Gelesen im September 2017 ( Teil 2)

Und der zweite Teil der Septemberlektüre folgt sofort. Auffällig ist vor allem, dass in der zweiten Septemberhälfte überhaupt keine Bücher aus dem englischsprachigen Raum dabei sind, dafür aber drei von italienischen Autoren und Autorinnen. Es ist tatsächlich reiner Zufall, aber dennoch bemerkenswert.

Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino

Mit diesem Buch hätte ich dann auch alle Urlaubskandidaten 2016 durch, endlich! Wenn ein Reisender in einer Winternacht ist ein bisschen ein literarisches Experiment des Autors Italo Calvino. Der Leser wird durch zehn Romananfänge gejagt, dabei stets unterbrochen, mal, weil ein Fehler im Druck vorliegt, mal, weil die restlichen Seiten des Manuskripts fehlen oder die Übersetzung nicht vollständig ist. Auf der Jagd nach dem Buch, mit dem alles begann, eben dem ominösen Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Calvino, begibt sich der Leser gleichzeitig auf eine Schnitzeljagd, verliebt sich, gerät in eine seltsame Lesegruppe und schließlich auf andere Kontinente, das erwünschte Buch immer karottengleich vor der Nase hängend und doch unerreichbar.

Das ist gelegentlich verwirrend, man muss sich bei diesem Buch darauf einstellen, dass man am laufenden Band getäuscht wird, dass Setting und Personal ein Neues sind, dass die Erzählperspektive wechselt und einem bei der Lektüre ständig neue Überraschungen auflauern. Insofern vielleicht kein Buch für eine schnelle Zwischendurchlektüre, aber abgesehen davon auch humorvoll und originell. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine literarische Weltreise mit viel Witz.

Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino [Amazon-Werbelink]

 

Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

Muss man zu Ferrantes Meine geniale Freundin überhaupt noch etwas sagen. Ich war von der Berichterstattung gleichermaßen fasziniert wir irritiert, bis zu dem Punkt, dass ich dem Hype nicht erliegen wollte. Dann fand ich das Buch im Bücherschrank und ergriff die Gelegenheit – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ferrante erzählt die Geschichte von Elena und Raffaela, die irgendwo kurz vor Kriegsende am Rand von Neapel geboren werden. Die Familien in diesem Viertel sind Arbeiterfamilien, Geld ist knapp, Bildung wird kein hoher Wert beigemessen. Schnell stellt sich heraus, dass die freche Raffaela – oder Lila, wie Elena sie nennt – hochbegabt ist. Doch während die Einmischung der Lehrerin bei Elenas Eltern fruchtet und die strebsame Schülerin das Gymnasium besuchen darf, muss Lila die Schule früh verlassen.

Im ersten Band der Neapolitanischen Saga begleitet man als Leser die beiden Freundinnen durch Kinder- und Jugendtage, von ersten Ausflügen aus dem Viertel über die erste Verliebtheit bis hin zu den ersten Schritten ins Erwachsensein.

Meine geniale Freundin ist ohne Zweifel sehr gut, fast makellos geschrieben. Von den Figuren über die Stimmung fühlt man sich mitten hineinversetzt ins italienische Treiben mit all seinen Höhenflügen und Tiefpunkten. Klug gemacht ist hier auch der kleine Cliffhanger am Schluss, der noch mal sicherstellt, dass man kaum anders kann, als zum nächsten Band zu greifen, um zu erfahren, wie es mit Lila und Lenù weitergeht.

Meine geniale Freundin von Elena Ferrante [Amazon-Werbelink]

 

QualityLand von Marc-Uwe Kling

Was machte ich mir Sorgen, dass mir das Buch nicht gefallen könnte. Schließlich gehören die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling zu meinen Lieblingsbüchern, und ich habe die Hörbücher schon so oft gehört, dass ich sie teilweise mitsprechen kann. Aber Kling ohne Känguru? Geht das?

Es stellt sich raus: Es geht. Zwar habe ich etwas gebraucht, um in die Geschichte reinzukommen, dann fühlte ich mich aber wieder mittendrin in einer typischen Kling-Welt voller Absurditäten, pop- und hochkultureller Anspielungen und natürlich mit viel Witz.

In Klings neuem Buch geht es um Peter Arbeitsloser, der in QualityLand lebt, denn so hat man das Deutschland der Zukunft kurzerhand umbenannt. In QualityLand erkennt man am Nachnamen der Kinder den Beruf der Eltern, werden die Kaufwünsche der Leute von TheShop per Drohne geliefert, bevor man überhaupt wusste, was man sich wünscht, wird der Partner von QualityPartner ausgesucht und entscheidet das persönliche Level, wie gut (oder eben nicht) man behandelt wird.

In dieser Welt bekommt Peter Arbeitsloser ein Paket geliefert, in dem sich ein Produkt befindet, dass er weder will noch gebrauchen kann. So ein Fehler kommt aber nicht vor, schon weil er nicht vorkommen darf. Bei dem Versuch, das Produkt umzutauschen, gerät Peter immer tiefer rein in eine Welt der Androiden, Geheimnisse und Algorithmen. Unterstützt wird er dabei von der Revolutionärin Kiki, einem seltsamen Guru und einer Horde kaputter Roboter.

QualityLand macht einen irren Spaß und ich wurde – puh, Gott sei Dank – nicht enttäuscht. Als Bonusfeature gibt es zahlreiche Anspielungen auf die Känguruchroniken, und auch dieses Buch, da bin ich sicher, werde ich mehr als einmal lesen und hören.
QualityLand von Marc-Uwe Kling [Amazon-Werbelink]

 

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam von Sophie Divry

Sophie ist arbeitslos. Während ihre Brüder ihr Leben alle irgendwie im Griff haben, fristet sie in Lyon ihr Leben als arbeitslose Journalistin. Die Jobsuche dümpelt vor sich hin, nur die Konversation mit ihrem Leidensgenossen Hector, der ihr von seinen aktuellen amourösen Eroberungen berichtet, heitert sie auf. Doch sonst sieht es eher trist aus, eine einfacher Nachzahlungsforderung der Stadtwerke bringt ihre fragile Finanzplanung durcheinander, ein Espresso im Café wird zum Luxusgut und das Loch im Bauch lässt sie von ihrer kümmerigen Nachbarin stillen.

Das klingt alles nicht nach vergnüglicher Lesekost, ist es aber eben doch. Denn Sophie Divry, die Autorin, lässt ihre Hauptdarstellerin Sophie nie den Kopf in den Sand stecken. Mit Lust am Leben und Schreiben versuchen die beiden, ihre verzweifelte Situation irgendwie in den Griff zu kriegen, auch dann, wenn ihnen eigentlich zum Heulen zumute ist oder gar ein Teufel aus dem Badezimmer kommt, um sie auf seine Seite zu ziehen.

„Als der Teufel aus dem Badezimmer kam“ ist keine 08/15-Geschichte, wer einen Spannungsbogen mit Auflösung sucht, wird enttäuscht. Statt dessen experimentiert Divry in ihrem Buch, da fallen Buchstaben von den Seiten oder werden zwei parallele Handlungsstränge in zwei Spalten nebeneinander gesetzt. Auch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen immer wieder. Wer aber ein ungewöhnliches, kraftvolles Buch sucht mit einer unperfekten Heldin und viel Sprachwitz, dem sei dieses Buch dringend ans Herz gelegt.
Als der Teufel aus dem Badezimmer kam von Sophie Divry [Amazon-Werbelink]

 

Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano

Auch das war ein Bücherschrankfund, der Titel des Buches war mir bekannt, den Inhalt hatte ich weitgehend vergessen und fing einfach an zu lesen.

Es geht um Alice und Matti, die beide seit ihrer Kindheit mit einem Trauma belastet sind. Alice hatte einen Skiunfall, für den sie ihren Vater verantwortlich macht und der sie mit einem lahmen Bein zurückließ. Matti ließ seine behinderte Zwillingsschwester allein in einem Park, Michela verschwand und Matti macht sich seither Vorwürfe. Während Alice sich in eine Magersucht flüchtet, verletzt Matti sich selbst und flüchtet in die Welt der Mathematik. Dann treffen sie sich in der Schule und eine zarte Freundschaft zwischen den beiden Außenseitern.

Auch diesem Buch kann man wenig vorwerfen, es liest sich flüssig, so dass man in kurzer Zeit damit durch ist. Aber: Sowohl Alice als auch Matti bleiben als Hauptpersonen und anvisierte Sympathieträger in ihrem Selbstmitleid unangenehm nervig. Man möchte sie immer und immer wieder ein bisschen schütteln und daran erinnern, dass sie nicht allein auf der Welt sind und sich – verdammt noch mal! – ein bisschen zusammenreißen. Gerade Alices Magersucht wird auf eine Art thematisiert, die mir doch etwas problematisch vorkam.

Auf der anderen Seite: Möglicherweise ist genau das vom Autor intendiert, wer weiß das schon. Man bleibt zurück mit dem unbefriedigten Gefühl, zwei Personen zurückzulassen, die dringend Hilfe bräuchten, sich aber stets weigern werden, welche anzunehmen. Wenigstens sind es da nur erfundene Personen.

Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano [Amazon-Werbelink]

Gelesen im September 2017 (Teil 1)

Wegen Urlaub ist es wieder viel geworden, so dass ich den September in zwei Teilen Revue passieren lasse.

The Bone Clocks von David Mitchell

Das wollte ich ja eigentlich schon im letzten Urlaub 2016 lesen, bin aber nicht dazu gekommen. Diesmal aber. David Mitchell erzählt die Geschichte von Holly Sykes von den Achtziger Jahren, als Holly als 15-Jährige von zu Hause wegläuft bis in die Zukunft, in der sie… aber nein, das kann man an dieser Stelle nicht verraten.

David Mitchell erzählt in gewohnter Manie aus unterschiedlichen Perspektiven, einmal erzählt Holly selbst, im nächsten Teil ist es dann der Student Hugo Lamb, der in einem Schweizer Ski-Resort auf Holly trifft und sich in sie verliebt. Auch Hollys späterer Ehemann, ein zynischer Autor und eine unsterbliche Ärztin kommen zu Wort und liefern ihren Teil zu dem Puzzle, aus dem sich Hollys leben zusammensetzt und in dem es neben den alltäglichen Problemen auch um den langen Krieg zwischen zwei Gruppen Unsterblicher geht.

Ich habe bisher noch kein schlechtes Buch von Mitchell gelesen und The Bone Clocks reiht sich in die Rangliste aller Mitchell-Bücher ziemlich weit oben ein. Und endlich, endlich kann ich wieder damit angeben, alle Bücher von  David Mitchell gelesen zu haben.

The Bone Clocks von David Mitchell [Amazon-Werbelink]

 

The Mirage von Matt Ruff

Auch das war ein Buch, was ich schon für den letzten Urlaub geplant hatte, aber ach. Immerhin habe ich mich dieses Jahr tapfer an den Stapel Papierbücher gehalten, auf dass er kleiner werde.

In Mirage entwirft Matt Ruff eine Parallelwelt, in der die Vereinigten Arabischen Staaten eine Weltgroßmacht sind, während die USA eine Ansammlung von kleineren christlich-fundamentalistischen Ländern ist. In dieser Welt steuern am 9. November 2001 zwei Flugzeuge in die Türme des Welthandelszentrums von Bagdad. Die Vereinigten Arabischen Staaten sagen dem Terror den Kampf an. Jahre später tauchen mysteriöse Zeitungsartikel auf, in denen von einer Welt die Rede ist, in der die USA eine Weltmacht sind, der Unterweltboss Saddam Hussein ein Diktator und überhaupt alles anders.

Eine kleine Gruppe um den Ermittler Mustafa wird damit betraut, das Rätsel um diese Artefakte zu lösen. Die Reise führt sie bis ins immer noch besetzte Amerika und noch weiter.

Ich liebe Matt Ruff, auch wenn die Qualität seiner Bücher von toll („Set This House in Order“) bis ganz okay („Bad Monkeys“) geht. The MIrage lag irgendwo dazwischen, ich habe etwas gebraucht, bis ich in die Geschichte reinkam, dann ging es aber recht flott. Jetzt fehlt mir nur noch Lovecraft Country, dann habe ich auch endlich wieder alle Matt-Ruff-Bücher gelesen.

The Mirage von Matt Ruff [Amazon-Werbelink]

 

Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam von Vea Kaiser

Und auch dieses Buch war für den letzten Urlaub geplant. In Blasmusikpop erzählt Vea Kaiser die Geschichte des Dorfes St. Peter am Anger, irgendwo mitten in den österreichischen Bergen. Dort lebte der junge Johannes Gerlitzen, der nach einer Bandwurmerkrankung so fasziniert von der Medizin ist, dass er auszieht, um Arzt zu werden. Jahre später kommt er zurück und lässt sich als Dorfarzt wieder in der alten Heimat nieder. Als einziger Studierter eckt er im Dorf an, auch Frau und Tochter werden aus ihm nicht immer schlau. Erst in seinem Enkel findet er einen Verbündeten. Der kleine Johannes will weder in den Fußballclub, noch mit ins Zeltlager, versteckt sich hinter Büchern und weiß nicht, was er mit dem Rest des Dorfes anfangen soll.

Vea Kaiser entwirft ein Mini-Universum, das einen sofort in seinen Bann zieht. Das Personal ist vielfältig, die Geschichte erstreckt sich über drei Generationen und ist mit viel Lokalkolorit und Humor geschrieben (soweit ich das mit dem Lokalkolorit als Nichtösterreicherin beurteilen kann).

Ich habe die knapp 600 Seiten quasi in einem durch gelesen und kam an diesem Tag – oder vielmehr in dieser Nacht – zu sehr später Stunde ins Bett getapert und das auch aus reiner Vernunft, nicht, weil ich nicht noch hätte weiterlesen können und wollen. Blasmusikpop ist eines der Bücher, die ich mir ganz dringend verfilmt wünsche, weil ich glaube, dass sich sowohl das Setting als auch das Buchpersonal sehr gut dafür eignen würde. Kann das mal jemand bitte machen?

Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam von Vea Kaiser [Amazon-Werbelink]

 

Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Prinzessin Dylia kann nicht schlafen. Sie leidet an einer mysteriösen Krankheit, die ihr schlaflose Nacht um schlaflose Nacht beschwert, in der sie durch das Schloss streicht und sich irgendwie die Zeit vertreiben muss. Eines Nachts besucht sie ein Nachtmahr, der alptraumfarbene Havarius Opal. Er eröffnet ihr, dass es nun leider seine Aufgabe sein wird, sie in den Wahnsinn zu treiben, bietet ihr aber immerhin an, eine kleine Reise in ihr Gehirn zu unternehmen.

Endlich ein neues Buch von Moers! Alles andere ist mir eigentlich schon fast egal und ich hatte schon große Überlegungen angestellt, wie ich das Buch auch im Urlaub lesen könnte, wo es doch eigentlich erst zwei Tage nach unserer Abfahrt erscheinen sollte, wurde aber schon vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum fündig (darüber schrieb ich im Techniktagebuch).

Der Anfang las sich etwas schwerfällig, zu gewollt und eigentümlich zusammenhanglos. Ab der ersten Erscheinung des Nachtmahrs nahm die Geschichte aber an Fahrt auf und wurde zunehmend besser. Die Illustrationen sind in diesem Buch nicht von Moers selber, sondern von der jungen Illustratorin Lydia Rode. Auch das ist zunächst ungewohnt, passt aber aus mehreren Gründen, von denen einer erst im Nachwort deutlich wird.

Ich empfehle übrigens, das Nachwort so ungefähr zur Mitte des Buchs zu lesen, allerdings auch nur, weil ich das so gemacht habe, und sich so der ein und andere angenehme Aha-Moment einstellte. Aber es funktioniert vielleicht auch, wenn man es ganz zu Anfang oder eben erst ganz zum Schluss liest. Lesen sollte man es. Und das neue Buch von Walter Moers auch. Sowieso.

Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers [Amazon-Werbelink]

 

Die Gestirne von Eleanor Catton

Neuseeland, Mitte des 19. Jahrhunderts. Der junge Walter Moody kommt gerade vom Schiff aus Europa und platzt in der kleinen Goldgräberstadt Hokitika in einem Hotel in eine Versammlung von zwölf Männern, die das Rätsel, um einen Todesfall, einen vermeintlichen Selbstmord, einen verschwundenen Goldgräber, einen verdächtigen Schiffskapitän und einen Goldschatz lösen wollen. Aus den Geschichten, die jeder der zwölf Männer erzählen kann, ergibt sich nach und nach ein Gesamtbild, aus dem sich die wahre Geschichte herausschält.

Ich habe mich sehr lange nicht an dieses dicke Buch getraut. Sobald man die ersten hundert Seiten geschafft hat und ein bisschen in die verworrene Geschichte hineingekommen ist, möchte man aber gar nicht mehr mit dem Lesen aufhören. Ein großes Buch, das ich sehr geliebt habe. Hier habe ich ausführlicher darüber geschrieben.

Die Gestirne von Eleanor Catton [Amazon-Werbelink]

Gelesen: Die Gestirne von Eleanor Catton

Die Gestirne von Eleanor Catton

An einem Januar im Jahr 1866 trifft der Engländer Walter Moody in der Goldgräberstadt Hokitika in Neuseeland ein, wo er nicht nur seinen Bruder und seinen Vater, sondern auch sein Glück suchen will.

Sein Weg führt ihn ins nächstbeste Hotel, wo er unabsichtlich im Rauchzimmer eine Zusammenkunft von zwölf Männern der Stadt stört. Diese zwölf Männer, so erfährt Moody und damit der Leser nach und nach, sind hier zusammengekommen, um ein Rätsel zu lösen, das mit einem toten Einsiedler, einer opiumsüchtigen Prostituierten, einem verschwundenen Goldgräber, einem gefundenen Goldschatz, einer überraschenden Witwe, einem erpressbaren Politiker und allerlei mehr Seltsamkeiten zu tun hat.

Eines vorweg: Die Gestirne ist ein dickes Buch. Die knapp 1000 Seiten und die damit einhergehende rein physikalische Schwere des Buches waren nicht zuletzt der Grund, warum das Buch monatelang bei mir rumlag und ich mich nicht rantraute. Es musste erst ein Urlaub kommen, in dem ich mir vornahm, wenn ich sonst nichts schaffen würde, dieses Buch würde ich zu Ende lesen.

Tatsächlich ging es dann sehr schnell. Während man sich die ersten 50 Seiten noch in Sprache und Story einlesen muss, nimmt die Geschichte immer mehr an Fahrt auf, und dann ist man plötzlich mitten drin in den Verstrickungen von Hotitika und möchte eigentlich nicht mehr aufhören, bis man endlich weiß, wie alles mit allem zusammenhängt.

Die Zusammenhänge mit den Gestirnen werden zwar durch Titelüberschriften und Grafiken irgendwie verdeutlicht, tatsächlich hing ich aber zu sehr in der Geschichte fest, um mich damit näher zu befassen. So ist das Buch in mehrere Teile eingeteilt, die – genau wie die Kapitel – immer kürzer werden. Auch das trägt zum immer flotteren Lesetempo bei.

Sollte es also Leidensgenossen geben, die zögernd vor diesem Buch stehen und sich fragen, ob sich das Abtauchen in tausend Seiten Neuseeland-Goldgräber-Saga lohnen: Die Antwort lautet „Ja!“ Die Mühe lohnt sich und wird fürstlich belohnt. Mal abgesehen davon, dass Die Gestirne mittlerweile auch als Taschenbuch erschienen sind und das Buch damit zwar immer noch lang, aber wenigstens nicht mehr so schwer ist.

Die Gestirne von Eleanor Catton bei Amazon [Werbelink]

Buch auf der Verlagsseite

Rezension in der Zeit

Gelesen im August 2017

The Unit von Ninni Holmqvist

Im Schweden der Zukunft werden Menschen, die nicht gebraucht werden, in einer Einheit untergebracht, in der sie zwar jeden Komfort genießen, nicht arbeiten müssen und diversen Hobbys nachgehen können, aber auch für medizinische Untersuchungsreihen und Organspenden zur Verfügung stehen. Die Erzählerin des Buches, Dorrit, ist gerade 50 geworden, lebt alleine und muss deshalb Haus und Hund verlassen, um ihre letzten Jahre in solch einer Einheit zu verbringen. Während sich Freunschaften ergeben und Dorrit sich unerwartet verliebt, geht es auch immer wieder darum, ob sie ihr Leben anders hätte leben können. Die noch von ihrer Mutter propagierte und von Dorrit gelebte Unabhängigkeit entpuppt sich nun als verzögertes Todesurteil.

Ich habe das Buch in der englischen Übersetzung gelesen, weil es gerade auf dem englischsprachigen Markt erschienen ist, ohne zu wissen, dass es längst auch auf Deutsch erschienen ist – der deutsche Titel ist „Die Entbehrlichen“. Eine schöne, nachdenkliche, verstörende, aber auch lebensbejahende Dystopie, die viele Fragen aufwirft. Sehr zu empfehlen.

The Unit von Ninni Holmqvist [Amazon-Werbelink]

 

Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag von Katrin Bauerfeind

Im Bücherschrank gefunden und mitgenommen. Katrin Bauerfeind erzählt Geschichten vom Scheitern in allen Lebenslagen. Das ist wie von ihr gewohnt flott und witzig geschrieben, an ein paar Stellen driftete es mir ein bisschen zu sehr in klischeehaftes Frauen/Männer-Dings ab, die Stellen kann man aber noch ganz gut ertragen, weil der Rest ausreichend unterhaltsam und originell ist.

Schön zum Zwischendurchlesen, vermutlich macht das Hörbuch noch mehr Spaß, denn Katrin Bauerfeind zuzuhören ist dann noch mal ein bisschen besser.

Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag von Katrin Bauerfeind [Amazon-Werbelink]

 



Underground Railroad von Colson Whitehead

The Underground Railroad von Colson Whitehead habe ich mit Spannung erwartet, weil ich schon viel – eigentlich nur Gutes – von dem Buch gehört habe.

Erzählt wird die Geschichte von Cora, Sklavin auf einer Baumwollplantage in dritter Generation. Coras Mutter verschwand, als Cora noch ein Kind war, eine der wenigen Sklaven, der die Flucht gelang und die nie wieder gesehen wurde. So muss sich Cora alleine durchschlagen, ohne Rückhalt und Sicherheit, immer in Angst vor der Willkürlichkeit und Grausamkeit ihrer Besitzer und deren Aufseher. Der Gedanke an Flucht kommt ihr gar nicht, so absurd ist die Vorstellung, als Schwarze im amerikanischen Süden so lange durchzuhalten, dass man es bis in den Norden schafft, wo auch Schwarze frei sein können. Doch dann fragt sie Caesar, ob sie mit ihm fliehen will und beim zweiten Mal sagt sie ja. Die Flucht gelingt über die Underground Railroad, einem Fluchnetzwerk, das tatsächlich existierte, in Whiteheads Geschichte aber nicht nur eine Metapher ist, sondern ein unterirdisches Schienennetzwerk.
Und so beginnt Coras Reise durch Amerika, verfolgt vom Sklavenjäger Ridgeway, der nie die Schmach überwunden hat, bei Coras Mutter Mabel versagt zu haben.

Gott sei Dank wurde ich nicht enttäuscht. Einzig der Anteil der fantastischen Elemente hätte nach meinem Geschmack etwas größer sein können. Doch das ist Jammern auf höchstem Niveau, denn die Geschichte von Cora, Caesar, ihren Helfern, Leidensgefährten und Feinden ist packend von Anfang bis Ende. Whitehead ist dabei schonungslos, hier wird nichts beschönigt, der Mensch, so lernt man, ist eben oft nicht gut und das Amerika dieses Zeitalters kein grundweg angenehmer Ort.

Underground Railroad von Colson Whitehead [Amazon-Werbelink]

 

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Maja Lunde erzählt die Geschichte der Arbeiterin Tao, die im China der Zukunft als Bestäuberin arbeitet. Die Bienen sind verschwunden und Obst ist zum Luxusgut geworden. Im Jahr 2007 muss sich der amerikanische Imker George damit auseinandersetzen, dass sein einziger Sohn nicht vorhat, die Imkerfarm zu übernehmen. Und im Jahr 1852 liegt der Wissenschaftler William Savage mit Depressionen im Bett, bis ihn die Idee eines revolutionären Bienenkorbs wieder beflügelt.

Allen Geschichten gemein sind die Bienen und was sie für die Menschen und die Welt bedeuten. Ein schönes Buch, das ich hier ausführlich rezensiert habe.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde [Amazon-Werbelink]

 

Für drei Dollar nach Ansonia von Julie Angell

Im Bücherschrank gefunden und vom Titel her ziemlich sicher gewesen, dass ich dieses Buch irgendwann vor über 20 Jahren mal gelesen habe. Es ist ein schon etwas in die Jahre gekommenes Jugendbuch über eine jüdische Einwanderin im New York des 19. Jahrhunderts. Die junge Rose kommt mit ihren Geschwistern nach Amerika, wo ihr Vater neu heiratet. Die neue Frau ist sichtbar unglücklich mit dem plötzlichen Auftauchen so vieler Stiefkinder und so werden die Kinder bis auf die jüngste Schwester innerhalb der jüdischen Gemeinde verteilt, als Hilfsarbeiter und Haushälterinnen.

Und gerade Rose lässt sich nicht unterkriegen, sei hat ihren eigenen Kopf, will lieber abends nach der Arbeit in der Näherei noch in die Schule gehen, Lesen, Schreiben und vor allem Englisch lernen.

Das Buch ist kurz, einfach geschrieben und mit einer insgesamt recht harmlosen Geschichte. Trotzdem habe ich beim Lesen viel Spaß gehabt, vielleicht gerade wegen der Unaufgeregtheit des Buches.

Für drei Dollar nach Ansonia gibt es nur noch gebraucht oder man wird eben im Bücherschrank fündig.

 

Und es schmilzt von Lize Spit

Eva fährt zum ersten Mal seit Jahren zurück in ihr Dorf. Im Kofferraum liegt ein Eisklotz, der langsam vor sich hin schmilzt, auf dem Dorf erwartet sie eine Gedenkfeier für Jan, den Bruder eines ihrer besten Freunden, der vor vielen Jahren mit 17 durch einen Unfall starb und die Präsentation der neuen Melkmaschinen.

Und es schmilzt ist ein kraftvolles, schonungsloses Buch über das Erwachsenenwerden in einem flämischen Dorf. Eine ausführliche Rezension steht hier.

Und es schmilzt von Lize Spit [Amazon-Werbelink]

 

Der neue Chef von Niklas Luhmann

Mein Wissen über Luhmann ist gefährliches Halbwissen, dass ich hauptsächlich aus den vielen Gesprächen mit meinem Mann erlangt habe, der Luhmann während des Studiums rauf und runter las.

Der neue Chef ist ein Essay von Luhmann aus den frühen Sechziger Jahren, in dem er die Organisation innerhalb einer Firma – mit besonderem Blick auf Verwaltungen – auseinandernimmt, und das vor allem hinsichtlich der Frage, wie Chefs mit ihren Mitarbeitern umgehen, welche Rollen ein Chef innerhalb des sozialen Gefüges einer Organisation spielt, welche Widersprüche sich zwischen diesen Rollen zeigen und wie man damit umgehen kann.

Luhmann schreibt in höchster Weise kompakt. Nie ein Wort oder ein Satz zu viel, alles auf den Punkt, aber trotzdem immer wieder mit einem trockenen Humor, an dem ich viel Spaß habe. Trotzdem kein Buch zum Nebenbei- oder Nur-einmal-Lesen. Da wir aufgrund eines kleinen kommunikatorischen Mangels dieses Buch jetzt zwei Mal zu Hause haben, stelle ich es mir demnächst vielleicht einfach ins Büro und lese in regelmäßigen Abstände daraus vor. Das scheint mir eine gute Idee zu sein.

Der neue Chef von Niklas Luhmann [Amazon-Werbelink]

 

Der Dieb in der Nacht von Katharina Hartwell

Mitten an einem schwülen Sommertag verschwindet Felix kurz nach seinem Abitur. Eigentlich wollte er nur zur Tankstelle gehen, um etwas zu kaufen und dann kehrt er einfach nicht mehr zurück. Zehn Jahre später sitzt sein bester Freund Paul in Prag einem Mann gegenüber, in dem er Felix wiedererkennt. Es sind die Kleinigkeiten, die ihn so sicher machen, dass dieser Fremde, der sich Ira Blixen nennt, als Künstler arbeitet und zugibt, dass er vor fünf Jahren sein Gedächtnis verloren hat, sein Freund Felix ist.

Zurück in Berlin steht Blixen auf einmal in der Tür und Felix Schwester Louise, die zunächst skeptisch ist, fängt ebenfalls an, ihren vermissten Bruder in diesem seltsamen Mann zu sehen. Blixen nistet sich bei Felix ein, verweigert die Konfrontation mit der Vergangenheit, will aber auch nicht gehen. Ein Schwebezustand, der sowohl Paul als auch Louise immer mehr an ihre Grenzen treibt.

Ich habe schon Hartwells Das fremde Meer geliebt, und wurde auch von Der Dieb in der Nacht nicht enttäuscht. Hartwell erzählt zwar langsam, aber umso intensiver. Meine Drei-Wort-Zusammenfassung lautet übrigens: „Gaslighting – das Buch“. Aber mehr wäre auch schon zu viel verraten.

Der Dieb in der Nacht von Katharina Hartwell [Amazon-Werbelink]

 

Herland von Charlotte Perkins

Drei Wissenschaftler auf Expedition hören von einem mysteriösen Land, in dem nur Frauen leben und machen sich auf die Suche. Mit einem Flugzeug landen sie tatsächlich in diesem Land und erleben eine Gesellschaft, in der es keine Männer gibt. Charlotte Perkins Utopie aus dem Jahre 1915 ist hier im Rahmen einer Reihe von SF-Klassikern neu erschienen und steht in der Tradition von Morus Utopia oder Swifts Gulliver’s Reisen. Die Reaktionen der drei Männer reichen von Ablehnung der ungewohnten Lebensverhältnisse bis zu kompletter Integration in diese andere Gesellschaft.

Obwohl das Buch schon über 100 Jahre alt ist, ist der Inhalt nach wie vor aktuell und sehr lesenswert.

Herland von Charlotte Perkins

 

Jürgen von Heinz Strunk

In Jürgen erzählt Strunk mal wieder die Geschichte eines Verlierertyps. Jürgen arbeitet als Parkhauswächter, wohnt zusammen mit seiner kranken Mutter und ist Single. Sein einziger Freund Bernd sitzt im Rollstuhl und ist Dauernörgler.

Während ich auch einige kritische Stimmen zu Strunks neuem Buch gehört habe, fand ich es eines seiner besten. Jürgens Optimismus ist nicht totzukriegen, was einige Szenen noch bitterer macht. Während Heinz Strunk als Jürgens Stimme im Hörbuch mit einem amüsierten Ton von seinen täglichen Erlebnissen erzählt, seinen Fantasien, wie er einer Frau im verlassenen Parkhaus hilft und sich daraus eine Romanze entwickelt, wie er seiner Mutter nachts Schnüre mit Rosinen und Nüsschen über das Bett spannt, damit sie etwas zu essen hat, wenn sie Hunger bekommt, das Nachdenken darüber, dass er ja vielleicht ein verborgenes Supertalent hat, und nur noch nicht entdeckt wurde. Dieser grenzenlose Optimismus, eine Nicht-Aufgeben-Haltung, die im krassen Kontrast zu der eindeutig sehr trostlosen Kulisse steht, in der sich Jürgens Leben abspielt.

Schließlich überredet Bernd Jürgen, mit einer Partnervermittlung nach Polen zu fahren, immer auf der Suche nach einer Frau und dem damit einherkommenden vermuteten Glück.

Jürgen wurde auch bereits als TV-Film verfilmt mit Strunk in der Titelrolle und kommt am 20.9.2017 um 20:15 Uhr im Ersten.

Jürgen von Heinz Strunk [Amazon-Werbelink]

Gelesen: Und es schmilzt von Lize Spit

Eva fährt zum ersten Mal seit Jahren zurück in ihr Dorf. Im Kofferraum liegt ein Eisklotz, der langsam vor sich hin schmilzt, auf dem Dorf erwartet sie eine Gedenkfeier für Jan, den Bruder eines ihrer besten Freunden, der vor vielen Jahren mit 17 durch einen Unfall starb und die Präsentation der neuen Melkmaschinen.

So fängt Und es schmilzt an, das Buch der jungen Lize Spit, die mit diesem Debüt in den Top Ten der niederländischen Literaturcharts landete. Gnadenlos arbeitet sie hier Evas Kindheit und Jugend in einem kleinen Dorf irgendwo in Flamen auf. Hier gibt es von allem nur eins, ein Lädchen, eine Metzgerei, eine Schule und in Evas Jahrgang nur drei Kinder, Eva, Pim und Laurens, die so zu einem eingeschworenen Team werden, die Musketiere, wie sie sich selber nennen.

Doch im Sommer 2002, als die Musketiere langsam und unbarmherzig erwachsen werden, und es auch einmal nicht mehr nur ums Fahrradfahren, Zelten und Herumstreunen geht, sondern auch um Sex, wird alles anders. Dabei hat Eva schon genug zu tun mit ihren suizidalen Eltern und der kleinen Schwester, die die Stimmung zu Hause nur aushält, indem sie zwanghafte Rituale entwickelt. Und dann denken sich Pim und Laurens ein Spiel aus, Eva wird unfreiwillig Komplizin und am Ende des Sommers eskaliert die Situation in einem unverzeihlichen Verrat.

Und es schmilzt hat seine Fehler, ist aber vor allem eins: Kompromisslos, packend und mit einem guten Blick für alle Details des schwierigen Schritts vom Kind zur Jugendlichen. Die Schwüle des Sommers 2002 und die Kälte des Winters, als Eva mit dem Eisblock zurückkehrt sind auf jeder Seite fassbar. Dabei bleiben einige Charaktere nicht fassbar, Evas Eltern sind zwar präsent, als Figuren bleiben sie aber unkonkret. Letztlich passt das zwar zu der untergeordneten Rolle, die sie für ihre Kinder spielen, ob das jedoch Absicht der Autorin war, bleibt dahingestellt. Die Grausamkeit der Kinder in diesem Dorf lässt einen gelegentlich stutzen. Ist das wirklich realistisch? Können Kinder so sein oder werde ich hier auf eine besonders perfide Art geködert? Waren wir damals so brav oder verklären wir die eigene Vergangenheit?

Auch das Rätsel des Eisblocks ist für aufmerksame Leser verhältnismäßig schnell zu lösen, eventuell habe ich aber auch schon zu viele laterale Rätsel gelöst und lösen lassen. Das macht jedoch für die Lektüre einen erfreulich kleinen Unterschied, denn auf den knapp 500 Seiten geht es eben doch vor allem um die Geschichte dieses einen Sommers, der hier seziert und unters Mikroskop geschoben wird. Und so kann man das Buch schlecht aus der Hand legen, wird reingesogen in Evas Erinnerungen und wenn man das Buch zuklappt, kann man mit einiger Erleichterung die eigene Bullerbü-Kindheit streicheln.

Das Buch erscheint am 24.8.2017. Ich konnte es als Rezensionsexemplar über Vorablesen.de schon jetzt lesen.

Und es schmilzt von Lize Spit [Amazon-Werbelink]

Das Buch auf der Verlagsseite

Gelesen: Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

China im Jahr 2098: Die Arbeiterin Tao arbeitet als Bestäuberin, denn seit die Bienen verschwunden sind, muss diese Arbeit von Menschen erledigt werden. Nahrungsmittel sind kostbar geworden, die großen Städte verfallen, überall auf der Welt. Dann hat ihr Sohn Wei-Wen einen Unfall und in Taos Leben ist nichts mehr wie vorher.

USA im Jahr 2007: Der Imker George ist stolzer Besitzer einer Bienenzucht. Überall stehen die selbstgezimmerten Bienenkästen, der Hof eine Familientradition, die vermutlich bei ihm enden wird, denn sein Sohn Tom möchte lieber schreiben. Doch damit mag sich George nicht abfinden und so gerät seine Welt zunehmends aus den Fugen. Und dann verschwinden die Bienen.

England im Jahr 1852: Williams Sauvage liegt im Bett und ist verzweifelt. Als Wissenschaftler hat er versagt, sein Mentor lacht über ihn, sein Lebensmut ist dahin. Dann findet er neue Hoffnung in der Konstruktion eines modernen Bienenstocks und macht sich an die Arbeit.

Drei Geschichten, die vor allem erst einmal eines gemeinsam haben: Die Bienen. Kleine Tiere, die so wichtig sind für unsere Welt und die für jeden Charakter in diesem Buch eine besondere Bedeutung haben.

Maja Lunde wechselt zwischen den drei Erzähl- und Zeitebenen relativ flott hin und her, dabei ist jede Geschichte für sich erzählenswert und spannend. Gemein ist Tao, George und William die Verzweiflung über die Welt im Allgemeinen und auch im Konkreten. Die harte Arbeit auf dem Feld und der Unfall des Kindes, die Abkehr des Sohnes von dem Lebenskonzept des Vaters und das Gefühl, im Leben nichts erreicht zu haben.

Erstaunlich ist dabei auch, mit welch überschaubarem Personal Lunde auskommt, drei kleine Welten, drei nuclear families und die Bienen, die auf die ein oder andere Weise ihr Schicksal begleiten und mitbestimmen, durch allgegenwärtige An- oder eben Abwesenheit. Als Leser ist man so sehr nah dran an den Figuren mit ihren Fehlern, Ängsten und Hoffnungen. Nebenbei lernt man noch etwas über Bienen, die Konstruktion von Bienenstöcken und das Imkerleben und kann das Buch als klügerer Mensch zuklappen.

Trotz allem ist Die Geschichte der Bienen kein pessimistisches oder trauriges Buch. Auch wenn nicht jede Figur am Ende ihr Glück finden kann, so bleibt doch am Ende die Hoffnung und die Einsicht, dass es vielleicht nicht immer jeder alles das bekommen kann, was er gerne möchte, aber die Welt als metaphorischer großer Bienenstock noch nicht verloren ist.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde bei Amazon [Werbelink]

Verlagsseite des Buches

Bericht über das Buch in der Zeit

Schullektüre

Gestern dachte ich über Schullektüre nach, also über all die Bücher, die ich während meiner Schulzeit lesen musste oder durfte, je nach dem, wie man’s sieht. Anstoß war eine Diskussion über Marlen Haushofers Die Wand und das Wort „Schulpflichtlektüre“, dass ich sofort anzweifelte.

Ich hatte immer das Gefühl, dass es zwar einen Schullektürekanon gibt, die Lehrer aber einigermaßen freie Hand hatten, was die konkrete Auswahl des zu lesenden Buches anging. Es musste halt je nach Stufe und Lehrplan eine bestimmte Epoche oder eine bestimmte Gattung sein, aber darüber hinaus schien es keine zwingenden Vorgaben zu geben.

Wie ich jetzt weiß, ist das nicht komplett richtig. Mindestens mit der Einführung des Zentralabiturs gibt es zum Beispiel für NRW Pflichtlektüren für die Oberstufe, in den letzten Jahren war das immer der Faust und irgendwas von Kafka. Aber damals(TM) gab es ja kein Pflichtabitur. Allerdings habe ich als Schülerin auch nie ernsthaft hinterfragt, warum wir jetzt lesen, was wir lesen und ob es in irgendeinem Lehrplan steht oder der Lehrer oder die Lehrerin halt einfach dieses Buch bestimmt hat. Wenn es da noch weitere Informationen gibt, bin ich sehr dankbar.

Eine kleine Twitterumfrage ergab zumindest, dass selbst jemand, der an der gleichen Schule war wie ich, allerdings ein paar Jahre später und sogar teilweise die gleichen Lehrer hatte, vollkommen andere Bücher gelesen hat. Dementsprechend vermute ich immer noch, dass es sowas wie „Pflichtlektüre“ nur in sehr geringem Maße gibt und das meiste in der Hand des einzelnen Lehrers liegt. Davon auszugehen, dass ein Buch allgemein bekannt ist, nur weil man selber es in der Schule gelesen hat, kann also ein Irrweg sein. Ich bin zum Beispiel komplett um Goethe herumgekommen und wäre ich nicht in einer gescheiterten Theater-AG gewesen, hätte ich – zumindest in der Schule – nichts von Schiller gelesen.

Eine vollständige Liste kann ich nicht versprechen, da mir sicherlich Bücher entfallen sind, die ich im Laufe von 9 Jahren Gymnasium im Rahmen irgendeines Unterrichts gelesen habe, aber an die meisten kann ich mich immerhin noch erinnern.

Deutsch

In der Unterstufe gab es Pole PoppenspälerDer Schimmelreiter und Der kaukasiche Kreidekreis. An alle drei habe ich nur vage Erinnerungen, gerade ersteres empfand ich als eher anstrengend und wenig erbaulich. Brecht war da noch am ehesten zugänglich, wobei die gesamte Klasse in einer Arbeit über Brecht versagte, weil niemand seinen Sarkasmus verstand und wir alle komplett zu dem Schluss kamen, Brecht hätte Kirche geil gefunden. Tja.

In der Mittelstufe gab es dann Das Schiff EsperanzaDas Parfum und Draußen vor der Tür und Homo Faber. Das Parfum war eine willkommene Abwechslung, endlich mal was ordentliches, was richtig erwachsenes. Draußen vor der Tür haben wir kollektiv gehasst. In der Unterstufe ist man ja noch etwas zu klein zum aktiven Hassen von Literatur, in der neunten Klasse hingegen ist man genau im richtigen Alter. Auch Homo Faber mochte ich eigentlich ganz gerne, während meine Cousine sich sehr ausgiebig über dieses Buch beschwerte.

In der Oberstufe kann ich mich nur noch an Effi Briest und an Das Spiel ist aus erinnern. Effi Briest war das einzige Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe (und trotzdem eine Zwei in der Klassenarbeit), weil ich es unfassbar lang und ebenso langweilig fand. Das Spiel ist aus lasen wir im Literaturkurs. Der Plan war eigentlich, das Buch als Theaterstück aufzuführen. Das scheiterte an mehreren Dingen. Zum einen mussten alle Nebendarsteller drei bis fünf Rollen übernehmen, das Bühnenbild gab Rätsel auf, aber im Nachhinein erfuhr ich, dass es vor allem daran scheiterte, dass der Hauptdarsteller die Hauptdarstellerin nicht küssen wollte.

Das kann allerdings noch nicht alles sein, und vage in meinem Hinterkopf tummeln sich noch Jakob der Lügner und Die Verwandlung. Vermutlich haben wir die auch irgendwann gelesen.

Englisch

Bei Englisch erinnere ich mich nur an sehr weniger Bücher, ich kann mir aber kaum vorstellen, dass das alles gewesen sein soll. Allerdings fängt man da ja auch später mit dem Lesen ganzer Bücher an, insofern mag es stimmen.

Im Gedächtnis geblieben sind An Inspector CallsEducating RitaDeath of a Salesman und Animal Farm. Wobei ich die letzten beiden tatsächlich sehr mochte und an die anderen beiden zumindest keine negativen Erinnerungen habe.

Französisch

Französisch hatte ich später als Leistungskurs, was auch die erstaunlich lange Liste der Schullektüren erklärt. All meine bittere Ablehnung gegenüber dem Zentralabitur entstammt auch vor allem diesem Kurs, weil ich hier am deutlichsten erlebt habe, wie es ist, wenn sich ein Lehrer auf die Schüler einstellt und eben nicht einfach das Standardprogramm durchzieht.

In Französisch also (meines Wissens alles in der Oberstufe): Lucien Lacombe, La guerre de troie n’aura pas lieu, Les petits enfants du siécle, Rhinocéros und Les Précieuses ridicules. An keines der Bücher habe ich eine schlechte Erinnerung, ich fand sie alle auf ihre Art gut. Besonders hängengeblieben ist aber Les petits enfants du siécle, das war ja fast schon feministische Literatur und – OBACHT! – von einer Frau geschrieben!

 

Womit wir beim letzten Punkt angekommen wären: Die Frauenquote. Wenn ich alle Bücher zusammenzähle, die ich in diesen drei Fächern gelesen habe (und an die ich mich erinnern kann), komme ich auf 19 Autoren und 1 Autorin. Das ist nicht nur eine schlechte Quote, das ist auch scheiße, wenn es um die Vermittlung von Diversität in der Kultur geht. In der Schule lernt man – oder zumindest: lernte ich – implizit: Relevante Literatur wird von Männern geschrieben. Dass es danach auch bei grundsätzlich Literaturaffinen jungen Menschen etwas dauern kann, bis sie entdecken, dass es auch viele Frauen im Literaturbetrieb gibt, die auch großartige Bücher schreiben, ist wenig verwunderlich. Heute sieht meine Quote Gott sei Dank besser aus, aber leider muss man sagen, dass ich mir das Wissen um gute Autorinnen selbst aneignen musste. Hier hat die Schule auf ganzer Linie versagt.

Ansonsten scheint mir die Auswahl eigentlich ganz gut durchmischt. Nicht alles fand ich damals gut. Ich vermute auch, dass ich Draußen vor der Tür heute sogar mögen würde, vielleicht lese ich das einfach irgendwann noch mal. Dass mir Goethe, Schiller, Shakespeare und Konsorten vorenthalten wurden, habe ich gut überlebt. Ich habe heute auch nur eine sehr grobe Vorstellung davon, was im Faust passiert, aber na ja. Vielleicht lese ich mir gleich die Inhaltszusammenfassung in der Wikipedia durch. Das muss reichen.

Gelesen im Juli 2017

Cold Comfort Farm von Stella Gibbons

Ein Klassiker, der genremäßig sehr schwer zu packen ist. Gesellschaftssatire mit ein bisschen Science-Fiction vielleicht, aber letztlich ist es ja auch egal.

Flora Poste, Anfang 20 und gerade Waise geworden muss ihr Leben planen. Arbeiten kommt nicht in Frage, denn, so denkt sie, sie hat ausreichend viele Verwandte, die sie sicherlich bei sich unterbringen können. Ihre Wahl fällt auf Cold Comfort Farm, einer düsteren Farm mit seltsamen Bewohnern irgendwo in Sussex. Obwohl Flora dort nicht gerade herzlich empfangen wird, lässt sie sich nicht beirren. Schnell ist sie sich sicher, dass ihre Aufgabe hier sein wird, der Farm und ihren Bewohnern zu helfen, ob sie das wollen oder nicht, da sie alleine offensichtlich nicht dazu in der Lage sind. Es ist ein bisschen wie Austens Emma, nur sympathischer.

Das Buch wurde 1932 veröffentlicht, spielt aber 1946. Das ist für Leser aus dem Jahr 2017 etwas verwirrend, tut dem Spaß aber keinen Abbruch. Große Empfehlung, als nächstes wird die Verfilmung geguckt.

Cold Comfort Farm von Stella Gibbons [Amazon-Werbelink]

 

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt von Jaroslav Kalfar

Jakub Procházka ist der einzige Passagier an Bord der JanHus1, dem ersten Raumschiff der tschechischen Geschichte, auf dem Weg zur mysteriösen Choprawolke. Vier Monate hin, Daten und Wolkenstaub sammeln, und dann wieder vier Monate zurück. Jakub ist ein Held, aber gleichzeitig der einsamste Mensch der Welt. Dann verlässt ihn seine Frau Lenka und gleichzeitig entdeckt er ein seltsames spinnenartiges Wesen mit menschlichen Lippen, dass in seinen Erinnerungen wühlt und seinen Nutellavorrat vertilgt.

Das ist die eine Seite der Geschichte von „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“, die andere Seite ist Jakubs Vergangenheit, seine Kindheit in der sozialistischen Tschechoslowakei, die mit dem Fall des eisernen Vorhangs und gleichzeitig mit dem Tod seiner Eltern endet. Sein Vater, so stellt sich heraus, war ein hoher Regierungsbeamte, der auch vor Folter nicht zurückschrak und schnell holt die Vergangenheit den Jungen ein und wirft sein Leben durcheinander.

Alles das und noch viel mehr findet sich in diesem Buch und auch, wenn mir die Science-Fiction-Anteile ein bisschen zu kurz kamen, war es gerade der Einblick in das Tschechien der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, der mich begeistert hat. Vielleicht, weil auch meine Familie dort Wurzeln hat, auch wenn das sehr lange her ist, vielleicht auch, weil es so nah und doch so weit weg ist.

Das alles ist angenehm ruhig, beinahe schon anachronistisch, zumindest aber mit viel Nostalgie erzählt, die Figuren sind gut entwickelt und so fügt sich nachher alles zusammen, und mal wieder könnte man die Rolling Stones bemühen, denn auch Jakub bekommt nicht unbedingt das, was er wollte, aber vielleicht genau das, was er brauchte.

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt von Jaroslav Kalfar [Amazon-Werbelink]

 

Die Unglückseligen von Thea Dorn

Ich weiß ja nie, was ich von Thea Dorn halten soll. Einerseits finde ich gut, wie sie sich im literarischen Betrieb durchsetzt, andererseits ist sie mir schon unangenehm durch Subkulturschelte aufgefallen.

In Die Unglückseligen erzählt sie die Geschichte des unsterblichen Johann Wilhelm Ritter und der Molekularbiologin Johanna Mawet. Während Ritter mit seinem Schicksal hadert, forscht Mawet an der Unsterblichkeit. Als sich die Wege der beiden zufällig in den USA kreuzen, glaubt Johanna diesem runtergekommenen seltsamen Mann kein Wort und hält ihn für einen Verrückten. Doch nach und nach kann er sie davon überzeugen, dass er tatsächlich über 200 Jahre alt ist und wird zu Johannas Versuchsobjekt.

Die Unglückseligen ist ein Buch über Wahnsinn und Obsession, über Verfall und Unsterblichkeit. Es ist zweifellos gut geschrieben, wenn auch an der ein oder anderen Ecke vielleicht doch etwas zu aufgesetzt, und sicherlich keine leichte Lektüre, liest sich aber insgesamt recht flüssig weg. Ich bin noch unschlüssig, was ich vom Ende halten soll, das dann doch so ganz anders war, als ich es mir vorgestellt habe. Immerhin wundert man sich auf den letzten 150 Seiten nicht mehr so arg über den Titel des Buches. Die Unglückseligen ist irgendwie eine Art Wissenschafts-Science-Fiction mit historischem Zeug für Intellektuelle. Wenn man jetzt „Genau mein Ding!“ denkt, ist man gut aufgehoben.

Die Unglückseligen von Thea Dorn [Amazon-Werbelink]

 

Nahe Jedenew von Kevin Vennemann

Ein Bücherschrankfund. Ich arbeite ja nebenberuflich an meinem Kunstprojekt „Die gesamte Suhrkamp-Bibliothek aus Bücherschränken zusammenklauben“. Es zieht sich etwas, aber mit viel Geduld denke ich, dass ich schon in ein- oder zweihundert Jahren einen schönen Regenbogen im Schrank stehen habe.

So landete jedenfalls auch Vennemanns Nahe Jedenew bei mir und weil es so schön dünn ist und gerade Wochenende war, habe ich direkt angefangen, reinzulesen. Worum es geht, muss man sich auch als Leser erst erschließen. Ich habe noch während der Lektüre angefangen, dem Buch hinterher zu googeln, um mehr über den Autor und den Hintergrund der Geschichte zu erfahren. Dann aber weiß man: Es geht um zwei Mädchen, Zwillinge, irgendwo in einem polnischen Dorf, in dem die katholische Bevölkerung in einer Nacht ihre jüdischen Nachbarn umbringen, die Höfe plündern und anzünden. Die beiden Mädchen fliehen in ihr Baumhaus und beobachten von da aus, wie die Idylle ihrer Kindheit ein jähes Ende findet. Sprachlich vermischen sich ihre Erinnerungen und die Erzählungen der Erwachsenen mit dem Grauen der Gegenwart. Das ist erst anstrengend, wenn man sich dann aber reingelesen hat, sehr wirkungsvoll. Ungefähr so stelle ich mir einen modernen Klassiker vor, im besten aller Sinne.

Nahe Jedenew von Kevin Vennemann [Amazon-Werbelink]

 

Die Chaos-Walking-Trilogie von Patrick Ness

Der erste Teil war ein Bücherschrankfund, mitgenommen, weil ich das Buch sowieso auf der Wunschliste hatte. Und weil es dann eben tatsächlich sehr gut und spannend war, habe ich die beiden anderen Teile als e-Books dann direkt auch gelesen.

Ganz vorneweg: Wer die Panem-Bücher mochte und etwas ähnliches sucht, der kann exakt hier aufhören zu lesen und sich zum Buchhandel seiner Wahl begeben.

Für alle die, die etwas mehr wissen wollen: Todd lebt in Prentisstown, einer Siedlung auf einem fremden Planeten, in der es nur Männer gibt, seit die Frauen durch einen Virus alle getötet wurden. Dieser Virus wurde von den Spackle freigesetzt, die auf diesem Planeten leben und gegen die Menschen Krieg führten. Ein unangenehmer Nebeneffekt des Virus: Die Gedanken aller Menschen werden hörbar und Tiere können sprechen. Todd ist mit fast dreizehn der jüngste Einwohner von Prentisstown. Mit dreizehn wird er zum Mann erklärt werden, aber vorher kommt alles anders. Todd entdeckt bei einem seiner Streifzüge durch den Sumpf ein Loch in dem allgegenwärtigen Gedankenlärm und ehe er es sich versieht, wird er von seinen Zieheltern weggeschickt. Nur mit einer Karte und einer Ahnung, warum und wohin er gehen soll, ist Todd auf einmal ganz allein auf der Flucht.

Damit habe ich zwar wirklich nur die allerersten Kapitel der Buchreihe angerissen, aber alles andere wäre in der Tat zu viel verraten. Die Geschichte ist spannend, voller Wendungen und Überraschungen, es geht um Freundschaft und Menschlichkeit und die Frage, wie viel wir bereit sind, von uns selbst zu opfern, um zu überleben.

Die Chaos-Walking-Trilogie von Patrick Ness [Amazon-Werbelink]

 

AchtNacht von Sebastian Fitzek

Mein erster Fitzek und ich war etwas unterwältigt. Die Geschichte ist verhältnismäßig einfach erzählt: Benjamin Rühmann will im Leben einfach nichts gelingen. Die Tochter liegt nach einem Selbstmordversuch im künstlichen Koma, von seiner Frau ist er getrennt und jetzt ist er auch noch aus seiner Coverband geflogen. Zu allem Überfluss ist auf ihn aber auch noch ein Kopfgeld von 10 Millionen Euro ausgesetzt. Er ist Kandidat der AchtNacht, einer Jagd, bei der dem, der ihn tötet eben genau dieser Gewinn zusteht. Zwölf Stunden lang ist er vogelfrei und das ganze Land ist hinter ihm her.

Das klingt spannend und – hier das Positive – ist es auch. Nicht ohne Grund habe ich das Buch an einem Tag weggelesen, flott geschrieben, mit guten bis durchschnittlichen Wendungen (die finale Wendung war mir allerdings etwas zu simpel) und interessanten Ideen. Die Hauptfiguren sind ausreichend gut gearbeitet, während der ein oder andere Nebencharakter allerdings schon etwas zu überspitzt gezeichnet ist.

Aber. Die ganze Szenerie war mir nicht konkret und glaubwürdig genug. Spielt die Geschichte in der Gegenwart, so ist mir die krasse Zeichnung der Gewalt zu unglaubwürdig. Spielt die Geschichte in der Zukunft, so gibt es hierfür keinerlei Anzeichen, dafür hätte es zumindest das ein oder andere Detail gebraucht. Es gibt keine richtige Verortung und so fühlt sich das Setting insgesamt zu wischiwaschi an, als hätte der Autor es sich an entscheidenden Stellen zu einfach gemacht, was zu Gunsten der Spannung, aber eben zu Lasten des Gesamtgefühls geht.

Man kann das gut als Zwischendurchlektüre lesen, dem Hype wird es nicht gerecht.

AchtNacht von Sebastian Fitzek [Amazon-Werbelink]

Gelesen im Juni 2017

Du bellst vorm falschen Baum von Judith Holofernes

Etwas durchwachsen, einige Gedichte sind toll, andere etwas zu gewollt. Judith Holofernes Stärke sind kreative Wortspiele, damit übertreibt sie es aber manchmal, so dass es unnötig anstrengend wird und man „Ja ja ja, ich hab das Konzept jetzt verstanden!“ rufen möchte. Tatsächlich funktionieren ihre Texte eventuell mit Musik besser, aber hier jammern wir jetzt schon auf sehr hohem Niveau.

Ohne Abstriche toll sind die Bilder von Vanessa Karré, allein dafür lohnt sich das Buch eigentlich schon.

Du bellst vorm falschen Baum von Judith Holofernes [Amazon-Werbelink]

 

The Next Together von Lauren James

Eine sehr nette YA-Zeitreisenromanze mit Science-Fiction-Anteilen. Die Geschichte von Katherine und Matthew wird auf insgesamt vier Zeiteebenen erzählt.

1745 wird Carlisle von schottischen Rebellen belagert. Katherine kommt aus gutem Hause und lebt nach dem Tod von Eltern und Großeltern bei ihrer Tante. Dort verliebt sie sich in Matthew, einem Bediensteten und überzeugt ihn, als Mann verkleidet bei der Verteidigung der Stadt helfen zu dürfen. 1854 ist Katy, Waisenkind und wieder als Junge verkleidet, mit dem Kriegsjournalisten Matthew auf dem Weg zum Krimkrieg, von dem aus Matthew über die Zustände der britischen Soldaten berichten will. 2019 werden die Wissenschaftler Katherine und Matthew als vermeintliche Terroristen erschossen, weil sie eine gefährliche Biowaffe in Umlauf bringen wollten. Und 2039 treffen die Studenten Kate und Matt sich im Labor und kommen ihrer gemeinsamen Vergangenheit auf die Spur.

Das ist alles ganz nett und insgesamt ohne größere Logikbrüche erzählt, man erfährt das ein oder andere über die britische und europäische Geschichte, die Charaktere sind gut ausgearbeitet und die Story kommt gut voran. Die Autorin erlaubt sich einige Freiheiten bei dem zu Grunde liegenden Überbau, der die Reinkarnation von Kate und Matt erst ermöglicht. Wer, wie und warum die armen Protagonisten immer wieder auferstehen und die Welt retten müssen wird hier nur angerissen, das ist auf der einen Seite nicht schlimm, lässt auf der anderen Seite aber auch mutmaßen, dass es hier das größte Konsistenzproblem gibt.

Aufgehübscht mit Chatprotokollen, Landkarten und Notizzettel-Konversationen am Kühlschrank ist das eine – im besten Sinne des Wortes – nette Zwischendurchlektüre, die man ohne Probleme all denen empfehlen kann, die weder auf besondere literarische Kniffe noch auf eine epische Geschichte aus sind.

The Next Together von Lauren James [Amazon-Werbelink]

 


Gray von Leonie Swann

Nach zwei Schafskrimis und einem Flohfantasyroman wendet sich Leonie Swann unseren gefiederten Freunden zu. Gray ist zwar das namensgebende Tier des Buches, aber zur Abwechslung wird diese eher klassische Detektivgeschichte nicht aus der Sicht des Graupapageis erzählt. Ein Student des spleenigen Dozenten Augustus Huff stürzt in den Tod. Ein vermeintlicher Unfall, doch bald vermutet Huff etwas anderes. Der Student hinterlässt den plappernden Papageien Gray, der es sich auf Huffs Schulter gemütlich macht und mit dessen Hilfe dieser sich aufmacht, das Rätsel zu lösen.

Ich habe Gray als Hörbuch gehört und musste mehrfach ansetzen, was aber nur bedingt am Buch lag. Tatsächlich ist Gray insofern kein Buch zum Nebenbeihören, weil es doch einer gewissen Konzentration bedarf, den Faden nicht zu verlieren. Der Papageiroman bleibt ein bisschen hinter Glennkill und dem fantasiereichen Dunkelsprung zurück, das ist trübt das Lesevergnügen aber nicht. Wer noch auf der Suche nach einem sympathischen Whodunnit mit tendenziell sonderbarem Personal für den Sommer ist, der sollte sich Gray schleunigst in die Reisetasche packen.

Gray von Leonie Swann [Amazon-Werbelink]

 


Saturday Night Biber von Anja Rützel

Alles an diesem Buch ist schön.

Anja Rützel, eigentlich Expertin auf dem Gebiet des Trash-TV, offenbart in Saturday Night Biber ihr anderes kurioses Hobby: Absurde und weniger absurde Tierarten und die absurden Hobbys und Veranstaltungen, die es rund um diese Tiere gibt.

Anja Rützel steigt im Winter auf einen Berg, um zwischen Hirschen zu sitzen, kuschelt mit einer Kuh (50 Euro für eine halbe Stunde), hält sich Schaben als Haustiere, geht zum Kaninhop-Turnier, lernt, wie man Tiere ausstopft und verliebt sich in den Ameisenbären Ernst-Einar und reist ihm bis auf die Isle auf Wight hinterher. Sie lässt sich zum Biberberater ausbilden und lernt, wie man ein Alpaka fängt.

Über das alles schreibt sie mit dem Blick eines Menschen, der zwar Menschen okay, Tiere aber grundsätzlich und in wirklich fast allen Farben, Formen und Eigenheiten um Längen besser findet. Diese Liebe fürs Tier spricht aus jedem Satz und aus jeder detailgefütterten Fußnote, die einem alle wichtigen Fun und Not-so-fun Facts über Biber, Tapire, Ameisenbären, Kühe oder Kaninchen verrät. Man lernt also auch dauernd etwas, es ist kaum auszuhalten. Außerdem ist es witzig und originell geschrieben, es gibt also keinen, wirklich keinen einzigen Grund, dieses Buch nicht zu lesen.

Saturday Night Biber von Anja Rützel [Amazon-Werbelink]

 


Die Intelligenz der Bienen von Randolf Menzel und Matthias Eckoldt

Der Neurobiologe Randolf Menzel und der Journalist und Schriftsteller Matthias Eckoldt erklären, wie Bienen so ticken, im höchst wissenschaftlichen Sinne. Das ist interessant, aber auch nicht so ganz einfach. Ich habe hier ausführlich rezensiert.

Die Intelligenz der Bienen von Randolf Menzel und Matthias Eckoldt [Amazon-Werbelink]

 


Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky

Dass ich diesen Satz jetzt direkt wieder schreiben kann, erfreut mich: Alles an diesem Buch ist schön.

Fangen wir aber mit dem Problem, das ich mit Mariana Lekys Büchern habe, direkt an, dann haben wir’s hinter uns. Das Problem ist, dass ich bei ihren Büchern irgendwann immer sehr viel und rotzig weinen muss. Das sieht dann sicher nicht schön aus, aber wenn man währenddessen alleine auf der Couch liegt, sieht es ja niemand.

Ansonsten ist wirklich alles an diesem Buch schön. Die Geschichte, die Figuren, die Sprache, die Ideen, alles ist schön. Mariana Leky schafft schon wieder den kaum möglichen Spagat zwischen alten traditionellen Geschichten und moderner Sprache, nichts davon wirkt gekünstelt oder aufgesetzt, alles ist gleichzeitig skurril, magisch und ganz bodenständig.

In einem Dorf mitten im Westerwald lebt Selma, die aussieht wie Rudi Carrell. Immer, wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf und diese Nacht hat Selma von einem Okapi geträumt. So fängt alles an, und Selmas Enkelin Luise erzählt, wie es dann weitergeht. Mit dem Optiker, der in Selma verliebt ist und ihr jahrelang Briefanfänge schreibt. Mit Elsbeth, die für alles ein Wundermittel hat. Mit der traurigen Marlies, die ganz allein in dem Haus wohnt, in dem sich ihre Tante erhängt hat. Mit Luises Vater, der einen Hund anschafft, um seinen Schmerz zu externalisieren. Mit Luises Mutter, die nicht weiß, ob sie ihren Mann verlassen soll. Mit Martin, Luises bestem Freund und seinem Vater, der Jäger und Alkoholiker ist und vor dem Selma die Rehe schützen muss.

Das ist alles mit viel Humor und Liebe erzählt und es muss schon ein sehr, sehr gutes Buch kommen, um „Was man von hier aus sehen kann“ als meine Lieblingsbuch des Jahres 2017 vom Treppchen zu schubsen.

Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky [Amazon-Werbelink]

Gelesen: Die Intelligenz der Bienen von Randolf Menzel und Matthias Eckoldt

Ich habe ein Jahr gebraucht, um Die Intelligenz der Bienen auszulesen und das sagt vermutlich auch schon einiges aus. Zusammengefasst habe ich mir irgendwie etwas anderes versprochen, wobei das ja noch nicht grundsätzlich ein Problem ist, solange da, was man bekommt dann auch gut ist.

Gut ist das Buch, das der Neurobiologe Randolf Menzel zusammen mit dem Autor Matthias Eckoldt geschrieben hat, auf jeden Fall, nur die Zielgruppe scheint mir nicht so ganz definiert worden zu sein. Für den Laien ist das alles eine Ecke zu kompliziert, da hilft auch der Bio-LK und der jahrelange Vorbildung als Entomologentochter nichts. Für den Experten (das kann ich allerdings nicht beurteilen) ist es hingegen vermutlich zu trivial.

Randolf Menzel beschreibt, wie das Hirn der Bienen funktioniert, was man daraus für das Leben und die Wahrnehmung der Bienen und der Zusammenarbeit der Bienen ableiten kann und mit welchen Versuchen er und seine Mitwissenschaftler langsam, aber sicher zu diesen Ergebnissen gekommen sind. Dazu gibt es einen Einblick in seine Wissenschaftlerkarriere, die Rückschläge und Erfolge in der Forschung, die Hindernisse des bürokratischen Unilebens und die Tücken der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Immerhin hat mich das Buch deswegen zum Pluspunkt „Autor beschreibt eigene Irrwege oder falsche Annahmen im Verlauf seiner Arbeit“ für Kathrin Passigs automatischer Sachbuchkritik inspiriert.

Das alles wird angenehm unprätentiös und mit deutlichem Hang zur Selbstkritik erzählt, schon alleine deswegen habe ich das Buch gerne gelesen, auch wenn es mich immer wieder an meine Grenzen getrieben hat. Wohlwollend vermute ich, dass das Thema „Bienenneurologie“ einfach ein komplexes und kompliziertes Thema ist. Ein geduldigerer Leser hätte vermutlich auch bei der ein oder anderen Stelle zurückgeblättert, nebenbei gegoogelt oder jede Fußnote nachgeschlagen, aber dieser Leser war ich leider nicht. So ist nicht jedes Detail der Bienenhirnforschung auch sicher bei mir angekommen, ein besseres Verständnis habe ich trotzdem.

Zum Ende hin wird es dann auch wieder etwas gefälliger, in den letzten Kapiteln geht es um die Zusammenarbeit im Bienenstock, um den Schwänzeltanz, um Orientierung und um den Einfluss von Pflanzenschutzmitteln auf die Bienen. Das war insgesamt etwas näher an meiner Nicht-Neurobiologen-Realität, und ich kam mir nicht zwischen lauter Fachbegriffen und Versuchsaufbauten ganz verloren vor.

Wer sich für Bienen und ihre Bienenköpfchen interessiert, ist hier richtig, muss sich aber auf eine fordernde Lektüre einstellen.

Randolf Menzel und Matthias Eckoldt: Die Intelligenz der Bienen, erschienen 2016 im Knaus Verlag, 391 Seiten [Amazon-Werbelink]

Verlagsseite