Noch mal Bruder-Klaus-Siedlung (Pfarrfest 2017)

Hier mal etwas Organisatorisches in eigener Sache. Da der Artikel über die Bruder-Klaus-Siedlung zu den meistkommentierten meines Blogs gehört und sich hier anscheinend zahlreiche ehemalige und Noch-Bewohner der Siedlung wiedertreffen, habe ich nicht zuletzt auch angeregt von Mama etwas recherchiert:

Am 24.9.2017 findet laut meinen Recherchen das diesjährige Pfarrfest der Pfarrgemeinde St. Bruder Klaus statt. Wenn alles klappt, werden ich und meine Mutter nach vielen Jahren auch kommen und regen an, dass auch der ein oder andere, der sich hier im Blog über den Artikel und die Erinnerungen gefreut hat, vielleicht zu einem inoffiziellen Ehemaligentreffen einfindet.

Genaueres kann man dem Pfarrkalender entnehmen. Die Messe mit anschließender Prozession findet um 10 Uhr statt.

Gelesen: Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

China im Jahr 2098: Die Arbeiterin Tao arbeitet als Bestäuberin, denn seit die Bienen verschwunden sind, muss diese Arbeit von Menschen erledigt werden. Nahrungsmittel sind kostbar geworden, die großen Städte verfallen, überall auf der Welt. Dann hat ihr Sohn Wei-Wen einen Unfall und in Taos Leben ist nichts mehr wie vorher.

USA im Jahr 2007: Der Imker George ist stolzer Besitzer einer Bienenzucht. Überall stehen die selbstgezimmerten Bienenkästen, der Hof eine Familientradition, die vermutlich bei ihm enden wird, denn sein Sohn Tom möchte lieber schreiben. Doch damit mag sich George nicht abfinden und so gerät seine Welt zunehmends aus den Fugen. Und dann verschwinden die Bienen.

England im Jahr 1852: Williams Sauvage liegt im Bett und ist verzweifelt. Als Wissenschaftler hat er versagt, sein Mentor lacht über ihn, sein Lebensmut ist dahin. Dann findet er neue Hoffnung in der Konstruktion eines modernen Bienenstocks und macht sich an die Arbeit.

Drei Geschichten, die vor allem erst einmal eines gemeinsam haben: Die Bienen. Kleine Tiere, die so wichtig sind für unsere Welt und die für jeden Charakter in diesem Buch eine besondere Bedeutung haben.

Maja Lunde wechselt zwischen den drei Erzähl- und Zeitebenen relativ flott hin und her, dabei ist jede Geschichte für sich erzählenswert und spannend. Gemein ist Tao, George und William die Verzweiflung über die Welt im Allgemeinen und auch im Konkreten. Die harte Arbeit auf dem Feld und der Unfall des Kindes, die Abkehr des Sohnes von dem Lebenskonzept des Vaters und das Gefühl, im Leben nichts erreicht zu haben.

Erstaunlich ist dabei auch, mit welch überschaubarem Personal Lunde auskommt, drei kleine Welten, drei nuclear families und die Bienen, die auf die ein oder andere Weise ihr Schicksal begleiten und mitbestimmen, durch allgegenwärtige An- oder eben Abwesenheit. Als Leser ist man so sehr nah dran an den Figuren mit ihren Fehlern, Ängsten und Hoffnungen. Nebenbei lernt man noch etwas über Bienen, die Konstruktion von Bienenstöcken und das Imkerleben und kann das Buch als klügerer Mensch zuklappen.

Trotz allem ist Die Geschichte der Bienen kein pessimistisches oder trauriges Buch. Auch wenn nicht jede Figur am Ende ihr Glück finden kann, so bleibt doch am Ende die Hoffnung und die Einsicht, dass es vielleicht nicht immer jeder alles das bekommen kann, was er gerne möchte, aber die Welt als metaphorischer großer Bienenstock noch nicht verloren ist.

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Verlagsseite des Buches

Bericht über das Buch in der Zeit

Lieblingstweets im August (Teil 1)

KORIANDER! KABELBINDER ODER KUCHEN! DER DEKORATIV! HOCHZEITSSPOILER! VANILLEEIS MIT KEKSTEIG! EIDERDAUS!

Saint-André-de-Roquepertuis, 1998

1998 fahre ich zum letzten Mal mit meinen Eltern in Urlaub. Ich bin 17, nächstes Jahr mache ich Abitur, danach Studium. Es ist nicht fest geplant, dass wir danach nicht mehr zusammen fahren, aber es wird sich so ergeben.

Wir fahren mit Tante H. und Famile nach Saint-André-de-Roquepertuis, einem kleinen Ort westlich von Orange. Das Ferienhaus ist etwas abseits, aber man kann zu Fuß ins Dorf gehen. Ich habe meine Klarinette dabei und Onkel M. seine Gitarre. Außerdem ist Django dabei und unsere zwei Mischlingshündinnen (die sehen aber nur auf dem Bild so böse aus).

Als wir ankommen, fährt eine Gruppe junger Männer vor und bringen uns ein Brot gegen eine Spende. Sie laden uns zum Dorffest ein, was an diesem Abend stattfindet. Was sie nicht sagen ist, dass jeder sein eigenes Grillzeug mitnehmen muss und so stehen wir etwas unsicher rum und ich habe sofort schlechte Laune und möchte wieder gehen.

Ansonsten ist alles an diesem Urlaub toll. Der Ort ist toll, das Haus ist toll, die Badestellen sind toll.

Ich spiele mit Lukas hinterm Haus Federball, was etwas ungünstig ist, weil der Rasen an einem Hang ist, aber irgendwie klappt es halt doch. Lina entdeckt eine Ameisenstraße und stellt den Tieren Zuckerwasser in einer Schale hin.

Ich habe Aktiv-Lautsprecher für meinen tragbaren CD-Spieler dabei, denn meine CD-Sammlung erweitert sich quasi wöchentlich, aber niemand außer mir interessiert sich dafür.

An der einen Badestelle direkt am Ort kann man sehr lange im Fluss einfach schwimmen. In der Mitte des Flusses ist es sogar so flach, dass man stehen kann. Wir sitzen etwas oberhalb der Badestelle am Ufer und lassen die Beine ins Wasser hängen. Winzige Fischchen kommen an und nagen an unseren Füßen, aber das kitzelt nur und tut nicht weh.

An einer anderen Badestelle gibt es Kaskaden. Wir liegen auf weißen Felsen. In der Mitte des Flusses ist ein großer Felsbrocken, auf den man draufklettern und dann runterspringen kann. Es sind bestimmt fünf Meter, aber es fühlt sich gar nicht so viel an, viel weniger als im Schwimmbad, wo man bis zum Grund sehen kann. Wir klettern immer wieder auf den Felsen und springen runter. Max, Onkel M. und Lukas springen sogar von einem Felsen auf der anderen Seite, der noch höher ist, aber das traue ich mich dann doch nicht.

Wir machen Ausflüge nach Orange und andere Städte, aber daran kann ich mich kaum noch erinnern. In Orange parken wir an einem alten Amphittheater und laufen durch kleine Sträßchen. Ich habe meine Kamera dabei und mache Schwarz-Weiß-Bilder, einige werden richtig gut, dafür, dass ich nicht wirklich geübt bin im Fotografieren.

Es ist auch der erste Urlaub, in dem wir die eiserne „Es wird kein Fernsehen geguckt“-Regel brechen. Weil wir tagsüber oft sowieso träge sind und es so heiß ist, dass wir nur rumhängen, verziehen wir uns manchmal nach oben und gucken zu , wie die Radfahrer bei der Tour de France durchs Land fahren.

Eigentlich, entscheiden Tante H. und Mama, wollen sie dieses Mal keine Endreinigung machen. Soll der Vermieter halt die Kaution behalten, wir fahren einfach. Dann kommt der Vermieter aber einen Tag vor der Abfahrt vorbei, bringt uns noch eine Flasche Wein und die Kaution und dann müssen wir ob dieser Vertrauensvorschusses doch noch alles ordentlich machen.

Das ist der letzten Familienurlaub, bei dem ich dabei bin. Aber eben auch der beste.

(Das Haus kann man immer noch mieten, es hat jetzt einen Pool und ist offensichtlich auch mal gründlich neu ausgestattet worden. Ich kann es nur empfehlen.)

Schullektüre

Gestern dachte ich über Schullektüre nach, also über all die Bücher, die ich während meiner Schulzeit lesen musste oder durfte, je nach dem, wie man’s sieht. Anstoß war eine Diskussion über Marlen Haushofers Die Wand und das Wort „Schulpflichtlektüre“, dass ich sofort anzweifelte.

Ich hatte immer das Gefühl, dass es zwar einen Schullektürekanon gibt, die Lehrer aber einigermaßen freie Hand hatten, was die konkrete Auswahl des zu lesenden Buches anging. Es musste halt je nach Stufe und Lehrplan eine bestimmte Epoche oder eine bestimmte Gattung sein, aber darüber hinaus schien es keine zwingenden Vorgaben zu geben.

Wie ich jetzt weiß, ist das nicht komplett richtig. Mindestens mit der Einführung des Zentralabiturs gibt es zum Beispiel für NRW Pflichtlektüren für die Oberstufe, in den letzten Jahren war das immer der Faust und irgendwas von Kafka. Aber damals(TM) gab es ja kein Pflichtabitur. Allerdings habe ich als Schülerin auch nie ernsthaft hinterfragt, warum wir jetzt lesen, was wir lesen und ob es in irgendeinem Lehrplan steht oder der Lehrer oder die Lehrerin halt einfach dieses Buch bestimmt hat. Wenn es da noch weitere Informationen gibt, bin ich sehr dankbar.

Eine kleine Twitterumfrage ergab zumindest, dass selbst jemand, der an der gleichen Schule war wie ich, allerdings ein paar Jahre später und sogar teilweise die gleichen Lehrer hatte, vollkommen andere Bücher gelesen hat. Dementsprechend vermute ich immer noch, dass es sowas wie „Pflichtlektüre“ nur in sehr geringem Maße gibt und das meiste in der Hand des einzelnen Lehrers liegt. Davon auszugehen, dass ein Buch allgemein bekannt ist, nur weil man selber es in der Schule gelesen hat, kann also ein Irrweg sein. Ich bin zum Beispiel komplett um Goethe herumgekommen und wäre ich nicht in einer gescheiterten Theater-AG gewesen, hätte ich – zumindest in der Schule – nichts von Schiller gelesen.

Eine vollständige Liste kann ich nicht versprechen, da mir sicherlich Bücher entfallen sind, die ich im Laufe von 9 Jahren Gymnasium im Rahmen irgendeines Unterrichts gelesen habe, aber an die meisten kann ich mich immerhin noch erinnern.

Deutsch

In der Unterstufe gab es Pole PoppenspälerDer Schimmelreiter und Der kaukasiche Kreidekreis. An alle drei habe ich nur vage Erinnerungen, gerade ersteres empfand ich als eher anstrengend und wenig erbaulich. Brecht war da noch am ehesten zugänglich, wobei die gesamte Klasse in einer Arbeit über Brecht versagte, weil niemand seinen Sarkasmus verstand und wir alle komplett zu dem Schluss kamen, Brecht hätte Kirche geil gefunden. Tja.

In der Mittelstufe gab es dann Das Schiff EsperanzaDas Parfum und Draußen vor der Tür und Homo Faber. Das Parfum war eine willkommene Abwechslung, endlich mal was ordentliches, was richtig erwachsenes. Draußen vor der Tür haben wir kollektiv gehasst. In der Unterstufe ist man ja noch etwas zu klein zum aktiven Hassen von Literatur, in der neunten Klasse hingegen ist man genau im richtigen Alter. Auch Homo Faber mochte ich eigentlich ganz gerne, während meine Cousine sich sehr ausgiebig über dieses Buch beschwerte.

In der Oberstufe kann ich mich nur noch an Effi Briest und an Das Spiel ist aus erinnern. Effi Briest war das einzige Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe (und trotzdem eine Zwei in der Klassenarbeit), weil ich es unfassbar lang und ebenso langweilig fand. Das Spiel ist aus lasen wir im Literaturkurs. Der Plan war eigentlich, das Buch als Theaterstück aufzuführen. Das scheiterte an mehreren Dingen. Zum einen mussten alle Nebendarsteller drei bis fünf Rollen übernehmen, das Bühnenbild gab Rätsel auf, aber im Nachhinein erfuhr ich, dass es vor allem daran scheiterte, dass der Hauptdarsteller die Hauptdarstellerin nicht küssen wollte.

Das kann allerdings noch nicht alles sein, und vage in meinem Hinterkopf tummeln sich noch Jakob der Lügner und Die Verwandlung. Vermutlich haben wir die auch irgendwann gelesen.

Englisch

Bei Englisch erinnere ich mich nur an sehr weniger Bücher, ich kann mir aber kaum vorstellen, dass das alles gewesen sein soll. Allerdings fängt man da ja auch später mit dem Lesen ganzer Bücher an, insofern mag es stimmen.

Im Gedächtnis geblieben sind An Inspector CallsEducating RitaDeath of a Salesman und Animal Farm. Wobei ich die letzten beiden tatsächlich sehr mochte und an die anderen beiden zumindest keine negativen Erinnerungen habe.

Französisch

Französisch hatte ich später als Leistungskurs, was auch die erstaunlich lange Liste der Schullektüren erklärt. All meine bittere Ablehnung gegenüber dem Zentralabitur entstammt auch vor allem diesem Kurs, weil ich hier am deutlichsten erlebt habe, wie es ist, wenn sich ein Lehrer auf die Schüler einstellt und eben nicht einfach das Standardprogramm durchzieht.

In Französisch also (meines Wissens alles in der Oberstufe): Lucien Lacombe, La guerre de troie n’aura pas lieu, Les petits enfants du siécle, Rhinocéros und Les Précieuses ridicules. An keines der Bücher habe ich eine schlechte Erinnerung, ich fand sie alle auf ihre Art gut. Besonders hängengeblieben ist aber Les petits enfants du siécle, das war ja fast schon feministische Literatur und – OBACHT! – von einer Frau geschrieben!

 

Womit wir beim letzten Punkt angekommen wären: Die Frauenquote. Wenn ich alle Bücher zusammenzähle, die ich in diesen drei Fächern gelesen habe (und an die ich mich erinnern kann), komme ich auf 19 Autoren und 1 Autorin. Das ist nicht nur eine schlechte Quote, das ist auch scheiße, wenn es um die Vermittlung von Diversität in der Kultur geht. In der Schule lernt man – oder zumindest: lernte ich – implizit: Relevante Literatur wird von Männern geschrieben. Dass es danach auch bei grundsätzlich Literaturaffinen jungen Menschen etwas dauern kann, bis sie entdecken, dass es auch viele Frauen im Literaturbetrieb gibt, die auch großartige Bücher schreiben, ist wenig verwunderlich. Heute sieht meine Quote Gott sei Dank besser aus, aber leider muss man sagen, dass ich mir das Wissen um gute Autorinnen selbst aneignen musste. Hier hat die Schule auf ganzer Linie versagt.

Ansonsten scheint mir die Auswahl eigentlich ganz gut durchmischt. Nicht alles fand ich damals gut. Ich vermute auch, dass ich Draußen vor der Tür heute sogar mögen würde, vielleicht lese ich das einfach irgendwann noch mal. Dass mir Goethe, Schiller, Shakespeare und Konsorten vorenthalten wurden, habe ich gut überlebt. Ich habe heute auch nur eine sehr grobe Vorstellung davon, was im Faust passiert, aber na ja. Vielleicht lese ich mir gleich die Inhaltszusammenfassung in der Wikipedia durch. Das muss reichen.

Canneto, 1997

Sarah und ich haben uns beschwert. Wir wollen nicht immer nur nach Frankreich, sondern auch mal woanders hin. Deswegen fahren wir dieses Jahr nach Italien, in die Toskana nach Canneto. Wir fahren über die Schweiz, das ist zumindest mal sehr schön, aber es ist auch weit, sehr weit.

Das Haus ist ein altes Haus am Rande vom Dorf. Abends hören wir Gewehrschüsse aus dem Wald und an den Wänden laufen Hundertfüßler und Käfer, das ist ein bisschen eklig.

Die Landschaft ist schön, aber auch ein bisschen enttäuschend. Der Bach ist ausgetrocknet, zum Baden muss man bis ans Meer fahren und das Meer ist hier in Italien voll, manchmal gibt es gar keinen richtigen öffentlichen Strand, statt dessen steht alles voll mit Liegestühlen, die man bezahlen muss. Morgens holen wir Ciabatta vom Bäcker, das nach nichts schmeckt. Es ist alles ein bisschen wie Frankreich, nur nicht so schön.

Direkt als wir ankommen gibt es ein Dorffest mit Tanz. Wir freuen uns, weil es letztes Jahr in Frankreich so toll war beim Dorffest. Aber das Fest hier ist ganz anders. Getanzt wird auf einer Bühne und nur irgendwelche Standardtänze. Das finden wir alle doof und bleiben auch nicht so lange.

Außerdem ist es sehr heiß, ich jammere und lege mich in den Schatten und decke mich mit einem Handtuch zu und dann schlafe ich meistens einfach ein.

Dafür machen wir Ausflüge: Nach Siena und nach San Gimignano. Siena ist am schönsten, vor allem der gestreifte Dom und der runde Platz in der Stadtmitte. San Gimignano ist aber auch schön mit seinen hohen Türmen.

Abends gehen wir oft eine Runde durchs Dorf spazieren. Die Leute gucken uns nach, grüßen aber nicht. Jeden Tag kaufen wir uns dann ein Eis, ich nehme immer Magnum mit weißer Schokolade, außer in Siena, da holen wir richtiges Eis im Hörnchen.

Ich habe meinen tragbaren CD-Spieler dabei und höre im Auto immer meine CDs. Ich habe gerade angefangen, mich richtig für Musik zu interessieren. Eventuell ist das ein bisschen antisozial, aber ich bin 16 und gerade im besten Teenageralter. Außerdem habe ich selbstaufgenommene Kassetten dabei, alle von den Elch-Charts von SWR3. Das höre ich gerade immer und alle paar Wochen nehme ich eine neue Kassette aus dem Radio auf.

Am Tag der Abfahrt kommt das italienische Vermieterpaar zur Wohnungsübergabe. Sie sind sehr italienisch und ganz begeistert von Lukas, weil er so hell ist und rötliche Haare hat. Das ist in Italien wohl was besonderes, jedenfalls müssen sie ihm immer über den Kopf wuscheln.

Auf dem Rückweg halten wir irgendwo in der Schweiz, um zu übernachten. Eigentlich könnten wir alle im Auto schlafen, aber die Nacht ist klar und nicht zu kalt, also legen wir uns auf die Wiese und gucken den Sternenhimmel an. Der Sternenhimmel irgendwo in den Bergen in der Schweiz ist fast das beste am ganzen Urlaub. Nächstes Jahr fahren wir wieder nach Frankreich.

Beaufort-sur-Gervanne, 1996

Die Geschichte von diesem Urlaub fängt vor dem Urlaub an, nämlich als unser Dackel Susi einen Bandscheibenvorfall hat und nicht mehr laufen kann. Der Tierarzt will operieren, aber der Dackel ist schon alt und Mama sagt, entweder das Tier erholt sich vor dem Urlaub noch ausreichend oder es wird halt eingeschläfert. Tatsächlich erholt sich Susi noch ausreichend und fängt wieder an zu laufen, deswegen nehmen wir sie mit und nehmen sicherheitshalber noch einen Bollerwagen mit. Für den Dackel.

Jedenfalls fahren wir wieder nach Beaufort-sur-Gervanne und wieder in das Haus, wo wir schon 1987 und 1988 waren, aber diesmal eben mit Tante H. und ihrer Familie. Und zwei Hunden, denn Django, der große schwarze mittelintelligente Hund meiner Tante kommt auch mit.

Die Badestelle an der Gervanne sieht ganz anders aus mittlerweile. Die natürliche Rutsche existiert nicht mehr, das macht es gleich weniger spaßig. Statt dessen fahren wir oft an die Drôme und baden im Fluss. Die Strömung ist nicht zu stark, man kann sich aber schön treiben lassen. Allerdings braucht man Wassersandalen, weil man sonst nicht auf den kleinen Steinen laufen kann, ohne dass es weh tut.

Wir treffen auch die Familie aus Stolberg wieder und gehen mit Lene und Ellen auf eine Wanderung zu einem Wasserfall. Dafür muss man sehr lange durch den Wald stapfen und immer wieder durch Bäche waten. Die Bäche sind sehr kalt, aber es lohnt sich.

Susi erholt sich ganz gut, aber wenn wir länger unterwegs sind, setzen wir sie in ihren Bollerwagen, damit sie nicht so viel laufen muss. Das sorgt für viel Erheiterung bei den Leuten, denen wir begegnen. Als wir einmal nach Hause kommen, ist der Hund weg und niemand weiß, was passiert ist. Irgendwie finden wir heraus, dass Susi vor dem Haus rumspazierte und von einer Familie eingesammelt wurde, die irgendwo anders im Ort Urlaub macht.

In Beaufort findet ein Dorffest statt. Überall stehen lustige Figuren an den Häusern und abends gibt es Party und wir tanzen mit den Franzosen zu Macarena.

Weil ich gerade versuche, etwas Sport zu machen, laufe ich Runden ums Haus. Vermutlich kommen da aber nicht sehr viele Kilometer zusammen, aber besser als nix.

Onkel M. hat einen Bart. Immer schon. Im Urlaub rasiert er sich den Bart ab. Einfach so. Ohne Vorankündigung. Alle sind total verwirrt, vor allem aber Django, der sein Herrchen so nicht wiedererkennt und unter dem Tisch steht und ihn anbellt.

Plonéour-Lanvern, 1995

Wir sind zu neunt. Mama, Papa und ich, Tante H. mit Familie und Robert, der ganz alleine mit uns fährt. Wir fahren in die Bretagne, aber nicht in den Norden, sondern ganz in den Westen, in die Nähe von Quimper. Der Art heißt Plonéor-Lanvern und wir haben zwei Häuschen auf einem Bauernhof gemietet. Wir fahren in unserem VW-Bus, Mama, Papa, Sarah, Lukas, ich und Robert und wenn wir in Belgien an einer ganz bestimmten Stelle sind, sagt Papa: „Hier ist die Wasserscheide!“

Auf dem Bauernhof gibt es einen sehr lieben Hund und Kaninchen und noch andere Tiere, davon sehen wir aber sehr wenig. Direkt daneben ist ein See und ein anderes Haus mit einem großen Bananenbaum. Manchmal gehen wir abends am See spazieren, aber das finde ich eher langweilig.

Das Meer ist super, es ist überhaupt nicht kalt, der Sandstrand ist riesig und es stehen überall alte Bunker aus dem zweiten Weltkrieg herum. In manche Bunker kann man auch reinklettern, aber es ist sehr dunkel und eng und wir trauen uns nicht weit rein. Wir haben ein paar Fahrräder dabei und ein paar von uns fahren mit dem Fahrrad zum Strand, während der Rest mit dem Auto nachkommt oder vorfährt, je nach dem. Ich finde Fahrradfahren zu anstrengend und fahre immer mit dem Auto.

Lukas, Robert und ich spielen Poker um Kellogg’s Smacks. Wir sammeln die Smacks in Müslischalen und spielen über mehrere Tage. Irgendwann ertappen wir Onkel M., wie er aus einer der Schalen Smacks knabbert und Robert ruft entsetzt: „Meine Poker-Smacks!“

Abends trinke ich Vanilletee mit geschlagener Sahne.

Im Meer paddeln wir mit den Luftmatratzen raus. Einmal treiben Sarah und ich ganz weit ab, wir merken aber selber nichts davon und als wir wieder am Strand sind, kommt uns Papa entgegen, der sehr besorgt, aber auch sehr sauer ist, weil er uns die ganze Zeit gesucht hat und schon Angst hatte, wir wären ertrunken.

Robert will seinem Freund zwei Kaninchen mitbringen und am Ende des Urlaubs gibt uns der Bauer zwei junge Kaninchen. Aber zwei Weibchen, betonen wir immer. „Oui, deux mamans“, sagt der Bauer und drückt uns zwei hellbraune Kaninchen in die Hand.

Auf dem Rückweg halten wir nachts irgendwo in einem Dorf. Wir schlafen alle im Auto, aber Papa und Onkel M. schlafen draußen auf einer Wiese. Mitten in der Nacht ruft Robert etwas Lustiges im Schlaf und wir wachen alle auf. Jetzt sind wir erst mal wach und Mama fragt von vorne „Wer will Mitternachtskuchen?“ und verteilt Kuchenstücke.

Zu Hause darf der Freund von Robert keine Kaninchen haben, also nehmen wir die Kaninchen. Wie sich rausstellt, hat der Bauer gelogen und wir haben bald sehr viele Kaninchen und lernen im folgenden Jahr, dass Inzest in der Tat nicht gut ist.

Gelesen im Juli 2017

Cold Comfort Farm von Stella Gibbons

Ein Klassiker, der genremäßig sehr schwer zu packen ist. Gesellschaftssatire mit ein bisschen Science-Fiction vielleicht, aber letztlich ist es ja auch egal.

Flora Poste, Anfang 20 und gerade Waise geworden muss ihr Leben planen. Arbeiten kommt nicht in Frage, denn, so denkt sie, sie hat ausreichend viele Verwandte, die sie sicherlich bei sich unterbringen können. Ihre Wahl fällt auf Cold Comfort Farm, einer düsteren Farm mit seltsamen Bewohnern irgendwo in Sussex. Obwohl Flora dort nicht gerade herzlich empfangen wird, lässt sie sich nicht beirren. Schnell ist sie sich sicher, dass ihre Aufgabe hier sein wird, der Farm und ihren Bewohnern zu helfen, ob sie das wollen oder nicht, da sie alleine offensichtlich nicht dazu in der Lage sind. Es ist ein bisschen wie Austens Emma, nur sympathischer.

Das Buch wurde 1932 veröffentlicht, spielt aber 1946. Das ist für Leser aus dem Jahr 2017 etwas verwirrend, tut dem Spaß aber keinen Abbruch. Große Empfehlung, als nächstes wird die Verfilmung geguckt.

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Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt von Jaroslav Kalfar

Jakub Procházka ist der einzige Passagier an Bord der JanHus1, dem ersten Raumschiff der tschechischen Geschichte, auf dem Weg zur mysteriösen Choprawolke. Vier Monate hin, Daten und Wolkenstaub sammeln, und dann wieder vier Monate zurück. Jakub ist ein Held, aber gleichzeitig der einsamste Mensch der Welt. Dann verlässt ihn seine Frau Lenka und gleichzeitig entdeckt er ein seltsames spinnenartiges Wesen mit menschlichen Lippen, dass in seinen Erinnerungen wühlt und seinen Nutellavorrat vertilgt.

Das ist die eine Seite der Geschichte von „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“, die andere Seite ist Jakubs Vergangenheit, seine Kindheit in der sozialistischen Tschechoslowakei, die mit dem Fall des eisernen Vorhangs und gleichzeitig mit dem Tod seiner Eltern endet. Sein Vater, so stellt sich heraus, war ein hoher Regierungsbeamte, der auch vor Folter nicht zurückschrak und schnell holt die Vergangenheit den Jungen ein und wirft sein Leben durcheinander.

Alles das und noch viel mehr findet sich in diesem Buch und auch, wenn mir die Science-Fiction-Anteile ein bisschen zu kurz kamen, war es gerade der Einblick in das Tschechien der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, der mich begeistert hat. Vielleicht, weil auch meine Familie dort Wurzeln hat, auch wenn das sehr lange her ist, vielleicht auch, weil es so nah und doch so weit weg ist.

Das alles ist angenehm ruhig, beinahe schon anachronistisch, zumindest aber mit viel Nostalgie erzählt, die Figuren sind gut entwickelt und so fügt sich nachher alles zusammen, und mal wieder könnte man die Rolling Stones bemühen, denn auch Jakub bekommt nicht unbedingt das, was er wollte, aber vielleicht genau das, was er brauchte.

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Die Unglückseligen von Thea Dorn

Ich weiß ja nie, was ich von Thea Dorn halten soll. Einerseits finde ich gut, wie sie sich im literarischen Betrieb durchsetzt, andererseits ist sie mir schon unangenehm durch Subkulturschelte aufgefallen.

In Die Unglückseligen erzählt sie die Geschichte des unsterblichen Johann Wilhelm Ritter und der Molekularbiologin Johanna Mawet. Während Ritter mit seinem Schicksal hadert, forscht Mawet an der Unsterblichkeit. Als sich die Wege der beiden zufällig in den USA kreuzen, glaubt Johanna diesem runtergekommenen seltsamen Mann kein Wort und hält ihn für einen Verrückten. Doch nach und nach kann er sie davon überzeugen, dass er tatsächlich über 200 Jahre alt ist und wird zu Johannas Versuchsobjekt.

Die Unglückseligen ist ein Buch über Wahnsinn und Obsession, über Verfall und Unsterblichkeit. Es ist zweifellos gut geschrieben, wenn auch an der ein oder anderen Ecke vielleicht doch etwas zu aufgesetzt, und sicherlich keine leichte Lektüre, liest sich aber insgesamt recht flüssig weg. Ich bin noch unschlüssig, was ich vom Ende halten soll, das dann doch so ganz anders war, als ich es mir vorgestellt habe. Immerhin wundert man sich auf den letzten 150 Seiten nicht mehr so arg über den Titel des Buches. Die Unglückseligen ist irgendwie eine Art Wissenschafts-Science-Fiction mit historischem Zeug für Intellektuelle. Wenn man jetzt „Genau mein Ding!“ denkt, ist man gut aufgehoben.

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Nahe Jedenew von Kevin Vennemann

Ein Bücherschrankfund. Ich arbeite ja nebenberuflich an meinem Kunstprojekt „Die gesamte Suhrkamp-Bibliothek aus Bücherschränken zusammenklauben“. Es zieht sich etwas, aber mit viel Geduld denke ich, dass ich schon in ein- oder zweihundert Jahren einen schönen Regenbogen im Schrank stehen habe.

So landete jedenfalls auch Vennemanns Nahe Jedenew bei mir und weil es so schön dünn ist und gerade Wochenende war, habe ich direkt angefangen, reinzulesen. Worum es geht, muss man sich auch als Leser erst erschließen. Ich habe noch während der Lektüre angefangen, dem Buch hinterher zu googeln, um mehr über den Autor und den Hintergrund der Geschichte zu erfahren. Dann aber weiß man: Es geht um zwei Mädchen, Zwillinge, irgendwo in einem polnischen Dorf, in dem die katholische Bevölkerung in einer Nacht ihre jüdischen Nachbarn umbringen, die Höfe plündern und anzünden. Die beiden Mädchen fliehen in ihr Baumhaus und beobachten von da aus, wie die Idylle ihrer Kindheit ein jähes Ende findet. Sprachlich vermischen sich ihre Erinnerungen und die Erzählungen der Erwachsenen mit dem Grauen der Gegenwart. Das ist erst anstrengend, wenn man sich dann aber reingelesen hat, sehr wirkungsvoll. Ungefähr so stelle ich mir einen modernen Klassiker vor, im besten aller Sinne.

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Die Chaos-Walking-Trilogie von Patrick Ness

Der erste Teil war ein Bücherschrankfund, mitgenommen, weil ich das Buch sowieso auf der Wunschliste hatte. Und weil es dann eben tatsächlich sehr gut und spannend war, habe ich die beiden anderen Teile als e-Books dann direkt auch gelesen.

Ganz vorneweg: Wer die Panem-Bücher mochte und etwas ähnliches sucht, der kann exakt hier aufhören zu lesen und sich zum Buchhandel seiner Wahl begeben.

Für alle die, die etwas mehr wissen wollen: Todd lebt in Prentisstown, einer Siedlung auf einem fremden Planeten, in der es nur Männer gibt, seit die Frauen durch einen Virus alle getötet wurden. Dieser Virus wurde von den Spackle freigesetzt, die auf diesem Planeten leben und gegen die Menschen Krieg führten. Ein unangenehmer Nebeneffekt des Virus: Die Gedanken aller Menschen werden hörbar und Tiere können sprechen. Todd ist mit fast dreizehn der jüngste Einwohner von Prentisstown. Mit dreizehn wird er zum Mann erklärt werden, aber vorher kommt alles anders. Todd entdeckt bei einem seiner Streifzüge durch den Sumpf ein Loch in dem allgegenwärtigen Gedankenlärm und ehe er es sich versieht, wird er von seinen Zieheltern weggeschickt. Nur mit einer Karte und einer Ahnung, warum und wohin er gehen soll, ist Todd auf einmal ganz allein auf der Flucht.

Damit habe ich zwar wirklich nur die allerersten Kapitel der Buchreihe angerissen, aber alles andere wäre in der Tat zu viel verraten. Die Geschichte ist spannend, voller Wendungen und Überraschungen, es geht um Freundschaft und Menschlichkeit und die Frage, wie viel wir bereit sind, von uns selbst zu opfern, um zu überleben.

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AchtNacht von Sebastian Fitzek

Mein erster Fitzek und ich war etwas unterwältigt. Die Geschichte ist verhältnismäßig einfach erzählt: Benjamin Rühmann will im Leben einfach nichts gelingen. Die Tochter liegt nach einem Selbstmordversuch im künstlichen Koma, von seiner Frau ist er getrennt und jetzt ist er auch noch aus seiner Coverband geflogen. Zu allem Überfluss ist auf ihn aber auch noch ein Kopfgeld von 10 Millionen Euro ausgesetzt. Er ist Kandidat der AchtNacht, einer Jagd, bei der dem, der ihn tötet eben genau dieser Gewinn zusteht. Zwölf Stunden lang ist er vogelfrei und das ganze Land ist hinter ihm her.

Das klingt spannend und – hier das Positive – ist es auch. Nicht ohne Grund habe ich das Buch an einem Tag weggelesen, flott geschrieben, mit guten bis durchschnittlichen Wendungen (die finale Wendung war mir allerdings etwas zu simpel) und interessanten Ideen. Die Hauptfiguren sind ausreichend gut gearbeitet, während der ein oder andere Nebencharakter allerdings schon etwas zu überspitzt gezeichnet ist.

Aber. Die ganze Szenerie war mir nicht konkret und glaubwürdig genug. Spielt die Geschichte in der Gegenwart, so ist mir die krasse Zeichnung der Gewalt zu unglaubwürdig. Spielt die Geschichte in der Zukunft, so gibt es hierfür keinerlei Anzeichen, dafür hätte es zumindest das ein oder andere Detail gebraucht. Es gibt keine richtige Verortung und so fühlt sich das Setting insgesamt zu wischiwaschi an, als hätte der Autor es sich an entscheidenden Stellen zu einfach gemacht, was zu Gunsten der Spannung, aber eben zu Lasten des Gesamtgefühls geht.

Man kann das gut als Zwischendurchlektüre lesen, dem Hype wird es nicht gerecht.

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Lieblingstweets im Juli woanders

Mein Teil 1 und Teil 2 sind hier, der Rest folgt wie gewohnt.

Buddenbohm & Söhne Teil 1 und Teil 2

Crocodylus

Das Nuf

Die liebe Nessy

Ellebil

Familienbetrieb Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

Nullenundeinsenschubser Teil 1 und Teil 2

Office-Werkstatt

Pressepfarrerin

Störgröße

Vorspeisenplatte

1ppm