Das einzig wahre Übel: Laienbahnfahrer

Ich fahre ja sehr viel Bahn. Zwar meistens die gleiche Strecke, aber die sehr oft und gelegentlich auch mal woanders hin. Eigentlich fahr ich schon immer viel Bahn, Autos sind mir etwas suspekt, wir besitzen zwar eins, aber mit dem fahren wir gar nicht so oft, und wenn, dann fährt meistens der Mann.

Bahnfahren ist schön. Man kommt relativ schnell von A nach B, kann dabei im besten Fall sitzen und etwas tun, was man sowieso gerne tut. Lesen zum Beispiel, oder Musik hören. Mittlerweile gibt es auf einigen Strecken sogar Internet und wenn man einen passenden Telefonvertrag hat, im richtigen Zug sitzt und dann noch ein bisschen Glück hat, dann funktioniert der sogar. Auch mitten im Westerwald! Echt jetzt!

Manchmal haben Züge auch Verspätung. Na gut, Züge haben öfters mal Verspätung, aber dazu wollte ich sowieso noch mal was schreiben, ich hab das nämlich durchschaut und kann das ganze Leid mit den Zugverspätungen anhand von bekannten und bewährten Werkzeugen aus dem Projektmanagement erklären. Das ist aber ein anderer Blogartikel, der erst noch geschrieben werden muss.

Manchmal, wenn so Züge Verspätung haben, dann verpasst man auch seinen Anschluss. Oder muss mit einem Zug fahren, für den man jetzt nicht reserviert hat. Oder lange warten. Letzteres ist vor allem doof, wenn es sehr kalt ist. Oder sehr heißt. Oder man sehr viel Gepäck dabei hat.

Nach über zehn Jahren Rumpendeln durch NRW und zwei Jahren Rumpendeln durch Deutschland würde ich aber sagen, dass diese Verspätungsgeschichte auch immer ein bisschen übertrieben wird. Auch das Bahnpersonal ist im Wesentlichen immer freundlich und hilfsbereit, und wenn es Ausnahmen gibt, dann liegt das übrigens nicht an der Bahn, sondern an der Tatsache, dass Menschen gelegentlich komisch sind. Auch woanders.

Das war jetzt eine recht lange Einleitung, um zum eigentlichen Übel beim Bahnfahren zu kommen. Es sind, o Wunder, die Laienbahnfahrer. Laienbahnfahrer, wie ich sie liebevoll nenne, sind die Bahnfahrer, die ungefähr einmal im Jahr (wenn überhaupt) mit der Bahn fahren, dann aber gerne länger und vor allem mit besonderen Ansprüchen und sehr genauen Vorstellungen, die leider in den seltensten Fällen mit der Realität in Einklang gebracht werden können. Das liegt weniger an der bösen Realität als an den Laienbahnfahrern.

Laienbahnfahrer erkennt man recht schnell, denn sie reden viel und auch so ausreichend laut, dass man es mitbekommt. Meistens haben sie Koffer dabei, gerne mehrere, denn sie fahren jetzt IRGENDWOHIN! UND ZWAR FÜR LÄNGER!

Laienbahnfahrer haben im besten Fall eine Reservierung. Wenn sie keine Reservierung haben, dann wundern sie sich, warum der Zug so voll ist. Wer hätte gedacht, dass Züge so voll sind? Blöd ist das, da will man mit der ganzen Familie in den Urlaub, mit dem halben Hausstand im Gepäck und dann ist da einfach der Zug voll. Was auch deswegen noch blöder ist, weil Laienbahnfahrer grundsätzlich Goldbarren im Koffer haben. Oder Platin! ODER DIAMANTEN! Denn die Koffer sind erstens so schwer, dass man sie unmöglich auf die Ablage hieven könnte, im Wagenvorraum abzustellen ist aber auf gar keinen Fall eine Alternative, denn man muss den Koffer schon die ganze Zeit im Blickfeld haben.

Eigentlich möchte der Laienbahnfahrer seinen Koffer aber direkt neben sich stehen haben und mit einer Hand festhalten. Damit auch nichts wegkommt. Da sind ja immerhin Goldbarren drin. Mindestens. Da die Koffer aber ob ihrer Größe nicht in den Fußbereich passen und auch eigentlich nicht unter den Tisch, wird er einfach in den Gang gestellt. Und festgehalten. Eisern festgehalten. Damit auch nichts wegkommt! Bei erhöhtem Laienbahnfahreraufkommen ist so ein Gang dann eben gerne mal mit einigen Hindernissen verstellt. Da muss man durch. Der Laienbahnfahrer ist sich da nur geringfügig einer Mitschuld bewusst und beschwert sich lieber über das mangelnde Gepäckunterstellangebot oder wahlweise über die Schwere des ja vermutlich selbst gepackten Koffers, während sich arme Ein- und Aussteigende mit ihren kleinen Rollköfferchen irgendwie an den Laienbahnfahrerkoffern vorbeischlängeln.

Kommen wir zurück zur Reservierung. Manche Laienbahnfahrer sind nämlich immerhin so klug und denken sich, Möööönsch, wenn ich jetzt das erste Mal seit ewig mit der Bahn fahre und dann gleich fünf Stunden, da reservier ich mal besser. Find ich persönlich eine gute Idee. Leider hat niemand den Laienbahnfahrern etwas von der Existenz der Wagenstandsanzeige erzählt. Sie steigen also entweder einfach irgendwo ein oder sprinten den halben Bahnsteig rauf oder runter, weil der reservierte Platz eben überraschenderweise gar nicht da ist, wo man seit zehn Minuten auf den Zug wartet.

Geht die Tür auf, so wundert man sich erstmal, dass da Leute aussteigen. Wer hätte das gedacht! Ein Zug, aus dem Leute erst mal rauswollen! Tatsächlich gibt es Züge, aus denen an bestimmten Haltestellen sehr, sehr viele Menschen aussteigen. Ich erwähne an dieser Stelle mal beispielshalber den einen Zug, der morgens von Frankfurt nach Berlin fährt. Aus dem steigen in Frankfurt unheimlich viele Menschen aus. Und zwar mit einer beeindruckenden Verlässlichkeit. An dieser Stelle muss auch ich zugeben, dass ich auch nach mehrfacher Beobachtung dieses Phänomens immer noch nicht so wirklich glaube, dass so viele Leute überhaupt in den Wagen reingepasst haben. Erst recht, wenn man dann einsteigt und feststellt: Hier sitzen ja noch ganz viele Leute drin. So ganz bin ich auch nicht dahintergestiegen, wie das sein kann, aber es ist Quell der Irritation der Laienbahnfahrer und wenn man es einmal weiß, dann kann man das sehr schön beobachten, wie immer wieder nach dem Koffer gegriffen wird und… nee… jetzt doch nicht, da kommt ja noch wer, aber jetzt, jetzt muss doch, jetzt isses doch… verdammt! Da kommen ja noch welche!

Sind sie aber erst mal im Zug, die Laienbahnfahrer, dann gehen sie ganz, gaaaaaanz langsam den Gang entlang. Zu zweit oder dritt. Mit ihren Koffern und einer groben Ahnung der Platznummer. Im besten Fall sind sie sogar im richtigen Wagen. Aus Erfahrung würde ich sagen, dass etwa die Hälfte aller Laienbahnfahrer mit Reservierung auch im richtigen Wagen sind. Von der anderen Hälfte weiß dann zumindest noch mal die Hälfte, dass sie möglicherweise nicht im richtigen Wagen sind. Die andere Hälfte, also ein Viertel der Laienbahnfahrer mit Reservierung, ist jedoch FEST davon überzeugt, im richtigen Wagen zu sein und weicht selbst auf Nachfragen des auf dem vermeintlich reservierten Platz sitzenden Menschen nicht von der Überzeugung ab, dass dies hier ihr Platz sei. Ganz sicher ist er das, steht doch hier, Platz 46. Nachdem der (es folgt eine Anekdote aus dem wirklich wahren Leben) arme Mensch bereits nach kurzer Diskussion über die Unwahrscheinlichkeit, dass ein reservierter Platz bei funktionierender Reservierungsanzeige nicht als ein solcher gekennzeichnet wäre, seinen Sitzplatz geräumt hat und die auf ihr Sitzplatzrecht pochende Dame sich dem Objekt ihrer Begierde schon nähert, fällt ihr dann aber doch noch was ein. “Das ist doch hier Wagen 21, oder?” fragt sie in den Zug. “Nein”, rufen mehrere Mitfahrer einstimmig. “Das ist Wagen 27!” Die Dame packt ihre Sachen zusammen und macht sich auf, sechs Wagen weiter. Wo ihr reservierter Platz wirklich ist.

Ich könnte noch weiter erzählen. Über die Reisegruppen, gerne aus München kommend, gerne Bier trinkend. Über das wirklich schwere Leid, das man mit den bahn.comfort-Plätzen erdulden muss. Über die ältere Frau mit dem zu großen Koffer, die mich ganz nett fragte, ob es mir etwas ausmache, wenn sie den Koffer unter den Tisch stellte. Nein, sagte ich, sie könne gerne den Koffer unter den Tisch stellen. So schob sie den Koffer unter den Tisch, wobei sich herausstellte, dass der Koffer wohl doch etwas höher war als der Tisch und dieser (also der Tisch, nicht der Koffer) ganz drollig immer weiter nach oben klappte. Das würde mich jetzt aber doch stören, sagte ich, als mein Laptop im 45°-Winkel vor mir stand und erntete einen verdutzten Blick ob meines mangelnden Kooperationswillens bei der Kofferunterbringung.

Ich finde es schön, wenn Leute zum ersten Mal seit ewig mit der Bahn fahren. Ich finde, Leute sollten viel öfter mit der Bahn fahren und möchte niemanden davon abhalten. Aber manche Dinge möchte ich lieber nicht. Koffer kann man in den Wagenzwischenraum stellen. Oder man fragt jemanden, der einem hilft, den Koffer auf die Ablage zu stellen. Man könnte auch zwei kleine Koffer mitnehmen, die man dann alleine hochhieven kann oder doch noch irgendwie in den Fußraum klemmt. Reservierungen empfehlen sich fast immer, vor allem, wenn man nicht alleine verreist. Und so eine Wagenstandsanzeige ist erstaunlicherweise auch keine Raketenwissenschaft.

Am allerallerschlimmsten sind aber die Meckerer unter den Laienbahnfahrern. Die, die bei der kleinsten Verspätung anfangen auf die Bahn zu schimpfen, und sich dabei immer so ein bisschen umgucken, als ob sie darauf warten, dass jede Minute alle Mitfahrer bestätigend in ihr Schimpfmantra miteinstimmen, da hätte man ja gleich mit dem Auto fahren können, überhaupt typisch, aber das wüsste man ja, das wüsste man ja, dass die Bahn aber auch wirklich niemals, also echt nie jetzt, irgendwie mal pünktlich wäre. Das wäre ja bekannt, und man hätte sich das gleich denken können. Zehn Minuten jetzt schon! ZEHN MINUTEN, DAS MUSS MAN SICH MAL VORSTELLEN! Was da an Lebenszeit draufgeht! Neeneenee, beim nächsten Mal, also ganz sicher, da nimmt man das Flugzeug. Oder fährt einfach selber. Aber nie mehr mit der deutschen Bahn. NIE MEHR! UNVERSCHÄMTHEIT! ZEHN MINUTEN!

Aber vielleicht bin ich da auch einfach anders. Ich hab ja auch schon mehr als einmal gedacht: “Och schade, jetzt sitz ich hier gerade so schön und lese und jetzt muss ich schon aussteigen. Können wir nicht noch ein halbes Stündchen einfach so rumfahren?”

Im Übrigens hat der Arschhaarzopf hier eine schöne Anleitung zum Bahnfahren geschrieben und wer mehr über die aufregenden Erlebnisse im Nahverkehr wissen möchte, der sollte mal bei Frau Nessy stöbern gehen.

58 comments

  1. michaela

    Also ich weiß ja nicht, mit welchen Zügen und in welcher Klasse du so fährst, aber das Jahr, in dem ich jeden Tag von MH nach Troisdorf gefahren bin und dabei den Schweinetransporter (RE irgendwas von Hamm nach Köln) nehmen musste, hat vollauf gereicht. Die Verspätungsgeschichte war nicht mehr tragbar … ich habe irgendwann darüber Buch geführt und danach echt angefangen zu heulen, denn das war meine Lebenszeit, die da drauf ging, definitiv. Horror. Und fast noch schlimmer ist, wie unfassbar voll die Züge sind. So voll, dass man sich nciht festhalten braucht. Man kann nicht umfallen. Man kann den Ohrenschmalz des Mitreisenden sehen – und riechen. Und für diesen großen Spaß zahlt man ein Heidengeld, sitzt (haha!) entweder im Winter in zu kalten oder im Sommer in völlig überhitzten Zügen und kann immer schön warten, wenn der nächste ICE mit Verspätung vorgelassen wird. Schön. nicht. Ich hätt noch viel darüber zu erzählen, aber sicher nicht, dass das schön ist oder Spaß macht. Bahnfahren ist nur was für Leute, die sich mindestens den ICE leisten können, denn da sitzt man wenigstens in einem bequemen Sessel.

    • Anne

      Ich bin mal ein knappes Jahr mit er S-Bahn von Solingen in den Düsseldorfer Norden gefahren und fand’s eigentlich recht schön. Allerdings bin ich halt auch an der Endhaltestelle eingestiegen, da hat man immer noch einen Platz gekriegt und dann war mir alles egal. Ich bin aber vielleicht auch extrem geduldig, trage immer ausreichend Unterhaltungsmaterial mit mir rum und kann gut abschalten und bekomme dann nicht mehr mit, was um mich rum passiert. Jedenfalls hab ich in dem Jahr so viel gelesen wie die ganzen Jahre vorher und einige nachher nicht mehr und das mit den Verspätungen hielt sich auch in Grenzen.

      Von Mülheim nach Troisdorf ist aber zumindest von der Fahrzeit auch ne harte Nummer, stell ich mir jedenfalls so vor.

    • Anne

      Das gehört eigentlich schon zu der Verspätungsanalyse, die in meinem Kopf rumschwirrt, aber was mich eben so ein bissche nervt, ist, dass immer so getan wird, als wäre nur die Bahn unpünktlich. Als der Mann mal als Freiberufler durch NRW turnte, hat er für jede Anfahrt eine gute Stunde länger eingeplant, für den Fall, dass Stau ist, und das war leider nicht übertrieben, sondern beruhte auf Erfahrungswerten. Der einzige Vorteil ist dann, dass man im eigenen Auto sitzt und nicht an einem kalten Bahnhof wartet oder in einem überfüllten Zug sitzt.

  2. TheKaiser

    Großartig! Jeden einzelnen Punkt habe ich auch immer so gesehen, aber ich hätte es niemals so schön aufschreiben können… Von daher vielen Dank. Freut mich, daß auch andere Bahn-Profis so denken wie ich :-)

    Übrigens kenne ich den ICE nach Berlin, den du erwähnst. Ich sitze da manchmal ab Mannheim drin, also vor Frankfurt. Bin dabei auch immer wieder beeindruckt, daß die Menschenmassen auf dem Mannheimer Bahnsteig doch irgendwie alle in den Zug passen. Hinter Frankfurt kann man dann endlich wieder atmen, ohne daß gleich der Sauerstoff knapp wird ;-)

  3. Pingback: Bahnfahrer « mittenmank
  4. Steffen Maennle

    Ich fahre selbst auch sehr viel Bahn und bin früher in meinem Beraterleben noch viel mehr gefahren. Ein sehr schöner Beitrag, in dem sich wohl jeder Vielfahrer wiederfindet :-) Hab mich herrlich amüsiert. Schön geschrieben.

  5. Kai Nehm

    In der Bahn sind Laienreisende noch harmlos. Sie stehen häufig im Weg rum und sind oft etwas laut. Chaotisch wird es bei Verspätungen, wenn die Ansagen für nur von BC-100 Nutzer dechiffriert werden können.

    Bei anderen Transportmitteln sind die Auswirkungen etwas drastischer. Wenn das Boarding ewig dauert, weil jemand sein Gate nicht findet oder wegen Flüssigkeiten im Handgepäck diskutieren muss. Wer öfter mit DSLR fliegt, schmunzelt auch über die 1000 Entschuldigungen des Personals bei der Sprengstoffkontrolle.

    Und im Krieg Raser gegen Sonntagsfahrer ist bedauerlich, wie leichtfertig Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden. Und letztere bekommen es oft nicht einmal mit, dass Sie andere gefährden.

    Das idiotensichere Verkehrsmittel muss leider noch entwickelt werden.

  6. CMK

    Genau so! Sehr schön auch auf der Strecke Wien-Nürnberg zu beobachten, wenn in Passau eine ganze Flusskreuzfahrtsbesatzung einsteigt. Und immer mindestens eine Gruppe die “Ich glaube das ist mein Platz”-Diskussion anstimmt. Von den Koffern ganz zu schweigen.
    Hab mich beim Lesen gleich wieder zurückversetzt gefühlt und sehr gelacht.

  7. Lena

    Ein großartiger Artikel und Danke für den Begriff “Laienbahnfahrer”, ich habe laut gelacht und kann alle Schilderungen bestätigen!

  8. Dr. Azrael Tod

    Also das mit den Verspätungen… ich kenne Strecken auf denen das seit Jahren regelmäßig immer 10min sind, zumindest zu Zeiten bei denen auch Fahrgäste anwesend sind. Ich rege mich da nicht darüber auf dass ich jetzt gerade 10min Verspätung hinnehmen muss, sondern dass ich das _jeden_verdammten_Tag_ tun soll, einfach weil es die Bahn nicht gebacken bekommt.

    Zu den Laien: Klar könnte man verlangen dass die ihr gepäck gefälligst wo anders hin stapeln, aber wenn ich mir z.B. den “Franken-Sachsen-Express” (schnellste Verbindung zwischen Dresden – Chemnitz – Zwickau – Hof – Nürnberg, eigentlich nicht sooo abgelegen) ansehe oder irgendwelche Regionalbahnen, dann ist da schlicht nirgendwo Platz.
    Klar könnte man die Wagons anders gestalten, etwas mehr Platz lassen (die Gepäckablage ist ja meistens gar nicht mehr vorhanden oder bestenfalls wörtlich als Hutablage zu gebrauchen) oder auf Touren mit hohen erwartetem Fahrgastaufkommen einfach einen Wagon mehr anhängen, aber das sind halt Kosten. Kosten sind die Sache die die Bahn als privatwirtschaftliches Unternehmen am zweitwenigsten ab kann, davor kommt nur noch “Kunden”.
    Ich freue mich immer wenn Laien (bestenfalls noch Rentner), aus meinem Bekanntenkreis, mal mit der Bahn fahren wollen und ich dann losgeschickt werde ihnen mal Tickets zu kaufen. Warum? Weil es in vielen kleineren Bahnhöfen nur noch Automaten gibt, keiner mit dem Preissystem klar kommt und wenn die Leute doch irgendwo einen Schalter gefunden haben, sie dann dort ewig Schlange stehen um dann unfreundlich behandelt zu werden.

    Das typische Verhalten welches man allgemein in Deutschland Ämtern zuschreibt, gibt es heute kaum noch in selbigen. Dafür aber bei Bahn, Post und ISPs… quasi all den tollen Beispielen für mehr Service dank Privatisierung.

  9. Pingback: Annes “Laienbahnfahrer” « BC100First Bahn-Blog
  10. Hermione

    Ach ja, solche Leute mag ich auch. Vor allem, wenn die sich schon in die Bahn quetschen, während andere noch aussteigen und dann dumm im Vorraum stehen… Auch durch so nen Mist kommen Verspätungen zustande.
    Die Koffer im Gang liebe ich besonders; allerdings muss ich zugeben dass manche Bahnen wirklich viel zu kleine Gepäckablagen haben. Teilweise würde ich da nicht mal meine Sporttasche reingequetscht bekommen.

    Und naja, die Verspätungen. Ich muss zugeben, dass meine Bahn öfter pünktlich als verspätet ist, aber wenn sie verspätet ist, wird es schon ärgerlich. Ich fahre nämlich extra schon jeden Morgen eine Stunde früher los als nötig, damit ich pünktlich zur Arbeit erscheine (Gleitzeit gibt es in meiner Branche leider nicht ;) ), und ab 15min Bahnverspätung hätte ich auch die spätere Bahn nehmen können (also eine Stunde länger schlafen!), weil ich dann nur noch die spätere Anschlussbahn bekommen werde.
    Morgens um diese Uhrzeit kommen Verspätungen größtenteils dadurch zustande, dass noch irgendwelche Güterzüge vorgelassen werden müssen, die ungünstigerweise zur selben Zeit den Bahnhof passieren wollen wie meine Bahn. Schade. Dafür hab ich recht wenig Verständnis.

    Auf dem Heimweg ist es einfach nur ärgerlich, aber die Wartezeit kann man da ja sinnvoll überbrücken. Kaffee und Leckereien gibts ja an jedem größeren Bahnhof, und wenn’s ne längere Verspätung ist bummel ich halt durch die Klamottenläden oder guck mir Modeschmuck an. So macht es zumindest noch ein bisschen Spaß und es fühlt sich an wie Freizeit, und nicht wie Wartezeit. :)

    Nervige Gespräche (besonders die von Laienbahnfahrern) kann man super mit Musik ausblenden, und wenn man sich dann noch in sein Buch vertieft, ist die Gefahr gering, angequatscht und in ein solches Gespräch verwickelt zu werden…

    Ach ja, besonders amüsant fand ich eine Laienbahnfahrerin, die dem Fahrkartenkontrolleur ihr Ticket nicht sofort, sondern erst in fünf Minuten zeigen wollte, weil sie ja auch ebenso lange auf die verspätete Bahn warten musste. Hätte man eigentlich filmen sollen. :D

  11. FerrariGirlNr1

    Ich musste bei dem Beitrag mehrfach schmunzeln, weil so vieles wirklich zutrifft. Außerdem ist der Artikel sehr schön geschrieben, gefällt mir!

    Eins muss ich aber beanstanden: Ich fahre zwar nicht täglich mit der Bahn, aber mehrfach im Monat. Und da habe ich immer eine (relativ große) Reisetasche fürs Wochenende dabei, in der nunmal auch viele mir wichtige Dinge sind. Ich sehe nicht ein, diese Dinge am Ende des Waggons abzustellen und somit unbeaufsichtigt zu lassen. Je voller der Zug ist, umso einfacher haben es andere Menschen, die Tasche mitzunehmen, ohne dass es mir auffallen würde, da ich ja ganz woanders sitze. So naiv bin ich dann doch nicht…

    • Anne

      Ich habe meistens zwei Taschen, die eine mit dem wichtigen Zeugs wird im Fußraum abgestellt, die andere kommt auf die Ablage oder eben zwischen die Sitze oder wo noch Platz ist. Es ist natürlich schon so, dass auch mal kein Platz ist und dass für große Koffer eben nur bedingt Stauraum da ist. Die Alternative wäre mehr Stauraum und weniger Sitzplätze, was so nach meinen Erfahrungen vermutlich auch niemanden glücklicher machen würde.

  12. FM

    Danke, Anne! Absolut treffend und dazu noch so leselustvoll geschrieben. Musste einfach sofort auf meinem Blog BC100First.de darauf hinweisen.

  13. kaltmamsell

    Genau!
    Zumal wir Vielfahrerinnen doch durchaus bereit sind, Neulingen zu helfen, die ehrlich und offen Hilfe suchen. Aber bei Laienreisenden, die schon mit so einem “Ich weiß eh, dass das hier alles scheiße ist” auftreten, sinkt meine Hilfsbereitschaft auf Null.
    Meine Erfahrung mit vielen, vielen Besprechungen unter Menschen, die aus ganz Deutschland anreisen: Die Bahn- und Öffifahrerinnen sind am pünktlichsten, Autofahrerinnen dicht dahinter (neben Stau gibt es ja noch den Faktor Parkplatzsuche), weit abgeschlagen die Damen und Herren, die eingeflogen kommen.

  14. Falk D.

    Irgendwann hatte ich das Gesicht voll von “unbekannten Gegenständen im Gleis”, der Baustelle bei Winsen oder gar Problemen schon bei der Bereitstellung.
    Neben “nie wieder ÖPNV”, das man in sechs Jahren Studium und HVV-Unzuverlässigkeit lernt, habe ich “nie wieder mit Unternehmen die ganz oder zum Teil der Bahn gehören” begriffen. Hamburg-Hannover und zurück kostet zu zweit in einem tiefgaragenfähigen Mietwagen das gleiche wie mit der Bahn, ist schneller (die Baustelle bei Soltau/Winsen/…) als der ICE, klimatisiert und der Leihwagen fährt auch nicht ohne einen los. Die Koffer mit den Goldbarren und Diamanten – ersatzweise ein Notebook und eine Kamera – finden im Kofferraum genügend sicheren Platz. Der Geländewagen kann sich in der Garage ausspannen und ein anderes Mal Raser oder Sonntagsfahrer durch seine massive Erscheinung auf Abstand halten.

  15. Abspannsitzenbleiber

    Schöne Typologie. Wenn ich noch einen Punkt ergänzen darf: Die größte Angst des Laienbahnfahrers ist es, an seinem Ziel nicht mehr rechtzeitig den Waggon verlassen zu können. Deshalb macht er sich spätestens 15 Minuten vor Erreichen des Zielbahnhofs fertig und steht dann ebensolange als Hindernis im Gang herum.

  16. Holger

    Ein wunderbarer Beitrag. Ich konnte kaum fluessig lesen vor staendigem, schmunzelden Nicken.

    Und das schoene – und vermutlich wenig verwunderliche – ist: Diese Laienbahnfahrer gibt es ueberall. Auch hier an der US Ostkueste :)
    Frohe Festtage!

  17. mx

    Du hast vergessen, dass Laienbahnfahrer natürlich gerne dann Bahn fahren, wenn es wirklich voll ist. Diesen Freitag etwa wird sich eine ganze Schar von Laienbahnfahrern in dei Züge quetschen und sich dann beschweren, dass die Bahn eben an dem Reisetag vor Weihnachten überfüllt ist.

    Verspätungen sind ärgerlich, können aber vorkommen. Wer sich mal angeschaut hat, in welcher Frequenz die Bahn auf den wichtigen Strecken Züge über die Schiene schickt, dann ist es erstaunlich, dass sie überhaupt so pünktlich ist. Wenn etwa auf der Rheintalstrecke alle 3-4 Minuten ein Zug fährt, dann rächt sich wirklich jede alte Dame, die etwas länger zum Einsteigen braucht. Von Reisegruppen, Radfahrtouristen oder Selbstmördern gar zu schweigen. Die Alternative wäre, dass die Bahn eben deutlich weniger Züge auf die Strecken schickt – deswegen ist der französische TGV ja auch eher pünktlich, auf dessen Strecken fährt eben nur er.

    Ich hab diese Verspätungsparanoia auch noch nie verstanden – wenn ich eine längere Reise über mehrere hundert Kilometer unternehme, dann muss ich damit rechnen, dass ich nicht auf den Punkt genau da bin. Ein Auto kann in Stau oder zähflüssigen Verkehr kommen, Flugzeuge verspäten sich auch gerne, wenn ich Radfahre kann mir die Kondition ausgehen oder der Reifen platt, warum sollte ich mich aufregen, wenn die Bahn von München nach Hamburg mit 20 Minuten Verspätung kommt? Solche Reisen plant man doch immer mit einem gewissen Sicherheitsabstand, und dann fahre ich halt eine Stunde früher los, damit eben nicht auf den absolut letzten Regionalzuganschluß angewiesen bin.

    • Anne

      Ohne zu viel vorweg zu nehmen, ungefähr darauf läuft meine Verspätungstheorie auch hinaus. Wo so viele Züge so genau getaktet fahren, da muss sich auch was verspäten. Und nicht, dass mir nachher wieder irgendwer mit den japanischen Zügen ankommt. Ich war zwar noch nicht da, aber nach allem, was ich weiß, ist die Mentalität da auch eine völlig andere, und das wirkt sich eben auf alle Lebensbereiche aus.

      • Stefan

        Der Shinkanzen fährt auf einem anderen Schienennetz als die Regional- und Güterzüge in Japan. Wenn die ICEs hierzulande sich die Gleise nicht mit RBs, REs, Gütertzügen etc. teilen müssten, wären auch alle Züge pünktlicher – so einfach ist das.

    • Die liebe Nessy

      Das Nervige ist ja nicht die Verspätung, sondern die Kommunikation rund um die Verspätung. Dass bei engem Takt mal was schief geht – kein Thema. Außerdem: Wenn ich Auto fahre, habe ich auch Stau, rote Ampeln, Trecker vor mir oder sonstwas. Ist eben so. Das, was die Bahn besser hinkriegen sollte, ist: Alternative Strecken und Züge transparent bekannt geben. Das klappt leider zu oft zu schlecht.

  18. resal

    haha, sehr schön, vielen Dank für den Text!
    Pendle täglich zwischen Landshut und München und hätte auch so einige Anekdoten auf Lager!
    Leider gibt es diese “Laienfahrer” aber nicht nur im Zug – in der Münchner U-Bahn kann man es täglich erleben. BLOß NICHT raus aus dem Türraum treten, damit andere leichter raus und somit die nächsten leichter reinkommen!

    Was mich aber viel mehr stört, weil man aus bekannten physiologischen Gründen nicht wegriechen kann: Muss es immer ein Döner, ne Currywurst oder McDo Fraß sein, wenn man im Zug isst? Könnte man nicht a u s n a h ms w e i s e mal auf ne geruchsneutrale Käsesemmel oder ähnliches umsteigen? danke!

  19. Michael Mosmann

    Das deckt sich alles mit meinen Beobachtungen.. kürzlich ist mir recht nachvollziehbar ein glaube ich durchaus wesentlicher Grund für viele Verspätungen aufgefallen: Gerade Menschen die selten mit der Bahn fahren bleiben auch gerne vor der Tür in der Schlange auf dem Bahnsteig stehen. Man könnte auch schonmal in der Tür daneben einsteigen, denn da steht oft niemand mehr, aber das scheint kaum möglich. Ich habe auch schonmal direkt dazu aufgefordert, weil ich noch Anschlüsse schaffen wollte, aber die Reaktion war erschreckend: keine. Auch oft gesehen, Menschen die noch ganz entspannt auf dem Bahnsteig stehen und überrascht sind, wenn zum Losfahren gepfiffen wird. Da quetscht man sich noch in die Tür und schafft auch noch ne Verabschiedungszeremonie. Nicht das man nicht vorher schon dazu Zeit hatte.. 5-10 Minuten Verspätung sind so leicht zu schaffen. Wer sich wundert, wieso die Bahn Verspätungen meist nicht aufholt, könnte darin eine gute Erklärung finden.

  20. Tim

    Fehlt noch was: Laienbahnfahrer packen gerne direkt nach dem Start die Butterstullen aus. Und haben Unmengen an Stullen, hartgekochten Eiern, Thermoskannen mit Tee und Kaffee usw. dabei. Auf den 3-6 Stunden könnte man ja verhungern.

  21. janosch

    Disclaimer: Ich bin Laienbahnfahrer.

    Mich begeistert dieser Blogeintrag nicht so sehr, auch wenn er sehr unterhaltsam zu lesen ist.
    Als Profibahnfahrer habt ihr euch prima an die Bahnunwirtlichkeiten gewoehnt. Sonst waert ihr ja auch keine Profibahnfahrer mehr, sondern Profimitfahrgelegenheit(mit)fahrer oder Profiautofahrer.
    Wir Laienbahnfahrer sind nicht durch die harte Schule des Sich-an-die-DB-Anpassens gegangen.
    Aber ist es nicht gerade an den besten Kunden der DB, den Profis unter den Kunden, Veraenderung an der Bahn zu erwirken?
    Wir Noobs werden zurecht kaum ernst genommen, wenn wir ueber Missstaende klagen. Kleine Gepaeckablagen, faktisch nicht existentes W-Lan, Investitionsstau in Netz und Fahrzeugen sind aber keine Gott gegebenen Eigenschaften des Verkehrsmittels Eisenbahn, mit denen man bitteschoen klarkommen soll.

  22. Frank M.

    Zum Thema Verpätungen: Es ist sicher nicht so schlimm wenn man mal 10 Minuten zu spät kommt. Zum Problem wird das wenn man dann Anschlüsse nich t bekommt. Zum grösseren Problem wenn man ein Ticket mit Zugbindung hat. Genau dieser Stress ist es der für mich das Bahnfahren nicht mehr entspannend macht, sobald ein Umsteigen notwendig ist bin ich immer nervös ob das irgendwie klappen kann und das Auto nicht doch besser wäre …
    Ich sehe dass Verspätungen vorkommen unvermeidbar sind, aber warum investiert man nicht mehr in die Technik um sie weniger schlimm zu machen? Inzwischen hat ja doch die Mehrzahl Online Tickets, d.h. die Bahn weiss genau wer wann wohin fahren will und welche Anschlüssen nicht mehr passen.
    Warum schickt man den Leuten in solchen Fällen nicht einfach ein Ticket-Update auf’s Handy? Neue Verbindung, am besten gleich noch ein neue Reservierung. Und schon ist der Stress weg.
    Heute muss ich bei Verspätung zum Infostand gehen und mir schriftlich quittieren lassen dass der Zug verspätet war um einen anderen zu nehmen. Und verliere damit noch extra Zeit. Warum? Die Bahn weiss doch wo ihre Züge sind?
    Ich meine, wieviel tausend Entwickler programmieren immer neues social irgendwas Zeugs, warum kann nicht mal jemand Geld in die Hand nehmen und an dieser Stelle in Software investieren wo es ein echter Gewinn für jeden Bahnfahrer wäre?

    • Anne

      Bei der letzten richtigen Verspätung, die ich hatte, wurden die Beschwerdezettel vorgestempelt im Zug verteilt und es gab eine Durchsage, dass man sich im Bordbistro diese Zettel abholen könnte. Das macht es nicht immer besser und ist sicher auch nicht bei jeder Verspätung so, aber das fand ich ganz angenehm.

      Ansonsten stimmt das natürlich, eigentlich müsste da was gehen, so rein informationstechnisch. Und Anschlüsse verpassen ist Mist, ohne Frage. Allerdings kann man sowas natürlich auch ein bisschen zeitlich mit einplanen, was aber auch nicht immer klappt. Die Informationspolitik hat sich meines Erachtens zumindest im Fernverkehr deutlich verbessert, was allerdings auch oft nur bedeutet, dass die Leute einen konkreteren Anlass zum Rumjammern haben. Mal abgesehen davon, dass eben manchmal einfach etwas kaputt oder schief geht. Ist beim Autofahren nicht anders und so ein Zug ist eben auch nur ein sehr großes Fahrzeug und die Menschen die diesen fahren, auch nur Menschen.

  23. Jette

    Das Problem ist doch vor allem die total absurde Erwartungshaltung. Genau wie mx geschrieben hat: Auf eine Strecke von 800 km kann doch keiner mit keinem Verkehrsmittel auf die Minute genau planen! (Und ja, liebe Laienbahnfahrer, ihr fahrt vll. nur 100 km da mit – aber der Zug kommt von wo und fährt nach nirgendwo) Und das W-Lan… Gibt’s auch weder als Fluggast noch als Fahrer und eher selten bei 260 km/h. Die Anspruchshaltung vieler Menschen an die Bahn: Schnell wie ein Flugzeug, Service wie ein Hotel und günstig wie das Fahrrad… Merkste was?!?

    • Anne

      Irgendwann hatte anscheinend mal eine Zugbegleiterin nichts zu tun und lief durch den Zug, und fragte, wem sie denn etwas aus dem Bordbistro bringen könnte. Ich wollte zwar nichts, aber fand das mal eine sehr nette Aktion. Das hab ich allerdings auch nur einmal in der Form erlebt.

    • janosch

      Zum W-Lan: Es gibt keine vernuenftige Entschuldigung dafuer, dass die DB immernoch kein flaechendeckendes W-Lan anbietet.
      In den kommenden Linienfernbussen wird es genauso zum Standard gehoeren, wie es jetzt schon in vielen europaeischen oeffentlichen Verkehrsmitteln Usus ist.
      Der Vergleich mit dem Flieger ist zwar aus mehreren technischen Gruenden nicht ganz fair, allerdings wird es auch da nicht mehr lange bis zur weiteren Verbreitung dauern.
      Dass man im DB-Nah- wie Fernverkehr so gut wie vollstaendig auf kostenloses W-Lan verzichten muss, ist absolut peinlich fuer den Staatskonzern.

  24. jd

    Danke für diesen Text, welcher mir aus der Seele spricht. Ich hätte dies niemals so schön aufschreiben können.

    Ich bin selbst “Fernpendler” auf der ICE Nord-Süd Achse durchs Ruhrgebiet und fahre ansonsten auch sehr viel Bahn, endlich hat es mal jemand aufgeschrieben!

  25. Schotty

    Danke für diesen schönen Artikel – deckt sich 100% mit meiner Meinung über, wie ich sie immer genannt habe: Hobbybahnfahrer.

    Ich glaube, der Blutdruck der Verspätungsnörgler steigert sich vor allem aus dem Gefühl heraus, der Situation AUSGELIEFERT zu sein. Sitze ich im Auto von Köln nach München und bleibe bei Wintertemperaturen im Stau stecken, kann ich ja theoretisch jederzeit aussteigen, oder die nächste Abfahrt nehmen. Es wird dem Gehirn vorgegaukelt, das Steuer selbst in der Hand zu haben. Im Zug sind die armen Opfer aber der Bahn ausgeliefert, stehen mitten im Spessart in fremden Räumlichkeiten von fremden Menschen umgeben, können nicht raus und müssen warten. Klar, dass das Steinzeit-Fluchtinstinkte weckt.

    Meinen Frieden mit der Bahn habe ich übrigens gemacht, als eine Inderin im Sari Ihre Fotokamera auspackte und mich bat, sie mit der Geschwindigkeitsanzeige abzulichten. Da dachte ich mir: Verdammt! Du sitzt bei 320 km/h in einem Stahlkoloss, isst seelenruhig eine Currywurst, hörst deine Lieblingsmusik und surfst im Internet. Seriously: wie geil ist das denn? In kaum einem anderen Land möglich. Vor wenigen Jahren noch undenkbar. Wir haben verlernt, uns zu wundern.

    • Anne

      Von Essen aus bin ich in 2 Stunden in Frankfurt, in etwas über drei Stunden in Hamburg und in dreieinhalb Stunden in Berlin-Spandau. Ich finde das irre faszinierend. Wer glaubt, da mit dem Auto mithalten zu können, der fährt doch mit einer Geschwindigkeit, die meiner Ansicht nach sowieso verboten gehört. Und dabei kann man lesen, Musik hören, Filmchen gucken, sich unterhalten oder schlafen. Toll ist das.

  26. Nef

    Haha, als BC-100 Fahrer kann ich bei den meisten Punkten nur zustimmen. Hinzufügen könnte man noch, das “Laienbahnfahrer” grundsätzlich 10 Minuten bevor der nächste Bahnhof erreicht wird aufspringen um ja nicht den Ausstieg zu verpassen ;) Bezüglich der Verspätungen ist auch immer sehr trollig dass halt die meisten “Laienbahnfahrer” fast nur zu besonderen Zeiten fahren, bei denen überall (auch auf der Straße) Chaos herrscht. Aber habt ihr schonmal Autofahrer gesehen die sich massiv darüber beschwert haben, 2 Stunden im Stau gesteckt zu haben? Ja ärgern tun sich die meisten darüber, aber es wird sich nicht massiv darüber aufgeregt. Mein bestes Beispiel ist meine Fahrt letztes Jahr am 23.12. von Mannheim nach Hamburg. An dem Tag hat es ziemlich geschneit, es gab etliche Bahnverspätungen und auch Zugausfälle etc. da hatte ich vermutlich Glück da mein Zug gefahren ist und trotz Witterungsbedingungen, extrem hohen Reiseaufkaummen nur 45 Minuten Verspätung hatte (aber wer konnte damit rechnen, dass kurz vor Weihnachten soviele Leute quer durch Deutschland wollen?). Wäre ich an dem Tag mit dem Auto gefahren weiß ich nicht mal, ob ich angekommen wäre, da es auch auf den Autobahnen Richtung Hamburg extremen Stau + Vollsperrungen etc. gab. Ansonsten ist Verspätung glaube ich auch echt eine Strecken-Geschichte. Es gibt viele Strecken die wirklich fast nur in Ausnahmesituationen Verspätungen haben und es gibt Strecken die wirklich immer Verspätung haben (Mein Lieblingsbeispiel hier der IC von Mainz nach Mannheim der hat immer wenn ich mit ihm fahren will ca. 60 Minuten Verspätung, gut manchmal hat man Glück und man kann dann direkt mit dem Zug fahren der eigentlich eine Stunde früher hätte fahren sollen ;) und die DB App ist ja mittlerweile so schlau auch eine Such nach aktueller Verkehrslage zu ermöglichen :) ). Da hat man natürlich ein Vorteil, dass man als BC-100 sowieso keine Zugbindung hat… So long ein wirklich netter Artikel.

  27. Matti

    Die schlimmsten Laienbahnfahrer sind aber Kegelvereine aus der Provinz, die Sekt und Bier trinken, Wolfgang Petry auf dem Weg nach Hamburg hören und nur bei der Erwähnung des Worts “Reeperbahn” hysterisch kichern. Und gleich darauf noch einen Feigling für die Damen, Jägermeister für die Herren!

    • Anne

      Ich hab halt gelegentlich mal so kleine Reisegrüppchen aus Bayern, die laut schwatzend an einem Vierertisch sitzen und gerne auch Bier trinken. Am schlimmsten wird es dann aber immer, wenn man nach Nordrhein-Westfalen reinfährt und die Lästerei losgeht. Da möchte man gerne rufen: “Wenn ihr das hier alles so hässlich findet, dann bleibt doch zu Hause!”

  28. Ingo

    Bin früher viel Bahn gefahren, heute nicht mehr so häufig (nicht, weil ich mehr Auto fahren würde, sondern einfach weil ich weniger reisen muß). Ich habe aber den Eindruck, dass mit jeder neuen ICE-Version, die Gepäckablagefächer kleiner werden. Sie sind schmaler und niedriger. Große Koffer konnte man schon früher kaum da ablegen, heute wird es aber schon bei Taschen, Rucksäcken und gut gefüllten Boardcases ein Problem. Es kommt mir so vor als wolle die Bahn am liebsten nur noch Geschäftsreisende/Pendler ohne Gepäck, nur mit Laptop (und am besten 1.Klasse reisend) befördern. So sind die neuen Züge ausgelegt. Für Ferienreisende sind die heutigen Züge nicht mehr so gut geeignet. Das kann man durchaus der Bahn vorwerfen. Wenn Laienbahnfahrer auf so einen Unsinn nicht vorbereitet sind, können die nichts dafür.

  29. Pingback: Links der Woche – KW51-12: Lesestoff, Bahnfahren, Bar, Bilder und mehr › Hubert Mayer
  30. Toni

    Tja, ich kann beide Seiten ziemlich gut verstehen. Einerseits die Bahnjünger andererseits die Laienbahnfahrer, wie sie hier genannt werden. Ich bin früher jede Woche mehrmals die Strecke FfM – Dus gefahren, in 5 Jahren war der Zug ein Mal pünktlich, abgesehen von den Bombendrohungen, Personenschaden und Materialermüdungen, hat der Zug immer mindestens 30 Minuten Verspätung, gut wenn man weiss dass der Zug immer zu spät ist, dann plant man das mit ein. Ein Laie weiss das nicht und denkt sich, cool dann reicht es dass ich um x Uhr losfahre. Es wäre so einfach den Fahrplan an die Realität anzupassen, und die realen Fahrzeiten anzugeben. Das Problem ist, dass man sich dann nicht mehr mit dem Flieger oder Auto messen kann. Und dass immer weniger Service geboten wird nervt, egal ob bei der Bahn oder Bank,… ich lasse mich gerne beraten und vertraute geschultem Personal, leider ist das bei der Bahn nicht mehr so häufig anzutreffen. Dreimal für die gleiche Strecke unterschiedliche Preise, Zeiten usw. Genannt bekommen, merkt Ihr was? Der Vergleich hinkt jetzt zwar aber es ist ähnlich wie mit Applefans, sie verschliessen sich der Realität der Dinge. Übrigens wer mal verschucht hat mit der Bahn sein Fahrrad zu transportieren, sollte lieber einen Flieger nehmen, das geht schneller, einfacher und ist klar definiert. Ich könnte genauso weitermachen und weitere Beispiele geben, dabei geht es mir nicht den wirklich schön geschrieben Artikel kaputt zu reden, denn viele Punkte haben mich auch immer wieder sehr genervt,, aber die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte.
    Übrigens könnte man die Wagennummer aussen viel grösser dran schreiben, so dass wenn man wieder von einem Zug zum anderen sprintet, weil die Vespätung die Umsteigezeit aufgefressen hat, schneller den Wagen findet. ;o)

    Puh langer Text, ich finde es trotzdem sehr angenehm mit der Bahn zu fahren, es ist meiner Sicht das entspannteste Verkehrsmittel.

    Beste Grüsse
    Toni

  31. Pingback: Links | 0acht15
  32. Brennr.de

    Vorab: Wirklich sehr unterhaltsam geschrieben und ich kann in fast allen Punkten zustimmen. Was noch fehlt, sind die Laienrolltreppennutzer, die (gerne auch zu zweit) die Rolltreppe blockieren. Dabei steht das sogar in der Hausordnung der Bahn, dass man rechts stehen soll, um eilige Fahrgäste links vorbeilassen zu können.
    Was die Verspätungen anbelangt, so sind es nicht die 10 Minuten an sich, die nerven, sondern dass man deswegen Anschlusszüge verpasst. S-Bahnen warten nämlich nicht und diese fahren nicht überall alle fünf Minuten. So kommt es bei mir regelmäßig vor, dass ich wegen fünf Minuten Verspätung ganze 30 Minuten später zu Hause bin. Und das nervt dann schon. Vor allem weil die Verspätung und noch viel mehr die Kommunikation der Bahn nicht immer nachvollziehbar ist. Ehrliche Angaben gibt es nicht sofort, sondern immer im 5min-Takt (10min Verspätung, 15min Verspätung,…). Übrigens trifft ein Zug mit 10min Verspätung nicht 10, sondern 15min später ein. Wieso? Weil sich die Verspätung auf die Abfahrtszeit bezieht. Für mich nicht so recht nachvollziehbar, denn die Fahrgäste müssen ja auch noch ein- und aussteigen, was auch nochmal fünf Minuten sind. Aber darüber könnte man ewig diskutieren und philosophieren.

  33. Pingback: Unterwegs im ICE 70 – 15.02.2013 › Bahnsozialstudie
  34. Weaver

    Mit meinem internationalen Ticket bin ich sehr zufrieden. Da machen gelegentliche Verspätungen auch nichts aus. 30 Tage Bahn fahren für €118,10 in der 1. Klasse hat einfach was.

  35. Schaffnöse

    sollten Sie bei mir im Zug sein – der Kaffee geht auf’s Haus und Stoff für weitere Geschichten, wenn sie möchten;-)

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