Gelesen im September 2017 (Teil 1)

Wegen Urlaub ist es wieder viel geworden, so dass ich den September in zwei Teilen Revue passieren lasse.

The Bone Clocks von David Mitchell

Das wollte ich ja eigentlich schon im letzten Urlaub 2016 lesen, bin aber nicht dazu gekommen. Diesmal aber. David Mitchell erzählt die Geschichte von Holly Sykes von den Achtziger Jahren, als Holly als 15-Jährige von zu Hause wegläuft bis in die Zukunft, in der sie… aber nein, das kann man an dieser Stelle nicht verraten.

David Mitchell erzählt in gewohnter Manie aus unterschiedlichen Perspektiven, einmal erzählt Holly selbst, im nächsten Teil ist es dann der Student Hugo Lamb, der in einem Schweizer Ski-Resort auf Holly trifft und sich in sie verliebt. Auch Hollys späterer Ehemann, ein zynischer Autor und eine unsterbliche Ärztin kommen zu Wort und liefern ihren Teil zu dem Puzzle, aus dem sich Hollys leben zusammensetzt und in dem es neben den alltäglichen Problemen auch um den langen Krieg zwischen zwei Gruppen Unsterblicher geht.

Ich habe bisher noch kein schlechtes Buch von Mitchell gelesen und The Bone Clocks reiht sich in die Rangliste aller Mitchell-Bücher ziemlich weit oben ein. Und endlich, endlich kann ich wieder damit angeben, alle Bücher von  David Mitchell gelesen zu haben.

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The Mirage von Matt Ruff

Auch das war ein Buch, was ich schon für den letzten Urlaub geplant hatte, aber ach. Immerhin habe ich mich dieses Jahr tapfer an den Stapel Papierbücher gehalten, auf dass er kleiner werde.

In Mirage entwirft Matt Ruff eine Parallelwelt, in der die Vereinigten Arabischen Staaten eine Weltgroßmacht sind, während die USA eine Ansammlung von kleineren christlich-fundamentalistischen Ländern ist. In dieser Welt steuern am 9. November 2001 zwei Flugzeuge in die Türme des Welthandelszentrums von Bagdad. Die Vereinigten Arabischen Staaten sagen dem Terror den Kampf an. Jahre später tauchen mysteriöse Zeitungsartikel auf, in denen von einer Welt die Rede ist, in der die USA eine Weltmacht sind, der Unterweltboss Saddam Hussein ein Diktator und überhaupt alles anders.

Eine kleine Gruppe um den Ermittler Mustafa wird damit betraut, das Rätsel um diese Artefakte zu lösen. Die Reise führt sie bis ins immer noch besetzte Amerika und noch weiter.

Ich liebe Matt Ruff, auch wenn die Qualität seiner Bücher von toll („Set This House in Order“) bis ganz okay („Bad Monkeys“) geht. The MIrage lag irgendwo dazwischen, ich habe etwas gebraucht, bis ich in die Geschichte reinkam, dann ging es aber recht flott. Jetzt fehlt mir nur noch Lovecraft Country, dann habe ich auch endlich wieder alle Matt-Ruff-Bücher gelesen.

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Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam von Vea Kaiser

Und auch dieses Buch war für den letzten Urlaub geplant. In Blasmusikpop erzählt Vea Kaiser die Geschichte des Dorfes St. Peter am Anger, irgendwo mitten in den österreichischen Bergen. Dort lebte der junge Johannes Gerlitzen, der nach einer Bandwurmerkrankung so fasziniert von der Medizin ist, dass er auszieht, um Arzt zu werden. Jahre später kommt er zurück und lässt sich als Dorfarzt wieder in der alten Heimat nieder. Als einziger Studierter eckt er im Dorf an, auch Frau und Tochter werden aus ihm nicht immer schlau. Erst in seinem Enkel findet er einen Verbündeten. Der kleine Johannes will weder in den Fußballclub, noch mit ins Zeltlager, versteckt sich hinter Büchern und weiß nicht, was er mit dem Rest des Dorfes anfangen soll.

Vea Kaiser entwirft ein Mini-Universum, das einen sofort in seinen Bann zieht. Das Personal ist vielfältig, die Geschichte erstreckt sich über drei Generationen und ist mit viel Lokalkolorit und Humor geschrieben (soweit ich das mit dem Lokalkolorit als Nichtösterreicherin beurteilen kann).

Ich habe die knapp 600 Seiten quasi in einem durch gelesen und kam an diesem Tag – oder vielmehr in dieser Nacht – zu sehr später Stunde ins Bett getapert und das auch aus reiner Vernunft, nicht, weil ich nicht noch hätte weiterlesen können und wollen. Blasmusikpop ist eines der Bücher, die ich mir ganz dringend verfilmt wünsche, weil ich glaube, dass sich sowohl das Setting als auch das Buchpersonal sehr gut dafür eignen würde. Kann das mal jemand bitte machen?

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Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Prinzessin Dylia kann nicht schlafen. Sie leidet an einer mysteriösen Krankheit, die ihr schlaflose Nacht um schlaflose Nacht beschwert, in der sie durch das Schloss streicht und sich irgendwie die Zeit vertreiben muss. Eines Nachts besucht sie ein Nachtmahr, der alptraumfarbene Havarius Opal. Er eröffnet ihr, dass es nun leider seine Aufgabe sein wird, sie in den Wahnsinn zu treiben, bietet ihr aber immerhin an, eine kleine Reise in ihr Gehirn zu unternehmen.

Endlich ein neues Buch von Moers! Alles andere ist mir eigentlich schon fast egal und ich hatte schon große Überlegungen angestellt, wie ich das Buch auch im Urlaub lesen könnte, wo es doch eigentlich erst zwei Tage nach unserer Abfahrt erscheinen sollte, wurde aber schon vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum fündig (darüber schrieb ich im Techniktagebuch).

Der Anfang las sich etwas schwerfällig, zu gewollt und eigentümlich zusammenhanglos. Ab der ersten Erscheinung des Nachtmahrs nahm die Geschichte aber an Fahrt auf und wurde zunehmend besser. Die Illustrationen sind in diesem Buch nicht von Moers selber, sondern von der jungen Illustratorin Lydia Rode. Auch das ist zunächst ungewohnt, passt aber aus mehreren Gründen, von denen einer erst im Nachwort deutlich wird.

Ich empfehle übrigens, das Nachwort so ungefähr zur Mitte des Buchs zu lesen, allerdings auch nur, weil ich das so gemacht habe, und sich so der ein und andere angenehme Aha-Moment einstellte. Aber es funktioniert vielleicht auch, wenn man es ganz zu Anfang oder eben erst ganz zum Schluss liest. Lesen sollte man es. Und das neue Buch von Walter Moers auch. Sowieso.

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Die Gestirne von Eleanor Catton

Neuseeland, Mitte des 19. Jahrhunderts. Der junge Walter Moody kommt gerade vom Schiff aus Europa und platzt in der kleinen Goldgräberstadt Hokitika in einem Hotel in eine Versammlung von zwölf Männern, die das Rätsel, um einen Todesfall, einen vermeintlichen Selbstmord, einen verschwundenen Goldgräber, einen verdächtigen Schiffskapitän und einen Goldschatz lösen wollen. Aus den Geschichten, die jeder der zwölf Männer erzählen kann, ergibt sich nach und nach ein Gesamtbild, aus dem sich die wahre Geschichte herausschält.

Ich habe mich sehr lange nicht an dieses dicke Buch getraut. Sobald man die ersten hundert Seiten geschafft hat und ein bisschen in die verworrene Geschichte hineingekommen ist, möchte man aber gar nicht mehr mit dem Lesen aufhören. Ein großes Buch, das ich sehr geliebt habe. Hier habe ich ausführlicher darüber geschrieben.

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Lieblingstweets im September (Teil 2)

DEOROLLER STATT EULEN! FAHRRADLICHT, GRIPPEIMPFUNG UND BUNDESTAGSWAHL! HERBE ENTTÄUSCHUNGEN! MALSPACHTEL! KOKOSÖL! UND MEIN KLEINES PONY!

Gelesen: Die Gestirne von Eleanor Catton

Die Gestirne von Eleanor Catton

An einem Januar im Jahr 1866 trifft der Engländer Walter Moody in der Goldgräberstadt Hokitika in Neuseeland ein, wo er nicht nur seinen Bruder und seinen Vater, sondern auch sein Glück suchen will.

Sein Weg führt ihn ins nächstbeste Hotel, wo er unabsichtlich im Rauchzimmer eine Zusammenkunft von zwölf Männern der Stadt stört. Diese zwölf Männer, so erfährt Moody und damit der Leser nach und nach, sind hier zusammengekommen, um ein Rätsel zu lösen, das mit einem toten Einsiedler, einer opiumsüchtigen Prostituierten, einem verschwundenen Goldgräber, einem gefundenen Goldschatz, einer überraschenden Witwe, einem erpressbaren Politiker und allerlei mehr Seltsamkeiten zu tun hat.

Eines vorweg: Die Gestirne ist ein dickes Buch. Die knapp 1000 Seiten und die damit einhergehende rein physikalische Schwere des Buches waren nicht zuletzt der Grund, warum das Buch monatelang bei mir rumlag und ich mich nicht rantraute. Es musste erst ein Urlaub kommen, in dem ich mir vornahm, wenn ich sonst nichts schaffen würde, dieses Buch würde ich zu Ende lesen.

Tatsächlich ging es dann sehr schnell. Während man sich die ersten 50 Seiten noch in Sprache und Story einlesen muss, nimmt die Geschichte immer mehr an Fahrt auf, und dann ist man plötzlich mitten drin in den Verstrickungen von Hotitika und möchte eigentlich nicht mehr aufhören, bis man endlich weiß, wie alles mit allem zusammenhängt.

Die Zusammenhänge mit den Gestirnen werden zwar durch Titelüberschriften und Grafiken irgendwie verdeutlicht, tatsächlich hing ich aber zu sehr in der Geschichte fest, um mich damit näher zu befassen. So ist das Buch in mehrere Teile eingeteilt, die – genau wie die Kapitel – immer kürzer werden. Auch das trägt zum immer flotteren Lesetempo bei.

Sollte es also Leidensgenossen geben, die zögernd vor diesem Buch stehen und sich fragen, ob sich das Abtauchen in tausend Seiten Neuseeland-Goldgräber-Saga lohnen: Die Antwort lautet „Ja!“ Die Mühe lohnt sich und wird fürstlich belohnt. Mal abgesehen davon, dass Die Gestirne mittlerweile auch als Taschenbuch erschienen sind und das Buch damit zwar immer noch lang, aber wenigstens nicht mehr so schwer ist.

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Buch auf der Verlagsseite

Rezension in der Zeit

Gelesen im August 2017

The Unit von Ninni Holmqvist

Im Schweden der Zukunft werden Menschen, die nicht gebraucht werden, in einer Einheit untergebracht, in der sie zwar jeden Komfort genießen, nicht arbeiten müssen und diversen Hobbys nachgehen können, aber auch für medizinische Untersuchungsreihen und Organspenden zur Verfügung stehen. Die Erzählerin des Buches, Dorrit, ist gerade 50 geworden, lebt alleine und muss deshalb Haus und Hund verlassen, um ihre letzten Jahre in solch einer Einheit zu verbringen. Während sich Freunschaften ergeben und Dorrit sich unerwartet verliebt, geht es auch immer wieder darum, ob sie ihr Leben anders hätte leben können. Die noch von ihrer Mutter propagierte und von Dorrit gelebte Unabhängigkeit entpuppt sich nun als verzögertes Todesurteil.

Ich habe das Buch in der englischen Übersetzung gelesen, weil es gerade auf dem englischsprachigen Markt erschienen ist, ohne zu wissen, dass es längst auch auf Deutsch erschienen ist – der deutsche Titel ist „Die Entbehrlichen“. Eine schöne, nachdenkliche, verstörende, aber auch lebensbejahende Dystopie, die viele Fragen aufwirft. Sehr zu empfehlen.

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Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag von Katrin Bauerfeind

Im Bücherschrank gefunden und mitgenommen. Katrin Bauerfeind erzählt Geschichten vom Scheitern in allen Lebenslagen. Das ist wie von ihr gewohnt flott und witzig geschrieben, an ein paar Stellen driftete es mir ein bisschen zu sehr in klischeehaftes Frauen/Männer-Dings ab, die Stellen kann man aber noch ganz gut ertragen, weil der Rest ausreichend unterhaltsam und originell ist.

Schön zum Zwischendurchlesen, vermutlich macht das Hörbuch noch mehr Spaß, denn Katrin Bauerfeind zuzuhören ist dann noch mal ein bisschen besser.

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Underground Railroad von Colson Whitehead

The Underground Railroad von Colson Whitehead habe ich mit Spannung erwartet, weil ich schon viel – eigentlich nur Gutes – von dem Buch gehört habe.

Erzählt wird die Geschichte von Cora, Sklavin auf einer Baumwollplantage in dritter Generation. Coras Mutter verschwand, als Cora noch ein Kind war, eine der wenigen Sklaven, der die Flucht gelang und die nie wieder gesehen wurde. So muss sich Cora alleine durchschlagen, ohne Rückhalt und Sicherheit, immer in Angst vor der Willkürlichkeit und Grausamkeit ihrer Besitzer und deren Aufseher. Der Gedanke an Flucht kommt ihr gar nicht, so absurd ist die Vorstellung, als Schwarze im amerikanischen Süden so lange durchzuhalten, dass man es bis in den Norden schafft, wo auch Schwarze frei sein können. Doch dann fragt sie Caesar, ob sie mit ihm fliehen will und beim zweiten Mal sagt sie ja. Die Flucht gelingt über die Underground Railroad, einem Fluchnetzwerk, das tatsächlich existierte, in Whiteheads Geschichte aber nicht nur eine Metapher ist, sondern ein unterirdisches Schienennetzwerk.
Und so beginnt Coras Reise durch Amerika, verfolgt vom Sklavenjäger Ridgeway, der nie die Schmach überwunden hat, bei Coras Mutter Mabel versagt zu haben.

Gott sei Dank wurde ich nicht enttäuscht. Einzig der Anteil der fantastischen Elemente hätte nach meinem Geschmack etwas größer sein können. Doch das ist Jammern auf höchstem Niveau, denn die Geschichte von Cora, Caesar, ihren Helfern, Leidensgefährten und Feinden ist packend von Anfang bis Ende. Whitehead ist dabei schonungslos, hier wird nichts beschönigt, der Mensch, so lernt man, ist eben oft nicht gut und das Amerika dieses Zeitalters kein grundweg angenehmer Ort.

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Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Maja Lunde erzählt die Geschichte der Arbeiterin Tao, die im China der Zukunft als Bestäuberin arbeitet. Die Bienen sind verschwunden und Obst ist zum Luxusgut geworden. Im Jahr 2007 muss sich der amerikanische Imker George damit auseinandersetzen, dass sein einziger Sohn nicht vorhat, die Imkerfarm zu übernehmen. Und im Jahr 1852 liegt der Wissenschaftler William Savage mit Depressionen im Bett, bis ihn die Idee eines revolutionären Bienenkorbs wieder beflügelt.

Allen Geschichten gemein sind die Bienen und was sie für die Menschen und die Welt bedeuten. Ein schönes Buch, das ich hier ausführlich rezensiert habe.

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Für drei Dollar nach Ansonia von Julie Angell

Im Bücherschrank gefunden und vom Titel her ziemlich sicher gewesen, dass ich dieses Buch irgendwann vor über 20 Jahren mal gelesen habe. Es ist ein schon etwas in die Jahre gekommenes Jugendbuch über eine jüdische Einwanderin im New York des 19. Jahrhunderts. Die junge Rose kommt mit ihren Geschwistern nach Amerika, wo ihr Vater neu heiratet. Die neue Frau ist sichtbar unglücklich mit dem plötzlichen Auftauchen so vieler Stiefkinder und so werden die Kinder bis auf die jüngste Schwester innerhalb der jüdischen Gemeinde verteilt, als Hilfsarbeiter und Haushälterinnen.

Und gerade Rose lässt sich nicht unterkriegen, sei hat ihren eigenen Kopf, will lieber abends nach der Arbeit in der Näherei noch in die Schule gehen, Lesen, Schreiben und vor allem Englisch lernen.

Das Buch ist kurz, einfach geschrieben und mit einer insgesamt recht harmlosen Geschichte. Trotzdem habe ich beim Lesen viel Spaß gehabt, vielleicht gerade wegen der Unaufgeregtheit des Buches.

Für drei Dollar nach Ansonia gibt es nur noch gebraucht oder man wird eben im Bücherschrank fündig.

 

Und es schmilzt von Lize Spit

Eva fährt zum ersten Mal seit Jahren zurück in ihr Dorf. Im Kofferraum liegt ein Eisklotz, der langsam vor sich hin schmilzt, auf dem Dorf erwartet sie eine Gedenkfeier für Jan, den Bruder eines ihrer besten Freunden, der vor vielen Jahren mit 17 durch einen Unfall starb und die Präsentation der neuen Melkmaschinen.

Und es schmilzt ist ein kraftvolles, schonungsloses Buch über das Erwachsenenwerden in einem flämischen Dorf. Eine ausführliche Rezension steht hier.

Und es schmilzt von Lize Spit [Amazon-Werbelink]

 

Der neue Chef von Niklas Luhmann

Mein Wissen über Luhmann ist gefährliches Halbwissen, dass ich hauptsächlich aus den vielen Gesprächen mit meinem Mann erlangt habe, der Luhmann während des Studiums rauf und runter las.

Der neue Chef ist ein Essay von Luhmann aus den frühen Sechziger Jahren, in dem er die Organisation innerhalb einer Firma – mit besonderem Blick auf Verwaltungen – auseinandernimmt, und das vor allem hinsichtlich der Frage, wie Chefs mit ihren Mitarbeitern umgehen, welche Rollen ein Chef innerhalb des sozialen Gefüges einer Organisation spielt, welche Widersprüche sich zwischen diesen Rollen zeigen und wie man damit umgehen kann.

Luhmann schreibt in höchster Weise kompakt. Nie ein Wort oder ein Satz zu viel, alles auf den Punkt, aber trotzdem immer wieder mit einem trockenen Humor, an dem ich viel Spaß habe. Trotzdem kein Buch zum Nebenbei- oder Nur-einmal-Lesen. Da wir aufgrund eines kleinen kommunikatorischen Mangels dieses Buch jetzt zwei Mal zu Hause haben, stelle ich es mir demnächst vielleicht einfach ins Büro und lese in regelmäßigen Abstände daraus vor. Das scheint mir eine gute Idee zu sein.

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Der Dieb in der Nacht von Katharina Hartwell

Mitten an einem schwülen Sommertag verschwindet Felix kurz nach seinem Abitur. Eigentlich wollte er nur zur Tankstelle gehen, um etwas zu kaufen und dann kehrt er einfach nicht mehr zurück. Zehn Jahre später sitzt sein bester Freund Paul in Prag einem Mann gegenüber, in dem er Felix wiedererkennt. Es sind die Kleinigkeiten, die ihn so sicher machen, dass dieser Fremde, der sich Ira Blixen nennt, als Künstler arbeitet und zugibt, dass er vor fünf Jahren sein Gedächtnis verloren hat, sein Freund Felix ist.

Zurück in Berlin steht Blixen auf einmal in der Tür und Felix Schwester Louise, die zunächst skeptisch ist, fängt ebenfalls an, ihren vermissten Bruder in diesem seltsamen Mann zu sehen. Blixen nistet sich bei Felix ein, verweigert die Konfrontation mit der Vergangenheit, will aber auch nicht gehen. Ein Schwebezustand, der sowohl Paul als auch Louise immer mehr an ihre Grenzen treibt.

Ich habe schon Hartwells Das fremde Meer geliebt, und wurde auch von Der Dieb in der Nacht nicht enttäuscht. Hartwell erzählt zwar langsam, aber umso intensiver. Meine Drei-Wort-Zusammenfassung lautet übrigens: „Gaslighting – das Buch“. Aber mehr wäre auch schon zu viel verraten.

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Herland von Charlotte Perkins

Drei Wissenschaftler auf Expedition hören von einem mysteriösen Land, in dem nur Frauen leben und machen sich auf die Suche. Mit einem Flugzeug landen sie tatsächlich in diesem Land und erleben eine Gesellschaft, in der es keine Männer gibt. Charlotte Perkins Utopie aus dem Jahre 1915 ist hier im Rahmen einer Reihe von SF-Klassikern neu erschienen und steht in der Tradition von Morus Utopia oder Swifts Gulliver’s Reisen. Die Reaktionen der drei Männer reichen von Ablehnung der ungewohnten Lebensverhältnisse bis zu kompletter Integration in diese andere Gesellschaft.

Obwohl das Buch schon über 100 Jahre alt ist, ist der Inhalt nach wie vor aktuell und sehr lesenswert.

Herland von Charlotte Perkins

 

Jürgen von Heinz Strunk

In Jürgen erzählt Strunk mal wieder die Geschichte eines Verlierertyps. Jürgen arbeitet als Parkhauswächter, wohnt zusammen mit seiner kranken Mutter und ist Single. Sein einziger Freund Bernd sitzt im Rollstuhl und ist Dauernörgler.

Während ich auch einige kritische Stimmen zu Strunks neuem Buch gehört habe, fand ich es eines seiner besten. Jürgens Optimismus ist nicht totzukriegen, was einige Szenen noch bitterer macht. Während Heinz Strunk als Jürgens Stimme im Hörbuch mit einem amüsierten Ton von seinen täglichen Erlebnissen erzählt, seinen Fantasien, wie er einer Frau im verlassenen Parkhaus hilft und sich daraus eine Romanze entwickelt, wie er seiner Mutter nachts Schnüre mit Rosinen und Nüsschen über das Bett spannt, damit sie etwas zu essen hat, wenn sie Hunger bekommt, das Nachdenken darüber, dass er ja vielleicht ein verborgenes Supertalent hat, und nur noch nicht entdeckt wurde. Dieser grenzenlose Optimismus, eine Nicht-Aufgeben-Haltung, die im krassen Kontrast zu der eindeutig sehr trostlosen Kulisse steht, in der sich Jürgens Leben abspielt.

Schließlich überredet Bernd Jürgen, mit einer Partnervermittlung nach Polen zu fahren, immer auf der Suche nach einer Frau und dem damit einherkommenden vermuteten Glück.

Jürgen wurde auch bereits als TV-Film verfilmt mit Strunk in der Titelrolle und kommt am 20.9.2017 um 20:15 Uhr im Ersten.

Jürgen von Heinz Strunk [Amazon-Werbelink]

Lieblingstweets im September (Teil 1)

Immer noch urlaubsbedingt magere Ausbeute, aber jetzt ist der Urlaub ja wieder vorbei. Blöd für mich, gut für Lieblingstweetleser.

Lieblingstweets im August (Teil 2)

Aus Urlaubs- und Urlaubsvorbereitungsgründen etwas kurz, aber nu.

Gelesen: Und es schmilzt von Lize Spit

Eva fährt zum ersten Mal seit Jahren zurück in ihr Dorf. Im Kofferraum liegt ein Eisklotz, der langsam vor sich hin schmilzt, auf dem Dorf erwartet sie eine Gedenkfeier für Jan, den Bruder eines ihrer besten Freunden, der vor vielen Jahren mit 17 durch einen Unfall starb und die Präsentation der neuen Melkmaschinen.

So fängt Und es schmilzt an, das Buch der jungen Lize Spit, die mit diesem Debüt in den Top Ten der niederländischen Literaturcharts landete. Gnadenlos arbeitet sie hier Evas Kindheit und Jugend in einem kleinen Dorf irgendwo in Flamen auf. Hier gibt es von allem nur eins, ein Lädchen, eine Metzgerei, eine Schule und in Evas Jahrgang nur drei Kinder, Eva, Pim und Laurens, die so zu einem eingeschworenen Team werden, die Musketiere, wie sie sich selber nennen.

Doch im Sommer 2002, als die Musketiere langsam und unbarmherzig erwachsen werden, und es auch einmal nicht mehr nur ums Fahrradfahren, Zelten und Herumstreunen geht, sondern auch um Sex, wird alles anders. Dabei hat Eva schon genug zu tun mit ihren suizidalen Eltern und der kleinen Schwester, die die Stimmung zu Hause nur aushält, indem sie zwanghafte Rituale entwickelt. Und dann denken sich Pim und Laurens ein Spiel aus, Eva wird unfreiwillig Komplizin und am Ende des Sommers eskaliert die Situation in einem unverzeihlichen Verrat.

Und es schmilzt hat seine Fehler, ist aber vor allem eins: Kompromisslos, packend und mit einem guten Blick für alle Details des schwierigen Schritts vom Kind zur Jugendlichen. Die Schwüle des Sommers 2002 und die Kälte des Winters, als Eva mit dem Eisblock zurückkehrt sind auf jeder Seite fassbar. Dabei bleiben einige Charaktere nicht fassbar, Evas Eltern sind zwar präsent, als Figuren bleiben sie aber unkonkret. Letztlich passt das zwar zu der untergeordneten Rolle, die sie für ihre Kinder spielen, ob das jedoch Absicht der Autorin war, bleibt dahingestellt. Die Grausamkeit der Kinder in diesem Dorf lässt einen gelegentlich stutzen. Ist das wirklich realistisch? Können Kinder so sein oder werde ich hier auf eine besonders perfide Art geködert? Waren wir damals so brav oder verklären wir die eigene Vergangenheit?

Auch das Rätsel des Eisblocks ist für aufmerksame Leser verhältnismäßig schnell zu lösen, eventuell habe ich aber auch schon zu viele laterale Rätsel gelöst und lösen lassen. Das macht jedoch für die Lektüre einen erfreulich kleinen Unterschied, denn auf den knapp 500 Seiten geht es eben doch vor allem um die Geschichte dieses einen Sommers, der hier seziert und unters Mikroskop geschoben wird. Und so kann man das Buch schlecht aus der Hand legen, wird reingesogen in Evas Erinnerungen und wenn man das Buch zuklappt, kann man mit einiger Erleichterung die eigene Bullerbü-Kindheit streicheln.

Das Buch erscheint am 24.8.2017. Ich konnte es als Rezensionsexemplar über Vorablesen.de schon jetzt lesen.

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Das Buch auf der Verlagsseite

Noch mal Bruder-Klaus-Siedlung (Pfarrfest 2017)

Hier mal etwas Organisatorisches in eigener Sache. Da der Artikel über die Bruder-Klaus-Siedlung zu den meistkommentierten meines Blogs gehört und sich hier anscheinend zahlreiche ehemalige und Noch-Bewohner der Siedlung wiedertreffen, habe ich nicht zuletzt auch angeregt von Mama etwas recherchiert:

Am 24.9.2017 findet laut meinen Recherchen das diesjährige Pfarrfest der Pfarrgemeinde St. Bruder Klaus statt. Wenn alles klappt, werden ich und meine Mutter nach vielen Jahren auch kommen und regen an, dass auch der ein oder andere, der sich hier im Blog über den Artikel und die Erinnerungen gefreut hat, vielleicht zu einem inoffiziellen Ehemaligentreffen einfindet.

Genaueres kann man dem Pfarrkalender entnehmen. Die Messe mit anschließender Prozession findet um 10 Uhr statt.