Tagebuchbloggen, 16.7.2018

Ich fang mal von hinten an. Ich machte nämlich einen nicht vorhersehbaren Fehler und fragte auf Twitter nach den prägendsten Büchern und/oder Autoren der Kindheit inklusive Angabe ob man aus Ostdeutschland, Westdeutschland oder ganz woanders kommt.

Dieser Tweet hat mittlerweile (Stand 8:16 Uhr am 17.7.2018) 615 Antworten und wurde 194 geteilt. Das ist ein bisschen mehr, als ich erwartet hatte und deswegen saß ich gestern noch sehr lange am Computer und kopierte manuell Tweets in ein Dokument, um die Antworten auch wirklich alle gesichert zu haben, denn Twitter scheint keine Option zu bieten, einfach alle Antworten zu einem Tweet in der richtigen chronologischen Reihenfolge anzuzeigen oder – das wäre natürlich ein Traum – exportieren zu können.

Das Dokument hat jetzt jedenfalls 110 Seiten und der letzte kopierte Tweet ist von 23:06 Uhr oder so.

Ausgang der Frage war übrigens dieser Tweet von Brombeertürkis:

Meine Initialreaktion war ein wütendes #notallwesternchildrensbookauthors, aber dann habe ich Gott sei Dank etwas nachgedacht, eine Buzzfeed-Liste mit Ost-Kinderbüchern durchgescrollt, von dem ich exakt eins kannte, nämlich „Das Schulgespenst“ und das auch nur, weil es verfilmt wurde und dann dachte ich, eventuell ist da was dran.

Es wird etwas dauern, bis ich die Antworten addiert und ausgewertet habe (615 FUCKING REPLYS!), aber ich habe schon mindestens drei Erkenntnisse gesammelt:

  1. Ich kenne fast alle Autoren, die mir von westdeutsch sozialisierten Menschen genannt wurde und fast keine/n spezifisch ostdeutsche/n Autor/in – Verne, May und Konsorten nehme ich hier mal raus.
  2. Überhaupt eine erstaunliche Häufung von Jules Verne von ostdeutsch sozialisierten Menschen, die sich im Westen so nicht wiederfindet.
  3. Wenn jemand Mira Lobe und Christine Nöstlinger nennt, kommt er oder sie aus Österreich.

Es bleibt jedenfalls spannend, es trudeln weiterhin Antworten ein und ich werde auch heute erst mal weiter Tweets kopieren.

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Jetzt aber von vorne. Gestern saß ich im Zug, mir gegenüber eine Frau, die einen Kaffee vom Zugbegleiter kaufen wollte, aber nur einen Fünfzigeuroschein hatte, den der Zugbegleiter aber nicht wechseln konnte, weswegen es dann auch keinen Kaffee gab. Ich zückte also mein Portemonnaie, kaufte den Kaffee und schob ihn der Frau zu, die erst der Ansicht war, das könne sie aber nicht annehmen, sich dann aber von mir überzeugen ließe, dass sie das sehr wohl annehmen könne.

Ein paar Minuten später bekam ich im Gegenzug eine Packung Merci-Schokolade. Das war eigentlich ein ganz schöner Start in den Tag.

Auf ähnlichem Wege habe ich übrigens schon mal ein gelesenes Buch gegen eine Tafel Ritter Sport Vollnuss und eine Briefmarke gegen einen Kalender mit Bibelversen getauscht. Wobei das Gegengeschenk von mir nie intendiert war, aber die Leute scheinen das so zu wollen.

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Eine schöne Frage zum Nachdenken ist übrigens auch diese hier:

Meine Antwort ist: Ich nehme „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und behalte Bill Murray. Im Nachhinein prangere ich sowieso an, dass ausgerechnet Bill Murray noch nie in einem Muppet-Film mitgespielt hat, ich stelle mir das höchst amüsant vor.

Aber die anderen Vorschläge sind auch alle schön, wobei ich bei „Die Brautprinzessin“ natürlich nicht Cary Elwes, sondern Mandy Patinkin behalten würde, ich meine bitte, ich gucke diesen Film zu 90 Prozent wegen Mandy Patinkin.

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Außerdem sehr exzessiv das Album „Love Monster“ von Amy Shark gehört. Dabei kopieren sich Tweets fast von allein*.


* Nein, tun sie nicht.

Tagebuchbloggen, 15.7.2018

Im Moment versuche ich aufzuräumen. Ich habe zu diesem Zweck und weil ich schon so viel davon gehört hatte, das Buch „Magic Cleaning“ von Marie Kondo  [Amazon-Werbelink] gelesen. Aus Geizgründen war ich nicht bereit, den vollen Taschenbuchpreis zu bezahlen, auch gebraucht gab es die Bücher kaum günstiger, dann wurde ich aber komplett zufällig im Mängelexemplar Kasten beim hiesigen Bahnhofskiosk fündig und für 3,50 Euro fand ich’s dann okay.

Das Buch ist problematisch und voller absurder Absätze, wenn man sich aber einmal damit arrangiert hat, dass die Autorin offenbar eine Latte ab hat, geht’s eigentlich und dann ist es ein sehr erfreuliches Buch übers Ausmisten und Aufräumen und Sein-Leben-etwas-besser-organisiert-bekommen. Besonders gefreut habe ich mich über die sehr menschliche Herangehensweise ans Ausmisten und das Zugeständnis, dass Menschen eben ganz irrational an Dingen hängen, und diese Liebe zu Dingen sehr individuell ist und dass es eben nicht darum geht, möglichst wenig zu besitzen oder DIE VERDAMMTEN BÜCHER MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND ANZUORDNEN, WEIL ES HÜBSCHER AUSSIEHT (ALTER FALTER!), sondern eben möglichst nur Dinge, die einen glücklich machen um sich zu haben.

Ich habe mich auf Twitter ein bisschen über das Buch lustig gemacht und möchte deswegen hier noch mal sagen, dass ich die Lektüre ansonsten sehr angenehm fand und viele sinnvolle Ideen mitgenommen habe.

Tatsächlich habe ich bereits den Kleiderschrank ausgemistet und vermutlich grob ein Drittel meiner Klamotten für den nächsten Flohmarkt rausgeschmissen. Der Rest ist jetzt ordentlich gefaltet und übersichtlich in den Schubladen und Fächern und freue ich mich jeden Morgen darüber, dass das Auffinden und Aussuchen jetzt so viel schneller und leichter ist.

Außerdem habe ich das Nachhausekommritual leicht modifiziert und räume jetzt tatsächlich erst mal alles ordentlich weg, schmeiße Kleider nicht mehr einfach aufs Bett, sondern räume sie direkt in den Schrank (oder den Wäschekorb), nehme die Dinge, die ich brauche, direkt aus dem Rucksack und stelle den Rucksack ordentlich weg. Da hat Marie Kondo eben auch recht, das ordentliche Wegpacken kostet mich vermutlich insgesamt keine fünf Minuten, macht aber, dass sich nicht wieder innerhalb kurzer Zeit Dinge an Orten sammeln, wo sie eigentlich gar nicht hingehören.

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Es gab auch noch das WM-Finale, bei dem ich zwei Tore verpasste, nur weil ich mal kurz Duschen war und auch sonst nur so halb aufpasste, das, was ich von dem Spiel sah, war aber doch ganz spannender Fußball. Beim Tippspiel liege ich nach Abschluss jetzt auf einem soliden 50. Platz von insgesamt 58.

Schön fand ich die Siegerehrung, der prasselnde Regen machte es eigentlich noch besser, auch wenn es mir für die Beteiligten etwas leid tat, als Zuschauer verlieh das der ganzen Zeremonie etwas Besonderes. Männer in völlig durchnässten Hemden, die kroatische Präsidentin, die sich nasse Haarsträhnen aus dem Gesicht strich und mit dem vielleicht gewinnendsten Lächeln  aller Zeiten alle Fußballer und Trainer anstrahlte. Zum Schluss die französischen Spieler, die mit Goldpapier beklebt und breitem Grinsen über den Rasen rutschten und den Pokal abknutschten, eventuell traten mir da doch ein bisschen die Tränen, ich bin doch auch nur ein Mensch.

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Haus des Geldes auf Netflix zu Ende geguckt und für sehr gut befunden. mein Narcos-Spanisch wurde noch mal erweitert, ich kann jetzt mehr Allgemeinplätze und mehr Flüche, das ist doch was. Falls hier noch jemand unsicher war, ob der Hype berechtigt ist, ja ja, das ist eine gute Serie, das kann man gut gucken.

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Abends beim Thai die Suppe des Todes aka Tom Yam Gai gegessen. Beim ersten Mal lief mir nach drei Löffeln ausgiebig die Nase, seitdem arbeite ich hart daran, Schärfetoleranz aufzubauen und muss schon viel weniger weinen und schniefen.

Aktuell gibt es bei uns mehrere Baustellen, direkt bei uns vor dem Haus wird irgendwas an irgendwelchen Rohren gewerkelt, mehr wissen wir auch nicht. Letztlich hält sich mein Interesse auch in Grenzen, aber es wäre als Anwohner ganz nett gewesen, im Vorfeld zu wissen, dass Arbeiten durchgeführt werden und nicht erst davon zu erfahren, wenn ein großes Loch im Boden ist und aus dem Wasserhahn braune Brühe kommt. Jetzt ist unsere Straße auch überschaubar, eine Postwurfsendung oder ein Zettel an der Haustür hätte ausgereicht. An der Hauptstraße wird auch irgendwas gemacht, deswegen fahren die Straßenbahnen nur noch bis zu meiner Haltestelle und drehen dann wieder um, was bedeutet, dass jetzt von morgens bis abends ein armer Mensch an der Haltestelle steht und bei jeder Bahn die Weiche manuell umstellen muss. Falls man also bequem im Bürostuhl sitzend etwas Erdung braucht, dieser Tage steht in Essen ein Mensch an einer Haltestelle und macht nichts anderes als alle zehn Minuten die Weichen umstellen. Die Chance, dass die eigene Arbeit spannender ist, ist groß.

Gelesen: Serverland von Josefine Rieks

 

Das Internet wurde schon vor Jahren abgeschaltet, die Rechner der Vergangenheit sind nur noch Elektroschrott. Verschickt wird wieder mit der Post, dort arbeitet auch Reiner, der in seiner Freizeit alte Laptops sammelt und sich wie ein Archäologe durch Daten und alte Computerspiele gräbt. Dann zeigt ihm ein alter Schulkamerad eine alte Serverhalle und Reiner wird unabsichtlich zum Mitbegründer einer Jugendbewegung, die in den Datensümpfen der Vergangenheit graben und in zufälligen YouTube-Videos nach Antworten suchen.

Ein Welt ohne Internet, das ist die Basisprämisse von Josefine Rieks Serverland [Amazon-Werbelink], wie würde das aussehen? Eine richtige Antwort liefert sie leider nicht, dafür weiß das Buch zu wenig, wo es eigentlich hin will. Es gibt keine Antwort darauf, warum das Internet abgeschaltet wurde, es bleibt unklar, warum mit dem Abschalten des Internets auch automatisch alle Computer und Elektronikgeräte wertlos wurden. Die Einblicke in den internetlosen Alltag sind zu kurz und kratzen nur an der Oberfläche, so dass man kaum einen Unterschied zu unserer Gegenwart merkt, als wäre das Abschalten des Internets in letzter Konsequenz eben doch einigermaßen folgenlos. Man kann hier nur eine Menge nicht ausgeschöpftes Potential vermuten. Zwischendrin wird Internationalität gespielt, indem Personen immer wieder ganze Dialoge auf Englisch führen. Man hätte auch einfach „sagte X auf Englisch“ schreiben können, dann hätten sich erstens keine schlimmen Fehler eingeschlichen und zweitens wäre dann auch das komplette Buch Leuten zugänglich, die nicht selbstverständlich mindestens eine Fremdsprache sprechen.

Doch das Buch macht auch vieles richtig, es hat zum Beispiel eben genau die oben erwähnte super Prämisse und schafft es auch, den Leser zum Nachdenken zu bringen. Was sagen all diese Daten, die wir jeden Tag im Internet abladen und konsumieren über uns aus? Was bedeutet es, wenn auf YouTube ein Musikvideo von Robbie Williams gleichwertig neben einer Rede von Steve Jobs auf einer Abschlussfeier, einem Privatvideo von einem Zoobesuch und den Liveaufnahmen von 9/11 steht? Was machen wir aus der Möglichkeit alles jederzeit mit der ganzen Welt zu teilen und was für ein Verlust wäre es, wenn wir das auf einmal nicht mehr tun könnte.

Auch für Atmosphäre hat Josefine Rieks ein Händchen, so schafft sie ein Bild einer spontan entstandenen Gemeinschaft, die gleichzeitig höchst enthusiastisch und schwerst gelangweilt ist. Jugend eben, wie heute, wie gestern, wie vor zwanzig oder vierzig Jahren. Genau hier hat der Roman seine schönsten Stellen, ist angenehm zeitlos, es spielt keine Rolle, wie alt man ist, die Wahrscheinlichkeit, sich hier irgendwo wiederzufinden, zwischen Lagerfeuer und Datenserver, ist groß.

Positiv überrascht hat auch der realistische Umgang mit Technik, der sich so wunderbar langweilig und unspektakulär liest, als würde man tatsächlich neben einem Computernerd sitzen, der sich durch die Einstellungen seines Rechners klickt und unverständliche Kommandozeilenbefehle absetzt. An diesen Stellen hat Rieks mein ganzes Informatikerherz kurz mit Liebe erfüllt.

Ich wählte die Unterkategorie Über diesen Mac, dann Systembericht und sah unter der Kategorie Stromversorgung bei Informationen zum Batteriezustand die Anzahl der Ladezyklen. Der Akku war erst 427 Mal geladen worden. Das entsprach dem „Zusand gut“. Das war mehr als gut. Jeden anderen Akku, egal, DELL, Samsung, Lenovo, HP, hätte man nach dieser Zeit einfach vergessen können. Ich schätzte die verbliebene Akkuleistung des Macs immer noch auf realistische vier Stunden.

Am Ende bleibt ein Buch, dass hinter seinen Möglichkeiten zurück bleibt, woran es scheitert, ist schwer zu sagen. Ich habe kein Problem mit Büchern, die nicht alle Fragen beantworten, bei Serverland aber bleiben zu viele Dinge ungeklärt und ich prophezeie, dass ich nicht die einzige Leserin sein werde, die von den Versprechen des Klappentextes enttäuscht wird. Wie eine Welt ohne Internet aussähe, weiß man nach der Lektüre jedenfalls immer noch nicht, dafür wird man sich aber zumindest beim nächsten Assoziationsvideomarathon durch YouTube das ein oder andere Mal fragen, was man hier eigentlich tut.

Das Buch auf der Verlagsseite

Die Autorin auf der Verlagsseite

Serverland von Josefine Rieks, erschienen 2018 im Hanser Verlag [Amazon-Werbelink]

 

Gelesen im Januar 2018, ein Schnelldurchlauf

Zu viel gelesen, zu wenig Zeit, darüber zu schreiben, also gibt es die Lektüreverarbeitung des Januars eben im Schnelldurchlauf.

    

Sehr gefreut über Rattatatam, mein Herz von Franziska Seyboldt (@mareiwilltanzen), die in diesem autobiographischen Roman von ihrer Angststörung erzählt, die sie schon ihr ganzes Leben wie eine treue, aber sehr nervige Freundin begleitet und der sie sich erst richtig entgegenstellen kann, als sie beschließt, sie nicht mehr zu verleugnen. Ein sehr persönliches Buch, das mit erstaunlich viel Humor an die Sache herangeht. Leider bleibt das Thema Angststörung dabei für Nichtbetroffene immer noch zu schwer fassbar und verschwindet ein bisschen im Metaphorischen.

Der Tag, an dem Hope verschwand von Claire North habe ich als Hörbuch gehört. Das Genre lässt sich kaum feststellen, Drama, Thriller, Fantasy, Science Fiction? Niemand erinnert sich an Hope, sobald sie aus dem Blickfeld verschwindet. Dieses merkwürdige Phänomen ermöglicht ihr zwar ein Leben als Diebin, macht sie aber auch zum einsamsten Menschen der Welt. Dann stirbt Reina, der einzige Mensche, mit dem sie eine Art Freundschaft verbindet. Hope glaubt nicht an Selbstmord und macht sich auf die Suche nach Antworten. Man muss sich erst ein bisschen an die Prämisse des Buchs und den damit verbundenen Schwierigkeiten, die Hopes Leben bestimmen, gewöhnen, dann ist das aber eine wirklich exquisite, vielschichtige und ungewöhnliche Geschichte.

Außerdem Frankenstein von Mary Shelley gelesen. Zum ersten Mal und sehr verwundert gewesen darüber, dass nichts an dem Buch so ist, wie man es sich vorgestellt hat. Das Motiv ist ja bekannt, aber die Umsetzung ist so ganz anders als ich es erwartete. In diesem Sinne ein quasi klassisches Science-Fiction-Buch, in dem es am Ende gar nicht um die technischen Errungenschaften und Möglichkeiten geht, sondern um die moralischen und ethischen Fragen, die sich unmittelbar anschließen.

Ebenfalls als Hörbuch gehört: Ich, Eleanor Oliphant von Gail Honeyman. An diesem Buch scheinen sich die Geister zu scheiden. Ich hörte viel Gutes darüber, im Nachgang aber auch einige kritische Stimmen. Allerdings gehöre ich zu der Fraktion, die dieses Buch, in dem eine soziale Außenseiterin sich mehr oder weniger unfreiwillig ins Leben der anderen kämpft, von vorne bis hinten sehr geliebt und innerlich abgefeiert haben. Die Stimme der Erzählerin ist wunderbar, so dass ihre teilweise absurden Weltvorstellungen schnell gar nicht mehr so absurd wirken. Auch die restlichen Charaktere sind in ihrer Unperfektheit liebenswert und nahbar. Eine Geschichte, die mich sehr glücklich gemacht hat.

Und endlich fertig gelesen: Recoding Gender von Janet Abbate. Eine Aufarbeitung der Geschichte der Frauen in der IT in den USA und Großbritannien, von den ersten Programmiererinnen im zweiten Weltkrieg und an den ersten Großrechnern bis in die Gegenwart. Man erfährt viel über die Arbeitsbedingungen und die Einschränkungen und Benachteiligungen, die es Frauen erschwerten, sich in dieser Branche zu entfalten und mithalten zu können. Das Ganze ist sehr dicht, nicht direkt trocken, aber doch mit offensichtlichem wissenschaftlichen Anspruch. Wenn man sich einmal darauf einlässt, wird man aber mit vielen neuen Erkenntnissen belohnt und möchte aber auch gelegentlich irgendwen hauen.

Zitat aus Recoding Gender

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Bücher 2017 – Plätze 5 bis 1

Weiter geht’s mit der ultimativen und höchst subjektiven Bücherhitliste 2017. Zu den Plätzen 10 bis 6 geht es hier.

 

5. Die Stadt der Tausend Treppen von Robert Jackson Bennett

Endlich wieder etwas, dass man dem schönen Genre „politische Fantasy“ zuordnen kann. Als in der Stadt Bulikov, die (eher widerwillig) eine Kolonie des Inselreiches Saypur ist, wird ein saypurischer Wissenschaftler ermordet. Dieser Mord und seine Aufklärung ist vor dem Hintergrund des ohnehin gereizten politischen Klimas eine höchst brisante Geschichte und so wird die junge Diplomatin Shara in die Stadt geschickt, um das ganze genauer unter die Lupe zu nehmen. Allerdings ist Shara gar keine Diplomatin, sondern eine Agentin und man kann sich jetzt vielleicht schon ungefähr vorstellen, dass es sich bei Die Stadt der Tausend Treppen um eine etwas komplexere Geschichte handelt, die eben neben den typischen Fantasyelementen auch reichlich Agentenverschwörungsthrillerkrimizeug enthält. Die Charaktere sind gut gezeichnet und originell. Gerne gelesen und gerade den zweiten Teil als Hörbuch runtergeladen.

Die Stadt der Tausend Treppen von Robert Jackson Bennett [Amazon-Werbelink]

 

4. Die Gestirne von Eleanor Cotton

Ein Buch, an das ich mich lange nicht herangetraut habe, es hat so furchtbar viele Seiten. Tatsächlich geht es auch eher langsam los, was auch daran liegt, dass auf den ersten vierhundert Seiten die Grundlage geschaffen wird für die sich immer dichter zusammenstrickende Geschichte, die sich dem Leser dann auf den folgenden sechshundert Seiten präsentiert.

Hat man sich aber durchgebissen, wird man reichlich belohnt. Es geht um den jungen Walter Moody, der gerade von einem Schiff aus Europa kommt und in der kleinen neuseeländischen Goldgräberstadt Hokitika in einem Hotel in eine Versammlung von zwölf Männern platzt, die das Rätsel, um einen Todesfall, einen vermeintlichen Selbstmord, einen verschwundenen Goldgräber, einen verdächtigen Schiffskapitän und einen Goldschatz lösen wollen. Aus den Geschichten, die jeder der zwölf Männer erzählen kann, ergibt sich nach und nach ein Gesamtbild, aus dem sich die wahre Geschichte herausschält.

Das ist von der Autorin einfach und einfach gesagt irre gut gemacht. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich vermutlich auch eher an den dicken Wälzer getraut.

Die Gestirne von Eleanor Cotton [Amazon-Werbelink]

 

3. Rotherweird von Andrew Caldecott

Auch an diesem Buch habe ich etwas länger rumgekaut, während ich bei Die Gestirne aber einfach lange gebraucht habe, um damit anzufangen, habe ich bei Rotherweird  sehr lange gebraucht, um es zu Ende zu lesen.

Das Dorf Rotherweird liegt irgendwo in England und genießt einen Unabhängigkeitsstatus, der aber nur mit der Einschränkung gilt, dass keine lokale Geschichte vor 1800 studiert werden darf. Dafür wird besonderen Wert auf die wissenschaftliche Ausbildung gelegt, das Dorfvolk bleibt unter sich, nur selten dürfen sich Außenseiter niederlassen. Jonah Oblong ist so ein Außenseiter, ein Lehrer, der die kurzfristig freigewordene Stelle des alten Geschichtslehrers übernehmen soll. Zeitgleich macht der geheimnisvolle Sir Veronal Slickstone Furore, der in das lange leerstehende Manor House zieht, zusammen mit seiner Frau (die gar nicht seine ist) und seinem Sohn (der gar nicht seiner ist).

Damit hätten wir nur einen kleinen Teil dieser komplexen Fantasygeschichte angerissen, womit wir auch bei dem kleinen Wermutstropfen werden. Es dauert etwas, bis man sich in Rotherweird eingelesen hat, zu oft wechseln die Figuren und Schauplätze, zu lange weiß man nicht, ob und wie das alles zusammengehört. Steckt man dann aber einmal drin, so entwirren sich die Fäden und fügen sich tatsächlich ziemlich geschickt zu einer wunderbar ausgestalteten und detailreich erzählten Geschichte zusammen. Das Durchhalten hat sich also gelohnt.

Rotherweird von Andrew Caldecott [Amazon-Werbelink]

 

2. Wir Strebermigranten von Emilia Smechowski

Vielleicht das traurigschönste Buch des Jahres. Nicht, weil die Lebensgeschichte von Emilia Smechowski, die mit fünf Jahren von Polen nach Deutschland kommt, im Auto über zwei Grenzen geflohen, von jetzt auf gleich aus dem alten Leben gerissen und in ein neues geworfen. Die Eltern sind fleißig und setzen alles daran, möglichst nicht aufzufallen, sich anzupassen, sie arbeiten sich hoch von der Flüchtlingswohnung zum Eigenheim, die Töchter sollen genauso gut funktionieren.

Aber Emilia funktioniert nicht so, wie ihre Eltern sich das wünschen, sie will Sängerin werden, keine Ärztin, will sich nicht anpassen bis zur Unsichtbarkeit. Dass sie nicht allein ist, merkt Emilia erst später, als sie Menschen trifft, die ihre Geschichte teilen, die ebenso wie sie auf der Suche nach ihrer Identität sind, irgendwo zwischen den polnischen Wurzeln und dem deutschen Alltag. Erst als Emilia sich selber erlaubt, sie selbst zu sein, kann das Verhältnis zu den Eltern wieder gekittet werden.

Emilia Smechowski hat hier ihre eigene Migrantengeschichte aufgeschrieben, so nah und ehrlich, dass man zwischendurch mitverzweifelt und ihr gerne dauernd sagen möchte, dass schon alles irgendwie gut werden wird. Aber Gott sei Dank ist Wir Strebermigranten eben auch ein hoffnungsvolles Buch, dass zwar hauptsächlich von der Vergangenheit erzählt, aber am Ende auch die Zukunft im Blick hat.

Wir Strebermigranten von Emilia Smechowski [Amazon-Werbelink]

 

1. Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky

Im Jahr 2011 stand hier Mariana Lekys Die Herrenausstatterin auf Platz 1. Sechs Jahre später hat sie es wieder geschafft. Dieses Mal mit Was man von hier aus sehen kann. Das Buch punktet nicht nur mit einem Okapi auf dem Cover, sondern auch mit einer Leky-typischen Geschichte.

In einem Dorf mitten im Westerwald lebt Selma, die aussieht wie Rudi Carrell. Immer, wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf und diese Nacht hat Selma von einem Okapi geträumt. So fängt alles an, und Selmas Enkelin Luise erzählt, wie es dann weitergeht. Mit dem Optiker, der in Selma verliebt ist und ihr jahrelang Briefanfänge schreibt. Mit Elsbeth, die für alles ein Wundermittel hat. Mit der traurigen Marlies, die ganz allein in dem Haus wohnt, in dem sich ihre Tante erhängt hat. Mit Luises Vater, der einen Hund anschafft, um seinen Schmerz zu externalisieren. Mit Luises Mutter, die nicht weiß, ob sie ihren Mann verlassen soll. Mit Martin, Luises bestem Freund und seinem Vater, der Jäger und Alkoholiker ist und vor dem Selma die Rehe schützen muss.

Genau wie bei Die Herrenausstatterin lag ich irgendwann Rotz und Wasser heulend im Bett, denn alles an diesem Buch ist schön. Wenn man sich in einem Buch und seinen Figuren verlieren möchte, dann doch bitte in diesem hier.

Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky [Amazon-Werbelink]

Bücher 2017 – Plätze 10 bis 6

10. Jürgen von Heinz Strunk

Vielleicht ist Jürgen nicht das beste Buch, das Heinz Strunk bisher geschrieben hat, aber es könnte das schönste sein. Strunk kehrt zu seinem Lieblingsthema zurück, er erzählt von Verlierertypen, die auch nur irgendwie glücklich sein wollen.  In diesem Fall ist es Jürgen, der als Parkhauswächter arbeitet, sich um seine kranke Mutter kümmert. Während er in seinen Tagträumen zum Parkhauswächter in glänzender Rüstung wird und so die Frau seiner Träume kennenlernt, sieht die Realität etwas düsterer aus. Keine Frau weit und breit, nicht beim Speed Dating und auch sonst nirgendwo. Dann lässt er sich von seinem Kumpel Bernd breitschlagen und fährt mit einer dubiosen Firma nach Polen, um dort seine potentielle Frau fürs Leben zu finden.

Das ist alles gleichermaßen rührend wie tieftraurig und genau das hat es mir beim Lesen auch angetan. Besser übrigens noch: Das ganze als Hörbuch, gelesen von Heinz Strunk selber.

Jürgen von Heinz Strunk [Amazon-Werbelink]

 


9. Saturday Night Biber von Anja Rützel

Alles an diesem Buch ist schön. Anja Rützel, eigentlich eher dafür bekannt, schlimmes Fernsehen zu gucken, um dann grandiose Kolumnen darüber zu schreiben, ist ein großer Tierfan. Dabei muss das Tier noch nicht mal besonders niedlich sein, gerade die Außenseiter des Tierreichs haben es ihr angetan. Und so verfällt sie Fauchschaben gleichermaßen wie Turnierkaninchen, Kühe und dem Ameisenbären Ernst-Einar. Sie kuschelt mit Kühen, wird zur Biberberaterin und besucht einen Tierpräparatorenkurs.

Das alles erzählt sie mit so viel Liebe für die Absurditäten und Obskuritäten des Tierfreundlebens, dass man das alles eigentlich auch mal machen möchte. Am Ende klingen sogar Fauchschaben wie eine ganz attraktive Haustieroption, und das muss man erst mal schaffen. Ein Buch, bei dem jeder Satz eine Freude ist und das viel zu schnell vorbei ist.

Saturday Night Biber von Anja Rützel [Amazon-Werbelink]

 

8. The Bone Clocks von David Mitchell

Ein typischer Mitchell eben. Man springt durch die Zeit, sieht die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven und immer ist da ein roter Faden, diese eine Figur, um die sich alles dreht, mit der alles beginnt und alles endet. In diesem Fall ist es Holly Sykes, die im Jahr 1984 als Teenager von zu Hause abhaut und ein paar sonderbare Charaktere trifft. Von dort aus entspinnt sich eine Geschichte um die unsterblichen Horologists und die von ihnen bekämpften Anchorites, die uns bis ins Jahr 2043 führt.

Klingt komisch? Ist es auch. Aber das ist eben David Mitchell, der auch bei diesem Buch keine Gefangenen macht und in einem Rundumschlag ein Kaleidoskop von Schauplätzen, Personen und Geschichten präsentiert, aber eben nie das große Ganze aus den Augen verliert.

The Bone Clocks von David Mitchell [Amazon-Werbelink]

 

7. Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre

Über Panikherz kann ich eigentlich nur lobhudeln. Vollkommen überraschend habe ich dieses Buch von von Stuckrad-Barre von vorne bis hinten geliebt. Er erzählt hier seine eigene Geschichte, von der Kindheit als Pfarrerssohn in der Provinz über die Selbstfindungszeit bis zum Literatur-Pop-Wunderkind und darüber hinaus. Von Stuckrad-Barre lässt nicht viel aus, berichtet von Drogen, Magersucht und Therapien, von seiner Liebe zum Musiker Udo Lindenberg und seiner Freundschaft mit dem Mensch Udo.

Das ganze ist wunderbar ehrlich und wirkt an keiner Stelle aufgesetzt und macht am Ende den Menschen von Stuckrad-Barre mit all seinen Fehlern und nervigen Eigenheiten ganz nahbar. Nachdem ich damals eher verwirrt vor dem großen Popliteraten-Hype stand und nicht verstand, warum das jetzt alle gut fanden, war ich hier sehr begeistert.

Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre [Amazon-Werbelink]

 

6. Der neue Chef von Niklas Luhmann

Tatsächlich habe ich einen nicht unerheblichen Teil dieses kleinen Büchleins auf Autofahrten vorgelesen. Sehr langsam und deutlich und manche Sätze auf Nachfragen meines Mannes noch einmal (und manchmal noch einmal). Auf Zugfahrten fotografierte ich bei der Lektüre die schönsten Sätze, um sie mit der Welt zu teilen.

Luhmann schreibt in diesem Essay über die Probleme, die sich im System eines Betriebs ergeben, wenn ein neuer Chef eingesetzt wird und ist dabei so zeitlos, dass man kaum glauben kann, dass dieser Text aus den 1960er Jahren stammt. Tatsächlich ist Der neue Chef keine einfache Kost, hier ist kein Wort zu viel, jeder Satz sitzt und genau diese Kompaktheit macht es dann auch so herausfordernd, immer muss man mitdenken, weiterdenken, noch-mal-drüber-nachdenken: „Kannst du den Satz bitte noch mal lesen?“

Trotz allem schimmert immer wieder ein feiner subtiler Humor heraus, bei aller Abstraktion ist das Thema so alltäglich, zumindest, wenn man als Angestellter in einer Firma arbeitet oder schon mal gearbeitet hat. Eine große Empfehlung, um sich dem Sozialsystem im Job mal auf eine andere Art zu nähern.

Der neue Chef von Niklas Luhmann [Amazon-Werbelink]

Gelesen: Wir Strebermigranten von Emilia Smechowski

Emilia ist fünf, als ihre Eltern die Koffer für einen Urlaub in Italien packen, sie und ihre kleine Schwester in den Polski Fiat setzen und losfahren. Aber eben nicht nach Italien, sondern nach Deutschland, über die Grenze, erst in die DDR und dann nach West-Berlin. Niemand durfte etwas wissen, im Auto sind Badeanzüge und ein Zelt, das deutsche Wörterbuch haben die Eltern zu Hause vergessen.

In Deutschland angekommen lernen Emilia und ihre Schwester vor allem eins: Nicht auffallen. Und außerdem: Nicht Polnisch sein. So wie die Kinder in der Schule strebsam versuchen, immer die besten zu sein, so werden die Eltern zu Musterdeutschen. Eigenheim, Auto, ein guter Job, drei Kinder. Wenn die Mutter Freunde einlädt, gibt es Tomate mit Mozzarella nach einem Rezept aus der Brigitte, keine Piroggen und keine Żurek. Alles Polnische wird abgestreift, aber weil man eben nicht seine ganze Vergangenheit abstreifen kann, bleibt eine Leere zurück, die auch Emilia spürt. Sie stürzt sich in die Musik, will Sängerin werden, eine Auflehnung gegen die elterlichen Pläne, die Flucht nach vorne in ein eigenes Leben. Bis sie erkennt, dass sie nicht allein ist, dass sie umgeben ist von Menschen mit polnischen Wurzeln, ähnlichen Biographien und auch alle unsichtbar. Strebermigranten, die sich so gut anpassten, dass man sie gar nicht mehr als Migranten wahrnimmt. Erst da macht sich Emilia auf die Suche nach ihrer eigenen polnischen Identität.

Wir Strebermigranten ist ein wunderschönes, aber auch tieftrauriges Buch, denn es handelt von Menschen, die nicht das Glück hatten, einfach sie selbst sein zu dürfen oder es sich selber verboten. Es handelt von verlorener Heimat und dem Gefühl, nie Teil von etwas zu sein. Es handelt von Leuten, die sich so sehr anpassen, dass sie vergessen, wer sie sind und was sie wollen. Es handelt von Eltern und Kindern und Großeltern, vom Wunder des Westens und vom Wunder des Ostens.

Ein Buch, dass ich vielleicht deswegen als so traurig empfand, weil es das Gegenteil von meiner Geschichte ist. Weil ich vermuten muss, dass gar nicht so weit weg von mir genau solche Geschichten stattfanden, ohne dass ich es merkte (das war ja auch genau der Sinn). Weil es tatsächlich ein unsichtbares Stück deutscher Geschichte ist.

Am Ende aber auch ein hoffnungsvolles Buch, weil es auch davon erzählt, wie sich Emilia und die anderen Strebermigranten langsam ihre Identität und damit auch ihre Geschichte zurückerobern.

Nur für den Fall, dass ich das ganze Lob zu subtil verteilt haben sollte, hier also noch mal im Klartext: Lest dieses Buch! Verschenkt dieses Buch! Denn, auch wenn so vieles daran traurig ist, so lässt es einen doch glücklich und satt zurück. Fast so, als hätte man polnische Piroggen im Bauch.

Wir Strebermigranten von Emilia Smechowski [Amazon-Werbelink]

Das Buch auf der Verlagsseite bei Hanser

Emilia Smechowski auf Twitter

 

Gelesen im November 2017

Die Spur der Bücher von Kai Meyer

Mein ambivalentes Verhältnis zu Büchern von Kai Meyer bleibt bestehen. Ich bewundere die Fähigkeit, sich immer wieder neue Welten ausdenken, manche Bücher finde ich mehr, andere weniger fesselnd, aber zumindest greife ich immer wieder zu.

Die Spur der Bücher spielt im gleichen Universum wie Die Seiten der Welt, eine Welt in der Büchern eine Magie innewohnt, die bestimmte Menschen, die sogenannten Bibliomanten, für sich nutzen können. Mercy Amberdale hat die Bibliomantik aufgegeben, seit sie bei einem missglückten Auftrag einen Freund verlor und versucht, ein ruhiges Leben in diesem alternativen viktorianischen England zu führen, umgeben von Büchern. Dann wird ein Buchhändler gefunden, verbrannt inmitten seiner Bücher, ohne dass eines davon zu Schaden kam. Unversehens gerät Mercy in eine Geschichte und muss sich dabei auch den Schatten der Vergangenheit stellen.

Das ist alles Kai-Meyer-typisch gut und detailliert geschrieben, handwerklich gibt es nichts auszusetzen, so richtig mag der Funke bei mir aber nicht überspringen. Ein bisschen zu typisch die Figuren, ein bisschen zu unkonkret das magische System. Kann man machen, muss man aber nicht.

Die Spur der Bücher von Kai Meyer [Amazon-Werbelink]

 

Boy in a White Room von Karl Olsberg

Alter, ist das schlecht. Die Story fängt okay an, wird dann etwas absurd, könnte aber noch halbwegs konsequent und in sich stimmig zu Ende geführt werden, was dann aber nicht passiert. Statt dessen wird immer alles noch absurder und am Ende gab es drei bis fünf Plottwists, die aber alle im Nachhinein die ganze Geschichte vorher komplett unsinnig erscheinen lassen.

Zu allem Überfluss ist das Buch wirklich nicht gut geschrieben, also wirklich ernsthaft nicht gut geschrieben. Figuren sagen schlimme Sachen wie „Wir mussten dich doch von diesem skrupellosen Verbrecher befreien!“ und in den Dialogen werden Information so unsubtil weitergegeben, dass man sich als Leser fragen muss, ob der Autor Angst hatte, dass man die Geschichte nur versteht, WENN MAN WIRKLICH ALLES GANZ DEUTLICH UND MEHRFACH SAGT.

Nicht lesen. Es gibt so viele okaye Jugendbücher mit ähnlicher Thematik, die besser geschrieben sind und bei denen die Handlung nicht von Seite zu Seite absurder wird. Bitte nicht lesen.

Boy in a White Room von Karl Olsberg [Amazon-Werbelink]

 

Rotherweird von Andrew Caldecott

An Rotherweird habe ich lange gesessen und deswegen auch immer wieder ein paar Probleme gehabt, weil ich das Personal nicht hundertprozentig auseinanderhalten konnte.

Das Dorf Rotherweird liegt irgendwo in England und genießt einen Unabhängigkeitsstatus, der aber nur mit der Einschränkung gilt, dass keine lokale Geschichte vor 1800 studiert werden darf. Dafür wird besonderen Wert auf die wissenschaftliche Ausbildung gelegt, das Dorfvolk bleibt unter sich, nur selten dürfen sich Außenseiter niederlassen. Jonah Oblong ist so ein Außenseiter, ein Lehrer, der die kurzfristig freigewordene Stelle des alten Geschichtslehrers übernehmen soll.

Zeitgleich macht der geheimnisvolle Sir Veronal Slickstone Furore, der in das lange leerstehende Manor House zieht, zusammen mit seiner Frau (die gar nicht seine ist) und seinem Sohn (der gar nicht seiner ist).

Damit hätten wir nur zwei kleine Handlungsstränge angerissen, denn es passiert viel in Rotherweird, so viel, dass ich anfangs das Gefühl hatte, ein Flickwerk vor mir zu haben, zu viele Ideen auf einmal, alles ein bisschen zu fransig. Gott sei Dank irrte ich und wurde belohnt, denn im Laufe der Geschichte fügen sich die verschiedenen Puzzlestücke nach und nach zusammen und am Ende ist nichts Flickwerk, sondern eine komplexe, vielschichtige und mit Liebe zum Detail und zur Fantasie ausgearbeitete Geschichte. Sehr lohnenswert, wenn man etwas längeren Atem hat.

Rotherweird von Andrew Caldecott [Amazon-Werbelink]

 

Gather the Daughters von Jennie Melamed

Man könnte Gather the Daughters relativ leicht mit anderen Büchern und Filmen vergleichen, das würde aber wesentliche Teile des Plots schon verraten und deshalb wird darauf an dieser Stelle verzichtet.

Auf einer Insel leben Frauen, Männer und Kinder in einem streng religiösen Regiment. Auf dem Festland, in den wastelands, so erfahren sie von den Wanderern, den Männenr, die die Insel regelmäßig verlassen, herrscht Not und Elend, auf der Insel haben sie Glück.

Doch das Glück lässt sich nicht immer spüren, vor allem nicht, wenn man ein Mädchen ist. Sobald die Mädchen gebärfähig sind, werden sie schnellstens mit einem Mann verkuppelt und hoffentlich bald geschwängert. Dann bleibt nur die Hoffnung, dass das Kind gesund zur Welt kommt und die Frau die Geburt überlebt.

Leise Rebellion kündigt sich an, als ein Mädchen beobachtet, wie die Leiche der schwangeren Amanda aus dem Meer gezogen wird. Auf einmal sind sich die Mädchen nicht mehr sicher, ob alles so ist, wie es ihnen erzählt wird und ob es wirklich keine andere Alternative für sie gibt. Unter der Anführerin Janey, die sich seit Jahren erfolgreich an der Menstruation vorbei hungert, gruppieren sich die Mädchen und lehnen sich gegen die Herrschaft der Alten auf.

Gather the Daughter ist ein krasses Buch, die Welt der Mädchen ist bitter und hoffnungslos. Auch wenn (sexuelle) Gewalt meist nur angedeutet wird, gibt es keine Zweifel darüber, was passiert. Die Geschichte dieses Sommers der Auflehnung wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, doch konsequent nur von den Mädchen. Am Ende bleiben viele Fragen offen, aber dieses Buch wirkt lange nach.

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Das Erdbeben in Chili von Heinrich von Kleist

Das Erdbeben in Chili kam mir in irgendeinem Zusammenhang unter, so dass ich es mir aufs Kindle lud und dann erst mal nicht las. Weil ich aber nicht nur den Papierbücherstapel, sondern auch den elektronischen etwas kleiner lesen möchte, kam jetzt die Kurzgeschichte dran.

Erzählt wird die Geschichte zweier Liebenden, deren Liebe direkt mal ins Desaster führt. Der Verführer wird ins Gefängnis gesperrt, die Verführte erst schwanger und dann zum Tode verurteilt. Am Tag der Urteilsvollstreckung erschüttert ein Erdbeben die Stadt und die beiden können sich retten.

Für ein glückliches Ende reicht es nicht, ich grüble immer noch, in welchem Zusammenhang mir das Buch unterkam, eventuell ging es um Amokläufe, so viel sei schon mal gesagt, damit man das Buch nicht liest, wenn man gerade etwas aufmunternde Lektüre braucht. Ansonsten ist es zwar etwas deprimierend, aber durchaus spannend und ganz abgesehen davon auch nicht allzu lang.

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Gelesen im Oktober 2017

The Strange Case of the Alchemist’s Daughter von Theodora Goss

Ein hübsches Fantasyabenteuer. Nachdem auch ihre Mutter gestorben ist, muss Mary Jekyll, die Tochter von Dr. Jekyll ihr Leben neu organisieren und stößt dabei auf einen Hinweis aus der mysterlösen Vergangenheit ihres Vaters. In einem Heim für gefallene Mädchen findet sie Diana Hyde, die Tochter von Mr. Hyde, dem seltsamen Freund ihres Vaters. Plötzlich steckt sie mittendrin in einer Mordserie in London, hinter der eine Vereinigung steht, die in irgendeiner Verbindung zu ihrem Vater steht.

Theodora Goss greift diverse Themen und Figuren aus klassischen Horror- und Mysterygeschichten auf, man kann also schon versprechen, dass es nicht bei Jekyll, Hyde, Holmes und Watson bleibt. Die Geschichte, die in der ersten Hälfte etwas rummäandert, bevor etwas mehr Schwung in die Sache kommt, wird immer wieder unterbrochen von den Stimmen der Protagonistinnen, die gemeinsam ihre Geschichte aufschreiben und sich dabei nicht immer einig sind. Zusammen ist The Strange Case of the Alchemist’s Daughter zwar keine überragende literarische Überraschung, macht aber dafür beim Lesen großen Spaß und sei daher von Herzen empfohlen.

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Slated von Teri Terry

Zwischendurch habe ich dann zur Abwechslung mal wieder etwas YA-Dystopie gelesen. In Slated (deutsche Übersetzung: Gelöscht) geht es um Kyla, deren Erinnerungen komplett gelöscht wurden. Diese Löschung ist die Strafe für minderjährige Kriminelle, die auf diesem Weg noch eine zweite Chance erhalten sollen. Kyla kommt in eine neue Familie, bekommt eine Schwester, die ebenfalls eine Gelöschte ist und muss sich nun irgendwie in ihrer neuen Welt zurecht finden.

Natürlich ist auch in dieser Geschichte nichts so, wie es scheint, man weiß nicht, wem man trauen kann und wem nicht. Auf der Suche danach, wer sie wirklich ist oder vielmehr war, wird klar, dass sie belogen wurde. Vor allem aber merkt sie, dass sie anders ist, denn nicht alle ihre Erinnerungen sind verloren.

Slated ist ordentliche YA-Science-Fiction, allerdings nicht überdurchschnittlich. Während ich den ersten Band recht schnell und zugegebenermaßen auch gierig ausgelesen habe, verließ mich das Interesse, auch den zweiten und dritten Teil zu lesen dann erstaunlich schnell. Kann man machen, tut nicht weh, unterhält gut, ist aber auch nicht mehr.

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The Murders of Molly Southborne von Tade Thompson

In dieser Novelle geht es um Molly Southborne. Immer, wenn Molly blutet entsteht ein Klon, der ihr früher oder später nach dem Leben trachtet. Mollys Leben ist geprägt von der Angst zu Bluten und der Selbstverständlichkeit, sich selbst immer und immer und immer wieder umzubringen oder vielmehr umbringen zu müssen. Klingt seltsam, funktioniert aber gut und ist eine gelungene und ungewöhnliche Horrorgeschichte, die auch im Gedächtnis haften bleibt.

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Die Weisheit der Bienen von Jack Mingo

Das nächste Bienenbuch. Ich lese jetzt einfach alle Bücher über Bienen. Nach Fiktion und Neurowissenschaften jetzt ein Erfahrungsbericht eines Hobbyimkers über das Leben mit Bienen. Der Amerikaner Jack Mingo kam als junger Lehrer auf die Idee, für die Schule einen Bienenstock anzuschaffen und blieb dann an den Bienen hängen. In Die Weisheit der Bienen erzählt er nun davon, wie es ist Bienen zu haben, was sie einen lehren können und wie man mit ihnen umgeht. Es geht um die Geschichte des Imkerns, um die Praktikalitäten, die Schwierigkeiten und die Freuden.

Das ist alles hübsch geschrieben, bleibt aber, das ahnt man schon, wenn man die Dicke (bzw. Dünne) und die Schriftgröße des Büchleins sieht, sehr an der Oberfläche. Auf der anderen Seite ist Die Weisheit der Bienen damit das perfekte Kontrastprogramm zum umfangreichen, aber dafür etwas sperrigen Die Intelligenz der Bienen.

Jack Mingo gibt sein Wissen in Anekdoten und mit viel Humor weiter, so dass man immer wieder darüber nachdenkt, ob man nicht auch einen Bienenstock… vielleicht, nur einen kleinen…? Die vernünftige Antwort lautet: Nein! Aber man kann bei konkreten Bienenbedürfnissen einfach noch mal durch dieses Buch blättern, das reicht vielleicht auch.

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Der Club von Takis Würger

Nach den vielen Lobeshymnen auf dieses Buch, habe ich Der Club von Takis Würger als Hörbuch gehört. Allerdings konnte mich das Buch nicht so packen, wie ich es gehofft habe. Es geht um den Waisen Hans Stichler, der von seiner unnahbaren Tante nach Cambridge geholt wird, um dort für sie die Geschehnisse im elitären Pitt Club auszuspionieren. Schnell wird klar, dass hier etwas Schreckliches passiert und ehe Hans sich versieht, steckt er schon mitten drin und muss sich entscheiden, wie weit er gehen soll, um die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen.

Ich war, kurz gesagt, etwas enttäuscht. Vielleicht wäre es besser gewesen, hätte ich nicht so hohe Erwartungen an das Buch gehabt. Eventuell funktioniert das Buch als Hörbuch nicht so gut, wobei ich die Umsetzung sehr gelungen fand, insofern zweifle ich, dass es daran lag.

Dabei ist das Buch auch nicht schlecht, nur eben nicht so irre gut, wie ich es mir ob der vielen Empfehlungen vorgestellt hatte. Fürs nächste Mal merken: Auch Bücher, die gefühlt jeder toll findet, am besten komplett ohne Erwartungshaltung lesen. Aber wie soll das gehen?

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He Said/She Said von Erin Kelley

Vor fünfzehn Jahren beobachtete Laura ein großes Verbrechen und beging in einem Moment der Verzweiflung ein kleineres. Seitdem leben sie und ihr Mann versteckt aus Angst vor Beth, der Frau, die sie damals in ihr Leben ließ und die sich als gefährlicher entpuppte, als sie sich vorstellen konnte.

Jetzt ist ihr Mann Kit auf dem Weg in den Norden. Kit jagt Sonnenfinsternissen hinterher, und die nächste findet in einer der einsamsten Gegenden Europas statt. Laura bleibt schwanger zu Hause, während ihre Gedanken nur um Kit, Beth und ihre Vergangenheit kreisen.

He Said/She Said ist zunächst mal ein solider Thriller, der aber von Anfang an eine so düstere Stimmung aufbaut, dass man mit einem nagenden Gefühl des drohenden Unheils kaum mit dem Lesen aufhören kann. Wozu ist Beth fähig? Und was geschah damals überhaupt? Es ist eine Geschichte der kleinen Lügen mit großen Folgen und der Frage, wem man vertrauen kann.

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Der goldene Handschuh von Heinz Strunk

Weiter im Strunkschen Gesamtwerk. Als ich berichtete, dass mir Jürgen von allen bisherigen Strunkbüchern eindeutig am tristestes vorkam, was ja andererseits der Grund dafür war, warum ich es so toll fand, fragte Angela, wie es mir dann wohl erst mit Der goldene Handschuh gehen würde, in dem ja wirklich überhaupt nichts Schönes vorkäme und alles nur schrecklich wäre.

Tatsächlich kommt in diesem Buch überhaupt nichts Schönes vor und alles ist schrecklich. Strunk erzählt die Geschichte des Hamburger Serienmörders Honka, aber vor allem auch die Geschichte des goldenen Handschuhs, einer heruntergekommenen Kneipe, in der sich die Verlierer der Gesellschaft treffen. Der Ton ist hart, drastisch, teilweise eklig und voller Gewalt. Nichts hier ist schön, es geht nicht ums Leben, sondern ums Überleben, den Figuren steckt oft noch der Krieg im Nacken, von allen verlassen wird erniedrigt oder man lässt sich erniedrigen.

Doch die Tristesse in diesem Buch ist eine andere als in Jürgen, denn sie hat so gar nichts mit meiner Lebenswelt zu tun. Das beruhigt auf der anderen Seite, denn so kann man Der goldene Handschuh immerhin noch mit ein bisschen Abstand lesen, während man sich bei Jürgen stets fragen musste, ob die Hauptfigur nicht vielleicht doch einfach im Haus gegenüber wohnen könnte.

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Soloalbum von Benjamin von Stuckrad-Barre

Im Bücherschrank gefunden und gelesen, nachdem ich nach dem großartigen Panikherz doch noch mal wissen wollte, was die damals alle so an den Büchern gefunden haben.

Das Debüt von von Stuckrad-Barre lässt mich aber etwas unterwältigt zurück. Ja, ohne Frage, er kann schreiben und vielleicht muss man das alles aus der Zeit und unter Berücksichtigung seines Alters sehen, aber Herrgott, ist das alles unsympathisch. Der Ich-Erzähler wurde gerade von seiner Freundin verlassen und ergeht sich in Selbstmitleid, wenn er nicht mal wieder davon überzeugt ist, dass er und seine Kumpels die geilsten sind, schon allein, weil sie wissen, welcher Musikgeschmack der richtige ist.

Es wäre einfacher, wenn das Buch eindeutig ironisch wäre, aber ich fürchte, das ist es nicht. Mal abgesehen davon, dass man die ganze Geschichte so ähnlich auch in Panikherz lesen kann, nur eben mit dem nötigen Abstand, den von Stuckrad-Barre vielleicht brauchte, um mit sich selber ins Reine zu kommen.

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Gelesen im September 2017 ( Teil 2)

Und der zweite Teil der Septemberlektüre folgt sofort. Auffällig ist vor allem, dass in der zweiten Septemberhälfte überhaupt keine Bücher aus dem englischsprachigen Raum dabei sind, dafür aber drei von italienischen Autoren und Autorinnen. Es ist tatsächlich reiner Zufall, aber dennoch bemerkenswert.

Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino

Mit diesem Buch hätte ich dann auch alle Urlaubskandidaten 2016 durch, endlich! Wenn ein Reisender in einer Winternacht ist ein bisschen ein literarisches Experiment des Autors Italo Calvino. Der Leser wird durch zehn Romananfänge gejagt, dabei stets unterbrochen, mal, weil ein Fehler im Druck vorliegt, mal, weil die restlichen Seiten des Manuskripts fehlen oder die Übersetzung nicht vollständig ist. Auf der Jagd nach dem Buch, mit dem alles begann, eben dem ominösen Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Calvino, begibt sich der Leser gleichzeitig auf eine Schnitzeljagd, verliebt sich, gerät in eine seltsame Lesegruppe und schließlich auf andere Kontinente, das erwünschte Buch immer karottengleich vor der Nase hängend und doch unerreichbar.

Das ist gelegentlich verwirrend, man muss sich bei diesem Buch darauf einstellen, dass man am laufenden Band getäuscht wird, dass Setting und Personal ein Neues sind, dass die Erzählperspektive wechselt und einem bei der Lektüre ständig neue Überraschungen auflauern. Insofern vielleicht kein Buch für eine schnelle Zwischendurchlektüre, aber abgesehen davon auch humorvoll und originell. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine literarische Weltreise mit viel Witz.

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Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

Muss man zu Ferrantes Meine geniale Freundin überhaupt noch etwas sagen. Ich war von der Berichterstattung gleichermaßen fasziniert wir irritiert, bis zu dem Punkt, dass ich dem Hype nicht erliegen wollte. Dann fand ich das Buch im Bücherschrank und ergriff die Gelegenheit – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ferrante erzählt die Geschichte von Elena und Raffaela, die irgendwo kurz vor Kriegsende am Rand von Neapel geboren werden. Die Familien in diesem Viertel sind Arbeiterfamilien, Geld ist knapp, Bildung wird kein hoher Wert beigemessen. Schnell stellt sich heraus, dass die freche Raffaela – oder Lila, wie Elena sie nennt – hochbegabt ist. Doch während die Einmischung der Lehrerin bei Elenas Eltern fruchtet und die strebsame Schülerin das Gymnasium besuchen darf, muss Lila die Schule früh verlassen.

Im ersten Band der Neapolitanischen Saga begleitet man als Leser die beiden Freundinnen durch Kinder- und Jugendtage, von ersten Ausflügen aus dem Viertel über die erste Verliebtheit bis hin zu den ersten Schritten ins Erwachsensein.

Meine geniale Freundin ist ohne Zweifel sehr gut, fast makellos geschrieben. Von den Figuren über die Stimmung fühlt man sich mitten hineinversetzt ins italienische Treiben mit all seinen Höhenflügen und Tiefpunkten. Klug gemacht ist hier auch der kleine Cliffhanger am Schluss, der noch mal sicherstellt, dass man kaum anders kann, als zum nächsten Band zu greifen, um zu erfahren, wie es mit Lila und Lenù weitergeht.

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QualityLand von Marc-Uwe Kling

Was machte ich mir Sorgen, dass mir das Buch nicht gefallen könnte. Schließlich gehören die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling zu meinen Lieblingsbüchern, und ich habe die Hörbücher schon so oft gehört, dass ich sie teilweise mitsprechen kann. Aber Kling ohne Känguru? Geht das?

Es stellt sich raus: Es geht. Zwar habe ich etwas gebraucht, um in die Geschichte reinzukommen, dann fühlte ich mich aber wieder mittendrin in einer typischen Kling-Welt voller Absurditäten, pop- und hochkultureller Anspielungen und natürlich mit viel Witz.

In Klings neuem Buch geht es um Peter Arbeitsloser, der in QualityLand lebt, denn so hat man das Deutschland der Zukunft kurzerhand umbenannt. In QualityLand erkennt man am Nachnamen der Kinder den Beruf der Eltern, werden die Kaufwünsche der Leute von TheShop per Drohne geliefert, bevor man überhaupt wusste, was man sich wünscht, wird der Partner von QualityPartner ausgesucht und entscheidet das persönliche Level, wie gut (oder eben nicht) man behandelt wird.

In dieser Welt bekommt Peter Arbeitsloser ein Paket geliefert, in dem sich ein Produkt befindet, dass er weder will noch gebrauchen kann. So ein Fehler kommt aber nicht vor, schon weil er nicht vorkommen darf. Bei dem Versuch, das Produkt umzutauschen, gerät Peter immer tiefer rein in eine Welt der Androiden, Geheimnisse und Algorithmen. Unterstützt wird er dabei von der Revolutionärin Kiki, einem seltsamen Guru und einer Horde kaputter Roboter.

QualityLand macht einen irren Spaß und ich wurde – puh, Gott sei Dank – nicht enttäuscht. Als Bonusfeature gibt es zahlreiche Anspielungen auf die Känguruchroniken, und auch dieses Buch, da bin ich sicher, werde ich mehr als einmal lesen und hören.
QualityLand von Marc-Uwe Kling [Amazon-Werbelink]

 

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam von Sophie Divry

Sophie ist arbeitslos. Während ihre Brüder ihr Leben alle irgendwie im Griff haben, fristet sie in Lyon ihr Leben als arbeitslose Journalistin. Die Jobsuche dümpelt vor sich hin, nur die Konversation mit ihrem Leidensgenossen Hector, der ihr von seinen aktuellen amourösen Eroberungen berichtet, heitert sie auf. Doch sonst sieht es eher trist aus, eine einfacher Nachzahlungsforderung der Stadtwerke bringt ihre fragile Finanzplanung durcheinander, ein Espresso im Café wird zum Luxusgut und das Loch im Bauch lässt sie von ihrer kümmerigen Nachbarin stillen.

Das klingt alles nicht nach vergnüglicher Lesekost, ist es aber eben doch. Denn Sophie Divry, die Autorin, lässt ihre Hauptdarstellerin Sophie nie den Kopf in den Sand stecken. Mit Lust am Leben und Schreiben versuchen die beiden, ihre verzweifelte Situation irgendwie in den Griff zu kriegen, auch dann, wenn ihnen eigentlich zum Heulen zumute ist oder gar ein Teufel aus dem Badezimmer kommt, um sie auf seine Seite zu ziehen.

„Als der Teufel aus dem Badezimmer kam“ ist keine 08/15-Geschichte, wer einen Spannungsbogen mit Auflösung sucht, wird enttäuscht. Statt dessen experimentiert Divry in ihrem Buch, da fallen Buchstaben von den Seiten oder werden zwei parallele Handlungsstränge in zwei Spalten nebeneinander gesetzt. Auch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen immer wieder. Wer aber ein ungewöhnliches, kraftvolles Buch sucht mit einer unperfekten Heldin und viel Sprachwitz, dem sei dieses Buch dringend ans Herz gelegt.
Als der Teufel aus dem Badezimmer kam von Sophie Divry [Amazon-Werbelink]

 

Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano

Auch das war ein Bücherschrankfund, der Titel des Buches war mir bekannt, den Inhalt hatte ich weitgehend vergessen und fing einfach an zu lesen.

Es geht um Alice und Matti, die beide seit ihrer Kindheit mit einem Trauma belastet sind. Alice hatte einen Skiunfall, für den sie ihren Vater verantwortlich macht und der sie mit einem lahmen Bein zurückließ. Matti ließ seine behinderte Zwillingsschwester allein in einem Park, Michela verschwand und Matti macht sich seither Vorwürfe. Während Alice sich in eine Magersucht flüchtet, verletzt Matti sich selbst und flüchtet in die Welt der Mathematik. Dann treffen sie sich in der Schule und eine zarte Freundschaft zwischen den beiden Außenseitern.

Auch diesem Buch kann man wenig vorwerfen, es liest sich flüssig, so dass man in kurzer Zeit damit durch ist. Aber: Sowohl Alice als auch Matti bleiben als Hauptpersonen und anvisierte Sympathieträger in ihrem Selbstmitleid unangenehm nervig. Man möchte sie immer und immer wieder ein bisschen schütteln und daran erinnern, dass sie nicht allein auf der Welt sind und sich – verdammt noch mal! – ein bisschen zusammenreißen. Gerade Alices Magersucht wird auf eine Art thematisiert, die mir doch etwas problematisch vorkam.

Auf der anderen Seite: Möglicherweise ist genau das vom Autor intendiert, wer weiß das schon. Man bleibt zurück mit dem unbefriedigten Gefühl, zwei Personen zurückzulassen, die dringend Hilfe bräuchten, sich aber stets weigern werden, welche anzunehmen. Wenigstens sind es da nur erfundene Personen.

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