Kategorie: Bücherzeug

Gelesen: Dunkelsprung von Leonie Swann

Dunkelsprung_CoverMein Lieblingssatz von Leonie Swann stammt aus dem Schafskrimi Glennkill und lautet „Es stellt sich überraschend heraus, dass Mopple nachtblind war.“ Überhaupt Glennkill: Ein Kollege brachte das Buch in der englischen Übersetzung zur Arbeit und musste sich von mir Klugscheißerin direkt belehren lassen, dass „Swann“ möglicherweise wie ein englischer Name klingen könnte und das Buch zugegebenermaßen in Irland spielen würde, das Original aber eben trotzdem auf Deutsch wäre. Tatsächlich habe ich erst später sowohl Glennkill als auch den Nachfolger Garou gelesen oder mir vielmehr von Andrea Sawatzki vorlesen lassen.

Von den Schafen ist Leonie Swann mit ihrem neuen Roman Dunkelsprung jetzt von Irland nach England umgesiedelt und dabei quasi auf den Floh gekommen. Oder viel mehr auf den Flohzirkus. Der gehört nämlich Julius Birdwell, seines Zeichens Flohdompteur, Goldschmiedemeister und ganz generell Lebenskünstler. Bis er in einer eisigen Nacht den Flohzirkus vor der Tür vergisst, sich vor Trauer um seine dressierten Flöhe auf eine Brücke verirrt, aus Versehen ins eisige Wasser fällt und von einer Nixe gerettet wird, die ihm im Gegenzug das Versprechen entlockt, ihre Schwester zu finden und zu retten. So findet sich Julius Birdwell recht unfreiwillig auf einer Mission, die ihn zu Privatdetektiven, Psychologen, die aufs Vergessen spezialisiert sind, einer alten Frau mit einer Wohnung voller Milchschälchen und einem Professor und Magier mit Größenwahn führt, begleitet von der rätselhaften Elizabeth Thorn, die ihre ganz eigenen Pläne hat. Und Flöhe spielen auch noch eine Rolle, allen voran Lazarus Dunkelsprung, der Albinofloh.

Die Geschichte, die Leonie Swann erzählt ist verzwickt, mit viel Personal ausgestattet, zudem hält sie sich nicht immer an eine Zeitlinie, so dass ich einige Zeit brauchte, um in diese Geschichte reinzukommen. Möglicherweise ging es aber auch nur mir so, das kann ich nicht beurteilen, denn eigentlich bedient sich Swann einer sehr klaren Sprache, ohne viel Umschweife, direkt und sauber. Das macht beim Lesen Spaß und man möchte glauben, dass Swann beim Ausdenken und Aufschreiben ebenso viel Spaß hatte.

Leonie Swann hat ihrem neuen Buch den Untertitel „Vielleicht kein Märchen“ gegeben, eine Leseanleitung vergleichbar mit „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“ Dunkelsprung ist ein gleichzeitig wundersames und wunderbares modernes Märchen, nur dass hier nicht nur manche Figuren sagenhaft sind, sondern auch das, was die eigentlich ganz normalen Menschen tun. Dabei ist das Buch durchaus fordernd und liest sich eben nicht einfach so weg, viel mehr entfaltet es seinen Sog durch die schillernde Vielfältigkeit der Figuren, die sehr sorgsam entworfen wurden, unabhängig davon, ob wir es mit ganz normalen Menschen zu tun haben, mit Fabelwesen, Flöhen oder seltsamen Leguanen, die aber in Wirklichkeit vielleicht doch gar keine Leguane sind.

Wer fantastische Geschichten einen Schritt neben unserer wirklichen Welt mag, wird an Dunkelsprung ziemlich sicher seine Freunde haben. Für alle anderen, die jetzt noch skeptisch sind, habe ich noch eines meiner Lieblingszitate von Walter Moers aus einem Interview im Jahr 2001 mit der Zeit: „Realität gibt’s ja schon, warum soll ich sie abbilden?“

Dunkelsprung von Leonie Swann, erschienen 2014 im Goldmann Verlag, 384 Seiten, 19,99 Euro. Erhältlich bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung Schmitz in Essen und in jedem anderen Buchladen.

Informationen zum Buch vom Verlag

Bücher 2014 – Plätze 5 bis 1

Es ist doch schon ein paar… ähm… Wochen her, dass ich die Plätze 10 bis 6 meiner liebsten Bücher aus dem Jahr 2014 veröffentlichte. Nun folgen die Plätze 5 bis 1. (Bücher aus dem Jahr 2014 bedeutet übrigens, dass es Bücher sind, die ich 2014 gelesen habe, nicht, dass sie im Jahr 2014 veröffentlicht wurden.)

Steelheart_cover5. Steelheart von Brandon Sanderson

Superhelden mal anders. In Steelheart retten sie nicht die Welt, sondern tyrannisieren die Menschen, was möglicherweise auch die realistischere Variante ist. David war als Junge dabei, wie sein Vater vom titelgebenden Steelheart umgebracht wurde, nachdem dieser den vermeintlich unbesiegbaren Epic, wie diese Menschen mit Superkräften genannt werden, verletzt hatte.

Jetzt ist David Teenager und schließt sich einer Gruppe Rebellen an, die die Epics bekämpft. Das ganze klingt nicht unbedingt so, als wäre hier das Rad neu erfunden wurde, ist aber dermaßen spannend, flott fantasiereich geschrieben, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Mein bester Young-Adult-Roman des Jahres 2014, mit Abstand.

Steelheart gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung ocelot in Berlin und in jedem Buchladen um die Ecke.

 

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4. Eine Frau spürt sowas nicht von Kirsten Fuchs

In Bayreuth gelesen, sehr gelacht. Dann meinem Mann auf der Fahrt von Bayreuth nach Frankreich daraus vorgelesen und mehrfach vor Lachen leider unfähig gewesen, weiterzulesen.

Kirsten Fuchs schreibt witzig, originell und nah am Leben, vor allem ihrem. Tatsächlich sind die Texte, in denen sie meiner Meinung nach zu Hochformen aufläuft, die, in denen sie ihre nicht ganz alltäglichen Alltagsgeschichten erzählt. Wie sie das Haus ihrer Eltern hüten muss, weil die Rohre erneuert werden (Strangsanierung heißt das im Fachjargon) oder wie sie sich Outdoorschuhe kaufen will. Oder wie sie mit ihrem Freund mal nicht an die Ostsee fährt und in einem als Hausboot verkleideten Ferienhäuschen landet. Oder wie sie mit ihrer Oma telefoniert.

Das ist alles ganz wunderbar und bei aller Absurdität immer noch so nah am wirklichen Leben, dass man denkt, es könnte genau so passiert sein. Jedenfalls fast genau so.

Eine Frau spürt sowas nicht  gibt es bei Amazon [Werbelink], als E-Book bei minimore und in jedem Buchladen um die Ecke.

 

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3. Die Besteigung des Rum Doodle von William E. Bowman

Ich habe Die Besteigung des Rum Doodle als Hörbuch gelesen von Jürgen von der Lippe gehört, was möglicherweise die beste Besetzung ist, die man sich wünschen kann.

Das Buch wurde erstmals 1956 veröffentlicht, warum es so lange dauerte, bis es bekannt wurde, bleibt ein Rätsel, denn diese Satire ist ganz hervorragend. Eine Gruppe von sieben englischen Gentleman beschließt, den Rum Doodle in Yogistan, den höchsten Berg der Welt zu besteigen. Leider entpuppt sich ein Mann nach dem anderen als vollkommen unfähig und kaum lebensfähig, der Navigator verläuft sich schon auf dem Weg zur ersten Zusammenkunft, alle Nase lang fällt irgendwer in eine Spalte und die wichtigste Frage lautet jederzeit: „Wo ist der Champagner und haben wir noch genug davon?“.

Erzählt wird aus der Sicht des Expeditionsleiters „Binder“, der die ganze Sache genauso wenig im Griff hat wie alle anderen, sich von den Trägern und dem yogistanischen Koch terrorisieren lässt, aber stets an dem Plan festhält, den Gipfel doch zu erreichen.

Maximal amüsant, schön grotesk, von Jürgen von der Lippe grandios gelesen. Kann man natürlich auch selber lesen, aber warum sollte man das tun wollen, wenn es so eine Alternative gibt?

Die Besteigung des Rum Doodle gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung proust in Essen und in jedem Buchladen um die Ecke.

 

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2. Sitzen vier Polen im Auto von Alexandra Tobor

Ola ist sechs Jahre alt und beschließt zu sterben. Weil sie die bittere Flüssigkeit nicht trinken will, die man ihr im Krankenhaus geben will. Wegen Tschernobyl. Statt dessen spuckt sie alles wieder aus, versaut dabei das gute Kleid aus der DDR und beschließt anschließend zu sterben. Ola wächst in Polen auf, im Osten, bis ihre Eltern kurz vor der Wende alles in ein Auto packen und mit ihr und ihrem Bruder in den goldenen Westen fahren.

Nur, dass im Westen gar nichts golden ist, sondern vor allem komisch. Komische Leute, komische Sitte, komische Kinder, komisches Essen. Ola muss feststellen, dass in der BRD trotz Schokolade und Spielzeug gar nicht alles so toll ist. Aber vielleicht ist dann doch nicht alles doof.

Ich habe Sitzen vier Polen im Auto in Frankreich an einem Abend quasi im Delirium von vorne bis hinten gelesen, weil ich nicht aufhören konnte. Alexandra Tobor, auch bekannt als @silenttiffy auf Twitter, hat hier ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, ganz direkt und mit genau der richtigen Dosis an Sentimentalität und Nostalgie, nie doof, nie kitschig, immer schön und oft witzig.

Sitzen vier Polen im Auto gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung Stories in Hamburg und in jedem Buchladen um die Ecke.

 

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1. Embassytown von China Miéville

Vorneweg: Embassytown ist das Gegenteil von einfacher Literatur, aber dafür ist China Miéville jetzt auch nicht wirklich bekannt. Embassytown fordert dem Leser einiges an Vorstellungskraft ab, genauso wie man sich auf die fast surrealen Außerirdischen einlassen muss. Die Ariekei sind die Bewohner des Planeten Arieka, auf dem Avice Benner Cho lebt, in einer Diplomatenstadt, einem Handelsposten am äußersten Ende des Universums.

Die Ariekei sprechen eine besondere Sprache, bei der jedes Wort aus zwei gleichzeitig gesprochenen Wörtern besteht. Die Ariekei können auch nicht lügen, nichts erfinden. Für jede Analogie brauchen sie ein konkretes Beispiel, etwas, das wirklich stattgefunden hat. Menschen und Ariekei kommunizieren über Botschafter, vollkommen aufeinander abgestimmte Paare von eigens für diesen Zweck modifizierten Menschen, die sich ein Bewusstsein teilen müssen, um die Sprache der Ariekei so sprechen zu können, dass sie verstanden werden. Bis ein neuer Botschafter kommt, nicht künstlich verändert. Ein Botschafter, der mit seiner Sprache die Ariekei so in seinen Bann zieht, dass es zur Katastrophe kommt.

An der Beschreibung merkt man schon, dass man es hier nun wirklich nicht mit leichter Science-Fiction-Kost zu tun hat. Doch die Welt, die Miéville entspinnt, ist gleichermaßen abgefahren wie schlüssig und faszinierend, die Geschichte fesselnd und verstörend. Das ist ein ganz großes Buch, auch wenn es sicher nichts für jeden ist.

Embassytown gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt und in jedem Buchladen um die Ecke.

Gelesen: Alles wird gut und zwar morgen! von Toni Mahoni

mahonsenToni wird von seiner Freundin Peggy sitzengelassen, von jetzt auf gleich. Ein bisschen wegen seines Bauchs, aber vor allem wegen dem, was der Bauch bedeutet. Toni soll mal sein Leben in den Griff bekommen, nicht immer nur rumgammeln, findet Peggy und deswegen geht sie erstmal nach Barcelona und Toni bleibt in Berlin und hat Liebeskummer.

Wer Liebeskummer hat, findet Tonis Kumpel Meta, der gehört nach Mallorca. Der soll nicht im tristen Berlin vor sich hin trauern, und sich lieber am Meer sonnen. Deswegen fliegt Toni nach Mallorca, hängt mit Meta und Ronny in einer Finca rum, springt mit spanischen Mädchen von der Klippe ins Meer und wird auf eine Party in der Nachbarvilla eingeladen, wo er sich im Rausch spontan in eine Statue verliebt und mit ihr zusammen umkippt. Die Statue zerbricht, die mafiösen Söhne des Villabesitzers sind wenig erfreut, Meta gibt Toni als Bildhauer aus und Toni wird mit einem Zettel, auf denen die Maße der Statue stehen, zurück nach Berlin geschickt.

Das alles passiert auf den ersten vierzig Seiten von „Alles wird gut und zwar morgen!“ von Toni Mahoni und in diesem Tempo geht es weiter. Er trifft Moni, die ihn wiederum mit Vlad bekannt macht, der tatsächlich Bildhauer ist, aber vor Arbeitsbeginn erstmal ein paar Aufträge hat. Also fährt Toni nach Polen, um Wodka zu besorgen und nach Frankreich, um Bressehühner aufzutreiben, lebend wohlgemerkt. Währenddessen sucht Peggy in Barcelona nach Informationen über die Statue und kommt dabei einem Kunstskandal auf die Spur, die Mafiosibrüder halten Meta und Ronny auf Mallorca als Geiseln und Toni lernt Katja kennen.

Im Auto atmete ich auf. Die Dinge waren auf den Weg gebracht. Was hatte ich eigentlich früher getan, als ich noch nicht Figuren der größten Bildhauer der Geschichte fälschen ließ, um meine Haut zu retten? Hatte ich nicht auch mal Musik gemacht? Wo war eigentlich meine Band? Wo waren die Partys und die Fressgelage mit mehreren Gängen und die Feste mit Tanz und fröhlichem Ringelpiez? Und wo zur Hölle war vor allem Peggy? Was war denn so schlecht an meinem Bauch? Wo war überhaupt mein Bauch?

„Alles wird gut und zwar morgen!“ ist ein wunderbar federleichtes Buch ohne dabei seicht zu sein. Wie sich Toni von einer scheinbar unlösbaren Aufgabe zur nächsten manövriert und dabei stets kurz vorm Resignieren eben doch nicht aufgibt, ist so schön liebevoll, einfach und unkitschig erzählt, dass man dieses Buch von vorne bis hinten schon alleine deswegen liebhaben muss. Dazu kommen die skurrilen Charaktere, und die Geschichte, die sich stets einen Hauch zu weit von der Realität bewegt, aber eben nur so weit, dass man immer wieder denkt: „Aber es könnte so passieren.“

Ein Sommerbuch, aber vielleicht auch ein Buch für alle Tage, an denen man denkt, es wäre alles ein bisschen zu viel. Denn wenn wir ehrlich sind: Wenn ein Toni Mahoni eine Statue fälschen kann, dann schaffen wir das auch mit der Steuererklärung.

Alles wird gut und zwar morgen! von Toni Mahoni ist 2014 im Galiani Verlag erschienen, hat 320 Seiten und kostet als broschierte Ausgabe 14,99 Euro. Man kann es auf Amazon [Werbelink] kaufen, bei der Buchhandlung Proust in Essen und bei jedem anderen Buchhandel.

Das Buch auf der Verlagsseite

Toni Mahoni in der deutschen Wikipedia

Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Das hat keinen Einfluss auf meine Rezension.

Gelesen: China 151 von Françoise Hauser und Volker Häring

BuchcoverEigentlich habe ich mit China nicht viel zu tun. Ich war einmal für zwei Tage in Hong Kong und bin seitdem von dieser Stadt und möchte unbedingt noch mal hin. Außerdem hatte ich in der elften Klasse ein halbes Jahr Chinesischunterricht, bis mir und meiner Freundin bewusst wurde, dass wir hier gerade Hochchinesisch lernten, was uns – zumindest, was das Sprechen und Verstehen angeht – sollten wir je nach China kommen, ungefähr überhaupt nicht weiterhelfen würde. Ein bisschen Faulheit wird bei der Entscheidung, den Kurs abzuwählen, wohl aber auch eine Rolle gespielt haben. Trotzdem wurden wir ungläubig angesehen, weil wir anscheinend als einzige im Kurs nicht das geringste Problem damit gehabt hatten, Schriftzeichen auswendig zu lernen.

Nach einem etwas längeren, aber ebenso wenig erfolgreichen VHS-Kurs in Japanisch weiß ich jetzt jedenfalls den wesentlichen Unterschied zwischen Japanisch und Chinesisch. Chinesisch hat quasi keine Grammatik, dafür scheitert man als Europäer an der Aussprache (ich sag nur „Tonhöhen“). Japanisch dagegen kann man als Europäer super aussprechen, aber die Grammatik ist ein kleines wehrhaftes Arschloch.

So einfach die Grammatik im Chinesischen ist (aus einem Satz macht man eine Frage, indem man ein „ma“ hintendran hängt), so komplex ist der Rest von China. Und das lässt sich in 151 kleinen Häppchen in dem Buch „China 151 – Das riesige Reich der Mitte in 151 Momentaufnahmen“ nachlesen. Hier wird alles oder zumindest fast alles abgearbeitet, was einem bei einer Chinareise seltsam vorkommen könnte. Denn es wird einem viel seltsam vorkommen. In Hong Kong hatte ich tatsächlich meinen ersten richtigen Kulturschock. (Vermutlich hätte ich schon in Vietnam einen gehabt, aber da waren wir geschäftlich und in Hotels und Konferenzzimmern lässt es sich nur bedingt kulturschocken.) Und Hong Kong ist meines Wissens „China light“, the best of China mit einem beruhigenden westlichen Einfluss.

151 Momentaufnahmen also, angefangen vom eher problematischen Umgang der Chinesen mit Afrikanern, der Möglichkeit, seine Ahnen auch online zu verehren oder dem Hang, alles abzureißen und neu aufzubauen („Chai“) über diverse aus unterschiedlichen Gründen zu verehrende Götter, Karaoke, Lotusblumen und Pekingoper bis zum chinesischen Zirkus und dem letzten Kapitel „Zu viele Menschen“. Die Texte sind kurz und können so leider das Thema immer nur anreißen. Eine Seite Text, ein Bild dazu, das muss reichen. Wer mehr wissen will, weiß aber jetzt immerhin, wonach er suchen muss und gewinnt so auf den knapp 300 Seiten zwar einen etwas oberflächlichen Überblick über dieses seltsame Land und seine Menschen, hat dafür aber überall mal reingeschnuppert. Das ist schön für zwischendurch, man muss es nicht am Stück lesen, sondern kann eine zufällige Seite aufschlagen und einfach mal lesen. Andererseits stellt sich so eben auch der „Na komm, eins noch“-Effekt ein und dann hat man auf einmal doch das ganze Buch durchgelesen und ist doch ein bisschen schlauer als vorher.

„China 151″ ist ein Rundumschlag, der kaum einen Aspekt auslässt, China gleichzeitig kritisch und liebevoll betrachtet und den unbedarften Leser damit zumindest einen Hauch näher an dieses fremde Land heranführt. Nach der Lektüre möchte ich jedenfalls ein bisschen dringender noch mal nach Hong Kong. Und den Rest von China müsste man sich dann vielleicht auch mal angucken, nur um es alles mal selbst zu erleben.

„China 151″ von Françoise Hauser und Volker Häring ist im Conbook Verlag erschienen, hat 288 Seiten und kostet 14,95 Euro. Man bekommt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung stories in Hamburg oder bei jedem anderen Buchhändler.

Mehr zum Buch

Conbook Verlag

(Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies hat keine Auswirkungen auf meine Rezension.)

Übers Einschlafen

Ich habe kein Problem mit dem Einschlafen. Im Gegenteil. Ich habe generell keine Probleme mit dem Schlafen. Ich lausche immer sehr fasziniert den Berichten von Leuten mit Schlaf- und Einschlafproblemen, Leute, die nachts um 3 Uhr aufwachen und nicht mehr schlafen können. Sowas passiert mir nicht. Wenn ich eins richtig gut kann, dann schlafen.

Ich kann auch super einschlafen. Meine erste Messung diesbezüglich stellte ich mit Hilfe der Drei Fragezeichen an. Wenn ich alleine einschlafe, höre ich nämlich Hörspiele zum Einschlafen und am nächsten Tag wusste ich nie mehr als das, was in den ersten fünf Minuten passierte. Das konnte ich dann später mit so einem Schlafmessarmband bestätigen. Ich schlafe immer sehr schnell ein und dann schlafe ich durch bis zum nächsten Morgen. Ich bin auch schon auf Hochzeiten und Partys eingeschlafen und zwar nicht in einem Nebenraum, sondern genau da, wo die Hochzeit oder die Party gerade statt fand.  Es schläft sich zwar nicht ganz so bequem auf Hochzeiten, weil es meistens laut ist und man ja kein Bett hat, sondern nur irgendwelche Bänke oder zusammengeschobene Stühle, aber es geht.

Üblicherweise lese ich vor dem Einschlafen. Das ging früher auch besser, mittlerweile bin ich anscheinend alt und werde sehr schnell müde. Wenn ich müde werde, dann lese ich Sätze drei Mal, weil ich zwischendurch immer die Augen zumache und dann nicht mehr weiß, wo ich gerade war. Außerdem dringen die Sätze nicht mehr komplett bis zum Gehirn durch. Das sind alles Beobachtungen, die ich vermutlich mit vielen Leuten teile, die abends im Bett noch lesen.

In der letzten Zeit ist aber ein neues Feature hinzugekommen. Wenn ich müde werde, lese ich irgendwann Sachen, die gar nicht im Buch stehen. Mein Gehirn scheint schon im Traummodus zu sein und erfindet dann einfach Sachen. Irgendwann merke ich dann, dass das, was ich in den letzten Minuten gelesen habe, wirklich im Gesamtzusammenhang des Buches überhaupt keinen Sinn mehr ergibt. Es tauchen neue Figuren auf, die wirre Dinge tun. Ich habe leider kein konkretes Beispiel, aber ich werde beim nächsten Mal besser aufpassen.

Wenn jedenfalls auf einmal die Geschichte unerwartet sehr abstrus wird, weiß ich, dass ich eigentlich schon zu müde bin, um noch weiterlesen zu können. Dann schalte ich das Lesegerät aus, klappe die Hülle zu, mache das Licht aus und schlafe ein. Denn wenn ich eins gut kann, dann ist das Schlafen.

Was sonst noch geschah (News from the Techniktagebuch)

In der letzten Zeit hatte ich erst Rücken, dann tödlichen Männerschnupfen, dann 24-Stunden-Magen-Darm, dann nochmal tödlichen Männerschnupfen. Dazwischen war ich auf der Arbeit. Wenn ich nicht auf der Arbeit war, lag ich auf dem Sofa und wollte auch nicht großartig irgendwo anders hin oder irgendwas anderes tun.

Falls ich also in der letzten Zeit eher mittelmäßig aufmerksam war, dann ist die Erklärung für diese Nachlässigkeit da oben in dem Absatz zu finden. Ich habe niemandem auf Facebook zum Geburtstag gratuliert, ich habe sehr vielen Menschen gar nicht oder mit sehr viel Verspätung auf irgendwelche Nachrichten geantwortet und ich habe auch anderweitig eher sporadisch und zufällig am digitalen Leben teilgenommen. Wie ich einer Freundin mitteilte: It’s not you, it’s me.

Tatsächlich gibt es aber auch anderweitige Neuigkeiten, zu denen ich auch nur sporadisch und zufällig etwas Produktives beigetragen habe, die aber deswegen nicht minder toll sind.

Techniktagebuch

Zum Beispiel feierte das Techniktagebuch seinen ersten Geburtstag. Als Geschenk für alle gibt es jetzt das Techniktagebuch als eBook, von Kathrin Passig liebevoll zusammenmontiert, während wir anderen staunend daneben standen, entweder bei großartigen sobooks oder bei Amazon [Werbelink]. Bei sobooks kann man sich entweder die komplette Version mit gefühlt lediglich mehreren tausend Seiten herunterladen oder beherzt zur kostenpflichtigen Variante greifen und uns Techniktagebuchautoren unendlich reich machen. Die kostenpflichtige Variante hat einen USP, der völlig neuartig und total überzeugend ist: Sie hat weniger Inhalt als die kostenlose Version. Es handelt sich um das Best Of aus einem Jahr Techniktagebuch, in mühseliger Handarbeit kuratiert vom Autorenkollektiv.

Oder, wie Kathrin Passig hier erklärt: Wer mehr bezahlt, bekommt also weniger Text, dafür mehr Lebenszeit geschenkt. Wer jetzt nicht zuschlägt, dem kann ich auch nicht helfen.

Bitte malt mir kein Schaf!

Ich habe in der letzten Zeit drei Mal über „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry [Werbelink] nachgedacht. Einmal, weil Frau Herzbruch über einen katastrophalen Theaterbesuch schrieb, dann weil in der FAZ ein Artikel über die anstehenden Neuübersetzungen des Buches stand (das Buch ist nämlich bald gemeinfrei) und dann weil es im Techniktagebuchredaktionschat heiß her ging und wir über witzige und weniger witzige Tweets diskutierten und dabei auch in Ecken gerieten, bei der der Vergleich mit Zitaten aus dem kleinen Prinzen sehr nahe lag.

Es ist eben schon schlimm mit diesem Buch, dass so sehr zum Sinnbild esoterisch-philosophisch verklärter Menschen geworden ist, dass man es als normal halbwegs rational-aufgeklärter Mensch eigentlich schon aus Prinzip doof finden muss.

Mein Problem ist nur: Ich finde „Der kleine Prinz“ nicht doof. Im Gegenteil: Ich mag das Buch. Ich finde die Zeichnungen sehr hübsch, die Geschichten originell. Ich finde auch gut, dass das Buch so kurz ist, es gibt so viele lange Bücher, dass man froh sein sollte, dass es Bücher gibt, in denen der Autor auch mal einfach nicht alles im Detail erzählen musste. Das ist alles lobenswert. Schon der Einstieg mit dem Bild von der Schlange und dem Elefanten, ich finde das hat was. Dann die ganzen Planeten mit den seltsamen bekloppten Menschen, das sind doch gute Ideen und in der Kürze überzeugend ausgeführt und passend bebildert. Ich erzähle das jetzt alles aus der Erinnerung. Irgendwann kommt noch das mit dem Fuchs in der Wüste (ich mag Füchse!) und der Schlange und irgendwann soll irgendwer irgendwem ein Schaf malen, aber egal. Das ist ja keine Buchbesprechung hier. In unserem Haushalt befinden sich ziemlich sicher mindestens zwei Ausgaben des kleinen Prinzen, davon einer auf französisch. Ich habe das mehrfach gelesen, das kann man machen, gutes Buch.

Das Problem ist also nicht das Buch, sondern die anderen Menschen, die das Buch gut finden.

Ich stand mal in einem Buchladen und musste da folgenden schlimmen Satz mithören: „Es müsste mehr Bücher wie den kleinen Prinzen geben!“ Nein, hab ich da sofort gedacht, müsste es nicht. Bitte nicht noch mehr Bücher, aus denen man sich hemmungslos immer wieder der selben esoterisch-philosophischer Zitate bedienen kann, um sie in irgendwelche Alben oder auf Karten zu schreiben, und dann Sonnenblumen drumrum zu malen. Da steckt auch überhaupt kein Mehrwert drin, jeder halbwegs Mainstreamliterarisch bewanderte Mensch kennt dieses elende „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, das ist weder überraschend noch originell noch sonst irgendwas positives.

Meine Grundschullehrerin war so ein Mensch. Der kleine Prinz, Mozart und Sonnenblumen. Einmal haben wir zu Sankt Martin Sonnenblumenlaternen gebastelt. Ich mochte meine Grundschullehrerin wie jedes normale Grundschulkind seine Lehrerin mag, aber im Nachhinein muss man vielleicht sagen, dass sie eben auch Unfug gemacht hat. Gesellschaftlich anerkannten Unfug zwar, aber trotzdem Unfug. So eine emotionale Bindung an eine Blumenart kann einfach nicht gut sein.

Wenn ich mich also demnächst wieder abfällig über den kleinen Prinzen äußern sollte, ich meine damit eigentlich gar nicht das Buch, sondern diese bestimmte Geisteshaltung, die ich mit Liebhabern des Buches verbinde und mit der ich so gar nichts anfangen kann. Das Buch ist unschuldig. Das wird nur seit Jahren von der Sonnenblumenliga für ihre obskuren Zwecke missbraucht.

Antoine de Saint-Exupéry hat das alles so bestimmt nicht gewollt.

Tausend Tode schreiben: Bonustrack

Letzten Freitag erschien Version 2 von „Tausend Tode schreiben“, dem wunderbaren Projekt von Christiane Frohmann, über das ich auch schon hier schrieb. Man kann es hier auf minimore kaufen oder bestimmt auch bald auf Amazon (da gibt es bisher nur Version 1, man bekommt dann aber die weiteren Versionen kostenlos).

In der neuen Version gibt es auch einen Text von mir, das freut mich natürlich sehr. Wer es noch nicht getan hat, sollte Tausend Tode schreiben also spätestens jetzt kaufen. Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

Mittlerweile gibt es schon viele Berichte und Interviews mit Christiane Frohmann über ihr Projekt. Dieses Interview hier in den Wired ist zum Beispiel sehr schön.

Und für alle, die meine Geschichte schon gelesen haben, habe ich hier einen Bonustrack. Ein Bonusfoto vielmehr, aber wer wird hier schon kleinlich sein?

Taschenlampe

Über Jim Henson (oder: Betreutes Lesen)

Ich wollte oder sollte vielmehr ja eigentlich über Germknödel aus dem Reiskocher schreiben, aber dafür ist jetzt nicht genug Zeit, das kommt später. Statt dessen saß ich eben in der Küche vor dem Rechner und heulte Rotz und Wasser und das kam so:

Ich habe in den letzten Wochen und Monaten die Biografie von Jim Henson geschrieben von Brian Jay Jones [Werbelink] gelesen. Jim Henson, sollte das jetzt jemand unerwarteterweise nicht wissen, hat ja die Muppets erfunden und die ganzen Figuren in der Sesamstraße und die Fraggles und noch ganz viel anderen Kram, von dem man gar nichts wusste, bis man die Biografie liest und staunt, was ein Mensch in knapp 35 Jahren so alles schaffen kann.

Jim Henson starb 1990, sehr plötzlich im Alter von 53 Jahren. Viel zu früh also. Sehr, sehr viel zu früh. Das wusste ich schon, trotzdem lag ich gestern auf dem Sofa und weinte hemmungslos die letzten zwanzig Seiten lang auf das Buch, weil eben ja doch alles so furchtbar traurig war.

Etwas anderes habe ich aber auch gelernt. Das Internet bietet mittlerweile viele Möglichkeiten zum betreuten Lesen. Man lernt in der Biografie zum Beispiel, dass Jim Henson in seiner Anfangszeit viele Werbefilme gedreht hat, u.a. für den Kaffee von Wilkins. Die Protagonisten waren Wilkins und Wontkins. Wilkins wollte Kaffee trinken, Wontkins nicht und kriegte dementsprechend jedes Mal was auf die Mütze. Das wurde in dem Buch schön beschrieben, aber das reicht natürlich nicht. Netterweise gibt es aber ja jetzt das Internet und da kann man gucken, wie die Werbespots mit Wilkins und Wontkins wirklich aussahen.

Auch unser aller Lieblingspianistenhund Rowlf wurde erstmalig für Werbung für Hundefutter von Purina Dog Chow erdacht und auch das kann man sich prima angucken.

Man kann sich dann noch Folgen der Fraggles auf Englisch oder alternativ Französisch angucken oder den Trailer zu The Dark Crystal oder Labyrinth und überhaupt finde ich dieses vom Internet betreute Lesen so schön, dass ich schon überlege, wie man das auch in Zukunft hilfreich einsetzen und weiterführen kann.

Das Buch endet aber eben leider damit, dass Jim Henson stirbt. Ein paar Tage nach seinem Tod gab es eine Gedenkfeier in New York, bei der gesungen und vorgetragen wurde, es wurden bunte Schmetterlinge verteilt und die Menschen sollten sich über das freuen, was Jim Henson sich in seinem Leben ausgedacht hatte. Bei dieser Gedenkfeier gab es ein Medley der Puppenspieler, die jahrelang mit Jim Henson zusammengearbeitet hatten und auch das kann man auf YouTube angucken. Es ist alles sehr herzergreifend und wunderbar, es wird noch herzergreifender, wenn man weiß, dass diese Leute ein paar Tage vorher völlig unerwartet einen Menschen verloren haben, mit dem sie viel Zeit verbracht haben. Spätestens ab der dreizehnten Minute wird es dann herzzerreißend, aber ich hatte ja schon bei der zweiten Minuten mit Weinen angefangen, insofern machte das dann auch keinen großen Unterschied mehr, was meinen allgemeinen Gemütszustand anging.

Jedenfalls, so war das heute Abend. Und morgen schreibe ich dann über Germknödel. Es muss ja weitergehen. So würde Jim Henson das jedenfalls vermutlich sehen.

Bücher 2014 – Plätze 10 bis 6

Ein Jahr voll mit Büchern, die eigentlich alle ausreichend gut bis richtig gut waren. Darum gibt’s jetzt die erste Hälfte der besten zehn Bücher, komplett mit Werbelink zu Amazon und anderen Erwerbsmöglichkeiten.

10. We Were Liars von E. Lockhart

WeWereLiars

Sehr klassische Young-Adult-Fiction, die ich aber in einem Rutsch durchgelesen habe und dessen Ende mich dann tatsächlich überrascht hat. Aber ich bin auch im Vorhersehen eher schlecht, insofern muss das nichts heißen.

Jeden Sommer verbringt die Familie Sinclair den Sommer auf ihrer Privatinsel, Familienoberhaupt Harris, die drei Töchter und die vielen Enkel, darunter Cadence. Vor zwei Jahren hatte Cadence einen Unfall, erinnert sich aber an nichts. Doch seitdem hat sich sehr viel geändert und Cadence ist auf der Suche nach der Antwort, was damals geschah. Keine hohe Literatur, aber dafür sehr straight und angenehm erzählt.

We Were Liars  gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung ocelot in Berlin und in jedem Buchladen um die Ecke.

9. Tausend Tode schreiben von Christiane Frohmann (Herausgeberin)

1000Tode_Cover-400x600Über Tausend Tode schreiben wurde in meinem Internet schon viel geschrieben, was nicht nur daran liegt, dass viele Leute in diesem meinem Internet an diesem Projekt beteiligt waren, sondern weil es vielleicht auch ein längst überfälliges Buch war. Christiane Frohmann, der man als @fraufrohmann auf Twitter auch sehr gut folgen kann, hat sich nun darum gekümmert, dass es dieses Buch gibt.

Im ersten Band finden sich 135 Texte über den Tod, mal traurig, mal nachdenklich, manachmal sogar witzig, mal abstrakt, mal sehr konkret, manchmal lyrisch, manchmal sehr direkt, immer persönlich.

Ich habe die Texte in wenigen Tage durchgelesen, und habe mich über die vielen Blickwinkel gefreut. Manche Sichtweisen oder Situationen waren mir sehr bekannt, andere eher fremd und genau das macht es so spannend. Das schönste dabei war für mich, dass mich dieses Buch trotz des traurigen Themas nicht runtergezogen, sondern aufgebaut hat. Weil man eben merkt, wie der Tod letztlich doch irgendwie verbindend und beinahe alltäglich ist und man deswegen vielleicht doch weniger darüber schweigen sollte.

Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden übrigens dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet, wer einmal kauft, bekommt die nächsten Versionen kostenlos und in der zweiten Version wird auch ein Text von mir dabei sein.

Tausend Tode  gibt es bei Amazon [Werbelink], bei minimore und in noch vielen anderen E-Book-Shops.

8. Phantasmen von Kai Meyer

Phantasmen

Mit Kai Meyer hatte ich dieses Jahr eine sehr wechselhafte Beziehung. Also nicht mit ihm persönlich, sondern mit seinen Büchern. Die Alchimistin  fand ich recht gut, den zweiten Band vollkommen überfrachtet, Die Seiten der Welt sehr nett, aber auch nicht überragend.

Phantasmen hat mich vor allem wegen der Grundstory fasziniert. Auf einmal tauchen auf der Erde die Toten auf. Niemand weiß warum, aber plötzlich stehen sie da, schemenhaft, schimmernd und schweigend, dort, wo sie gestorben sind und werden täglich mehr. Rain und ihre Schwester Emma sind in Afrika, um ihre verstorbenen Eltern zu finden, als sie beobachten, wie die Toten auf einmal zu einer tödlichen Gefahr werden und befinden sich auf einmal mitten in einer Verschwörung.

Ich habe das Buch als Hörbuch gehört und leider manchmal den Faden verloren, wobei ich da nicht sagen kann, ob es am Buch oder an mir lag. Trotzdem war es von allen Kai-Meyer-Büchern das beste und ungewöhnlichste, das ich dieses Jahr gelesen habe.

Phantasmen gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung proust in Essen und in jedem Buchladen um die Ecke.

7. Incarceron  von Catherine Fisher

IncarceronIncarceron ist das größte Gefängnis der Welt und es lebt. Gebaut, um sämtliche Straftäter einzuschließen, kommt niemand rein oder raus. Seitdem hat sich hier eine Gesellschaft entwickelt, die von Misstrauen und Angst geprägt ist.

Auf der anderen Seite gibt es die Welt draußen, irgendwann in der Zukunft, und doch zurückgeworfen in der Zeit, denn hier herrscht das strenge, selbst auferlegte Protokoll der „era“, ähnlich des viktorianischen Zeitalters. Hier lebt Claudia, Tochter des Hüters von Incarceron, die demnächst mit dem Thronfolger verheiratet werden soll.

Unwillig, sich diesem Schicksal zu ergeben sucht sie nach einem Ausweg und findet nicht nur einen Weg, mit den Insassen von Incarceron zu kommunizieren, sondern auch Finn, der immer noch nach der Antwort auf die Frage sucht, wie er in Incarceron kam.

Im Urlaub habe ich wieder mal reihenweise Bücher konsumiert. Incarceron hat es mir dabei besonders angetan, so ungewöhnlich die Welt, die Catherine Fisher erschafft, so interessant die Charaktere, so düster und erbarmungslos die Geschichte. Direkt die Fortsetzung besorgt und weitergelesen. Sehr schön.

Incarceron gibt es bei Amazon [Werbelink], bei der Buchhandlung Stories in Hamburg und in jedem Buchladen um die Ecke.

6. Little Brother von Cory Doctorow

Little-BrotherEndlich gelesen, diese Buch, das seit dem NSA-Skandal eigentlich wichtiger denn je ist. Die Teenager um den Nachwuchshacker Marcus wollen eigentlich nichts anderes als gelegentlich mal die Schule schwänzen und einem Live-Abenteuerspiel nachgehen wollen.

Doch dann geht eine Bombe hoch und durch eine Verkettung ungünstiger Umstände gehören sie auf einmal zum Kreis der Hauptverdächtigen, werden verschleppt und verhört und dann freigelassen ohne frei zu sein. Ständige Überwachung ist auf der Tagesordnung, ein Zustand, den Marcus nicht ertragen kann und mit den Mitteln eines techaffinen Teenagers zum Gegenangriff übergeht.

Das ist alles so rasant und bedrückend geschrieben, dass man es mit der Angst zu tun bekommt, weil einem im Prinzip auch klar ist, dass es sich hier nicht um eine Zukunftsvision handelt, sondern um etwas, dass heute schon möglich wäre und teilweise sogar einfach schon Realität ist.

Cory Doctorow ist dieses Buch so wichtig, dass er es kostenlos zum Download zur Verfügung stellt, allerdings (meines Wissens) nur auf Englisch. Wer aber möchte, der kann trotzdem spenden, zum Beispiel gibt es eine Liste mit Schulen und Büchereien, die gerne ein Exemplar von Little Brother hätten, und denen man das dann schicken kann. Auch eine schöne Idee.

Little Brother gibt es bei Amazon [Werbelink], gratis zum Download mit Spendenoption und in jedem Buchladen um die Ecke.