Wagner gucken: Die Walküre im Aalto-Theater, Essen (Urlaub, Tag 3)

Tisch

Ich glaube, es war ein bisschen die Revanche für die letzten von mir orchestrierten Konzert- und Kinobesuche. Der Mann musste mit zu Paul Simon und Randy Newman, hat sich den Muppets-Film und “Die Tribute von Panem” angeguckt. Jetzt hat er sich selbst was ausgesucht. Wagner. Walküre.

Hilfe.

Zu Weihnachten 2008 hat der Mann von mir zwei Geschenke bekommen: Erstens zwei Karten für die Götterdämmerung und zweitens, dass ich mitkomme.

Ich, keinen Peil von Oper und erst recht nicht von Wagner. Ich, die ich bei Filmen, die länger als 100 Minuten dauern, gerne “Überlänge” jammere. Ich, deren Aufmerksamkeitsspanne dank jahrelanger Serien-Fokussierung auf 42 Minuten geschrumpft ist. Ich in einer vier Stunden langen Oper. Hurra!

Es hat aber ganz gut geklappt. Glaube ich jedenfalls, ich erinnere nicht viel von diesem Abend, aber ich habe ihn irgendwie überlebt.

Diesmal hat der Mann die Karten selbst besorgt. “Die Walküre” gibt es, im Aalto-Theater in Essen. Dank geschickter Fehlkommunikation verbringen wir den Nachmittag mit Freunden in einem Tapas-Restaurant, leeren dabei zu viert eine Flasche Sekt und zwei Flaschen Weißwein, glühen quasi schon mal vor und müssen dann um Viertel vor fünf doch ein bisschen eilig nach Hause, schnell umziehen, aufs Fahrrad schwingen und zur Oper fahren.

Richtung

Das Aalto-Theater ist auch von innen hübsch, eigentlich fast hübscher als von außen. Wir mischen uns ein wenig unters Hochkultur-Volk in Anzug und Abendgarderobe. Meine Abendgarderobe besteht aus bunt gepunkteter Strumfhose und dem grünen Kleid mit Schleifchen. In anderen Worten: Ich besitze keine Operngarderobe.

Wir sitzen Zweiter Balkon Mitte, erste Reihe, eigentlich prima Sitze, denk ich als Opernlaie, man sieht ja alles und kann sehr elegant die Ellebogen auf das Geländerdingens stützen und dann das Kinn auflehnen. Okay, das ist nicht sehr elegant, aber ganz bequem und man sieht schön viel.

Zweiter Balkon Mitte

Wirklich voll ist es nicht, auf unserem Balkon ist fast nur die erste Reihe besetzt und auch unten im Parkett sehen wir jede Menge freie Plätze, was vor allem den Mann verwundert, der meint, früher wäre es fast unmöglich gewesen, in eine Walküre reinzukommen.

Aber dann geht’s los. “Sturmmotiv”, flüstert der Mann mir zu und ja, das klingt sehr stürmisch, was die Streicher da machen. Überhaupt Orchester, noch so ein Vorteil, wenn man nicht im Parkett sitzt, man kann genau gucken, was die Musiker da machen.

Kontrabass

Geigen

Das Bühnenbild ist sehr klassisch. Vermute ich jetzt mal, ich hab ja kaum Vergleichsmöglichkeiten. Ich mag das ja auch, wenn es klassisch ist, irgendwie hab ich da diese Opernlaieneinstellung, dass, wenn ich mir das jetzt schon vier Stunden lang angucke, dass es dann wenigstens schön opulent und mit tollen Kostümen zu sein hat. Außerdem kann ich so besser rumfantasieren und mir gut vorstellen, dass das da vorne wirklich ein Baum ist und dass sich hinter den Türen eine ganze Burg erstreckt.

Auf der anderen Seite hab ich auch noch keine moderne Interpretation erlebt, vielleicht find ich das ja genauso toll oder sogar toller. Im Moment bin ich aber von dem schönen altmodischen Bühnenbild schwer beeindruckt. Wie ich schon sagte: Ich mag das. Am Herd brennt sogar echtes Feuer. Total überzeugend.

Herd

Intelligent und vorausschauend wie ich nun mal an die Sache herangegangen bin, hab ich keinen Schimmer, worum es geht. Also, Ring-Trilogie, klar. Götter, Ringe, Intrigen, Siegfried, Drache und so weiter. Blöderweise gibt es ja noch die Details der Story, und die kenn ich nicht. Weiterer Nachteil: Opernsänger versteht man ja eher so halbgut, selbst wenn sie schön ordentlich betonen. Weiterer Nachteil: Wagner. Die Texte sind jetzt auch nicht durchgehend einfach zu verstehen und er benutzt komische Wörter wie “kiesen”, die ich in der Pause erstmal erfragen muss.

Es gibt aber eine Textbox, so dass man oben mitlesen kann, was unten gesungen wird. Sehr hilfreich, so hab ich doch noch eine Chance, selbständig dem Plot zu folgen, ohne dass der Mann dauersoufflieren muss.

Es geht also los, mit der Musik und der Singerei und den komischen Wörtern und Namen (“Wehwalt”, “Hunding”, “Siegmund”). Der erste Akt ist der kürzeste und mal abgesehen davon, dass ich zwischendurch mal kurz sehr, sehr müde werde (Pro-Tipp: Kein nachmittägliches Weingelage vor Wagner), versteh ich sogar, worum es geht. Als Siegmund nach dem Schwert fragt, zeige ich schon mal hilfreich auf die Esche, wo’s ja drinsteckt und als es “ein Greis im grauen Gewand” heißt, flüstere ich dem Mann sehr expertös “Gandalf” zu.

(Es heißt im Übrigen tatsächlich “im blauen Gewand”, aber vielleicht hatten sie im Aalto keine brauchbaren blauen Gewänder.)

Nach knapp einer Stunde ist der erste Akt vorbei. Pause. Durst.

Intelligent und vorausschauend wie wir waren, haben wir fast unser gesamtes Geld im Tapas-Restaurant gelassen und können uns jetzt für die letzten fünf Euro immerhin ein Wasser und eine Cola gegen den Nachdurst leisten. Dann sind wir pleite, laufen ein bisschen im Theater rum und dann raus auf den großen Theaterbalkon, der direkt zum Stadtgarten rausgeht.

Stadtgarten

Das ist ja das schöne hier in Essen, dass hier alles direkt aufeinander hockt, Oper und Philhamonie grenzen direkt an den Stadtgarten, wo die Leute noch auf der Wiese sitzen, und den wunderbaren Frühlingsabend genießen.

Irgendwann gongt es einmal, zweimal, dreimal und wir machen uns wieder auf den Weg nach oben. Für den zweiten Akt sieht die Bühne fast genauso aus, das Herdfeuer ist jetzt aber aus und eine weiße Tischdecke liegt auf dem Tisch, viel mehr hat sich nicht getan.

Dafür gibt es jede Menge neue Figuren. Wotan ist jetzt dabei, und Brünnhilde, außerdem Fricka. Die Frauen, sagt der Mann nachher, waren alle überragend, die Männer eher nicht so dolle. Mein Laienverständnis sagt, die Frauen singen wirklich sehr, sehr gut und stimmgewaltig, bei den Männern geht die Stimme auch gelegentlich mal im Orchester unter.

Der zweite Akt ist nicht nur der längste, er fühlt sich auch so an und mag einfach nicht aufhören. Immer, wenn ich denke, so jetzt ist aber Schluss, das war doch jetzt ein prima Cliffhanger geht es doch noch weiter. Weiteres Problem: Ich verliere ziemlich schnell den Faden, eigentlich schon während einer der ersten Szenen mit Wotan und Fricka. Im Nachhinein stellt sich raus, dass ich die Handlung im Wesentlichen schon verstanden habe, aber einfach ist doch anders.

Jedenfalls geht es wieder um Götter und Intrigen, und darum, ob Wotan Siegmund jetzt bestrafen soll oder nicht, und als er sich dafür entschieden hat, dass er wohl keine andere Chance hat, da holt er Brünnhilde und sagt ihr, hier, straf mal den Siegmund, die kriegt aber nicht die Kurve und dann muss Wotan doch eingreifen, erschreckt mich furchtbar mit einem Speer und dann gibt’s kurz richtige Action mit Gewehren und Schwertern (etwas unfairer Kampf, scheint mir auch, was soll man denn mit einem Schwert gegen ein Gewehr anrichten) und dann sind Leute tot und andere Leute unglücklich und schwanger.

Auch wenn ich den zweiten Akt sehr anstrengend und etwas verwirrend finde, mag ich die Wotan-Szenen musikalisch am liebsten. Wagner ist da ja auch nicht so einfach, es besteht aus gefühlt drei Millionen unterschiedlichen Motiven, die der Mann mir gelegentlich zuflüstert, von denen ich aber ungefähr zwei tatsächlich wiedererkenne. Als Wagnerlaie kommen mir die Wotan-Szenen musikalisch am zugänglichsten vor. Da erkenne ich auf einmal so etwas wie eine Melodie und musikalische Struktur.

Bühne

Dann ist aber auch der zweite Akt vorbei und in der Pause lass ich mir das erstmal die Handlung erklären, während wir auf dem Treppenabsatz stehen und sehnsüchtig auf die Menschen am Getränkestand gucken, die noch genug Geld für Pausenverpflegung übrig haben. Wir versuchen, rauszufinden, wann denn die Götterdämmerung gespielt wird, und es zeichnet sich so ein bisschen der Plan ab, bei nächster Gelegenheit auch den Rest des Ringes zu sehen und als der Mann noch mal die Handlung des Rheingolds erzählt, werfe ich mehrfach “Gollum” ein. (Tut mir leid, ich kann halt nicht anders.)

Der dritte Akt geht dann wieder verhältnismäßig fix. Als Eye-Candy gibt es gut gebaute halbnackte (und leider auch tote) Männer, jede Menge Walküren, die sehr laut und durcheinander singen, vor allem aber viel Wotan und Brünnhilde, die sich einen Akt lang aussprechen und sich am Ende auf einen Kompromiss einigen. Gelernt: Götter sind sehr stur.

Am Schluss brennt dann der Berg, mit echtem Rauch und echtem Feuer, was sehr atmosphärisch ist und toll aussieht und dann ist die Oper vorbei.

Ensemble

Wir klatschen viel und sehr ausdauernd, vor allem für Fricka, Brünnhilde und Sieglinde, aber auch für Wotan, Siegmund und Hunding, für die Walküren und sogar für die toten, halbnackten Männer, die ja mehr oder weniger nur rumstanden, und natürlich auch für den Dirigenten und das Orchester.

Ich applaudiere sehr gerne, der Rest des Publikums anscheinend auch, und nachdem alle mindestens zweimal nach vorne gelaufen sind und sich dann das gesamte Ensemble mehrmals verbeugt hat, ist dann irgendwann gut.

Mäntel holen, nach draußen gehen, aufs Fahrrad schwingen und nach Hause fahren. Es ist jetzt halb elf, fast noch früh, eine warme Märznacht, heute Nacht werden die Uhren umgestellt, morgen ist Sommerzeit. Ich befürchte, spätestens Ende Juni werde ich das nächste Mal Wagner gucken müssen, da wird der gesamte Ring nämlich noch mal aufgeführt. Aber ein bisschen freue ich mich auch. Oper ist anstrengend und dauert auch gerne mal lange, aber irgendwie ist es auch toll.

Aalto

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