben und Schreiben versuchen die beiden, ihre verzweifelte Situation irgendwie in den Griff zu kriegen, auch dann, wenn ihnen eigentlich zum Heulen zumute ist oder gar ein Teufel aus dem Badezimmer kommt, um sie auf seine Seite zu ziehen.

„Als der Teufel aus dem Badezimmer kam“ ist keine 08/15-Geschichte, wer einen Spannungsbogen mit Auflösung sucht, wird enttäuscht. Statt dessen experimentiert Divry in ihrem Buch, da fallen Buchstaben von den Seiten oder werden zwei parallele Handlungsstränge in zwei Spalten nebeneinander gesetzt. Auch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen immer wieder. Wer aber ein ungewöhnliches, kraftvolles Buch sucht mit einer unperfekten Heldin und viel Sprachwitz, dem sei dieses Buch dringend ans Herz gelegt.
Als der Teufel aus dem Badezimmer kam von Sophie Divry [Amazon-Werbelink]

 

Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano

Auch das war ein Bücherschrankfund, der Titel des Buches war mir bekannt, den Inhalt hatte ich weitgehend vergessen und fing einfach an zu lesen.

Es geht um Alice und Matti, die beide seit ihrer Kindheit mit einem Trauma belastet sind. Alice hatte einen Skiunfall, für den sie ihren Vater verantwortlich macht und der sie mit einem lahmen Bein zurückließ. Matti ließ seine behinderte Zwillingsschwester allein in einem Park, Michela verschwand und Matti macht sich seither Vorwürfe. Während Alice sich in eine Magersucht flüchtet, verletzt Matti sich selbst und flüchtet in die Welt der Mathematik. Dann treffen sie sich in der Schule und eine zarte Freundschaft zwischen den beiden Außenseitern.

Auch diesem Buch kann man wenig vorwerfen, es liest sich flüssig, so dass man in kurzer Zeit damit durch ist. Aber: Sowohl Alice als auch Matti bleiben als Hauptpersonen und anvisierte Sympathieträger in ihrem Selbstmitleid unangenehm nervig. Man möchte sie immer und immer wieder ein bisschen schütteln und daran erinnern, dass sie nicht allein auf der Welt sind und sich – verdammt noch mal! – ein bisschen zusammenreißen. Gerade Alices Magersucht wird auf eine Art thematisiert, die mir doch etwas problematisch vorkam.

Auf der anderen Seite: Möglicherweise ist genau das vom Autor intendiert, wer weiß das schon. Man bleibt zurück mit dem unbefriedigten Gefühl, zwei Personen zurückzulassen, die dringend Hilfe bräuchten, sich aber stets weigern werden, welche anzunehmen. Wenigstens sind es da nur erfundene Personen.

Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano [Amazon-Werbelink]

Gelesen im September 2017 (Teil 1)

Wegen Urlaub ist es wieder viel geworden, so dass ich den September in zwei Teilen Revue passieren lasse.

The Bone Clocks von David Mitchell

Das wollte ich ja eigentlich schon im letzten Urlaub 2016 lesen, bin aber nicht dazu gekommen. Diesmal aber. David Mitchell erzählt die Geschichte von Holly Sykes von den Achtziger Jahren, als Holly als 15-Jährige von zu Hause wegläuft bis in die Zukunft, in der sie… aber nein, das kann man an dieser Stelle nicht verraten.

David Mitchell erzählt in gewohnter Manie aus unterschiedlichen Perspektiven, einmal erzählt Holly selbst, im nächsten Teil ist es dann der Student Hugo Lamb, der in einem Schweizer Ski-Resort auf Holly trifft und sich in sie verliebt. Auch Hollys späterer Ehemann, ein zynischer Autor und eine unsterbliche Ärztin kommen zu Wort und liefern ihren Teil zu dem Puzzle, aus dem sich Hollys leben zusammensetzt und in dem es neben den alltäglichen Problemen auch um den langen Krieg zwischen zwei Gruppen Unsterblicher geht.

Ich habe bisher noch kein schlechtes Buch von Mitchell gelesen und The Bone Clocks reiht sich in die Rangliste aller Mitchell-Bücher ziemlich weit oben ein. Und endlich, endlich kann ich wieder damit angeben, alle Bücher von  David Mitchell gelesen zu haben.

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The Mirage von Matt Ruff

Auch das war ein Buch, was ich schon für den letzten Urlaub geplant hatte, aber ach. Immerhin habe ich mich dieses Jahr tapfer an den Stapel Papierbücher gehalten, auf dass er kleiner werde.

In Mirage entwirft Matt Ruff eine Parallelwelt, in der die Vereinigten Arabischen Staaten eine Weltgroßmacht sind, während die USA eine Ansammlung von kleineren christlich-fundamentalistischen Ländern ist. In dieser Welt steuern am 9. November 2001 zwei Flugzeuge in die Türme des Welthandelszentrums von Bagdad. Die Vereinigten Arabischen Staaten sagen dem Terror den Kampf an. Jahre später tauchen mysteriöse Zeitungsartikel auf, in denen von einer Welt die Rede ist, in der die USA eine Weltmacht sind, der Unterweltboss Saddam Hussein ein Diktator und überhaupt alles anders.

Eine kleine Gruppe um den Ermittler Mustafa wird damit betraut, das Rätsel um diese Artefakte zu lösen. Die Reise führt sie bis ins immer noch besetzte Amerika und noch weiter.

Ich liebe Matt Ruff, auch wenn die Qualität seiner Bücher von toll („Set This House in Order“) bis ganz okay („Bad Monkeys“) geht. The MIrage lag irgendwo dazwischen, ich habe etwas gebraucht, bis ich in die Geschichte reinkam, dann ging es aber recht flott. Jetzt fehlt mir nur noch Lovecraft Country, dann habe ich auch endlich wieder alle Matt-Ruff-Bücher gelesen.

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Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam von Vea Kaiser

Und auch dieses Buch war für den letzten Urlaub geplant. In Blasmusikpop erzählt Vea Kaiser die Geschichte des Dorfes St. Peter am Anger, irgendwo mitten in den österreichischen Bergen. Dort lebte der junge Johannes Gerlitzen, der nach einer Bandwurmerkrankung so fasziniert von der Medizin ist, dass er auszieht, um Arzt zu werden. Jahre später kommt er zurück und lässt sich als Dorfarzt wieder in der alten Heimat nieder. Als einziger Studierter eckt er im Dorf an, auch Frau und Tochter werden aus ihm nicht immer schlau. Erst in seinem Enkel findet er einen Verbündeten. Der kleine Johannes will weder in den Fußballclub, noch mit ins Zeltlager, versteckt sich hinter Büchern und weiß nicht, was er mit dem Rest des Dorfes anfangen soll.

Vea Kaiser entwirft ein Mini-Universum, das einen sofort in seinen Bann zieht. Das Personal ist vielfältig, die Geschichte erstreckt sich über drei Generationen und ist mit viel Lokalkolorit und Humor geschrieben (soweit ich das mit dem Lokalkolorit als Nichtösterreicherin beurteilen kann).

Ich habe die knapp 600 Seiten quasi in einem durch gelesen und kam an diesem Tag – oder vielmehr in dieser Nacht – zu sehr später Stunde ins Bett getapert und das auch aus reiner Vernunft, nicht, weil ich nicht noch hätte weiterlesen können und wollen. Blasmusikpop ist eines der Bücher, die ich mir ganz dringend verfilmt wünsche, weil ich glaube, dass sich sowohl das Setting als auch das Buchpersonal sehr gut dafür eignen würde. Kann das mal jemand bitte machen?

Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam von Vea Kaiser [Amazon-Werbelink]

 

Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Prinzessin Dylia kann nicht schlafen. Sie leidet an einer mysteriösen Krankheit, die ihr schlaflose Nacht um schlaflose Nacht beschwert, in der sie durch das Schloss streicht und sich irgendwie die Zeit vertreiben muss. Eines Nachts besucht sie ein Nachtmahr, der alptraumfarbene Havarius Opal. Er eröffnet ihr, dass es nun leider seine Aufgabe sein wird, sie in den Wahnsinn zu treiben, bietet ihr aber immerhin an, eine kleine Reise in ihr Gehirn zu unternehmen.

Endlich ein neues Buch von Moers! Alles andere ist mir eigentlich schon fast egal und ich hatte schon große Überlegungen angestellt, wie ich das Buch auch im Urlaub lesen könnte, wo es doch eigentlich erst zwei Tage nach unserer Abfahrt erscheinen sollte, wurde aber schon vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum fündig (darüber schrieb ich im Techniktagebuch).

Der Anfang las sich etwas schwerfällig, zu gewollt und eigentümlich zusammenhanglos. Ab der ersten Erscheinung des Nachtmahrs nahm die Geschichte aber an Fahrt auf und wurde zunehmend besser. Die Illustrationen sind in diesem Buch nicht von Moers selber, sondern von der jungen Illustratorin Lydia Rode. Auch das ist zunächst ungewohnt, passt aber aus mehreren Gründen, von denen einer erst im Nachwort deutlich wird.

Ich empfehle übrigens, das Nachwort so ungefähr zur Mitte des Buchs zu lesen, allerdings auch nur, weil ich das so gemacht habe, und sich so der ein und andere angenehme Aha-Moment einstellte. Aber es funktioniert vielleicht auch, wenn man es ganz zu Anfang oder eben erst ganz zum Schluss liest. Lesen sollte man es. Und das neue Buch von Walter Moers auch. Sowieso.

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Die Gestirne von Eleanor Catton

Neuseeland, Mitte des 19. Jahrhunderts. Der junge Walter Moody kommt gerade vom Schiff aus Europa und platzt in der kleinen Goldgräberstadt Hokitika in einem Hotel in eine Versammlung von zwölf Männern, die das Rätsel, um einen Todesfall, einen vermeintlichen Selbstmord, einen verschwundenen Goldgräber, einen verdächtigen Schiffskapitän und einen Goldschatz lösen wollen. Aus den Geschichten, die jeder der zwölf Männer erzählen kann, ergibt sich nach und nach ein Gesamtbild, aus dem sich die wahre Geschichte herausschält.

Ich habe mich sehr lange nicht an dieses dicke Buch getraut. Sobald man die ersten hundert Seiten geschafft hat und ein bisschen in die verworrene Geschichte hineingekommen ist, möchte man aber gar nicht mehr mit dem Lesen aufhören. Ein großes Buch, das ich sehr geliebt habe. Hier habe ich ausführlicher darüber geschrieben.

Die Gestirne von Eleanor Catton [Amazon-Werbelink]

Lieblingstweets im September woanders

Mein Teil 1 und Teil 2 sind hier, der Rest folgt wie gewohnt.

1ppm

André Herrmann

Buddenbohm & Söhne

Crocodylus

Ellebil

Familienbetrieb Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

Ich bin dein Vater

Nullenundeinsenschubser Teil 1 und Teil 2

Office-Werkstatt

Pressepfarrerin

Vorspeisenplatte

Lieblingstweets im September (Teil 2)

DEOROLLER STATT EULEN! FAHRRADLICHT, GRIPPEIMPFUNG UND BUNDESTAGSWAHL! HERBE ENTTÄUSCHUNGEN! MALSPACHTEL! KOKOSÖL! UND MEIN KLEINES PONY!