No sports. Please.

Ich bin ja bekanntlich kein sportiver Mensch. Sport ist mir suspekt. Sport ist schon als Wort komisch und als Aktivität erst recht.

Vermutlich liegt es tatsächlich irgendwie in den Genen. Schon im Kindergarten kam mir diese kleine Sporthalle und die darin stattfindende Sportstunde eher eigentümlich und nicht wirklich erstrebenswert vor und daran hat sich auch nie wirklich etwas geändert. Dabei bin ich gar kein kompletter Bewegungslegastheniker. Ich habe meines Wissens in einem vollkommen angemessenen Alter gelernt, Fahrrad zu fahren. Ich habe mir auch ganz strebsam und in einem ebenso adäquaten Alter das Seepferdchen-Abzeichen erkämpft. Da gab es allerdings auch eine entsprechende Motivation, schließlich durfte man im Bayerbad nur als Seepferdchen-Abzeichen-Träger in das deutlich coolere tiefe Becken.

Ich kann also Fahrradfahren und Schwimmen, habe mir Rollschuhe und später Inline-Skater gewünscht (und bekommen und benutzt), war mehrfach in meinem Leben auf eigenes Drängen Schlittschuhlaufen und hatte etwas wider Erwarten in der siebten Klasse im Ruderlager am Baldeneysee erstaunlich viel Spaß. Trotzdem ist die Chance darauf, dass meine Mutter davon erzählt, wie ich als Kleinkind vorsichtig Seite und Seite des Quelle-Katalogs umblätterte, größer als die von meinen ersten Laufversuchen zu hören.

Zumindest scheine ich also so eine Art Grundkörperkoordination zu haben. Die hört aber auch recht flockig wieder auf, wenn’s an die Feinheiten geht. Das ist ein bisschen so wie jemand, der noch prima Marschrhythmus mitklatschen kann, bei der Ansage “und jetzt nur auf die 2 und die 4” aber sofort zu straucheln beginnt. Auch die Kommunikation mit meinem Körper scheint mir gestört, wenn nicht geradezu nicht vorhanden. Garantiert redet mein Körper mit mir und versucht mir zu erklären, ob diese Bewegung jetzt gut für ihn ist oder nicht, aber ich versteh ihn nicht und weiß dann nicht, ob das gutes oder schlechtes Wehtun ist und dann hör ich lieber auf, nachher ist es schlechtes Wehtun.

Der Hauptgrund aber, warum ich nach wie vor sehr allergisch reagiere, wenn mir jemand mit Sport kommt, ist, dass mir der Spaß an der ganzen Geschichte recht beeindruckend konsequent und zielstrebig in elfeinhalb Jahren Sportunterricht ausgetrieben wurde.

In der Grundschule ging das ja noch. Ehrlich gesagt, hab ich kaum Erinnerungen an dern Sportunterricht in der Grundschule, außer, dass die Sportlehrerin Frau Eschbach hieß und den Mattenwagen. MATTENWAGEN! MATTENWAGEN FAHREN! Einer der wenigen Pluspunkte des Schulsports, mal abgesehen vom TRAMPOLIN! Da hat es sich aber eigentlich schon erschöpft.

Der Höhepunkt meiner schulsportlichen Karriere war übrigens auch in der dritten Klasse, wo ich zum ersten und auch einzigen Mal bei den Bundesjugendspielen eine Siegerurkunde bekommen habe. Ein einzigartiges Ereignis, dass sich auch nicht wiederholen sollte. Überhaupt: Bundesjugendspiele. Was für eine Scheißidee. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals sowas wie Musik- oder Fremdsprachenwettbewerbe gegeben hätte, jedenfalls keine, die für alle verpflichtend gewesen wären. Wenn man sich schon öffentlich und dann auch noch ganz offiziell blamieren muss, dann doch bitte gerechterweise auch in verschiedenen Disziplinen.

Nein, es gibt nur Bundesjugendspiele, Springen, Laufen, Werfen und das alles möglichst gut. Also nichts für Leute wie mich, die mangels ausreichender Körperkoordination beinahe garantiert übertreten und wenn sie dann zur Abwechslung mal nicht übertreten mit Sicherheit erstens nicht besonders weit springen und dann mit noch größerer Sicherheit dabei zurückkippen und das ohnehin schon miese Ergebnis dann noch mal so richtig ruinieren. Meine Erinnerungen von den Bundesjugendspielen beziehen sich vor allem auf das Suchen der eigenen Punktzahl in der Ergebnistabelle, nur um festzustellen, dass die Punktzahl so schlecht ist, dass sie schon gar nicht mehr auf der Liste steht.

Und dann kriegt man eine “Teilnehmerurkunde”, die pädagogisch wertvolle Bestätigung des eigenen Versagens. Als ob Kinder so dumm wären.

Kein einziger Lehrer hat es je geschafft, mir Freude am Sport zu vermitteln. Dabei lag es noch nicht mal an einer generellen Abneigung. Die meisten Sportlehrer mochten mich sogar. Und ich mochte die meisten. Man muss da mal drüber nachdenken: Mit ein bisschen Geschick konnte man es ja schaffen, so eine Doppelstunde Sport zu einem nicht zu verachtenden Teil zuschauend auf der Bank zu verbringen, am besten noch mit der besten Freundin. Und trotzdem hab ich’s gehasst. So eine Abneigung, die muss erstmal erzeugt werden. DAS MUSS MAN ERSTMAL SCHAFFEN!

Zunächst mal ist es eben frustrierend, wenn man das, was einem jemand sagt, was man machen soll, einfach nicht hinkriegt. Ich finde es sehr nett und lobenswert, wenn mir Leute erklären, wie ich meine Körperteile anzuordnen habe, aber es hapert einfach an der Umsetzung. Liegestützen hab ich bis heute nicht kapiert, beim Kraulen sehe ich garantiert sehr unbeholfen aus und von Volleyball wollen wir erst gar nicht anfangen.

Überhaupt: Bälle. Alles mit Bällen ist falsch. Badminton krieg ich gerade noch so hin, da sind die Bälle ja auch eher klein und haben so niedliche Trichter. Es ist aber bei mir auch eher so ein Federball mit besserem Schläger, wobei ich immerhin noch gelegentlich einen Ball treffe. Basketball geht auch noch, wobei ich keine Aussage über meine Korbwurfqualitäten machen möchte. Aber einen Ball zu dribbeln, das hab ich auch immer noch so halbwegs geschafft. Handball halte ich nach wie vor für einen gnadenlos sinnfreien Sport (wobei ich irgendwann festgestellt habe, das Profi-Handball sehr anders ist als Schul-Handball), und Volleyball für einen sagenhaft schlechten Scherz.

Wenn mir so ein Ball entgegen kommt, dann stehen bei mir grundsätzlich zwei Handlungsoptionen zur Verfügung: Weglaufen oder Körper schützen. Die Optionen “Ball fangen”, “Ball kontrolliert abwehren und wieder ins gegnerische Feld befördern” oder “Ball stoppen” gehören leider nicht dazu. Als Entschuldigung könnte ich noch angeben, dass mit der steigenden Kurzsichtigkeit meines linken Auges auch ein sicherlich nicht zu verachtender Verlust der dreidimensionalen Sehfähigkeit einherging, aber ich glaube, ich bin vor allem schlecht mit Bällen.

Ich weiß auch gar nicht so genau, was der Höhepunkt meiner Unsportlichkeitskarriere war. Ein guter Kandidat wäre sicherlich der blaue Brief in Sport, den noch nicht Mal meine Eltern ernst nehmen konnten. Es gäbe da aber auch noch die Geschichte, wie ich in der Oberstufe aus dem Sportkurs flog, nachdem irgendwer festgestellt hatte, dass der Kurs eigentlich zu groß sei und dementsprechend entschieden wurde, dass die Leute mit der schlechtesten Note sich einen neuen Kurs suchen sollten, vermutlich in der vollkommen nachvollziehbaren Annahme, dass die Chance, dass ich, wenn ich schon in einem Kurs, den ich mir selbst ausgesucht habe, scheiße bin, dann in einem anderen Kurs sicher deutlich bessere Noten erzielen könnte.

Und bevor das hier noch komplett im Selbstmitleid endet, hören wir besser auf. Mir würden noch viele andere Geschichten einfallen, die Quintessenz bleibt dieselbe. Es hat in meinem Leben noch niemand geschafft, mich nachhaltig für Sport zu begeistern. Jeder Versuch endete verlässlich damit, dass ich nachher noch weniger Verständnis für das ganze Theater hatte als vorher.

Dabei bin ich gar nicht bewegungsfaul. Ich gehe sehr viel und auch recht lange spazieren, ich laufe lieber fünf Etagen die Treppe rauf als auf den Aufzug zu warten, ich fahre gelegentlich Fahrrad und wenn man mir ausreichend Alkohol gibt, tanze ich eventuell sogar. Nur Sport ist nichts für mich.

Vielleicht ist mein Adrenalin falsch gepolt. Beim ersten und voraussichtlich einzigen 10–km-Lauf, an dem ich je teilgenommen habe, dachte ich bei Kilometer 9 1/2 jedenfalls nicht “Geil, gleich geschafft”, sondern “Wofür mach ich diesen Scheiß eigentlich?”. In diesem Sinne: No sports. Bitte. Danke.

Foto-Fragen-Freitag (Urlaub, Tag 2)

Weil Steffi von Ohhh… Mhhh… die Freitagsfragen ja schon gestern veröffentlicht hat und ich außerdem Urlaub und somit viel Zeit habe, gibt’s heute die Morgenedition. Mehr gibbet hier.

1. Was bringt dich zum Lächeln?

Koala

Der Koala, den der Mann aus Australien mitgebracht hat.

2. Ein Erbstück?

Ehering

Der Ehering meiner Oma. Bei der Hochzeit hatten wir keine Ringe mangels beiderseitigem Interesse, dafür hat mir meine Mutter nach dem Tod meines Opas die Eheringe meiner Großeltern gegeben.

3. Wie fühlst du dich heute?

Balkon

Etwas zersauselt, aber vor allem voller Freude auf die bevorstehende Fensterbrettsitzundrausguck-Saison. Es gibt hier keinen Balkon, aber die Fensterbänke sind schön breit und niedrig und gehen nach Süden raus. (Nicht im Bild: Das Zersauselte.)

4. Dein Lieblingseinkauf diesen Monat?

mila

Kann sein, dass ich die Mila-Tasse für Essen schon im Februar gekauft habe, aber ich habe anscheinend in der letzten Zeit nichts Aufregendes angeschafft. Wird wohl mal wieder Zeit.

5. Deine Bücher?

Bücher

Die wenigsten unsererer vielen, vielen Bücher haben es beim letzten Umzug (140 auf 70 qm) bis in die neue Wohnung geschafft und sind jetzt hübsch eingelagert. Die Lieblingsautoren durften aber mit. (Vor allem wollte ich nicht schon wieder das Kindle fotografieren.)

Urlaub, Tag 1 – Im Stadtgarten rumlümmeln

Kindle

Erster Tag Urlaub. Ich bin sofort überfordert, weil ich mich entscheiden kann, was ich machen soll. Lieber direkt ganz viel unternehmen und Sachen machen und rumfahren und alles machen, wozu ich sonst nicht komme, oder am besten möglichst wenig? Hm? Na?

Doreen sagt, ich soll mir ein Buch schnappen und mich in den Grugapark legen. Das ist an sich eine gute Idee, aber ich entscheide mich dann für die einfachere (und auch kostengünstigere) Variante und lege mich mit dem Kindle in den Stadtgarten. Im Sommer ist der Stadtgarten so ein bisschen die größte Grillwiese von Essen, da darf man dann jedenfalls nicht durch, wenn man Hunger hat. Heute sind aber nur Leute da, die auf Decken und Bänke die Sonne genießen. Ich, zum Beispiel.

Und dann lümmel ich ein bisschen am See rum, gucke den Enten und Tauben zu, les ein bisschen und nachher lauf ich noch rum, zwischen Philharmonie und Aalto-Theater, schön mit Blick auf den RWE-Turm.

Auf dem Boule-Platz ist nur ein einsamer Boule-Spieler, schade eigentlich, ich finde es sehr entspannend, Menschen beim Boule-Spielen zuzugucken. Die wirken dabei auch immer sehr entspannt und man kann sich außerdem einbilden, man wäre in Frankreich. Der einsame Boule-Spieler übt nur ein bisschen, wirkt dabei aber immerhin auch sehr entspannt.

Der Mann holt mich ab, ich schnappe mir vor der Philharmonie ein Leihrad und dann geht’s kurz das Portemonnaie da abholen, wo er’s gestern hat liegenlassen (immerhin, nur liegenlassen, nicht verloren) und von da aus ins Café, eine Maracujaschorle trinken und danach ein bisschen über den Wochenmarkt schlendern und dann nach Hause. (Leihräder: Super-Erfindung, übrigens.)

(Später mache ich noch Nudelsalat und dann können wir zu Hause weiter rumlümmeln. Guter erster Urlaubstag. Kann so weitergehen.)

Eisfläche

Bank

Baum

Knospe

Taube

Hyazinthe

Mehr Knospen

Karte

Bank

Blau

Aalto & RWE

Laterne

Blüte

Kreide

Osterglocke

Stamm

Ente

Regenbogen

Eis

Bäume

In einem dieser Bäume ist vielleicht ein Geocache versteckt. Ich sag aber nicht, in welchem.

Boule

Bouledings

Ich weiß nicht, was es ist, aber man braucht es anscheinend fürs Boule-Spielen.

Vorfreude (alles toll)

Als ich nach langer und leicht frustrierender Suche endlich diese Wohnung gefunden hatte, war ich überglücklich. Ein schönes Apartment in Hanau suchen zu müssen  ist etwas, was ich niemandem wünsche, jedenfalls niemandem, den ich mag. Entweder die Wohnung ist hässlich oder teuer oder gerne auch beides. Alternativ hätte ich auch eine Wohnung in Kleinauheim haben können, die zwar halbwegs nett und sogar einigermaßen bezahlbar gewesen wäre, aber eben in Kleinauheim.

Ich hab dann aber diese Wohnung hier gefunden. Schön klein, in einem Haus mit wunderschöner Holztreppe, ich kann zu Fuß zur Arbeit gehen. Alles super. Als Bonus gibt es noch einen kleinen Hinterhof mit optimistisch geschätzt 4qm Rasenfläche und einer Holzbank dazu.

Als es heißt, es könnte eventuell in der Nacht von Donnerstag auf Freitag Nordlichter zu sehen geben, mache ich gleich ganz aufgeregt das Dachfenster auf und gucke mal so rum. Nordlichter gibt es nicht und ich werde auch in dieser Nacht keines sehen, obwohl ich regelmäßig rausgucke. Aber dafür gibt es einen wunderbaren Sonnenuntergang und beim Bildermachen stelle ich fest, dass ich nicht nur auf die Zeichenakademie gucken kann, sondern sogar die halbkaputte Kirche und das Rathaus von meinem Fenster aus sehen kann.

Toll. Sonnenuntergang toll. Wolken toll. Wetter toll. Aussicht toll.

Und an diesem Abend freue ich mich zum ersten darauf, wie toll das wird, bald im Frühling und im Sommer, wenn es wärmer wird und ich die ganze Zeit das Fenster aufhaben kann und dann demnächst abends nicht auf dem Sofa, sondern vielleicht auf der Bank im Hinterhof sitzen und lesen kann und ganz vielleicht fahre ich dann zu IKEA und kaufe einen kleinen Gartentisch. Denn der Bus fährt von IKEA fast bis zur Haustür. Wenn das nicht mal auch toll ist.

Untergang I

Untergang II

Untergang III

Untergang IV

Untergang V

Untergang VI

Wolken

Baum

Dach

Fenster

Hanau ist nicht Brooklyn

Sunrise

Heute Nacht habe ich mir ein WG-Zimmer in Manhattan angeguckt, weil ich dachte, das wäre vielleicht eine gute Alternative, wo ich doch in Brooklyn arbeite. Dann wird der Weg zur Arbeit länger, aber Manhattan ist halt schöner als Brooklyn und man weiß ja, wie schwierig es ist, da eine gute, bezahlbare Wohnung zu finden.

Ich hab dann auch was gefunden, ein schönes Zimmer in einer WG mit Dielenboden. War allerdings ein Durchgangszimmer, was vielleicht ein bisschen ungünstig ist, so in einer WG, wenn einem dauernd (bestimmt auch nachts) jemand durchs Zimmer läuft. Dafür sollte es aber nur 140 Euro im Monat kosten, inklusive Telefon UND Fax und noch irgendwas, das hab ich aber vergessen, von Internet war aber nicht die Rede. Trotzdem. 140 Euro. In Manhattan. Mit Dielenboden. Da fängt man schon mal an, zu überlegen, Durchgangszimmer oder nicht.

Was ich auch noch hätte klären müssen, wo denn die komischen schwarzen Ledermöbel hinkommen sollten, oder ob die in dem Zimmer bleiben müssten. Und dann fiel mir ein, dass ich ja die Wohnung hier bis Mitte September gemietet habe, da müsste ich ja ganz schön lange doppelt Miete zahlen. Auf der anderen Seite: 140 Euro in Manhattan. Außerdem kann man ja solange untervermieten.

Heute Nacht hätte ich also fast in einer WG in Manhattan ein Durchgangszimmer für 140 Euro gemietet. Heute Morgen hab ich aber gemerkt: Manhattan ist gar nicht Frankfurt und Hanau ist nicht Brooklyn. Und überhaupt bin ich kein WG-Typ und wenn schon, dann nehm ich bestimmt nicht das Durchgangszimmer, selbst mit Dielenboden und Telefon UND Fax.

Die Sonne geht auf und alles ist eigentlich ganz gut so, wie es ist. Nur, dass ich jetzt gerne mal wieder nach New York möchte. Da war ich schon so lange nicht mehr.

Wagner hören

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Sonntagabend sitzen wir im Arbeitszimmer und hören Wagner. Also der Mann sitzt und ich liege auf dem Flauschteppich, denn es gibt ja nur einen Stuhl. Erst gibt’s Parsifal und irgendwann dann anscheinend Walküre, ich krieg aber natürlich nix mit, denn ich kenne mich mit Wagner nicht aus. Ich hab nur einmal Götterdämmerung gesehen, das war ein Weihnachtsgeschenk, also eigentlich zwei Geschenke in einem, einmal die Karten für die Oper und dann, dass ich mitkomme und stundenlang Wagner gucke und höre.

Der Bass wummert ordentlich, aber sollten die Nachbarn hochkommen und sich beschweren, weil es zu laut ist, dann kann man ja sagen: “Das ist Wagner, ihr Kulturbanausen!”

Dann gibt es Arme Ritter mit karamellisierten Apfelscheiben, der Mann sitzt im Sessel und trinkt erst Tee aus der Edinburgh-Tasse und nachher den guten Laphroaig-Whisky aus dem Whisky-Glas, das wir in Schottland im Whisky-Museum bekommen haben.

Mir wird Wagner vorzitiert und mit großem Enthusiasmus bekomme ich die Handlung erklärt. Zwischendurch möchte der Mann ins Lager fahren, um seine Wagnerpartituren zu suchen, denn es stellt sich heraus, DASS ER SICH IM TEXT VERTAN HAT! Oh nein! Welch Schmach und Schande! Und die ganze Zeit grinse ich wohl so ausreichend, dass mir mangelnde Ernsthaftigkeit vorgehalten wird. Ich meine, wir hören hier immerhin Wagner. (Da wird nicht gegrinst.)

Später dann beim großen Komponisten-Ratespiel versage ich kläglich, rate Stravinsky und Fauré bei Schönberg, aber Bach erkenne ich immerhin. Und ansonsten gucken uns Tom Waits, Audrey Hepburn (nicht im Bild) und Burroughs zu. Der Burroughs hängt im Übrigen verkehrt rum, damit das Bild sich im Rahmen wieder zurechtrückt. Auf der anderen Seite spricht ja auch ohnehin nichts dagegen, Burroughs Kopfstand machen zu lassen, deswegen bleibt er jetzt auch so, obwohl sich das Bild wider Erwarten tatsächlich zurechtgerückt hat.

Und am Ende wissen wir: Ein Abend mit Wagner, Whisky, Kakao und Flauschteppich ist ein guter Abend. Sollte man öfter machen.

So ist das mit dem Lampenfieber

Klavier

Letzte Woche Donnerstag saß ich wieder am Flügel und habe gespielt und gesungen. Vor Leuten. Vor Leuten, die ich nicht kenne. Lieder, die ich geschrieben habe und Lieder, die andere Leute geschrieben haben.

Ich wollte eigentlich einen “Zum ersten Mal”-Artikel basteln, aber das wäre gleich mehrfach gelogen gewesen. Ich hätte ihn “Zum ersten Mal wieder auf der Bühne” nennen können, aber letzten Donnerstag war ich ja schon das zweite Mal wieder auf der Bühne. Und außerdem wäre das auch schon eine Spitzfindigkeit gewesen, denn ich war ja eben nur zum ersten Mal wieder auf der Bühne.

Zum ersten Mal auf der Bühne, und zwar nicht im Zusammenhang mit Schulaufführungen oder Musikschulvorspielen war ich mit 17. Vielleicht war ich auch schon 18, ich müsste noch mal den Flyer suchen, auf dem mein Name steht und dazu irgendwas wie “Singer-Songwriter aus Leverkusen” oder so. Ich hab den Zettel noch, sowas wirft man ja nicht weg. Ich war auf jeden Fall noch sehr jung.

Der allererste Auftritt lief so, dass ich irgendwo gesehen hatte, dass man im Domforum in Köln auftreten könnte, wenn man irgendwo anruft und sagt, dass man das möchte. Ich hab nicht angerufen, weil ich damals eine unglaubliche und völlig irrationale Anrufbeantworterphobie hatte. Ich hab eine Postkarte geschrieben. Das hat aber gereicht, so dass mich auf einmal jemand anrief und sowas sagte wie, hey, ja, du hast ja eine Postkarte geschrieben und willst du nicht dann und dann bei uns spielen? Und ich sagte ja.

Der erste Auftritt war toll. Alles war super, ich habe gesungen und Leute haben applaudiert und nachher haben wir Leute gesagt, dass das gut war und haben mich mit Menschen verglichen, deren CDs ich kannte und liebte und alles war toll. Meine Eltern waren nicht dabei, weil meine Eltern mich kennen und wussten, dass ich sowas erstmal alleine machen muss. Dafür hat meine Mutter einen Bekannten engagiert, damit doch irgendwer im Publikum ist, den ich kenne, falls doch irgendwas ist.

(Danach durften meine Eltern übrigens immer zugucken und zuhören und haben das auch gerne getan. Nur beim ersten Mal eben nicht.)

Aber alles war super. Und ich habe danach noch mal im Domforum gespielt und im Bonn im Café Tiferet (das es meines Wissens nicht mehr gibt) und im Bürgerforum Köln-Kalk. Ich besitze eine Kassette, eine Mini-Disc (für die ich kein Abspielgerät besitze) und eine CD von Auftritten und dem einen Mal, wo ich im Radio war.

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Und dann wurde es auf einmal mehr mit Arbeit und weniger mit Musik und vor allem Auftritten und überhaupt habe ich festgestellt, dass es sauschwierig ist, in Deutschland Orte zu finden, wo man auftreten kann, ohne dass man gleich die ganze Technik selbst anschleppen muss. Ich habe zwei Gitarren und ein Klavier. Die Gitarren kann ich mitnehmen, das Klavier leider nicht, bzw. eines davon könnte ich sogar, aber dafür fehlt mir dann das Auto.

An all den Orten, wo ich bisher gespielt habe, gab es wunderbare Menschen, die mir geholfen haben, die sich um die Technik gekümmert haben, Kabel ein- und umgesteckt haben und mir sogar gesagt haben, ob was gut oder schlecht klingt und was ich machen muss, damit es besser wird, denn ich habe für sowas kein Gefühl. Ich kann Songs schreiben und covern. Ich kann am Klavier sitzen oder eine Gitarre in die Hand nehmen und ich kann das zumindest so ausreichend gut, dass andere Leute das gerne hören.

Um so glücklicher war ich, als ich rausgefunden habe, dass in der Frankfurt Art Bar in Sachsenhauen jeden Donnerstag Open Mic Night ist und dass die da sogar ein Klavier haben. Beim ersten Mal war ich nur da, um die Lage zu sondieren und ich war begeistert. Jeder darf 15 Minuten spielen, selbstgeschriebenes, gecovertes, mit Gesang und Instrumental. Alles ist wunderbar heimelig, es gibt Apfelwein, Whisky und Portwein und zu Essen auch. Und vor allem eben tolle Musik von vielen tollen Menschen, die manchmal direkt von der Arbeit kommen, um hier ein paar Minuten lang auf der Bühne zu stehen.

ArtBar

Aber es geht ja ums Lampenfieber. Ich kann gut mit Lampenfieber. Eben wegen der Schulaufführungen und der Musikschulvorspiele und weil ich gute Erfahrungen gemacht habe. Aber auch, weil ich weiß, dass einem eigentlich nichts passieren kann. Dass man, wenn man sich verspielt, einfach wieder anfängt und hofft, dass es keiner merkt. Dass man, wenn man sich hoffnungslos verspielt hat, das dann einfach sagt und noch mal neu anfängt. Und dass die meisten Leute es schon bewunderswert genug finden, dass man sich überhaupt auf so eine Bühne traut.

Das Lustige ist aber, man hat trotzdem Lampenfieber. Völlig egal, wie oft man das schon gemacht hat. Völlig egal, wie oft ich ein Stück schon gespielt hab und weiß, das kann ich jetzt, da mach ich keine Fehler und wenn schon, ist auch nicht so schlimm. Das Lampenfieber ist immer da. Es macht, dass ich hibbelig bin und nervös. Es macht vor allem, dass ich denke, ich müsste auf Toilette, was sich dann meistens als irrige Annahme entpuppt. Es macht interessanterweise nicht, dass ich Angst habe oder es mir auf einmal anders überlegen möchte oder auf einmal meine Fähigkeiten in Frage stelle. Dafür hab ich das dann wahrscheinlich doch schon zu oft gemacht.

Ansage

So war das auch beim ersten Auftritt in der Frankfurt Art Bar. Ich bin als erste des Abends auf die Bühne geschlichen. Hab mich hingesetzt und ein paar Worte gesagt und dann hab ich gespielt. Ein Lied von mir, dann “Cross-Eyed Bear” von Damien Rice und dann noch eins von mir. Meine Hände haben gezittert und meine Stimme auch. Aber es war toll. Und es war gut. Und ich war den ganzen Abend noch high auf Adrenalin oder was das ist, was der Körper dann in Massen ausschüttet.

Beim zweiten Mal war’s schon besser, ich hab weniger gezittert und war auch ein bisschen weniger nervös, vielleicht auch deswegen, weil mich Leute wiedererkannt haben und ich mir gesagt habe, das ist bestimmt ein gutes Zeichen. Vielleicht auch, weil ich wieder ein bisschen mehr wusste, was ich da eigentlich mache. Weil es ein bisschen vertrauter war. Oder vielleicht auch nur, weil ich vorher mehr Apfelwein getrunken hatte.

Und es war wieder gut und beim nächsten Mal nehme ich vielleicht die Ukulele mit. Dann bin ich bestimmt wieder ein bisschen nervöser, denn mit Ukulele, das hab ich noch nie vor fremden Leuten gemacht. Das ist neu. Aber auf der anderen Seite, das Lampenfieber ist eh immer da, und es ist ein gutes Fieber. Es macht, dass ich vorher aufgeregt bin und nachher auch und vor allem macht es, dass ich mich freue wie blöd.

Licht

Es ist wunderbar, dass es solche Orte wie die Frankfurt Art Bar gibt, ich bin auch dankbar, dass es damals das Domforum gab, das mich zum ersten Mal auf die Bühne gelassen hat und all die Leute, die gesagt haben, ja klar, bei uns kannst du auch auftreten. Und wenn hier jemand noch gute Tipps hat, wo es ähnlich wunderbare Orte gibt, dann bitte alle her damit.

So ist das nämlich mit dem Lampenfieber. Es ist ganz furchtbar und schrecklich und gleichzeitig ganz wunderbar und es soll bitte auch nie weggehen. Denn wenn man nicht nervös ist, bevor man auf die Bühne geht, dann ist auch irgendwas nicht richtig.

Die Frankfurt Art Bar findet man im Ziegelhüttenweg 32 in Frankfurt-Sachsenhausen und jeden Donnerstag ist Open Mic Night und manchmal bin ich auch da.

Goldschmiedehaus

Ich mecker ja viel über Hanau, weil’s hier so hässlich ist und überhaupt. Und da ich bis jetzt immer noch den Großteil meines Lebens in Köln-Mülheim und Leverkusen gewohnt habe, kenne ich mich aus mit Städten, die nicht unbedingt ob ihrer objektiven Schönheit auffallen.

Aber ich merke doch, wie ich mich so langsam an Hanau gewöhne, und wie ich dann so denke, ach na ja, immerhin gibt’s hier mehr als einen Bücherladen und einen REWE, der bis 22 Uhr auf hat und bei dem man Mini-Marshmallows kaufen kann und einen ordentlichen Vietnamesen und einen IKEA und einen ICE-Bahnhof, von dem einen die Bahnen im Zweifelsfall in weniger als 30 Minuten nach Frankfurt fahren. Das ist ja doch alles nicht so schlecht und man munkelt, es gäbe hier sogar richtig schöne Ecken. In Kesselstadt ist sogar ein Schloss und in Steinheim sah’s auch ganz nett aus, als ich einmal da war.

Vielleicht habe ich jetzt den Punkt erreicht, wo ich anfange, mich schützend vor dieses Städtchen zu stellen, ganz nach dem üblichen Motto: “Wenn hier einer schlecht über Hanau reden darf, dann ich, denn ich muss hier immerhin wohnen.” Und wer nicht abends noch leise einen Zug in der Ferne über die Gleise rattern hört, wer nicht bei jedem Blick gen Himmel mindestens drei Flugzeuge sieht und wer auch nicht morgens die Sonne über einer der hässlichsten Stadt-Silhouetten Deutschlands aufgehen sieht, der halte sich gefälligst raus.

Aber es gibt hier tatsächlich ganz nette Ecken. Ich wohne zum Beispiel in einer, und letzten Mittwoch trieb es mich nördlich des unglaublich hässlichen Busbahnhofs, der zwar Friedensplatz heißt, aber meistens eher nach Krieg aussieht, zum Goldschmiedehaus und die darum liegenden Sträßchen. Da sind die folgenden Fotos entstanden, und man sieht: Es gibt hier auch schöne Gebäude. Zweifellos.

Doch wenn ich dann doch wieder über eine dieser famosen Sechziger-Jahre-Bauten stolpere, erst dann merke ich, was ich an dieser Stadt eigentlich mag. Nämlich, dass sie mich manchmal so an die Modelleisenbahn meines Opas erinnert. Und das findet man nicht überall.

Luken

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3

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Konzertsaal

Turm

Turm II

Bücherei

Bücherei II

Brücke

Information

Graffiti

Grimm I

Grimm II

Grimm III

Fenster

Goldschmiedehaus

Fenster II

Schrift

Fenster III

Fassade

Goldschmiedehaus II

Modelleisenbahnbeispiel

(Und hier ein Beispiel für die wunderbare Baukunst der sechziger Jahre, die bei mir so schöne nostalgische Märklin-Gefühle auslöst. Hach.)

Bubble-Tea-Gespräche

Ja, ich mag Bubble Tea. Ich möchte an dieser Stelle aber mal anmerken, dass ich den ersten Bubble Tea 2009 in Hong Kong getrunken habe und das auch vor allem, weil ich schon etwa drei Jahre vorher mit Bildern von einer amerikanischen Blogfreundin konfrontriert wurde, auf denen sie stolz ihren Bubble Tea präsentierte und ich nur verzweifelt feststellen musste, dass es das in Deutschland einfach nicht gibt. Für Leute wie mich, die alles immer probieren müssen, ist das ein fast untragbarer Zustand.

Jetzt gibt es überall Bubble Tea. Wirklich überall. Überall bedeutet in meiner Welt übrigens: Selbst in Hanau. Wenn es selbst in Hanau etwas gibt, dann gibt es das überall.

In Essen im Einkaufszentrum am Limbecker Platz hat jetzt auch ein Stand aufgemacht, und bei dem Andrang kann man sich schon ein bisschen fragen, warum es so lange gedauert hat, bis jemand auf diese Idee gekommen ist. (Mal abgesehen davon, dass die anderen beiden mir bekannten Bubble-Tea-Läden in Essen direkt vor und auf dem Weg zum Einkaufszentrum sind. Das erinnert mich an den Moment, als in Düsseldorf der zweite Dunkin‘ Donuts geschätzte 100 Meter neben dem ersten eröffnete.) Entsprechend laufen im Einkaufszentrum sehr, sehr viele Leute rum, die gerade Perlen durch dicke Strohhalme schlürfen, was dann wiederum die Neugier anderer, wenn auch vielleicht etwas abgeklärterer Menschen, weckt.

So standen wir jedenfalls im Saturn und suchten Filme fürs Wochenende aus, als der Mensch neben mir eine Chance sah, endlich Antwort auf seine vielen Fragen zu bekommen.

„Ich muss Sie jetzt mal was fragen“, sagte er. „Was ist denn das, was Sie da haben.“

„Bubble Tea“, sagte ich.

„Aha. Da laufen ja jetzt hier alle mit rum. Das muss ja was ganz Besonderes sein. Was kann das denn? Kann das sprechen?“

An der Stelle musste ich innerlich schon laut losprusten, verwies ihn aber zunächst an den Mann mit dem Hinweis, dass er soeben das ausgesprochen hätte, was der Mann sich schon seit Monaten denkt.

Dann erklärte ich aber doch noch kurz, was das ist, musste aber eingestehen, dass es doch vor allem im Moment sehr hip und trendy ist und eigentlich nur kalter Tee mit irgendwelchen Sirups, in dem lustige Kügelchen schwimmen.

Das schien ihm als Erklärung zu erreichen. Als Kaufargument – so zumindest meine Einschätzung – wohl eher nicht.

Nein, Bubble Tea kann nicht sprechen. Das fände ich auch etwas seltsam, ich möchte nämlich nicht, dass mein Essen mit mir spricht. Und wer an dieser Stelle noch etwas Aufklärung  möchte, dem sei gesagt, dass Bubble Tea nicht so heißt, weil da solche Kügelchen drin rumschwimmen, sondern, weil er wie ein Shake zubereitet wird, und sich deswegen oben Schaum (also: bubbles) bildet. So ist das nämlich.

Rein theoretisch kann man also auch Bubble Tea ohne Perlen oder Jelly bestellen. Aber das wäre ja albern, denn wo wäre denn dann der Spaß? In diesem Sinne: Prost. Und ich überlege jetzt, ob ich noch mal eine Ladung Tapioka-Perlen koche für einen hausgemachten Bubble Tea am Sonntag.

Zum ersten Mal: Gitarrenunterricht

Ich hatte ja schon viel Musikunterricht in meinem Leben. Vom Blockflötenunterricht, in den ich mich irgendwie in der Grundschule geschmuggelt habe, und bei dem ich bis heute nicht sicher weiß, ob der nicht eigentlich kostenpflichtig war, über Klavier, Klarinette, Akkordeon bis hin zum Kinderchor, wo ich es aber nur ein Jahr ausgehalten habe. Ich kenn das also.

Was ich niemals nie hatte, war Gitarrenunterricht. Viele Leute haben keinen Gitarrenunterricht. Gitarre ist ein Instrument, das verhältnismäßig häufig irgendwo zur Verfügung steht und das auch zunächst recht einsteigerfreundlich ist. Meine Eltern können beide Gitarre spielen, mein Vater sogar ziemlich gut, und beide haben sich das selbst beigebracht. Die einfachen Griffe hat man schnell drauf, G-Dur und D-Dur sind dankbare Tonarten ohne komplizierten Schnickschnack wie diese elenden Barree-Griffe.

Und so hab ich es mir auch beigebracht, sogar schon recht früh, nämlich mit einem Rolf-Zuckowski-Liederbuch, wo die Griffe oben drüber standen. Musste man mir wohl auch nicht erklären, wie man die zu verstehen hat, das sieht man ja sofort und ich vermute mal ganz stark, dass ich damals mit kleinen Kinderhänden und der Erwachsenengitarre einer meiner Elternteile das D am besten fand. Da muss man sich nicht so verrenken.

Weil ich sowieso latent faul bin, hab ich mich auch mehr oder weniger damit durchgemogelt, bis ich so ungefähr 31 war. Ich hab noch ein paar mehr Griffe gelernt und zwischendurch auch mal klassische Gitarre versucht (man hat ja viel Zeit so als Teenager), bin aber weiterhin an den Barree-Griffen gescheitert und kann auch nach wie vor nicht mit Plektrum. Überhaupt: Ich weiß halt, wie und was ich spielen muss, damit nicht so auffällt, dass ich’s eigentlich nicht kann. Es stand eben auch nie ein Musiklehrer dahinter, der enttäuscht geguckt hat, wenn sich mal wieder rausstellte, dass ich die ganze letzte Woche nicht geübt hatte.

Aber das hat nun ein Ende. Seit Januar 2012 bin ich offiziell Schüler an der Modern Music School in Hanau. Anders gesagt: Nach knapp zehn Jahren Abstinenz muss ich wieder einmal die Woche zum Instrumentalunterricht. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Ich bin quasi wieder jung!

Eine Gitarre hatte ich ja schon. Genauer gesagt besitze ich derer zwei und musste nur überlegen, welche jetzt mit zum Musikunterricht kommt und welche zu Hause bleiben darf. Ich habe mich dann aus masochistischen Gründen für die Stahlsaiten-Gitarre entschieden. Die ist nämlich schwerer zu spielen als die andere und schneidet einem fies in die Fingerkuppen, wenn man auch nur länger als fünf Minuten eine von den oberen Saiten runterdrückt. Aber ich will ja was lernen. Die nette, freundliche Gitarre mit den sanften Nylonsaiten durfte zu Hause bleiben und wird jetzt am Wochenende bemüht.

In der Schnupperstunde durfte ich erzählen, was ich so gerne machen würde: Liedbegleitung und generell ein paar Techniken, und Picking und mal lernen, wie man mit einem Plektrum spielt und HERRGOTT, WAS WEISS DENN ICH? Halt nicht mehr so beschissen spielen, sondern mal ordentlich. Und das mit den Barree-Griffen. Das möchte ich nachher bitte können.

Der Gitarrenlehrer hat sich das alles brav angehört und dann gesagt, für die nächste Stunde sollte ich mal ein paar Lieder mitbringen, die ich gerne spielen würde. Außerdem haben wir noch geübt, wie man Talkin‘ ‚bout a Revolution von Tracy Chapman spielt und dabei besonders intelligent von G nach C wechselt.

Am nächsten Montag fuhr ich dann mit der folgenden in Eile hingekritzelten Liste ins wunderschöne Industriegebiet Nord, wo ab 19 Uhr die Busse nur noch stündlich fahren und auch sonst nix ist (aber das nur am Rande).

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Ich fand (und finde immer noch), hier eine gute Selektion gitarrenunterrichtsgeeigneter Populär-Musik zusammengestellt zu haben. Wir haben allerdings nichts davon gemacht, noch nicht mal die Liste angeguckt. Ich werde sie trotzdem behalten, damit ich mal dran denke, Breakeven ordentlich spielen zu lernen.

Statt dessen gab’s The Police mit dem ultimativen Stalkersong Every Breath You Take. Also eigentlich nur acht Takte davon. Vier Akkorde, aber vier sehr lustige. In der ersten offiziellen Stunde darf ich nicht nur meine Gitarre mit einem ulkigen Stimmgerät selbst stimmen, sondern lerne auch, wie man besonders clever ein G9, ein Em9, ein C9 und ein D9 greift. LAUTER NEUNER-AKKORDE, LEUTE! AUF DER GITARRE! ICH! Dabei kann ich doch sonst nur für ausgewählte Tonarten die Siebener und nur gelegentlich mal einen in Moll (ich empfehle auch hier A-Moll, E-Moll und D-Moll, den Rest kann man mehr oder weniger knicken, alles Barree-Scheiß). Auf jeden Fall kann ich auf einmal was völlig Neues und das auch noch zupfen. Und es klingt gut. Es deckt zwar nur geschätzt 30 Prozent des Gesamtkunstwerkes ab, ich bin aber vollkommen begeistert von den neuen Erkenntnissen, die ich hier gewinne.

Der Gitarrenlehrer scheint in der ersten Stunde ähnlich überfordert wie ich. Er weiß nicht genau, was ich schon kann und was nicht und was ich überhaupt von ihm will und ich weiß nicht so genau, wie ich ihm vermittle, dass er mir weder Noten noch sonstwas beibringen muss und dass ich mir auch eine lausige Akkordverbindung von vier Akkorden nicht aufschreiben muss. Vor allem weiß ich nicht, wie ich ihm das vermittle, ohne dabei arschig und überheblich zu wirken. Wir einigen uns darauf, dass ich die Akkordfolge doch aufschreibe und zwar inklusive des Zupfmusters, das ich dann auch exakt einmal vergesse, nämlich am Anfang der nächsten Stunde, nachdem ich es die ganze Woche über wieder und wieder richtig gespielt habe.

In der dritten Stunde lerne ich Folkpicking, Daumen, Mittelfinger, Daumen, Zeigefinger. Erst eine lustige Akkordverbindung, die in einer absurden Verrenkung der linken Hand endet, wenn man nicht merkt, dass man einen Finger getrost weglassen kann und es einmal sehr machbar wird. Und dann darf ich die komplette Akkordfolge für Streets of London aufschreiben, mit einer “künstlerischen Freiheit”, die wohl einzig und allein nur dazu gedacht ist, mich mit einem F-Moll aus der Fassung zu bringen.

Das darf ich diese Woche üben. Das und weiter Every Breath You Take und Melodiespielen soll ich auch üben und überhaupt. Ich hatte am Anfang meine Zweifel, ob das was bringt mit dem Gitarrenunterricht, weil ich bestimmt auch kein einfacher Schüler bin, immer alles schon weiß und einiges ja schon irgendwie kann und man irgendwo in der Mitte anfangen muss, so, dass ich mich nicht langweile, aber auch nicht sofort frustriert bin. Das, was wir bisher gemacht haben, ist mir alles nicht neu, aber es hilft ungemein, alles mal methodisch zu machen und jemanden zu haben, der einem sagt, was man richtig und falsch macht und der einem vor allem doofe Akkorde mit nach Hause gibt, um die man sich nicht so einfach herumschwindeln kann.

Es war einer der Vorsätze fürs neue Jahr, einer der vielen ungeschriebenen, weil ich mir selber nichts versprechen wollte, was ich dann vielleicht doch schon ob der Konkretheit nicht umsetzen hätte können. Ich habe einfach eine Mail geschrieben, einmal telefoniert und mich dann in die Linie 8 ins wunderschöne Industriegebiet Nord gesetzt und jetzt habe ich einmal die Woche Gitarrenunterricht. Und es ist super! Ich lerne was! Und ich setze mich abends mit Gitarre aufs Sofa, damit es nächsten Montag besser klingt als den davor und wir was Neues machen können.

Ich habe endlich wieder Instrumentalunterricht und irgendwie hab ich es wohl auch die ganzen Jahre ein bisschen vermisst.

Gitarre