Meine kleine Filterblase

Meine Kindheit verbrachte ich am Rand von Köln in der Bruder-Klaus-Siedlung, wo die Straßen nach Schweizer Städten heißen, so dass ich zumindest nie verlegen bin, wenn ich mal Städte in der Schweiz nennen soll, ich muss dafür einfach nur einmal gedanklich durch die Siedlung laufen.

In der Mitte der Bruder-Klaus-Siedlung stand die Kirche, wir lebten zwar theoretisch in einer Großstadt, aber auch hier hatte man die Kirche sprichwörtlich im Dorf gelassen. Der Kindergarten war ein katholischer Kindergarten, die Grundschule eine katholische Grundschule. Es waren die achtziger Jahre und alles war schön und ordentlich und hatte seinen Platz.

In meiner Grundschulklasse waren wir um die 20 Kinder, vielleicht 25, ich weiß das nicht mehr genau. Sechs davon waren türkische Kinder, so hieß das damals, heute würde man „mit Migrationshintergrund“ sagen. Gar nicht mal so wenige, das lag vermutlich am Einzugsgebiet der Grundschule, ich weiß aber gar nicht, wo diese Kinder wohnten, aber dazu kommen wir später noch.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es Konflikte gab zwischen den türkischen und den deutschen Kindern, wir waren alle Schüler einer Klasse, manche hatten bessere Noten, manche schlechtere, manche fanden wir netter, manche fanden wir blöder. Meistens fanden wir sogar die blöd, die wir vor zwei Wochen noch supernett gefunden hatten und weitere zwei Wochen später waren wir wieder eng befreundet.

Wenn wir Religion hatten, dann waren die türkischen Kinder nicht dabei. Die türkischen Kinder hatten ihren eigenen Unterricht mit einem türkischen Lehrer, dessen Namen ich vergessen habe, irgendwas mit D, Dogcan vielleicht, gibt es so einen Nachnamen? Ich weiß noch nicht mal, was das für ein Unterricht war, auch Religionsunterricht oder Türkisch? Wir waren nie dabei, wir kannten nur den Lehrer, einen großen freundlichen Mann, der einzige Lehrer an der kleinen Grundschule und wir wussten, dass diese sechs Kinder einmal die Woche etwas anderes machten als wir, das war okay.

Aber.

Ich war kein einziges Mal bei einem meiner türkischen Mitschüler zu Hause. Ich weiß nicht, wo sie wohnten, ich weiß nicht, wo sie nach der Schule hingingen, was sie machten, was sie spielten, was sie lasen. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist und ich kann mich nicht daran erinnern, mich jemals ausgiebig mit einem von ihnen unterhalten zu haben, ich habe von zweien den Vor- und von allen den Nachnamen vergessen. Das gilt natürlich auch für einige andere Mitschüler, mit denen ich außerhalb der Schule nur selten oder gar nicht zu tun hatte, aber in der Eindeutigkeit, wie genau diese sechs Kinder außerhalb der Schule keine Rolle für mich spielten, irritiert es mich im Nachhinein schon.

Meine Cousine, die ein paar Jahre in der gleichen Siedlung lebte, hatte eine Nachbarin, ein Mädchen namens Elmas. Elmas wohnte mit ihren Eltern und ihrem Bruder im Haus gegenüber im zweiten oder dritten Stock. Ein paar Mal war ich tatsächlich bei Elmas zu Hause, ihre Mutter hatte eine Strickmaschine, was mich sehr beeindruckte, dieses große Ding, das einfach so Pullover stricken konnte, mit Motiv. Elmas und meine Cousine hatten den gleichen Pullover, rot mit einer weißen Katze darauf. Ich war sehr neidisch und hätte gerne auch einen Katzenpullover gehabt. Aber viel mehr weiß ich auch nicht über Elmas und ihrer Familie. Das mag auf der einen Seite daran gelegen haben, dass wir eben Kinder waren und uns viele Fragen gar nicht gestellt haben, nicht so mit dem Andersartigen gefremdelt haben oder eben das Andersartige gar nicht gesucht haben, weil wir nicht wussten, dass es da sein sollte.

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass ich auch damals in meiner kleinen Filterblase lebte, in der man eben aus diversen Gründen viel mehr mit den deutschen Mitschülern zu tun hatte. Ein Grund war sicherlich pragmatisch-geographischer Natur. Die deutschen Mitschüler lebten zu fast 100 Prozent in dem für uns Kinder damals allein navigierbaren Bereich der Siedlung. Die türkischen Mitschüler wohnten woanders. Man hätte gar nicht gewusst, wie man da hätte hinkommen sollen, selbst wenn man gewusst hätte, wo dieses da überhaupt war.

Dazu kam, dass die Eltern der deutschen Kinder sich oft schon kannten, weil die Siedlung ein bisschen wie das Dorf war, in dem die eigenen Eltern die der anderen Kinder schon von früher kannten. Unsere Nachbarn waren die Großeltern von Christine aus der Parallelklasse und ein Haus weiter wohnten die Großeltern von meinem Mitschüler Thomas. Im ersten Haus unserer Sackgasse wohnte mein Mitschüler Sebastian und seine zwei Brüder. Viele der deutschen Kinder kannte man schon aus dem Kindergarten und hatte da schon Freundschaft geschlossen.

Addiert man dazu noch alle anderen Gemeinsamkeiten, war es einfach naheliegender, dass ich mit Sandra und Simone befreundet war und nicht mit Serra und Serap.

Ich möchte eigentlich nur auf eines hinaus: Man hört immer so viel von der Filterblase, in der wir stecken, weil wir uns im Internet immer nur mit den Leuten umgeben, die mit uns auf einer Wellenlänge sind, die die gleiche Meinung haben und den gleichen Hintergrund, mit denen wir uns nicht streiten müssen oder zumindest nicht über Grundsätzlichkeiten, weil man ja prinzipiell auf der gleichen Seite ist.

Die Filterblase ist aber keine Erfindung des Internets. Die war schon immer da, sie hatte nur damals keinen fancy Namen. So war einfach das Leben. Das macht es nicht weniger wichtig, gelegentlich aus ihr herauszutreten*, aber wir können zumindest aufhören, so zu tun, als wäre das Internet hier das Problem** und nicht die Menschen, wie sie schon immer waren. Und da schließe ich mich ausdrücklich mit ein.

* Aus Gründen der emotionalen Stabilität halte ich es übrigens für genauso wichtig, sich gelegentlich in die Filterblase verkriechen zu können, es sollte nur kein Dauerzustand sein.

** Das Internet hat andere Probleme, die sicherlich auch wichtig zu diskutieren sind, aber das ist Stoff für andere Blogeinträge.

4 comments

  1. Christina Egger

    Liebe Anne, Dein Beitrag ist schön beschrieben und trifft es ziemlich genau. Ich habe in den 80 zigern in Neubrück im Hochhaus gewohnt, was heute wohl unter sozialem Brennpunkt fällt…und selbst da wohnten damals nur Deutsche. Im Nachbarhaus gab es dann eine türkische/ ausländische Familie, die leider auch damals schon etwas gedisst wurde, weil sich die Kinder nicht gut artikulieren konnten. (Ich will aber auch nicht ausschließen, dass sie bei mir negativ im Gedächtnis verblieben sind, weil mein einziger Kinderunfall mit Ihnen in Verbindung steht. Wobei das auch mit anderen Kindern hätten passieren können… )Sprich wir haben zwar schon mit Ihnen gespielt – wenn man auf dem Spielplatz war, hat man mit allen Kindern gespielt, die gerade da waren – aber besucht habe ich Sie auch nie.

  2. Pingback: Fremdenfeindlichkeit ist keine Sammlung von Einzelfällen in Deutschland | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin' since 2001
  3. Pingback: Von Filterblasen und Lesungen. | savethepony

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